Erinnerungen an Dingsda - Heinz Picard - E-Book

Erinnerungen an Dingsda E-Book

Heinz Picard

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Beschreibung

Die Idee zu dieser Sammlung von Kurzgeschichten geht zurück auf den Hütedienst im ersten Lebensjahr des Enkels. Es sind alltägliche Beobachtungen, die der Grossvater des Kleinen zu Geschichten ausgesponnen hat. Dabei wurde er sich eines Rollenwechsels bewusst: Auch er war mal Enkel, hatte einen Grossvater. Von diesen Jugenderinnerungen erzählen weitere Geschichten. Es sind humorvolle und besinnliche Texte, die zum Nachdenken anregen. Sie handeln vom "Dingsda", von Formen der Sprachlosigkeit.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Vorwort

Teil 1 Das kleine Dingsda

Ein Leben darnach

Isabelle

Die Tauffeier

Protokollauszug

Hof halten

Shanaja – Aus dem Tagebuch eines Golden Retrievers

Der Wickeltisch

Mittagstisch

Teil 2 Das grosse Dingsda

Das Hinterhaus

Rechenkunst

Robinsonade

Das Maturatreffen

Silvester

Die Nord-Süd-Achse

Wintereinbruch

Hilfskräfte

Vorwort

„Guten Morgen, Herr…“ Und weg ist der Name. „Reich mir doch mal das…“ – ‚Dingsda‘. Alltägliche Kommunikationspannen, leicht zu überspielen.

In diesem Buch hat ‚Dingsda‘ eine andere Bedeutung.

Die Texte im ersten Teil berichten von meinem Enkel und seinen Bezugspersonen. Im ersten Lebensjahr. Es ist eine kleine Welt. Und seine Mittel, ihr zu begegnen, sind in dieser frühen Lebensphase noch beschränkt. Er kann sie nur teilweise wahrnehmen und nicht eindeutig benennen. Diese Art der Hilflosigkeit meine ich, wenn die Rede ist vom kleinen Dingsda.

Die Zeit, die ich mit ihm verbracht habe, weckte auch Erinnerungen an meine eigene Kindheit. Und plötzlich vertauschten sich die Rollen: Ich war wieder Enkel, besuchte meinen Grossvater, meine Grossmutter. Und da waren meine Eltern und Tanten und Onkel und… Davon handeln die Texte im zweiten Teil. Zu einer Zeit, da ich bereits die Volksschule besuchte. Die Zeit des Aufbruchs in die Erwachsenenwelt. Ins grosse Dingsda. Mit neuen Formen der Hilflosigkeit. – Die Schilderungen der Personen erheben keinen Anspruch auf umfassende biografische Korrektheit.

Ich danke allen, die mir bei der Entwicklung des Projekts und seiner Umsetzung in Buchform geholfen haben.

Ein spezieller Dank geht an meinen Sohn Benno, der die Texte für den Druck eingerichtet hat.

Herbst 2014

Heinz Picard

Teil 1

Das kleine Dingsda

Ein Leben darnach

„Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?“

„Aber ja. Nur so macht das Leben hier drinnen Sinn. Hier bereiten wir uns vor für das, was nach der Geburt auf uns zukommt.“

„Wie soll das aussehen, dieses Leben nach der Geburt?“

„So genau weiss ich es auch nicht. Es wird heller sein, denke ich. Und wir werden uns frei bewegen können und…“

„Frei bewegen? Vergiss es, wir hängen an der Nabelschnur. Für einen Auslauf viel zu kurz. Und dann ist in dieser Schnur immer Betrieb. Sollte der mit unserer Ernährung zu tun haben – dann, ja dann können wir sie gar nicht loslassen, sind ihr ausgeliefert auf Gedeih und Verderben.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht liesse sich zur Not auch mit dem Mund essen, ich bin da nicht so heikel. – Aber etwas mehr Licht hätte ich schon gern. Und mehr Platz…“ –

„Mach dir nichts vor. Ich fürchte eher, mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Denn keiner ist je zurückgekommen. Jedenfalls seit wir hier sind. Kein einziger. Das sagt doch genug.“

„Ja, genug über unsere prekären Raumverhältnisse. Wir sind nun mal nicht für Besucher eingerichtet. – Aber alles zu Ende? – Oh nein, das Leben wird weiter gehen. Es ist nämlich seit Anfang jemand da, der schon immer für uns gesorgt hat und dies auch weiterhin tun wird.“

„Wer ist denn dieser Jemand?“

„Unsere Mutter.“

„Mutter, sagst du. Merkwürdig. Du glaubst an eine Mutter? Wer soll das sein? Und wo ist sie denn, diese Mutter?“

„Die ist hier, überall um uns herum. Wir leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht existieren.“

„Das kann doch nicht sein. – Nein, nein. Wenn es diese… wie sagst du… diese Mutter gäbe, hätte ich sie irgendwann mal gesehen.“

„Sehen kannst du sie noch nicht. Aber manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie uns streichelt…“

„Woher weisst du das alles?“

„Von unserer Mutter. Die redet mit uns über das, was war, was ist und was noch kommen wird. Man muss nicht alles verstehen. Man muss vor allem spüren, dass jemand für einen da ist. Immer. Vorbehaltlos. Ja, das hat mir die Mutter beigebracht. Und sie wird es auch für dich tun, wenn du bereit bist. Sie ist eine Mutter.“

(Gespräch zwischen Zwillingen im Mutterbauch. Nach einem unbekannten Autor.)

Isabelle

An einem frostigen Dezembermorgen stehen wir ein letztes Mal an ihrem Bettchen: Eltern, Verwandte, Gotte und Götti, Pflegepersonal und Arzt. Der Seelsorger sagt: „Gott, du hast den Eltern dieses Kind geschenkt. Nun holst du es vorzeitig zurück. Wir verstehen dich nicht.“

Der Arzt knipst Fotos.

Wir treten ganz nahe. Isabelle trägt ein weisses, gestricktes Jäckchen, das fein modellierte Gesicht ist zart rosa, die Haut fühlt sich weich und warm an, ein leiser Protest gegen den frühen Tod.

Wir verlassen wortlos das Sterbezimmer.

Die Eltern blieben bei ihr, wuschen sie, kleideten sie und gaben sie frei. Frei an einen Gott, von dessen Existenz wir keine Gewissheit haben. Wir können ihn nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen.

Isabelles Name ist auf einer Mauer geschrieben, die dem Kinderspital entlang führt und wo alle dort geborenen kleinen Erdenbürger aufgeführt sind. Nach zwei Jahren werden die Einträge jeweils gelöscht. Man muss Raum schaffen für neue.

Die Tauffeier

Heute war Dominiks Tauftag.

Unsere Befürchtungen erwiesen sich schon bald als nichtig. Der Kleine zog zu keinem Zeitpunkt des Tages jene üblen tonalen Register, die einem ahnungslosen Zuhörer ans Lebende gehen.

Fachpersonen diagnostizierten sie als altersspezifische Bauchkrämpfe unklarer Herkunft. –

Als Grossvater tickt man da anders. Ein Säugling schreit, wenn er Hunger hat, denke ich. Er kann ja nicht anders. Ich meine, so was Kleines muss wachsen. Mal geht das schneller, mal langsamer. Dazu braucht es Nahrung, mal weniger, mal mehr. So einfach ist das.

Aber heute: Nichts von alledem. Der Täufling schlummerte ruhig in der Wiege, die neben dem Treppenaufgang in einer Nische der Wohndiele aufgestellt war.

Selbst als die ersten Gäste zum Aperitif eintrafen, die weither Gereisten vom Ausland, dann Gotte und Götti, Onkel, Tanten und Bekannte und sich gütlich taten am Sekt und den Appetithäppchen und mehr und mehr eine gelöste Stimmung aufkam und der Geräuschpegel etwas anschwoll, schlief Dominik ruhig weiter, als müsste er sich geistig und körperlich vorbereiten auf das, was der Tag an bedeutsamen Ereignissen für ihn bereit hielt.

Ich wollte mir gerade am Buffet ein zweites Glas Sekt holen, als mich ein Berufskollege auf sein Lieblingsthema ansprach – Schulreform, quo vadis? – und ob ich seine Einsendung im Tagblatt gelesen hätte und was ich dazu meine. Und als ich sagte, ich sei noch nicht dazu gekommen, holte er gleich aus und… Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn ich verfolgte besorgt, wie unsere Tochter den Enkel, der offenbar wach geworden war, aus der Wiege hob und einer mir unbekannten Dame in die Arme legte. Mit einem Schlag waren meine Ängste wieder da. Ich stellte mir die bekannten Zeichen vor, die einem Schreianfall vorausgingen: ein ärgerliches Kopfschütteln, sich verkrampfende Gesichtszüge, eine Hautröte, die sich von den Backen über die Stirn und den ganzen Kopf ausbreitete. Ich hoffte nur, dass – falls der Enkel weiter gereicht würde – die Mutter ihn rechtzeitig von den einen Armen zu den nächsten weise, so dass er gar keine Zeit fände, sich lautstark in Szene zu setzen.

Meine Befürchtungen waren umsonst. Es herrschte eitel Frieden, als der Schwiegersohn schliesslich zum Aufbruch rief und die Runde sich langsam in die Autos verzog und zur Taufkirche fuhr.

Hier fand man sich wieder in den Bänken vor dem Altar. Der Pfarrer empfing den Täufling und die Gäste mit einem Grusswort und äusserte sich vorerst zum künstlerischen Wert der Kirche – Glasfenster vom auch international bekannten Schweizer Maler Ferdinand Gehr. Dann kam er auf den symbolischen Gehalt einer solchen Feier zu sprechen und bat schliesslich den Onkel, der sich in der Nähe des Altars mit Gitarre und Verstärker eingerichtet hatte, die Feier zu eröffnen. Der Onkel tat dies mit einer speziell für den Anlass komponierten Eigenproduktion.

Der Enkel fand offensichtlich Gefallen am Vortrag, er verhielt sich ganz ruhig in den Armen seiner Mutter.

Dann lud der Pfarrer alle ein, sich zum Taufbecken zu begeben – es lag dem Altar gegenüber beim Kircheneingang –, wo der eigentliche Taufakt vorgenommen werde. Hier zeigte sich der Enkel von seiner liebenswürdigsten Seite.

Als der Pfarrer ankündigte, er wolle ihm die Sinne salben, damit er das Leben in seiner ganzen Fülle erlangen könne und dann zur Tat überging und mit den Augen begann, darauf die Ohren salbte, die Hände, den Mund und die Füsse, lächelte Dominik, fand zunehmend Gefallen am handfesten Zeremoniell, begann mit den Ärmchen zu rudern und wälzte sich wohlig in den Armen seiner Eltern. Und als ihm der Pfarrer Wasser über den Kopf träufelte, geriet er in eine eigentliche Verzückung. Er, der sich mit dem täglichen Bad oft schwer tut. Es erübrigt sich, weitere Momente zu schildern. Dominik liess seiner Frohnatur freien Lauf. Und als der Onkel an der Gitarre zum Abschluss der Feier „Morning has broken“ intonierte und alle das ausgeteilte Notenblatt in der Hand hielten, sang ein Grossonkel, ausgebildeter Schauspieler und Sänger, aus tiefster Seele mit sonorem Bass. Er entfaltete sich derart, dass die wenigen Gefolgsleute unsicher wurden, stimmlich zurückhielten und schliesslich beschämt verstummten.

Später traf sich die Gesellschaft im Saal des Dorfrestaurants. Bei vorzüglichem Essen und angeregten Gesprächen. Gelegentlich liess Dominik Zeichen des Unmuts aufkommen. Aber da waren die Grossmütter und andere geübte Frauen zur Stelle, die mit gekonnten Schaukelbewegungen den Kleinen besänftigten.

Dann machten sich die ersten Gäste auf die Heimreise. Man war sich einig: Eine so friedliche und erfüllte Tauffeier hatte man noch nie erlebt.

Der Täufling hatte seinem Namen Dominik alle Ehre gemacht. Er stammt aus dem lat. dominicus und dominus. Meint also einen, der in Fülle lebt: Eigenständig und zugleich Gott gehörig.

Protokollauszug

I. Allgemeiner Bericht des Protokollführers

18. Juli, Rosenau am See, halb elf Uhr. Der weisse Honda mit dem Enkel erscheint im Eingangstor, rollt auf den Vorplatz, hält an. Die Türen gehen auf und… wir sind ein eingespieltes Team: Erst noch im Maxi-Cosi mit Gurten gesichert, liegt der Enkel kurze Zeit später im Kombiwagen – einem ‚Freestyle 3 XL Comfort’ – und lässt sich in eine Ecke der Pergola chauffieren. Hier, im hintern Teil des Sitzplatzes, ist er geschützt gegen Wind und Sonne.

Wir sitzen mit den Eltern im vordern Teil bei einem Glas Weisswein und geniessen die Seesicht. Das Wasser glitzert silbrig in der Mittagssonne, am jenseitigen Ufer steigt eben ein Postauto die Kehren hoch in Richtung Dingsda. Ich lehne mich in meinen Korbstuhl zurück und schliesse die Augen. Ein Weilchen lausche ich den vertrauten Stimmen: „Zum Anbeissen, wenn er einen so anlacht. Und kräftig ist er. Und wächst und wächst und… Was? Immer noch Krämpfe? – Beim Schöppeln, sagst du? Gewitter im Bauch? – Du solltest vielleicht mal die Milch wechseln… Übrigens: Frau Ambühl gibt ihrem Baby jetzt Flatulenzin.“ – „Und?“ – „’Auf keinen Fall schlechter’, sagt sie.“ – Immer diese Ambühl, denke ich, stehe auf und sehe mal kurz nach dem ‚Freestyle 3 XL Comfort‘, ziehe das Sonnensegel am Verdeck etwas zur Seite: Alles klar, der kleine Gast hat die Augen geschlossen. Ich gebe mit der Hand ein Zeichen der Entwarnung.

Da steht unsere Tochter auf: „Das ist der richtige Moment! Komm, Mutter, wir sehen uns mal in der Küche um.“ – „Und ich kümmere mich um den Grill“, sage ich. “Lasst euch Zeit, gut Ding will Weile haben. Eine gute Glut zaubert man nicht aus dem Hut.“ – „Hörst du, er reimt!“ lacht meine Tochter. – Und meine Frau: „Ja, heute ist er gut drauf.“ – „Pst“, mache ich und zeige auf den ‚Freestyle 3 XL Comfort’.

Zurück bleiben Dominiks Vater Stefan und ich. Der Vater sagt, laut Wetterbericht werde am Nachmittag Wind aufkommen. Er wolle für alle Fälle mal schnell im Abstellraum des Kellers seine Surf-Ausrüstung kontrollieren. „Wer den richtigen Moment verpasst“, weiss er, „dem droht nach der Böe die Flaute… Ob der Kleine wohl schläft?“ Er geht zum ‚Freestyle 3 XL Comfort’, zieht am Sonnensegel. „Tatsächlich. Wie ein Herrgöttchen. Also dann…“ Er winkt mir zu, murmelt was vom richtigen Moment und verschwindet über die Aussentreppe in Richtung Keller.

Jetzt bin ich allein. Das dauert. Wo Stefan nur bleibt? Er wird jeden Moment auftauchen. Und überhaupt: Wenn drei erfahrene Personen die Korrektheit ihres Vorgehens bezeugen, darf auch der Verbleibende die Gunst der Stunde nutzen und vom richtigen Moment profitieren. Ich gehe zum Gartencheminée auf der Wiese nebenan, bücke mich nach dem Feuerhaken – „Schschsch…“ Ein Windstoss in meinem Rücken, ich drehe mich blitzartig um: Shanaja, etwas Pelziges zwischen den Zähnen, jagt mit gestreckten Läufen über die Wiese. Schon erreicht sie das Ende des Grundstücks, ein brüsker Stopp. Sie wirft das Ding in die Luft, schnappt es im Sprung, schüttelt es durch, schleudert es erneut hoch, fängt es ab, verbeisst sich darin, und plötzlich fliegen die Fetzen.

II. Protokollarisch wird festgehalten

1. Verlauf und Tatbestand

Shanaja hat einem Stoffhasen den Garaus gemacht, d.h. hat ihn in der Luft lustvoll zerfetzt.

Der Gegenstand gehört Dominik. Es handelt sich um ein Geschenk seiner Onkel Benno und Stefan.