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Schneiden und Erziehen, Düngen und Ausdünnen – dieses Buch zeigt Ihnen, wie auch Sie als Profi Ertrag und Fruchtqualität von Obstgehölzen pflanzengerecht und umweltverträglich weiter verbessern können. Obstbäume tragen am regelmäßigsten, wenn Sie ihr Wachstum richtig lenken und durch rechtzeitiges Ausdünnen einen zu starken Fruchtbesatz ausreichend reduzieren. Die Ratschläge zur Kulturführung befassen sich deshalb mit gutem Pflanzenmaterial, den Möglichkeiten des Baumschnittes, wie langer und kurzer Schnitt, der Kronenerziehung, dem Einsatz von Wachstumshemmern und Düngungsstrategien, den Ursachen und Gegenmaßnahmen unzureichender Blütenbildung sowie Fruchtansatzproblemen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2011
Hermann Link
Ertragssteigerung im Obstbau
Ulmer E-Books
„Ertragssteigerung im Obstbau“, möchte man fragen, kann das noch Ziel einer zeitgemäßen Bewirtschaftung von Obstanlagen sein? Wo bleiben die Nachhaltigkeit bei der Bodenbewirtschaftung, wo die Forderungen der Verbraucher nach einer natürlichen Erzeugung hochwertiger und unbelasteter Früchte?
Doch Ertragssteigerung schließt diese modernen Anforderungen an die Obsterzeugung nicht aus. Was zunächst als Reizthema erscheint, beinhaltet vielmehr besonders aktuelle Themen des integrierten und des ökologischen Obstbaus. Herauszustellen ist vor allem das Streben nach frühen und regelmäßigen Erträgen, hoher Fruchtqualität, zusammengesetzt aus Größe, Farbe, Geschmack, Haltbarkeit, Gesundheits- und Ernährungswert, Verminderung der Arbeitskosten und einem reduzierten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.
Es ist jedoch nicht beabsichtigt, diesen Fragenkatalog umfassend zu behandeln. Kristallisationspunkte aller kommenden Ausführungen sollen die Begriffe „Wachstumssteuerung“ und „Regulierung der Fruchtbarkeit der Obstbäume“ sein. Praktische Probleme werden aufgegriffen und Verbesserungsmöglichkeiten vorgeschlagen.
Bestimmte Wuchsbilder sind in der Natur kein Selbstzweck, sondern stehen in engem Zusammenhang mit der Leistung der Bäume. Frühe Erträge verlangen den Einsatz von hochwertigem, gut verzweigten Pflanzgut. Die entsprechenden Jungbäume sollen vom Pflanzen an zügig wachsen und schnellstmöglich ihren Standraum ausfüllen. Im Idealfall wird ihre Entwicklung so gelenkt, dass sie im vierten Standjahr annähernd ausgewachsen sind. Schon in der Übergangsphase vom Jungbaum zum Ertragsbaum ist nur noch ein geringer Längenzuwachs der Triebe sinnvoll, weil die Bäume dann schon weitgehend ihre endgültige Größe erreicht haben.
In der Produktionsphase sollte die Produktivität der Bäume nicht in unnötiges Triebwachstum fließen, sondern so weit wie möglich in hochwertige Früchte umgesetzt werden. Das angestrebte Ziel ist der „ruhige Baum“ – pflegeleicht, fruchtbar und leistungsfähig.
Diesen Zustand zu erreichen und zu erhalten, ist für ein erfolgreiches Anbaumanagement unentbehrlich. Zur Beherrschung des Wachstums bieten sich vor allem Schnitteingriffe an. Des Weiteren sind Düngungs- und Bewässerungsmaßnahmen zweckdienlich zu gestalten, die Unterlagenwahl nicht zu vergessen. Fragen zur Unterlage werden jedoch in der weiteren Fachliteratur ausgiebig erörtert, sodass sich hier eine weitere Behandlung erübrigt.
Zu chemischen Wachstumsreglern greifen viele Obsterzeuger zwar gern, ihr Einsatz sollte aber im Interesse der Erzeuger, Verbraucher und Umwelt reiflich bedacht werden. In intensiven Anbausystemen müssen Wachstumsregler nicht von vornherein fester Bestandteil sein.
Die Blütenbildung als Vorstufe der Fruchtbildung leidet unter dem Einfluss eines starken Baumwachstums. Noch einschneidender wirkt sich der Besatz der Bäume mit Früchten aus: Starkes Wachstum und ein hoher Fruchtbesatz der Bäume bedeuten überwiegend eingeschränkte Fruchtqualität und geringe Blütenbildung für das Folgejahr (Alternanz).
Schon weit zurückliegende Generationen haben diesen Sachverhalt erkannt, Schritte dagegen unternommen und einen gewissen Teil der Früchte per Hand entfernt. Im Erwerbsobstbau entwickelte sich die Regulierung des Ertrags zu einer existenziellen Grundmaßnahme und hat eine Vielzahl von Forschungsarbeiten angeregt.
Das Ausdünnen von Hand wurde immer mehr verfeinert. Handausdünnung ist heute mehr denn je ein wesentlicher Bestandteil der Ertragsregulierung. Hohe Arbeitskosten erzwingen jedoch eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des chemischen Ausdünnens.
Die Möglichkeit der chemischen Verminderung des Fruchtansatzes geht auf die Zwanziger- und Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Trotz zahlreicher Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der chemischen Ausdünnung gibt es hier noch immer keine zuverlässige, zielgerichtete Methode – ein eindeutiges Indiz dafür, wie schwierig und komplex diese Materie ist. Nicht zuletzt verteuert und erschwert auch die Frage, ob und wie sich potenziell geeignete Substanzen auf Mensch und Umwelt auswirken, die Entwicklung geeigneter Mittel. Aus den genannten Gründen etablierte sich 1994 eine internationale Arbeitsgruppe „Fruchtausdünnung“.
Eine mögliche Lösung wäre derzeit der Einsatz einer Ausdünnungsmaschine. Dafür steht eine vielversprechende Konstruktion zur Verfügung, die Gutes erhoffen lässt.
Trotzdem kann noch nicht auf den chemischen Weg verzichtet werden. Es ist zu hoffen, dass die ausgedehnten Forschungsprojekte zur chemischen Ausdünnung zu anwendungssicheren und umweltschonenden Produkten führen werden. Die Aussichten hierfür sollten in Anbetracht eingehender Erkenntnisse über die Funktionsweise der Phytohormone relativ gut stehen. Die Entscheidung über die Entwicklung und Registrierung neuer Bioregulatoren hängt derzeit jedoch insbesondere von der Kalkulation ihrer Wirtschaftlichkeit ab.
„Sichere Rezepte“ zur Verbesserung einzelner Anbaupositionen passen erklärtermaßen nicht mehr in die heutige Obstbaulandschaft. Ohne eine fundierte Kombination aus Anbautechnik, Ökonomie und Umweltschutz geht es nicht mehr. Die folgenden Kapitel über ausgewählte Themen der Regulierung von Wachstum und Ertrag sollen dabei behilflich sein. Die Obstart Apfel steht dabei verständlicherweise im Mittelpunkt. Mancher Vorschlag ist vielleicht ungewohnt und unbequem. Erfahrungsgemäß lernt man jedoch nie aus und kann auch Ungewohntem Anregungen abgewinnen. Langjährige Versuchsergebnisse sollen dabei Hilfestellung geben.
Viele Helfer im Versuchsfeld und Labor des Kompetenzzentrums Obstbau – Bodensee (vormals Institut für Obstbau – Bavendorf) der Universität Hohenheim haben praktische Vorarbeit für dieses Buch geleistet. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle für ihren jahrzehntelangen Einsatz herzlich Danke sagen.
Dem Verlag Eugen Ulmer und insbesondere seinen Mitarbeiterinnen im Redaktionsbüro Radebeul, Frau Dr. Jansen und Frau Schüller, sowie Herrn Eisele in der Buchherstellung, danke ich vielmals für die angenehme und produktive Zusammenarbeit. Frau Bauer sei für die gründliche redaktionelle Bearbeitung gedankt.
Ravensburg, im Januar 2011
Hermann Link
Im Erwerbsanbau ist eine an das Entwicklungsstadium der Bäume angepasste Wachstumsregulierung unverzichtbar. Sie steuert den Zeitpunkt des Ertragseintritts, die Baumform und die Leistung der ausgewachsenen Bäume bezüglich Ertragshöhe, Ertragsstetigkeit, Fruchtqualität und Fruchthaltbarkeit. Hinzukommen Auswirkungen auf den Arbeitsaufwand beim Schneiden, Ausdünnen und bei der Ernte. Nicht weniger wichtig sind die Einflüsse starken oder ausgeglichenen Wachstums auf die Widerstandskraft der Bäume gegen Krankheiten und Schädlinge, letztlich also auch für die Intensität des Einsatzes von Pflanzenbehandlungsmitteln. Wachstumsregulierung wird damit auch zu einer indirekten Maßnahme des Umweltschutzes.
Die Schlanke Spindel ist die Baumform mit der weltweit größten Verbreitung. Mit ihr konnte die ertragslose Anlaufphase von dereinst drei bis vier Jahren auf ein Jahr verkürzt werden. Bei Frühjahrspflanzung ist im Extrem eine kleine Ernte schon ein halbes Jahr später möglich.
Nur mit hochwertigem Pflanzmaterial kann man eine Obstanlage schnellstmöglich in Produktion bringen. Außer den allgemeinen Anforderungen an die Gesundheit und Sortenechtheit sind bei der Bestellung von einjährigen Veredlungen oder Knipbäumen auf schwach wachsenden Unterlagen folgende Eigenschaften zu fordern:
Baumhöhe etwa 160cm,
wenigstens fünf Seitenzweige, je nach Sorte auch wesentlich mehr,
Verzweigungshöhe zwischen 70 und 100cm,
Ansatzwinkel der Verzweigungen flach, nicht steil,
Seitentrieblänge unter 50cm,
Veredlungsstelle in 20cm Höhe.
Darüber hinaus sollten die Bäume – insbesondere Knipbäume – nicht zu stark sein. Andernfalls hat man später anhaltend mit „Wachsern“ (vegetativen Bäumen) zu kämpfen.
Die Birne verzweigt sich von Natur aus nicht so willig wie der Apfel und kommt auch etwa ein Jahr später in Ertrag. Man bevorzugt deshalb zweijährige Bäume – meistens auf der Unterlage Quitte C – mit vier bis sechs gleich stark entwickelten Seitentrieben bis 70cm Länge. Einige mit Quitte unverträgliche Birnensorten (z.B. ‘Williams Christ’) benötigen eine Zwischenveredlung.
Jungbäume werden normalerweise nicht vom Obsterzeuger selbst angezogen. Obstbaumschulen sind dafür besser gerüstet. Die Zahl der Selbsterzeuger von Pflanzbäumen ist jedoch nicht ganz zu vernachlässigen. Deshalb wird dieses Spezialgebiet als Beginn der Wachstumsregelung von Obstbäumen wenigstens kurz gestreift.
Die okulierten oder chipveredelten Unterlagen werden für die zapfenlose Anzucht im Winter oder Frühjahr dicht über dem Edelauge abgeworfen und die Schnittstelle wird mit einem Wundverschlussmittel verstrichen. Nach einem frühen Abwerfen entwickeln sich die angehenden Bäume zwar grundsätzlich besser als nach einem Rückschnitt im Frühjahr, ein früher Rückschnitt kann die Veredlungen aber auch für späte Fröste empfindlich machen. Andererseits kann ein später Rückschnitt starkes Bluten aus der Schnittwunde und „Ertrinken“ des Edelauges fördern. Der günstigste Schnitttermin ergibt sich deshalb als Kompromiss zwischen frühem und spätem Vorgehen und wird durch die Witterung, die Standortbedingungen und Erfahrungen in den Vorjahren bestimmt. Sollten die im Vorjahr eingesetzten Augen nicht angegangen sein, so kann man die Unterlagen mittels Geißfuß oder Pfropfen hinter die Rinde nachveredeln.
Die Austriebe der Edelaugen sind sehr bruchanfällig. Man stützt deshalb jede Pflanze schon kurz nach dem Austrieb mit einem Bambusstab. Die an ihn geheftete Veredlung bricht so nicht ab und wächst gerade.
Die Edeltriebe sollen bereits im ersten Wuchsjahr zahlreiche Seitentriebe (vorzeitige Triebe) bilden und möglichst auch schon erste Blütenknospen anlegen. Je mehr vorzeitige Triebe vorhanden sind, desto einfacher ist das Baumwachstum später zu beherrschen (viele Seitenzweige reduzieren die Wuchsstärke des Mitteltriebs) und umso höher sind die Erträge in den ersten Standjahren. Nicht alle Obstarten und -sorten bilden jedoch von sich aus genügend vorzeitige Triebe.
In der Baumschule wird deshalb die Seitentriebbildung durch mehrmaliges Pinzieren des Edeltriebs oder auch mit Verzweigungsmitteln gefördert. Beide Maßnahmen sollen die von Triebspitzen auf darunterliegende Seitenknospen ausgehende Hemmung (Apikaldominanz) vermindern.
Beim Pinzieren fasst man die physiologisch jüngsten, noch nicht entfalteten Blättchen an der Spitze des Haupttriebs und dreht sie unter Schonung des Vegetationspunktes ab. Man entfernt damit die Bildungsorte von Auxin, der stofflichen Grundlage der Apikaldominanz.
Die Anwendung von Verzweigungsmitteln zielt darauf ab, den Auxintransport aus der Triebspitze in die tiefer gelegenen Seitenknospen zu drosseln bzw. die Empfindlichkeit dieser Knospen gegenüber Auxin zu vermindern. Verschiedene wirksame Auxintransporthemmer, z.B. Cyclanilide, sind leider nicht zugelassen. Außer ihnen fördert auch Cytokinin in Kombination mit Gibberellinen die Entwicklung der Seitenknospen, ist jedoch weniger wirksam und in Deutschland auch nicht zugelassen.
Beide Methoden sind nur erfolgreich, wenn
die Veredlungen stark wachsen. Die erste Behandlung erfolgt, wenn die Veredlung Kniehöhe erreicht hat. Weitere Behandlungen können nach sieben bis zehn Tagen stattfinden.
Seitentriebe zu tief angesetzt sind. Solche Seitentriebe, die sich meistens schon vor einer Behandlung entwickeln, sollte man frühzeitig ausbrechen. Andernfalls hemmen sie die Entwicklung der höher angesetzten Seitenknospen, das heißt, es bilden sich dann nach den Verzweigungsbehandlungen weniger und kürzere Seitentriebe.
Am wirksamsten ist die erste Behandlung. Pinziert wird meist dreimal. Mehr als zwei chemische Behandlungen verbessern die Verzweigung oft nur unwesentlich.
Abb. 1. Pflanzware: a = unverzweigte einjährige Veredlung, b = einjährige Veredlung mit zahlreichen ideal gestellten Seitentrieben, c = gut verzweigter Knipbaum, d = guter zweijähriger Baum.
Knipbäume starten als okulierte Unterlage oder als Handveredlung (Geißfußveredlung oder Kopulation unter Dach während der Vegetationsruhe auf wurzelnackte Unterlagen). Im Frühjahr werden die Veredlungen ausgepflanzt. Da sie relativ spät einwurzeln, bilden sie meist nur eine unverzweigte Rute. Diese kappt man im darauf folgenden Winter in 50 bis 60cm Höhe. In der anschließenden Vegetationsperiode führt das gut ausgebildete Wurzelsystem zu einem kräftigen Knospenaustrieb und schnellem Wachstum. Nur ein Auge an der Spitze des Edeltriebes darf sich entwickeln. Die übrigen werden ausgebrochen. Besagtes Auge entwickelt dadurch einen starken Trieb, der sich häufig schon von selbst gut verzweigt. Bei schlecht verzweigenden Sorten kann man Verzweigungshilfen anwenden. Das Endprodukt ist eine einjährige Krone auf einer dreijährigen Unterlage.
Zweijährige Bäume entstehen, wenn einjährige Veredlungen, die noch keine oder zu wenig vorzeitige Seitentriebe besitzen und nicht verkauft wurden, ein weiteres Jahr in Kultur bleiben. Ihr Mitteltrieb wird auf 80 bis 100cm Höhe zurückgeschnitten, die Seitentriebe werden auf einen kurzen Stummel zurückgesetzt. Von Natur aus niedrig gebliebene Veredlungen entwickeln sich auch ohne Anschnitt zu gefälligen Bäumen mit einer zweijährigen Krone.
Bäume mit einer Zwischenveredlung bekommt man, wenn man eine Zwischenstammsorte im Sommer auf aufgeschulte Unterlagen okuliert oder im Winter per Handveredlung aufpfropft. Die Zwischenveredlung soll die Stämme gegen Winterfrost und Holzkrankheiten widerstandsfähig machen, starkes Wachstum dämpfen oder eine Unverträglichkeit zwischen Edelsorte und Unterlage überbrücken. Bewährte Zwischenstammsorten sind bei Apfel ‘Zoete Aagt’ und ‘Summerred’, bei Birne ‘Gellerts Butterbirne’ und ‘Vereinsdechantsbirne’. Im August werden in 50cm Höhe Edelsorten auf den Zwischenstamm okuliert. Die weitere Behandlung im nächsten Wuchsjahr ist die gleiche wie bei Knipbäumen.
Vor dem Pflanzen wird zunächst ein Wurzelschnitt vorgenommen. Er soll den Bäumen das Anwachsen erleichtern. Dabei schneidet man beschädigte Wurzeln bis knapp hinter die verletzte Stelle zurück und die stärkeren Wurzeln an. Da Wurzeln Speicher für die zum Anwachsen notwendigen Reservestoffe sind, sollten gesunde Wurzeln so wenig wie möglich zurückgeschnitten werden. Wer mit der Pflanzmaschine pflanzt, muss allerdings oft mehr Wurzelmasse als nötig opfern.
Spätestens beim Pflanzschnitt zeigt sich, dass nicht nur erste Baumqualitäten beim Obstproduzenten ankommen. Bäume sind ein Naturprodukt und deshalb fallen beim Roden auch unterschiedlich gewachsene Exemplare an, unverzweigte bis gering verzweigte, gut verzweigte und sehr gut verzweigte. Vor dem Pflanzen sollte man ungleichmäßige Pflanzware unbedingt nach ihrem Verzweigungsgrad sortieren. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten der beschriebenen Qualitätsstufen: Gering verzweigte Bäume sollten nämlich andere Pflanzabstände erhalten als gut verzweigte. Also am besten schon bei der Bestellung auf einheitlichen Qualitäten beharren.
Unverzweigte Bäume sollte man eigentlich überhaupt nicht pflanzen. Sie kommen in der Regel ein Jahr später in Ertrag als gute Pflanzware und erfordern einen höheren Erziehungsaufwand. Akzeptieren kann man sie allenfalls bei schlecht verzweigenden Sorten oder gefragten Neuheiten.
Ein Anschnitt des Mitteltriebs empfiehlt sich beim Pflanzschnitt grundsätzlich nicht. Aber auch hier gilt: keine Regel ohne Ausnahme. Unverzweigte Ruten und Jungbäume mit nur zwei bis drei Seitentrieben müssen in 80cm Höhe angeschnitten werden, um ein ausreichendes Basisgerüst zu erhalten. Dieses ist als Gegenspieler von starkem Gipfelwachstum unentbehrlich. Derlei Bäume eignen sich für einen relativ weiten sortenangepassten Baumabstand von 1,00 bis 1,20m.
Wenn der Mitteltrieb angeschnitten wird, treiben unter dem Anschnitt einige Knospen zu starken Trieben aus. Davon werden steil stehende Konkurrenztriebe möglichst schon im grünen Stadium weggeschnitten oder -gerissen. Nur wenn nicht genügend Kurztriebe vorliegen, kann man auch einige Langtriebe stehen lassen. Man muss sie dann jedoch waagerecht binden, um ihr Längenwachstum einzuschränken.
Sollte sich der Gipfeltrieb im Verhältnis zu den Basistrieben zu stark entwickeln, so kann er bei Sorten, die sich nicht gern verzweigen, vorübergehend waagerecht geheftet werden. Er wächst dann nur noch wenig in die Länge. Im folgenden Jahr wird er wieder aufgerichtet, sobald seine Seitentriebe etwa 10cm messen. Andernfalls entwickeln sich die Kronen einseitig. Viele Obstbauern schrecken vor dieser aufwendigen Behandlung der Gipfeltriebe jedoch zurück.
Bei gut verzweigten (mindestens fünf vorzeitige Triebe) und sehr gut verzweigten Bäumen (zehn und mehr Seitentriebe) richten sich die Behandlung des Mitteltriebs und der Pflanzabstand nach der Stärke des Mitteltriebs und der Seitentriebe. Nur wenn der Mitteltrieb im Verhältnis zu den Seitentrieben sehr stark und lang ist, kann man ihn 40 bis 60cm über dem letzten brauchbaren Seitentrieb anschneiden. In der Regel ist aber auch hier das Nichtanschneiden mit rechtzeitigem Ausbrechen der spitzennahen Austriebe im grünen Zustand besser. Der Pflanzabstand dieser Baumklasse kann bei 0,90 bis 1,00m liegen.
Sind die Bäume bis auf 40 bis 60cm unter der Endknospe garniert und die Mittel- und Seitentriebe ausgeglichen stark, so erübrigt sich ein Anschneiden des Mitteltriebs. Diese Bäume eignen sich besonders für Pflanzabstände zwischen 0,80 und 1,00m.
Auch die Behandlung der Seitentriebe ist wichtig. Ideal sind gut ausgereifte, etwa 40cm lange Triebe mit einer Blütenknospe als Endknospe. Sie sollen flach angesetzt oder leicht nach oben gerichtet sein. Solche Triebe bleiben ohne Anschnitt. Sie erbringen leichtes Seitenholz und einen ausreichenden Längenzuwachs.
Weniger ideal gebaute Bäume verlangen folgende Korrekturen am Seitenholz:
Zu tief, das heißt unter 70 bis 80cm angesetzte Seitentriebe werden weggeschnitten, weil sie das Wachstum von Trieben in idealer Höhe beeinträchtigen, unter Fruchtlast zu Boden sinken und die Bodenpflege behindern.
Bäume mit nur ein bis zwei Seitentrieben muss man schlank schneiden (= alle Seitentriebe entfernen). Andernfalls wachsen die wenigen Seitentriebe stark in die Dicke und verhindern die Entwicklung eines harmonisch gebauten Baumes.
Dicke Triebe, die halb so dick wie der Stamm oder stärker sind, stellen Konkurrenztriebe dar und müssen unabhängig von ihrer Stellung am Baum weggeschnitten werden. Auch sie verdicken schnell und gefährden den weiteren Baumaufbau.
Zu dünne und flache wie auch zu lange Seitentriebe (über 50cm) sollte man um etwa ein Drittel einkürzen, um die Entwicklung der stammnahen Knospen zu fördern und der Bildung von Kahlstellen vorzubeugen.
Bei Sorten mit sehr vielen Seitentrieben lichtet man überzählige, zu eng stehende, steil angesetzte und dicke Triebe aus. Triebe von schwach wachsenden Sorten kann man auch zur Wuchskräftigung einkürzen. Zu starkes Wachstum im Pflanzjahr ist nicht zu befürchten, sofern man auf ein ausgewogenes Dickenverhältnis unter den Seitentrieben achtet.
Versäumnisse oder grundlegende Erziehungsfehler in den ersten zwei Standjahren sind später nur noch mit erhöhtem Einsatz oder gar nicht mehr wieder gut zu machen. Die Devise muss sein: „So wenig wie möglich schneiden und alles Notwendige rechtzeitig erledigen.“
Abb. 2. Mitteltriebe von Jungbäumen im Winter grundsätzlich nicht anschneiden. Stärkere Neutriebe (a) bei 10 bis 15cm Länge ausbrechen (b). Juniknip (c) verstärkt oft das Wachstum.
Je enger man pflanzt, umso mehr muss man die rechtzeitige Beruhigung des Triebwachstums im Auge haben. Von Ausnahmen abgesehen, darf die Stammverlängerung nicht mehr angeschnitten werden. Nur eine nicht angeschnittene Stammverlängerung wächst von Jahr zu Jahr schwächer und bildet vorwiegend leichtes Seitenholz. Nicht anzuschneiden heißt, das Phänomen Apikaldominanz planmäßig zur Wuchssteuerung in Richtung „ruhiger Baum“ einzusetzen.
Vor einem anhaltenden Anschneiden der Stammverlängerung kann nicht genug gewarnt werden: Es fördert das Längen- und Dickenwachstum aller Triebe und vor allem im Spitzenbereich der Bäume. Unbedachtes regelmäßiges Anschneiden der Stammverlängerung programmiert eine spätere Kronenüberbauung geradezu vor.
Wenn die Wuchsstärke in einer Junganlage auch dann nicht kontrollierbar erscheint, wenn man die Stammverlängerung nicht anschneidet, bieten sich neben dem Abbiegen der Mitte als weitere wuchshemmende Maßnahmen an:
Das Anbrechen des Mitteltriebs im Spätwinter vor dem Saftsteigen. Wartet man zu lange damit, so brechen die Triebe nicht an, sondern meistens ab. Eine zweite Gelegenheit, Triebe anzubrechen, ergibt sich ab Juni. Die Vorjahrestriebe sind jetzt wieder biegsamer und nicht mehr so bruchanfällig wie unmittelbar nach dem Saftsteigen.
Alternativ zum Ausbrechen von starken Jungtrieben an der Spitze des Mitteltriebs kann man es mit Juniknip versuchen. Dabei setzt man die Stammverlängerung in der Zeit der längsten Tage auf einen mit Blütenknospe abgeschlossenen Seitentrieb zurück. In der Praxis hat dieses Vorgehen jedoch häufig das Wachstum eher gefördert als gehemmt. Wirksamer ist der Rückschnitt des Mitteltriebs in seine Basis mit den schlafenden Augen.
Der Entwicklung von Holztrieben an der Stammverlängerung beugt man durch Ausbrechen der stärkeren Austriebe im Frühjahr bei einer Länge von 10 bis 15cm vor (siehe auch „Früher Sommerschnitt“, Seite 37). Dieses Vorgehen kommt den darunterliegenden schwächeren und flacher angesetzten Trieben zugute. Sollten sich – aus welchen Gründen auch immer – stärkere Triebe entwickelt haben, so sind sie im Zuge von Sommerschnitt entweder zu entfernen oder flach zu heften, falls sie zur Bekleidung der Stammverlängerung nötig erscheinen. Man kann sie auch noch am Ende des folgenden Winters durch Anbrechen in Fruchtholz umwandeln.
Das Basisgerüst bildet ein natürliches Gegengewicht zum Wachstum der Stammverlängerung. Lieber am Anfang zu viele Basisäste belassen als zu wenige. Das bekommt auch den Anfangserträgen gut. Die Verlängerungstriebe der Basisäste und das Fruchtholz werden grundsätzlich nicht angeschnitten. Zu starke und steil stehende Triebe können im Sommer weggeschnitten werden. Sie rechtzeitig waagerecht zu stellen, ist zwar sinnvoll, unter den heutigen hohen Arbeitskosten jedoch schwieriger machbar als noch vor 10 oder 15 Jahren.
Schlecht verzweigenden und steil wachsenden Sorten sollte man einige Jahre weitgehend ungestörter Entwicklung zugestehen. Auch sie werden dann ruhig, bilden Fruchtholz mit Blüten und können dann wieder „in Form“ gebracht werden. Der richtige Zeitpunkt dafür darf allerdings nicht verpasst werden, sonst verdicken die Basisäste und die Stammverlängerung zu schnell. Von Anfang an darf sich der Durchmesser von Stammverlängerung und Seitenzweigen nur im Verhältnis von etwa 3 : 1 bewegen.
Damit ist der Grundstock für leicht handhabbare fruchtbare Bäume gelegt.
Abb. 3. Extrem wüchsiger Baum mit ständig angeschnittenen, steil stehenden Ästen und vielen Konkurrenztrieben.
Frisch gepflanzte Bäume besitzen nur ein schwach entwickeltes Wurzelsystem. Deshalb ist ein Verpflanzungsschock zu erwarten, wenn die Bäume im Pflanzjahr nicht besonders gehegt werden.
