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Falk Mrázek ist 17 Jahre alt, als er sich am 14. September 1978 durch die Grenzabsperrung am Brandenburger Tor zwängt und sich mit erhobenen Händen langsam Richtung Westen vorwärtsbewegt. Mit dieser Aktion will er dem Familienausreiseantrag Nachdruck verleihen. Was folgt sind endlose Verhöre und ein Urteil zu 14 Monaten Haft. Er durchläuft verschiedene Gefängnisse. In Görlitz erlebt er seinen 18. Geburtstag. Schließlich landet er in Bitterfeld, wo er im Chemiekombinat unter unvorstellbaren Bedingungen an der Aluminium-Presse arbeiten muss. Der tägliche Kampf ums Überleben als "Ofenmann" wird gekrönt von einer Brandkatastrophe, die man ihm in die Schuhe schiebt. Die Stasi erpresst ihn, bleierne Routine macht sich breit, doch irgendwann darf er ausreisen. Falk Mrázek erzählt in diesem spannenden Buch eindrücklich davon, wie ein Teenager DDR, Stasi und Gefängnis überstand, bis er endlich ein neues Leben beginnen konnte.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Buchreihe des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Band 19
Falk Mrázek
Erwachsenwerden hinter Gittern
Als Teenager im DDR-Knast
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2020 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Printed in Germany
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Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.
Covergestaltung: Friedrich Lux, Halle/Saale
Coverbild: Falk Mrázek
Satz: laut wie leise, Halle/Saale
Druck und Binden: Elbe Druckerei Wittenberg GmbH
ISBN 9783374065516
www.eva-leipzig.de
Für meine Eltern, die mich zu dem Menschen erzogen, der ich bin, und für meine Frau, Irene, die mich dafür liebt.
Und für Volker Bausch (†), ohne den dieses Buch nie entstanden wäre.
Im Rückblick auf die DDR-Vergangenheit – sei es in der Literatur, im Film und vor allem in privaten Erzählungen – scheint der DDR-Alltag, den jedermann erlebte, abgekoppelt zu sein von der politischen Verfolgung einiger weniger und losgelöst von deren z. T. dramatischen Erinnerungen. Es sind gesonderte Erzählungen, die oft nichts miteinander zu tun haben, zuweilen sogar gegeneinander ausgespielt werden. Das häufig vorgebrachte »Ich hatte nichts auszustehen in der DDR ...« impliziert indirekt, dass diejenigen, die etwas auszustehen hatten, selbst schuld daran waren. Es ist ein unausgesprochener Subtext, der es den Haftopfern schwermacht, über die eigenen Erfahrungen zu sprechen, denn wer möchte schon gern als »Knastbruder« gelten, wenn unterschwellig Einvernehmen darin besteht, dass man auch in der DDR nicht ohne Grund ins Gefängnis kam. Auch deshalb scheinen sich die Opfergeschichten mehr und mehr von den Erinnerungen der Mehrheitsgesellschaft zu entfernen.
Aber was sind DIE Alltagserfahrungen?
Als uns das Manuskript von Falk Mrázek erreichte, lernten wir ein Schicksal kennen, dass auf eindrückliche Weise zeigte, wie sehr Alltag und Repression in der DDR miteinander verwoben waren. Das Besondere war hier der Ort des Geschehens. Das jugendlich wache Erkunden der Unterdrückungsmechanismen und das Aufbäumen gegen die Enge in der DDR fanden nicht in Berlin, Leipzig oder Jena statt, sondern in Bischofswerda, einer Kleinstadt in der Lausitz, irgendwo zwischen Dresden und Bautzen. Die ČSSR lag näher als Dresden. Hier besuchte Falk Mrázek die Schule, hier hatte er Freunde, hier spielte er Fußball und hier ging er in die Disco.
Der Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur interessiert sich für Schicksale nicht nur aus Dresden und Leipzig, sondern aus ganz Sachsen. Oft sind diese zu wenig bekannt. Doch auch oder gerade in der Provinz gab es viel Mut und Zivilcourage, um gegen Bevormundung und für Freiheitsrechte einzutreten. Vor vier Jahren nahm der Journalist Jens Ostrowski in einer Artikelserie für die Sächsische Zeitung die Stadt Riesa unter die Lupe und zeigte in 33 Porträts widerständiges Verhalten in der Stahlwerker-Stadt. Karl-Heinz Nitschke, der mit seiner »Petition zur vollen Erlangung der Menschenrechte« im Jahr 1979 den ersten Massenprotest von Ausreiseantragstellern in der Geschichte der DDR organisiert hatte, war einer von ihnen. Diese Einzelschicksale gilt es vorzustellen, denn sie sind Mosaiksteine, die das Bild der DDR komplexer und vielgestaltiger machen.
Falk Mrázek ist einer von ihnen. Mit zunehmendem Alter nimmt er die Kluft zwischen dem in der Schule propagierten Idealbild vom Sozialismus und dem, was er täglich sieht, stärker wahr. Aber nicht nur das. Er geht dem bewusst nach, sucht nach Wahrheit. In der 9. Klasse entwickelt er eine morgendliche Routine. Beim Frühstück liest er die Sächsische Zeitung, das Zentralorgan der SED, und die Junge Welt, die Zeitung der FDJ. Anschließend hört er im Deutschlandfunk den »Blick in Ostberliner Zeitungen«, eine Sendung, die die DDR-Artikel kommentierte und politisch einordnete. »Danach machte ich mich auf den Weg zur Schule, informiert von zwei Seiten, der ostdeutschen und der westdeutschen.« Die gesamte Familie väterlicherseits lebt im Westen. Der Austausch mit den Verwandten ist rege. Dem Jugendlichen kommen Fragen, die er nicht nur mit sich aushandeln, sondern in der Schule, in der Öffentlichkeit, behandelt wissen will. Die Abwehr, die ihm entgegenschlägt, ist groß, vor allem nachdem seine Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben. Die Erfahrung, trotz bester Noten aller Entwicklungsmöglichkeiten beraubt zu werden, weil die Gesinnung nicht stimmt, wird für Falk Mrázek zu einer Grunderfahrung in der DDR und zur Motivation, sich entschieden von diesem System abzuwenden und ihm so schnell wie möglich zu entfliehen.
Das Buch taucht ein in den Gedankenkosmos eines damals 17-Jährigen, der unbedingt raus will aus der DDR, der provoziert. Am Brandenburger Tor schlüpft er durch die Absperrung, geht auf einen Grenzer zu, um schneller in den Westen zu kommen. Das Besondere am Text ist die Perspektive. Hier meldet sich kein abgeklärter Bürgerrechtler, der seit Jahren in oppositionellen Gruppen unterwegs ist, zu Wort, sondern ein Teenager, der sich jugendlich entrüstet, der sich in seinem Freiheitsdrang und seinem Rechtsempfinden beschnitten fühlt und dagegen etwas unternimmt.
Doch was auf die Provokation an der Mauer folgt, sprengt die Vorstellungskraft des Jugendlichen. Er wird wegen versuchter Republikflucht zu 14 Monaten Haft verurteilt und erlebt eine Odyssee durch verschiedene Haftanstalten, immer in der Ungewissheit, was passieren wird. Endpunkt dieser Odyssee ist das Haftarbeitslager im Chemiekombinat Bitterfeld, wo Falk Mrázek unter unvorstellbaren Bedingungen Zwangsarbeit verrichten muss. Schwere Verletzungen gehören zum Arbeitsalltag. Eine Brandkatastrophe endet fast im Fiasko. Täglich ist er in Sorge, diese Hölle nicht zu überleben. »Ich fühlte mich wie im Bauch eines riesigen Monsters. Es hatte mich verschlungen. Nun brauchte es mich nur noch zu verdauen. In diesem Schreckensmoment ging ich fest davon aus, dass ich diesen Ort nicht mehr lebend verlassen würde.«
Wir Leser gewinnen hier Einblicke in eine Arbeitswelt, die für die meisten DDR-Bürger ganz bewusst verschlossen blieb. Detailreich beschreibt Falk Mrázek den veralteten Maschinenpark, die Arbeitsabläufe an der Aluminiumpresse oder die unsäglichen Bedingungen in der Chlorchemie. Im Rückblick wird oft vergessen, dass im Chemiekombinat nicht nur Strafgefangene arbeiteten. Auch zivile Angestellte waren den gefährlichen und gesundheitsschädlichen Bedingungen ausgesetzt. Und auch hier begegnen sich Alltag und Repression auf eine besondere Weise.
Das Buch besticht durch die lebendige Beschreibung kleiner Details und die unverstellt frische Wiedergabe des damals Erlebten. So kann der Leser vielleicht besser als durch manch anderes Sachbuch nachempfinden, wie es sich für einen Jugendlichen anfühlte, ins Räderwerk staatlicher Repression geraten zu sein. Es sind Sätze, wie folgende, die das damalige Erleben sinnlich wiedergeben, es verlebendigen und so eine Vorstellung des Unvorstellbaren möglich machen. »Das Straflager war wie ein großer Organismus. Dieser fraß mich durch seine unerbittliche Routine langsam auf, er inhalierte mich, machte mich von Tag zu Tag mehr zu einem Teil von sich. Jeden Tag die immer gleichen Abläufe. Ich fühlte mich mutlos. Machtlos. Schutzlos. Ausgeliefert diesem Räderwerk. Es mahlte langsam und unerbittlich. Ich kämpfte jeden Tag darum, dass von mir noch etwas übrigblieb.«
Das Buch zeigt die Innensicht eines Heranwachsenden, die Gedankenachterbahn eines minderjährigen Strafgefangenen und seine Strategien, mit dieser Extremsituation umzugehen. Es ist eine schonungslose Sicht, die den Leser unmittelbar in die Vergangenheit mitnimmt. »Es ist diese Mischung aus Naivität, Schalkhaftigkeit, die sehr rasch in eine erstaunliche Handlungsentschlossenheit mündet. Das Buch wird sehr schnell dramatisch und spektakulär, dennoch sind die Wege dorthin wichtig, weil sie viele kleine Vertrautheiten mit Menschen zeigen, deren Leben unauffälliger verlaufen ist«, resümiert Lutz Rathenow das Gelesene.
Das Buch ist aber mehr als nur eine Momentaufnahme, es ist auch eine kluge Reflexion über diese schwierige Zeit, eine Annäherung daran, Jahrzehnte später. Überlebensstrategien, die leicht ins Vergessen geraten, erhalten so ihren Platz. Eine dieser Bewältigungsstrategien, die ich bei der Lektüre kennengelernt habe, war das Lachen. So schreibt Falk Mrázek: »Dabei fiel mir auf, dass ich während meiner Haftzeit erstaunlich viel gelacht hatte. Es war allerdings kein fröhliches oder glückliches Lachen gewesen, es hatte vielmehr etwas Subversives. Wir machten uns über das Wachpersonal lustig, vor dem wir natürlich auch Angst hatten, weil es für mich wie für alle Strafgefangenen eine Bedrohung darstellte. Aber dieses Lachen überwand meine und unsere Angst. Es brach deren Macht über uns in diesen Momenten. Es brachte für einige Augenblicke Licht ins Dunkel. Wenn mir Verzweiflung, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit bis zum Hals standen, dann war das Lachen wie eine Insel, auf die ich mich retten konnte, nicht für lange, aber immerhin. Es war ein Insel-Lachen, ein Rettungslachen. Es rettete vor allen Dingen mich selbst davor, an den gnadenlosen Bedingungen des DDR-Strafvollzugs zu zerbrechen.«
Obwohl Falk Mrázek und seine Eltern über Jahre ständig mit verschiedenen DDR-Behörden zu tun hatten und intensiv von der Staatssicherheit beobachtet wurden, gibt es bis auf eine Karteikarte keine Stasi-Akten zu seiner Person und dem Vorgang.
Doch hat es die Geschichte nicht gegeben, nur weil die Akten fehlen?
Das Buch zeigt das Gegenteil. Auf erfrischende Weise wird einmal mehr deutlich, dass Erinnerung sich aus vielen Speichern speist. Neben den zu Papier gebrachten Gedanken im Kopf sind es Briefe, Fotos, Zeitungsauschnitte oder Zeugnisse. Vieles von dem, was Falk Mrázek bis heute in seinem Privatarchiv gehütet hat, ist in dieses Buch eingeflossen. Dies war uns wichtig, weil es die Komplexität der Geschichte besser einfängt als eine einseitige Fokussierung auf Stasi-Dokumente. Gerade die Briefe der Freunde zeigen, wie außerhalb der Gefängnismauern gedacht wurde. Dass Falk Mrázek das alles bis heute aufbewahrt hat, und der »Geschichtsballast« sogar den Umzug nach Amerika überlebt hat, zeigt, wie wichtig diese Erinnerungsstücke sind.
Ich danke Falk Mrázek, dass er sich auf den Weg gemacht hat, seine Geschichte niederzuschreiben. Volker Bausch, der den Anstoß dazu gegeben hat, wäre stolz, das Buch in den Händen zu halten. Auch danke ich Dr. Steffi Lehmann vom Lern- und Gedenkort Kaßberg e. V. für ihre tatkräftige Unterstützung und allen anderen, die im Hintergrund mitgewirkt haben.
Ich wünsche dem Buch viele interessierte Leser und würde mich freuen, wenn es zu mehr zivilcouragierter Wachheit im Alltag beiträgt, denn Demokratie lebt von Widerspruch und dem Sich-Einbringen.
Dr. Nancy Aris
Stellvertretende Sächsische Landesbeauftragte
Cover
Titel
Impressum
Warum dieses Buch?
Prolog
Die Schlussakte von Helsinki und ein Zauberwort
Organisierte Kindheit und erste Reibungen
Warum darf ich nicht ans Mittelmeer?
Die ideologischen Gräben werden tiefer
Lehre statt Abitur und ein Haufen Kohle
Familienbande, echte und falsche Freunde
Die Muster-Männer der Armee
ICH-WILL-RAUS-AUS-DIESEM-STAAT!
Mein Plan und der Brief meines Onkels
Hinter der Grenzlinie – Mein längster Augenblick
An der Wand mit der Kalaschnikow im Rücken
»Grüne Hölle« Keibelstraße
Mit dem Grotewohl-Express von Berlin nach Dresden
Die »Schießgasse« – Erster Besuch meiner Eltern
Meine Verhandlung
Wehmütige Gedanken im Grotewohl-Express
Zwischenstation Haftanstalt Görlitz
Erwachsenwerden hinter Gittern – Mein 18. Geburtstag
»Sprecher« außer der Reihe
Der Ausreiseantrag für einen Zellengenossen
Weihnachten und die Hühnchen im Abflussrohr
Mein Bitterfelder Weg – Eisiger Empfang
Zwangsarbeit im berüchtigten Chemiekombinat Bitterfeld
Aus mir wird »Nr. 1545«
Willkommen im Inferno: Mein neuer Arbeitsplatz
Arbeitsalltag
Mein Aufstieg zum »Ofen-Mann«
Der tägliche Kampf ums Überleben: Arbeitsbedingungen und Unfälle
Medizinische Versorgung und ein Wurzelproblem
Lagerroutine
Von Fettnäpfchen und Schutzengeln
Eine Welt ohne Farben
Ein Brief bringt die Farben zurück
Horror ex machina – Die Brandkatastrophe
Mein Schutzengel in Höchstform
Der Schock am Tag danach
Plötzlich bin ich Saboteur
Frust, Angst und eine Nacht in der Stehzelle
Das perverse Spiel der Stasi
Bleierne Routine und drei Optionen
Sand statt Öl im Räderwerk des Lagers
Ruhe nach dem Sturm
Von Bitterfeld nach Irgendwo im Nirgendwo
Kaßberg – Das Gefängnis für die Freiheit
Warten – Aber worauf?
Freigang in Tigerkäfigen
Das Formular, das es nicht gab
Die Krux mit der Wahrheit
Der Einkauf
Endlich! Kein DDR-Bürger mehr
Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen
40 Plätze Freiheit und ein Orkan der Gefühle
Aus dem »Vogelkäfig« in die Freiheit
Und dann?
Nachtrag: Mein Treffen mit Peter
Die folgende Geschichte trage ich seit 40 Jahren in mir. Sie ist Teil meiner Biografie. Sie hat mich tief geprägt – bis heute. Und sie wird es wohl auch bis zu meinem Lebensende weiter tun. Diese Geschichte hat sich zugetragen im Kalten Krieg, mitten in Europa, mitten in Deutschland, als es noch gespalten war in einen demokratisch-freiheitlichen Teil im Westen, die Bundesrepublik Deutschland, und einen etwas kleineren, totalitär-sozialistischen Teil im Osten, die Deutsche Demokratische Republik. Diese beiden Teile Deutschlands waren fest eingebettet in die beiden politischen Blöcke, die sich im Kalten Krieg bis an die Zähne bewaffnet militärisch und ideologisch feindlich gegenüberstanden. Diese politische Weltlage war eine Folge des Zweiten Weltkriegs, den das nationalsozialistische Deutschland ausgelöst und am Ende verloren hatte. Mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 endete der Heiße Krieg in Europa, wurde aber schon bald vom Kalten Krieg abgelöst. Fünfzehn Jahre später wurde ich 1960 mitten in diesem Kalten Krieg in die sozialistische DDR hineingeboren. Dort musste ich auch aufwachsen, nachdem sich die DDR im August 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer ganz und gar von der demokratisch-freiheitlichen Welt abgeschottet hatte.
Meine Geschichte trug sich in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in dieser DDR zu. Dort, wo ich zwar nicht leben wollte, aber bis zu meinem Lebensende gezwungen sein würde zu leben. So sah es jedenfalls zunächst aus, denn das DDR-Regime ließ ihre Bürger nur in Ausnahmefällen ins kapitalistische Ausland reisen, aus Angst, sie könnten nicht mehr zurückkehren ins sozialistische Arbeiter- und Bauernparadies, als das sich die DDR selbst sah.
Diese DDR verkaufte auch Menschen an den sogenannten Klassenfeind im Westen. Sie wollte sich so von politisch unbequemen Zeitgenossen trennen und brauchte westliche Devisen, um ihre marode Wirtschaft zu sanieren und damit das politische Regime zu stützen. Mehr als 33.000 politische Gefangene wurden im »Rahmen der besonderen humanitären Bemühungen der Bundesrepublik« dem sogenannten »Häftlingsfreikauf« von der DDR an den Westen lukrativ »entsorgt«.
Einer davon war ich. Und einer der allerjüngsten, vielleicht sogar der jüngste politische Häftling überhaupt, der je freigekauft wurde. Zum Zeitpunkt meines Freikaufs war ich gerade achtzehn Jahre alt. Als ich Freunden und Bekannten von meinen Erlebnissen im DDR-Knast erzählte, rieten sie mir, ich solle das aufschreiben. Aber ich fand lange nicht die Kraft dazu.
Die Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, fiel für mich im Mai 2017. Ich war zur Museumsnacht in das ehemalige Stasi-Gefängnis auf den Kaßberg in Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt) eingeladen worden. Das war das Gefängnis, über das die DDR nahezu alle Gefangenenfreikäufe abwickelte. Auch ich saß dort bis zu meinem Freikauf ein. Heute entsteht an diesem Ort eine Gedenkstätte. Sie wurde initiiert vom Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg e. V. Volker Bausch, Mitglied des Vereins, lud mich nach Chemnitz ein. Wir hatten uns in den USA kennengelernt, wo ich mit meiner Frau in der Nähe von Denver lebte.
Bei der Museumsnacht 2017 kehrte ich nach 38 Jahren zum ersten Mal an diesen schicksalhaften Ort zurück. Ich sollte als Zeitzeuge sprechen und war überrascht vom riesigen Besucherandrang und dem großen Interesse gerade junger Leute, die offenbar wenig über diese Zeit und diese Seite der DDR wussten. In den Einzelgesprächen wurde mir klar, dass die DDR im Rückblick zunehmend verharmlost und idealisiert wird. Günter Grass nannte sie in völliger Verkennung der Realität »kommode Diktatur«. Das Regime schoss an seiner Westgrenze gnadenlos auf Menschen, die diesen diktatorischen Staat und dessen sozialistisches System nicht mehr länger ertrugen und weg wollten, in Richtung Demokratie und Freiheit. Viele dieser Menschen zahlten dafür einen hohen Preis, kamen dabei ums Leben, wurden schwer verletzt oder verkrüppelt.
Das Foto mit Volker Bausch (li.) vor meiner damaligen Zelle entstand im Mai 2017 bei meinem ersten Besuch auf dem Kaßberg. Ohne Volker Bausch wäre dieses Buch wohl nicht entstanden. Seine Frau Michaela erzählte mir bei unserer ersten Begegnung, dass sie direkt neben dem Kaßberg-Gefängnis zur Schule gegangen war, genau zu jener Zeit, als ich dort einsaß. Bis zu unserem Treffen hatte sie noch nie einen der Insassen getroffen. Volker Bauschs Tod im Juni 2019 hat mich tief bewegt. Dieses Buch erinnert auch an ihn und unsere damalige Begegnung.
Die DDR wird stattdessen in der Erinnerung nicht selten auf beliebte Märchenfiguren des DDR-Kinderfernsehens wie das Sandmännchen und Pittiplatsch oder Herr Fuchs und Frau Elster reduziert. Die dunkle Seite dieses Staates wird dabei meist ausgeblendet. Mit meinem Buch möchte ich, dass sich die Menschen erinnern und erfahren: Die DDR war ein sozialistisches System. Brutal, totalitär und gnadenlos gegenüber ihren Opponenten und jedem, den sie dafür hielt. Sie war nicht nur Sandmännchen und Pittiplatsch …
Das ist meine Geschichte und die einer wunderbaren Freundschaft.
Falk Mrázek
Im April 2019
Rumms.
Krachend fiel die schwere Zellentür hinter mir ins Schloss, gefolgt vom metallischen Rasseln des Schlüsselbundes, mit dem der Schließer die Tür verriegelte. Dieses Geräusch gehörte seit einem dreiviertel Jahr zu meinem Gefängnisalltag. Bis heute habe ich es im Ohr.
Und … ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand.
Ich stand in einem drei mal vier Meter großen Raum. Vier Holzpritschen zum Schlafen, WC, Waschbecken und fließend Wasser. Es roch nach Bohnerwachs und irgendeinem Desinfektionsmittel. Diffuses Licht fiel durch ein kleines Fenster. Das war aus Glasbausteinen und befand sich oberhalb der Wand direkt gegenüber der Tür. An der Decke brannte eine Glühbirne hinter einem Drahtgitter. Ich teilte mir den Raum mit drei weiteren Zellengenossen. Die hatten auch keine Ahnung, wo wir uns befanden. Ich wusste nur, dass ich in einer Gefängniszelle festsaß und heute der 7. Juni 1979 war. Natürlich spekulierten wir darüber, wo wir denn jetzt seien und warum. Alle Vier waren wir »Politische«. Das hieß, wir waren in der DDR nach dem berüchtigten Paragrafen 213 des Strafgesetzbuches der DDR, also wegen versuchter Republikflucht, verurteilt worden, oder lagen auf andere Weise mit der DDR und deren politischen Verhältnissen juristisch quer.
Wir erkundigten uns beim Wachpersonal, als es uns das Essen brachte.
Doch auf die Frage, wo wir seien, kam nur die mürrische Antwort: »Das werdet ihr noch früh genug erfahren.«
»Wie lange müssen wir denn hierbleiben?«
Antwort: »Wann sind denn eure Entlassungstermine?«
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch rund fünfeinhalb von 14 Monaten Freiheitsstrafe abzusitzen. Die Aussicht, die restliche Zeit in diesem engen Loch zu verbringen, stimmte mich nicht gerade euphorisch.
Einer meiner Mitgefangenen vermutete, wir könnten eventuell im Stasi-Knast von Karl-Marx-Stadt sein. Dieses Gefängnis war damals in der DDR legendär und einer der geheimnisumwittertsten Orte. Angeblich sollten von dort Gefangene, die wegen eines politischen Delikts verurteilt worden waren, gegen harte Devisen an den Westen verkauft werden. Offiziell gab es diesen Freikauf nicht, weder im Osten noch im Westen. Es war eines der am strengsten gehüteten Geheimnisse. Doch hinter vorgehaltener Hand wurde darüber auch in der DDR gemunkelt. Auch ich hatte natürlich davon gehört und träumte davon, zu den zu gehören, die es dorthin schaffen würden.
Sollte ich nun tatsächlich dort gelandet sein? Im Gefängnis, das ironischerweise die Freiheit bedeutete? Bis zuletzt war ich mir nicht sicher, ob ich nun an diesem legendären Ort war, auch meine Zellengenossen nicht.
Meine Eltern hatten im November 1975 für sich, mich und meinen jüngeren Bruder einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik und auf Familienzusammenführung mit unseren Angehörigen in der Bundesrepublik Deutschland gestellt. Die Mutter meines Vaters lebte in der Nähe von Stuttgart, seine beiden älteren Brüder in Köln und Westberlin.
Kurz zuvor hatten die DDR-Behörden meinem Vater wiederholt einen Besuch bei seiner kranken Mutter verweigert. Eine Begründung gab es dafür nicht. Das war der unmittelbare Anlass für unseren schwerwiegenden Schritt, die DDR verlassen zu wollen.
Die Verwandtschaft meiner Mutter lebte dagegen komplett in der DDR und war bis dahin weitestgehend staatskonform. So gingen die deutsche Teilung und die damit verbundenen politischen Konfliktlinien auch direkt durch unsere Familie.
Meine Eltern beriefen sich bei ihrem Antrag auf die »Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa«, die im Sommer 1975 in Helsinki stattgefunden hatte und die dort
Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR vom November 1975. abgeschlossene »KSZE-Schlussakte«. Sie trug die Unterschrift von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker. Dieses historische Dokument enthielt die vertragliche Zusicherung des »Status Quo« der Grenzen in Europa. Dazu gehörten die Grenzen der DDR und somit deren Existenzrecht als »sozialistischer Staat«, wie sie sich laut Verfassung seit 1974 nannte. Nach der Aufnahme der DDR in die UNO 1973 war dies ein weiteres Zeichen der internationalen Anerkennung. Deshalb ließ die SED die gesamte Schlussakte im Neuen Deutschland abdrucken, damit alle DDR-Bürger dies lesen konnten.
Den Antrag auf Familienzusammenführung stellt mein Vater Christian Mrázek für die ganze Familie.
Die Schlussakte von Helsinki enthielt aber auch die vertragliche Zusicherung der DDR, die durch den Mauerbau endgültig getrenntlebenden Familien in Deutschland wieder zusammenzuführen. Das bedeutete, dass Familien aus dem Osten die Möglichkeit erhalten sollten, nach Westdeutschland überzusiedeln. Das Zauberwort für DDR-Bürger lautete »Familienzusammenführung«. Für eine solche Familienzusammenführung musste ein Antrag bei den DDR-Behörden gestellt werden. Doch obwohl es dafür nun eine vertragliche Grundlage gab, lehnten die DDR-Behörden in der Folge unseren »Antrag auf Familienzusammenführung« wieder und wieder ab – immer mit dem Argument, ein solcher Antrag sei ungesetzlich. Wir dagegen pochten auf die KSZE-Schlussakte, erhielten jedoch zur Antwort, die DDR habe dazu eigene »Durchführungsbestimmungen« erlassen. Wo man die nachlesen könne, erfuhren wir nicht.
Bevor meine Eltern sich entschieden hatten diesen Antrag zu stellen, sprachen sie ausführlich mit meinem Bruder und mir, um zu erfahren, wie wir dazu stünden. Für jeden von uns war es ein bedeutender Schritt in eine Richtung, die das Leben komplett umkrempeln würde. Für uns Jungs würde es irgendwann heißen, Abschied nehmen von unseren Freunden, wenn wir denn in den Westen ausreisen dürften. Das konnte ich mir damals noch gar nicht richtig vorstellen. Wir hatten von Leuten gehört, die einen solchen Antrag bei den DDR-Behörden gestellt hatten. Man munkelte, wie es denen in der Zeit nach der Antragstellung bis zur Ausreise und danach im Westen ergangen sein soll. Da brodelte die Gerüchteküche, und sie wurde wohl auch am Kochen gehalten. Die DDR-Behörden und die Staatssicherheit waren da nicht unbeteiligt. Es war von Drogenkonsum und Alkoholismus die Rede, von Abstürzen in die Kriminalität, von Scheidungen und Selbstmorden.
Bischofswerda, Rat des Kreises. Dort fanden unsere Aussprachen mit den Behörden statt, Aufnahme vom Juni 1990.
Zum Zeitpunkt des ersten Antrags meiner Eltern war mein Bruder zehn Jahre alt, ich wurde gerade 15 und besuchte die 9. Klasse der Polytechnischen Oberschule »Otto Buchwitz« in Bischofswerda, ein klassizistischer Altbau, wo schon mein Vater zur Schule gegangen war. Bis dahin verlief mein Leben wie das vieler anderer in der DDR der 1960er und 1970er Jahre.
Meine Mutter mit mir im Sommer 1961 in Radeberg.
Am 27. November 1960, an einem Sonntag, kam ich in Radeberg auf die Welt. Die Klinik trug den wunderschönen Namen »Storchennest«.
Aufgewachsen bin ich in Bischofswerda, gelegen auf halber Strecke zwischen Dresden und Bautzen, damals eine Kreisstadt mit rund 12.000 Einwohnern. Die meisten von ihnen arbeiteten bei »Fortschritt«, ein Werk, das Mähdrescherteile produzierte, bei »Hero«, einem Textilbetrieb, oder bei »Ost-Glas«, einem Glashersteller. Viele pendelten mit dem Zug Richtung Bautzen und Kamenz oder Radeberg und Dresden. Zu Letzteren gehörte mein Vater, der zunächst in Radeberg als Radio- und Fernsehmechaniker und später in Dresden als EDV-Ingenieur beim VEB »Robotron« arbeitete.
Ich besuchte Mitte der 1960er Jahre kurz den Kindergarten »Herrmannstift«, den der Tuchfabrikant Herrmann im 19. Jahrhundert ins Leben gerufen hatte. Danach ging ich ab 1967 zehn Jahre lang zur Schule. Bereits in der ersten Klasse wurde ich, wie fast jedes Kind, Mitglied der Pionierorganisation. In der 4. Klasse wurde ich »Thälmann-Pionier«.
Eine Aufnahme von meiner Jugendweihe im Mai 1975 im Schillerpark, zusammen mit meinem Vater und meinem Bruder.
Mit knapp 14 Jahren folgte mein Beitritt in die »Freie Deutsche Jugend«. Bis zu diesem Zeitpunkt lief ich noch überall mit, zwar nicht mit Begeisterung, aber ich kannte ja auch nichts anderes. Im selben Jahr erhielt ich meine Jugendweihe. Das war die »Aufnahme der Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen«. Den Eid, den wir bei der Feierstunde ablegen mussten, galt dem Sozialismus und dem DDR-System. Wir mussten versprechen, den Sozialismus nach Kräften zu unterstützen und zu verteidigen. Damals war ich innerlich schon so weit gegen das DDR-System eingestellt, dass ich zwar physisch an der Veranstaltung teilnahm, aber den Eid nicht mitsprach. Schon damals spürte ich, dass ich in einem Gesellschaftssystem wie der DDR nicht für immer leben wollte und konnte. Zunächst war das mehr intuitiv, ein Gefühl. Das wurde jedoch immer stärker, je älter ich wurde. Ich wollte die Welt sehen, nicht nur den östlichen Teil. Es gab so viel, was ich gerne gesehen, erlebt und gefühlt hätte, aber eben nicht durfte, nur weil ich zufällig in der DDR geboren worden war. Ich beneidete meine Cousins und Cousinen unserer Westverwandtschaft, denen die Welt offenstand.
Was mich damals in Bischofswerda so richtig begeisterte, war der Fußball. Ich spielte in der Betriebssportgemeinschaft »Fortschritt Bischofswerda«, wie auch mein jüngerer Bruder und mein Vater. Ich konnte es kaum erwarten, zum wöchentlichen Training zu gehen. Am Wochenende waren dann Punktspiele angesetzt. Manchmal war ich so aufgeregt, dass ich in der Nacht davor kaum schlafen konnte. Der Fußball stand bei mir ganz oben. Jede freie Minute nutzte ich, um mit meinen Freunden irgendwo gegen das Leder zu treten. Ganze Nachmittage verbrachten wir damit und in den Ferien auch ganze Tage.
Wie jeder DDR-Bürger hatte ich im Kindergarten, in der Schule oder im Fernsehen die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus erklärt bekommen. Dass der Sozialismus siegen werde, war gewiss. Allerdings kamen mir schon relativ früh Zweifel, ob das so stimmen kann. Das lag zum einen an meinen Eltern, die der DDR recht kritisch gegenüberstanden, und zum anderen an meinen Verwandten aus Köln und Westberlin, die so ganz anders waren als die Klassenfeinde aus dem Westen, wie sie mir im Schulunterricht beschrieben wurden. Je älter ich wurde, desto stärker nahm ich auf diese Weise den Widerspruch zwischen dem in den DDR-Medien angepriesenen Idealbild und der erlebten Realität wahr. Ab der 9. Klasse hatte ich, bevor ich zur Schule aufbrach, meine eigene morgendliche Routine entwickelt. Beim Frühstück auf der Eckbank in unserer kleinen Küche las ich die »Sächsische Zeitung«, das Zentralorgan der SED im Bezirk Dresden, und die »Junge Welt«, das Zentralorgan der SED-Jugendorganisation FDJ. Ich überflog die wichtigsten Themen, die in beiden Zeitungen meist identisch waren. Anschließend hörte ich mir im »Deutschlandfunk« den täglichen »Blick in Ostberliner Zeitungen« an, der diese Artikel häufig kommentierte und politisch einordnete. Danach machte ich mich auf den Weg zur Schule, informiert von zwei Seiten, der ostdeutschen und der westdeutschen. Ich begann mich zu fragen, warum die Bürger der DDR nicht in den Westen reisen durften, wenn es den Menschen dort so schlecht ging, wie es uns in der Schule immer beigebracht wurde. Wenn es dort tatsächlich so schlimm war, müssten sie doch umso lieber wieder in die DDR zurückkehren und noch begeisterter am Aufbau des Sozialismus mitarbeiten wollen. Stattdessen kehrten viele der wenigen DDR-Bürger, die in den Westen reisen durften, nicht wieder zurück. Auf der anderen Seite blieb kaum einer aus Westdeutschland, wie meine beiden Onkel aus Köln und Westberlin, die uns fast jedes Jahr samt Familie besuchen kamen, in der DDR. Vielmehr kehrten sie wieder zurück und zwar freiwillig. Ich fragte mich außerdem, warum ich nicht ans Mittelmeer durfte oder den Eiffelturm besteigen konnte? Warum standen die Soldaten am »Antifaschistischen Schutzwall« in Berlin mit ihren Waffen Richtung Osten, wo der Feind doch aus dem Westen kam? Diese Gedanken brachten mich schließlich zu den Fragen, die ich auch im Staatsbürgerkunde- oder Geschichtsunterricht stellte. Die Reaktionen meiner Lehrer darauf wurden immer heftiger. Je älter ich wurde, umso mehr nahmen die Diskussionen und Reaktionen der Lehrer auf meine Fragen zu und gewannen an Schärfe, wenn ich auf die von mir wahrgenommenen Unterschiede zwischen sozialistischer Theorie und erlebter Praxis hinwies. Wenn meine Lehrer gar nicht mehr weiter wussten, fragten sie, woher ich denn all diese Informationen hätte. Sie rieten mir, doch nicht der Propaganda des Klassenfeindes zu glauben. Manchmal versuchten sie auch, meine Fragen ins Lächerliche zu ziehen oder mich als Dummkopf dastehen zu lassen. Das gelang ihnen auch manchmal. Allerdings entwickelte ich den Ehrgeiz, ihnen argumentativ Paroli bieten zu können, besonders nachdem wir unseren Antrag gestellt hatten. In der 10. Klasse geriet ich dann immer wieder mit meinem Schuldirektor, der bei uns Staatsbürgerkundeunterricht gab, heftig aneinander.
Sobald der Antrag meiner Eltern bekannt geworden war, begannen für mich und meinen jüngeren Bruder die Sticheleien in der Schule und für meine Eltern die Schikanen am Arbeitsplatz. An eine Episode aus dieser Zeit erinnere ich mich noch besonders gut. Es war Mittag und wir hatten Hofpause. Ich stand mit einigen Klassenkameraden auf dem Schulhof. Plötzlich hörte ich meinen Namen. Es war mein Physiklehrer. Er galt unter uns Schülern als besonders strenger und harter Knochen, der einem bei Disziplinverstößen schon mal seinen Schlüsselbund an den Kopf warf. Er hatte als junger Soldat noch das Kriegsende miterlebt und war nun 110-prozentiger Parteisoldat. Er rief mich zu sich. Als ich vor ihm stand, erklärte er mir, er habe gehört, meine Eltern wollten in den Westen gehen, und er wolle wissen, was ich denn davon hielte. Als ich erwiderte, dass ich natürlich mit ihnen gehen werde, fragte er, was ich denn im Westen werden wolle? Krimineller? Drogensüchtiger oder Arbeitsloser? Ob ich dort drüben in den Puff gehen wolle? Ich weiß nicht mehr genau, ob ich und was ich darauf erwiderte. Ich denke, es wird etwas Sarkastisches gewesen sein. Dann ging ich.
Die ideologischen Konflikte in der Schule nahmen an Schärfe zu, erst recht als ich zum Beginn der zehnten Klasse aus der FDJ austreten wollte. Das beantragte ich in schriftlicher Form. Der Antrag wurde umgehend von der FDJ-Leitung meiner Schule abgelehnt. Das ginge nicht so einfach, sagte man mir.
Aufnahme meiner Schule, Juni 1990.
»Oh doch«, dachte ich.
