Erinnerungskriege - Oswald Überegger - E-Book

Erinnerungskriege E-Book

Oswald Überegger

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Beschreibung

KRIEGSERINNERUNG DER ZWISCHENKRIEGSZEIT IN POLITISCH GOUTIERTEN BAHNEN Zur Heroisierung und Ästhetisierung des Krieges in Kunst, Dichtung und Geschichtsschreibung und der Prägung des Bildes vom "gefallenen Helden".In der Ersten Republik kommt es zu keiner wissenschaftlich-kritischen Auseinandersetzung mit dem Krieg. Die Erinnerung an die Kriegsjahre wird im zwischenkriegszeitlichen Österreich als zutiefst traumatisch empfunden. Mit der Kriegsgeschichtsschreibung befassen sich fast ausschließlich militärische Kreise, deren Abwehrhaltung gegen Schuldzuweisungen bald aggressiven Rechtfertigungspositionen Platz macht. Nicht genuin militärischen Aspekten wie sozialen oder ökonomischen Faktoren kommt lediglich marginale Bedeutung zu. Diese "Offiziersgeschichtsschreibung" bewegt sich ganz im Rahmen der allgemeinen politischen Entwicklung der Ersten Republik und dem damit verbundenen "ideologischen Mainstream". Die schleichende konservative Restauration, die ab Anfang der zwanziger Jahre auch nachhaltige Auswirkungen auf das offizielle Geschichtsbild des Ersten Weltkriegs zeitigt, schafft das ideologische Fundament, das die öffentliche Kriegserinnerung in uniforme, stereotype und politisch goutierte Bahnen lenkt. Auch die Denkmal-Kultur, Filme und zahlreiche historischen Romane sind Ausdruck dieser Interpretation, in der Heroisierung und Ästhetisierung das Bild bestimmen und der getötete Soldat zum "gefallenen Helden" wird. Oswald Überegger analysiert in diesem Buch die Konstituenten des Kriegsgeschichtsbildes in Österreich und Tirol in der Zwischenkriegszeit.

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Seitenzahl: 653

Veröffentlichungsjahr: 2014

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TIROL IM ERSTEN WELTKRIEG

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Herausgegeben von Richard Schober

Band 9

Oswald Überegger

Erinnerungskriege

Der Erste Weltkrieg, Österreich und dieTiroler Kriegserinnerung in der Zwischenkriegszeit

© 2011 by Universitätsverlag Wagner Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 InnsbruckE-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7030-0904-4

Umschlagbild: Kämpfe am Isonzo (Fotoarchiv Wagner)Umschlaggestaltung: Dominika NordholmSatz: Karin Berner

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.uvw.at.

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. ERINNERTER KRIEG UND MEDIALE ÖFFENTLICHKEIT: SCHLÜSSELMYTHEN UND -LEGENDEN IM POLITISCH-MILITÄRISCHEN KRIEGSDISKURS

2.1 Schuld und Unschuld I: Regionale Kriegsschulddebatten

2.2 Schuld und Unschuld II: Regionale Dolchstoßdebatten

2.3 ‚Im Felde unbesiegt‘. Konstituenten der Wahrnehmungsverweigerung einer Niederlage

3. MILITÄRISCHE ERINNERUNGSKULTUREN

3.1 Desorientierung und das Primat der Vergangenheit. Tiroler Offiziere in der Republik

3.2 Offiziersgeschichtsschreibung: Zu nationalen und regionalen Inhalten und Methoden einer hegemonialen Vergegenwärtigung des Krieges

3.3 Militärische Vergesellschaftung in der Republik: Offiziersbünde und Veteranenvereinigungen als erinnerungskulturelle ‚pressure groups‘

3.3.1 ‚Kameradschaft‘

3.3.2 „. . . als wären die Truppen der alten kaiserlichen Armee wieder auferstanden . . .“ Veteranen und Bundesheer

3.3.3 „Vergeßmaschinen“ und „stumme Ankläger“? Zur sozialdemokratischen Kritik an der militärischen Vergesellschaftung im Frieden

3.3.4 Traumatische Kriegserinnerung und ländliche Resistenz, oder: Warum das Kriegserlebnis keine ‚Brutalisierung‘ nach sich zog

4. ‚ERINNERUNGSORTE‘ ODER NICHTSSAGENDE ARTEFAKTE? SYMBOLISCHE ERINNERUNGSLANDSCHAFTEN

4.1 Zur (Ohn-)Macht des Visuellen? Kriegerdenkmäler und lokale Kriegserinnerung vor Ort

4.2 Zur Macht der rituellen Semiotisierung der Denkmäler: Krieger- und Gedenkfeiern

4.2.1 Typen, Formen und Wesenszüge der Repräsentation des Gefallenengedenkens und der Kriegserinnerung im Kriegsritual

4.2.2 „Der Tod hört hier auf Tod zu sein.“ Über die Semiotisierung des Kriegstodes und die Konstruktion des Gefallenen

4.2.3 ‚Mortui viventes obligant‘? Die Gefallenen und ihre ‚Message‘ an die Gegenwart: Instrumentalisierungen und Funktionalisierungen

5. „KALTE HERZEN“ UND „TAUBE OHREN“? ‚HEIMKEHRER‘, KRIEGSINVALIDEN UND DER TOPOS DER ‚UNDANKBAREN HEIMAT‘

6. RELIGIÖSE (DES-)ORIENTIERUNG. KIRCHLICHE ERINNERUNGS- UND RECHTFERTIGUNGSMUSTER

7. GENERATION NACHKRIEG. JUGEND ALS PROJEKTIONSFLÄCHE MILITÄRISCHER, POLITISCHER UND GESELLSCHAFTLICHER (KRIEGS-)SEHNSÜCHTE

8. ‚IMMOBILES SICUT PATRIAE MONTES‘? MYTHOS GEBIRGSKRIEG

9. ZUSAMMENFASSUNG

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

VERZEICHNIS DER GRAFIKEN

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

REGISTER

1. Einleitung

Die Erforschung der regionalen Geschichte des Ersten Weltkrieges ist in den letzten Jahren auch und besonders in Tirol weit fortgeschritten. Von der bis in die 1980er Jahre vorherrschenden klassischen Betrachtungsweise, die sich vor allem der Operationsgeschichte des Gebirgskrieges und – allzu oft – der Verklärung seiner Protagonisten verschrieben hatte, verschob sich der Fokus hin zur Erforschung der so genannten ‚Heimatfront‘.1 Die international und besonders in Deutschland ab Ende der 1980er Jahre prosperierende Alltags- und Mentalitätsgeschichte des Krieges2 sowie die neue ‚Militärgeschichte von unten‘3 beeinflussten auch die österreichische respektive Tiroler Weltkriegsforschung, die sich im internationalen Vergleich allerdings relativ spät neueren Forschungsinteressen zuwandte.

Die kriegsspezifischen, teilweise sehr konfliktreichen Beziehungen zwischen Staat, Militär und Gesellschaft, das Entstehen und die Auswirkungen der staatlichen Kriegs- und Mangelwirtschaft sowie – damit verbunden – die soziale Situation der Kriegsgesellschaft, der Komplex der vielgestaltigen Zwangsmaßnahmen des autoritären Kriegsstaates und die Rolle gesellschaftlicher Akteure und Kollektive im Krieg standen in den letzten Jahren im Mittelpunkt der Forschungen über Tirol im Ersten Weltkrieg.4

So differenziert und in gleichem Maße allumfassend die regionale Beschäftigung mit der Geschichte des Krieges auf den ersten Blick auch scheinen mag, werden bei näherer Betrachtung und im Kontext der neuesten Trends der internationalen Weltkriegsforschung doch auch merkliche Defizite sichtbar. Nach wie vor fehlt es auch für den zivilen Raum abseits der Fronten an Arbeiten, die stärker auf die erfahrungsgeschichtliche Ebene rekurrieren. Besonders bedauerlich erscheint die Tatsache, dass es auch in Tirol bisher an theoretisch-methodisch fundierten ‚Mikrogeschichten‘ fehlt, die unterhalb der stets fokussierten regionalen Räume auf lokaler, familialer oder individueller Ebene die mentalitäts- und erfahrungsgeschichtliche Dimension gewissermaßen ‚vor Ort‘ ausloten.5

Neben dem fehlenden mikrogeschichtlichen Blick stellt die forschungspraktisch bedingte starke Separierung der beiden Erfahrungsebenen von ‚Front‘ und ‚Heimat‘ ein weiteres Defizit dar. Sie ist letztlich auch eine Folge der oftmals überschätzten kriegsbedingten ‚Entfremdung‘ ziviler und militärischer Lebenswelten. Die Analyse von ‚Front‘ und ‚Heimat‘ als vielschichtige, miteinander verbundene Erfahrungs-, Erwartungs- und Sehnsuchtsräume bildet weiterhin ein Desiderat der Forschung. In diesem Zusammenhang könnte man sich etwa die Frage stellen, welche Brüche und Kontinuitäten es in der raum- und funktionsspezifischen Wahrnehmung von Front und Heimat gab.6

Die Fokussierung der zivilen Seite in der Erforschung der regionalen Geschichte des Ersten Weltkriegs brachte es nolens volens mit sich, dass die Perspektive des soldatischen Kriegserlebnisses letzthin etwas außerhalb des Blickwinkels der Forschenden geriet. Obwohl in den letzten Jahren einige Studien entstanden, fehlt es bisher an einer modernen Erfahrungsgeschichte der Tiroler Weltkriegssoldaten, die sich an aktuellen theoretisch-methodischen Vorgaben orientiert.7 Die bestehenden Studien – es handelt sich meist um universitäre Abschlussarbeiten – kommen für gewöhnlich über den Typus einer sehr konventionell und deskriptiv gehaltenen klassischen Alltagsgeschichte – meist als soldatische Leidens- und Passionsgeschichte verstanden – nicht hinaus.8 Die ganze Bandbreite der Gewalterfahrung und der eigentliche Akt des Tötens als Gewaltausübung spielen darin kaum eine Rolle. Im Zentrum stehen die Soldaten „als Befehlsempfänger, als leidende und passive Objekte der kriegerischen Gewalt und des militärischen Repressionssystems“.9

Neben der fehlenden Mikroperspektive, der zu starken Separierung kaum sinnvoll zu trennender Erfahrungsräume und der Vernachlässigung des soldatischen Kriegserlebnisses bildet die meist mit dem Ende der militärischen Auseinandersetzungen im November 1918 abreißende Perspektive der Untersuchungszeiträume zweifellos ein weiteres Manko. Die Nachkriegszeit ist in Wirklichkeit nicht ohne den Krieg zu verstehen. Soziale, mentale und psychosoziale Veränderungsprozesse wurzeln mit unterschiedlicher Intensität in den Kriegsereignissen und -erlebnissen. Erlebter Krieg und gegenwärtiges (Nachkriegs-)Handeln interagieren im Rahmen der Aktualisierungs- und Vergegenwärtigungsprozesse des in Erinnerung gerufenen Krieges auf vielfältige Weise. Mit Blick auf den gegenwärtigen Stand der Geschichtsschreibung ist gewissermaßen ein doppeltes Defizit zu konstatieren: Zum einen enden die Studien, die sich mit der Kriegszeit beschäftigen, mehr oder weniger abrupt mit dem Kriegsende. Zum anderen lässt sich auch innerhalb der österreichischen Geschichtsschreibung zur Ersten Republik beobachten, dass der Krieg als zentrales Ereignis und Erlebnis, das die individuellen Handlungsdispositionen vielfach entscheidend tangierte und Einfluss auf die Lebenswelten der Nachkriegszeit nahm, nicht gebührend oder lediglich sehr oberflächlich bzw. beiläufig berücksichtigt wird.

Im Zentrum dieser Studie steht die bisher – das gilt für Österreich gleichermaßen wie für Tirol – in der Forschung vernachlässigte Kriegserinnerung der Zwischenkriegszeit. Sie versucht darzustellen, wann, warum und in welcher Weise Individuen, Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen den vergangenen Krieg zum Gegenstand gegenwärtiger Betrachtungen machten. Und sie will veranschaulichen, über welche Medien des Gedächtnisses diese Aktualisierungsprozesse erfolgten. Die mentalen und psychosozialen Auswirkungen der Weltkriege für die Gesellschaftsentwicklung stellen in Österreich ein noch weitgehend unerforschtes Terrain dar. Noch sehr viel mehr als für den Zweiten Weltkrieg gilt dieser Befund für den Ersten Weltkrieg. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Frage, welche Bedeutung dem erinnerten Krieg als Kategorie mentaler Gesellschaftsentwicklung im Frieden zukam, fehlen bisher ebenso wie Forschungsbemühungen, die sich mit der ineinandergreifenden Bedeutung von erinnerungskulturellen Residuen, wissenschaftlicher Aufarbeitung der Kriegsgeschichte und verarbeitendem Umgang mit dem Krieg nach 1918 auseinandersetzen.

Die Studie beschäftigt sich auf mehreren Ebenen eingehend mit den nach 1918 entstehenden Erinnerungskulturen des Krieges. Neben der politischen und militärischen Konstruktion der Kriegserinnerung sollen vor allem auch die erinnerungskulturellen Entwicklungstendenzen und die konkrete Bedeutung des erinnerten Krieges für die Nachkriegsgesellschaft analysiert werden. Ausgehend von den öffentlichen politischen bzw. militärischen Projektionen historischer Kriegserinnerung soll untersucht werden, inwiefern sich derartige Deutungsangebote erinnerungskulturell sedimentiert haben und wie bzw. in welcher Weise diese Wissensvermittlung konkret im lebensweltlichen Umfeld entstanden ist bzw. transportiert und aufgenommen wurde.

Die theoretisch-methodische Grundkonzeption der Arbeit basiert dabei auf verschiedenen Prämissen:

1. Der Untersuchungsraum dieser Arbeit beschränkt sich auf das Gebiet des Bundeslandes Tirol in den heutigen Grenzen (Nord- und Osttirol). Die im Sinne eines regionalen Vergleichs äußerst spannende Mitberücksichtigung Südtirols und des Trentino10 musste aus forschungspraktischen Gründen unterbleiben. Der Vergleich von drei sich sehr unterschiedlich entwickelnden regionalen Erinnerungskulturen hätte den zeitlichen Rahmen gesprengt, innerhalb welchem die Arbeiten für diese Studie abgeschlossen werden mussten. Die einzelnen Fallstudien der Arbeit fokussieren in erster Linie die angesprochene regionale Ebene, versuchen allerdings innerhalb des regionalen Fokus mehr oder weniger dynamisch die in lokalen Zusammenhängen wirksam werdenden mikrosozialen Erinnerungsprozesse auf der einen Seite und die nationalen ‚Rahmenbedingungen‘ des Erinnerns auf der anderen Seite im Blickfeld zu behalten. Kriegserinnerung lässt sich als Prozess und Vorgang nur verstehen, wenn man keine der angesprochenen Ebenen verabsolutiert bzw. ausklammert.

2. Die Studie sieht sich einer Art „Sozialgeschichte des Erinnerns“11 verpflichtet, der es um eine möglichst breite Berücksichtigung verschiedener gesellschaftlicher Erinnerungsakteure geht – wenngleich auch diese Studie natürlich exemplarisch bleiben muss. Innerhalb der hier postulierten Erinnerungsgeschichte geht es vor allem um das zentrale Spannungsfeld von öffentlichen und ‚privaten‘ Kriegsdeutungen, wobei der Kriegserinnerung ländlicher Bevölkerungsschichten besondere Bedeutung beigemessen wird. Eine Leitfrage, die sich wie ein roter Faden durch mehrere Kapitel dieser Arbeit zieht, ist die Frage nach dem unterschiedlichen Gehalt von öffentlich inszenierter Kriegserinnerung und individuellen Erinnerungsmustern und jene nach den Veränderungsprozessen, denen sie unterlagen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Kompatibilität der Deutungsinhalte der verschiedenen Erinnerungsformen und nach der Herausbildung hegemonialer bzw. alternativer Kriegsgedächtnisse. Ziel des Projektes ist es vor allem, die Entwicklung der Kriegserinnerung im lebensweltlichen Kontext zu untersuchen, um Informationen über die konkrete Verarbeitung des Krieges zu gewinnen. Wie vollzog sich der Kampf um die Deutungsmacht des Krieges nach 1918? Gab es innerhalb der popularen Ebene historischer Kriegserinnerung so etwas wie konkurrenzierende Deutungsmuster? Lassen sich milieuspezifische (politische und soziale Milieus) Deutungsmuster festmachen?

3. Die Studie zielt auf die Berücksichtigung der breiten Varianz der Medien des Kriegsgedächtnisses. Ein Defizit der bisherigen regionalen (und nationalen) Erforschung der Erinnerungskulturen des Krieges stellt die schier exklusive Betrachtung einzelner ‚Erinnerungsorte‘ und einzelner Medien des Kriegsgedächtnisses dar – allen voran des Kriegerdenkmals. Diese Arbeit hingegen versucht nicht ein bestimmtes Medium des Kriegsgedächtnisses gleichsam exemplarisch in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen, sondern die diskursiv bzw. symbolisch produzierten „Erinnerungsfiguren“12 und die Aktivität der zentralen Erinnerungsträger eines regional begrenzten Territoriums. Eine ausgewogene Berücksichtigung verschiedener Erinnerungsmedien, Erinnerungsträger und der von ihnen konstruierten Erinnerungsfiguren bietet die Gewähr dafür, dass die komplexe Gemengelage des regionalen Erinnerungsgeschehens zutreffender erfasst wird.

4. Methodisch orientiert sich die Studie an der neueren geschichtswissenschaftlichen Erinnerungsforschung, die in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Diskussionsbeiträgen und Denkanstößen zur historischen Erinnerungsforschung hervorgebracht hat, und an der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung.13 Wo immer es möglich und sinnvoll erschien, versucht die Studie den territorialen Bezugsrahmen der Arbeit nicht isoliert zu betrachten, sondern den Vergleich mit anderen regionalen Räumen zu suchen. Aufgrund der schlechten Forschungslage in Österreich sind es vor allem sich auf Deutschland beziehende Vergleichsstudien, die für diese Studie herangezogen wurden.14

Am Beginn dieser Arbeit steht die Beschäftigung mit den zentralen Erinnerungsfiguren des Krieges, die in der politischen und medialen Öffentlichkeit der Zwischenkriegszeit eine Schlüsselrolle spielten. Die Kriegsschuldfrage, die Debatten über die Schuld an der Niederlage sowie die Frage, ob das, was im November 1918 geschah, wirklich eine militärische ‚Niederlage‘ war, beschäftigten nicht nur die österreichische, sondern auch die Tiroler Öffentlichkeit nach 1918 in intensiver Weise. Diesem einleitenden Kapitel, das vor allem die grundsätzlichen Erinnerungsdebatten und -politiken im öffentlichen Raum verständlich machen will, folgt eine ausführliche Betrachtung der ‚militärischen Erinnerungskulturen‘. Die Rolle der ehemaligen k.(u.)k. Offiziere im ‚Erinnerungskulturkampf‘ der Ersten Republik und die Bedeutung und Wirkmacht der von ihnen dominierten Kriegsgeschichtsschreibung werden ebenso analysiert wie etwa die Rolle der organisierten Veteranen und das Verhältnis zwischen letzteren und dem neuen Bundesheer der Ersten Republik. Eine Analyse der ländlichen Kriegserinnerung der Heimkehrer vor Ort zeigt, dass auch die stets bemühten Deutungsetiketten einer ‚Radikalisierung‘ und ‚Brutalisierung‘ mit Vorsicht zu genießen sind. Das Kriegserlebnis, so die entwickelte These, hat die regionale Gesellschaft insgesamt weit weniger ‚brutalisiert‘ und ‚radikalisiert‘ als vielfach angenommen.

Anschließend erfolgt eine Analyse der regionalen symbolischen Erinnerungslandschaften. Ihr geht es vor allem um eine Problematisierung des Wesens der von der Denkmalkultur der Zwischenkriegszeit ausgehenden Erinnerungsimpulse. Die Befunde relativieren letztlich die zentrale Bedeutung, die dem Kriegerdenkmal für die Verarbeitung des Krieges in der Literatur stets zugeschrieben wird. Über die klassische Analyse der Formensprache der Kriegerdenkmäler hinaus, versucht die vorgenommene Mehrebenen-Analyse auch zur diskursiven Semiotisierung der Denkmäler im Rahmen der Repräsentation des Gefallenengedenkens und der Konstruktion des Gefallenen vorzustoßen sowie die öffentliche Denkmal-Erinnerung mit anderen Gruppengedächtnissen zu kontrastieren. Dieser Vergleich zeigt, dass die Denkmal-Erinnerung viele Bevölkerungsschichten nur mittelbar oder teilweise auch gar nicht erreicht hat und die von ihr ausgehenden Botschaften sehr unterschiedlich aufgenommen wurden.

Noch während des Krieges, vor allem gegen Ende des Krieges, entstand der Topos der ‚undankbaren Heimat‘ als Teil der Dolchstoß-Legende. Die diffusen Klagen der Kriegsheimkehrer über die vermeintliche ‚Undankbarkeit‘ der Heimat dienten im zeitgenössischen und – später – im historiographischen Diskurs häufig als Referenzpunkt und Beweis für die teilweise gescheiterte Reintegration der Heimkehrer. Letztere nährte die historiographischen Radikalisierungs- und Brutalisierungsdiskurse oder verleitete zur vorschnellen Verortung diverser ‚Männlichkeits-Krisen‘. Die Studie versucht in einem eigenen Kapitel über den Topos der ‚undankbaren Heimat‘ seine Entstehungsgeschichte nachzuvollziehen. Dabei zeigt sich, dass die Vorwürfe primär militärelitären Deutungsmustern heimkehrender Offiziere entsprangen. Nicht die individuelle Flucht in die Radikalisierung, ‚Brutalisierung‘ oder andere Krisen war im Übergang vom Soldaten zum Zivilisten die Regel, sondern die vielfach erfolgreiche Reintegration in die vertraute ländlich-lokale Lebenswelt oder die Rückkehr zum gewohnten und ersehnten zivilen Alltagsleben.

In diesem Reintegrationsprozess spielten die Kirche und die religiösen Strategien zur Reintegration der Heimkehrer eine besondere Rolle. Aufgrund der weitgehenden Unterstützung des staatlichen Kriegsapparates und der Verstrickung in die staatliche Kriegspropaganda wuchs die gesellschaftliche Kritik an der Kirche im Krieg beständig und erreichte gegen Ende des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren einen Höhepunkt. Über ihre dominante Rolle im Kriegsritual und aufgrund der Tatsache, dass sich in Tirol keine ausschließlich profanen Formen des Gefallenengedenkens entwickelten, gelang es der Kirche allerdings, das in der Bevölkerung vorhandene religiöse und spirituelle Potential zu nutzen und die dominante gesellschaftliche Position im Laufe der Zwischenkriegszeit zumindest teilweise wieder zurückzugewinnen. Gefallenenkult und Kriegsritual blieben in Tirol letztlich vorwiegend religiös dominiert.

Die Botschaften des Gefallenenkults und der konservativen Kriegserinnerung wandten sich als ‚prospektives Gedächtnis‘ vor allem an die Jugend, die zum Adressaten militärischer, politischer und gesellschaftlicher (Kriegs-)Sehnsüchte avancierte. Die von den gefallenen ‚Helden‘ vermeintlich repräsentierten (alten Tiroler) Werte sollten von einer neuen Generation ‚aktualisiert‘ und gelebt werden. Unter der jungen Generation trafen das ‚Zuviel‘ an Kriegserinnerung und der zunehmend militarisierte Habitus des öffentlichen Kriegsgedenkens allerdings auf relativ wenig Interesse. Sie fühlte sich von Sport, Technik und dem sich in den 1920er Jahren entwickelnden freizeitbestimmten Lebensstil ungleich stärker angezogen.

Die Erinnerung an den Krieg wurde (und wird) in Tirol durch das vor allem in der Zwischenkriegszeit entstandene Narrativ des Gebirgskrieges geprägt. In die traditionellen Tiroler Wehrhaftigkeitsdiskurse eingesponnen zeichnete es das Bild eines gegen übermächtige Gegner heldenhaft kämpfenden Tiroler Volkes. Im Gegensatz zu den Materialschlachten im Westen und Osten wurde der Gebirgskrieg als Kampf gedeutet, in dem die psychophysischen Qualitäten des einzelnen Soldaten noch zur Geltung kamen. Der erinnerte Krieg im Gebirge repräsentierte eine Art spezifischen Schlachtenmythos, zu dessen Aushängeschild der Typus eines heroischen Alpinisten-Soldaten avancierte. Dabei wurde die Tatsache, dass auch der Alpenkrieg ein industriell geführter, technisierter Krieg war, in dem individuelles Heldentum eine lediglich marginale Bedeutung spielte, bewusst oder unbewusst verschleiert bzw. übergangen. Der Gebirgskrieg fand als ‚Krieg der Bergführer‘ nicht nur im kollektiven regionalen Gedächtnis einen festen Platz, sondern auch in der Geschichtsschreibung, die lange – in ihren populärwissenschaftlichen Varianten teilweise bis in die Gegenwart – in der skizzierten Verortung des Gebirgskrieges verharrte.

Die vorliegende Arbeit versteht sich insgesamt als erster Aufriss eines komplexen Themas. Erinnerungsgeschichte lässt sich nicht als etwas Statisches begreifen; sie ist ständig im Fluss. Nach 1945 veränderte sich der Blick auf den Ersten Weltkrieg. Er wurde teilweise vom Zweiten Weltkrieg überlagert und verdrängt. Eine ganze Reihe von in der Zwischenkriegszeit entstandenen Deutungsstereotypen wurde allerdings weitgehend unhinterfragt tradiert. Das gegenwärtige Bild des Ersten Weltkrieges in einer breiteren regionalen Öffentlichkeit orientiert sich deshalb teilweise immer noch an diesen und jenen Versatzstücken der Kriegsdeutungen, die im Prinzip in der Zwischenkriegszeit geprägt wurden.

Auch die wissenschaftliche Forschung hat sich – wie zu Beginn dieser Einleitung aufgezeigt – in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert und weiterentwickelt. Die 2014 anstehende hundertste Wiederkehr des Kriegsbeginns wird das historische Ereignis ‚Erster Weltkrieg‘ – so ist zu vermuten – erneut in das Rampenlicht einer historisch interessierten Öffentlichkeit bringen. Diese Tatsache stellt auch für die Geschichtswissenschaft die Chance dar, die Forschungen über den Krieg in den Alpen und in Tirol weiter zu forcieren und das regionale Bild des Ersten Weltkriegs in der Öffentlichkeit ein Stück weiter von seinen mythischen und heldischen Verbrämungen zu entkleiden.

1 Vgl. zur Tiroler Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg ausführlicher auch meine älteren Anmerkungen an anderer Stelle: Oswald Überegger, Tabuisierung – Instrumentalisierung – verspätete Historisierung. Die Tiroler Historiographie und der Erste Weltkrieg, in: Geschichte und Region/Storia e regione 11 (2002) 1, S. 127–147.

2 Vgl. zur neueren deutschen Weltkriegsgeschichtsschreibung für viele andere Darstellungen die Beiträge von Gerhard Hirschfeld, Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (2004) B 29–30, S. 3–12, und Gerd Krumeich, Die Erforschung des Ersten Weltkrieges in Deutschland, in: Oswald Überegger (Hrsg.), Zwischen Nation und Region. Weltkriegsforschung im interregionalen Vergleich. Ergebnisse und Perspektiven (Tirol im Ersten Weltkrieg 4), Innsbruck 2004, S. 19–31.

3 Vgl. Bernd Ulrich, „Militärgeschichte von unten“. Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996) 4, S. 473–503; Wolfram Wette, Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten (Serie Piper 1420), München u. a. 1995.

4 Vgl. die umfassende Auswahlbibliographie, in: Oswald Überegger (Hrsg.), Heimatfronten. Dokumente zur Erfahrungsgeschichte der Tiroler Kriegsgesellschaft im Ersten Weltkrieg, Bd. 2 (Tirol im Ersten Weltkrieg 6), Innsbruck 2006, S. 1070–1080.

5 Vgl. etwa für Deutschland bspw. die Studien über Freiburg von Christian Geinitz und Roger Chickering: Christian Geinitz, Kriegsfurcht und Kampfbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsbeginn 1914 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Neue Folge 7), Essen 1998; Roger Chickering, Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914–1918, Paderborn 2009. Für Österreich vgl. die Studie von Maureen Healy, Vienna and the Fall of the Habsburg Empire. Total War and Everyday Life in World War I (Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare 17), Cambridge 2004.

6 Vgl. etwa für Deutschland die Arbeit von Anne Lipp, Meinungslenkung im Krieg. Kriegserfahrungen deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914–1918 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 159), Göttingen 2003.

7 Etwa an dem im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches an der Universität Tübingen entwickelten Konzept der Kriegserfahrungen. Vgl. Nikolaus Buschmann/Horst Carl (Hrsg.), Die Erfahrung des Krieges. Erfahrungsgeschichtliche Perspektiven von der Französischen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg (Krieg in der Geschichte 9), Paderborn/München/Wien u. a. 2001. Vgl. auch Anselm Doering-Manteuffel, Die Erfahrungsgeschichte des Krieges und neue Herausforderungen: Thesen zur Verschränkung von Zeitgeschehen und historischer Problemwahrnehmung, in: Georg Schild (Hrsg.), Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Neue Horizonte der Forschung, Paderborn u. a. 2009, S. 273–288. Vgl. zur neuesten Weltkriegsforschung auch den Überblicksbeitrag von Christoph Nübel, Neue Forschungen zur Kultur- und Sozialgeschichte des Ersten Weltkriegs. Themen, Tendenzen, Perspektiven, in: H-Soz-u-Kult, 14.6.2011, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2011-06-001. Vgl. auch die verschiedenen Beiträge in: Arnd Bauerkämper und Elise Julien (Hrsg.), Durchhalten! Krieg und Gesellschaft im Vergleich 1914–1918, Göttingen 2010.

8 So etwa stellvertretend für andere Isabelle Brandauer, Menschenmaterial Soldat. Alltagsleben an der Dolomitenfront im Ersten Weltkrieg 1915–1917 (Nearchos. Archäologisch-militärhistorische Forschungen 1), Innsbruck 2007; Martin Wernard, Lebensalltag im Gebirgskrieg. Die Tiroler Kaiserjäger am Pasubio 1916–1918, Dipl. Innsbruck 2005.

9 So hat in seiner Kritik Thomas Kühne formuliert: Thomas Kühne, Massen-Töten. Diskurse und Praktiken der kriegerischen und genozidalen Gewalt im 20. Jahrhundert, in: Peter Gleichmann und Thomas Kühne (Hrsg.), Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert (Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung 2), Essen 2004, S. 11–52, hier S. 13.

10 Vgl. als ersten Überblick die Studie von Laurence Cole, Divided land, diverging narratives: memory cultures of the Great War in the ‚successor regions‘ of Tyrol, in: Mark Cornwall und John Paul Newman (Hrsg.), Sacrifice and Rebirth: the Legacy of the Habsburg Empire’s Great War, Oxford/New York, (im Druck). Ich danke Laurence Cole für die Überlassung des Manuskripts. Vgl. zur Situation im Trentino: Nils Arne Sørensen, Zwischen regionaler und nationaler Erinnerung. Erster Weltkrieg und Erinnerungskultur im Trentino der Zwischenkriegszeit, in: Hermann Kuprian und Oswald Überegger (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg im Alpenraum. Erfahrung, Deutung, Erinnerung/La Grande Guerra nell‘arco alpino. Esperienze e memoria (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs/Pubblicazioni dell‘Archivio provinciale di Bolzano 23), Innsbruck 2006, S. 397–411.

11 Begriff bei Peter Burke, Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Aleida Assmann und Dietrich Harth (Hrsg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt am Main 1991, S. 289–304, hier S. 291.

12 Vgl. zum Begriff ausführlicher die Anmerkungen auf S. 16f.

13 Vgl. dazu die im Literaturverzeichnis aufgeführten Arbeiten sowie die in den folgenden Kapiteln themenbezogen immer wieder zitierte Literatur.

14 Vor allem die Studien von Benjamin Ziemann. Vgl. vor allem Benjamin Ziemann, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914–1923 (Veröffentlichungen des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung, Schriftenreihe A: Darstellungen 8), Essen 1997.

2. Erinnerter Krieg und mediale Öffentlichkeit: Schlüsselmythen und -legenden im politisch-militärischen Kriegsdiskurs

Der am 3. November 1918 geschlossene Waffenstillstandsvertrag von Villa Giusti formalisierte die Niederlage der österreichisch-ungarischen Armee an der Südwestfront. Die Auflösung der Habsburgermonarchie verkörperte auch für breite Segmente der Tiroler Gesellschaft einen quasi „traumatischen Ort“1, der eine „katastrophische Krise“ nach sich zog, die „eine positive Konstitution oder Entwicklung historischer Identität“ verhinderte und die Möglichkeit ausschloss, „Identität auf einem werthaften Ereignis zu begründen, das im Zusammenhang mit der zu bewältigenden Krise geschehen ist“.2 Die Revolution stellte politische und gesellschaftliche Gewissheiten radikal und nachhaltig in Frage. Die künftige Regierungsform, die staatsrechtliche Zugehörigkeit Tirols (Österreich, Deutschland oder Freistaat) und die territoriale Integrität des Landes (Landeseinheit oder Brennergrenze) avancierten u. a. zu zentralen Fragen im regionalen politischen Nachkriegsdiskurs.3

Neben der Konfrontation mit den dringlichen politischen und gesellschaftlichen Problemlagen der revolutionären Umbruchsphase und des frühen Nachkrieges4 ordnete der im Krieg stattgehabte mentale Transformationsprozess allerdings auch die psychosoziale Konstitution der Gesellschaft neu. Umso erstaunlicher erscheint es, dass gerade diese für das Verständnis der Geschichte der Ersten Republik zentralen mentalen und psychosozialen Transformationsprozesse von der Geschichtsschreibung bisher – sieht man von der klassischen Frage nach der österreichischen Identität einmal ab – kaum thematisiert worden sind.5 Abseits der Diskussionen über politische, staatsrechtliche und gesellschaftliche Zukunftsfragen nahmen der auch auf regionaler Ebene als ‚Urkatastrophe‘ verortete Krieg und seine verarbeitende Deutung eine zentrale Position innerhalb der individuellen und kollektiven Erinnerung an eine – im wörtlichen Sinne – „gegenwärtige Vergangenheit“6 ein. Diese im frühen Nachkrieg omnipräsente jüngste (Kriegs-) Vergangenheit beförderte die Fragen nach der Schuld am Kriegsausbruch und seinem katastrophalen Ende an die Oberfläche und rückte gruppenspezifische Erklärungs- und Rechtfertigungsvarianten ins Zentrum, die sich nach der Logik unterschiedlicher Thematisierungs-, Bewältigungs-, Verdrängungs- und Tabuisierungsstrategien richteten. So verschiedenartig all diese Strategien auch gewesen sein mögen, wirkungsgeschichtlich analysiert kreisen sie um den Versuch, das Trauma des Krieges und der Niederlage auf ihre je eigene Art und Weise zu überwinden. Insofern zieht „traumatische Erfahrung“ immer „einen schweren Kampf um Interpretation“ nach sich. „Sie muß so gedeutet werden, daß sie Sinn macht, d. h. in die wirksamen Verstehens- und Interpretationszusammenhänge der praktischen Lebensorientierung paßt.“ Ein solcher Sinn werde dadurch geschaffen, so Jörn Rüsen treffend, „daß alles das an der traumatischen Erfahrung unterdrückt wird, was die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Deutungsmuster gefährdet. Lebensnotwendige Sinnbildung über Traumata bedeutet zunächst einmal eine Verfremdung, ja Verfälschung von Erfahrung in der Absicht, mit ihr zu Rande zu kommen“.7 Diese Versuche zur ‚Historisierung‘ eines Traumas kennzeichneten insbesondere den konservativen politischen Diskurs, der den Krieg als Reaktion auf die als unangenehm empfundene Thematisierung der Verwerfungen des Krieges schon Anfang der 1920er Jahre als „alte verschollene Sache“8 oder als „alte Walze“9 bezeichnete.

Die als Überwindungsversuche traumatischer (Kriegs-)Erfahrung zu verstehenden und die (Kriegs-)Erinnerung manipulierenden Verformungsfaktoren gegenwärtiger Vergangenheit konstituierten mehrere, genau genommen vier große „Erinnerungsfiguren“10, die den öffentlichen politisch-militärischen Erinnerungsdiskurs der Zwischenkriegszeit dominierten, und die im Folgenden näher beleuchtet werden sollen. Es handelt sich um die vieldiskutierten Fragen nach Schuld und Unschuld im Rahmen der regionalen Kriegsschuld- und Dolchstoßdebatten, um den im Kontext der Wahrnehmungsverweigerung der Niederlage entstandenen Topos von ‚im Felde unbesiegt‘ und um die vor allem im militärischen Diskurs präsenten Anschuldigungen an die vermeintlich ‚undankbare Heimat‘.11 In Ergänzung zur Analyse dieser zentralen Nachkriegsmythen und -legenden geht es im Folgenden vor allem auch um die „Kritik, Kontrolle und Rückführung der Verformungen auf eine ursprüngliche Wahrnehmung und wirkliche Sachverhalte“, die Johannes Fried eindringlich als „das vordringlichste Ziel der geschichtswissenschaftlichen Memorik“ bezeichnet hat.12 Inwiefern basierte also der Gehalt der angesprochenen Topoi auf realen Gegebenheiten?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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