Erkenne dich selbst in der Natur - Wolf-Dieter Storl - E-Book

Erkenne dich selbst in der Natur E-Book

Wolf-Dieter Storl

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Beschreibung

Der bekannteste Kultur-Anthropologe und Ethno-Botaniker Dr. Wolf-Dieter Storl erzählt in einem ganz persönlichen Gespräch von der untrennbaren Verbindung zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Natur.
Auf der Grundlage einer Reihe von mehreren Interviews mit der Biologin und Bewusstseinsforscherin Rébecca Kunz erklärt Storl mythologische Hintergründe, teilt sein Schamanenwissen und erläutert, wie die Naturverbundenheit der Menschen noch heute bei den indigenen Völkern gelebt wird. Der Geist der Natur ist reich an Inspirationen und hilft dem Menschen mit sich selbst wieder in Verbindung zu kommen.
Storl spricht von seiner eigenen Naturerfahrung, über das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren und schafft ein Bewusstsein für die Heilkräfte der Pflanzen. In der Natur wird Selbsterkenntnis möglich und eine enge Verbundenheit mit dem Ursprünglichen geschaffen. Seine persönlichen Einsichten öffnen unseren Blick für das Mysterium des Lebens.
Ein spannendes Lesebuch über Selbstfindung und die Heilkräfte der Natur.

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Seitenzahl: 197

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Dr. Wolf-Dieter Storl

Rébecca Kunz

Erkenne dich selbst in der Natur

Gespräche über ein Leben im Einklang, aufgezeichnet von Rébecca Kunz

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der bekannteste Kultur-Anthropologe und Ethno-Botaniker Dr. Wolf-Dieter Storl erzählt in einem ganz persönlichen Gespräch von der untrennbaren Verbindung zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Natur.

Auf der Grundlage einer Reihe von mehreren Interviews mit der Biologin und Bewusstseinsforscherin Rébecca Kunz erklärt Storl mythologische Hintergründe, teilt sein Schamanenwissen und erläutert, wie die Naturverbundenheit der Menschen noch heute bei den indigenen Völkern gelebt wird. Der Geist der Natur ist reich an Inspirationen und hilft dem Menschen mit sich selbst wieder in Verbindung zu kommen.

Storl spricht von seiner eigenen Naturerfahrung, über das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren und schafft ein Bewusstsein für die Heilkräfte der Pflanzen. In der Natur wird Selbsterkenntnis möglich und eine enge Verbundenheit mit dem Ursprünglichen geschaffen. Seine persönlichen Einsichten öffnen unseren Blick für das Mysterium des Lebens.

Ein spannendes Lesebuch über Selbstfindung und die Heilkräfte der Natur.

Inhaltsübersicht

VorwortWir sind ein Teil des GanzenFürchte dich nichtAm Rande MidgardsLandschaften prägen, Landschaften heilenNeustart in AmerikaKraftorteIn der Natur die eigene Göttlichkeit erkennenTiere als Lehrer und HelferAuge in Auge mit wilden TierenHaustiere und NutztiereDas Helle und das DunkleMit Himmel und Erde verbundenWirkstoffe, Heilserwartung und HeilerPflanzendevasSeelische ReinigungVon Heinzelmännchen, Elben und HexenschüssenPflanzenheilkraftWer gibt hier den Ton an?Mit Cannabis die Geister sehenGeheimes WissenDen Weg des Herzens gehen
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Vorwort

Wolf-Dieter Storl erzählte mir früher einmal, wie sehr er Regenbogen liebt und wie ihm einst ein Regenbogen in einer schwierigen Situation viel Zuversicht geschenkt hatte.

Kurz nachdem wir dann im Sommer 2008 das erste unserer Gespräche für das vorliegende Buch begonnen hatten, erschien ein leuchtender Regenbogen am Himmel. Ein Zufall? Wunderschön anzusehen, bilden Regenbogen eine sinnlich wahrnehmbare Brücke zur geistigen Welt.

 

Die Welten jenseits der sichtbaren, materiellen Welt sind zwar immer da, aber wir sind meistens zu beschäftigt, um sie wahrzunehmen. Wenn wir jedoch ganz im Hier und Jetzt sind, offen und präsent, dann zeigen sie sich unvermittelt. Das Hineingehen in die Natur nährt die Seele und hat heilende Wirkung. In der Natur fühlen wir uns aufgehoben und als Teil des Ganzen. Dies zu erkennen und bewusst zu erleben ist inspirierend, die Seele schwingt höher: Wir erkennen dadurch uns selbst und was durch uns leben möchte besser.

 

Die Arbeit an diesem Buch bereitete mir sehr viel Freude. Meine Sicht der Welt und mein Erleben in der Natur verändert und verfeinert sich seither spürbar. Möge es Ihnen mit der Lektüre dieses Buches ähnlich ergehen!

 

Rébecca Kunz, Ende Dezember 2008

 

 

Das Buch ist zeitlos und seine Wirkung nachhaltig. Die Öffnung für die geistige Welt wird für den, der sich einlässt, immer selbstverständlicher, und die Seele empfängt Nahrung in Hülle und Fülle. Wolf-Dieter Storl ist ein großer Wegbereiter, und seine Zeit ist gekommen; er begeistert Jung und Alt.

Für seinen Forschergeist, für sein Wirken und nicht zuletzt für das Erleben seines ausgeglichenen Wesens, für die Freundschaft, möchte ich ihm von Herzen danken.

 

Rébecca Kunz, Ende September 2020

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Wir sind ein Teil des Ganzen

Wolf-Dieter Storl, Sie kommen gerade von einem Seminar, das Sie in der Nähe von Basel gegeben haben. Wie können wir uns das vorstellen?

»Wenn du etwas vom Bambus willst, dann gehe zum Bambus«, sagte Basho, der Haiku-Dichter. In den Seminaren gehen wir immer nach draußen. Wenn wir unterwegs sind, lassen wir uns von den Pflanzen selbst führen; einige sprechen einen an, einige halten einen an, jemand bleibt stehen, plötzlich bleibt die ganze Gruppe stehen … Und das Schauen wird tiefer und tiefer. Prinzipiell sind dies zugängliche Welten, die uns im Alltag aber oft verschlossen sind.

Gibt es Möglichkeiten, sich selbst einzustimmen, damit uns diese Welten zugänglicher werden?

Ja. Diese Welten sind zwar immer da, aber wir sind meistens zu beschäftigt und sind selten im Hier und Jetzt. Wir überlegen uns dauernd, was wir noch zu tun haben oder ob wir zum Beispiel etwas falsch gemacht haben. Wir sind nie ganz da, sondern gedanklich meistens in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Sind wir jedoch ganz präsent, dann zeigen sich diese Welten unvermittelt. Es kann auch nur ein Wassertropfen sein, der uns einlädt zu schauen. Ganz besonders ist natürlich der Moment, wenn eine Blüte sich öffnet.

Zwischendurch in der Hektik des Lebens innehalten, das ist kein langer Prozess. Wir können auch nur wenige Sekunden in die Zeitlosigkeit eintauchen und das Wunder darin sehen, um dann wieder aufzutauchen und in der alltäglichen Welt zu funktionieren. Und plötzlich sehen wir die Götter – in einem Menschen, in der Aura eines Menschen oder in einem Tier. Das kann sogar in einer kleinen Ameise sein.

Das mutet fast wie im Märchen an – das Göttliche sehen wir ja nicht materiell. Sind das einfach Stimmungen und Resonanzen, die da wahrgenommen werden?

Das Problem ist, dass wir häufig an den Worten hängen bleiben. Die Sprache ist zwar ein Werkzeug des Geistes, sie ist jedoch oft sehr beschränkt. Wenn wir von Elfen sprechen, entwickeln wir Kitschvorstellungen von Elfchen mit Libellenflügeln. Zutiefst geht es jedoch um die Wahrnehmung der Seele von wirklich vorhandenen Wesen, von ätherischen Lebenskräften und von Beseeltem.

Die moderne Welt geht aber von einer rein materialistischen Grundlage aus.

Sie geht von Energie und Masse aus – das ist die Wirklichkeit. Intelligenz oder Gefühle werden als Epiphänomene betrachtet; dennoch gehören sie zum Sein, zum Bewusstsein, genauso wie Energie und Masse. Auch wenn es märchenhaft klingt – wir leben tatsächlich in einer märchenhaften Welt! Wir leben in einer Zauberwelt. Wir leben in einer wunderbar magischen Welt, und wir können diesen Zugang wiederfinden.

Märchen sind nicht einfach Aberglaube oder psychologische Projektion. Wir leben in einer beseelten Welt. Das Wort Märchen finde ich ganz wunderbar. Es bedeutet Mär, eine Botschaft aus anderen Dimensionen. Sie sind existent, wir nehmen sie jedoch meist nicht wahr. Wenn Schamanen in die Natur gehen und mit ihrer Seele bewusst und wach diese Welten erleben – wie können sie davon reden, wie können sie das Geschaute den Menschen mitteilen, den Menschen, die so ganz und gar in ihren Problemen und Projektionen gefangen sind? Sie müssen Worte und Bilder finden, die märchenhaft klingen. Es sind jedoch wahre Botschaften von anderen Dimensionen. Die meisten kennen das Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär«. Dem Autor Martin Luther lag es sehr fern zu sagen, es sei nur ein Märchen. Es sind Botschaften aus transzendenten Welten – die nicht weit weg, sondern immer da sind. Ein Märchen ist eine Kunde davon.

Sie sagen, diese Welten seien nicht weit weg. Trotzdem fühlen sich heute viele Menschen getrennt davon. Dieses schwer zu ertragende Gefühl innerer Isolation ist heute ein großes Problem, insbesondere in den Industriestaaten.

»Getrenntsein« ist der Ursprung des Wortes Sünde. Sünde bedeutet nicht, jemand hat etwas Böses getan und nun muss er sich schuldig fühlen. Sünde heißt: Man ist abgesondert. Ab-sondern. Das Teilhaben an dem, was zutiefst zu uns gehört, ist derart stark abhandengekommen, dass einige gar nicht mehr wissen, dass es einen anderen Bewusstseinszustand gibt. Oder sie leugnen es und sagen, ach, das ist Quatsch, Aberglaube. Sie leben dann in einer Art Verzweiflung. Übrigens, Verzweiflung ist auch ein interessantes Wort, bedeutet es doch zweigeteilt. Es meint genau das: Nicht mehr ganz, nicht mehr heil sein.

Dann ist die einzige wirkliche Sünde, die wir uns aufladen können, die des Abgetrenntseins von der Natur?

Das Erleben des Zustands von Abgetrenntsein gehört auch zum Ganzen. In Indien habe ich sehr viel gelernt. Es hat mich über zahlreiche Vorstellungen, die ich in der Jugend in der Kirche hörte, hinausgehoben. Es heißt in Indien, dass Shiva, das Sein selbst, das Universum auf dem Weltenberg meditiert. Seine Meditation soll so wunderbar und stark sein, dass er sich in der Meditation verliert: Er springt hinein. Er wird zur Ameise, zum Baum, zum Menschen … Er lebt sich in all diesen Formen aus. Im Abenteuer, in der Ekstase dieses Erlebens vergisst Shiva sein wahres Selbst. Der ganze Prozess, den wir Evolution oder Entwicklung nennen, ist das Zurückfinden dieser kleinen »Selbste«, dieser Teile, zum eigentlichen Selbst, zum Ganzen. Also ist auch die Absonderung Teil des ganzen Wunders oder des göttlichen Spiels. In Indien wird dieses Spiel Gottes »Lila« genannt. Es ist wie ein Kinderspiel. Man spielt Monster oder Fangen. Und wenn das Spiel fertig ist, sagen die Kinder: »Was machen wir jetzt? Ach, fangen wir das Spiel nochmals von vorne an …«

Uns Erwachsenen geht jedoch das Spielerische im Laufe des Lebens manchmal verloren.

Auch dass man vergisst, gehört zum Spiel. Es ist das Bild des göttlichen Narren, der nicht mehr weiß, was er tut – so sind wir alle, das sind wir selbst. Tat twam asi, »das bist du«. Wir tragen alle eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit in uns – diese lässt uns dann auf die Suche gehen. Dies ist ein ganz natürlicher Vorgang. So natürlich wie das Wasser, das vom Himmel fällt, Bäche bildet und die Bäche zu Flüssen werden und diese wieder ins Meer zurückfließen.

In unserem Leben geht es sicher auch darum, diese Sehnsucht zu spüren und ihr zu folgen. Selbsterkenntnis ist dabei wichtig. Die Natur gibt uns dabei viele Hilfestellungen.

Gott und das wahre Selbst ist das Gleiche. Die Natur ist immer eine Hilfe, dies zu erkennen. Insbesondere die Pflanzen sind nicht getrennt von der Ganzheit. Tiere sind etwas stärker getrennt, doch sie leben noch in der Traumzeit. Wenn Hunde daliegen und schlafen, ist ihre Seele in der Traumzeit. Wenn der Bär in der Höhle seinen Winterschlaf hält, befindet er sich im Himmel oder, wie man früher sagte, im Reich der Holle. Im Märchen von Rosenrot und Schneeweißchen wird das schön erzählt mit dem Bären, der den Winter dort verbringt. Bei der Holle sind die Göttinnen in dreifacher Gestalt: Schneeweißchen, Rosenrot und die Alte. Das entspricht der weißen, roten und schwarzen Göttin, die eigentlich eins sind. Der in einen Bären verwandelte Prinz träumt in der Höhle, bis er im Frühling wieder hinausgeht.

Wenn Tiere schlafen, sind sie in der Ganzheit. Sind Tiere weise?

Tiere sind sehr verbunden mit der großen Natur, deswegen sagen die Indianer: Tiere sind weiser als Menschen.

Demzufolge können Tiere auch unsere Lehrer sein. Sie sind äußerst geduldige Lehrer, und sie nehmen sehr viel auf sich. Jemand sagte einmal: Es wird ganze Zeitalter der Liebe bedürfen, um all das wiedergutzumachen, was uns die Tiere schon gegeben haben, was sie durch uns erlitten und erduldet haben.

Wenn Tiere krank sind, gehen sie gezielt zu gewissen Pflanzen. Auf diese Weise haben die Menschen die Heilpflanzen kennengelernt – sie stimmten sich wie die Tiere ein. Tiere haben sehr gute Sinnesorgane, die Instinkte sind intakt. Tiere wissen instinktiv, was sie brauchen. Die Naturvölker schauen zum Beispiel bei den Bären, was sie fressen, und benutzen dann diese Pflanzen als Heilpflanzen. Menschen haben auch ein bisschen Gespür dafür. Bei den Kräuterseminaren oder Kräuterwanderungen lasse ich die Leute erst einmal eine Pflanze kosten – eine Pflanze, die ich kenne und die sie oft nicht kennen. Dann sage ich: »Schau doch mal, welche Organe sie zu berühren scheint, was für Energien sie auslöst.« Meistens spüren die Menschen etwas. Es fließt ein Strom zur Leber, die Verdauung wird angeregt, oder man spürt, dass die Energie zum Kopf wandert. Wir Menschen haben noch ansatzweise diese Zugänge, die dem Tier instinktiv zur Verfügung stehen.

Pflanzen sind nicht getrennt, sie sind in der Ganzheit. Können sie deshalb gut heilen?

Die Pflanzen sind noch ganz und gar mit der Ganzheit verbunden, weitaus mehr als die Tiere. Sie sind völlig makrokosmisch. Mit ihren Wurzeln nehmen sie die Erdenergien auf und mit den Blättern das Licht. Sie sind ganzheitlich heil und können deswegen gut heilen: Sie lassen uns teilhaben an ihrem Heil.

Sehen Pflanzen krank aus, ist das nur eine Spiegelung der Umwelt oder es ist der natürliche Gang aller Dinge, die sie verkörpern. Alles, was sich verkörpert, entkörpert sich auch wieder. Im Herbst, mit abnehmender Sonne, nehmen die ätherischen Kräfte ab; die Pflanzen beginnen zu welken. Sie hinterlassen Samen. Immer wieder gibt es Menschen, die sehr erschrecken, wenn Pflanzen sterben. Doch alles, was entsteht, vergeht wieder. Und entsteht wieder. Das ist der Lauf der Dinge.

Pflanzen sterben aber auch aus, und das viel schneller als früher. Die Menschen roden die Urwälder usw.

Das geschieht tatsächlich, wie in einer Zerstörungswut oder in einem Wahn. Leben als solches ist jedoch nicht ausrottbar. Es gab in der Geschichte Zeiten, in denen es die Pflanzen sehr schwer hatten, und dann gab es wieder Zeiten, in denen es leichter war für sie. Lokal gesehen: In der letzten Eiszeit waren keine Pflanzen mehr hier, es war »Tabula rasa«. Wir sind heute noch immer in einer nacheiszeitlichen Phase, in der die Pflanzen zu uns zurückkehren.

Natürlich sollten wir sorgfältiger mit den Pflanzen umgehen! Pflanzen sollten wir nicht nur als Materie betrachten. Und Bäume sind nicht nur Holz, geschweige denn etwas, was aus dem Weg muss, damit Plantagen für Biosprit angebaut werden können. Wenn wir Pflanzen in ihrem Wesen erkennen und anerkennen, dann können wir derartige Dinge gar nicht mehr tun. Es hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Erkennen wir uns selbst, können wir nicht mehr so verantwortungslos wie bisher mit der Mitwelt umgehen.

Pflanzen können uns bei der Selbsterkenntnis helfen. Pflanzen wachsen in zwei Richtungen, sie sind mit der Erde und dem Himmel verbunden – aufgespannt im Göttlichen.

Die Pflanzen stehen in umgekehrtem Verhältnis zum Kosmos wie die Menschen. Die Wurzeln in der Erde entsprechen dem Kopf, die Fortpflanzungsorgane sind der Sonne entgegengestreckt. Beim Menschen ist es umgekehrt, und so erleben wir uns als abgesonderte Individuen. Pflanzen erfahren sich wohl nicht als Individuen. Die Tiere stehen in etwa dazwischen.

Aufgrund unserer individuellen Wahrnehmung erleben wir uns als Egos. Viele Religionen versuchen, das Ego auszulöschen, doch es gäbe keine Manifestation ohne Ego. Das Göttliche braucht das Ego, um sich in vielfältiger Weise zu manifestieren. In die Zukunft planen oder in die Vergangenheit schauen – dazu braucht es ein Ego.

Was meint Shiva zum Ego?

Nehmen wir das Bild vom tanzenden Shiva: In der einen Hand hält er das Feuer der Zerstörung, in der anderen Hand die Trommel, welche die Schöpfung bringt. Einen Fuß hat er auf einem hässlichen Zwerg, und ein Fuß ist angehoben. Shiva zeigt auf den gehobenen Fuß, den Fuß der Leichtigkeit. Dabei hat er eine Handfläche wie zum Segnen ausgestreckt, so als würde er sagen: Keine Sorge, es ist alles noch im Lot. Jedoch steht der eine Fuß auf dem Zwerg – dieser Zwerg verkörpert das Ego. Ohne dieses Ego könnte die göttliche Manifestation nicht bewusst werden, sie könnte nicht stattfinden. Deswegen hat auch das Ego seinen Platz im Sein. Ohne Ego wäre keine bewusste Transzendenz möglich. Es wäre kosmische Stille – alles wäre erfüllt. Und dann würde das Spiel von vorne beginnen.

Zurück zum »Erkenne dich selbst in der Natur«: Wenn wir auf einem Spaziergang anhalten und einfach schauen, dann kann sich etwas öffnen. Wie gelingt das?

Es gibt verschiedene Techniken, die mehr oder weniger gut sind. Ich glaube kaum, dass wir eine Öffnung erzwingen können. Wir können höchstens darum bitten. Von den Indianern habe ich gelernt, dass es die Naturwesen selbst sind, die einen anhalten. Es ist eine Erfahrung der Gnade. Manche Menschen können diese Erfahrung nicht machen, sie sind zu sehr verwoben in der Jagd nach Geld, Macht, Sex, was auch immer. Ihnen gelingt es nicht, innezuhalten. Doch plötzlich werden sie angehalten, zum Beispiel durch einen Unfall, eine Krankheit, durch das Burn-out-Syndrom oder durch einen Verlust … Das Leben bietet immer wieder Gelegenheiten, innezuhalten.

Als ich einst mit den Indianern in die Berge ging, hielten wir immer wieder an und schauten einfach. Es ist wie ein Hineintreten in einen sakralen Raum. Sie sagten: »Nicht du bist es, der anhält. Die Pflanzen halten dich an, sie holen dich.« Für diese Indianer ist die geistige Welt ganz und gar präsent, und wir können teilnehmen an dieser Ekstase. Wir werden angehalten und haben einen Einblick in die Ewigkeit. Das Zeitgefühl, wie wir es im Alltag kennen, ist praktisch nicht mehr vorhanden.

Ist dies ein Schauen im übergeordneten Sinne, ein Teilnehmen an etwas Größerem?

Ja. Es gibt dafür den Begriff Satori. Ich erlebe das stets als Gnadenakt.

Heute früh war ich auf einem kurzen Spaziergang, da sah ich eine Nachtkerze am Wegrand. Obwohl es regnete, trug sie eine in der letzten Nacht aufgeblühte Blüte voller Tautropfen. Ich dachte: Wie sehen denn die Staubblätter dieser Pflanze aus? Das müsste ich doch wissen … Ich schaute sie an und dann – oh, ein Staunen. Diese Tautropfen, wie wunderbar! Es war ein Hineintauchen in das Wunder, in dem wir leben. Blumen, Blüten sind schöne Tore dazu.

Wenn alles rundum blüht, dann fühlen auch wir uns beseelter, lebendiger … auch hier ein Spiegel.

In der Blüte ist es so, als berühre die Pflanzenseele ihren Körper. Die Pflanzenseele ist makrokosmisch, sie ist also nicht in der Pflanze drin in dem Sinne, wie die Seele in unserem menschlichen Körper inkarniert ist. Die Seele der Pflanze ist mehr gegen außen gerichtet, sie ist weit weg. Mit der Blüte beginnt für die Pflanzenseele die Verkörperung. Würde sich die Pflanze noch mehr verkörpern, dann wären die Düfte noch stärker, die Schlünde noch tiefer. Wenn nun diese Pflanzenseele ihren Körper berührt, blüht der Körper auf; er verliert partiell das Grün und nimmt Farbe und Duft an. Sogar der Stoffwechsel ändert sich, es wird wärmer in der Blüte. Das sind alles Eigenschaften der Seele: Farbe, Duft, Wärme. Deshalb erkennt unsere Seele in der Blüte etwas Seelisches. Eine Resonanz entsteht, Seelisches spricht Seelisches an. Wir können deswegen unsere Gefühle sehr gut mit Blumen ausdrücken. Blumenseelen sind rein und kosmisch, sie sind nicht abgesondert vom großen Geist – oder wie immer man den Urgrund nennen mag.

Seelisch bewegt werden und seelisch bewegen, das gelingt mit Blumen sehr gut.

Wir pflücken Blumen, die uns entsprechen, und damit möchten wir einem lieben Menschen eine Freude machen, als Ausdruck der Seele. Immer wenn wir seelisch bewegt werden, spielen Pflanzen eine Rolle. Auch bei Beerdigungen: Meist verwenden wir da weiße Blumen, die Farbe des Jenseits. Weiß ist traditionell eine Geisterfarbe.

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Fürchte dich nicht

Es gibt Menschen, die behaupten, Pflanzen würden schreien, wenn wir sie pflücken.

Das ist Unsinn. Das würde bedeuten, jede Kuh ist eine Mörderin, und jedes Kind, das Gänseblümchen pflückt, ist brutal. Diese Vorstellungen beziehen sich auf Experimente von Cleve Baxter. Er hatte vor einigen Jahren einen Polygrafen, also einen Lügendetektor, an einen Drachenbaum angeschlossen. Dann manipulierte er diese zähe Pflanze, unter anderem mit heißem Wasser – da reagierte die Pflanze natürlich. Interessanterweise reagieren Pflanzen weniger auf das physische Eingreifen als vielmehr auf die Absicht, die dahinter ist. Zumal Pflanzen nicht derart in ihren Körper inkarniert sind wie wir, sondern ihre Seele frei und schwebend ist, können sie unsere Intentionen und Gefühle wahrnehmen.

Deshalb merken es Pflanzen auch, ob wir sie mögen?

Pflanzen wachsen deutlich besser, wenn wir sie gernhaben. Ich kenne einen englischen Gärtner, der die Borretschpflanze sehr liebt; bei ihm sind die Borretschstängel so dick wie Arme und zwei Meter hoch. Früher hieß es, dass dort, wo die Menschen ehrlich und ordentlich seien, die Pflanzen besser gedeihen als an Orten, wo die Menschen bösartig und zerstritten seien.

Ich konnte das einmal deutlich in England erleben. Das Gras um ein Haus war verdorrt, ein Baum war tot. Im Haus erblickte ich einen Satansaltar, und unter den Bewohnern herrschte eine sehr raue Sprache. Hier war die Reaktion der Pflanzen ums Haus ein deutlicher Spiegel davon, was sich im Inneren des Hauses abspielte.

Das heißt, wenn wir eine Nahrungspflanze oder eine Heilpflanze in guter Absicht ernten oder pflücken, ist das in Ordnung. Und wenn eine Kuh Gras frisst, leidet das Gras nicht.

Im Gegenteil, es freut das Gras ausgesprochen! Pflanzen stehen mit dem Sonnenlicht und dem von Mikroorganismen, Pilzen und Tieren produzierten Kohlenstoffdioxid und Wasser endlose Energiequellen zur Verfügung. Pflanzen produzieren eine unendlich große Biomasse. Gäbe es keine Tiere, die davon fressen würden, oder Pilze und Mikroben, die das wieder abbauen würden, würde die Erde ersticken. Wir und die Tiere sind prädestiniert, Pflanzen zu essen; die Pflanzen geben sich, sie schenken sich. Deshalb werden in den Veden die Pflanzen auch »Mütter« genannt: »Ehren will ich euch, ihr Pflanzen, entstanden drei Weltalter vor den Göttern, Mütter seid ihr.«

Dennoch leiden viele Menschen daran, dass sie sich in einem Mangelgefühl, einem inneren Hungergefühl befinden – und dies in einer übersättigten Gesellschaft.

Es ist das Problem des »Abgekapseltseins im Ego«, des Nichtverbundenseins. Das Ego ist nie satt, es ist immer im Mangelgefühl. Auch wenn sich viele Egos zusammenschließen in einer Kirche, in einem Verein – der Mangel bleibt. Die ganze Konsumgesellschaft basiert auf unzufriedenen Egos. Wäre das nicht so, würde eine ganz andere Wirtschaft existieren, denn sie baut auf diesen subjektiven Mangelgefühlen auf. Das Ego sagt, dass es nicht schön und klug sei und deshalb dies und jenes brauche. Doch es kann nie satt werden. Erkennen wir das nicht, werden wir sehr destruktiv. Der Mangel wird mit einem tollen Auto, mit teuren Kleidern und anderem kompensiert.

Die Natur jedoch ist heil. Deshalb kann ein Hineingehen in die Natur eine wirklich heilende, echt sättigende Wirkung auf uns haben. Sie lässt uns wieder teilhaben am Ganzen. In dem Sinne sind Tiere und Pflanzen Lehrer für die Menschen.

Unser Tun, wenn es nur aus dem Verstand kommt, ist oft ein Reagieren und Manipulieren. Kurzfristig bringt es vermeintlich Lösungen, langfristig ist es oft zerstörerisch.

Also täten wir gut daran, uns vermehrt auf die Gesetze der Natur zu besinnen?

Die Weisen lehren uns: Ein einfacheres Leben ist ein besseres Leben. Viele reiche, äußerlich erfolgreiche Menschen sind zuinnerst nicht glücklich. Sie sehnen sich bewusst oder unbewusst nach einem natürlichen Leben in Einfachheit und Schlichtheit. Und nach einer gewissen Ordnung. Die Natur ist ordnend, sie ist im Einklang mit den kosmischen Rhythmen. Sie folgt dem Lauf der Sonne, dem Gang des Mondes und den Bewegungen der Sterne. Die Natur ist Musik, sie wird auch als Harmonie der Sphären bezeichnet. Natur ist Ordnung.

Ein Garten kann schön sein. Doch wer die Natur ohne menschliche Eingriffe kennt, die Wildnis, der ist überwältigt! Ich habe in Nordamerika, unter anderem in den Rocky Mountains, zum Teil auch im Himalaja, reine Natur gesehen – man kann nichts verbessern. Das ist sehr inspirierend. Die Seele kommt in eine höhere Schwingung. Ganz in der Natur sind wir näher bei uns selbst. Wir erkennen mehr, wer wir sind und was mit uns gemeint ist in diesem Leben. Erkennen hat mit innerer Ordnung und der daraus erwachsenden Klarheit im Leben zu tun.

Wieso meint zumindest der westliche Mensch, dass die Natur chaotisch, bedrohlich und ungeordnet ist?

Oft werden diese Ängste in der Kindheit geschürt. Wenn ein Kind im Wald Erdbeeren sieht und sie pflücken möchte und die Mutter hat Angst wegen des Fuchsbandwurms, dann schreit sie: »Nein!« Solche Erlebnisse haben lang anhaltende Wirkung. Dabei ist Fuchsbandwurmbefall extrem selten und stellt praktisch keine Gefahr dar.

Einmal wurde ich in Oregon sogar während einer Vorlesung gerufen. Die Sekretärin kam hereingestürzt und rief: »Der Chefarzt ist am Telefon!« Er hatte ein Kind in der Notfallaufnahme, es hatte unbemerkt Beeren gegessen. Daraufhin wurde ihm der Magen ausgepumpt. Die Eltern und der Arzt waren sehr besorgt und wollten von mir wissen, was das für Beeren waren. Wie sich herausstellte, stammten die lachsfarbenen Beeren von einem Busch, der hinter dem Haus wuchs. Es handelte sich um Manzanita, ein Hauptnahrungsmittel der einst dort lebenden Indianer. Die Beeren schmecken gut, sie sind süß und vitaminreich. Nun, dieses Kind wird nicht so schnell wieder einen normalen Zugang zur Natur haben.