Erlebnisse als Integrationsinstrument - Astrid Sonntag - E-Book

Erlebnisse als Integrationsinstrument E-Book

Astrid Sonntag

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Beschreibung

Für jedes verkaufte Exemplar wird 1 Euro an den Leipzig Cricket Club e.V. zur Förderung von Integrationsprojekten gespendet. »Jeder ist mit Integration konfrontiert.«, heißt es in einem der Interviews, die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurden. Aufgrund von Bürgerkriegen, vor allem in Syrien, sind besonders im vergangenen Jahr die Flüchtlingszahlen stark angestiegen, was auf wachsende Probleme stößt. Es entsteht ein Konflikt unter den Kulturkreisen. Der »Angst vor Überfremdung« steht die emotionale Verletzung und die Wut der Nichtanerkennung der eigenen Persönlichkeit gegenüber. Dies wird durch die Darstellung in den Medien unterstützt. Erfolgreiche Integration scheint dort kaum oder nur selten thematisiert zu werden. Allerdings ist dies für die Entwicklung Deutschlands und das Zusammenleben in der Gesellschaft von großer Bedeutung. Aus diesem Grund ist die vorliegende Arbeit entstanden, die einen Beitrag zu einer erfolgreichen Integration leisten soll. Dabei werden Erlebnisse im Rahmen von Events betrachtet, wobei ein Rückschluss gezogen werden soll, ob diese den Integrationsprozess erfolgreich mitgestealten können. Vor allem in Kommunen wird dieser Zusammenhang bisher nicht herausgestellt. Aus diesem Grund soll es Aufschluss darüber geben, inwiefern eine Verbindung zwischen sozialpsychologischen Theorien und Erlebnissen als Teil von Events besteht und ob Erlebnisse als Integrationsinstrument für Flüchtlinge mit besonderem Hinblick auf die Herausforderungen in Kommunen genutzt werden können.

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EPUB

Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sonntag: Erlebnisse als Integrationsinstrument

Diese Publikation wurde 2016 als Masterarbeit im MBA-Studiengang Eventmarketing und Livekommunikation an der TU Chemnitz angenommen.

ilri Bibliothek Wissenschaft, Band 14

Astrid Sonntag

Erlebnisse als Integrationsinstrument

Nutzung von Erlebnissen zur sozialen Integration von Flüchtlingen im Hinblick auf die Problematiken in Kommunen

Dass Erlebnisse Menschen verbinden und Grenzen überwinden können, hat die Autorin, geboren 1992 in Leipzig, vor allem in ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen und der Tätigkeit im Leipzig Cricket Club e.V. erfahren. Aus diesem Grund entstand die Idee, die beiden Themengebiete Erlebnisse und Integration zu verbinden, um so Möglichkeiten für die Arbeit mit Asylbewerbern im gegenseitigen Integrationsprozess mit Einheimischen aufzuzeigen. Gerade im ländlichen Raum gibt es viele Herausforderungen zu bewältigen, was durch dieses Buch vereinfacht werden soll.

1. Auflage 2017

ISBN: 978-3-95420-024-5

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Relevanz der Arbeit

1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

2 Sozialpsychologische Theorien

2.1 Prosoziales Verhalten

2.2 Soziale Identität

2.3 Selbstkategorisierungstheorien

3 Vorurteile und deren Zusammenhänge in Intergruppenbeziehungen

3.1 Vorurteile als Einstellung

3.2 Vorurteile in gruppenbasierenden Prozessen

3.3 Möglichkeiten zum Abbau von Vorurteilen

4 Erlebnisse als sozialpsychologische Grundlage und Teil des Eventmarketings

4.1 Abgrenzung von verwandten Begriffen

4.2 Bedeutung von Erlebnissen in Events

4.3 Erlebnisse als Integrationsinstrument

5 Forschungsstand hinsichtlich Integration durch Erlebnisse

5.1 Aktueller Forschungsstand

5.2 Besonderheiten in Kommunen

6 Qualitative Studie

6.1 Problemdefinition und Untersuchungsmethode

6.2 Rahmenbedingungen und Vorgehensweise

6.3 Auswertung der Untersuchung

6.4 Interpretation der Ergebnisse

7 Managementimplikationen

8 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Die Interviews der qualitativen Studie können unter http://bit.ly/sonntag-anhang abgerufen werden.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Hilfsverhalten zwischen Gruppen

Abbildung 2: Ausprägungen des Ichs

Abbildung 3: Strategien zur Verbesserung der sozialen Identität

Abbildung 4: Entstehung von Vorurteilen und deren Auswirkung

Abbildung 5: Zusammenhänge und Hintergründe von Bedrohungen

Abbildung 6: Abbau von Vorurteilen

Abbildung 7: Rolle von Kommunen im Integrationsprozess

Abbildung 8: Auswirkung von Erlebnissen auf die soziale Integration

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Relevanz der Arbeit

„Jeder ist mit Integration konfrontiert.“, heißt es in einem der Interviews, die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurden (vgl. Interview 6, S. 71, Zeile 8). Aufgrund von Bürgerkriegen, vor allem in Syrien, sind besonders im vergangenen Jahr die Flüchtlingszahlen stark angestiegen, was auf wachsende Probleme trifft. Es entsteht ein Konflikt unter den Kulturkreisen. Der „Angst vor Überfremdung“ steht die emotionale Verletzung und die Wut der Nichtanerkennung der eigenen Persönlichkeit gegenüber (vgl. Thränhardt 2010, S. 19). Dies wird durch die Darstellung in den Medien unterstützt. Erfolgreiche Integration scheint dort kaum oder nur selten thematisiert zu werden. Allerdings ist dies für die Entwicklung Deutschlands und das Zusammenleben in der Gesellschaft von großer Bedeutung. Aus diesem Grund ist die vorliegende Arbeit entstanden, die einen Beitrag zu einer erfolgreichen Integration leisten soll.

Dabei werden Erlebnisse im Rahmen von Events betrachtet, wobei ein Rückschluss gezogen werden soll, ob diese den Integrationsprozess erfolgreich mitgestalten können. Werden Erlebnisse in Zusammenhang mit sozialpsychologischen Theorien gestellt, ist eine Herausstellung dieser als Integrationsinstrument möglich. Die Sozialpsychologie untersucht das Verhalten von Menschen unter Einfluss anderer Personen (vgl. Jonas, Stroebe, Hewstone 2014, S.27). Die aus diesem Bereich entwickelten sozialpsychologischen Konzepte können somit Ressourcen zur Darstellung von Einstellungen und Zusammenhängen in zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Sie sind hilfreich, um zu hinterfragen, inwieweit soziale Prozesse, denen die Fähigkeiten als auch Charakteristika ihrer Mitglieder zugrunde liegen, zusammenhängen und welche Schlüsse daraus für ein erfolgreiches Zusammenleben gezogen werden können (vgl. Hopkins 2015, S. 385-386). Dazu werden vor allem die Hintergründe zum prosozialen Verhalten, was grundlegend für Hilfsleistungen im Rahmen von Integration ist sowie die Theorie der sozialen Identität dargestellt.

Wenn von Integration gesprochen wird, werden verschiedene Kulturen betrachtet (vgl. Berry 2001, S. 615; Meier-Braun 2013, S. 16). Die Kultur wird als ein soziales System angesehen, welches sich durch gemeinsame Ansichten, die Ereignissen und Situationen zugeschrieben werden, auszeichnet (vgl. Jonas, Stroebe, Hewstone 2014, S. 568). Sie zeigt Verhaltensweisen sowie den Umgang mit Situationen und Denkweisen auf, die sich über Jahre hinweg etabliert haben (vgl. Triandis 1989, S. 511). Abhängig von mythologischen und religiösen Weltanschauungen entstehen unterschiedliche Ausprägungen (vgl. ebenda, S. 507). Dabei können gerade in gruppenübergreifenden Prozessen Konflikte entstehen, die sich unter anderem sowohl in Vorurteilen und Stereotypen auswirken als auch das Verhalten beeinflussen, was ebenfalls in dieser Arbeit betrachtet wird. Vorurteile und Stereotypen beeinflussen die Ausbildung der Identität (vgl. Tajfel 1982). Solchen Vorurteilen kann mittels gruppenübergreifenden Kontakt entgegengewirkt werden (vgl. Jonas, Stroebe, Hewstone 2014, S.513), was zu der Bedeutung von Erlebnissen als Integrationsinstrument zurückführt.

Wird der momentane Stand der Forschung zu dieser thematischen Verbindung betrachtet, finden sich vor allem vor dem Hintergrund der Migrationsproblematik nur wenige Informationen. Inwiefern Erlebnisse zur Integration beitragen und unter sozialpsychologischer Betrachtung gruppendynamische Prozesse unterstützen, wird dabei nicht herausgestellt. Besonders Kommunen stellen sich hierbei besonderen Herausforderungen. Integration findet vor Ort statt (vgl. Bommes 2010, S. 36). Jedoch kommt es teilweise zur Überschätzung der kommunalen Fähigkeiten, da die Rahmenbedingungen bzw. Gesetzgebungen überregional vorgegeben, dabei die Möglichkeiten der einzelnen Kommunen allerdings nicht berücksichtigt werden. Direkt im jeweiligen Ort können Flüchtlinge sowie andere Beteiligte, wie Unternehmen, Behörden und Vereine mobilisiert und zusammengebracht werden (vgl. ebenda).

Daraus ergibt sich der Forschungsgegenstand dieser Arbeit. Was zeichnet eine erfolgreiche Integration aus und welche Rolle spielen dabei Vorurteile? Welche Methoden tragen zur Förderung von Integration bei und kann Integration durch die bewusste Nutzung von positiven Erlebnissen vorangetrieben werden? Des Weiteren ist in der bisherigen Forschung die Rolle von Kommunen, also kleinen Städten und Gemeinden nicht untersucht. In der folgenden Untersuchung soll auch diese Forschungslücke geschlossen werden, indem aufgezeigt wird, welche Rolle Kommunen bei der Integration von Flüchtlingen einnehmen und ob dabei Unterschiede zwischen größeren Städten und kleineren bestehen.

1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

Unter den eben genannten Aspekten soll im Folgenden Aufschluss darüber geben, inwiefern Erlebnisse als Integrationsinstrument für Flüchtlinge mit besonderem Hinblick auf die Herausforderungen in Kommunen genutzt werden können, um so die bisherigen Forschungslücken zu schließen.

Ziel ist außerdem, sozialpsychologische Theorien mit Erlebnissen als Teil von Events in Verbindung zu bringen und Parallelen daraus zu ziehen. Daran anschließend soll herausgefunden werden, inwieweit positive Erlebnisse Auswirkungen auf eine erfolgreiche Integration haben. Weiterhin ist es Ziel dieser Arbeit, Problematiken in Kommunen herauszustellen sowie Hinweise als auch Möglichkeiten in Bezug auf die Arbeit mit Migranten und deren Integration zu geben.

Zur Erreichung der Ziele werden zuerst Sozialpsychologische Theorien mit den Hintergründen des prosozialen Verhaltens erläutert. Diese bilden die Grundlage für weitere Analysen unter erlebnisorientierter Betrachtung. Inwiefern Vorurteile den zwischen-menschlichen Kontakt beeinflussen, wird ebenso aufgeführt. Im darauffolgenden Punkt erfolgt die Betrachtung von Erlebnissen als Teil von Events sowie deren Bedeutung für den Erfolg von Events. Dabei können Verbindungen zu den sozialpsychologischen Theorien gezogen werden, die wiederum dazu führen, dass Erlebnisse als Instrument für eine erfolgreiche Integration herausgestellt werden können. Um bestehende Forschungslücken aufzuzeigen, folgt daraufhin der aktuelle Forschungsstand hinsichtlich der Integration durch Erlebnisse. Wie im vorherigen Punkt erwähnt, stellt sich in der bisherigen Forschung der Zusammenhang zwischen Erlebnis-sen, gruppendynamischen Prozessen sowie der Rolle von Kommunen im Rahmen von In-tegration nicht heraus.

Daraus leiten sich Forschungsfragen ab, die im anschließenden Punkt mittels explorativer Interviews erforscht werden sollen. Dabei werden verschiedene Perspektiven beleuchtet, um einen umfassenden Einblick in die Thematik mit möglichen Lösungsvorschlägen zu gewinnen. Mithilfe dieser Interviews werden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die sich an Mitwirkende im Integrationsprozess richten. Im Anschluss daran folgen Fazit und Ausblick mit Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit. Eine erfolgreiche Integration ist ein langfristiger Prozess, der hier in seiner Vielfältigkeit nicht komplett betrachtet werden kann. Jedoch kann die Arbeit einen Beitrag leisten, um den Prozess voran zu treiben und erfolgreicher zu gestalten.

2 Sozialpsychologische Theorien

2.1 Prosoziales Verhalten

Als prosoziales Verhalten wird ein Hilfsreaktion bezeichnet, die in der Gesellschaft als nützlich für andere angesehen wird (vgl. Bierhoff 2007, S. 299). Dem Hilfsverhalten liegt zuvor ein Entscheidungsprozess zwischen Helfen und Unterlassen zugrunde (vgl. Pakaslathi, Karjalainen, Keltikangas-Järvinen 2002, S. 138; Moschner 2002, S. 4). Mit dieser Reaktion wird nicht nur die Fähigkeit verstanden, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu verstehen, sondern auch so zu handeln, um diese zu befriedigen (vgl. Dunn, Munn, 1985, S. 266). Dabei besteht die Erwartung, dass auch zukünftig eine Verbindung zum Interaktionspartner bestehen wird. Andererseits kann Hilfe auch dann erfolgen, wenn vollständige Anonymität vorhanden ist und die Hilfeleistung nur einmalig ist (vgl. Fetchenhauer, Bierhoff 2004, S. 135). Zudem kann unter prosozialem Verhalten auch die Bereitschaft angesehen werden, andere Personen für einen unfairen Umgang zu bestrafen. Menschen sind an der Durchsetzung von Gerechtigkeit interessiert und Handeln auch demnach (vgl. ebenda S. 136).

Dabei bestehen Unterschiede zwischen individualistischen und sozialorientierten Kulturen,je nach Deutung von Werten und Normen, die sich auf das Verhalten auswirken (vgl. Trommsdorff 1993, S. 15). Dem Hilfsverhalten liegen demzufolge unterschiedliche Motive zugrunde. Zum einen kann damit das Ziel der sozialen Akzeptanz verfolgt werden (vgl. Pakaslathi, Karjalainen, Keltikangas-Järvinen 2002, S. 137; Bierhoff 2007, S. 299). Zum anderen kann es aber auch als „Hilfe zur Selbsthilfe“ angesehen werden, um Zugehörigkeit zu schaffen oder seinem Handeln einen Sinn zu geben (vgl. Edding 2013, S. 30; Moschner 2002, S. 5). Aus einem solchen Gefühl können unter anderem Hilfsorganisationen oder langfristige Hilfsprojekte entstehen. Diesen liegen neben den eben genannten egoistischen auch altruistische Motive zugrunde (vgl. Bierhoff2007, S. 326).

Das prosoziale Verhalten ist eng verbunden mit Altruismus. Altruismus ist dabei ein Teil des prosozialen Verhaltens (vgl. Bierhoff 2007, S. 299; Alle, Mayerl 2010, S. 2). Die Bereitschaft zu helfen steht hier in Verbindung mit dem obersten Ziel, Nutzen für andere zu schaffen (vgl. ebenda). Dabei entsteht für den Helfenden im Gegensatz zum prosozialen Verhalten, bei dem Erwartungen entstehen, weder ein materieller noch ein psychischer Nutzen aus der Hilfsleistung (vgl. Fetchenhauer, Bierhoff 2004, S. 132). Ohne die Erwartung eines Gegenwertes werden hier eigene Ressourcen zur Verfügung gestellt (vgl. ebenda, S. 131). Den Handlungen liegt wie beim prosozialen Verhalten das Bedürfnis der Zugehörigkeit zugrunde (vgl. Moschner 2002, S. 6). Allerdings stellt sich in der bisherigen Literatur zu diesem Thema die Frage, ob ein rein altruistisches Verhalten überhaupt existiert. Das selbstlose Verhalten wird demnach zwar mit keiner Gegenleistung verbunden, es können aber Erwartungen entstehen (vgl. Alle, Mayerl 2010, S. 2). Zudem liegt wie im vorherigen Abschnitt erwähnt, dem Hilfsverhalten das egoistische Motivationssystem zugrunde. Dies tritt jedoch meist nicht bewusst hervor. Handlungsmotive können sich im Laufe der Zeit ändern (vgl. Fetchenhauer, Bierhoff 2004, S. 134; Moschner 2002, S. 3). Daraus entstand die Theorie des reziproken Altruismus. Hilfe findet demnach dann statt, wenn die Annahme besteht, dass diese in Zukunft vom Hilfsempfänger kompensiert wird (vgl. Fetchenhauer, Bierhoff 2004, S. 134). Darüber hinaus liegt auch hier dem Hilfsverhalten ein Entscheidungsprozess zwischen Helfen und Unterlassen zugrunde. Wird die Person als nicht hilfsbedürftig angesehen, findet keine Hilfe statt (vgl. Walther, Müller, Scholt 2001, S. 256). Auch die Aktivierung von Stereotypen, die in dieser Arbeit noch erläutert werden, kann Auswirkungen auf das Verhalten mit sich führen (vgl. ebenda, S. 249).

Eine besondere Form des Hilfsverhaltens ist der Bystander-Effekt (vgl. Latané, Darley 1968, S. 2015).

Nach Latané und Darley (1968) beschreibt der Bystander-Effekt, dass in Notsituationen durch Anwesenheit anderer potentieller Helfer (sogenannte Bystander) die Bereitschaft zu helfen geringer ist. Sind dagegen Individuen allein mit der Person, die in Not geraten ist, findet die Hilfsleistung häufiger und schneller statt. Diesem Phänomen liegt wie auch beim altruistischen Verhalten ein Entscheidungsprozess zugrunde. Zuerst muss der Vorfall wahrgenommen werden. Daraufhin muss dieser als Notfall eingestuft werden. Daraus ergibt sich die Frage, ob Hilfe notwendig ist oder nicht. Dies wird durch die Anwesenheit anderer beeinflusst. Vergleichsprozesse finden statt. Wenn das Individuum die Tatenlosigkeit der Anwesenden sieht, wird die Situation als nicht so ernst angesehen, wie bei einer direkten Konfrontation ohne Bystander. Das Gefühl der persönlichen Verantwortung nimmt mit einer steigenden Beobachterzahl ab. Dies wird als Verantwortungsdiffusion bezeichnet, die zu einer pluralistischen Ignoranz führen kann. Aufgrund der unterlassenen Unterstützung anderer, hilft auch die einzelne Person nicht (vgl. Latané, Darley 1968, S. 215-216).

Gegenüber der Theorie des Altruismus, in der die Bereitschaft zur Hilfe ohne eigenen Nutzen vorhanden ist, wird hier, wie auch im prosozialen Verhalten, je nach Anwesenheit Anderer

Kosten-Nutzen-Überlegungen durchgeführt (vgl. Alle, Mayerl 2010, S. 4). Verursacht Untätigkeit weniger Kosten, so bleibt die Hilfeleistung aus (vgl. Gottlieb, Carver 1980, S. 254).

Zudem erfordert eine Intervention gewisse Fähigkeiten sowie Wissen und Kraft des Helfenden, da es zu Gefahren kommen kann (vgl. Darley, Latané 1968, S. 362). Notsituationen sind nicht alltäglich. Individuen haben selten persönliche Erfahrungen im Umgang damit. Handlungen finden unter Stress, Angst, Not oder Unsicherheit statt, was ebenso zu einer geringeren Hilfsbereitschaft führen kann (vgl. Latané, Darley 1968, S. 215).

Der Bystander-Effekt ist dabei eher in größeren Städten als in Gemeinden vorzufinden (vgl. Latané, Rodin 1969, S. 201). Grund dafür kann sein, dass sich die Bystander untereinander nicht kennen und somit, wie z.B. auch in größeren Städten, aufgrund einer höheren Bevölkerungszahl keine Verbindung zum Hilfsbedürftigen aufgebaut werden kann. Kennen sich jedoch die Personen untereinander und bestehen untereinander Bindungsbeziehungen, so ist auch die Bereitschaft zur Hilfe da, wie im Punkt des prosozialen Verhaltens beschrieben. Eine pluralistische Ignoranz findet da eher nicht statt (vgl. ebenda, S. 191).

Neben der bisherigen theoretischen Ausführung zum Bystander-Effekt kann sich dieser allerdings auch umkehren, wenn eine effektive Hilfe viele Helfende erfordert (vgl. Greitemeyer, Mügge 2015, S. 116; Greitemeyer, Mügge 2013, S. 773). Grund dafür ist, dass das Auftreten des Bystander-Effektes rationale Hintergründe hat, sodass eine Unterstützung stattfindet, wenn diese nur durch mehrere Personen durchgeführt werden kann (vgl. Greitemeyer, Mügge 2013, S. 773). Der Hilfsumfang von möglichen Helfenden überwiegt dabei der Verantwortungsdiffusion und somit der verminderten durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit einzugreifen (vgl. ebenda, S. 779). Eine solche vermehrte Hilfsleistung setzt aber voraus, dass die Situation eine Wechselbeziehung vieler Menschen bedarf, mit der Annahme, dass eine einzelne Hilfsleistung irrational wäre (vgl. Greitemeyer, Mügge 2015, S. 118). Die Intension, unterstützend mitzuwirken steigt, wenn mehrere Menschen notwendig sind unter der Bedingung, dass eine limitierte Kommunikation vorherrscht. Das heißt, dass die Bystander untereinander nicht wissen, dass andere ebenso Hilfe anbieten (vgl. ebenda, S. 116, 118).

Hilfsverhalten wird dagegen nicht immer nur positiv angesehen (vgl. Nadler, Halabi 2006, S. 97). Ist die Hierarchieebene zwischen den helfenden Personen stabil, dann wird die Hilfe angenommen. Ist das Verhältnis jedoch unterschiedlich, kann es zur Verweigerung der Hilfe kommen (vgl. ebenda).

Nadler und Halabi (2006) führen dies insofern aus, dass das Hilfsverhalten neben der Hierarchieebene abhängig von der Identifikation mit der Gruppe ist. Wenn die Identifikation mit der Gruppe stark ist, das Ansehen der Gruppe dagegen niedrig, dann entsteht bei einem Hilfsangebot einer angeseheneren Gruppe das Gefühl von Abhängigkeit. Deshalb wird die Hilfe aufgrund des instabilen Verhältnisses abgelehnt. Personen haben das Bedürfnis nach einer positiven Identität, die durch die Möglichkeiten der anderen angeseheneren Gruppe bedroht wird. Je größer die eigene Identifikation mit der Gruppe, desto größer ist das Abwehrverhalten. Dieses Verhalten kann auch durch vergangene Ereignisse in der Geschichte beeinflusst sein. Bestanden bereits Konflikte zwischen den Gruppen, so kann auch heute noch das Abwehrverhalten untereinander bestehen. Ist die Identifikation mit der Gruppe jedoch niedrig, wird ein Hilfsangebot auch trotz indifferenter Hierarchieebene angenommen (vgl. Nadler, Halabi 2006, S. 97-108).

Abbildung 1: Hilfsverhalten zwischen Gruppen, eigene Darstellung (vgl. Nadler, Halabi 2006, S. 97-108)

Um einen detaillierteren Einblick in die Zusammenhänge in Beziehungen untereinander zu erhalten, sind besonders die Theorie zur sozialen Identität sowie die Hintergründe zu Vorurteilen zu betrachten, auf welche die eben erläuterten Begriffe angewandt werden können. Gerade im Zusammenhang auf Gruppendynamik und den Bindungsbeziehungen untereinander spielen der Soziale Vergleich sowie die Selbstkategorisierung eine entscheidende Rolle. Identitätsbildung ist ein wichtiger Bestandteil im Rahmen der Betrachtung von Integration, wobei jedoch gerade in gruppenübergreifenden Kontakten Konflikte durch Vorurteile und Stereotypen entstehen können. Im Folgenden werden die verschiedenen Theorien betrachtet.

2.2 Soziale Identität

„We are quite literally the sum total of our experiences“ (Carter, Gilovich 2012, S. 1304).

Wie in diesem Zitat aufgeführt, zeichnen soziale Gegebenheiten sowie soziale Faktoren die Individualität aus und fuhren dazu, diese auszubilden (vgl. Reicher, Spears, Postmes 1995, S. 163). Das „Ich“ ist dabei einzigartig. Es bezieht sich auf ein einmaliges Gebilde von Glaubenssätzen sowie Charakteristika, die eine Person kennzeichnen und sie von anderen Personen unterscheidet. Die Zusammenhänge dienen als Grundlage für das Handeln (vgl. ebenda, S. 168).

Menschen streben danach, ihre subjektive Unsicherheit zu reduzieren, das heißt, sie wollen wissen, wer sie sind und wie sie sich verhalten sollen (vgl. Hogg et al 2004, S. 252). Das „Ich“ untergliedert sich in die persönliche Identität sowie die soziale Identität. Erstere zeigt auf, was die jeweilige Person ausmacht und ist als Selbstinterpretation von Eigenarten anzusehen, die nicht mit anderen geteilt werden und nur aus persönlichen Kontakten im Rahmen dyadischer Beziehungen entstehen (vgl. ebenda, S. 251). Letztere dagegen kann in mehrfachen Ausprägungen vorherrschen. Sie entsteht aufgrund von diversen Gruppenzugehörigkeiten. Wenn eine Person Teil von verschiedenen sozialen Gruppen ist, kann sie demzufolge diverse soziale Identitäten ausbilden (vgl. Reicher, Spears, Postmes 1995, S. 176, Hogg et al 2004, S. 252). Das „Ich“ wird somit zum Teil durch die Interaktion in den Gruppen geformt (vgl. Triandis 1989, S. 506).