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So vielfältig ihre Ursachen auch sind, Schluckstörungen haben eines gemeinsam: Die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist erschwert – mit zahlreichen möglichen Folgen für Körper und Psyche. Die Ernährungstherapie deckt dabei nicht nur den täglichen Energiebedarf, sondern hilft auch, die Lust am Essen und die Lebensqualität zu steigern. Dieses Buch bietet viele Tipps und Techniken zum richtigen Kochen, Essen und Trinken sowie zahlreiche Rezepte für Pikantes, Süßes, Suppen und Saucen. Ihr Plus • 120 Rezepte für alle Schluckstufen • Zubereitungstipps und Hilfsmittel für die Küche • Übersichtstabellen zur Lebensmittelauswahl • Tipps bei begleitenden Beschwerden • Mit gratis Einkaufslisten-App
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2017
Caroline Janac, Flora Koller, Martina Kreuter-Müller, Magdalena Tomić
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
Copyright © 2017 maudrich Verlag
Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien, Österreich
Druck: Ferdinand Berger & Söhne, Horn
Lektorat: Sabine Schlüter, Wien
Satz: Florian Spielauer, Wien
Covergestaltung: studiob.a.c.k. und Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Bildnachweis:
S. 8, 9, 16, 18, 19, 21, 26, 35, 36, 37, 44, 133, 136: fotolia.com
S. 29, 52, 56, 68, 72, 82, 94, 98, 108, 126, 128: Victoria Posch, Esther Karner
S. 33, 142: istockphoto.com
S. 131: DGE, Bonn
Coverbild: Victoria Posch
ISBN 978-3-99002-041-8 (print)
ISBN 978-3-99030-957-5 (epub)
DER SCHLUCKVORGANG
SCHLUCKSTÖRUNG – DYSPHAGIE
URSACHEN
SYMPTOME EINER SCHLUCKSTÖRUNG
FOLGEN EINER SCHLUCKSTÖRUNG
DIAGNOSTIK
THERAPIE
ERNÄHRUNGSTHERAPIE
KONSISTENZANGEPASSTE KOST
UMSETZUNG DER EMPFEHLUNGEN IN DIE PRAXIS
KÜCHENHELFER UND ZUBEREITUNGSHINWEISE
VERFEINERUNGSTIPPS
TIPPS ZUR KONSISTENZANPASSUNG
ANDICKUNGSMITTEL
BASISREZEPTE
KONSISTENZDEFINIERTES TRINKEN UND ESSEN NACH 8 STUFEN
STUFE 0
STUFE 1
STUFE 2
REZEPTE STUFE 2
STUFE 3
REZEPTE STUFE 3
STUFE 4
REZEPTE STUFE 4
STUFE 5
REZEPTE STUFE 5
STUFE 6
REZEPTE STUFE 6
STUFE 7
GESUNDE ERNÄHRUNG
MANGELERNÄHRUNG
EIWEISSBEDARF UND EIWEISSPORTIONEN
TIPPS
… BEI MUNDTROCKENHEIT (OLIGOSIALIE, XEROSTOMIE)
… BEI ÜBERMÄSSIGER SCHLEIMBILDUNG (HYPERSALIVATION)
… FÜR DIE MUNDPFLEGE
… BEI ENTZÜNDUNGEN DER NDUNGENDER MUNDSCHLEIMHAUT (STOMATITIS)
KÜCHENLEXIKON
ABKÜRZUNGEN
ANLEITUNG ZUR DURCHFÜHRUNG DES IDDSI-FLOW-TESTS
QUELLEN
REZEPTÜBERSICHT
Liebe Leserin, lieber Leser,
Schluckstörungen haben vielfältige Ursachen. Einerseits können sie von neurologischen Erkrankungen ausgelöst werden, andererseits können sie bei Erkrankungen, Operationen oder Behandlungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich sowie durch internistische Behandlungen und medizinische Maßnahmen auftreten. Welche Ursache auch immer, alle Schluckstörungen haben eines gemeinsam: Die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist erschwert. Dies kann zu einer eingeschränkten Speisen- und Getränkeauswahl, Verlust an Lebensqualität, möglicherweise Angst beim Essen und Trinken, zu Mangelernährung und rascherem Krankheitsfortschritt führen.
Neben der medizinischen Behandlung der Erkrankungsursache steht daher vor allem die logopädische und ernährungsmedizinische Betreuung im Vordergrund. Es gilt, den täglichen Energie- und Nährstoffbedarf zu decken und auf diese Weise einem Gewichtsverlust sowie Mangelernährung vorzubeugen. Es geht aber nicht nur um Nährstoffe, denn Essen ist eng mit sozialen Ereignissen verknüpft und bedeutet auch Lust und Lebensqualität.
Die Wahl der richtigen Nahrungskonsistenz und spezielle Schlucktechniken helfen den Betroffenen und ihren Angehörigen ganz wesentlich dabei, die Nahrungsaufnahme zu erleichtern und wieder lustvoll zu erleben. Sie finden hier viele Tipps und Techniken zum richtigen Kochen, Essen und Trinken sowie zahlreiche – nach therapeutischen Schluckstufen eingeteilte – Rezepte, geeignet für Kinder ab 5 Jahren, Jugendliche und Erwachsene. Insofern kann dieses Buch auch medizinischem Fachpersonal und TherapeutInnen als Nachschlagewerk sowie als Inspirationsquelle für Rezepte dienen. Unser Ziel ist es, das Wohlbefinden der Betroffenen zu steigern sowie den Ernährungszustand mit Tipps und Tricks positiv zu beeinflussen. In diesem Sinne wünschen wir gutes Gelingen!
Caroline Janac, Flora Koller, Martina Kreuter-Müller, Magdalena Tomić
Essen und Trinken nehmen einen wichtigen Stellenwert im Leben ein – zum einen dienen sie der Ernährung, und zum anderen sind gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse meist mit Mahlzeiten verbunden. Speichel, Getränke und Speisen werden dabei normalerweise ohne viel darüber nachzudenken geschluckt. Wir schlucken durchschnittlich etwa 1000 Mal pro Tag. Dieser Vorgang erfordert in der Regel keine besondere Aufmerksamkeit und läuft meist nebenbei. Sich während einer Mahlzeit zu unterhalten, beim Radfahren zu trinken oder im Gehen einen Apfel zu essen, ist scheinbar nichts Besonderes.
Aus physiologischer Sicht ist der Schluckvorgang aber ein sehr komplexer Ablauf. Verschiedene Gehirnstrukturen und einige Hirn- und Rückenmarksnerven sorgen für die Steuerung der abgebildeten Strukturen. Dabei arbeiten etwa 50 Muskelpaare fein abgestimmt zusammen, sodass Speichel, Getränke und Nahrung sicher und rasch vom Mund zum Magen transportiert werden können:
Um den Schluckvorgang besser beschreiben zu können, wird er in der Medizin in vier Phasen unterteilt. Diese laufen teils bewusst steuerbar und teils reflektorisch* ab.
Die Schluckphasen sind in der folgenden Tabelle beschrieben:
Der Schluckapparat
Schluckphasen
Vorbereitungsphase (orale Vorbereitungsphase)
Die Speise wird gekaut und geformt, bis sie eine Konsistenz hat, die geschluckt werden kann.
Dabei sind die Lippen geschlossen, die Wangen angespannt, Kiefer und Zunge machen kreisende Bewegungen. Das Gaumensegel schließt die Mundhöhle gegen den Rachen ab.
Mund-Phase (orale Phase)
Die Zunge bringt den Schluck zwischen sich selbst und dem Gaumen in Position. Das Gaumensegel schließt die Mundhöhle zu Beginn noch gegen den Rachen ab, beginnt dann aber bereits, den Weg freizugeben.
Der Eingang zur Luftröhre ist noch geöffnet.
Rachen-Phase (pharyngeale Phase)
Sobald der Speisebrei weit genug in den Rachen transportiert wurde, wird der Schluckreflex ausgelöst. Jetzt setzen die reflektorischen Bewegungsabläufe ein und der weitere Verlauf kann nicht mehr bewusst gesteuert werden.
Das Gaumensegel dichtet zusammen mit der hinteren Rachenwand den Nasenraum ab. Der Speisebrei wird durch Bewegungen der Zungen- und Rachenmuskulatur weitertransportiert.
Währenddessen senkt sich der Kehldeckel, und Schleimhautfalten über dem Kehlkopf sowie die Stimmbänder schließen den Eingang zur Luftröhre ab – ein Schutz vor dem Eindringen des Schluckguts in die Luftwege entsteht. Der Speisebrei wandert nun in die Speiseröhre. Die Schleimhautfalten im Rachen und die Stimmbänder öffnen wieder. Die Atemwege sind somit wieder frei.
Speiseröhren-Phase (ösophageale Phase)
Der Transport durch die Speiseröhre erfolgt durch zwei Muskelkontraktionswellen, die den Speisebrei in den Magen transportieren. Somit ist der Schluckvorgang abgeschlossen.
Der in der Tabelle beschriebene Ablauf wird durch sensible Rückmeldungen aus Mund, Rachen und Kehlkopfbereich stets angepasst. So ist beispielsweise der Ablauf des Schluckvorgangs bei einem Schluck Wasser nicht identisch mit dem Ablauf bei einem Bissen hartem Brot oder wenn versehentlich eine zu heiße Kartoffel in den Mund genommen wurde.
Verschiedene Erkrankungen und Schädigungen können dazu führen, dass die zuvor in der Tabelle beschriebenen Abläufe nicht mehr problemlos funktionieren. Man spricht dann von einer Schluckstörung. Der Fachbegriff lautet Dysphagie, abgeleitet aus dem griechischen „phagein“ für „essen“ und der Vorsilbe „dys-“ für „gestört“.
Der Transport von Speichel, Getränken und Nahrung vom Mund zum Magen ist in diesem Fall beeinträchtigt. Es besteht die Gefahr, dass Speichel oder Anteile von Speisen und Getränken in die Atemwege gelangen. Dort können sie zu Entzündungen und im Akutfall zu Erstickungsanfällen oder Atemnot führen.
Neben dieser Gesundheitsgefährdung, die von einer Schluckstörung ausgeht, ist beim Trinken und Essen auch der Genuss häufig beeinträchtigt. Eine Dysphagie kann darüber hinaus dazu führen, dass Betroffene Einschränkungen im sozialen Leben erfahren.
Das Schlucken ist beim Menschen so störanfällig, weil Atem- und Speiseweg über eine weite Strecke hin gleich verlaufen, bevor sie sich im unteren Rachen kreuzen, wie in der Abbildung auf S. 9 zu erkennen ist. Selbst gesunde Personen können sich daher verschlucken, wenn sie beispielsweise unkonzentriert sind oder wenn sie während des Essens lachen müssen.
Neurologische, internistische sowie Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen und manche medizinischen Maßnahmen können darüber hinaus zu Schluckstörungen führen, sodass es überdurchschnittlich häufig zum Verschlucken kommt und daraus eine Gesundheitsgefährdung entsteht. In der folgenden Tabelle sind solche Erkrankungen aufgeführt.
Häufige Ursachen für Schluckstörungen
Neurologische Erkrankungen
Schlaganfall
Mangeldurchblutung im Gehirn oder Hirnblutung; etwa die Hälfte der Betroffenen hat in der Akutphase eine Schluckstörung.
Schädel-Hirn-Trauma
Verletzung des Schädels und des Gehirns infolge eines Unfalls (z.B. Verkehrsunfall, Sturz etc.); durch Blutungen oder Schwellungen im Gehirn tritt bei ca. 50–60% der Betroffenen eine Dysphagie auf.
Hirntumoren
Je nach Lage des Tumors, zusätzlichen Schädigungen durch Strahlenbehandlung sowie Druck auf andere Hirnareale variieren die Angaben zur Häufigkeit von Schluckstörungen stark.
Multiple Sklerose
Entzündliche Erkrankung des Gehirns; der Verlauf kann schubförmig oder von Erkrankungsbeginn an fortschreitend sein; 30–40 % der Betroffenen entwickeln im Verlauf eine Dysphagie.
Parkinson-Erkrankung
Fortschreitende Erkrankung, die zum Absterben bestimmter Nervenzellen führt; eine Schluckstörung tritt beim typischen Parkinson-Syndrom nicht zu Beginn der Erkrankung auf; im Verlauf zeigt sich aber bei etwa der Hälfte der Betroffenen eine Schluckstörung.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Fortschreitende Erkrankung, die zu Muskellähmungen im gesamten Körper führt; in etwa 25 % der Fälle tritt bereits zu Beginn eine Schluckstörung auf; im Verlauf kommt es fast immer zu einer Dysphagie.
Myasthenia gravis
Autoimmunerkrankung, die zu belastungs- oder tageszeitenabhängiger Schwäche der Muskulatur führt; bei ca. 20 % der Betroffenen ist die Schluckstörung das Erstsymptom, im Verlauf kommt es bei ca. 50 % zu einer Dysphagie.
Muskeldystrophien
Fortschreitende Muskelerkrankungen, bei denen die Häufigkeit von Schluckstörungen je nach Typ und hauptsächlich betroffenen Muskelpartien zwischen ca. 12 und 80 % schwankt.
HNO-Erkrankungen
Tumoren
Eine Schluckstörung kann durch den Tumor selbst, durch die operative Entfernung von am Schlucken beteiligten Strukturen oder als Konsequenz von Bestrahlungen und Chemotherapien ausgelöst werden; unter den HNO-Erkrankungen sind Tumoren die häufigste Ursache für Schluckstörungen.
Traumata
Verletzungen im Mund-, Rachen- und Halsbereich können ebenfalls Schluckstörungen verursachen.
Zenker-Divertikel
Ausstülpung von Schleimhaut im unteren Rachen; kann zu Druckgefühl, Wiederhochkommen von Nahrungsanteilen, Husten beim Schlucken etc. führen; etwa 2% der Personen, die über eine Schluckstörung klagen, haben ein Zenker-Divertikel.
Internistische Erkrankungen
Erkrankungen der Speiseröhre
Bewegungsstörungen der Speiseröhre, Refluxerkrankungen, Verengungen, Tumoren sowie Entzündungen der Speiseröhre können ebenfalls zu Schluckstörungen führen.
Medizinische Maßnahmen als Ursache
Nebenwirkungen von Medikamenten
Zahlreiche Medikamente (z. B. Tranquilizer, Rheuma- und Gichtmittel, Neuroleptika, Botulinumtoxin ...) können Schluckstörungen auslösen oder verstärken.
Komplikationen chirurgischer Maßnahmen
Beispielsweise bei der Operation einer verengten Halsschlagader kann es zu Nervenverletzungen und damit zu Zungen- bzw. Stimmbandlähmungen kommen, die eine Schluckstörung nach sich ziehen können.
Folgen von Bestrahlung und Chemotherapie
Als Nebenwirkungen von Bestrahlung und Chemotherapie bei HNO-Tumoren treten häufig (auch oft erst Jahre nach der Behandlung) Schluckstörungen auf.
Liegt eine Schluckstörung vor, wird die hohe Störanfälligkeit des Schluckablaufes zur Gefahr, denn Speichel, Getränke oder Speisen könnten in die Atemwege gelangen. Wird der Schluckvorgang untersucht, zeigt sich zumindest eines der folgenden Symptome:
•Leaking: Unkontrolliertes, frühzeitiges Entgleiten von Speichel-, Getränk- oder Speiseanteilen aus dem Mund oder nach hinten in den Rachen;
•Residuen: Reste von Speichel, Getränken oder Speisen, die nach dem Schlucken im Mund, im Rachen oder rund um den Kehlkopf liegen bleiben;
•Penetration: Eindringen von Speichel-, Getränke- oder Speiseanteilen in den Kehlkopf und damit in die Atemwege bis auf die Ebene der Stimmbänder;
•Aspiration: Eindringen von Speichel-, Getränke- oder Speiseanteilen in den Kehlkopf und damit in die Atemwege bis unter die Stimmbänder, also in die Luftröhre und möglicherweise in die Lunge. Die Aspiration ist das schwerwiegendste Merkmal einer Dysphagie.
Der Schluckvorgang läuft verborgen in Mund, Rachen und Kehlkopf ab, und die Symptome können von außen nicht direkt beobachtet werden. Daher werden Schluckstörungen von Betroffenen und auch von Außenstehenden in unterschiedlicher Deutlichkeit wahrgenommen.
Die Wahrnehmbarkeit der Schluckstörung hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:
•von der Sensibilität der beteiligten Strukturen;
•von der Funktion der Schutzmechanismen;
•ob die Dysphagie plötzlich oder schleichend auftritt.
Die folgende Tabelle beschreibt Anzeichen für mögliches Eindringen von Speichel, Getränken oder Speisen in die Atemwege. Dabei wird zwischen
•direkten Anzeichen (unmittelbar vor, während oder nach einem Schluck) und
•indirekten Anzeichen (allgemeine Veränderungen im Rahmen einer Dysphagie)
unterschieden.
Anzeichen für Eindringen von Speichel, Getränken oder Speisen in die Atemwege
direkte Anzeichen
indirekte Anzeichen
Husten beim/nach dem Schlucken
Generell vermehrtes Husten/Räuspern
Räuspern beim/nach dem Schlucken
Verstärkte Verschleimung
Raue, gurgelnde/„feuchte“ Stimme direkt nach dem Schlucken
Allgemeine Stimmveränderungen
Gurgelndes Atemgeräusch
Unklarer Temperaturanstieg
Atemnot, Keuchen
Unerwünschter Gewichtsverlust
Bläuliche Verfärbung der Haut, erhöhte Herzfrequenz
Kurzatmigkeit, Bronchitis,
Lungenentzündung, Lungenabszess
Austritt von Nahrung aus einer operativ angelegten Luftröhrenöffnung (Tracheostoma)
Chronisch obstruktive Lungenveränderungen
Treten die in der Tabelle beschriebenen direkten Anzeichen beim Schlucken von Speichel, beim Trinken oder Essen gehäuft auf oder spüren die Betroffenen selbst, dass das Geschluckte nicht den richtigen Weg nimmt, werden Schluckstörungen in der Regel schnell erkannt.
In manchen Fällen ist die Sensibilität aber so eingeschränkt, dass die Betroffenen trotz des Eindringens von Speichel, Getränken oder Speiseanteilen in den Kehlkopf, die Luftröhre oder die Lunge nicht räuspern oder husten müssen. Man spricht dann von einer „stillen Aspiration“. Indirekte Anzeichen für eine Schluckstörung, die häufig dennoch auftreten, werden meist nicht so rasch bemerkt. Fallen sie auf, sollte eine zeitnahe Abklärung erfolgen. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass besonders die indirekten Anzeichen auch eine Reihe anderer Ursachen haben können.
Je nach Ursache werden Schluckstörungen von Betroffenen unterschiedlich empfunden.
Hinweis: Unabhängig davon, ob Sie die Symptome der Schluckstörung selbst gut spüren oder nicht, ist nach eingehender Diagnostik eine Behandlung für Ihre Gesundheit und Lebensqualität sehr wichtig!
Wenn Sie eine neurologisch bedingte Schluckstörung haben, ist Ihre Eigenwahrnehmung der Symptome möglicherweise eingeschränkt. Dadurch spüren Sie die Schluckprobleme eventuell selbst nicht oder nur wenig. Dies führt verständlicherweise häufig dazu, dass die Notwendigkeit einer Behandlung oder einer veränderten Kost infrage gestellt wird. Haben Sie eine Schluckstörung aufgrund einer HNO-Grunderkrankung, nehmen Sie die Schwierigkeiten eventuell deutlicher wahr.
Die Symptome von Schluckstörungen sind sehr unterschiedlich. Ebenso ist individuell verschieden, welche Lebensmittel gut geschluckt werden können und welche eine große Gefahr darstellen. Dies liegt an der unterschiedlichen Beschaffenheit von Lebensmitteln. So kann es beispielsweise sein, dass eine klare Suppe für Sie zu flüssig ist. Wenn Sie sich zusätzlich noch auf eine Suppeneinlage, wie Nudeln, Gemüse oder Kräuter, konzentrieren und sie kauen müssen, bevor die Suppe geschluckt werden kann, ist das möglicherweise eine vorerst unüberwindliche Hürde.
Hinweis: Da sich die Schwierigkeiten und Gefahren je nach Ursache der Schluckstörung stark unterscheiden, sind immer individuelle Untersuchungen und Therapien notwendig.
Für eine andere Person mit Schluckstörung ist es hingegen vielleicht sehr problematisch, wenn Speisen zu trocken sind. So kann sich ein zu trockener Grießbrei anfühlen wie ein Sandsturm im Mund und an den Schleimhäuten von Wangen, Gaumen oder Rachen kleben. Das bedeutet, dass für manche Betroffenen eine breiige Konsistenz am besten geeignet ist, während andere Flüssigkeiten am besten schlucken können.
Tipp: Wählen Sie die für Sie passenden Rezepte in diesem Buch nach den Erkenntnissen und Empfehlungen Ihrer Therapie aus. Ihre Therapeutin, Ihr Therapeut wird Ihnen dabei sicher gerne behilflich sein.
Mögliche medizinische Folgen einer Schluckstörung sind:
•zu geringe Flüssigkeitsaufnahme/Austrocknung;
•zu geringe oder sehr einseitige Nahrungsaufnahme/Mangelernährung;
•Lungenentzündungen;
•Erstickungsanfälle.
Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass direkte und indirekte Anzeichen für eine Schluckstörung ernstgenommen werden und dass bei Vorliegen solcher Hinweise eine medizinische Abklärung und Behandlung erfolgt. Diese wird in der Regel von NeurologInnen, HNO-ÄrztInnen und in weiterer Folge von LogopädInnen bzw. SchlucktherapeutInnen durchgeführt.
In diesem Buch wird der Begriff SchlucktheraupeutIn verwendet, da in Österreich, Deutschland und der Schweiz jeweils unterschiedliche Ausbildungen, Berufsbezeichnungen und Zuständigkeiten üblich sind.
Die folgende Tabelle listet Kontaktmöglichkeiten zu spezialisierten SchlucktherapeutInnen auf:
Land
Organisation
Kontaktmöglichkeit
Österreich
Berufsverband der österreichischen Logopädinnen und Logopäden
www.logopaedieaustria.at/index.php/therapeutensuche
www.logopaeden.at
Deutschland
Bundesverband für Logopädie e. V.
www.dbl-ev.de/service/logopaedensuche.html
Deutscher Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten
http://www.dbs-ev.de/betroffene-und-angehoerige/therapeutenverzeichnis/
Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V.
http://www.dgs-ev.de/
www.klinische-linguistik.de/index.php/kliniken
Schweiz
Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband
www.logopaedie.ch/links-listen
https://www.dysphagie.ch/deutsch/adressen-dysphagietherapie/
Stand: Februar 2017; kein Anspruch auf Vollständigkeit
Die Diagnose einer Schluckstörung erfolgt zu Beginn meist durch eine klinische Untersuchung, d. h. durch Befragung und Beobachtung der Betroffenen sowie durch spezielle Schlucktests und manuelle Methoden. Typische Fragen, die in einem ersten Gespräch Hinweise auf das Vorliegen einer Schluckstörung geben können, sind unter anderem:
•Benötigen Sie länger als bisher für Essen und Trinken?
•Kam es in den letzten Wochen oder Monaten zu einer unbeabsichtigten Gewichtsreduktion?
•Kommt es während des Trinkens und Essens zu vermehrtem Räuspern, Hustenanfällen oder Atemnot?
•Klingt die Stimme während und/oder nach dem Essen oder Trinken verändert, beispielsweise „feucht“ oder „gurgelnd“?
•Kommt es zu unklaren Fieberschüben, wiederkehrenden Infekten der Atemwege oder gar Lungenentzündungen?
Da durch Gespräche und klinische Methoden aber beispielsweise eine Aspiration nicht sicher erkannt werden kann, sind zusätzlich Untersuchungen mit medizinischen Geräten notwendig. Diese dienen dem Sichtbarmachen und der objektiven Beurteilung der Symptome einer Dysphagie.
Die beiden wichtigsten instrumentellen Untersuchungen sind die Videoendoskopie des Schluckens (auch FEES® – Flexible Endoscopic Evaluation of Swallowing) und die Videofluoroskopie des Schluckens (auch VFSS – Videofluoroscopic Swallowing Study oder „Schluckaktröntgen“). Bei beiden Methoden wird ein Video des Schluckvorgangs angefertigt – bei der FEES mittels eines dünnen Endoskops, das durch die Nase eingeführt wird, bei der VFSS mittels eines Röntgengeräts. Die beiden Untersuchungen ergänzen einander in ihren Vor- und Nachteilen. Je nach Fragestellung wird die geeignete Methode ausgewählt.
Ziele der Untersuchung einer Schluckstörung sind:
•Feststellen der Symptome;
•Einschätzen der Gefahren, die durch das Schlucken von Speichel, Getränken und Speisen entstehen;
•Abschätzen der notwendigen Akutmaßnahmen, sodass Atmung und ausreichende Ernährung gesichert sind;
•Finden geeigneter Konsistenzen für die Nahrungsaufnahme;
•Festlegen passender Therapieoptionen.
Das Ausmaß von Schluckstörungen kann stark variieren. Manche Betroffene haben nur geringe Probleme, beispielsweise beim Essen gemischter Konsistenzen, wie Kompott mit Saft oder klare Suppe mit Einlage. Diese Personen können fast alle Lebensmittel und Speisen zu sich nehmen. Andere wiederum haben eine so stark ausgeprägte Dysphagie, dass sogar das Schlucken des eigenen Speichels zu Problemen führt und gar keine Nahrungsaufnahme über den Mund möglich ist. Dazwischen gibt es unzählige Abstufungen. Aus diesem Grund ist eine individuelle Untersuchung und Behandlungsplanung durch geschulte Fachleute besonders wichtig.
Hinweis: Haben Sie keine Angst, nur noch „Einheitsbrei“ essen zu dürfen! Die Vorschläge im Rezeptteil sollen Ihnen trotz Dysphagie und Kostanpassung zu genussreichem Essen und Trinken verhelfen.
Die Therapie von Schluckstörungen erfolgt in einem interdisziplinären Team. ÄrztInnen, SchlucktherapeutInnen, ernährungsmedizinische Fachkräfte, Pflegepersonen, Ergo- und PhysiotherapeutInnen sowie PsychologInnen sind an der Behandlung beteiligt.
Beim Auftreten einer Schluckstörung ist nach der eingehenden Untersuchung zunächst eine Akutversorgung notwendig. Das bedeutet, dass im Fall einer sehr schweren Schluckstörung die Atmung sowie die Ernährung der Betroffenen gesichert werden müssen. Hierfür können eine Versorgung mit Trachealkanülen zur Sicherung der Atmung sowie Ernährungssonden erforderlich sein.
Ist die Akutbehandlung der Schluckstörung erfolgt, sollte eine weiterführende Therapie durch SchlucktherapeutInnen in Anspruch genommen werden.
•Wiederherstellung der geschädigten Strukturen und eingeschränkten Funktionen, soweit möglich;
•Anpassung der Getränke- und Nahrungskonsistenzen, sodass eine möglichst sichere Ernährung erreicht wird;
•Wahl geeigneter Hilfsmittel, welche die Nahrungsaufnahme für Betroffene erleichtern (siehe S. 24-26).
Zur Wiederherstellung der geschädigten Strukturen und eingeschränkten Funktionen gibt es verschiedene therapeutische Möglichkeiten. Einige bekannte Therapiekonzepte sind die folgenden:
Therapiekonzepte
Bezeichnung
Kurzbeschreibung
Funktionelle Dysphagietherapie
Kombiniert verschiedenste funktionsorientierte Übungen; bevorzugt jene, für die es einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis gibt.
Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
Funktionelle Behandlungsmethode; die Therapeutin, der Therapeut setzt in festgelegter Reihenfolge Reize, die die Muskelaktivität verbessern sollen (z. B. Druck, Dehnung, Vibration).
Facio-oral-Trakt-Therapie (F.O.T.T)
Ganzheitliches Behandlungskonzept zum Wiedererlernen beeinträchtigter Funktionen; die Übungen erfolgen hauptsächlich im Rahmen von Pflege und Alltagsaktivitäten.
Therapie nach Castillo Morales
Ganzheitliches, an der Funktionsweise des Nervensystems orientiertes Therapiekonzept; im Fokus stehen Hilfestellungen für die Betroffenen bei Alltagstätigkeiten.
Neben den genannten Methoden gibt es neuere, derzeit noch hauptsächlich experimentell genutzte Ansätze wie z. B. die funktionelle Elektrostimulation oder die transkranielle Magnetstimulation. Bei diesen Therapien kommen Geräte zum Einsatz, die direkten Einfluss auf die geschädigten Körperbereiche haben. Sie könnten in Zukunft eine wichtige Ergänzung zur klassischen Dysphagietherapie darstellen.
Hinweis: Ihr Schlucktherapeut, Ihre Schlucktherapeutin wird nach der Untersuchung geeignete Therapiemethoden auswählen und ein individuelles Übungsprogramm für Sie zusammenstellen.
Ziele der Schlucktherapie
