Ernährung bei Schluckstörungen - Flora Koller - E-Book

Ernährung bei Schluckstörungen E-Book

Flora Koller

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Beschreibung

So vielfältig ihre Ursachen auch sind, Schluckstörungen haben eines gemeinsam: Die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist erschwert – mit zahlreichen möglichen Folgen für Körper und Psyche. Die Ernährungstherapie deckt dabei nicht nur den täglichen Energiebedarf, sondern hilft auch, die Lust am Essen und die Lebensqualität zu steigern. Dieses Buch bietet viele Tipps und Techniken zum richtigen Kochen, Essen und Trinken sowie zahlreiche Rezepte für Pikantes, Süßes, Suppen und Saucen. IHR PLUS • 120 Rezepte für alle Schluckstufen • Zubereitungstipps und Hilfsmittel für die Küche • Übersichtstabellen zur Lebensmittelauswahl • Tipps bei begleitenden Beschwerden • Mit gratis Einkaufslisten-App

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Janac, Koller, Kreuter-Müller, Tomić

Ernährung bei Schluckstörungen

Eine geschlechtergerechte Schreibweise wird in diesem Buch vorwiegend durch Nennung der weiblichen und männlichen Form realisiert, ansonsten durch den Doppelpunkt. Ist dies nicht möglich oder sinnvoll, so wird nach Möglichkeit eine neutrale Form gewählt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2. Auflage 2023

Copyright © 2017 maudrich Verlag

Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien, Österreich

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.

Alle Angaben in diesem Buch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autorinnen oder des Verlages ist ausgeschlossen.

Bildnachweis:

S. 8, 9, 18, 19, 22, 26, 34, 35, 36, 140: stock.adobe.comS. 38, 146: istockphoto.com

S. 52, 58, 70, 74, 82, 88, 100, 106, 127, 131: Victoria Posch und Esther Karner, Wien

Lektorat: Sabine Schlüter, Wien Satz: Florian Spielauer, Wien

Umschlagbild: Victoria Posch und Esther Karner, Wien

Covergestaltung: facultas nach einem Entwurf von Jose Coll, studiob.a.c.k.

Druck: finidr

Printed in the E. U.

ISBN 978-3-99002-156-9

e-ISBN 978-3-99111-642-4

INHALTSVERZEICHNIS

DER SCHLUCKVORGANG

SCHLUCKSTÖRUNG - DYSPHAGIE

URSACHEN VON SCHLUCKSTÖRUNGEN

SYMPTOME EINER SCHLUCKSTÖRUNG

FOLGEN EINER SCHLUCKSTÖRUNG

DIAGNOSTIK VON SCHLUCKSTÖRUNGEN

THERAPIE DER SCHLUCKSTÖRUNG

ERNÄHRUNGSTHERAPIE

KONSISTENZANGEPASSTE KOST

UMSETZUNG DER EMPFEHLUNGEN IN DIE PRAXIS

KÜCHENHELFER UND ZUBEREITUNGSHINWEISE

VERFEINERUNGSTIPPS

TIPPS ZUR KONSISTENZANPASSUNG

ANDICKUNGSMITTEL

REZEPTE: DIES & DAS

KONSISTENZDEFINIERTES TRINKEN UND ESSEN NACH IDDSI

STUFE 0: DÜNNFLÜSSIGE GETRÄNKE

STUFE 1: LEICHT DICKFLÜSSIG

STUFE 2: MÄSSIG DICKFLÜSSIG (SIRUP-/NEKTARARTIG)

REZEPTE STUFE 2

STUFE 3: STARK DICKFLÜSSIG (HONIGARTIG)

REZEPTE STUFE 3

STUFE 4: EXTREM DICKFLÜSSIGE GETRÄNKE (HONIG- BIS PUDDINGARTIG) UND BREIIG-PÜRIERTE KOST (DICKBREIIG)

REZEPTE STUFE 4

STUFE 5: ZERKLEINERT UND DURCHFEUCHTET

REZEPTE STUFE 5

STUFE 6: WEICH UND MUNDGERECHT

REZEPTE STUFE 6

STUFE 7: LEICHT ZU KAUEN UND NORMALKOST

GESUNDE ERNÄHRUNG

MANGELERNÄHRUNG

EIWEISSBEDARF UND EIWEISSPORTIONEN

DIE WICHTIGSTEN FUNKTIONEN VON EIWEISS (PROTEIN)

FOLGEN VON EIWEISSMANGEL

EIWEISSBEDARF INDIVIDUELL ERMITTELN

EIWEISS IST NICHT GLEICH EIWEISS

TIPPS

... BEI MUNDTROCKENHEIT (OLIGOSIALIE, XEROSTOMIE)

... BEI ÜBERMÄSSIGER SPEICHELBILDUNG (HYPERSALIVATION)

... FÜR DIE MUNDPFLEGE

... BEI ENTZÜNDUNGEN DER MUNDSCHLEIMHAUT (STOMATITIS)

ANHANG

LEBENSMITTELLISTE

KLEINES KÜCHENLEXIKON

ABKÜRZUNGEN

ANLEITUNG ZUR DURCHFÜHRUNG DES IDDSI-FLOW-TESTS

QUELLEN

REZEPTVERZEICHNIS

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser,

Schluckstörungen haben vielfältige Ursachen. Einerseits können sie von neurologischen Erkrankungen (z. B. Schlaganfall, Parkinson, ALS, Multiple Sklerose) ausgelöst werden, andererseits können sie bei Beschwerden, Operationen oder Behandlungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich auftreten. Welche Ursache auch immer zugrunde liegt, alle Schluckstörungen haben eines gemeinsam: Die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist erschwert. Dies kann zu einer eingeschränkten Speisen- und Getränkeauswahl, Verlust an Lebensqualität, möglicherweise Angst beim Essen und Trinken, zu Mangelernährung und rascherem Krankheitsfortschritt führen. Haben Sie aber keine Sorge - mit den diversen Tipps und Tricks ist trotz Dysphagie und Kostanpassung ein genussreiches Essen und Trinken möglich!

Neben der medizinischen Behandlung der Erkrankungsursache steht daher vor allem die logopädische und ernährungsmedizinische Betreuung im Vordergrund. Es gilt, den täglichen Energie- und Nährstoffbedarf zu decken und auf diese Weise einem Gewichtsverlust sowie Mangelernährung vorzubeugen. Es geht aber nicht nur um Nährstoffe, denn Essen ist eng mit sozialen Ereignissen verknüpft und bedeutet auch Lust und Lebensqualität.

Die Wahl der richtigen Nahrungskonsistenz sowie spezielle Schlucktechniken helfen Betroffenen ganz wesentlich dabei, die Nahrungsaufnahme zu erleichtern und wieder lustvoll zu erleben. Unser Buch richtet sich an erwachsene Betroffene und deren Angehörige. Sie finden hier viele Tipps und Techniken zum richtigen Kochen, Essen und Trinken sowie zahlreiche - nach therapeutischen Schluckstufen gegliederte - Rezepte. Ebenso kann dieses Buch medizinischem Fachpersonal und Therapeut:innen als Nachschlagewerk sowie als Inspirationsquelle für Rezepte dienen.

Unser Ziel ist es, das Wohlbefinden der Betroffenen zu steigern sowie den Ernährungszustand mit Tipps und Tricks positiv zu beeinflussen. In diesem Sinne wünschen wir gutes Gelingen!

Wien, im Jänner 2023

Caroline Janac Flora Koller Martina Kreuter-Müller Magdalena Tomić

DER SCHLUCKVORGANG

Essen und Trinken nehmen einen wichtigen Stellenwert im Leben ein - zum einen dienen sie der Ernährung, und zum anderen sind gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse meist mit Mahlzeiten verbunden. Speichel, Getränke und Speisen werden dabei normalerweise ohne viel darüber nachzudenken geschluckt. Wir schlucken durchschnittlich etwa 1000 Mal pro Tag. Dieser Vorgang erfordert in der Regel keine besondere Aufmerksamkeit und läuft meist nebenbei. Sich während einer Mahlzeit zu unterhalten, beim Radfahren zu trinken oder im Gehen einen Apfel zu essen, ist scheinbar nichts Besonderes.

Aus physiologischer Sicht ist der Schluckvorgang aber ein sehr komplexer Ablauf. Verschiedene Gehirnstrukturen und einige Hirn- und Rücken-marksnerven sorgen für die Steuerung der unten aufgeführten Strukturen (siehe Abbildung). Dabei arbeiten etwa 50 Muskelpaare folgender Regionen so zusammen, dass Speichel, Getränke und Nahrung sicher und rasch vom Mund zum Magen transportiert werden können:

Der Schluckapparat

Um den Schluckvorgang beschreiben zu können, wird er in der Medizin in vier Phasen unterteilt. Diese laufen teils bewusst steuerbar und teils reflektorisch1 ab und werden hier beschrieben:

SchluckphasenVorbereitungs-phase (orale Vorbereitungs-phase)Die Speise wird gekaut und geformt, bis sie eine Konsistenz hat, die geschluckt werden kann.Dabei sind die Lippen geschlossen, die Wangen angespannt, Kiefer und Zunge machen kreisende Bewegungen. Das Gaumensegel schließt die Mundhöhle gegen den Rachen ab.Mund-Phase (orale Phase)Die Zunge bringt den Schluck zwischen sich selbst und dem Gaumen in Position. Das Gaumensegel schließt die Mundhöhle zu Beginn noch gegen den Rachen ab, beginnt dann aber bereits, den Weg freizugeben. Der Eingang zur Luftröhre ist noch geöffnet.Rachen-Phase(pharyngealePhase)Sobald der Speisebrei weit genug in den Rachen transportiert wurde, wird der Schluckreflex ausgelöst. Jetzt setzen die reflektorischen Bewegungsabläufe ein und der weitere Verlauf kann nicht mehr bewusst gesteuert werden. Das Gaumensegel dichtet zusammen mit der hinteren Rachenwand den Nasenraum ab. Der Speisebrei wird durch Bewegungen der Zungen- und Rachenmuskulatur weitertransportiert. Währenddessen senkt sich der Kehldeckel, und Schleimhautfalten über dem Kehlkopf sowie die Stimmbänder schließen den Eingang zur Luftröhre ab - ein Schutz vor dem Eindringen des Schluckguts in die Luftwege entsteht. Der Speisebrei wandert nun in die Speiseröhre. Die Schleimhautfalten im Rachen und die Stimmbänder öffnen wieder. Die Atemwege sind somit wieder frei.Speiseröhren-Phase (ösopha- geale Phase)Der Transport durch die Speiseröhre erfolgt durch zwei Muskelkontraktionswellen, die den Speisebrei in den Magen transportieren. Somit ist der Schluckvorgang abgeschlossen.

Der in der Tabelle beschriebene Ablauf wird durch sensible Rückmeldungen aus Mund, Rachen und Kehlkopfbereich stets angepasst. So ist beispielsweise der Ablauf des Schluckvorgangs bei einem Schluck Wasser nicht identisch mit dem Ablauf bei einem Bissen hartem Brot oder wenn versehentlich eine zu heiße Kartoffel in den Mund genommen wurde.

SCHLUCKSTÖRUNG - DYSPHAGIE

Verschiedene Erkrankungen und Schädigungen können dazu führen, dass die zuvor in der Tabelle beschriebenen Abläufe nicht mehr problemlos funktionieren. Man spricht dann von einer Schluckstörung. Der Fachbegriff lautet Dysphagie, abgeleitet aus dem griechischen „phagein" für „essen" und der Vorsilbe „dys-" für „gestört".

Der Transport von Speichel, Getränken und Nahrung vom Mund zum Magen ist in diesem Fall beeinträchtigt. Es besteht die Gefahr, dass Speichel oder Anteile von Speisen und Getränken in die Atemwege gelangen. Dort können sie zu Entzündungen und im Akutfall zu Erstickungsanfällen oder Atemnot führen.

Neben dieser Gesundheitsgefährdung, die von einer Schluckstörung ausgeht, ist beim Trinken und Essen auch der Genuss häufig beeinträchtigt. Eine Dysphagie kann darüber hinaus dazu führen, dass betroffene Personen Einschränkungen im sozialen Leben erfahren.

Haben Sie keine Sorge, nur noch „Einheitsbrei" essen zu dürfen! Die Vorschläge im Rezeptteil sollen Ihnen trotz Dysphagie und Kostanpassung zu genussreichem Essen und Trinken verhelfen.

Das Schlucken ist beim Menschen so störanfällig, weil Atem- und der Speiseweg über eine weite Strecke hin gleich verlaufen, bevor sie sich im unteren Rachen kreuzen, wie in der Abbildung auf S. 9 zu erkennen ist. Selbst gesunde Personen können sich daher verschlucken, wenn sie beispielsweise unkonzentriert sind oder wenn sie während des Essens lachen müssen.

Ursachen von Schluckstörungen

Neurologische, internistische sowie Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen und manche medizinischen Maßnahmen können zu Schluckstörungen führen, sodass es überdurchschnittlich häufig zum Verschlucken kommt und daraus eine Gesundheitsgefährdung entsteht. In der folgenden Tabelle sind solche Erkrankungen aufgeführt. Darüber hinaus steigt - unabhängig von Grunderkrankungen - im höheren Alter generell das Risiko an, eine Schluckstörung zu entwickeln.

Häufige Ursachen für SchluckstörungenNeurologische ErkrankungenSchlaganfallMangeldurchblutung im Gehirn oder Hirnblutung; etwa die Hälfte der Betroffenen hat in der Akut-phase eine Schluckstörung.SchädelHirn-TraumaVerletzung des Schädels und des Gehirns infolge eines Unfalls (z. B. Verkehrsunfall, Sturz etc.); durch Blutungen oder Schwellungen im Gehirn tritt bei ca. 50-60 % der Betroffenen eine Dysphagie auf.HirntumorenJe nach Lage des Tumors, zusätzlichen Schädigungen durch Strahlenbehandlung sowie Druck auf andere Hirnareale variieren die Angaben zur Häufigkeit von Schluckstörungen stark.Multiple SkleroseEntzündliche Erkrankung des Gehirns; der Verlauf kann schubförmig oder von Erkrankungsbeginn an fortschreitend sein; 30-40 % der Betroffenen entwickeln im Verlauf eine Dysphagie.Parkinson ErkrankungFortschreitende Erkrankung, die zum Absterben bestimmter Nervenzellen führt; eine Schluckstörung tritt beim typischen Parkinson-Syndrom nicht zu Beginn der Erkrankung auf; im Verlauf zeigt sich aber bei etwa der Hälfte der Betroffenen eine Schluckstörung.Amyotrophe Lateralsklerose(ALS)Fortschreitende Erkrankung, die zu Muskellähmungen im gesamten Körper führt; in etwa 25 % der Fälle tritt bereits zu Beginn eine Schluckstörung auf; im Verlauf kommt es fast immer zu einer Dysphagie.Myasthenia gravisAutoimmunerkrankung, die zu belastungs- oder tageszeitenabhängiger Schwäche der Muskulatur führt; bei ca. 20 % der Betroffenen ist die Schluckstörung das Erstsymptom, im Verlauf kommt es bei ca. 50 % zu einer Dysphagie.MuskeldystrophienFortschreitende Muskelerkrankungen, bei denen die Häufigkeit von Schluckstörungen je nach Typ und hauptsächlich betroffenen Muskelpartien zwischen ca. 12 und 80 % schwankt.HNO-Erkran- kungenTumorenEine Schluckstörung kann durch den Tumor selbst, durch die operative Entfernung von am Schlucken beteiligten Strukturen oder als Konsequenz von Bestrahlungen und Chemotherapien ausgelöst werden; unter den HNO-Erkrankungen sind Tumoren die häufigste Ursache für Schluckstörungen.TraumataVerletzungen im Mund-, Rachen- und Halsbereich können ebenfalls Schluckstörungen verursachen.Zenker- DivertikelAusstülpung von Schleimhaut im unteren Rachen; kann zu Druckgefühl, Wiederhochkommen von Nahrungsanteilen, Husten beim Schlucken etc. führen; etwa 2 % der Personen, die über eine Schluckstörung klagen, haben ein Zenker-Divertikel.Internistische ErkrankungenErkrankungen der SpeiseröhreBewegungsstörungen der Speiseröhre, Refluxerkrankungen, Verengungen, Tumoren sowie Entzündungen der Speiseröhre können ebenfalls zu Schluckstörungen führen.Medizinische Maßnahmen als UrsacheNebenwirkungen von Medi-kamentenZahlreiche Medikamente (z. B. Tranquilizer, Rheuma- und Gichtmittel, Neuroleptika, Botulinum-toxin ...) können Schluckstörungen auslösen oder verstärken.Komplikationen chirurgischer MaßnahmenBeispielsweise bei der Operation einer verengten Halsschlagader kann es zu Nervenverletzungen und damit zu Zungen- bzw. Stimmbandlähmungen kommen, die eine Schluckstörung nach sich ziehen können.Folgen von Bestrahlung und Chemo-therapieAls Nebenwirkungen von Bestrahlung und Chemotherapie bei HNO-Tumoren treten häufig (auch oft erst Jahre nach der Behandlung) Schluckstörungen auf.Intensivmedizinische BehandlungenLänger notwendige künstliche Beatmung führt häufig zumindest vorübergehend zu Schluck-störungen.

Symptome einer Schluckstörung

Liegt eine Schluckstörung vor, wird die hohe Störanfälligkeit des Schluckablaufes zur Gefahr, denn Speichel, Getränke oder Speisen könnten in die Atemwege gelangen.

Wird der Schluckvorgang untersucht, zeigen sich folgende Symptome:

Leaking: Unkontrolliertes, frühzeitiges Entgleiten von Speichel-, Getränk- oder Speiseanteilen aus dem Mund oder nach hinten in den Rachen;

Residuen: Reste von Speichel, Getränken oder Speisen, die nach dem Schlucken im Mund, im Rachen oder rund um den Kehlkopf liegen bleiben;

Penetration: Eindringen von Speichel-, Getränke- oder Speiseanteilen in den Kehlkopf und damit in die Atemwege bis auf die Ebene der Stimmbänder;

Aspiration: Eindringen von Speichel-, Getränke- oder Speiseanteilen in den Kehlkopf und damit in die Atemwege bis unter die Stimmbänder, also in die Luftröhre und in weiterer Folge möglicherweise in die Lunge. Die Aspiration ist das schwerwiegendste Symptom einer Dysphagie.

Der Schluckvorgang läuft verborgen in Mund, Rachen und Kehlkopf ab, und die Symptome können von außen nicht direkt beobachtet werden. Daher werden Schluckstörungen von Betroffenen und auch von Außenstehenden in unterschiedlicher Deutlichkeit wahrgenommen.

Die Wahrnehmbarkeit der Schluckstörung hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:

von der Sensibilität der beteiligten Strukturen;

von der Funktion der Schutzmechanismen;

ob die Dysphagie plötzlich oder schleichend auftritt.

In der folgenden Tabelle sind Anzeichen von Schluckstörungen beschrieben, die auf ein Eindringen von Speichel, Getränken oder Speisen in die Atemwege hinweisen können. Man unterscheidet direkte Anzeichen, welche unmittelbar vor, während oder nach einem Schluck auftreten, und indirekte Anzeichen, die allgemeine Veränderungen im Rahmen einer Dysphagie umfassen.

Anzeichen für Eindringen von Speichel, Getränken oder Speisen in die Atemwege

direkte Anzeichenindirekte AnzeichenHusten beim/nach dem SchluckenGenerell vermehrtes Husten/RäuspernRäuspern beim/nach dem SchluckenVerstärkte VerschleimungRaue, gurgelnde Stimme direkt nach dem SchluckenAllgemeine StimmveränderungenGurgelndes AtemgeräuschUnklarer TemperaturanstiegAtemnot, KeuchenUnerwünschter GewichtsverlustBläuliche Verfärbung der Haut, erhöhte HerzfrequenzKurzatmigkeit, Bronchitis, Lungen-entzündung, LungenabszessAustritt von Nahrung aus einer operativ angelegten Luftröhrenöffnung (Tracheostoma)Chronisch obstruktive Lungen-veränderungen

Treten die in der Tabelle beschriebenen direkten Anzeichen beim Schlucken von Speichel, beim Trinken oder Essen gehäuft auf oder spüren die Betroffenen selbst, dass das Geschluckte nicht den richtigen Weg nimmt, werden Schluckstörungen in der Regel schnell erkannt.

In manchen Fällen ist die Sensibilität aber so eingeschränkt, dass die Betroffenen trotz des Eindringens von Speichel, Getränken oder Speise-anteilen in den Kehlkopf, die Luftröhre oder die Lunge nicht räuspern oder husten müssen. Man spricht dann von einer „stillen Aspiration". Indirekte Anzeichen für eine Schluckstörung, die häufig dennoch auftreten, werden meist nicht so rasch bemerkt. Fallen sie auf, sollte eine zeitnahe Abklärung erfolgen. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass besonders die indirekten Anzeichen auch eine Reihe anderer Ursachen haben können.

Je nach Ursache werden Schluckstörungen von Betroffenen unterschiedlich empfunden. Wenn Sie eine neurologisch bedingte Schluckstörung haben, ist Ihre Eigenwahrnehmung der Symptome möglicherweise eingeschränkt. Dadurch spüren Sie die Schluckprobleme eventuell selbst nicht oder nur wenig. Dies führt verständlicherweise häufig dazu, dass die Notwendigkeit einer Behandlung oder einer veränderten Kost infrage gestellt wird. Haben Sie eine Schluckstörung aufgrund einer HNO-Grunderkrankung, nehmen Sie die Schwierigkeiten eventuell deutlicher wahr.

HINWEIS: Unabhängig davon, ob Sie die Symptome der Schluckstörung selbst gut spüren oder nicht, ist nach eingehender Diagnostik eine Behandlung für Ihre Gesundheit und Lebensqualität sehr wichtig!

Die Symptome von Schluckstörungen sind sehr unterschiedlich. Ebenso ist individuell verschieden, welche Lebensmittel gut geschluckt werden können und welche eine große Gefahr darstellen. Dies liegt an der unterschiedlichen Beschaffenheit von Lebensmitteln. So kann es beispiels-weise sein, dass eine klare Suppe für Sie zu flüssig ist. Wenn Sie sich zusätzlich noch auf eine Suppeneinlage, wie Nudeln, Gemüse oder Kräuter, konzentrieren und sie kauen müssen, bevor sie geschluckt werden kann, ist das möglicherweise eine vorerst unüberwindliche Hürde.

Für eine andere Person mit Schluckstörung ist es hingegen vielleicht sehr problematisch, wenn Speisen zu trocken sind. So kann sich ein zu trockener Grießbrei anfühlen wie ein Sandsturm im Mund und sich an den Schleimhäuten von Wangen, Gaumen oder Rachen ankleben.

Das bedeutet, dass für manche Betroffenen eine breiige Konsistenz am besten geeignet ist, während andere Flüssigkeiten am besten schlucken können.

HINWEIS: Da sich die Schwierigkeiten und Gefahren je nach Ursache der Schluckstörung stark unterscheiden, sind immer individuelle Untersuchung und Therapie notwendig.

TIPP: Wählen Sie die für Sie passenden Rezepte in diesem Buch nach den in Ihrer Therapie gewonnenen Erkenntnissen und Empfehlungen aus. Ihre Therapeutin, Ihr Therapeut wird Ihnen dabei sicher gerne behilflich sein.

Folgen einer Schluckstörung

Mögliche medizinische Folgen einer Schluckstörung sind:

zu geringe Flüssigkeitsaufnahme/Austrocknung;

zu geringe oder sehr einseitige Nahrungsaufnahme/Mangelernährung;

Lungenentzündungen;

Erstickungsanfälle.

Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass direkte und indirekte Anzeichen für eine Schluckstörung ernst genommen werden und dass bei Vorliegen solcher Hinweise eine medizinische Abklärung und Behandlung erfolgt. Diese wird in der Regel von Neurolog:innen, HNO-Ärzt:innen und in weiterer Folge von Logopäd:innen bzw. Schlucktherapeut:innen durchgeführt.

In diesem Buch wird in weiterer Folge der Begriff Schlucktheraupeut:in verwendet, da in Österreich, Deutschland und der Schweiz jeweils unterschiedliche Ausbildungen und Berufsbezeichnungen üblich sind.

Die folgende Tabelle listet Kontaktmöglichkeiten zu spezialisierten Schlucktherapeut:innen auf:

LandOrganisationKontaktmöglichkeitÖsterreichBerufsverband der österreichischen Logopädinnen und Logopädenhttps://logopaedieaustria.at/logopaedin-suchewww.logopaeden.atDeutschlandBundesverband für Logopädie e. V.https://www.dbl-ev.de/service/logopaedensucheDeutscher Bundesverband der akademischen Sprachtherapeutenhttp://www.dbs-ev.de/betroffene-und-angehoerige/therapeutenverzeichnis/Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogike. V.http://www.dgs-ev.de/SchweizDeutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandwww.logopaedie.ch/links-listenwww.dysphagie.ch/deutsch/adressen-diagnostik-therapie/

Stand: Juli 2022; kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Diagnostik von Schluckstörungen

Die Diagnose einer Schluckstörung erfolgt zu Beginn meist durch eine klinische Untersuchung, d. h. durch Befragung und Beobachtung der Be-troffenen sowie durch spezielle Schlucktests und manuelle Methoden. Typische Fragen, die in einem ersten Gespräch Hinweise auf das Vorliegen einer Schluckstörung geben können, sind unter anderem:

Benötigen Sie länger als bisher für Essen und Trinken?

Kam es in den letzten Wochen oder Monaten zu einer unbeabsichtigten Gewichtsreduktion? •} Kommt es während des Trinkens und Essens zu vermehrtem Räuspern, Hustenanfällen oder Atemnot?

Klingt die Stimme während und/oder nach dem Essen oder Trinken verändert, beispielsweise „feucht" oder „gurgelnd"?

Kommt es zu unklaren Fieberschüben, wiederkehrenden Infekten der Atemwege oder gar Lungenentzündungen?

Da durch Gespräche und klinische Methoden aber beispielsweise eine Aspiration nicht sicher erkannt werden kann, sind zusätzlich Untersuchungen mit medizinischen Geräten notwendig. Diese dienen dem Sichtbar-machen und der objektiven Beurteilung der Symptome einer Dysphagie.

Die beiden wichtigsten instrumenteilen Untersuchungen sind die Videoendosko- pie des Schluckens (auch FEES® - Flexible Endoscopic Evaluation of Swallowing) und die Videofluoroskopie des Schluckens (auch VFSS - Videofluroscopic Swallowing Study oder „Schluckaktröntgen"). Bei beiden Methoden wird ein Video des Schluckvorgangs angefertigt - bei der FEES mittels eines dünnen Endoskops, welches durch die Nase eingeführt wird, bei der VFSS mittels eines Röntgengeräts. Die beiden

Untersuchungen ergänzen einander in ihren Vor- und Nachteilen. Je nach Fragestellung wird die geeignete Methode ausgewählt.

Ziele der Untersuchung einer Schluckstörung sind:

Feststellen der Bewegungsabläufe, Symptome und Kompensationsmöglichkeiten

Einschätzen der Gefahren, die durch das Schlucken von Speichel, Getränken und Speisen entstehen

Abschätzen der notwendigen Akutmaßnahmen, sodass Atmung und ausreichende Ernährung gesichert sind

Finden geeigneter Konsistenzen für die Nahrungsaufnahme

Festlegen passender Therapieoptionen.

Das Ausmaß von Schluckstörungen kann stark variieren. Manche Betroffene haben nur geringe Probleme, beispielsweise beim Essen gemischter Konsistenzen, wie Kompott oder klare Suppe mit Einlage. Diese Personen können fast alle Lebensmittel und Speisen zu sich nehmen. Andere wiederum haben eine so stark ausgeprägte Dysphagie, dass sogar das Schlucken des eigenen Speichels zu Problemen führt und gar keine Nahrungsaufnahme über den Mund möglich ist. Dazwischen gibt es unzählige Abstufungen. Aus diesem Grund ist eine individuelle Untersuchung und Behandlungsplanung durch geschulte Fachleute besonders wichtig.

Therapie der Schluckstörung

Die Therapie von Schluckstörungen erfolgt in einem interdisziplinären Team. Ärzt:innen, Schlucktherapeut:innen, ernährungsmedizinische Fachkräfte, Pflegepersonen, Ergo- und Physiotherapeut:innen sowie Psycholog:innen sind an der Behandlung beteiligt.

Beim Auftreten einer Schluckstörung ist nach der eingehenden Untersuchung zunächst eine Akutversorgung notwendig. Das bedeutet, dass im Fall einer sehr schweren Schluckstörung die Atmung und die Ernährung der Betroffenen gesichert werden müssen. Hierfür können eine Versorgung mit Trachealkanülen zur Sicherung der Atmung sowie Ernährungssonden erforderlich sein.

Ist die Akutbehandlung der Schluckstörung erfolgt, sollte eine weiterführende Therapie durch Schlucktherapeut:innen in Anspruch genommen werden.

Die Therapie umfasst in der Regel folgende Maßnahmen:

Wiederherstellung der geschädigten Strukturen und eingeschränkten Funktionen, soweit möglich;

Anpassung der Getränke- und Nahrungskonsistenzen, sodass eine möglichst sichere Ernährung erreicht wird;

Auffinden geeigneter Hilfsmittel, welche die Nahrungsaufnahme für Betroffene erleichtern (siehe ab S. 24).

Therapiekonzepte

Zur Wiederherstellung der geschädigten Strukturen und eingeschränkten Funktionen gibt es verschiedene therapeutische Möglichkeiten. Die bekanntesten Therapiekonzepte sind in der folgenden Tabelle aufgelistet:

Therapiekonzepte

BezeichnungKurzbeschreibungFunktionelle Dysphagie-therapieKombiniert verschiedenste funktionsorientierte Übungen; bevorzugt jene, für die es einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis gibt.Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)Funktionelle Behandlungsmethode; die Therapeutin, der Therapeut setzt in festgelegter Reihenfolge Reize, die die Muskelaktivität verbessern sollen (z. B. Druck, Dehnung, Vibration).Facio-oral-Trakt-Therapie (F.O.T.T)Ganzheitliches Behandlungskonzept zum Wiedererlernen beeinträchtigter Funktionen; die Übungen erfolgen hauptsächlich im Rahmen von Pflege und Alltagsaktivitäten.Therapie nach Castillo Morales