Erinnerungspolitik - Aileen Heid - E-Book

Erinnerungspolitik E-Book

Aileen Heid

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Beschreibung

Spätestens seit den Brexit-Verhandlungen erlangt die Frage der inneririschen Grenze neue Aktualität. Dabei wird deutlich, dass der Nordirland-Konflikt gesellschaftlich noch lange nicht wirklich beendet ist – und nun mit dem Brexit möglicherweise neu aufflammt. Aileen Heid betrachtet die Rolle der Erinnerungspolitik innerhalb der erkalteten Konfliktstrukturen, untersucht, wie kollektives Erinnern unter solchen Bedingungen funktioniert und welche Bedeutung Erinnerungspolitik auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden einnimmt. Im Rahmen ihrer Vor-Ort-Recherchen hat sie relevante Stätten besucht sowie mit verschiedenen Akteuren gesprochen und sich so den materiellen Erinnerungsmarkern sowie dem Umgang mit schwieriger Vergangenheit im Alltag angenähert. Vor dem Hintergrund der Perspektive von Erinnerung und Gedächtnis zeigt sich, wie Heid herausarbeitet, dass der ethnopolitisch motivierte Nordirlandkonflikt nunmehr in einen Zustand gewählter Apartheid eingemündet ist, in welchem trotz Entspannungszeichen weiterhin hingebungsvoll Trennungsarbeit betrieben wird.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ibidem-Verlag, Stuttgart

 

 

 

 

 

This work is dedicated to the people of

Northern Ireland

and to all the other people around the world

who live in times of

conflict & trouble.

 

May we all never stop to believe in change.

 

A very special thanks goes to John Kelly and his family

without whom I never could havedone this

 

 

 

 

 

“There are no strangers here, only friends you haven't met yet”

 

Irisches Sprichwort

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Prof. Dr. Matthias Klemm

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis gälischer Begriffe

Verweis auf Anhänge

1 Einleitung

2 Begriffliche und theoretische Grundlagen

2.1 Begriffsklärung: Krieg oder „bewaffneter Konflikt“?

2.2 Friedensprozess und Konflikttransformation

2.3 Das Konzept der freiwilligen Apartheid

2.3.1 Sectarianism

2.3.2 Verschwinden der moderaten Mitte

2.3.3 Bedürfnis nach räumlicher Separation

2.3.4 Politik der Symbole

2.3.5 Kollektive Traumata und rituelles Gedenken

2.4 Folgerung

2.5 Die Rolle von Erinnerungspolitik im Friedensprozess

2.5.1 Verortung im Gesamtkontext

2.5.2 Möglichkeiten des Umgangs mit schwieriger Erinnerung

2.5.2.1 Dialogisches Vergessen

2.5.2.2 Erinnern, um niemals zu vergessen

2.5.2.3 Erinnern, um zu überwinden

2.5.2.4 Dialogisches Erinnern

2.5.3 Aus dem Rahmen gefallen

2.5.4 Hypothetischer Idealfall

2.5.5 Schwierigkeiten beim Umgang mit schwieriger Vergangenheit

3 Fallbeispiel Nordirland

3.1 Kurzer Überblick und Begründung der Fallauswahl

3.2 Ein notwendiger historischer Rückblick

3.3 Troubled times – ein kurzer Abriss des Nordirlandkonfliktes

3.3.1 Grenzkampagne und Bürgerrechtsbewegung

3.3.2 Die troubles

3.3.3 Der Auftakt zum Friedensprozess

3.3.4 Das Good-Friday-Agreement

4. Feldaufenthalte

4.1 Feldauswahl, Feldzugang und Samplebildung

4.2 Wahl der Methoden

4.3 Auswertung

5 How the North remembers – Analyse des Fallbeispiels

5.1 Dauerzustand Zwischenwelt

5.2 Freiwillige Apartheid in Nordirland – heute

5.2.1 Sectarianism – heute

5.2.2 Verschwinden der moderaten Mitte – heute

5.2.3 Bedürfnis nach räumlicher Separation – heute

5.2.4 So weit, so gut!

5.2.5 Politik der Symbole, kollektive Traumata und rituelles Gedenken – heute

5.2.5.1 Murals – ein kurzer Exkurs

5.2.5.2 Von Bonfires und Marschmusik – der 12. Juli

5.2.5.3 Nordirische Marschordnung – die Paraden der protestantischen Orden

5.2.6 Folgerung Facetten Vier und Fünf

5.2.7 Unbowed, Unbent, Unbroken – Unionismus im Trotzmodus; ein Sonderfall

5.2.8 Folgerung freiwillige Apartheid – heute

5.3 Nordirischer Umgang mit schwieriger Vergangenheit

5.3.1 Erinnerungspolitik im Gesamtkontext des Friedensprozesses – Wiederholung

5.3.2 Ein Modell ist nicht genug – nordirische Unentschlossenheit

5.3.3 Die große „Amnestie“ – ein bisschen Dialogisches Vergessen

5.3.4 Die Untersuchung des Bloody Sunday – ein bisschen Erinnern, um zu überwinden

5.3.5 Erinnern, um niemals zu vergessen und Dialogisches Erinnern

5.3.6 Dialogisches Zelebrieren

5.4 Konflikttransformationsbemühungen in Nordirland

5.4.1 Top-level Ebene

5.4.2 Middle-range und grassroots Ebene

5.4.2.1 Museum of Free Derry und Bloody Sunday Trust

5.4.2.2 Guildhall Ausstellung

5.4.2.3 Corrymeela Initiative – Contact Culture and Conflict around the Causeway

5.4.3 Fazit Konflikttransformationsbemühungen

6 Fazit

6.1 Möglicher Strategieansatz – ein Zukunftsentwurf

6.1.1 Erinnerungsdistanzierung

6.1.2 Verständigung und Rehumanisierung

6.1.3 What else could be done?

6.2 Brave new world – Handlungsempfehlungen einer Utopie

7 Schlussgedanken

8 Quellen- und Literaturverzeichnis

9 Anhang

Fotografische Abbildungen

Anhang A

Anhang B

Anhang C

Vorwort

 

„Was der Historiker berichtet und erklärt, müßte real sein, sonst ist das, was er betreibt, nicht Geschichte.“

(Lyotard 2010, S. 86)1

I

Die Integration Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, wie wir uns immer wieder versichern, als eine Erfolgsgeschichte. Lange schien es nur eine Richtung zu geben: den sukzessiven Beitritt der Staaten Europas, der nach 1989 auch die ehemaligen sozialistischen Länder Mittel- und Südosteuropas einschloss. Freilich hat diese Erfolgsstory in den vergangenen Jahren einige Risse bekommen, die sich nicht allein in der Ablehnung einer gemeinsamen Verfassung in Kernländern der EU, dem Auftauchen nachhaltiger Konfliktlinien (Euro-Krise, Staatsschuldenkrise, Migrationskrise) und zuletzt dem Austritt des Vereinigten Königreiches manifestieren. Auch die jüngere Geschichte der Europäischen Union, die im 2017 eröffneten „Haus der europäischen Geschichte“ in Brüssel ihren „offiziellen“ Ort gefunden hat, hat umgehend Kritik erfahren und zwar eine, die sich auf die Erfolgsstory selbst bezieht. So wird die vorgebliche Zentrierung der Erinnerung – das „Haus“ will bewusst nicht Museum einer abgeschlossenen Geschichte sein – auf das Friedensprojekt Europa nach dem Ende des zweiten Weltkriegs als eine dezidiert westliche Perspektive bezeichnet, welche die Vergangenheit der mittelosteuropäischen Mitgliedsstaaten ausblendet. Zugleich werde das Schicksalsjahr 1989 – der Fall des Eisernen Vorhangs und die vorausgehende Phase der Unfreiheit im „Osten“ Europas – abgedunkelt. Die auf eine gegenwärtige und zukünftige, gemeinsam geteilte Identität des politischen Europas abzielende Erinnerungspolitik kreist so gesehen immer auch um Konflikte, die sie zugleich ein Stück weit reproduziert (siehe für einen zeitlich etwas früher gelagerten Überblick: Leggewie 2011).2

 

II

Auch innerhalb und unterhalb der Ebenen der Kollision überregionaler, „nationaler“ oder „nationalstaatlich“ organisierter Erinnerungspolitiken werden Konfliktlinien tradiert, die als Herausforderung europäischer Integration gelten können. 2019, im Zuge der sogenannten Brexitverhandlungen zum Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU, hatten sich die europäische wie die britische Administration heillos ineinander verhakt, weil eben jener Brexit aus einer weich gewordenen Grenze wieder eine harte (nämlich eine EU-Außengrenze) zu machen drohte, die mit einem ganz anderen Konflikt auf Engste verbunden ist: Die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland, das Teil des Vereinigten Königreiches ist. Allein die Möglichkeit einer harten Trennungslinie hat den mühsam auf Eis gelegten Nordirlandkonflikt aus der Position einer erkalteten wieder in die Nähe einer heißen Auseinandersetzung gerückt. Viele der europäischen Mitgliedsstaaten sind auch Postkonfliktgesellschaften, die um ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ringen: von Irland über Spanien zu (dem jetzt ausgetretenen) Vereinigten Königreich über Belgien, und damit ist die Reihe lange nicht beendet.

Von einer Geschichte Europas oder von den Geschichten der europäischen Nationalstaaten zu sprechen und die Vergangenheit gewissermaßen abzuschließen, kann heute nicht mehr überzeugen. In den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften hat sich diese Einsicht durchgesetzt. Erinnert sei an Pierre Noras Formulierung vom Verhältnis von Gedächtnis und Geschichte, die zu einem verlebendigten Verständnis der Erinnerungs- und Gedächtnispolitik beigetragen hat. Maurice Halbwachs Theorie des kollektiven Gedächtnisses wurde wieder entdeckt, Jan und Aleida Assmann haben wichtige Forschungen zu kulturellen und kommunikativen Gedächtnissen vorgelegt: Die Wiederentdeckung der gegenwärtigen, konfliktiven Vergangenheit als Feld alltäglicher gesellschaftlicher Auseinandersetzung und deren Relevanz für das Selbstverständnis ehemaliger Konfliktparteien und deren Bereitschaft zum Zusammenleben – und etwas pathetisch gesagt: zum Frieden – sind für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Europa befassen von ganz herausragender Bedeutung.

 

III

Im Geiste einer solchen Erkundung der lebendigen „Geschichte“ in Europa hat Aileen Heid Forschungen in Nordirland durchgeführt, auf deren Grundlage sie 2018 ihre Masterarbeit „Shades of Remembrance. Erinnerungspolitik und der lange Weg zum Frieden; eine Betrachtung anhand des Fallbeispiels Nordirland“ im Studiengang ICEUS (Intercultural Communication and European Studies) verfasst und eingereicht hat. Anlass für die Wahl des Themas war für sie die erschreckend-faszinierende Präsenz des Nordirlandkonflikts in den bis heute gepflegten und zum touristischen Besuchermagnet avancierten Murals Nordirlands. Wer schon einmal Derry – resp. Londonderry, je nachdem, ob man mit katholischen oder protestantischen Einwohnerinnen und Einwohnern spricht – besucht hat, kennt den Blick auf die wandgroßen Gemälde, die in den katholischen und protestantischen Vierteln angefertigt werden. Zum Zentrum der Stadt: der neutralen Zone gerichtet und von den Stadtmauern aus gut sichtbar bringen sie Unterstützung für den gegeneinander gerichteten katholischen und protestantischen Kampf um die Vorherrschaft zum Ausdruck, beklagen die eigenen Märtyrer und erlittenen Ungerechtigkeiten und drohen der je anderen Seite, der sie Verrat und Grausamkeit vorwerfen. Zwar ruhen dort die Waffen, doch von einem positiven Frieden ist das regional immer noch durch Zäune und Mauern geteilte Nordirland weit entfernt. Wie Erinnern unter diesen Bedingungen kollektiv funktioniert und welche Spuren einer Veränderung der Erinnerungspolitik auf dem Weg zur Überwindung des negativen Friedens eine Rolle spielen oder spielen könnten waren die erkenntnisleitenden Fragen ihrer Arbeit.

Aileen Heid blieb für ihre Analysen freilich nicht stehen bei der Exegese von Bildbedeutungen oder bei normativen Forderungen, die geteilte Konfliktvergangenheit doch nun endlich hinter sich zu lassen. Vielmehr hat sie die Orte besucht, mit Akteuren gesprochen und sich so den Arten und Weisen genähert, wie die Erinnerungsmarker – murals, Aussprüche, Mauern, Zäune – mit den aktuellen sozialen Lebenssituationen sowie dem Ringen um die Vergangenheits- wenn nicht -bewältigung, so doch -bestimmung verbunden sind. Sie hat dafür eben nicht die Perspektive der Geschichte und ihrer Distanzierung, sondern die Perspektiven der Erinnerung und des Gedächtnisses eingenommen, die oben andeutungsweise genannt wurden. Die Autorin kann vor dem Hintergrund dieser theoretischen Orientierungen zeigen, dass der ethnopolitisch motivierte Nordirlandkonflikt in einen Zustand gewählter Apartheid eingemündet ist. Entspannungszeichen sind zwar feststellbar, dennoch wird weiterhin und zum Teil verstärkt wechselseitige „Trennungsarbeit“ betrieben. Politische Konflikttransformationsstrategien sind widersprüchlich und laufen auf die verschiedenen historischen Schichten des Konflikts auf. Analytisch verdichtet hat die Autorin diesen Zustand im Konzept des „dialogischen Zelebrierens“ des jeweils eigenen erfahrenen Leids, welches der jeweils anderen Seite vorgehalten wird.

 

IV

Aileen Heid hat eine ebenso umfangreiche wie konzise und theoretisch wie empirisch überzeugende Analyse eines zentralen europäischen Konflikterinnerungsgeschehens vorgelegt. Die vorliegende Publikation macht diese Studie in einer für die Veröffentlichung überarbeiteten Fassung einem breiteren Publikum zugänglich. Zu bedenken ist – und hier ist vielleicht der Verweis auf einen der Gründerväter der Soziologie, Georg Simmel, erlaubt –, dass gerade Aileen Heids Figur eines dialogischen Zelebrierens wechselseitiger Verletzungen nicht etwa als Ausdruck des Zusammenbruchs sozialer Beziehungen zu lesen ist. Vielmehr hat Simmel gezeigt, dass andauernde Konfliktkonstellationen geradezu als Aggregatzustände intensiver sozialer Beziehungen zu betrachten sind.3Der Aufruf zum Vergessen ist daher ebenso wenig Option wie harmonisierende Angebote einer auf Aufarbeitung und Überwindung basierenden „Erinnerungskultur“. Sie bleiben ohne Beteiligung der Konfliktparteien leere Rhetorik. So gesehen steht die vergleichende Erforschung der im europäischen Mikroraum verankerten Erinnerungskulturen im Hinblick auf ein die Konflikterinnerungen einbegreifendes europäisches Gedächtnis noch immer am Anfang. Studien wie die vorliegende eröffnen hier ein weites europäisches Forschungsfeld.

Fulda, Mai 2020

Prof. Dr. Matthias Klemm

 

1 Lyotard, Jean-Fançois (2010). Streifzüge. Gesetz, Form, Ereignis. 2. Auflage. Wien: Passagen Verlag.

2Leggewie, Claus (2011). Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Zusammen mit Anne Lang. München: Beck.

3 Simmel, Georg (1992). Der Streit. In: Ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe Band 11. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 284-382.

Abkürzungsverzeichnis

 

AKUF Arbeitsgemeinschaft zur Kriegsursachenforschung

APNI Alliance Party of Northern Ireland

BPK Beobachtungsprotokoll

CDC Community Development Council

CIRA Continuity IRA

CLMC Combined Loyalist Military Command

DUP Democratic Unionist Party

EU Europäische Union

GPK Gesprächsprotokoll

IICD Independent International Commission on Decommissioning

INLA Irish National Liberation Army

IRA Irish Republican Army

NATO North Atlantic Treaty Organisation

NGO Non-Governmental Organisation

NICRA Northern Ireland Civil Rights Association

No. Nummer/Number

NS Nationalsozialismus

OIRA Official IRA

PIRA Provisional IRA

Provos Provisional IRA

PSNI Police Service Northern Ireland

RIRA Real IRA

RUC Royal Ulster Constabulary

SDLP Social Democratic and Labour Party

UDA Ulster Defence Association

UFF Ulster Freedom Fighters

UNO United Nations Organisation

UPV Ulster Protestant Volunteers

UUP Ulster Unionist Party

UVF Ulster Volunteer Force

Verzeichnis gälischer Begriffe

 

An Taoiseach

Coiste na n-larchimí

Connaught

Cúchulainn

Dáil Eireann

Féile an Phobail

Fianna Fáil

Leinster

Munster

Sinn Féin

Ulster

Offizieller Titel des irischen Regierungschefs; etwa zu übersetzen mit Der Häuptling

Name einer Organisation zur Wiedereingliederung ehem. nationalistischer Gefangener; etwa zu übersetzen mit Komitee der ehemaligen Gefangenen

Name einer der vier irischen Provinzen. Sie umfasst grob den westlichen Teil der irischen Insel

Name eines alten irischen Sagenhelden

Name des Parlaments der Republik Irland; etwa zu übersetzen mit Irische Versammlung

Name eines mehrtägigen Festivals im Stadtteil Falls in Belfast; etwa zu übersetzen mit Festival der Community

Name einer von Eamon de Valera gegründeten Partei; etwa zu übersetzen mit Soldaten des Schicksals

Name einer der vier irischen Provinzen. Sie umfasst grob den östlichen Teil der irischen Insel

Name einer der vier irischen Provinzen. Sie umfasst grob den südlichen Teil der irischen Insel

Name der wichtigsten nationalistischen Partei; etwa zu übersetzen mit Nur wir Selbst

Name einer der vier irischen Provinzen. Sie umfasst grob den nördlichen Teil der irischen Insel und besteht außer den sechs Grafschaften Nordirlands aus drei weiteren Counties, die der Republik Irland angehören

 

Verweis auf Anhänge

 

Im Laufe dieser Arbeit wird zu Zwecken der Veranschaulichung immer wieder auf Material verwiesen, welches während mehrerer Feldaufenthalte in Nordirland angefertigt wurde. Namentlich sind dies Fotografien, Beobachtungs- und Gesprächsprotokolle sowie Interview-Mitschriften. All diese Materialien sind in der unten angegebenen Reihenfolge im Anhang zu finden.

Die Zeilenzählungen der Protokolle und Interviews beginnen mit jedem Dokument jeweils wieder neu. Wird innerhalb des Textes aus einem der Dokumente im Anhang zitiert oder auf diese verwiesen, so geschieht dies gemäß dem folgenden Schema: Anhang, Nummer des Protokolls bzw. des Interviews, Zeilenangabe der entsprechenden Stelle (Bsp: Anhang C, Interview I, Z. 122-125).

Alle im Anhang enthaltenen fotografischen Abbildungen wurden während der Feldaufenthalte von der Autorin selbst aufgenommen. Sie sind als Abb. 1-8 gekennzeichnet. Entsprechend wird sich im Text auf die jeweilige Fotografie als „Abb.“ bezogen.

Die Materialien im Anhang sind in folgender Reihenfolge angefügt:

 

Fotografische Abbildungen

Anhang A – Beobachtungsprotokolle I – VII

Anhang B – Gesprächsprotokolle I – II

Anhang C – Interview-Mitschriften I – II

1 Einleitung

Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft zur Kriegsursachenforschung (AKUF) zählt seit Beendigung des Zweiten Weltkriegs 1945 bis einschließlich 2007 weltweit 238 Kriege, wobei die Anzahl der Konflikte im Jahr 1992 mit 55 ihren Höhepunkt erreichte (Schreiber 2007).1 Seit diesem Zeitpunkt sind die Zahlen zwar zurückgegangen, liegen aber trotzdem im Schnitt bei ca. 30 Kriegen und bewaffneten Konflikten pro Jahr (ebd.), so auch im Jahr 2017, für das die AKUF insgesamt 31 Auseinandersetzungen zählte (Universität Hamburg 2017, S.1). Konflikte, auch bewaffneter Natur, sind also ein omnipräsenter, das Weltgeschehen prägender Faktor – entgegen dem meist vorherrschenden Eindruck auch in Europa. Zwar kommt dieses quantitativ gesehen mit nur einem laufenden Konflikt2 und 16 beendeten Konflikten im Zeitraum von 1945 bis 1997 auf ein noch recht überschaubares Ergebnis (Hensell 1997) – jedenfalls im Gegensatz zu anderen Weltregionen. Diese Zahl erscheint dennoch erschreckend, wenn man bedenkt, wie weit entfernt von der eigenen Realität man als typischer Westeuropäer Dinge wie bewaffnete Konflikte, Kriege und Krisengebiete im Allgemeinen wahrnimmt. Dabei waren sie auch auf dem europäischen Kontinent stets präsent, und viele sind es noch: Baskenland, Kroatien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina oder Nordirland, um nur einige zu nennen. Auch wenn viele dieser ehemals offen ausgetragenen Konflikte mittlerweile offiziell beendet sind, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie auch auf staatlicher und/oder vor allem auf gesellschaftlicher Ebene tatsächlich überwunden wurden (Baumann 2008, S. 17ff.). Dementsprechend schwelt mehr als ein Konflikt von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbeachtet weiter vor sich hin (ebd., S. 19f.). Dies trifft besonders hinsichtlich der Zivilbevölkerung entsprechender Konfliktregionen zu. Denn wer sich über Jahre, teilweise Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg als Gegner gegenüberstand, wird in der Regel kaum über Nacht und nur durch die Unterzeichnung eines Dokumentes plötzlich zu guten Nachbarn werden. Entsprechend häufig bleiben Post-Konfliktgesellschaften trotz Ende der Gewalt geteilt (ebd., S. 89). Diese geistige Trennung zu überwinden, erscheint oftmals als nahezu unlösbare Aufgabe im Gesamtkontext des Friedensprozesses. Denn die Erinnerung an das Geschehene, während des Konfliktes an sich und oftmals auch in den Jahrzehnten bis Jahrhunderten davor, ist meist tief im kollektiven Gedächtnis der ehemaligen Konfliktparteien und häufig auch in dem der Gesellschaft als Ganzes verankert (Baumann 2008, S. 105ff.). Die Fragen, die solche Situationen aufwerfen, sind also entsprechend stark mit der Art und Weise des „richtigen“ Umgangs mit Erinnerung verknüpft (Meier 2010, S. 14f.). Wie und auf welche Weise solche problematischen Erinnerungen gesamtgesellschaftlich bearbeitet, beziehungsweise aufgearbeitet werden können, variiert stark und kann von kompletter Verdrängung bis zu moralischer Rechtfertigung oder gerichtlicher Verurteilung der Täter reichen (Assmann 2011, S. 25ff.). Inwieweit solche Maßnahmen aber dazu in der Lage sind, die gespaltene Gesellschaft wieder näher zusammenzuführen, ist stets unterschiedlich und kann nur für jeden Fall individuell betrachtet werden (ebd.).

Erinnerungspolitik jedweder Art ist äußerst arbeitsintensiv, langwierig und steht vor mannigfaltigen Herausforderungen. Gilt es doch nicht nur, tief verwurzelte Vorurteile und über Generationen weitergegebene Feindseligkeit zu überwinden, sondern beispielsweise auch den Umgang mit ideologisch beziehungsweise emotional stark aufgeladenen Symbolen und Traditionen zu regeln (Baumann 2008, S. 102ff.) sowie aus verschiedenen identifikatorisch geprägten Geschichtserzählungen ein gemeinsames gruppenübergreifendes, anschlussfähiges Narrativ (Assmann 2011, S. 38f.) zu destillieren, das zur Identitätsstiftung der Gesellschaft als Ganzes beiträgt und längerfristig die Durchlässigkeit beziehungsweise die Auflösung der innergesellschaftlichen Grenzen fördert und eine Identifikation als ganzheitliche Gesellschaft und Nation erlaubt sowie ein Zugehörigkeitsgefühl zu diesen beiden Kollektiven kreiert. So sähe wohl zumindest der Idealfall von Erinnerungspolitik im Kontext von Konflikttransformation und Friedensprozess aus. Leider tritt dieser nur äußerst selten ein, und so bewegen sich die meisten Post-Konfliktgesellschaften mit gelegentlichen Ausreißern irgendwo entlang des breiten Spektrums zwischen dem (offiziellen) Ende von Waffengewalt und gelebtem Frieden (Baumann 2008, S. 14). Dabei ist der Themenkomplex der Erinnerungspolitik auch bedeutend im Hinblick auf die Idee des Europäischen Gedankens, der ein gemeinschaftliches Zusammenwachsen der einzelnen Nationen und somit ein friedliches und freundschaftliches Miteinander sowie die Entstehung einer gesamteuropäischen Gemeinschaft anstrebt. Doch auch dieses Ziel wird ohne die Überwindung gesellschaftstrennender Erinnerungsgräben langfristig kaum umsetzbar sein.

Ein besonders interessantes Beispiel, an dem das Verharren in dieser oben beschriebenen Zwischenwelt ebenfalls sichtbar wird, ist Nordirland. Das kleine Land, das von Ende der 1960er bis 1994 bzw. 19983 von seinem bewaffneten Konflikt, den sog. troubles erschüttert wurde, hat bis heute mit deren Nachwirkungen beziehungsweise mit deren mentalem Fortbestehen zu kämpfen (Otto 2005, S. 141ff.). Seine aus historischen Gründen (siehe Punkt 3.2) seit nahezu jeher in Nationalisten und Unionisten gespaltene Gesellschaft verharrt mit Vehemenz in ihrer sich selbst auferlegten Teilung, die auch heute, über 20 Jahre nach dem Ende der Waffengewalt und der offiziellen Beendigung des Konfliktes, noch so real in den Köpfen der Menschen existiert wie die Peace lines in den Wohnvierteln Nord- und Westbelfasts. Dies liegt zum einen in der besonderen historischen Dimension des Konfliktes begründet, zum anderen spielen aber auch diverse weitere Faktoren, wie eine von großem Misstrauen geprägte Einstellung zu staatlichen Akteuren sowie zur jeweils anderen Seite, eine Rolle. In den meisten Fällen besteht zwischen den beiden Gruppen kaum oder gar überhaupt kein Kontakt und nur sehr wenige bewusste Berührungspunkte im Alltag (Baumann 2008, S. 95ff.; Wuhrer 2000, S. 266ff.). In den Wohngegenden, vor allem den Arbeitervierteln der größeren Städte, aber auch in ländlichen Regionen, ist die nahezu totale Segregation der beiden Gruppen bis heute die Regel und zieht sich zuweilen auch durch die Viertel der gesellschaftlichen Ober- und Mittelschicht (Wuhrer 2000, S. 266ff.). An den Häuserwänden prangen noch immer die gewaltigen murals, die die jeweilige parteiische Sicht auf die Dinge proklamieren, und die Anzahl beziehungsweise der Ausbau der Peace lines als feste Grenzen zwischen einigen der Wohnviertel verstärkt sich eher, als dass an ihre Abschaffung gedacht werden könnte (Melaugh & Lynn 2017). Generell erscheint das Zusammenleben der beiden Gruppen auch in der Post-Konflikt-Ära äußerst schwierig und häufig geprägt von Provokationen, die sich etwa in den auch durch nationalistische Gebiete führenden Paraden unionistischer Verbände manifestieren (Wuhrer 2000, S. 140ff.). Trotzdem wird auch hier in vielfältiger Form Erinnerungsarbeit auf offizieller, vor allem aber auf zivilgesellschaftlicher Ebene betrieben. Im Hinblick auf den Brexit sowie die politische Situation in Nordirland selbst stehen diese Initiativen vor besonderen Herausforderungen, da ihre Zukunft, wie die des ganzen Landes, ungewiss ist und sich die Maßnahmen unter Umständen bald bewähren müssen.

Im Folgenden soll nun zunächst ein kurzer theoretischer Überblick über die Themenkomplexe von Konflikt, Konflikttransformation und Friedensprozess gegeben werden, bevor näher auf die Bedeutung, den Stellenwert und den Einfluss von Erinnerungsarbeit und damit auch von Geschichte im Friedensprozess generell eingegangen wird. Im Anschluss daran werden verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit schwieriger Vergangenheit betrachtet und unter Einbeziehung einiger Beispiele verdeutlicht. Wie sich Erinnerungspolitik aber konkret im Detail gestalten kann, soll mittels der Betrachtung eines spezifischen empirischen Falles erarbeitet werden. Dazu wird das oben beschriebene Beispiel Nordirlands und der troubles herangezogen und ausführlich vor dem Hintergrund der dort stattfindenden Erinnerungspolitik untersucht und diskutiert. Dabei soll von den weit zurückliegenden Ursachen des Konfliktes über einen kurzen Abriss seines Verlaufes, seinen Auswirkungen und (symbolischen) Begleiterscheinungen bis hin zu staatlichen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen der Erinnerungsarbeit ein möglichst ganzheitliches Bild dieses Falls gezeichnet werden, der durch die gegenwärtige politische Situation4 und denBrexit noch einmal an Relevanz und Brisanz gewinnt. Anhand empirischer Beobachtungen und weiterer Daten sollen so nicht nur die aktuelle gesellschaftliche Situation und der derzeitige Stand des Friedensprozesses analysiert, sondern auch mit Hilfe ausgewählter Beispiele verschiedene Ansätze nordirischer Erinnerungspolitik bzw. nordirischen Umgangs mit schwieriger Vergangenheit betrachtet werden. Ein Ausblick sowie eine Diskussion von Chancen und Problematiken in Form eines Fazits schließen das empirische Beispiel ab. Am Ende der Darstellung finden sich einige Schlussgedanken, die die Ergebnisse der Theorie mit den Beobachtungen anhand des empirischen Falls verknüpfen und zusammenfassen, bevor sich den Grenzen der Untersuchung und weiteren denkbaren Forschungsimplikationen zugewandt wird.

Die Bearbeitung der angesprochenen Thematiken erfolgt größtenteils durch gezielte Auswertung und Analyse ausgewählter Literatur, zudem werden aber auch die Webseiten verschiedener Organisationen und politischer Akteure sowie Archive mit einbezogen. Da all dies aber nicht in der Lage ist, die eigene empirische Erfahrung zu ersetzen, sollen vor allem für die Analyse der aktuellen Gegebenheiten auch die Erkenntnisse zweier Feldaufenthalte vor Ort herangezogen werden.

 

 

1Sind keine Seitenzahlen angegeben, so handelt es sich um Onlinequellen, bei denen eine Seitenangabe nicht möglich ist.

2Dabei handelt es sich um den 2014 begonnenen Krieg in der Ukraine (Universität Hamburg 2017, S. 3).

3Zwar wurde bereits 1994 ein Waffenstillstand ausgerufen, das Karfreitagsabkommen wurde aber erst 1998 unterzeichnet. Auf den gesamten Ablauf des Konfliktes wird später in Abschnitt 3.3 noch genauer eingegangen.

4Nordirland wurde zum Zeitpunkt dieser Untersuchung (2018) von der Zentralregierung in London aus regiert. Aufgrund von Parteistreitigkeiten war das Land seit Januar 2017 nicht in der Lage eine eigene Regionalregierung zu bilden. (Pieper, 2018) Die politische Situation gestaltete sich also recht fragil und sehr angespannt. Seit Januar 2020 regiert sich Nordirland wieder selbst.

2 Begriffliche und theoretische Grundlagen

Zunächst soll nun auf einige Begrifflichkeiten und Konzepte, die den folgenden Ausführungen zugrunde liegen, genauer eingegangen werden, um sich daran anschließend den Zusammenhängen zwischen den einzelnen Ansätzen genauer zuzuwenden.

 

2.1 Begriffsklärung: Krieg oder „bewaffneter Konflikt“?

Das Themengebiet „Konflikt“ ist äußerst breit gefächert und durch eine hohe Diversität von Theorien und Definitionen gekennzeichnet. Es kann hier also keinesfalls in seiner Gänze behandelt, sondern nur sehr kurz umrissen und lediglich auf die für diese Arbeit relevante Begriffsklärung fokussiert betrachtet werden.

Schon wodurch sich ein bewaffneter Konflikt als solcher auszeichnet und inwiefern er sich von einem Krieg unterscheidet bzw. wann das eine sich zum anderen wandelt, erscheint zuweilen unklar, denn die zahlreichen verschiedenen Definitionen weichen mitunter stark voneinander ab. So definiert die AKUF in Anlehnung an István Kende1 „Krieg als gewaltsamen Massenkonflikt“, der die folgenden Merkmale aufweist: (1) An den Kämpfen sind mindestens zwei bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich zumindest auf einer Seite um reguläre Kräfte der Regierung handelt. (2) Zudem muss auf allen Seiten ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation gegeben sein und (3) die bewaffneten Operationen müssen sich mit einer gewissen Kontinuität ereignen, das heißt, über gelegentliche oder spontane Zusammenstöße hinausgehen.

Als„bewaffnete Konflikte“ werden laut der AKUF entsprechend Auseinandersetzungen bezeichnet, die die Kriterien der Kriegsdefinition nicht ganz erfüllen. Beispielsweise etwa dann, wenn die Kontinuität der Kampfhandlungen nicht mehr oder noch nicht gegeben ist. Zudem unterscheidet die AKUF zwischen fünf verschiedenen Kriegstypen2 mit und ohne unmittelbare Fremdbeteiligung3 (Universität Hamburg 2016).

In einem Bericht der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages zur völkerrechtlichen Kategorisierung von Konflikten ist hingegen zu lesen, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg im öffentlichen bzw. politischen Diskurs zu einer fast vollständigen Abkehr vom Kriegsbegriff kam und dieser stattdessen auch in der völkerrechtlichen Wissenschaft und Praxis durch den Begriff des „bewaffneten Konflikts“ abgelöst wurde. Dies geschah vor allem aus völker- und kriegsrechtlichen Gründen, die zu erläutern an dieser Stelle aber zu weit führen würde. Weiterhin wird in jenem Bericht auch nur zwischen internationalen sowie nicht-internationalen bewaffneten Konflikten unterschieden, eventuelle Konfliktarten hingegen werden nicht weiter ausdifferenziert (Arndt 2010, S. 1).

Dies sind natürlich nur zwei Ansätze von vielen, die hier exemplarisch zur Begriffsklärung herangezogen wurden, um zu verdeutlichen, wie unterschiedlich einzelne Definitionen ausfallen können. In vorliegender Abhandlung soll sich nun an jenem Konfliktbegriff der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages orientiert werden, da dieser völkerrechtlich besser belegt und eindeutiger anzuwenden ist. Bewaffneter Konflikt umfasst damit die meisten gewaltsamen Auseinandersetzungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges und damit auch die nordirischen troubles.

 

2.2 Friedensprozess und Konflikttransformation

Das Ende des Krieges als Beginn des Friedens, der in einem Friedensvertrag festgehalten wird – so oder ähnlich gestaltet sich wohl in den meisten Fällen das generelle Verständnis zu dieser Thematik. Entgegen der landläufigen Meinung bedeutet ein Friedensvertrag in den meisten aber Fällen noch keinen verbindlichen Friedensschluss. (Baumann 2008, S. 13). Denn Frieden ist kein plötzlich eintretender Zustand, der auf einen vorangegangenen Zustand des Krieges oder bewaffneten Konfliktes folgt. Auch nichts, was aufgrund der Unterzeichnung eines Dokumentes (auch nicht in Form eines Friedensvertrages) einfach eintritt. Dies wäre eine ideale Vorstellung von Frieden, die diesen Begriff sehr begrenzt definieren würde, nämlich zum einen als das Resultat eines Aushandlungsvorganges und zum anderen als die bloße Abwesenheit von Waffengewalt. Beides ist zu kurz gegriffen, denn es lässt nicht nur den Prozesscharakter von Frieden außer Acht, sondern ignoriert zudem auch die Tatsache, dass der Friedensprozess oft nicht das tatsächliche Ende eines Konfliktes bedeutet, sondern lediglich dessen Fortführung mit politischen Mitteln anstatt mit Waffengewalt. Zudem sind Friedensprozesse häufig äußerst langwierig und laufen in der Regel nicht geradlinig auf einen „dauerhaften Frieden“ hinaus. Stattdessen sind sie recht krisenanfällig und von Rückschlägen geprägt. Generell kann der Friedensprozess als eine Art virtueller Zustand oder Zwischenwelt beschrieben werden, in welcher der Konflikt als solcher und damit die Waffengewalt zwar bereits beendet ist, aber ein tatsächlicher, dauerhafter Friede noch nicht erreicht wurde (Baumann 2008, S. 13f.).

Dazu stellt sich natürlich die kaum zu beantwortende Frage, wann dieser Zustand erreicht ist und wie sich dieser beschreiben lässt. Dazu gibt es variierende Theorien, die alle zu betrachten den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, weswegen hier in Anlehnung an Johan Galtung mit dem Begriff des positiven Friedens (1971) gearbeitet werden soll. Galtung beschreibt diesen als mehr als nur die bloße Abwesenheit von Waffengewalt (negativer Friede), nämlich als die komplette Abwesenheit personaler und struktureller Gewalt auf allen Gesellschaftsebenen mit dem Ziel der Friedenssicherung und einer friedvollen, gewaltfreien Gesellschaft. Negativer Friede ist demnach lediglich die Voraussetzung für einen positiven und damit stabilen und dauerhaften Frieden (vgl. Galtung 1971).

Doch wie bereits erwähnt, ist es bis dahin oft ein langer Weg, der mit der Unterzeichnung eines Abkommens und dem Waffenstillstand gerade erst beginnt und zudem besonders krisenanfällig ist. Friedensprozesse ergeben sich oftmals relativ unverhofft und treffen auch ihre zentralen Akteure bisweilen unvorbereitet, woraus oft Phasen des politischen Experimentierens resultieren, die den Prozess als Ganzes nicht gerade stabilisieren (Baumann 2008, S. 70). Dies ist besonders problematisch, da gerade bei innerstaatlichen Konflikten durch Krisen im Friedensprozess häufig erneute Eskalationen drohen, die die bereits erreichten Fortschritte und Ergebnisse stark gefährden oder die Friedenskonsolidierungen gar ganz zum Stillstand bringen können (ebd., S. 17). Diese Krisenanfälligkeit wird zuweilen mit unzureichenden State-building-Maßnahmen (Paris 2007) bzw. mit dem Stateness First-Ansatz (Fukuyama 2005) begründet. Beide Konzepte besagen in etwa, dass bevor an politische Verbesserungen bzw. eine gesellschaftliche Neuordnung und die (Wieder-)Einführung von ökonomischem Wettbewerb gedacht werden kann, zumindest ein Mindestmaß an politischer Stabilität und eine relativ effiziente Verwaltungsstruktur vorhanden sein müssen (Paris 2007, S. 293, 301ff.; Fukuyama 2005). Solche gibt es in Post-Konflikt-Staaten aber oft nicht (Paris 2007, S. 293) oder ihnen wird misstraut, was sie nahezu ineffizient macht. Baumann stellt allerdings fest, dass diese These zu kurz greife. Sie bezieht sich seiner Ansicht nach zu sehr auf den Staat als alleinigen Akteur und hat dementsprechend auch einen zu starken territorialen Bezug (Baumann 2008, S. 19). Vor allem aber lässt sie die sog. weichen Faktoren, wie etwa gesellschaftsbezogene Aspekte, außen vor, gerade die sind aber häufig der Grund, warum Konflikte auch nach ihrer offiziellen Beendigung weiter schwelen (ebd., S. 19f.). Im Mittelpunkt stehen dabei oft der festgefahrene Antagonismus der Konfliktparteien sowie deren Verfeindung, die quasi „als soziale Kollateralschäden der Gewaltperiode des innerstaatlichen Konfliktes hinterlassen wurden“ (ebd., S. 20). Sie führen nur allzu häufig dazu, dass die verschiedenen Gemeinschaften zuweilen durch tatsächliche, aber vor allem durch unsichtbare Grenzen getrennt bleiben und so trotz Waffenstillstand nahezu in verschiedenen Realitäten leben (ebd., S. 19f.). Baumann spricht in diesem Zusammenhang auch vom Konzept der freiwilligen Apartheid (ebd., S. 20), auf welches später noch genauer eingegangen werden soll. Laut ihm ist dies der zentrale Punkt bei der Beurteilung der Friedensfähigkeit einer jedweden Post-Konflikt-Gesellschaft (ebd.). Demnach hängt die Chance auf einen stabilen, dauerhaften, positiven Frieden nur in Teilen von der Regulierung von Gewalt und der Festigung der öffentlichen Ordnung ab, sondern auch und vor allem „von der (Wieder-)Herstellung sozialer Beziehungen zwischen den verfeindeten Wir-Gruppen“ (ebd., S. 20). Er kann also nur erlangt werden, wenn die Strukturen der freiwilligen Apartheid in der jeweiligen Post-Konflikt-Gesellschaft überwunden werden (ebd., S. 74f.).

Um dieses Ziel erreichen zu können, müssen aber der Konflikt und vor allem dessen gesellschaftliche Auswirkungen irgendwie bearbeitet werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von sog. Konflikttransformation. Auf die Theorie der möglichen Ansätze dieser Bearbeitung bzw. darauf, wie sie von verschiedenen Ebenen aus erfolgen kann, soll nun im Folgenden näher eingegangen werden.

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass das Ergebnis von Konflikttransformation kaum eine faktische Lösung des Konfliktes sein wird. Denn die oft weit zurückreichenden Ursachen sind mitunter so gut wie nicht oder nicht mehr lösbar. Ob eine Konfliktbearbeitung dennoch erfolgreich und vor allem nachhaltig wirksam sein kann, wird unterschiedlich bewertet (Baumann 2008, S. 75ff.).

Während Zartman und Rubin (2000) davon ausgehen, dass es bisweilen sogar besser ist, tiefer liegende Ursachen im Friedensprozess beiseitezulassen und sich stattdessen auf einige spezifische und unmittelbar beeinflussbare Punkte zu konzentrieren, ist J.W. Burton (1990) gegenteiliger Meinung. Er geht davon aus, dass jeder Friedensprozess, der die Ursachen des entsprechenden Konflikts ignoriert, kaum erfolgreich sein kann.

Dabei muss hinsichtlich der Ursachen auch unterschieden werden, ob es sich um politische (z.B. territoriale Abspaltung) oder ethnopolitische Motive handelt (Baumann 2008, S. 79). Ropers unterscheidet diesbezüglich außerdem weiter Interessens- und Identitätskonflikte. Während erstere meist noch irgendwie zu regeln sind, stößt man bei dem Versuch, zweitere zu bearbeiten, schnell an seine Grenzen. Konflikte dieser Art sind meist nicht verhandelbar (Ropers 1995, S. 206). Dass die Ursachen nicht beseitigt werden können, bedeutet aber nicht, dass Konflikttransformation erfolglos sein muss. Sie dürfte nur ungleich schwieriger sein. Deshalb sind nachhaltige Maßnahmen der Konflikttransformation in diesen Fällen umso wichtiger. Denn nur so kann das vorrangige Ziel des Friedensprozesses verwirklicht werden, eine Gesellschaftsformzu erreichen,„in der die einst verfeindeten Gemeinschaften gleichberechtigt zusammenleben und [ihre] soziale[n] Interaktionsmuster nicht durch den Zustand freiwilliger Apartheid gekennzeichnet sind“ (Baumann 2008, S. 78). Dazu können nach J.P. Lederach (1997) Maßnahmen bzw. Ansätze auf drei Ebenen der politisch-gesellschaftlichen Führung ergriffen werden. Er unterscheidet dabei die oberste Führungsebene (top-level leadership), die mittlere Führungsebene (middle-range leadership) und die unterste Führungsebene (grassroots leadership). Der obersten Ebene wird dabei der top-down Ansatz zugeordnet. Bei diesem handelt es sich um Aktionen auf der makropolitischen Ebene (z.B. Aushandlung eines Friedensvertrages etc.), die natürlich im Zuge des Friedensprozesses zweifelsohne notwendig sind. Der Ansatz geht aber auch davon aus, dass die auf dieser Ebene erreichten Ziele mehr oder weniger automatisch auch bis auf die anderen beiden Ebenen „durchsickern“. Dies kann aber keinesfalls einfach angenommen werden und wird auch nur in den seltensten Fällen so eintreten (Lederach 1997, S. 44ff.).

Die anderen beiden Ansätze middle-out (mittlere Führungsebene) und bottom-up (unterste Führungsebene) sind zuweilen relativ schwierig voneinander abzugrenzen und überschneiden sich häufig, da Führungsmitglieder der einen Ebene oft ebenso in der anderen tätig sind oder sein können (Baumann 2008, S. 80). Rein formal aber gehören zur mittleren Ebene etwa Funktionseliten in Wirtschaft, Bildung oder Kultur, zudem Kirchen sowie größere NGOs, die beispielsweise mit der Bildung regionaler Friedenskommissionen befasst sein können (Baumann 2008, S. 82; vgl. auch Lederach 1997, S. 39). Während auf der unteren Führungsebene vorwiegend Akteure wie lokale Führungspersönlichkeiten, Priester, Lehrer oder kleinere NGOs aktiv sind, die Projekte wie lokale Kommunikationsräume, Community-Relations-Initiativen oder Restorative Justice-Ansätze4 verfolgen (ebd.).

Im Zuge der Betrachtung des Fallbeispiels Nordirland wird versucht, einen Blick auf alle drei Ebenen zu werfen, um ein möglichst vollständiges Bild der Bemühungen hinsichtlich der Konflikttransformation in diesem konkreten Fall zu erhalten.

 

2.3 Das Konzept der freiwilligen Apartheid

Nun soll sich aber zunächst näher mit dem oben bereits erwähnten Begriff der freiwilligen Apartheid auseinandergesetzt werden. Dieses maßgeblich von Baumann (2008) geprägte Konzept beschreibt, wie zuvor bereits kurz angedeutet, ein zentrales Problem von Post-Konflikt-Gesellschaften. Nämlich die Tatsache, dass der Konflikt und damit die Waffengewalt bereits offiziell beendet wurden (also bereits negativer Friede herrscht), die Individuen der verschiedenen Gemeinschaften aber weiterhin in getrennten Realitäten leben, zwischen denen so gut wie keine soziale Integration stattfindet (und somit kein positiver Friede entstehen kann). Das friedliche (selbst wenn friedlich nur im Sinne eines negativen Friedens definiert wird) Nebeneinander der verschiedenen Gemeinschaften ist somit stets gefährdet und dementsprechend nicht besonders stabil (Baumann 2008, S. 89ff.).

Wie bereits aus dem Begriff selbst zu folgern ist, handelt es sich bei dieser „Form“ der Apartheid nicht um einen aufgezwungenen, sondern einen selbstgewählten Zustand. Dieser lässt sich vor allem dadurch charakterisieren, dass die beiden Gemeinschaften versuchen, eine weitest mögliche Separation (auf räumliche und emotionale Weise) voneinander zu bewirken. Dabei werden einige spezifische, äußerlich leicht erkennbare soziale und/oder physische Merkmale herangezogen, die als Rechtfertigung5 für den Ausschluss der anderen Gruppe und die Notwendigkeit der Separierung von ebenjener dienen. Dabei geht dieser Zustand weit über räumliche oder sozioökonomische Dimensionen der Trennung hinaus und beinhaltet vor allem eine psychologische Komponente. Freiwillige Apartheid lässt sich in fünf Facetten unterteilt betrachten, die jenen Wunsch nach Separation auf verschiedene Weisen widerspiegeln und die im Folgenden, jeweils mit kurzem beispielhaftem Bezug auf die Situation in Nordirland, genauer betrachtet werden sollen (ebd., S. 90).

 

2.3.1 Sectarianism

Dieser aus dem Englischen stammende Begriff bildet die erste Facette freiwilliger Apartheid ab. Er kann nur sehr unzureichend ins Deutsche übersetzt werden, weswegen hier der englische Begriff beibehalten werden soll. Grundsätzlich handelt es sich bei sectarianism um die direkte Folge der Polarisierung der Gesellschaft, die sich laut Moltmann (2002, S. 31) in zweifacher Weise auf diese auswirkt. Zum einen verstärkt sich dadurch die Abgrenzung zwischen den einzelnen Gemeinschaften, zum anderen entsteht eine stärkere Verbundenheit bzw. ein stärkeres Wir-Gefühl innerhalb der unterschiedlichen Gemeinschaften. Dies findet in Form von Diskriminierung, Beschuldigung oder der Rechtfertigung von Gewalt Ausdruck in zahlreichen Situationen des Alltags (ebd.) und ist ein äußerst beständiges Phänomen, das sich vor allem für einen auf Nachhaltigkeit und Verständigung ausgelegten Friedensprozess als sehr problematische Ausgangslage erweist (Baumann 2008, S. 92ff.). Auch in der nordirischen Gesellschaft kann man sectarianism intensiv beobachten. Besonders interessant ist aber, dass der Begriff als solcher im Alltag äußerst präsent ist, sei es auf murals, Plakaten oder auch im normalen Sprachgebrauch. Dies zeigt, dass man sich dieses Phänomens also durchaus bewusst ist und viel darüber spricht, obwohl man, von einer deutschen Perspektive aus gesehen, vielleicht eher erwarten würde, dem Thema hinter vorgehaltener Hand zu begegnen.

 

2.3.2 Verschwinden der moderaten Mitte

Sind die sozialen Interaktionsstrukturen von Aspekten der freiwilligen Apartheid geprägt, setzt dies die Individuen einer Gemeinschaft stark unter Druck. Freund und Feind sind klar definiert und Abstufungen zwischen diesen beiden Polen gibt es kaum mehr. Die Outgroup wird so konsequent wie möglich ausgeschlossen (Waldmann 1998, S. 111). Die moderate Mitte der Gesellschaft verschwindet weitestgehend und verliert dementsprechend stark an Einfluss. Auch Dialog- und Lösungsansätze werden von der Mehrheit der Gesellschaft nicht länger unterstützt. Stattdessen verfestigen sich radikalere Ansichten und es werden häufig verlässliche politische Positionen propagiert, die ausschließlich zu Gunsten der eigenen Gemeinschaft ausfallen und sich an deren Interessen orientieren (Baumann 2008, S. 98). Im Sinne einer verstärkten sozialen bzw. politischen Kontrolle wenden sich solche Gemeinschaften bisweilen auch gegen ihre eigenen Mitglieder (F. Burton 1978, S. 35), von denen in der Regel weitest gehende Konformität erwartet wird. Für die Zeit der eigentlichen troubles können die Kriterien dieser Facette freiwilliger Apartheid weitestgehend als erfüllt betrachtet werden. Besonders durch die Macht der paramilitärischen Organisationen (z.B. IRA oder UVF) war der soziale Druck in den Gemeinschaften auf beiden Seiten oft hoch. Wie sich die Lage heutzutage darstellt, ist sehr schwer zu bewerten und dürfte je nach sozialem Milieu etc. stark variieren.

 

2.3.3 Bedürfnis nach räumlicher Separation

Bei diesem Phänomen handelt es sich im Prinzip um die räumliche Reproduktion von sectarianism (Baumann 2008, S. 100). Im Zuge dessen entstehen homogene Wohnviertel, die entweder nahezu nur von Mitgliedern der einen oder der anderen Gemeinschaft bewohnt werden (ebd., S. 101). Auch das alltägliche gesellschaftliche Leben findet ausschließlich in den jeweiligen, von der eigenen Community dominierten Gebieten statt. Dies ist bis heute ein äußerst präsenter Faktor in Nordirland. Zwar gibt es auch durchaus Wohngegenden, Dörfer oder Viertel, in denen sich beide Gemeinschaften vermischen oder nicht sofort unmittelbar erkennbar ist, welche der beiden Communities dort lebt, doch meist muss man nicht lange nach Hinweisen suchen. Vor allem in West-Belfast, in den nationalistisch bzw. unionistisch geprägten Hochburgen Falls Road und Shankill Road, ist dies sehr deutlich an gehissten Flaggen und bemalten Bordsteinen oder Straßenlaternen zu erkennen und wird (wie an vielen anderen Orten in Nordirland ebenfalls) nahezu zelebriert. Die dort entstandenen Peace lines verstärken diesen Effekt noch zusätzlich.

 

2.3.4 Politik der Symbole

Bestimmte Symbole haben oft eine große Bedeutung innerhalb von Gemein- bzw. Gesellschaften. Dementsprechend können sie gerade in Zeiten von Konflikten ein gefährliches Potential entfalten (Baumann 2008, S. 103). So funktionieren sie bisweilen ähnlich wie Ampeln, die klar die Grenzen zwischen den Gemeinschaften, aber auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe festlegen (Armstrong 1982, S. 8). Laut MacGinty (2000, zit. n. Baumann 2008, S. 103) operieren Symbole in Gesellschaften auf zwei verschiedenen Ebenen. Zum einen repräsentieren sie bestimmte Ereignisse innerhalb eines größeren politischen, sozialen oder kulturellen Kontextes, in dem einzelne Erfahrungen als „stellvertretender, typischer Fall“ (Baumann 2008, S. 103) wahrgenommen werden. Zum anderen können sie bewusst als eine bestimmte politische Technik eingesetzt werden. So besitzt wohl jede Gemeinschaft ein Set an für sie bedeutsamen Farben, historischen Vorkommnissen oder eben tatsächlichen Symbolen, die zu politischen Zwecken ge- bzw. missbraucht und den jeweiligen Absichten entsprechend durchaus auch manipuliert werden können (MacGinty 2000, zit. n. Baumann 2008, S. 103). Im nordirischen Fall sind das etwa die irische Tricolore, die weiße Arum-Lilie und der Sagenheld Cúchulainn auf der nationalistischen Seite; der Union Jack, die Queen und William of Orange (King Billy) auf der unionistischen Seite. Eine ausführlichere Aufstellung der Symbole und Ereignisse findet sich unter Punkt 3.1.

MacGinty beschreibt dieses Phänomen zusammenfassend wie folgt:

„Symbols and symbolism can act as a vehicle for the development of an identity bond between the individual and the group and for group solidarity. They can also help promote a certain world-view and mobilise emotions and people.“ (MacGinty 2000, zit. n. Baumann 2008, S. 103)

Dieser Beschreibung entsprechend haben Symbole aber auch eine große Bedeutung für den Friedens- und Transformationsprozess, denn auch dort braucht man sie als wichtige Baustoffe für die Konstruktion von Identität. Die große Herausforderung besteht in jenem Fall zweifellos darin, die oft mit Konflikt und Trennung assoziierten Symbole in solche des Friedens und der Zusammengehörigkeit umzudeuten. Möglich ist dies aber grundsätzlich, da sich die Bedeutung von Symbolen und Ritualen naturgemäß häufig über die Zeit hinweg wandelt (Baumann 2008, S. 103f.).

Weiterhin gibt es eine enge Verknüpfung zwischen diesem symbolischen Blickwinkel auf freiwillige Apartheid und der fünften Facette ebenjener, die sich mit rituellem Gedenken befasst, worauf im nächsten Unterpunkt genauer eingegangen wird. Allerdings soll hier bereits festgehalten werden, dass sowohl die stetige Politisierung von Symbolen als auch die immer wiederkehrende Vollziehung bestimmter Rituale „so zu den manifesten und expressiven Zeichen der kulturellen Separation der Gemeinschaften“ (ebd., S. 105) werden.

 

2.3.5 Kollektive Traumata und rituelles Gedenken

Diese Facette beschäftigt sich, wie bereits angedeutet, mit etwas, das man als rituelles Gedenken als Teil der Erinnerungskultur bezeichnen könnte. Dabei werden Gewalt-Großereignisse, die eigentlich schon länger zurückliegen, in der Empfindung beziehungsweise der Erinnerung der betroffenen Gemeinschaft so wahrgenommen, als wären sie erst kürzlich passiert. Die Gegenwartisierung von Gewaltereignissen und damit meist auch des Verlustes von Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft sind eine bewusste Strategie. Jähren sich diese Ereignisse und wird ihnen öffentlich entsprechend gedacht, so ist es für die betreffende Gemeinschaft, als würden sie jedes Jahr erneut geschehen.6 Die Empfindungen können nicht zur Ruhe kommen und werden immer wieder aufs Neue aufgewirbelt. Die portraitierten Großereignisse werden so zu einem bedeutenden Teil des gemeinschaftlichen Narrativs bzw. Bewusstseins und prägen für eine ungewisse Zeitspanne, für Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte das kollektive Gedächtnis der Gemeinschaft. Sie „stehen nicht nur in den Schul-Geschichtsbüchern, sondern prägen gesellschaftliche Grundhaltungen und die Legitimationsmuster der Politik“ (Steinweg 2003, S. 111). In Nordirland wären etwa der Bloody Sunday, der Bloody Friday oder der Battle of the Boyne bzw. die Paraden der protestantischen Orden Beispiele für solche Ereignisse. Was es mit diesen genau auf sich hat, wird später im Fallbeispiel noch detaillierter erläutert. Da in solchen Fällen die Gegenwart so stark von der Vergangenheit geprägt und beeinflusst wird, kann man beinahe von einem Verlust der Zukunft sprechen, denn durch dieses Verharren in der kollektiven Vergangenheit wird der Gemeinschaft in gewisser Weise die Möglichkeit genommen, sich weiterzuentwickeln oder auch wieder richtig zur Normalität zurückzukehren (Baumann 2008, S. 105f.).

 

2.4 Folgerung

Es liegt also nahe, betrachtet man die oben beschriebenen Auswirkungen des Konzeptes der freiwilligen Apartheid und ihrer Unterfacetten, dass eine an diesen Mustern festhaltende Gesellschaft kaum Chancen auf einen dauerhaften positiven Frieden haben wird, solange jene Strukturen nicht überwunden werden (Baumann 2008, S. 89ff.). Im Hinblick auf das ganze Konzept, vor allem aber auf jene vierte und fünfte Facette der Politik der Symbole, der kollektiven Traumata und des rituellen Gedenkens steht fest, dass, um eine Überwindung der Strukturen freiwilliger Apartheid zu ermöglichen oder zu erleichtern, die diese Strukturen auslösende Vergangenheit und die dazugehörigen kollektiven Erinnerungen in irgendeiner Form bearbeitet bzw. transformiert werden müssen. Es muss folglich Erinnerungspolitik betrieben werden.

 

2.5 Die Rolle von Erinnerungspolitik im Friedensprozess