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Es war Platon, der in seinem Gastmahl Eros und Philosophie zuerst zusammengedacht hat: Erotisches Philosophieren entwirft nicht nur Theorien des Guten, sondern wirkt zugleich als Lebensform. Es erneuert den suchenden und fragenden Menschen existenziell. Olivia Mitscherlich-Schönherr belebt diese vergessene Tradition des schon von Platon gepflegten freundschaftlichen Dialogs neu. Leserinnen und Leser werden so direkt mit ins Gespräch einbezogen und das Buch wird zur Inspirationsquelle für eigene philosophische Gedanken und den Austausch darüber. Wenn Körper und Geist, Eros und Erkenntnis sich verbinden, gelingt umfassendes Schauen und Verstehen der großen Zusammenhänge.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Olivia Mitscherlich-Schönherr
Erotisches Philosophieren
Gewidmet ist das Buch Ihnen: den Leserinnen und Lesern
Kapitel 1Was kann erotisches Philosophieren in der Gegenwart sein? Ein Essay
1.Der verdrängte Eros des Philosophierens
2.Das antike Vorbild: Das erotische Philosophieren in der Tradition des Sokrates
3.Herausforderungen und Potenziale erotischen Philosophierens in Neuzeit und Moderne
4.Eine pluralistische Wiederbelebung des erotischen Philosophierens in der Gegenwart
5.Die Darstellungsform des vorliegenden Essays und ihre Grenzen
Literatur
Kapitel 2Gespräche in philosophischer Lebenskunst, Politik und Freundschaft
1.Erstes Rahmengespräch: Gespräch über die Funktion von Philosophie für eine rationale Krisenpolitik
2.Olivias Bericht: Symposion im Frühsommer 2021 über Philosophie als Lebenskunst
3.Zweites Rahmengespräch : Gespräch über erotisches Philosophieren, politische Klugheit und die Funktion des vorliegenden Buchs
Liebe Leserinnen und Leser
Anmerkungen und Literaturhinweise
Erotisches Philosophieren? Eine Philosophie, die erotische Phänomene – Begehren, Zeugen, Empfangen, Liebe, Freundschaft – nicht nur zum Gegenstand macht, sondern selbst eine erotische Praxis ist: eine philosophische Praxis des Begehrens, Zeugens, Empfangens, Gebärens, der Geburtshilfe, die unter philosophischen Freund:innen ausgeübt wird?
In der Antike wäre der Ausdruck „erotisches Philosophieren“ als Pleonasmus aufgefallen – steckt doch im Begriff der Philo-Sophie selbst bereits ein Lieben: das Lieben, Begehren der Weisheit. Als Liebe unterscheidet sich die Philo-Sophie in ihren griechischen Anfängen von allen Wissenschaften und Gesetzmäßigkeiten (griechisch: Logoi oder Nomoi): der Psycho-Logie, Polito-Logie, Viro-Logie, Geo-Logie, Öko-Nomie, Astro-Nomie usw. Den Umstand, dass uns das Sprechen von einem „erotischen Philosophieren“ in der Gegenwart nicht mehr als „doppelt gemoppelt“ erscheint, müssen wir nicht schuldbewusst mangelhaften Griechisch-Kenntnissen anrechnen. Er hat sein Grund vielmehr in der Sache: in einem langwährenden Prozess der Verdrängung des Erotischen aus dem Zentrum des Philosophierens. Seit der Neuzeit wird Philosophie im Allgemeinen nicht mehr als Liebespraxis verstanden und ausgeübt, sondern als „Logos“: als nüchterne Wissenschaft. In den neuzeitlichen Systemen sollte Philosophie Wissenschaft schlechthin sein. In der Moderne wird Philosophie in einer Vielzahl von Schulen mit unterschiedlichen Erkenntnismethoden und Grundannahmen ausgeübt, die wechselseitig ihre Ansprüche auf Wissenschaftlichkeit bestreiten – in ihrer Distanz zum Erotischen sich aber einig sind.
In der Gegenwart treten die problematischen Konsequenzen hervor, die diese Verdrängung für das Philosophieren hat. Überdeutlich zeigt sich, dass ein Philosophieren, das allein als nüchtern-rationales Erkennen praktiziert wird, die genuin philosophischen Ansprüche nicht mehr erfüllen kann, die Philosophierenden zu bilden und Wissen zu generieren, das in unübersichtlichen Lebenssituationen Orientierung vermittelt.
Der Bildungsausfall eines verwissenschaftlichten Philosophierens hängt damit zusammen, dass es als Erkenntnispraxis innerhalb des menschlichen Lebens gewissermaßen „zu hoch“ angesiedelt ist. Wenn philosophische Auseinandersetzungen allein in den Dimensionen des Denkens, Argumentierens und propositionalen Sprechens ausgeübt werden, ist ihnen die Rückbindung an die „tieferen“, vor-rationalen Lebensaspekte genommen. Damit wird am Philosophieren aber nicht nur alle Begeisterung, der Drang des Fragens, Entdeckens und das erfüllende Glück des Empfangens abgeblendet. Den philosophischen Auseinandersetzungen wird zugleich auch die Kraft genommen, das vor-rationale Begehren der Philosophierenden zu transformieren, das seinerseits auf ein biologisch festgelegtes Triebgeschehen reduziert wird. Mit all ihren ausgefeilten Argumentationen und Theorien über ein gutes, gerechtes, gelingendes Leben kann die Praktische Philosophie im Leben der Philosophierenden nicht mehr praktisch werden: ihr Leben nicht grundsätzlich erneuern, bilden. Die Theorien der Praktischen Philosophie bleiben abstrakt. Ihre Grenzen finden sie an den sinnlichen Trieben, Interessen. Hier gelten die wertfreien biologischen Gesetze des Gattungserhalts, von denen für philosophisch-ethische Auseinandersetzungen die bohrenden Fragen ausgehen müssen: „Wozu Bildung?“ „Warum moralisch sein?“
Ein verwissenschaftlichtes Philosophieren hat nicht nur Probleme mit den klassischen Ansprüchen auf Bildung, sondern auch auf rationale Lebensorientierung. In der Neuzeit wird philosophische Orientierung nach dem Vorbild der empirischen Wissenschaften konzipiert. In Abgrenzung von allen vor-rationalen, dunkel-erotischen Lebensaspekten sollen von einem Standpunkt reiner Vernunft in allgemeingültigen Moralsystemen oberste Prinzipien bzw. „Leitbilder“ des guten Lebens aufgestellt werden, die immer und überall anzuwenden sind (vgl. Adorno 1967; Kersting 2017). Neben Kants Kategorischem Imperativ und dem utilitaristischen Glückskalkül – „Größtmögliches Glück für die größtmögliche Zahl“ – wäre etwa auch an die Theorie der Gerechtigkeit zu denken, die John Rawls im 20. Jahrhundert aufgestellt hat. In der Gegenwart überzeugt diese Ausgestaltung philosophischer Orientierung jedoch kaum noch irgendjemanden. Im Hintergrund einer verbreiteten Skepsis gegenüber allgemeingültigen Leitbildern des guten Lebens steht die Einsicht in die Endlichkeit, Zeitlichkeit des philosophischen Erkennens. In ernsthafter Philosophie, die sich der Einsicht in die eigene Endlichkeit stellt, wird der Anspruch aufgegeben, die zentralen Fragen der Praktischen Philosophie „Was soll ich, was sollen wir tun? Wie soll ich, wie sollen wir leben?“ allgemeingültig zu beantworten. Nicht nur scheinen die individuellen Lebensverläufe zu verschieden zu sein, in denen nach Orientierung gesucht wird; zu vielfältig und zu uneins sind v. a. auch die philosophischen Schulen der Gegenwart. Unter Sprachanalyse, Phänomenologie, kritischer Theorie, Hermeneutik – um nur die wichtigsten Schulen der zeitgenössischen Philosophie zu nennen – herrscht nicht nur ein grundsätzlicher Dissens in Bezug auf Methode, Erkenntnisstandards und Erkenntnisgegenständen der Philosophie; unter ihnen herrscht meist auch Schweigen: ein verhärtetes Nebeneinander-Arbeiten ohne Austausch mit den ungeliebten Nebenbuhler:innen, deren Theorien man die philosophische Ernsthaftigkeit abspricht. Allgemeingültiges Orientierungswissen scheint nicht einmal innerakademisch erreichbar zu sein. So gehen die meisten Vertreter:innen der akademischen Philosophie denn auch bewusst auf Distanz zu philosophischen Orientierungsansprüchen. Zu Recht als unseriös gelten die Praktiken von philosophischen Über-Vätern, aus Großtheorien über den Verlauf der Menschheitsgeschichte oder die menschliche Natur Anweisungen abzuleiten, wie Einzelne oder Gesellschaften konkrete Lebenssituationen gestalten sollen. Während die Entfremdung aus den gesamtpersonalen Lebenszusammenhängen einem verwissenschaftlichten Philosophieren Möglichkeiten zur Bildung der Philosophierenden verschließt, sind ihm durch seine Endlichkeit und Fragmentierung folglich Möglichkeiten allgemeingültiger rationaler Orientierung genommen.
Spätestens in den gesellschaftlichen Krisen des 21. Jahrhunderts – von Finanz- über Corona- bis zur Klimakrise – werden die kulturellen Konsequenzen dieser philosophischen Bildungs- und Orientierungsausfälle offenbar. In der breiten Öffentlichkeit ist das Begehren nach Orientierung groß. An der Unübersichtlichkeit, Ungewissheit und existenziellen Bedrohlichkeit der gesellschaftlichen Krisen der Gegenwart entzünden sich die zentralen philosophischen Orientierungsfragen: „Wie soll ich, wie wollen wir leben? Wie kann mein, unser Leben in all diesen Herausforderungen gelingen? Wie können wir und unsere Kinder glücklich werden?“ Die Orientierungslücke, die sich dadurch auftut, dass ernsthaft Philosophierende keine allgemeingültigen Großtheorien des guten Lebens, der Gerechtigkeit vortragen, wird von anderen gesellschaftlichen Instanzen gefüllt. Im historischen Vergleich ist es bemerkenswert, dass die Kirchen nicht zur Stelle sind. Auch traut ihnen in der Öffentlichkeit nach den Skandalen der letzten Jahrzehnte wohl kaum mehr jemand die Fähigkeit zur Orientierung zu. Vielmehr werden nun wissenschaftliche Expert:innen gefragt. Auf dem boomenden Markt der Ratgeberliteratur und Gesundheits-Apps geben Expert:innen aus Psychologie, Medizin, Wirtschaft Antworten auf die Fragen nach dem Gelingen der individuellen Existenz. Das Spektrum der empfohlenen Wege zum individuellen Glück reicht von spirituell-meditativen Praktiken der Achtsamkeit bis zu stark technikgestützten Praktiken der Selbstoptimierung. Auf gesellschaftlicher Ebene findet bei der Auseinandersetzung mit Fragen nach einem gelingenden gesellschaftlichen Miteinander eine parallele Entwicklung statt. In Finanz-, Corona- und Klima-Krise wollen Politiker:innen die politische Krisenbewältigung vom Wissen der jeweils zuständigen Expert:innen aus der Ökonomie, Virologie und Epidemiologie bzw. den Klima- und Erdsystemwissenschaften „ableiten“. Dabei zeigt sich der Status von Expert:innen als gesellschaftlicher Orientierungsinstanz unter anderem daran, dass politische Konflikte die Gestalt von wissenschaftlichen Konflikten annehmen (vgl. Bogner 2021: 18–36). „Klima-Leugner:innen“ begründen ihre politischen Positionen genauso mit wissenschaftlicher Expertise wie „Klima-Aktivist:innen“, „Querdenker:innen“ genauso wie die Vertreter:innen der offiziellen Corona-Regierungspolitik. Sie unterscheiden sich primär in den wissenschaftlichen Quellen, auf die sie sich berufen: entweder auf den wissenschaftlichen „Mainstream“ oder auf Randpositionen.
Wissenschaftliche Expertise ist bei der Gestaltung der individuellen Existenz wie des gesellschaftlichen Miteinanders unverzichtbar. Dies zeigt bereits ein oberflächlicher Blick auf die Errungenschaften der modernen Medizin, auf die heutzutage wohl kaum jemand verzichten möchte. Problematisch wird es jedoch, wenn wissenschaftlichen Expert:innen die Aufgabe normativer Lebensorientierung überantwortet wird: wenn expertokratische Formen normativer Lebensorientierung ausgebildet werden und wissenschaftliche Expert:innen allgemeingültige Antworten auf die Orientierungsfragen „Was soll ich, was sollen wir tun?“ geben sollen – denen sich die selbstkritischen Philosoph:innen zu Recht gerade verwahren. Lebensorientierung nimmt dann die Gestalt einer „Ableitung“ von Handlungsempfehlungen eines gelingenden Lebens aus allgemeinen wissenschaftlichen Evidenzen an. Dabei wird jedoch die Abstraktheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse unterschätzt: dass die wissenschaftlichen Evidenzen „nicht für sich sprechen“, keine normativen Aussagen darüber enthalten, wie gehandelt werden soll. Um von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen ethische oder politische Anweisungen „ableiten“ zu können, müssen deswegen unter der Hand normative Annahmen über ein gelingendes Leben in Anspruch genommen werden. Die erreichten Anweisungen können zugleich nur deswegen als allgemeingültig, alternativlos behauptet werden, weil die normativen Vorannahmen nicht reflektiert, sondern verdeckt werden und auf eine kritische Auseinandersetzung verzichtet wird. So werden in der Ratgeberliteratur meist unkritisch sozial verbreitete Glücksvorstellungen in Anspruch genommen, wenn Handreichungen zum Gelingen der individuellen Existenz gegeben werden: etwa die Vorstellung, dass menschliches Glück etwas sei, das sich herstellen lasse, wenn man nur ausreichend „an sich arbeite“. Analog funktionieren die Konstruktionen von politischen Alternativlosigkeiten im Rückgriff auf wissenschaftliche Evidenzen. Wenn die Regierung etwa während der Corona-Krise bestimmte politische Maßnahmen mit Bezug auf wissenschaftliche Modellierungen als „alternativlos“ behauptet hat, dann hat sie unter der Hand normative Annahmen darüber in Anspruch genommen, wessen Interessen gewahrt, welche Gesellschaftsgruppen in besonderem Maße geschützt bzw. in die Pflicht genommen werden sollen. Indem philosophische Orientierung ausfällt und expertokratische Formen der Lebensorientierung erstarken, kommt es zu neuen Formen der Irrationalität: zu einem Verlust an Selbstreflexivität und bewusster Selbstbestimmung bei der individuellen und gesellschaftlich geteilten Lebensführung.
In dieser Gemengelage möchte ich die antike Tradition eines Philosophierens wiedererinnern, das sich aus erotischem Begehren speist und als erotische Praxis ausgeübt wird – und darin genuin philosophische Prozesse der Bildung und Orientierung freisetzen kann. Mit diesem Rückbezug auf die Antike wahre ich in meinen Bemühungen um eine Re-Erotisierung des Philosophierens zugleich Distanz zur neuzeitlichen Naturalisierung bzw. Biologisierung des Erotischen. Darunter verstehe ich eine Auffassung, die menschliches Begehren, Zeugen, Empfangen, Gebären als allein sinnlich-körperliche Akte deutet, vermittels derer sich das biologische Leben der menschlichen Gattung fortpflanzt. Wenn „hinter“ geistigen – religiösen, künstlerischen, philosophischen – Aktivitäten erotisches Begehren entdeckt werden soll, dann geschieht dies meist in Gestalt von „Entschleierungen“: wo vom Guten, von Gerechtigkeit, Schönheit die Rede sei, ginge es eigentlich nur um Triebbefriedigung. Meinerseits möchte ich – in Auseinandersetzung mit der antiken Tradition des erotischen Philosophierens – eine alternative Form der erotischen Erneuerung bahnen. Die biologistische Erotik sitzt nämlich nicht nur einem verkürzten Verständnis des Erotischen auf. Abgeblendet werden die leiblichen Erfahrungen, Emotionen, kulturellen Bilder, Rollen, die erotisches Begehren, Zeugen, Empfangen, Gebären durchdringen. Übersehen wird, dass das erotische Erleben nicht in blinden Gefühlszuständen aufgeht, die in Menschen hochkochen, sondern dass es besondere Inhalte hat: sich an der Schönheit des Begehrten entzündet und nur deswegen aufregend ist und der individuellen Existenz Sinn verleihen kann. Unter der Ägide einer biologistischen Erotik werden gleichzeitig auch die Bildungs- und Orientierungspotenziale verspielt, über die das europäische Philosophieren in seinen erotischen Anfängen verfügt. Die Fragen der Lebensführung werden den biologischen Gesetzen des Gattungserhalts überantwortet.
Wenn ich mich im Folgenden um eine Re-Erotisierung der zeitgenössischen Philosophie bemühe, dann möchte ich an die ganzheitliche Tradition philosophischer Erotik der griechischen Antike anknüpfen. Mit diesem Unternehmen verbinde ich die Hoffnung, einen Weg aus den aktuellen Bildungs- und Orientierungsproblemen zu finden, von denen die ent-erotisierte, rationalistische Philosophie der Gegenwart eingeholt wird. Genauer geht es mir darum, ein Philosophieren zu bahnen, das im vor-rationalen, erotischen Leben verankert ist und seinerseits in erotischen Praktiken geistig-philosophischen Empfangens, Zeugens, Gebärens ausgeübt wird – und in ebendieser erotischen Durchdringung alternative Bildungs- und Orientierungsprozesse freisetzt: philosophische Orientierung, die nicht von einem Wissensstandpunkt allgemeingültiger Vernunfterkenntnis jenseits des Lebens, sondern vielmehr von einem Standpunkt inmitten des Lebens zwischen Wissen und Nicht-Wissen erreicht wird. Dabei wird sich zeigen, dass diese philosophische Bildungspraxis auch für die politische Öffentlichkeit von Belang ist.
Um zu einer zeitgenössischen Wiederbelebung eines erotischen Philosophierens beizutragen, gliedere ich mein Essay in vier Schritte. Zunächst blicke ich auf die antiken Anfänge zurück. In Anschluss daran reflektiere ich zentrale Umstellungen und Einsichten der Neuzeit und Moderne, die einer „musealen“ Wiederbelebung des erotischen Philosophierens entgegenstehen. Im dritten Schritt meiner Überlegungen stelle ich mich affirmativ in den philosophischen Pluralismus der Perspektiven, Methoden und Theoreme der Gegenwart, um im Lichte der antiken Tradition erotischen Philosophierens dessen erotische Quellen und Potenziale auszuleuchten. Auf diese Weise möchte ich zu einer erotischen Erneuerung des plural-vielgestaltigen Philosophierens unserer Zeit beitragen und ein zeitgenössisches pluralistisches erotisches Philosophieren bahnen, in dem philosophische Freundinnen und Freunde miteinander ganzheitliche Bildungsprozesse durchlaufen. Am Ende meines Essays werde ich schließlich auf die Grenzen meines vorliegenden Unternehmens blicken: Philosophie in Gestalt eines Traktats erotisch zu erneuern. Diese Auseinandersetzung mit den Darstellungsformen, in denen Philosophie als erotische Praxis ausgeübt werden kann, macht den Übergang zu den Dialogen zwischen philosophischen Freund:innen bzw. politischen Freund-Feind:innen im zweiten Teil des vorliegenden Buchs.
Die Einsicht, dass wir kein allgemeingültiges Wissen über das gute Leben als Leitbild der Lebensführung erreichen können, prägt die europäische Philosophie nicht nur in der Gegenwart, sie prägt sie v. a. auch in ihren Anfängen bei Sokrates. Sokrates und seine Schüler sind darin jedoch noch viel weiter gegangen als die meisten Vertreter:innen der zeitgenössischen Philosophie. Philosophie haben sie als Praxis von konkreten leiblich verfassten Personen verstanden, ausgeübt und dargestellt, die einen Namen und eine Biographie haben und deren Leben erotisch bestimmt ist. In dieser erotischen Verankerung und Durchdringung besitzt das Sokratische Philosophieren ganzheitliche Orientierungspotenziale. Es bildet die Philosophierenden als ganze Personen – in ihrem erotischen Begehren, Empfangen, Gebären, Zeugen – zur Lebensklugheit; also zu Menschen, die in den einzelnen Situationen ihres Lebens gut zu leben wissen.
In der Antike wird Sokrates in verschiedenen Schriften seiner Schüler als Personifikation erotischen Philosophierens vorgestellt: u. a. in Xenophons Symposion (Gastmahl) sowie in einer Vielzahl Platonischer Dialoge: in der Apologie, dem Theätet, Lysis, Phaidros, v. a. aber in Platons Symposion (Gastmahl). In all diesen Texten lässt sich nicht trennscharf zwischen dem Denken und Wirken des historischen Sokrates und der literarischen Darstellung durch seine Schüler unterscheiden.
Platons Symposion bildet gleichwohl den Schlüsseltext eines auf Sokrates zurückgehenden erotischen Philosophierens. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass dieser Text den Eros explizit zu seinem Gegenstand macht: erotisches Begehren, Empfangen, Zeugen, Gebären, Fortpflanzen. Vielmehr verzahnt Platon in diesem Text unterschiedliche Aspekte eines textuell vermittelten erotischen Philosophierens.
Auf einer ersten diskursiven Ebenen lässt Platon Sokrates – in dessen Lobrede auf den Eros – eine Theorie über Philosophie als erotischer Praxis vortragen.
Auf einer zweiten narrativen Textebene zeichnet Platon ein Bild von Sokrates als philosophischem Erotiker. Im Zentrum des Textes findet sich eine mythische Darstellung des Eros, die deutliche Züge des Sokrates trägt – und damit Sokrates seinerseits als Person hervortreten lässt, in der der Eros konkrete leibhafte Gestalt gewinnt. Wie Sokrates ist der mythische Eros eine schillernde Gestalt, die „rauh, unansehnlich, unbeschuht, ohne Behausung“ ist, zugleich aber „dem Guten und Schönen nach[stellt], tapfer, keck und rüstig [ist], ein gewaltiger Jäger, allezeit irgendwelche Ränke schmiedend, nach Einsicht strebend, sinnreich, sein ganzes Leben lang philosophierend, ein arger Zauberer, Giftmischer und Sophist“ (Symp. 203c f.). Im Lichte der mythischen Eros-Erzählung tritt als existenzielle Grundhaltung des Philosophen Sokrates seine Zwischen-Position hervor, aus der sich sein rückhaltloses Begehren speist: als Zwischengestalt, die weder schön noch hässlich ist, weder wissend noch unwissend, weder gut noch schlecht, ist Eros alias Sokrates zum Schönen, Guten, zur Weisheit hingezogen, die er nicht besitzt, von denen er jedoch eine Ahnung hat. „Kein Gott philosophiert oder begehrt weise zu werden, sondern ist es, noch auch, wenn sonst jemand weise ist, philosophiert dieser. Ebensowenig philosophieren auch die Unverständigen oder streben, weise zu werden. Denn das ist eben das Arge am Unverstande, daß er, ohne schön und gut und vernünftig zu sein, doch sich selbst ganz genug zu sein dünkt.“ Dagegen sei „Eros notwendig weisheitsliebend“ und steht „philosophisch zwischen den Weisen und Unverständigen mitteninne“ (Symp. 204e). Die narrative Darstellung des Sokrates als philosophischer Erotiker geht in Platons Symposion noch weit über diesen Mythos hinaus. Auch im Bericht über die Ereignisse während des Gastmahls stellt Platon Sokrates als philosophischen Erotiker vor, der in seiner philosophischen Gesprächskunst auf genuin philosophische Weise begehrt, das begehrte Glück empfängt, in seinen Schülern zeugt, Leben fortpflanzt.
In einer dritten Textebene begegnen die Schüler, in denen Sokrates philosophisch gezeugt hat. In den Rahmenerzählungen, in die der Bericht über Sokrates beim Gastmahl eingelassen ist, stellt Platon Sokrates’ Schüler ihrerseits als Philosophierende vor, die philosophisch begehren, empfangen und in weiteren Schülergenerationen zeugen.
Und schließlich gelingt es Platon mit dieser inhaltlichen Darstellung, seinen eigenen Text als verschriftlichte philosophisch-erotische Praxis durchsichtig zu machen: als einen erotischen Text, mit dem er sich als erotischer Schüler des Sokrates seinerseits im Verhältnis zu seinen Leser-Schülern als erotischer Autor-Lehrer betätigt, sie in ihrem erotischen Begehren adressiert, in ihnen zeugt und sie auf diese Weise zur philosophischen Empfängnis und zum philosophischen Gebären befähigt.
Die Frage, ob die Ausgestaltung des erotischen Philosophierens als Lehrpraxis zwischen philosophischen Lehrer- und Schüler-Freunden auf den historischen Sokrates zurückgeht, oder aber von Platon angefangen wird, ist im historischen Rückblick nicht eindeutig zu entscheiden. Viel spricht für die zweite Hypothese. Während es nämlich Sokrates selbst kaum um Schulbildung gegangen sein dürfte, hatte Platon großes Interesse daran, die philosophische Lebensform auch nach der Hinrichtung des Sokrates in künftigen Generationen fortzuzeugen. Auch greift Platon bei der Ausgestaltung der philosophischen Lehrer-Schüler-Beziehung auf rationalistische Annahmen zurück, die der historische Sokrates kaum geteilt haben dürfte: insbesondere die intuitivkontemplative Schau der Ideen bzw. des wahrhaft Schönen und Guten sowie den Anspruch, in deren Lichte des wahrhaft Schönen „wahre Tugend“ hervorzubringen. Bereits in der Antike finden sich Spuren eines alternativen erotischen Philosophierens. Aus Berichten über sein Leben lässt sich ablesen, dass Aristoteles ein erotisches Philosophieren nicht in Gestalt von Lehrgesprächen zwischen Lehrer- und Schüler-Freunden, sondern als gleichrangige Gespräche zwischen philosophischen Freunden auf Augenhöhe ausgeübt hat. Im zweiten – dialogischen – Teil meines Buches werde ich an beide Gestalten erotischen Philosophierens anknüpfen, um die pluralistische Gestalt eines erotischen Philosophierens unter philosophischen Freund:innen in actu auszuüben, die ich im vierten Abschnitt des vorliegenden Essays skizziere. In meinem Essay werde ich mich dagegen auf das Symposion konzentrieren, da es in seiner skizzierten Vielschichtigkeit, seinen differenzierten Phänomenbeschreibungen und seiner Selbstbezüglichkeit den zentralen Referenztext des auf Sokrates zurückgehenden erotischen Philosophierens darstellt. Genauer werde ich das erotische Philosophieren, das uns im Symposion begegnet, im Folgenden in seinen erotischen Quellen und in seinen erotischen Praktiken vorstellen.
Erotisch ist Philosophieren im Symposion bereits in seinen Anfängen. Personen werden in diesem Text durch erotisches Begehren nach Weisheit zum Philosophieren motiviert.
Als Praxis von leiblich verfassten Personen mit individueller Biographie und Eigennamen ist Philosophie in nicht-philosophische Lebenskontexte integriert. Damit kommt der Frage nach dem Anfang des Philosophierens besondere Relevanz zu, da er seinerseits nicht in philosophischer Argumentation, dem Auffinden von Gründen oder dem philosophischen Sehen der Sachen selbst bestehen kann. In seinem Anfang entscheidet sich der Status, der dem Philosophieren im Leben zukommt: ob die philosophischen Auseinandersetzungen als Mittel genutzt werden, um letzte Ziele der Lebensführung zu erreichen, die ihrerseits nicht mehr philosophisch reflektiert und überprüft werden – worin philosophische Bildung von Anfang an marginalisiert wäre; oder ob philosophische Auseinandersetzung als in sich sinnvolle Praxis angefangen wird, die ihrerseits auf diese vor-philosophischen Bindungen ausgreifen, sie reflektieren und erneuern – und damit ganzheitliche Bildungsprozesse formen kann.
Im Symposion kann erotisches Begehren den Anfang zu einem erneuernden, bildenden Philosophieren machen, da erotisches Begehren seinerseits nicht biologistisch als wertfreies sinnlich-biologisches Triebgeschehen, sondern als wertbezogener Lebensakt verstanden wird. Das Verständnis des erotischen Begehrens unterscheidet sich dabei grundlegend von den biologistischen Theorien der Neuzeit, die es auf einen biochemisch verursachten Gefühlszustand rauschhafter Erregtheit reduzieren: auf einen Zustand, in dem Begehrende eine Vielzahl positiver Charakterzüge auf das Objekt ihrer Begierde projizieren. Unter anderem in Anschluss an Arthur Schopenhauer wird dieser Gefühlszustand als Finte der Natur „entschleiert“: als emotionale Erregtheit, die die Begehrenden zur Ausübung von Sexualpraktiken und zum Aufziehen der dabei gezeugten Kinder motiviere, wodurch der Erhalt der Gattung sichergestellt werde. Solche Zusammenhänge blinder Begierde würden philosophische Bildung freilich untergraben. Wenn sexuelles Begehren in besonderen Beziehungskonstellationen zu philosophischen Auseinandersetzungen motivieren mag, dann kann Letzteren bloß noch instrumenteller Wert zukommen: die eigenen Erfolgsaussichten zu erhöhen, eine begehrte Person „rumzukriegen“.
Jenseits solcher biologistischen Verkürzungen begegnet erotisches Begehren im Symposion
