Erlöst leben - Hans Schalk - E-Book

Erlöst leben E-Book

Hans Schalk

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Beschreibung

"Bei ihm ist Erlösung in Fülle". Dieser Psalmvers ist das Leitwort und der Wappenspruch der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen. Doch Erlösung ist ein vieldeutiger Begriff, dem sich P. Hans Schalk im zweiten Band der Reihe "Spiritualität und Seelsorge" annähert. Anhand von alttestamentlichen Bibelstellen erinnert er an einen Gott, der unzählige Male sein erwähltes Volk aus verschiedenen Nöten befreite. Er schildert anhand des Wirkens, der Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu auch, wie dieser durch seine Vergebungsbitte, die in der Nächsten- und Feindesliebe begründet ist, den Kreislauf der Gewalt und Sünde durchbrochen hat. Durch seine Hingabe hat er die Menschen bereits in die immerwährende Liebe Gottes hineingenommen. Der Mensch kann sich diesem Heilsangebot öffnen oder verschließen. Dadurch, dass er glaubt, sagt er JA zu diesem Geschenk, denn Erlösung ist nicht etwas, das machbar ist. Wie Menschen zum Glauben kommen, worin dieses "Erlöst"-Leben im Heute besteht und welche Haltungen sich daraus ergeben, die wohltuend und heilsam für uns und die Gemeinschaft sein können, beschreibt P. Hans Schalk anhand von vielen (auch autobiografischen) Beispielen, die dieses zentrale Glaubensthema lebensnah aufbereiten.

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HANS SCHALK

ERLÖST LEBEN

DIE BEFREIENDE BOTSCHAFT JESU

Band 2 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2010

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck

unter Verwendung eines Bildes von Anna Maria Baumgarten

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Druck und Bindung: Alcione, Lavis (I)

ISBN 978-3-7022-3098-2 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3273-3 (E-Book)

E-Mail: [email protected]

Internet: www.tyrolia-verlag.at

INHALT

VORWORT

Lebensthema Erlösung

Aufbau des Buches

ER-LÖSUNG

aus

in

aber wie?

ERINNERUNGEN UND KONTEXTE

Theologie der Befreiung

Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten

Loskauf der Gefangenen

Der Löser

Gott, der Löser

JESUS, DER ERLÖSER

Befreiende Botschaft in Wort und Tat

Jesus begegnen

Jesu Weg nach Jerusalem

Die sieben Worte Jesu am Kreuz

Der Auferstandene begegnet den Seinen

SPERRIGE BEGRIFFE

Sünde

Tod

Sühne und Opfer

Zorn Gottes und Rechtfertigung aus Gnade

ERLÖSUNG DURCHDENKEN

Der Heilsmittler

Im Kreuz ist Heil

Herrschaftswechsel

Lösung aus Verstrickung

Befreiung von der Existenzangst

Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes

Gerettet, doch in der Hoffnung

Gott ist verliebt in das Projekt Mensch

Der dreifaltige Beziehungsraum öffnet sich

ERLÖSUNG ANNEHMEN

Glauben

Umspült vom Wasser des Lebens

Glaubens- und Lebensprozesse

IM RAUM DER ERLÖSUNG LEBEN

Vertrauen dürfen

Vergebung atmen

Leben in Christus Jesus

Leben in Gott

„Selig, die arm sind vor Gott!“

Leben im „Für“

Für alle in den Nullpunkt gehen

ERLÖSTES MITEINANDER

Gemeinde der Erlösten

Einander mit erlösten Augen sehen

Erlöstes Leiten – erlöster Gehorsam

Erlöste Beziehung zwischen Mann und Frau

Erlöste Beziehung zwischen den Generationen

ERLÖSUNG FEIERN

Feste der Erlösung feiern

Als Erlöste beten

Psalmen beten

Das Gebet der Erlösten

Eucharistie feiern

Einstimmen in das Hochgebet des Erlösers

ERLÖSEND WIRKEN

Mit dem Erlöser den ganzen Weg gehen

Den „verlassenen Seelen“ helfen

Heilende Gespräche

Heilendes Tun

Erlösung von heil-losen Gottesbildern

Auf der Suche nach Orten erlösten Lebens

DAS WUNDER

„Bei ihm ist Erlösung in Fülle“ (Ps 130,7)

VORWORT

LEBENSTHEMA ERLÖSUNG

Wie kam es, dass mir „Erlösung“ zum Lebensthema wurde?

Die Eltern, näherhin mein Vater und meine „neue Mama“, überlegten, was mit mir los sei. In meinem fünften Lebensjahr war meine leibliche Mutter gestorben. Nach einem halben Jahr heiratete mein Vater wieder. Mir wurde erst später klar, dass durch den Tod meiner Mutter und die Umstellung auf die „neue Mama“ meine Seele verwundet worden war. Als Schulkind kannte ich kein Heimweh, nur Fernweh. Mein Vater war beim Sicherheits- und Hilfsdienst. Es gehörte zu seinen Aufgaben, nach den Luftangriffen die Verletzten und die Toten zu bergen. Was er erzählte, war unheimlich. Es gab gute Verwandte. Ich verbrachte eineinhalb Jahre bei ihnen auf dem Land – und atmete Geborgenheit und Freiheit. Nach dem Krieg kam ich ins „Erzbischöfliche Knabenseminar“. Der Pfarrer der Gemeinde, in der die Verwandten meiner „zweiten Mama“ lebten, hatte mich auf diese Spur gebracht. Im Seminar entdeckte ich den Tabernakel. Vor ihm hatte ich den Eindruck: Da ist Einer, der mich kennt, dem ich mich anvertrauen kann. Ich empfand Heimat.

Dann suchte ich eine Ordensgemeinschaft. Welche Gemeinschaft passt zu mir? Die Redemptoristen möchten ganz für Gott und ganz für die Menschen leben – so las ich in einem Artikel in der Jugendzeitschrift „Die Wacht“. Das Wort von der Erlösung, auf das sich die Redemptoristen beziehen, sagte mir zunächst nicht viel. Aber das ausdrückliche Miteinander von Gott und Mensch faszinierte mich.

Für Gott und die Menschen: So stellte ich mir das Priestersein vor. Zunächst war das Studium dran. Mein akademischer Lehrer in Moraltheologie war Bernhard Häring. Das Leitwort seines Werkes „Das Gesetz Christi“ klingt mir immer noch in den Ohren: „Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2). Nur vom Erlöser, von der Befreiung her, kann man verstehen, was Sünde und Tod bedeuten. Neutestamentliche Exegese wurde mein Lieblingsfach. Immer wieder beschäftigte mich die Frage: Wer ist Jesus? Im Blick auf spätere Tätigkeiten sollte ich zusätzlich Pädagogik studieren. Dazu gehörte auch Psychologie. Ich wollte Menschen verstehen. An der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität hörte ich jeden Mittwoch Romano Guardini. Ihn erlebte ich als einen Menschen, der dem Geheimnis des Menschseins und Christseins auf der Spur war. Bei der Lektüre seiner Ausführungen über „die Erlösung und die Person Jesu Christi“ empfinde ich ihn noch heute als anregenden Gesprächspartner.

Dann war ich in der Praxis – als Erzieher, Lehrer und Seelsorger. Das Leben lief. Es gab keine größeren Probleme. Dennoch war ich nicht zufrieden. Es fehlte etwas. Einmal hörte ich mich sagen: War es nun das, was ich wollte? Es war Konzilszeit. Wo war die Kirche, die sich in der Konzilsaula definierte, konkret? Ich hatte eine Ahnung von dem, was ich ersehnte, aber ich wusste nicht, wo und wie sich diese Sehnsucht erfüllen könnte. Im Grunde lebte ich zutiefst unerlöst.

Langsam öffnete sich eine Tür. Im Sommer 1964 lernte ich eine Gruppe von Menschen kennen, die versuchten, aus dem Wort Gottes zu leben – und sie waren dabei fröhlich. Ich ließ mich auf das Experiment ein. Im Dezember hörte ich Chiara Lubich in Nürnberg über den Weg der Ökumene sprechen. So miteinander umgehen, dass Jesus da sein kann: unter uns, jetzt schon! Eine Gruppe von Interessierten begann sich auch vor Ort zu sammeln. 1966 las ich – es war am Abend – einen Text mit dem Titel „Der gekreuzigte und verlassene Jesus“. Ich konnte nicht schlafen. „Das ganze Christsein ist ein Geheimnis von Liebe und Schmerz.“ Ich versuchte, beim Lesen die von Chiara Lubich geschilderte Erfahrung mitzuvollziehen. Es war, wie wenn sich der, von dem da die Rede war, meiner Seele mitteilen würde. Am nächsten Morgen war die Welt um mich herum, wie sie bisher war – und doch anders.

Ich hatte gefunden. Nun möchte ich andere teilnehmen lassen an dem Leben, das ich gefunden habe. Ob mir die Sprache zur Verfügung steht? Was ich sage, mag wie ein Stammeln wirken. Doch es ist ein Stammeln über die faszinierendste Wirklichkeit, die ich kennengelernt habe. Sie hat mich getroffen. Nicht nur mich. Wer sich auf den Gott einlässt, der sich den Seinen, den Aposteln, Menschen wie Franziskus, Mutter Teresa, Alfons von Liguori und Chiara Lubich zu erkennen gegeben hat, lebt im Zentrum der Wirklichkeit – dort, wo Gott den Menschen und der Mensch Gott umarmt.

Am 20. September 1949 schrieb Chiara Lubich am Ende eines außerordentlichen Sommers in den Dolomiten auf ein Blatt einen spirituell und theologisch revolutionären Text über den „verlassenen Jesus“ und ihre Beziehung zu ihm: „Ich habe keinen Gott außer ihm. In ihm ist der ganze Himmel mit der Dreifaltigkeit und die ganze Erde mit der Menschheit.“ Der Text ist mir zum Leitwort geworden. Er sagt mir, was es heißt, mit Jesus, dem Erlöser, zu leben.

AUFBAU DES BUCHES

Seit Anfang 2008 habe ich mir Notizen zum Thema „Erlösung“ gemacht, sowohl zu meinen Erfahrungen wie zu meinem Nachdenken über das Thema. Ich weiß mich dabei in einem inneren „Wir“: im Gespräch mit Mitbrüdern, Freunden, Buchautoren, Theologen, Suchenden. Besonders dankbar bin ich Heinz Barion, Centa Brückl, Eberhard Masch-Zühlsdorff und August Schmied für ihre konkreten Anregungen.

Daraus ergab sich folgender Aufbau des Buches: Zunächst versuche ich, die Begriffs- und Bildwelt, die sich mit dem Wort Erlösung verbinden, abzutasten. Welcher Grundvorgang wird da beschrieben? Es folgen Kontexte: Welche Erinnerungen weckt der Begriff „Erlösung“? Die Aussage aus Psalm 130: „Bei ihm ist Erlösung in Fülle“, führt von der Erfahrung Israels mit seinem Gott zur Begegnung mit Jesus, dem Erlöser. Im Zusammenhang mit der Rede von Erlösung werden Begriffe verwendet, für die Klärungsbedarf besteht. Erlösung durchzudenken, ist von verschiedenen theologischen Ansätzen her möglich. Entscheidend ist, sich erlösen zu lassen. Wie lebt es sich im Raum der Erlösung? Erlösung ist ein Fest. Wie feiern wir Erlösung? Was ergibt sich für unsere Sendung? Wie wirken wir erlösend? Es gibt das Wunder des voll erlösten Menschen.

Hans Schalk

ER-LÖSUNG

Beim Sammeln spontaner Einfälle zu den Wörtern „erlösen“ und „befreien“ kamen in einer Gruppe, in der wir uns dem Thema Erlösung widmeten, Ausdrücke wie: aus der Gefangenschaft in die Freiheit, vom Krankenhaus ins normale Leben, aus der Sucht zu freier Selbstverwirklichung, aus Frust in Erfüllung, aus Angst in Vertrauen, aus Schuld in Vergebung. Der Refrain „heraus aus … zu“ bzw. „von … in …“ fiel uns auf. Es geht offensichtlich um einen Zustandswechsel, um einen Übergang von einem Problemzustand in einen Lösungszustand. Angeregt durch dieses Ergebnis ließ ich in einer anderen Gruppe zum Thema „Erlösung“ Worte für den Problemzustand sammeln, Worte für den Zielzustand, schließlich Worte für den Vorgang vom einen zum andern.

AUS …

An Worten für den Problemzustand wurden genannt: Knechtschaft, Abhängigkeit, Zwang, Verschlossenheit, Enge, Angst, Resignation, Sinnlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Trockenheit, Trägheit, Krankheit, Minderwertigkeitsgefühle, Verwirrung, Verwundung, Sorge. Dazu passt, was ich in einem Lexikonbeitrag fand: „Erlösung ist die Befreiung von Bedrohungen und Übeln aller Art.“

Deutschland erlebte 1945 die Befreiung vom Hitlerregime und der KZ-Barbarei. Das Ende des Krieges und der Bombenangriffe wurde in einem historischen Rückblick als „Erlösung“ beschrieben. Vieles kann der Mensch dazu beitragen, um Zustände zu verändern. Doch gibt es Situationen, die vom Menschen als unvermeidlich gegeben und als unheilvoll empfunden werden und durch eigene Kraft nicht aufgehoben werden können. Man kann nur auf „Erlösung“ hoffen.

Neben Problemzuständen, die uns von außen bedrängen, gibt es solche, die in unserem Inneren sitzen. Der Schriftsteller Arthur Adamov (1908–1970) formulierte: „Ich bin getrennt. Das, von dem ich getrennt bin, kann ich nicht benennen. Aber ich bin getrennt.“ Jemand sagte mir: „Ich fühle mich wie in einer fremden Haut.“ Es gibt Verstrickungen in der Familien- und Sippengeschichte. Menschen fühlen sich nicht frei, nicht ganz, sich selbst entfremdet.

… IN

Wohin führen Erlösung und Befreiung? An Worten für Zielzustände wurden in der oben erwähnten Gruppe genannt: Freiheit, Weite, Offenheit, Friede, Zufriedenheit, Zuversicht, Sinnfindung, Vertrauen, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Selbstwertgefühl, Vitalität. Als Zusammenfassung all dieser Zielangaben kommt mir das hebräische „Shalom“ in den Sinn: Friede im umfassenden Sinn!

Die Bibel spricht von „Frieden auf Erden“ und „Heil allen Völkern“. Die Sehnsucht nach Frieden und Heil ist unausrottbar in den Menschen eingeschrieben. Der Mensch wünscht sich, dass er zugleich frei und geborgen ist, dass er etwas wert ist, dass er sich entfalten kann, dass ihm Vertrauen entgegenkommt und er Vertrauen schenken kann, dass es gerecht zugeht, dass er leben kann und das Leben lebenswert ist. Der Mensch ist auf der Suche nach einem Haus, nach einer Stadt, nach einem Land, nach einem Raum, in dem Friede und Heil spürbar gegenwärtig sind; er ist auf der Suche nach dem Paradies.

In den Märchen, in die sich Träume vom Leben verdichtet haben, wird der Zielzustand als „Glück“ beschrieben: „Glück für das ganze Leben“; „… sie lebten noch lange glücklich und vergnügt“; „… und erreichten in ungestörtem Glück ein hohes Alter.“ Als Bilder für „Glück“ dienen Hochzeit, Schloss, das Reich des Königs.

ABER WIE?

Beim „Froschkönig“ geschieht die Erlösung dadurch, dass die Königstochter den Frosch in ihre Hand nimmt und an die Wand wirft. Der Zauber der bösen Hexe wird gesprengt. Und dem „treuen Heinrich“ springt das Band vom Herzen vor „Freude über die Erlösung seines Herrn“. Erlösung geschieht durch Handeln, durch Zupacken, aber auch ganz von selbst, wird als Geschenk erfahren.

An Worten für den Vorgang vom Problemzustand zum Zielzustand sammelte ich aus der erwähnten Gruppe: lösen, aufbrechen, erwecken, herausführen, erschließen, geheilt werden, ermutigen, vertrauen, loslassen, anerkennen, erleuchtet werden, entdecken, in die Wahrheit finden. Jemand aus der Gruppe machte ein Fragezeichen aufs Blatt. Es bleibt etwas nicht Erklärbares, ein Rest.

ERINNERUNGEN UND KONTEXTE

Mit dem Begriff „Erlösung“ verbinden sich – wenigstens bei mir – Erinnerungen und Kontexte.

THEOLOGIE DER BEFREIUNG

In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat mich die „Theologie der Befreiung“ elektrisiert. 1991 traf ich in Juazeiro am Rio São Francisco (Bahia/Brasilien) den damaligen Redemptoristen-Bischof Rodriguez. Ich fragte ihn nach seiner Meinung zur „Theologie der Befreiung“. Er antwortete, er spreche lieber von einer „Pastoral der Befreiung“: „Wenn ich unseren Fischern, die wegen des Staudammbaus vom Ufer des Rio São Francisco weg in wasserarme Gegenden vertrieben werden, das Evangelium verkünde, muss ich mich gleichzeitig für diese Fischer einsetzen.“ In Brasilien konnte ich Mitbrüder besuchen, die mit den Leuten in Elendsvierteln um São Paulo leben. Nur in gelebter Solidarität mit ihnen kommt die Botschaft von der Erlösung glaubwürdig an. Leitwort für die Mitbrüder ist das Jesajawort, das Jesus in der Synagoge von Nazaret auf sich bezogen hat: „Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe …; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze …“ (Lk 4,18). Erlösung bezieht sich – jedenfalls auch – auf unakzeptable soziale Verhältnisse.

BEFREIUNG AUS DEM SKLAVENHAUS ÄGYPTEN

Die im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika als Sklaven arbeitenden Afrikaner sangen während der Arbeit und bei ihren Gottesdiensten. Viele versuchten aus dem Süden in den freien Norden zu fliehen und verwendeten in ihren Songs biblische Decknamen: „Go down, Moses“, „Sweet Canaan“, „The promised Land“. Sie knüpften an die Geschichte Israels an: an den Auszug aus Ägypten, den Durchzug durch das Rote Meer, die Überschreitung des Jordan, den Einzug in das verheißene Land Kanaan.

Die Befreiung Israels „aus dem Sklavenhaus Ägypten“ bildet die Grundfolie dafür, was biblisch „Befreiung“ bedeutet. Die christliche Osternachtfeier knüpft daran an. Im Anschluss an die Lesung aus dem Buch Exodus betet die Kirche: „Einst hast du Israel aus der Knechtschaft des Pharao befreit und durch die Fluten des Roten Meeres geführt; nun aber führst du alle Völker durch das Wasser der Taufe zur Freiheit.“

LOSKAUF DER GEFANGENEN

Wir hören von Geiseln, die „ausgelöst“ werden. Oft wird Lösegeld bezahlt. Zum Loskauf von Gefangenen wurden im Mittelalter Ordensgemeinschaften ins Leben gerufen. Der 1198 von Johannes von Matha und Felix von Valois in Cerfroid bei Paris gegründete Trinitarier-Orden sah zunächst seine Hauptaufgabe im Gefangenenaustausch oder Freikauf von christlichen Gefangenen und Sklaven von den Sarazenen. Eine Ordensgemeinschaft „zum Loskauf der Gefangenen“ gründete Petrus Nolascus. Er nahm als junger Ritter an den Albigenserkriegen teil und lebte dann am Hofe von König Jakob I. von Aragón. Vom Leben am Hof unbefriedigt, entschloss er sich nach einer Wallfahrt zum Marienheiligtum von Montserrat, sich dem Loskauf christlicher Gefangener aus der moslemischen Sklaverei zu widmen. In der Nacht vom 1. zum 2. August 1218 hatte er eine Marienerscheinung, welche ihn aufforderte, einen barmherzigen Orden zum Loskauf der Gefangenen zu gründen. Daraufhin beriet er sich mit König Jakob I. von Aragón und dessen engstem Berater, Raimund von Peñafort. Dieser entwarf eine Satzung nach der Augustinerregel für einen Ritterorden, der sich aus Laien-Rittern und Priestern zusammensetzen sollte. Am 10. August 1218 wurde der „Ordo Beatae Mariae Virginis de Mercede pro Redemptione Captivorum“ (Orden der Allerseligsten Jungfrau Maria von der Barmherzigkeit zum Loskauf der Gefangenen) in Gegenwart des Königs, des Bischofs von Barcelona, des Domkapitels und des Volkes in der Kathedrale von Barcelona ins Leben gerufen. Der Orden wurde 1230 von Papst Gregor IX. approbiert. Petrus Nolascus war bis 1249 sein Generaloberer. Er soll von den Moslems an die 900 Sklaven freigekauft haben.

DER LÖSER

In der schriftlichen Überlieferung Israels, unserem „Alten Testament“, ist vom „Löser“ die Rede. Das Buch Rut handelt von einem solchen „Löser“. Boas, der Urgroßvater von König David, ist „Löser“ für den Besitz von Elimelech, dem Mann von Noomi. Noomi brachte nach dem Tod ihres Mannes und ihrer beiden Söhne die Schwiegertochter Rut, eine Moabiterin, mit nach Betlehem. Boas löst das Grundstück aus und nimmt Rut zur Frau. Im Buch Levitikus werden der Vorgang des Auslösens und die Aufgabe des „Lösers“ beschrieben. Die Stelle steht im Zusammenhang mit den Regelungen über den Rückkauf von Grundstücken in Israel. Gott erinnert, dass das „Land“ ihm gehört: „Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir und ihr seid nur Fremde und Halbbürger“, und folgert: „Für jeden Grundbesitz sollt ihr ein Rückkaufrecht auf das Land gewähren. Wenn dein Bruder verarmt und etwas von seinem Grundbesitz verkauft, soll sein Verwandter als Löser für ihn eintreten und den verkauften Boden seines Bruders auslösen“ (Lev 25,23–25). Der „Löser“ ist ein naher Verwandter, der einspringt, der seinem in Not geratenen Verwandten durch Auslösen des für ihn wichtigen Besitzes beisteht.

GOTT, DER LÖSER

Im Buch Ijob wird Gott als Löser bezeichnet. Ijob klagt über seine Situation. Er ist krank und unansehnlich geworden, seinen Verwandten entfremdet, seiner Frau ist sein Atem zuwider, seine Gefährten verabscheuen ihn. Er hat niemanden, der ihm hilft. Doch er hat Vertrauen: „Ich weiß, dass mein Löser lebt. Als Letzter erhebt er sich über dem Staub“ (Ijob 19,25). Der Löser ist niemand anderer als Gott selbst. In der Einheitsübersetzung wird hier das gleiche Wort wie in Lev 25,25 („Löser“) mit „Erlöser“ übersetzt. Gott ist Löser bzw. Erlöser. Gott hilft Ijob. Gott ist seine Zuflucht. Auf ihn kann er sich verlassen. In einer Arie in Händels Messias wird das Vertrauen Ijobs in die Ohren und Herzen der Christen gesungen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und dass er am jüngsten Tage auf der Erde stehen wird; und wenn auch Würmer diesen Körper zerstören, werde ich in meinem Fleische Gott sehen.“

Das Motiv, dass Gott der ist, der letztlich allein helfen kann, der (Er-)Löser des Menschen, kehrt in den alttestamentlichen Schriften, vor allem in den Psalmen, immer wieder: „Ich weiß, der Herr führt die Sache der Armen, er verhilft den Gebeugten zum Recht“ (Ps 140,13). Im zweiten Jesajabuch wird Israel getröstet: „Fürchte dich nicht. Du armer Wurm Jakob, du Würmlein Israel! Ich selber werde dir helfen – Spruch des Herrn. Der Heilige Israel löst dich aus“ (Jes 41,14).

Der (Er-)Löser ist Helfer, Anwalt und „Kümmerer“ für den in Not und Bedrängnis Geratenen. Diese Rolle eines (Er-)Lösers wird Gott zugeschrieben. Gott ist die Zuflucht der Armen, ganz Israels und der Einzelnen: ihr Erlöser. Dabei kommt der Zustand der Schuld, das Verstricktsein in Vergehen, die Not der Sünde in den Blick. Aber – so sagt Gott: „Israel, ich vergesse dich nicht. Ich fege deine Vergehen hinweg wie eine Wolke und deine Sünden wie Nebel. Kehr um zu mir; denn ich erlöse dich“ (Jes 44,21f). Im Wallfahrtspsalm 130 heißt es: „Beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden“ (Ps 130,7f).

JESUS, DER ERLÖSER

Die Aussagen von Psalm 130, die im Gebet Israels über Jahwe gemacht werden, beziehen die Christen auf Jesus. Der Psalmvers ist Leitwort und Wappenspruch unserer Ordensgemeinschaft: „Copiosa apud eum redemptio“ (Bei ihm ist Erlösung in Fülle). Jesus ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was Erlösung ist.

In einem Gebet (Tagesgebet vom Montag in der 6. Woche des Jahreskreises) bittet die Kirche: „Gib uns die Gnade, das Geheimnis unseres Erlösers immer tiefer zu erfassen …“ Gibt es einen Weg, sich für diese „Gnade“ zu öffnen? Ja, das Geheimnis unseres Erlösers kann ich tiefer erfassen, wenn ich mich seiner Person nähere. Wodurch? Indem ich versuche, in Gebet, Meditation und Sakrament mit ihm in Kontakt zu treten, seine Gestalt durch Lesen, Studium und Betrachtung der Texte des Neuen Testaments in den Blick zu nehmen, aus seinem Wort und in seinem Sinne zu leben.

BEFREIENDE BOTSCHAFT IN WORT UND TAT