Ermutigt. - Agota Lavoyer - E-Book

Ermutigt. E-Book

Agota Lavoyer

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Beschreibung

Betroffene von sexualisierter Gewalt beschäftigen oft die gleichen Fragen: Wohin kann ich mich wenden, wenn ich Unterstützung brauche? Wieso hat mein Umfeld so kritisch reagiert, als ich über die Tat erzählte? Ist es normal, dass ich unsicher bin, ob es sich wirklich um eine Vergewaltigung handelte? Soll ich Anzeige erstatten? Brauche ich eine Therapie und wenn ja, was für eine? Agota Lavoyer und Sim Eggler geben in ihrem Handbuch Antworten – mit Fokus auf Stärkung der Selbstwirksamkeit und Ermächtigung der Betroffenen. Sie möchten Betroffene unterstützen, die Tat einzuordnen und ihre Gefühle verstehen zu können, Unterstützung zu finden und ihre Rechte als Opfer zu kennen. Die vier Hauptteile behandeln gesellschaftliche Aspekte sexualisierter Gewalt, Trauma, Handlungsmöglichkeiten inklusive rechtlichen Optionen und schliesslich Unterstützungsangebote für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Ein weiteres Kapitel thematisiert, wie man als Freund:in oder Angehörige Betroffene bestmöglich unterstützen kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Beobachter-Edition

© 2024 Ringier AG, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

www.beobachter.ch

 

Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich

Lektorat: Heike Specht

Reihengestaltung und Umschlag: Frau Federer GmbH

Satz und Infografiken: Bruno Bolliger

Umschlagillustration: Katrin von Niederhäusern

Herstellung: Bruno Bächtold

Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe

 

ISBN 978-3-03875-590-6

 

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Inhalt

Grussbotschaft

Dieses Buch ist für dich.

Ermutigungen.

1 Sexualisierte Gewalt

Was ist sexualisierte Gewalt?

Breite Definition von sexualisierter Gewalt

Formen von sexualisierter Gewalt

Wo wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

Wer ist betroffen, wo liegen die Ursachen?

Wie verbreitet ist sexualisierte Gewalt?

Wer ist von sexualisierter Gewalt betroffen?

Veränderte und unsichtbare Betroffenheit im Laufe des Lebens

Ursachen sexualisierter Gewalt

Wer übt Gewalt aus?

«Sexualisierte Gewalt» in Kürze

2 Trauma und weitere Folgen

Vielfalt der Reaktionen

Trauma ist keine Schwäche

Dein Überlebenssystem hat dich gerettet

Jede Reaktion ist «normal»

Folgen können sehr unterschiedlich sein

Die Reaktionen deines Körpers sind nicht kontrollierbar

Was passiert in meinem Körper und meiner Psyche?

Was macht unser Gehirn bei Gefahr?

Das Nervensystem

Stresshormone

Überlebensreaktionen: die 5 F

Reaktionen und Folgen

Wie reagiere ich während der Gewalterfahrung?

Wie reagiere ich unmittelbar nach der Gewalterfahrung?

Mittel- und längerfristige Folgen und Bewältigungsstrategien

Trauma und Posttraumatische Belastungsreaktionen

Was ist ein Trauma?

Traumareaktionen

Gewalt in der Kindheit und Entwicklungsstörungen

Retraumatisierung

Was sind Trigger und Glimmer?

Wieso reagiere ich so und nicht anders?

Welche Faktoren beeinflussen meine Reaktionen?

Resilienz

«Trauma und weitere Folgen» in Kürze

3 Selbsthilfe

Skills und Techniken

Methoden für Notfälle

Übung | Notfallkoffer bei Triggerung

Übung | Innerer sicherer Ort

Übung | Reorientierung 3–2–1

Übungen | Weitere Grounding-Techniken

Wie kann ich mein Nervensystem regulieren?

Übungen | Vagus-Nerv stimulieren

Übungen | Nervensystem beruhigen

Übungen | Nervensystem aufwärmen

«Selbsthilfe» in Kürze

4 Sprache und Unterstützung finden

Wie spreche ich über die Gewalterfahrung?

Sprechen und nicht allein bleiben

Wie reagieren, wenn mich Menschen darauf ansprechen?

Wie reagieren, wenn mich niemand darauf anspricht?

Wissen über sexualisierte Gewalt weitergeben

Wo finde ich Hilfe?

Ein Angebot finden

Kontaktaufnahme und Kommunikation

Begleitung mitnehmen

Diskriminierungssensible Angebote

«Sprache und Unterstützung finden» in Kürze

5 Im akuten Fall

Unmittelbar nach der Gewalt

Nicht allein sein

Gedankenprotokoll machen

Schweizweite 24h-Beratung per Telefon

Medizinische Soforthilfe und Spurensicherung/-dokumentation

Psychiatrische Soforthilfe

Ist die Gefahr noch nicht vorbei?

Polizei, Wegweisung, Kontakt- und Annäherungsverbot

Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB)

Weitere Sicherheitsvorkehrungen

Schutzunterkünfte

Beweise sichern

«Im akuten Fall» in Kürze

6 Opferhilfe und weitere Opferberatung

Opferhilfe-Beratung

Was ist die Opferhilfe-Beratung?

Habe ich ein Anrecht auf Beratung?

Wie finde ich eine passende Opferhilfe-Beratungsstelle?

Onlineberatung der Opferhilfe-Beratungsstellen

Terminvereinbarung bei einer Opferhilfe-Beratungsstelle

Was erwartet mich bei einer Opferhilfe-Beratung?

Wie oft gehe ich in eine Beratung?

Was, wenn die Beratungsstelle oder die beratende Person nicht passt?

Finanzielle Leistungen durch die Opferhilfe

Welche Kosten übernimmt die Opferhilfe?

Subsidiarität der Opferhilfe-Leistungen

Finanzielle Soforthilfe

Längerfristige finanzielle Hilfe

Entschädigung und Genugtuung

Weitere Beratungsangebote

«Opferhilfe und weitere Opferberatung» in Kürze

7 Weitere Handlungsmöglichkeiten

Psychotherapie

Was ist Psychotherapie?

Psychotherapie bei Gewalterfahrungen und Trauma

Passt Psychotherapie zu mir?

Wer bezahlt die Psychotherapie?

Wie finde ich eine:n spezialisierte:n Psychotherapeut:in?

Wie finde ich heraus, ob die:der Psychotherapeut:in passt?

Körperorientierte und weitere Methoden

Beispiele von körperorientierten Methoden

Wer übernimmt die Kosten?

Sexualität und Trauma: Reclaiming Pleasure

Konsens und Konsenskultur

Selbsthilfe und Aktivismus

Aktivismus und die Kraft der Wut

Selbsthilfe unter Betroffenen

Gewaltausübende Personen in die Verantwortung nehmen

Wiedergutmachung statt Strafen?

Konfrontation und Gespräch mit der gewaltausübenden Person

«Weitere Handlungsmöglichkeiten» in Kürze

8 Strafverfolgung

Strafverfahren: die Entscheidung treffen

Für und wider eine Anzeige

Ist es deine Verantwortung, Anzeige zu erstatten?

Deine Chancen im Strafverfahren

Straftatbestände im Sexualstrafrecht

Antragsdelikte im Sexualstrafrecht

Offizialdelikte im Sexualstrafrecht

Zusätzliche Straftatbestände

Verjährungsfristen

Sexualisierte Gewalttaten ohne eigenen Straftatbestand

Jugendstrafrecht

Militärjustiz

Strafverfahren: Was du wissen solltest

Anwaltliche Begleitung

Privatklägerschaft

Kosten eines Strafverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege

Dauer eines Strafverfahrens

Anzeige zurückziehen

Beweise

Strafverfahren: von der Anzeige bis zur Gerichtsverhandlung

Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht: Wer macht was?

Ablauf eines Strafverfahrens

Vorverfahren

Gerichtliches Verfahren

Rechtsmittelverfahren

Strafmass

Tätigkeitsverbot

«Strafverfolgung» in Kürze

9 Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Gleichstellungsgesetz (GlG)

Was besagt das Gleichstellungsgesetz?

Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?

Vorfälle festhalten

Belästigende Person konfrontieren

Interne Vertrauensperson

Externe Anlauf- und Beratungsstellen

Informelles Verfahren

Formelles Verfahren

Strafrechtlichen oder zivilrechtlichen Weg einschlagen?

«Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz» in Kürze

10 Betroffene unterstützen

Was brauche ich, um ein:e Unterstützer:in zu sein?

Umgang mit deinen eigenen Gefühlen

Eigene Betroffenheit als Ressource und als Grenze

Eigene Grenzen und Kapazitäten wahren

Suche dir selbst Unterstützung

Wie mit Betroffenen sprechen?

Erste Reaktion: immer ernst nehmen

Was du nicht sagen solltest

Was Betroffene hören müssen

Vertraulichkeit. Und hat sie Grenzen?

Wie kann ich wissen, was ich tun soll?

Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen und wahren

Bedürfnisse und Wünsche erfragen

Entscheide der Betroffenen respektieren

Wie damit umgehen, wenn du einen Entscheid nicht verstehst?

Wie ein Gespräch abschliessen?

Wie kann ich mir mehr Wissen aneignen?

Einschreiten?

Wie entscheiden, ob und wie ich reagieren soll?

Möglichst früh einschreiten

Ansprechen und Einschreiten

Dranbleiben

Angebote für Gewaltausübende vermitteln

Was tun bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt an einem Kind?

«Betroffene unterstützen» in Kürze

Informationen für Gewaltausübende

Abschluss: Ermutigung

Dank

& Anhang

Unterstützungsangebote: Kontakte

Literatur

Grussbotschaft

Liebe Lesende,

 

Das Buch, das Sie in Ihren Händen halten, befasst sich mit einem Problem, ja, einer sozialen Plage. Sie tritt in der Mitte unserer Gesellschaft auf. Sie betrifft uns alle – und sie bedarf unseres gemeinsamen Engagements.

Tag für Tag wenden sich in der Schweiz rund 12 Personen an die Polizei, weil ihnen oder jemandem in ihrem Umfeld sexualisierte Gewalt angetan wurde. Die meisten Betroffenen suchen jedoch leider keine Hilfe – manchmal erfahren nicht einmal Freundinnen, Freunde oder die Familie davon.

Als Bundesrätin und Gleichstellungsministerin ist es mir ein wichtiges Anliegen, mich für die Bekämpfung und die Prävention von sexualisierter Gewalt und die Unterstützung der Betroffenen einzusetzen. Auch wenn sich sexualisierte Gewalt besonders häufig gegen Frauen und weiblich gelesene Personen richtet, verdient jeder Mensch eine angemessene Antwort auf die Gewalt, die sie oder er erfahren hat. Die Behörden aller staatlichen Ebenen müssen dem Vertrauen gerecht werden, das die Opfer in sie setzen.

Es ist nicht verhandelbar: Alle Menschen in der Schweiz haben Anrecht auf ein Leben in Sicherheit, Freiheit und Würde. Dies bedeutet für mich, dass Menschen selbstbestimmt über sich und ihren Körper verfügen dürfen und niemand Angst haben soll vor Übergriffen.

Mein aufrichtiger Dank gilt Agota Lavoyer und Sim Eggler für ihr unermüdliches Engagement zu diesem wichtigen Thema. Ich gratuliere ihnen herzlich zu diesem Buch. Es erfordert Mut und Mitgefühl, für seine Werte und Rechte einzustehen. Sie durchzusetzen. Sei es für sich selbst. Sei es für andere.

Mögen Sie das Buch in diesem doppelten Sinn lesen: Lassen Sie sich ermutigen und ermutigen Sie andere, damit die Nulltoleranz unsere gemeinsame Antwort auf die Gewalt werden möge. Ich wünsche Ihnen eine stärkende Lektüre.

 

Elisabeth Baume-Schneider, Bundesrätin, Vorsteherin Eidgenössisches Departement des Innern (EDI)

Dieses Buch ist für dich.

Liebe:r Leser:in

 

Dieses Buch ist für dich.

 

Wenn du erlebt hast, dass deine persönlichen Grenzen überschritten wurden. Wenn du ungefragt angefasst wurdest oder dein Nein nicht gehört wurde. Egal, ob du diese Erfahrungen als Kind, Jugendliche:r oder Erwachsene:r gemacht hast. Ob dies gestern war oder lange zurückliegt. Egal, ob du einmalig oder über Jahre hinweg sexualisierte Gewalt erfahren hast. Ob andere das, was du erfahren hast, als «leichte» oder «schwere» Gewalt oder gar nicht als sexualisierte Gewalt einordnen. Unabhängig davon, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung du hast. Egal, ob du dich das erste Mal mit deinen Erfahrungen beschäftigst oder ob du bereits einen langen Weg hinter dir hast. Wenn du deine Gefühle und dein Erleben nicht einordnen kannst oder Antworten auf offene Fragen suchst. Wenn du dich für Ideen und Wege interessierst, die dich unterstützen können.

 

Dieses Buch ist auch für dich.

 

Wenn du jemanden mit solchen Erfahrungen kennst und wissen möchtest, wie du die Person am besten unterstützen kannst und was du nicht tun solltest. Und wo auch du Unterstützung für deine Unterstützung findest.

 

Du-Form

Wie Sie sehen, wie du siehst, verwenden wir die Du-Form. Wir möchten damit eine Atmosphäre schaffen, die den Zugang zum Inhalt des Buches erleichtert und uns eine Offenheit und vielleicht auch Nähe in der Kommunikation ermöglicht. Wir hoffen, dass dies für Sie/dich in Ordnung ist.

 

Was wir mit diesem Buch möchten

Wir möchten mit diesem Buch dazu beitragen, dass sexualisierte Gewalt enttabuisiert und entstigmatisiert wird, damit aus der Sprachlosigkeit ein Sprechen entstehen kann. Und wir möchten Ermutigungen zukommen lassen. Ermutigungen für dich. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, wenn ein Mensch Gewalt erfahren hat. Jeder Mensch kann und muss für sich den eigenen passenden Weg finden. Dafür möchten wir dir Wissen und Informationen vermitteln und Ideen, Impulse und Methoden mitgeben. Ein Weg ist nie eine gerade Linie, sondern eher eine Reise mit Höhen und Tiefen und Kurven. Und diese Reise bestimmst du.

Wie dieses Buch lesen?

Das Buch, das Thema und eigene Erfahrungen können sehr unterschiedliche, vielleicht auch widersprüchliche, sich kompliziert anfühlende, verwirrende, verunsichernde Gefühle auslösen. Das ist in Ordnung. Das Thema ist komplex und so sind auch unsere Reaktionen darauf. Schau, was dich anspricht und unterstützt – lass aber auch sein, was nicht für dich passt. Nutze dieses Buch so, wie es für dich stimmt: Lies vielleicht von A–Z alles durch, lies intuitiv einzelne Teile oder lies kreuz und quer. Guck, wo du dich wiederfindest. Achte beim Lesen gut auf dich. Nimm dir Zeit. Mach Pausen, wenn du diese brauchst. Atme durch, bewege dich oder geh eine Runde laufen.

Wir laden dich im Buch immer wieder mal mit diesem Blumensymbolein, auf deinen Atem zu achten. Vielleicht bewusst ein- und auszuatmen und zu schauen, wo der Atem hinfliesst.

Welche Begriffe verwenden wir in diesem Buch?

Sexualisierte Gewalt Wir sprechen von sexualisierter Gewalt und nicht von sexueller Gewalt. Den Begriff sexuelle Gewalt verwenden wir einzig gezielt in juristischen Kontexten, da dieser dort bestimmte Formen von Gewalt bezeichnet.

 

Betroffene:r Es gibt unterschiedliche Begriffe, wie Menschen, die Gewalt erfahren (haben), bezeichnet werden können: Betroffene:r, Opfer, Überlebende:r. Wichtig ist: Du entscheidest, welchen Begriff du für dich verwendet haben möchtest und kannst dies anderen gegenüber auch so sagen. Umgekehrt gilt es, die Selbstbezeichnung anderer zu respektieren. Sei dir bewusst, dass es Kontexte gibt – insbesondere im juristischen Bereich – wo es nicht in deiner Hand liegt, welche Bezeichnung verwendet wird. In diesem Buch, aber auch in unserer sonstigen Arbeit, sprechen wir grundsätzlich von Betroffenen und nicht von Opfern. Den Begriff Opfer verwenden wir nur sehr gezielt im juristischen Kontext, da dies dort ein spezifischer Begriff ist, mit dem bestimmte Rechte (und Pflichten) verbunden sind.

 

Gewaltausübende:r In der Regel sprechen wir von Gewaltausübenden oder gewaltausübenden Personen. Im juristischen Kontext verwenden wir auch den Begriff Tatpersonen. Zudem sprechen wir über Gewaltausübende in der Einzahl. Falls mehrere Personen gemeinsam Gewalt ausgeübt haben, denk dir hier die Mehrzahl.

 

Cis Cis ist ein Adjektiv, zum Beispiel cis Frau, und bedeutet, dass sich eine Person dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, zugehörig fühlt.

 

Trans und nicht binär Wir verwenden die Adjektive trans und nicht binär aus Platzgründen als Oberbegriffe stellvertretend für alle Menschen, die nicht cis sind, auch genderqueere, agender, genderfluide und weitere Personen. Dies bildet also viele unterschiedliche Selbstbezeichnungen und Realitäten von Menschen ab.

 

Selbstbezeichnungen Wir orientieren uns an Selbstbezeichnungen von Betroffenen. So verwenden wir zum Beispiel aufgrund der Empfehlungen von Body Respect Schweiz den Begriff dick für Menschen, die aufgrund ihres Gewichts die gesellschaftlichen Körpernormen nicht erfüllen. Andere Beispiele sind Schwarz, behindert oder neurodivergent. Wir sind uns bewusst, dass alle Menschen für sich unterschiedliche Bezeichnungen wählen und hoffen, dass du dich hier (trotzdem) gesehen fühlst.

Wer wir sind

Wir, Sim und Agota, schreiben hier mit dem Wissen, das wir uns in unserer Arbeit zum Thema Gewalt in der Prävention, Bildung, Beratung von Betroffenen und der politischen Arbeit angeeignet haben (Experts by profession). Wir schreiben hier aber auch als Erfahrungsexpert:innen, die selbst sexualisierte Gewalt erfahren haben und diese wohl auch in Zukunft wieder erfahren werden (Experts by experience). Genauso schreiben wir als Bezugspersonen von Betroffenen in unserem Umfeld. Es sind viele Menschen – wir sind viele. Und je mehr und offener wir darüber sprechen, desto eher ermutigen wir andere, auch über ihre eigenen Erfahrungen zu reden. Unser Wissen haben auch wir vielen anderen Experts by profession und Experts by experience zu verdanken, mit denen wir zusammenarbeiten durften.

 

Inklusion

Die Vielfalt der Betroffenen ist gross und genauso vielfältig sind auch die Fragen und Herausforderungen, vor denen jede:r Einzelne steht. So können sich die Situationen und Betroffenheiten von Menschen je nach Geschlecht, Sexualität, Alter, Migrationskontext, Behinderung, chronischer Erkrankung, Aussehen oder durch andere Faktoren unterscheiden. Wir haben versucht, dieses Buch inklusiv zu schreiben. Das bedeutet, dass wir überall möglichst viele Betroffene mitbedenken möchten. Uns ist bewusst, dass wir aufgrund des begrenzten Platzes nicht alle Betroffenen direkt ansprechen und nicht alles bedenken können. Wir hoffen jedoch, dass auch du dich hier wiederfindest.

Wir hoffen, dass du dich im Buch wiederfindest.

Ermutigungen.

Für deinen Weg im Umgang mit deinen Erfahrungen möchten wir dir einige Ermutigungen mitgeben.

 

 

Gut, dass du hier bist.

 

Vielleicht hast du sexualisierte Gewalt erfahren. Vielleicht beschäftigt dich dies im Alltag oder in bestimmten Situationen. Vielleicht denkst du, du wirst dein Leben lang Narben mit dir tragen. Vielleicht hatte es auch wenig Auswirkungen auf dich. Vielleicht ist es das erste Mal, dass du dich mit deinen Erfahrungen von sexualisierter Gewalt auseinandersetzt. Vielleicht beschäftigst du dich schon seit Jahren damit und erhoffst dir ganz bestimmte Antworten aus diesem Buch. Wieso auch immer du hier bist und diese Zeilen liest: Gut, dass du hier bist.

 

 

Du bist nicht allein

 

Viele Menschen erfahren einmal, mehrmals oder regelmässig in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Wir wissen, dass die Zahlen noch um einiges höher sind, als die bisher spärlichen Statistiken und Umfragen in der Schweiz zeigen. Die Zahlen variieren von Betroffenengruppe zu Betroffenengruppe: Bei Menschen, die von anderen als weiblich eingeordnet werden, müssen wir von einer Betroffenheit von praktisch 100 % ausgehen. Eine kurze Umfrage in deinem Umfeld, bei der du fragst, ob jemand bereits einmal ungewollt sexualisierte Berührungen, Blicke oder Worte erlebt hat, wird dies bestätigen. Nicht alle werden dies als Gewalt einordnen – deshalb würde die Frage, ob sie bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben, wohl ein anderes Resultat bringen. Hier gibt es noch viel Bewusstsein zu schaffen. Wir sind viele. Dies zu erkennen, kann traurig und wütend machen – es kann aber auch ein Potenzial sein, sich gegenseitig zu unterstützen, Verständnis zu zeigen, Erfahrungen zu teilen und solidarisch zu sein.

 

 

Wir glauben dir.

 

Vielleicht wurde dir gesagt: «Bist du sicher?», «Er hat es sicher nicht so gemeint», «So schlimm war es doch nicht» oder «Vergiss es, schau nach vorn». Viele Betroffene erleben, dass ihnen entweder nicht geglaubt, sie nicht ernst genommen oder ihre Erfahrungen kleingeredet werden.

 

Wir glauben dir.

Wieso wird mir nicht geglaubt?

Dass Betroffenen von sexualisierter Gewalt nicht geglaubt wird, ist kein Zufall und hat sehr wenig mit den individuellen Personen und ihren Erlebnissen zu tun. Dafür umso mehr mit falschen und doch weit verbreiteten Ansichten über sexualisierte Gewalt. Die Erzählung, dass insbesondere Frauen besonders häufig über sexualisierte Gewalt lügen würden, ist nicht nur erwiesenermassen falsch, sie ist zutiefst frauenverachtend. Ebenso falsch sind Annahmen, dass trans, behinderte, dicke oder alte Menschen oder cis Männer keine sexualisierte Gewalt erfahren.

 

Es gibt viele Gründe, warum Menschen dir nicht glauben, nicht glauben wollen, nicht glauben können. Vielleicht wollen sie nicht anerkennen oder sich eingestehen, wie weitverbreitet sexualisierte Gewalt ist. Vielleicht wollen sie sich damit schützen, vor dem Schmerz, den diese Erkenntnis auslösen könnte. Vielleicht haben sie ein stereotypes Bild von gewaltausübenden Personen und wenn die von dir beschuldigte Person nicht diesem Stereotyp entspricht, können sie sich schlicht nicht vorstellen, dass es wahr sein könnte. Vielleicht sind sie auch geprägt vom Bild, dass sexualisierte Gewalt immer mit brutaler Gewalt einhergeht, und wenn dies nicht der Fall ist, definieren sie den Vorfall als reines Missverständnis. Vielleicht wissen sie nicht, wie sie reagieren sollen, sind selber überfordert und reagieren deshalb abwehrend. Vielleicht sind sie selbst betroffen und schützen sich, indem sie verdrängen und vermeiden, über das Thema nachzudenken.

 

Du bist nicht schuld.

 

Egal, was dir bisher gesagt wurde: Du bist nicht schuld an dem, was mit dir gemacht wurde. Die Person, die sexualisierte Gewalt erfährt, ist niemals selbst schuld. Die Verantwortung dafür liegt immer bei den Personen, die Gewalt ausüben. Sie sind es, die gehandelt haben. Sie sind es, die die Entscheidung getroffen haben, deine sexuelle Integrität zu verletzen, deine Bedürfnisse zu ignorieren und deinen Willen zu übergehen. Sie sind in der Verantwortung für das, was sie gemacht haben.

Möglicherweise wünschst du dir, du hättest dich anders verhalten, dich anders gekleidet, hättest andere Entscheidungen getroffen oder dich mit anderen Menschen umgeben. Und möglicherweise gibst du dir deshalb die Schuld oder eine Mitschuld. Das ist nachvollziehbar, denn dahinter steht die systematische und über lange Zeit eingeübte gesellschaftliche Reaktion, die Schuld immer zuerst bei der betroffenen Person zu suchen. Umso wichtiger ist es, dass du dir bewusst bist: Niemand hat(te) das Recht, dir Gewalt anzutun.

 

Konsum von Alkohol und anderen Substanzen

Der Konsum von Alkohol, chemischen und anderen Substanzen erhöht das Risiko für sexualisierte Gewalt sowohl auf Seiten der Betroffenen als auch auf Seiten der Gewaltausübenden. Sei dies während sexueller Begegnungen, sei es in Kontexten, die keinen sexuellen Bezug haben, wie zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei Substanzen, egal ob Alkohol, Ketamin, Kokain, Poppers oder anderen, kann es um eine durchaus erwünschte Enthemmung und Grenzverschiebung gehen – weshalb auch von sexualisiertem Substanzkonsum gesprochen werden kann, der weitverbreitet ist. Doch auch wenn du dir des Risikos bewusst warst, als du konsumiert hast, bedeutet dies nicht, dass dich eine (Mit-)Schuld trifft und die Gewalt in Verbindung mit Substanzen darf nicht bagatellisiert werden. Die Verantwortung liegt immer bei der gewaltausübenden Person, die eine Situation ausnutzt.

 

Körperliche Reaktionen

Es ist wichtig zu wissen: Du hast keine Kontrolle darüber, wie dein Körper während einer Gewalterfahrung reagiert. Es ist möglich, dass dein Genital anschwillt, feucht wird, die Farbe verändert oder sich die Spannung entlädt, möglicherweise auch mit einem Erguss von Flüssigkeit. Gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen nutzen Gewaltausübende solche körperlichen Reaktionen aus und sagen: «Siehst du, du willst es ja auch.» Das alles ist jedoch kein Zeichen von Lust, sexueller Erregung oder (nonverbaler) Zustimmung. Wissenschaftler:innen haben bereits Mitte des 20. Jahrhunderts herausgefunden, dass die Lustkurve nicht der körperlichen «Erregungs»kurve entspricht. Erklärt wird eine Entladung damit, dass das zentrale Nervensystem in einer Extremsituation eine Überreizung abbauen will. Das alles sind physiologische, also körperliche Reaktionen auf Reize von aussen, die du nicht kontrollieren kannst. Du trägst keine Mitverantwortung und keine Mitschuld an dem Geschehen. Die Verantwortung liegt bei der gewaltausübenden Person, die diese Situation und die Reaktion deines Körpers ausnutzt.

 

Bilder und Videos

Auch hier: Nein, auch wenn du mit der Aufnahme von Fotos und Videos einverstanden warst, trägst du keine Mitschuld, wenn diese anschliessend gegen deinen Willen weiterverbreitet und verwendet werden. Einvernehmliche Aufnahme und Austausch bedeutet nicht eine einvernehmliche Veröffentlichung oder Weitergabe. Die Verantwortung liegt auch hier bei der Person, die dies tut.

 

Verantwortung für weitere Gewalttaten

Vielleicht stellst du dir die Frage, ob du mitverantwortlich bist, wenn die Person, die dir Gewalt angetan hat, in Zukunft auch anderen Gewalt antut? Machst du dir Vorwürfe, weil du keine Anzeige oder Meldung erstattet hast? Diese Gedanken und Gefühle sind sehr verständlich und sprechen für dich. Auch wenn es dir diese Gedanken und Gefühle vielleicht nicht (ganz) nehmen mag, ist es uns immens wichtig, dir zu sagen: Nein, es liegt nicht in deiner Verantwortung. Nein, es ist nicht deine Schuld. Die Schuld und die Verantwortung liegen allein bei der gewaltausübenden Person. Du bist nicht verpflichtet, Anzeige zu erstatten oder Meldung zu machen.

 

 

Du bist nicht illoyal.

 

Vielleicht hast du selbst oder bekommst durch andere das Gefühl, dass du unsolidarisch oder illoyal gegenüber deiner Community, (gewählten) Familie oder anderen, dir wichtigen Menschen bist, wenn du über deine Gewalterfahrung sprichst? Nein, du verrätst keine Gemeinschaft oder Beziehung, wenn du für dich einstehst. Es ist nachvollziehbar, dass sich Communities, die zum Beispiel aufgrund von Queerfeindlichkeit oder Rassismus von aussen Gewalt erfahren, schwer damit tun, wenn Probleme wie sexualisierte Gewalt angesprochen werden.

Die Befürchtung, dass dies als Vorwand für noch mehr Feindlichkeit instrumentalisiert wird, ist berechtigt und kann in einer Community den impliziten oder expliziten Druck erzeugen, nicht über sexualisierte Gewalt zu sprechen, um die eigene Community zu schützen. Loyalität und eine erhoffte Sicherheit für die Gemeinschaft, und damit auch für ihre einzelnen Mitglieder, sollten aber nicht über das Wohl und die Sicherheit der Einzelnen gestellt werden. Die Haltung muss klar sein: Sexualisierte Gewalt wird nicht toleriert und die Betroffenen haben ein Recht auf Sicherheit, auch innerhalb einer Gemeinschaft.

1 Sexualisierte Gewalt

Was ist sexualisierte Gewalt?

Wann handelt es sich um sexualisierte Gewalt? Welche Formen gibt es? Und in welchen Kontexten wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

 

 

 

Wo beginnt sexualisierte Gewalt? Und wer entscheidet, ob etwas gewaltvoll ist? Die Grundregel ist: Du als Betroffene:r entscheidest, ob sich etwas als grenzüberschreitend und gewaltvoll anfühlt. Gewalt beginnt nicht erst da, wo es für andere von aussen «erkennbar» scheint. Gleichzeitig ist es möglich, dass es den Blick und das Wissen anderer braucht, um selbst etwas als Gewalt einzuordnen und anzuerkennen. Denn nicht immer ist es uns möglich, Grenzüberschreitungen und gewaltvolle Handlungen als solche zu sehen und auch zu spüren: Sei es, weil wir es nicht wahrhaben wollen. Oder auch, weil wir uns daran gewöhnt haben.

 

 

Breite Definition von sexualisierter Gewalt

 

Wir definieren sexualisierte Gewalt als alle unerwünschten Handlungen, die ein Eingriff in deine sexuelle Selbstbestimmung sind und deine sexuelle Integrität (Unversehrtheit) verletzen. Es handelt sich um unerwünschte sexuelle Handlungen und Handlungen, die einen Bezug zu deiner Sexualität haben.

Wir arbeiten mit dieser breiten Definition von sexualisierter Gewalt, um möglichst alle unterschiedlichen Erfahrungen abzudecken. Nicht alle dieser Handlungen sind durch das Strafgesetz abgedeckt, denn das Recht ist immer einen Schritt hinter der gesellschaftlichen Realität zurück. Diese Definition entspricht auch nicht dem juristischen Begriff von sexueller Gewalt, der nur bestimmte Formen von sexualisierter Gewalt (wie Vergewaltigung, sexueller Übergriff und Nötigung) abdeckt und diese von anderen Formen wie Belästigung abgrenzt. Wir machen diese Unterscheidung nicht, sondern benennen alle Formen von sexualisierten Grenzüberschreitungen als Gewalt (Genaueres zur aktuellen juristischen Regelung siehe Kapitel 8, «Strafverfolgung», Seite 175).

Wann ist eine Handlung sexualisiert?

Der sexuelle Bezug kann sich daraus ergeben, dass

 

die Handlung allgemein als sexuell eingestuft wird, zum Beispiel ein Zungenkuss.der Kontext sexuell ist, zum Beispiel eine sexuelle Begegnung.die Intention der ausübenden Person sexuell ist.die Handlung von der betroffenen Person als sexualisiert empfunden wird.

 

Es ist möglich, dass eine Handlung von der ausübenden Person nicht als sexualisierte Handlung eingestuft wird – es sich für die betroffene Person jedoch sexualisiert gewaltvoll anfühlt. Zum Beispiel bei medizinischen Handlungen an bestimmten Körperteilen: So kann es sein, dass medizinische Untersuchungen und Eingriffe als gewaltvoll erfahren werden. Sei es, weil die betroffene Person nicht vollumfänglich über die medizinischen Handlungen informiert wurde, ihr Einverständnis nicht eingeholt wurde oder aufgrund der Art und Weise der Durchführung.

Zusätzlich kann sexualisierte Gewalt Feindlichkeiten aufgrund von spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen umfassen, so kann sie beispielsweise Aspekte von Dicken-, Bi+-, Schwulen- oder Lesbenfeindlichkeit, Rassismus oder Behindertenfeindlichkeit aufweisen. Nehmen wir das Beispiel einer trans Person, die sexualisierte Gewalt erfahren hat: Bei dieser Gewalterfahrung kann die Transfeindlichkeit die sexualisierte Komponente überwiegen (sexualisierte Transfeindlichkeit). Es ist aber auch möglich, dass dieselbe Tat sich in erster Linie als sexualisierte Gewalt anfühlt (transfeindliche sexualisierte Gewalt). Dieses Überwiegen der einen oder anderen Komponente kann sich verändern und ist nicht für jede Person und für jede Erfahrung gleich.

Sexualisierte Gewalt kann von Einzelpersonen oder von mehreren Personen gemeinsam ausgeübt werden. Bei mehreren Personen können die Einzelnen unterschiedliche Rollen einnehmen und beispielsweise selbst nicht aktiv tätlich werden, jedoch als Anstiftende oder Bystander (Zuschauende) eine Rolle einnehmen, die Gewalt ermöglicht. Auch das kann strafbar sein.

 

 

Formen von sexualisierter Gewalt

 

Wir zeigen verschiedene Formen von sexualisierter Gewalt auf. Dabei orientieren wir uns nicht einzig am Strafrecht, denn nicht jede dieser Formen wird zurzeit explizit als Straftat erfasst. Zudem kann es sein, dass die fachlichen und juristischen Begriffe nicht dieselben sind (zum Strafrecht siehe Seite 180). Es ist uns auch wichtig, anzumerken, dass wir die verschiedenen Formen von sexualisierter Gewalt grundsätzlich nicht hierarchisieren. Wie schlimm oder folgenschwer eine Gewalterfahrung für eine Person ist, kann nur die Person selbst sagen.

 

Sexualisierte Belästigung – ein Sammelbegriff

Sexualisierte Belästigung ist ein Begriff, der unterschiedliche Handlungen beschreibt. Belästigungen können mit körperlichen Berührungen, Worten, Blicken, Gesten oder Geräuschen ausgeübt werden oder aus Bild, Ton oder Text bestehen. Sie können überall ausgeübt werden, in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz, in der Ausbildung, im Privaten, in der Freizeit, im digitalen Raum. Dies ist eine nicht abschliessende Liste möglicher Formen von sexualisierter Belästigung:

 

Catcalling: sexualisiertes Nachrufen, Reden, Pfeifen oder sonstige Geräusche machentaxierende Blickesexistische und diskriminierende Sprüche und Witze über Geschlechtsmerkmale, sexuelles Verhalten, sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentitätanzügliche oder zweideutige Bemerkungen über Aussehen, Figur, Kleidung oder Körperunerwünschte Erzählungen über sexuelles Verhaltennicht konsensuelles Vorzeigen, Aufhängen, Auflegen oder Versenden von Texten und Bildern mit sexuell konnotierten Inhalten wie Kalender, Nudes oder Dickpicsscheinbar zufällige, unerwünschte Körperkontakteunerwünschte Berührungenunerwünschte Einladungen mit eindeutiger AbsichtAnnäherungsversuche, die mit Versprechen von Vorteilen oder Androhen von Nachteilen einhergehen(Cyber-)Grooming, also das Anbahnen von Kontakten und der Aufbau einer emotionalen Verbundenheit mit Kindern und Jugendlichen (und manchmal auch deren Familie) mit dem Ziel, sexualisierte Gewalt auszuübenExhibitionismus, also das nicht konsensuelle Entblössen der Genitalien gegenüber anderen Menschen

 

Sexuelle Übergriffe und Nötigung – ein Sammelbegriff

Sexueller Übergriff und sexuelle Nötigung sind ebenfalls als juristische Sammelbegriffe zu verstehen, unter denen unterschiedliche Formen sexualisierter Gewalt zusammengefasst werden. Grundsätzlich handelt es sich um erzwungene oder aufgezwungene sexualisierte Handlungen, die als intensiver und schwerwiegender eingestuft werden als sexualisierte Belästigungen, aber kein Eindringen in eine Körperöffnung beinhalten (das wäre dann Vergewaltigung). Die Grenzen zwischen sexualisierter Belästigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff sind nicht immer eindeutig zu ziehen. Beispiel: Während das nicht einvernehmliche und ganz kurze sexualisierte Berühren über der Kleidung in der Regel juristisch als sexuelle Belästigung eingeordnet wird, ist das kurze nicht einvernehmliche sexualisierte Berühren unter der Kleidung sexuelle Nötigung. Gleichzeitig kann eine absichtliche und längere Berührung über der Kleidung wiederum auch schon sexuelle Nötigung sein.

 

Vergewaltigung

Unter einer Vergewaltigung wird grundsätzlich das Eindringen in Körperöffnungen (Genital, Anus und Mund) durch Genital, Finger oder Gegenstand oder das Umschliessen eines Genitals (durch Fellatio oder Circlusion) verstanden. Die juristische Definition war in der Schweiz bei den Fällen bis zum 31. Juni 2024 noch auf ein Penis-in-Vagina-Eindringen beschränkt (zum Strafrecht siehe Seite 180).

 

Spiking

Beim sogenannten Spiking wird Menschen ohne ihr Wissen eine Substanz verabreicht. Dies kann ein Betäubungs- oder Beruhigungsmittel sein. Ziel ist es, die Person bewusstlos oder reaktionsunfähig zu machen und beispielsweise sexualisierte Gewalt auszuüben. Beim Needle Spiking geschieht dies mittels einer Spritze, während beim Drink Spiking das Pulver oder die Flüssigkeit einem Getränk beigemischt wird (siehe auch K.O.-Tropfen, Seite 116).

 

Stealthing

In der Schweiz wird Stealthing bisher so definiert: Eine Person verwendet gegen den Willen der anderen Person kein Kondom. In anderen Ländern wird auch das Nichtverwenden von Dental Dams und anderen Barrieren entgegen dem Willen der anderen Person als Stealthing verstanden.

 

Revenge Porn & Deep Fakes

Bei Rachepornografie (Revenge Porn) teilt, zeigt oder verwendet die gewaltausübende Person echte oder mittels künstlicher Intelligenz hergestellte Bilder oder Videos. Echte Bilder zeigen oft ehemalige Partner:innen. Diese Bilder oder Videos wurden häufig zunächst konsensuell im Rahmen eines Sextings ausgetauscht oder während sexueller Handlungen angefertigt. Die weitere Verwendung ist hingegen dann nicht konsensuell, sondern gewaltvoll. Bei künstlich hergestellten Bildern und Videos werden Menschen täuschend echt nackt und/oder bei sexuellen Handlungen gezeigt. Aufgrund der technologischen Entwicklung wird es immer einfacher, Deep Fakes (sogenannte Deep Nudes oder Deep Porn), also gefälschte Bilder und Videos herzustellen. Diese Bilder und Videos werden veröffentlicht und teilweise auf Plattformen wie Pornhub gestellt.

Deep Fakes sind täuschend echte, jedoch künstlich hergestellte Bilder oder Videos.

 

Sextortion

Auch bei Sextortion werden echte oder mittels künstlicher Intelligenz hergestellte Bilder oder Videos genutzt. Sextortion ist eine Methode der Erpressung, bei der mit Bildmaterial Druck auf die betroffene Person ausgeübt wird. Hinter derlei Erpressungsversuchen können international organisierte Strukturen stecken. Klassischerweise erhalten die Betroffenen auf Social Media oder Dating-Plattformen eine Kontaktanfrage von einer Person, die sie in einen Videochat lockt und dort dazu bringt, sich zu entblössen oder sexuelle Handlungen vorzunehmen. Das heimlich aufgenommene Bildmaterial wird anschliessend verwendet, um Geld zu erpressen, es wird damit gedroht, das Material an Familie, Arbeitgeber:innen und andere Personen aus dem Umfeld der:des Betroffenen zu schicken oder es auf Social Media zu stellen. Bei der Spam-Variante (auch Fake Sextortion genannt) werden E-Mails als leere Drohungen verschickt.

 

Hinweis | Cyberkriminalität Mehr Informationen zu Sextortion findest du bei der Schweizer Kriminalprävention www.skppsc.ch.

Fake-Sextortion-E-Mails kannst du an das Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) weiterleiten: www.report.ncsc.admin.ch.

 

Stalking

Stalking ist ein wiederholtes Belästigen oder Verfolgen einer Person, so dass sie in ihrem Leben eingeschränkt und in ihrer Sicherheit bedroht ist und psychische oder körperliche Folgen spürt. Stalker:innen können bekannte oder unbekannte Personen sein – besonders oft sind es ehemalige Partner:innen. Dabei kann Stalking auf verschiedene Weise geschehen, zum Beispiel durch Telefonanrufe, Textnachrichten, Besuche, durch Beobachtet- und/oder Verfolgtwerden, durch Geschenke, Warenbestellungen im Namen der Betroffenen, aber auch durch körperliche Gewalt. Diese Gewalt kann sexualisierter Art sein. Stalkinghandlungen, die online stattfinden oder für welche digitale Technologien verwendet werden, werden Cyber-Stalking genannt. Einzelne Handlungen können vielleicht harmlos erscheinen, doch die Wiederholungen, die zeitliche Dauer, das Zusammenkommen unterschiedlicher Handlungen und auch das Involvieren des Umfelds können diese gewaltvoll machen.

 

Hogging

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