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"Im Märchen wird Großes und Bedeutendes so schlicht erzählt, dass uns die Dimensionen, die es eröffnet, gar nicht auffallen." Das Buch erläutert, woher die Märchen kommen und was sie uns heute noch zu sagen haben.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Abel, Joachim und Iris
Im Märchen wird Großes und Bedeutendes
so schlicht erzählt, dass uns die Dimensionen,
die es eröffnet, gar nicht auffallen.
Vorwort
Mein Leben mit Märchen
ERZÄHL MIR EIN MÄRCHEN
WIE DEFINIERT SICH DAS MÄRCHEN
Märchen und Kunstmärchen
Märchen, Sage und Legende
Märchen, Fantasy und Gespenstergeschichten
DAS VOLKSMÄRCHEN
Das Element des Volksmärchens
Zum Inhalt des Märchens
Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Die Verbreitung des Volksmärchens
Motive im Volksmärchen
Gestalt und Gesetzmäßigkeiten
Die Zahlensymbolik
Kinder brauchen Märchen
DER MYTHOS
Prometheus
Baldur
Die biblische Schöpfungsgeschichte
Hesiod und sein Lehrgedicht
MÄRCHENBILDER UND DER WEG ZUR DEUTUNG
Die Quellen der Märchen
Die Bildsprache
Eintauchen in die Bilderwelt
Märchen führen uns zum Ich
Die Entwicklung zum Bewusstsein des modernen Menschen
Die Gefährdung des modernen Menschen und das Märchen
ANHANG
DEUTUNGEN
SPINDEL, WEBERSCHIFFCHEN UND NADEL Grimm 188
ASCHENPUTTEL Grimm 21
FROSCHKÖNIG Grimm 1
DORNRÖSCHEN Grimm 50
HÄNSEL UND GRETEL Grimm 15
FRAU HOLLE Grimm 24
SCHNEEWITTCHEN Grimm 53
DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN Grimm 20
ROTKÄPPCHEN Grimm 26
SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT Grimm 161
DIE GOLDENE GANS Grimm 64
DAS ESELEIN Grimm 144
DAS WALDHAUS Grimm 169
DIE BREMER STADTMUSIKANTEN Grimm 27
DER SÜSSE BREI Grimm 103
VOM FISCHER UND SEINER FRAU Grimm 19
DAS STIERLEIN ODER DIE PRINZESSIN IN DER FLAMMENBURG Text
DAS STIERLEIN ODER DIE PRINZESSIN IN DER FLAMMENBURG Deutung
ALJOSCHA UND DER HECHT Text
ALJOSCHA UND DER HECHT Deutung
DAS BORSTENKIND Text
DAS BORSTENKIND Deutung
DIE DREI ORANGEN Text
DIE DREI ORANGEN Deutung
MOMOTARO, das Pfirsichkind Text
MOMOTARO, Der Pfirsichjüngling Deutung
DER WOLF UND DIE SIEBEN JUNGEN GEISSLEIN Grimm 5
Literaturliste
D. im Text heißt: siehe Deutung und weist auf die Besprechung des Märchens im zweiten Teil hin.
Das Kennenlernen der Waldorfpädagogik, die seit ihrer Begründung (1919) das Märchen als Erzählstoff für die Vier- bis Neunjährigen erfolgreich verwendet, ließ mich das Märchen meiner Kindheit neu entdecken. Danach habe ich mich als Erwachsene über vierzig Jahre damit auseinandergesetzt und versucht, es mit Figuren in der Märchenbühne „Der Apfelbaum“ zur Aufführung zu bringen. Das Buch ist als Resultat dieser langjährigen Auseinandersetzung und meiner Erfahrungen mit dem Figurenspiel und erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Abhandlung. Ich stütze mich allerdings auch auf Arbeiten verschiedener Disziplinen und führe sie im Literaturverzeichnis an.
Diesen Text habe ich für die erwachsenen Besucher der Märchenbühne „Der Apfelbaum“, die sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, und für meine Kolleginnen geschrieben. Ich hatte das große Glück, das Theater in ihre Verantwortung übergeben zu können. Wenn die Thematik auf ein breiteres Interesse bei Erwachsenen stoßen sollte, würde mich das freuen.
Der erste Teil des Buches gibt eine Einführung in das Volksmärchen, seine Quellen, und seine Bedeutung für den modernen Menschen. Im zweiten Teil des Buches werden jene Märchen besprochen, die zum Repertoire der Bühne gehören. Ich habe mich auch im ersten Teil bemüht, hauptsächlich diese Märchen einzubeziehen.
Meinen besonderen Dank richte ich an meinen Mann Manfred Horvat, der mir die Möglichkeit gab, das Projekt Märchenbühne zu verwirklichen, und mich immer verständnisvoll unterstützt hat, an die Kollegen der Märchenbühne, insbesondere jene, die sie heute verantworten: Stephanie Troehler und Siegrid Maulbetsch. Weiters richtet sich mein Dank an Lore Brandl-Berger, die mit mir um gute Formulierungen und Strukturen in diesem Buch gerungen hat, und an alle jene, die mir mit Gesprächen und Anregungen zur Seite standen.
Die Märchenbühne der Apfelbaum eine Erfolgsgeschichte:
Von 400 Zusehern in den Anfängen im Jahr zu 20.000 heute
1975 war die Geburtsstunde der Märchenbühne „Der Apfelbaum“ in Wien. Das Märchen wurde damals als Erzählstoff für Kinder wenig geschätzt. Schon als Kind habe ich jedoch gerne Märchen gehört. Am liebsten frei erzählt, denn da konnte ich sie besser mit meinen eigenen bildhaften Vorstellungen anreichern. Kunstmärchen waren mir eher unheimlich. Die Disney-Trickfilmversion von Schneewittchen, die ich in jungen Jahren sah, prägten die Bilder von diesem Märchen so stark, dass es schwierig war, eigene Bilder zu entfalten. Ich hatte große Mühe, diese Karikaturen zu vergessen, als ich dieses Märchen für die Bühne adaptierte und inszenierte.
Im Waldorfkindergarten sah ich die ersten Märchenaufführungen mit Puppen. Bald wusste ich: Das ist es, was ich machen möchte! Die behutsame Darstellungsweise sprach mich an. Ich begann, Kindern Märchen, von einfachen Figuren begleitet, zu erzählen. Die große Aufmerksamkeit, mit der die Kinder mein Spiel verfolgten, flößte mir Respekt vor dem Märchen, vor dem Medium Figurenspiel und natürlich vor den Kindern ein. Ich verlor die Unbefangenheit. Was sind das für Texte? Warum fesseln sie Kinder so? Wie kann man sie gestalten, was und wie viel darf ich zeigen? Was soll ich der Phantasie der Zuseher überlassen? Damit begannen 40 Jahre der Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Eingeführt hat mich Bronja Zahlingen, die Leiterin des Kindergartens, die ich beim Puppenspiel unterstützen durfte und der ich sehr viel verdanke.
Bald kam es zur Gründung der Märchenbühne. Schritt für Schritt versuchte ich dem Wesen des Märchens näher zu kommen. Anfangs blieben die Bilder rätselhaft. Ich studierte alles, was ich an Literatur über das Märchen finden konnte. Mir war klar, dass, sobald ich diese Bilder sinnlich wahrnehmbar machen wollte, Vertiefung notwendig war. Rückblickend kann ich sagen, dass es ein kühner Weg war, den ich beschritt. Letzten Endes war er aber von Erfolg begleitet. Ohne finanzielles Kapital, ohne Räumlichkeiten, nur erfüllt vom Wunsch, für Kinder einen Ort zu schaffen, wo das Eintauchen in die Welt der Phantasie möglich ist, machte ich mich ans Werk.
Unterstützt wurde ich nicht nur von den vielen freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die sich im Laufe der Jahre fanden, und von Viktor Billek, Leiter der VHS Wien-Margareten, sondern auch vom Märchen selbst, denn es ist „Seelennahrung“ im besten Sinne. Es zeigt uns, dass wir aufbrechen und in die Welt ziehen sollen, um den Weg zu suchen, der zum Ziel führt. Dieser Weg ist von Schwierigkeiten und Einsamkeit begleitet; er kann uns in die Dunkelheit führen (Rotkäppchen), wir können Versuchungen erliegen (Schneewittchen), auf Ablehnung stoßen (Aljoscha und der Hecht), scheinbar ausweglosen Situationen gegenüberstehen (Goldmarie), aber es geht immer weiter. Mein Wünschen, mein Suchen, mein Hoffen fand ich in Märchenbildern wieder. Sie ließen mich auch fühlen, dass es wie im Märchen eine unsichtbare Macht gibt, die hilft und schützt. Das gab mir Kraft, den Weg, den ich beschritten hatte, weiterzugehen.
Im Laufe der Jahre wurde es mir zur Gewissheit, dass das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, nur eine Seite der Realität ist. Ich entdeckte, dass die Phantasie in eine Welt führt, die reiche Schätze in ihren Tiefen hütet. Ich fühlte mich unendlich geborgen in dieser Welt und wurde immer stärker im Ertragen leidvoller Erfahrungen. Sie machten mich auf meine persönlichen Defizite aufmerksam und brachten dadurch indirekt das Projekt Märchenbühne weiter.
Unterstützt hat mich auch die Magie des Figurentheaters. Animiere ich eine Puppe, einen Gegenstand oder ein Stück Holz vor Kindern, so werden sie nur Augen dafür haben und ganz dabei sein. Den Spieler sehen sie gar nicht. Kleist versucht dieses Phänomen an Hand der Marionette zu erklären (Aufsatz: Über das Marionettentheater, 1810): Der Vorteil einer Puppe gegenüber einem Tänzer sei, dass eine Puppe sich nicht ziere und keine Eitelkeit kenne. Ihre Bewegungen werden aus ihrem Schwerpunkt heraus erzeugt. Kopf, Arme und Beine sind wie Pendel und gehorchen der Schwerkraft. Anmut und Grazie der Bewegung entstehen nur, wenn die Bewegung ungehindert aus dem Zentrum heraus erfolgt. Das ist bei der Puppe möglich, denn sie hat kein Bewusstsein von sich selbst und ist einem Gott dadurch näher, der ein unendliches Bewusstsein hat. Nur ein Gott könne sich auf diesem Felde mit der Materie messen. Kleist meint weiter, dass wir Menschen durch die Fähigkeit zur Reflexion das Paradies verloren hätten und damit die Naivität und Anmut der Bewegung. Doch bleibe die Möglichkeit, die Reise um die Welt zu machen und zu sehen, ob das Paradies nicht vielleicht von hinten irgendwie offen sein kann. Das kann als Hinweis auf eine Welt verstanden werden, die in der Tiefe liegt und nicht leicht zugänglich ist.
Die Figurenspieler und Figurenspielerinnen der Märchenbühne haben trotz offener Spielweise nicht das Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Die Blicke der Zuseher sind auf die Puppen gerichtet. Die Unvollkommenheit ihrer stilisierten Bewegungen ergänzen die Zuseher in ihrer Phantasie. Sie verbinden sich ganz mit der Figur und erfüllen sie mit ihrer inneren Welt. Ein Kind bekam auf Bitten der Mutter die Hexe nach dem Spiel, also außerhalb des Bühnengeschehens, vorgeführt. Sie wollte, dass das Kind sieht, dass die Hexe nicht verbrannt ist. „Gut, das ist die Hexe! Aber wie habt ihr das gemacht, dass sie spricht?“ war alles, was das Kind sagte.
Die Puppe ist nicht nur wegen ihrer Anmut und Grazie das perfekte Medium, um Märchen darzustellen, sondern auch auf Grund der unendlich vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten. Das betrifft insbesondere die Zaubermärchen, die nicht in einer realen Welt spielen. Zwerge und Riesen, sprechende Tiere, Verwandlungen, die Reise zu Sonne und Mond, in die Tiefe führende Brunnen sind häufige Motive. Alles das ist mit einfachen Mitteln darstellbar, je schlichter, desto mehr überzeugt es. Wichtig war uns bei der Gestaltung der Märchen, die Musikalität der Sprache und den Rhythmus des Geschehens zum Ausdruck zu bringen. Wir dramatisieren das Märchen nicht, sondern erzählen es in der epischen Originalsprache der Brüder Grimm. So kann es gelingen, eine Atmosphäre herzustellen, die den Zuschauer ganz in das Geschehen hineinzieht.
Meine dritte Stütze waren die Erfahrungen mit der gemeinsamen Arbeit innerhalb der Gruppe. Die Stunden, die wir verbrachten, um inhaltlich an einem Märchen zu arbeiten, manchmal unterstützt von Georg Friedrich Schulz, Mario Jansa oder Arnica Esterl, waren sehr inspirierend. Auf die Frage des Königs „Was ist erquicklicher als das Licht?“ antwortet die grüne Schlange „Das Gespräch!“. (Goethe, Das Märchen, 1795). In Gesprächen haben wir uns nicht nur gegenseitig inspiriert, wir sind im Laufe der Jahre zusammengewachsen und bewahrten trotzdem unsere Individualität. Es gab aber auch Auseinandersetzungen und Irritationen, manche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kamen und gingen wieder. Aber die Kerngruppe blieb und ist noch immer voll Hingabe bei der Sache. Ich habe als Spielerin Aufführungen erlebt, wo ich eins wurde mit meinen Kolleginnen, mit der Sprache, den Märchenbildern, der Musik, dem lauschenden Publikum. Mein Bewusstsein weitete sich und erstreckte sich über den ganzen Raum und darüber hinaus. Ich hatte das Gefühl zu tanzen. Habe ich da die Reise um die Welt gemacht, von der Kleist spricht, und stand ich da vor der Türe des Paradieses? Ich fühlte mich so.
Im Zuge der Professionalisierung der Märchenbühne war die Gruppe mit dem aufwendigen Aufführungsbetrieb zeitlich ausgelastet. Viele Spielerinnen mussten einem weiteren Beruf nachgehen, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Ab 1998 widmete ich mich hauptsächlich dem Anfertigen von Puppen, dem Kulissenbau und der Regie. Eine arbeitsreiche und produktive Zeit begann. Ich löste mich davon, die Märchen zu bebildern und nur dem Fluss der Erzählung folgend mit Figuren zu spielen. Das kommt dem sehr kleinen Kind bei der Entfaltung seiner Bilderwelt wohl entgegen, aber die Mittel des Theaters sind damit nicht ausgeschöpft. So begann ich die Märchen zu inszenieren und ein Gesamtkonzept zu erstellen, das der Eigenheit des jeweiligen Märchens entsprach. Der Bühnenraum wurde erweitert oder in mehrere Ebenen aufgegliedert, die Puppen wurden größer und mit technischen Besonderheiten ausgestattet, die Anzahl der Puppenspieler verringert (um die Kosten zu minimieren), die nun manchmal selbst zu Akteuren oder zum Erzähler und zur Erzählerin wurden.
Die anspruchsvollere Gestaltung hat zur Folge, dass Erwachsene auf die Bedeutung und Tiefe des Märchens aufmerksam werden. Kinder haben damit ein größeres Theatererlebnis. Diese Stücke sind schwerer zu spielen und werden bei jeder Neuaufnahme. bearbeitet und verfeinert. Der Blick auf das Märchen verändert sich durch die Erfahrung und die Reaktionen des Publikums. Eine Märcheninszenierung ist nie fertig. Sie fordert Spieler und Regie bei jeder Aufführung heraus und verlangt Authentizität und neue Verbundenheit mit dem Inhalt. Wird das Spiel zur Routine, so bleibt die Aufführung leer und berührt die Zuschauer und Zuschauerinnen nicht. Der Zauber des Märchens ist flüchtig und verlangt bei jeder Aufführung den vollen Einsatz. Diese Erfahrung machen jene Mitarbeiter, die das Märchen ernst nehmen, und sich auf seinen Zauber einlassen. So bleibt es selbst hunderte Male gespielt spannend, bereichernd und erfüllend. Das macht deutlich, dass im Märchen mehr steckt, als wir ahnen. Bemerkenswert ist, dass unsere zahlreichen Aufführungen ohne Werbeaufwand meist ausverkauft sind.
Sollen heute noch Märchen und Mythen erzählt werden? Sind diese Inhalte nicht längst veraltet und haben mit dem Leben des modernen Menschen nichts mehr zu tun?
„Das gibt es nur im Märchen“ oder auch „Erzähl mir kein Märchen!“ sagen wir, wenn uns etwas unglaubwürdig erscheint. Sind Märchen Lügengeschichten? Dem widerspricht Friedrich Schiller, wenn er Max Piccolomini in seinem „Wallenstein“ (3. Akt, 4 Auftritt) sagen lässt: Tiefere Bedeutung liegt im Märchen meiner Kinderjahre, als in der Wahrheit, die das Leben lehrt. Was meint Schiller mit der tieferen Bedeutung? Verbirgt sich im Märchen mehr als das, was wir für wahr halten? Können wir Wege finden, die uns diese tiefere Bedeutung erschließen?
So wie das Märchen meist mit einer Polarität beginnt (schön – hässlich, arm – reich, gut – böse), so widersprüchlich sind die Meinungen über diese Literaturform. Aber genau das macht den Reiz dieser Erzählungen aus und fordert die Suche nach dem verborgenen Sinn heraus. Was ist das Besondere am Märchen, dass es uns auch heute immer noch beschäftigt?
Wie selbstverständlich nehmen wir die Tatsache, dass Märchenfiguren allgegenwärtig sind! Wir finden sie nicht nur in Bilderbüchern, sondern auch in der Werbung, auf Kinoplakaten, im Ballett, in der Oper, in der Lyrik, in der Tiefenpsychologie und Symbolforschung und manchmal auch in Parodien. Erinnert man sich nicht mehr im Detail an die Inhalte der Märchen, so bleiben die Figuren, die unsere Kindheit begleitet haben, doch im Gedächtnis und sind ein Bestandteil des kollektiven Bewusstseins. Warum das so ist, versuche ich zu erklären, wobei diese Schrift sich aber nur als eine Annäherung zum Verständnis dieses Phänomens versteht und mir voll bewusst ist, dass damit die Fülle der Wege, die zu diesem Verständnis führen, nicht behandelt werden können. Es ist ein Weg und ein Versuch von vielen anderen. (siehe Literaturliste)
Das Wort Märchen stammt von Märe oder Maere ab und hatte die Bedeutung von Nachricht, Kunde, mhd. maeren heißt rühmen. Die Wurzel dieses Wortes weist uns in eine Richtung, die aufhorchen lässt. Wir fragen uns: Wie definiert sich das Märchen?
Das Märchen ist eine epische Erzählung, die einer strengen Gesetzmäßigkeit folgt. Märchen sind keine harmlosen Geschichten; Märchen können phasenweise ängstigend, aber auch erhebend sein. Sie sind meist phantasievoll ausgeschmückte Prosaerzählungen, in denen die Naturgesetze aufgehoben sind und das Wunder vorherrscht, wo Tiere und Pflanzen, ja selbst Gegenstände sprechen, die Gerechtigkeit das Geschehen beherrscht und die fast immer gut enden. Es gibt Märchen, die aus der Feder eines Dichters flossen, und jene, die in einer jahrhundertelangen Erzähltradition wurzeln. Wir nennen die letzteren Volksmärchen und unterscheiden sie von den Kunstmärchen, die im Gegensatz zum Volksmärchen einen nachweislichen Erfinder, einen Autor, haben und in dessen Ideenwelt wurzeln. Sie sind häufig gemütvolle, auch belehrende Geschichten. Der deutsche Dichter Wilhelm Hauff (1802–1827) mit seinen Märchenbüchern Die Karawane, Der Scheich von Alexandria und Das Wirtshaus im Spessart ist hier zu nennen, weiters der dänische Dichter Hans Christian Andersen (1805–1875). Das Volksmärchen kennt keinen Urheber, es gehört zu einer sehr alten Textgattung und wurde über Jahrhunderte in allen Kulturkreisen nur mündlich weitergegeben. Das erklärt die unzähligen Varianten der Märchen im europäischen Sprachraum und weltweit.
Dem Märchen verwandt sind auch die Sage und die Legende. Die Sage macht auf etwas Bedeutendes oder Merkwürdiges aufmerksam, hat immer einen historischen Kern und ist wie meist auch die Legende örtlich und zeitlich verankert. In Sage und Legende steht neben der diesseitigen eine streng von ihr geschiedene jenseitige Welt. Die Begegnung mit dieser Welt (Teufel, Undine, Zwerg etc.) löst meist Schrecken oder Verwunderung aus. Dem Helden ist bewusst, dass er Bürger zweier Welten ist, einer realen und einer transzendenten. Die Legende hat dazu noch einen belehrenden, moralisierenden Charakter und erzählt häufig von heiligen Persönlichkeiten, Orten und Wundern.
Damit unterscheiden sich Sage und Legende deutlich vom Volksmärchen. Dieses ist weder an die Wirklichkeit noch an die Historie oder an eine Weltanschauung gebunden. Der Freiraum, in dem es sich bewegt, umfasst gleichermaßen die sichtbare Welt samt dem Kosmos und die unsichtbare Welt der geistigen Kräfte. Diesseits und Jenseits fügen sich zu einem großen Gemälde zusammen, sie stehen auf einer Ebene. Den Helden oder die Heldin wundert es nicht, dass Tiere, Sterne, Zwerge und Riesen sprechen. Sie nehmen ihre Ratschläge entgegen, kümmern sich nicht um ihre Herkunft und erfahren Hilfe oder Schädigung. Max Lüthi, der große Schweizer Märchenforscher, spricht von der Eindimensionalität des Märchens. (Max Lüthi: Das europäische Märchen, UTB Francke, 1985)
Um den Begriff Volksmärchen deutlicher zu fassen, muss noch hinzugefügt werden, dass die Erzählungen, die als Fantasy, Horror- und Gespenstergeschichten bezeichnet werden, zwar eine lange Tradition haben und mit dem Märchen manche Figuren und Themen teilen (Zauberer, Hexe, Dämon), aber mit dem Volksmärchen, das hier und in der Folge besprochen wird, nichts zu tun haben. Sie erfreuen sich von der Romantik bis heute großer Beliebtheit, sind aber von unterschiedlicher literarischer Qualität. Gemeinsam ist ihnen, dass sie unsere eigenen Phantasiekräfte weniger anregen, sondern uns eher jenen des Autors folgen lassen. Das haben sie mit dem Kunstmärchen gemeinsam. Sie führen meist in die Welt der Phantastik, des Unwirklichen (s.u. Jakob Grimm).
Die Wurzeln des Volksmärchens liegen im Volk, in der Volksseele. Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mythische gleicht kleinen Stücken eines zersprungenen Edelsteins, die auf dem von Gras überwachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden. Die Bedeutung davon ist längst verloren, aber sie wird noch empfunden und gibt dem Märchen seinen Gehalt, während es zugleich die natürliche Lust an dem Wunderbaren befriedigt; niemals sind sie bloßes Farbenspiel gehaltloser Phantasie. (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, 3. Band gegen Schluss). So charakterisieren Jakob und Wilhelm Grimm das Märchen.
Jakob Grimm benutzt eine Bildsprache (Beispiel: Stücke eines zersprungenen Edelsteins), um das deutlich zu machen, was den Märchen zugrunde liegt. Es manifestiert sich in ihnen offensichtlich die gehaltvolle Phantasie, die im Gegensatz zur Phantastik steht. Sie führen uns in die Welt des bildhaft anschaulichen Denkens, der Imagination. Sie vermitteln Erfahrungen des Ich mit einer nicht sichtbaren, übersinnlichen Welt. Woher kommen diese Bilder? Führen sie uns an die Wiege der Menschheit? Wollen sie uns etwas sagen? Haben sie nur Unterhaltungswert?
Die Antworten werden, je nach Märchen, variieren. Glaubt man aber der vielfältigern Literatur über die Bedeutung des Märchens, so haben viele dieser Bilder bei näherer Betrachtung mehr mit der Realität und mit uns zu tun, als sich beim ersten Blick vermuten lässt. Was damit gemeint ist, wird noch zu erarbeiten sein.
Das Element des Märchens ist die Sprache, genauer gesagt, die Sprache des Volkes. Was aber hat die Menschen dazu bewogen, solche Geschichten zu erzählen? Keine Funde oder Dokumente geben uns Aufschluss über deren Entstehung. Wollen wir die Quellen dieser Erzählungen aufsuchen, so bewegen wir uns auf unsicherem Gelände. Sie wurden über Jahrhunderte von Erzählerinnen und Erzählern in allen Sprachen der Menschheit mündlich weitergegeben. Das geschah aber nicht in der Sprache, die den Alltag beherrscht, oder in jener nüchternen, die in Zeitungen oder Nachrichten verwendet wird. Das Märchen erzählt uns nichts über das Tagesgeschehen. Es erzählt von etwas, das einmal war, aber auch immer noch ist – …und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute... Seine Sprache ist schlicht, aber nicht nüchtern. Sie ist nicht realistisch, aber auch nicht realitätsfern. Es ist eine epische, schöpferische, gefühlte Sprache, eine Sprache der Bilder. Sie führt uns in eine Welt, die vielgestaltig, farbig und von unendlicher Weite ist. Stammt sie aus einem archaischen Bewusstsein, einem Bewusstsein, das so weit weg von unserem Alltagsbewusstsein ist, dass wir damit heute nicht umgehen können? Nach Erich Fromm ist diese Bildsprache die einzige Universalsprache, die die Menschheit je hervorgebracht hat, … die gleiche für alle Kulturen im Laufe der Geschichte… Wenn wir sie verstehen, kommen wir mit dem Mythos in Berührung, der eine der bedeutsamsten Quellen der Weisheit ist, wir lernen die tieferen Schichten unserer Persönlichkeit kennen. (Erich Fromm: Märchen, Mythen, Träume, Deutsche Verlags-Anstalt, 1980, S 11 ff.)
Ist es möglich, diese Sprache verstehen zu lernen? Um einer Beantwortung dieser Frage näherzukommen, versuchen wir den Weg zu den Quellen des Märchens zu gehen.
Das Märchen moralisiert nicht, und wenn doch, so liegt es an der Bearbeitung. Es schildert eine Welt, die in Unordnung gerät, und den Weg, der gegangen werden kann, um Ordnung herzustellen. Es erzählt von einem König und einer Königin, einem goldenen Reich, einem Zustand der Vollendung, den der Held oder die Heldin verlässt oder verlassen muss, um schweren Prüfungen oder Demütigungen ausgesetzt zu werden, um letztendlich mit seinem Partner oder seiner Partnerin ein eigenes, neues Königreich zu gründen. Viele Märchen erzählen ebenso wie die Mythen von einem Abstieg, aber auch von einem Aufstieg in ein „neues Königreich“. Der Weg dahin ist schwer, aber das Ziel wird immer erreicht.
Märchen erzählen uns abenteuerliche Geschichten von Verzauberung und Erlösung, Drachenkämpfen, Armut und Reichtum in eindringlichen Bildern. Gelingt es uns dieser Universalsprache mit Verständnis näherzukommen, können wir erkennen, was Märchen sagen wollen. Sie sagen uns, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Sie zeigen, was wir bewirken und verwirken können, erzählen vom Gelingen und Versagen. Sie geben uns Auskunft darüber, wie wir auf Krisen nach Enttäuschungen und Scheitern reagieren oder wie wir mit der Freude und dem Erfolg umgehen sollen. Sie zeigen uns unsere Abgründe, unsere Verletzlichkeit und unsere besonderen Aufgaben. Sie entfalten das ganze bunte Spektrum unserer seelischen und geistigen Qualitäten, verkörpert in den handelnden Personen, die gemeinsam das Bild einer Persönlichkeit ergeben. Die Märchenfiguren sind nicht Archetypen, sie sind Aspekte von Archetypen. Sie zeigen uns den Weg zu uns selbst, denn sie erzählen von unseren inneren Vorgängen. Für das Märchen gilt auch das, was Joseph Campbell von den Mythen sagt: Mythen (und Märchen, Ch. Horvat) sind ein Schlüssel zu den geistigen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. (Joseph Campbell. Die Kraft der Mythen, Albatros Verlag, 2007, S. 17). Denn es schildert nicht die äußere, sichtbare Welt, sondern nährt und begleitet unsere Suche nach der Wahrheit. Betrachten wir Märchen genau, so werden wir in den Geschichten nicht nur einen Schlüssel zu den geistigen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen, sondern auch die Gesetzmäßigkeiten alles Lebendigen erkennen. Es ist wie ein Bindeglied zweier Welten, der sichtbaren und der unsichtbaren. Max Lüthi spricht davon, dass das Märchen uns keinen Augenblick im Zweifel lässt, dass es Wesentliches darstellen will, nicht Wirklichkeit. Gefühlswelt übersetzt es in Handlungen, die Innenwelt rückt es auf die Ebene des äußeren Geschehens. Es verzaubert das Ineinander und Nacheinander, den geistigen und seelischen Tiefgang, in ein Nebeneinander. (Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen, UTB Francke 1947, S. 83)
Es spiegeln sich im Märchen aber nicht nur die Qualitäten wieder, die wir in uns tragen und die sich im Denken, Fühlen und Wollen äußern, sondern auch alle Schwellen unseres Lebenslaufs (Geburt, Reife, Hochzeit, Tod) und die Kraftfelder unserer Existenz (Leib, Seele, Geist). Märchenfiguren beleuchten einzelne Aspekte davon und können uns zu Selbsterkenntnis verhelfen. Das Königreich, von dem uns das Märchen erzählt, ist das Königreich unserer Seele. Die Seele aber ist wie ein unergründlicher tiefer See. Er kann sturmgepeitscht oder glatt und ruhig sein. Er kann uns verschlingen, wir können darin versinken, auf ihm mit einem Schiff fahren oder auf dem Rücken eines schwimmenden Tieres reiten. Die Entwicklung des Menschen verläuft in unvorhersehbaren horizontalen und vertikalen Bahnen. Das Ziel erreichen die Menschen, die den Aufbruch zu neuen Wegen wagen.
Die Unersättlichkeit unserer Begierden zeigt uns das Märchen Vom Fischer und seiner Frau (Grimm 19, s.D.). Wie verführbar wir sind, machen Rotkäppchen und Schneewittchen deutlich (s.D.).
Die Suche nach dem goldenen Mittelweg zwischen der Erdensucht und der Erdenflucht sehen wir in Aschenputtel und seinen beiden Schwestern (s.D.). Der Tanz mit dem Königssohn in den goldenen Schuhen als Ziel der seelischen Entwicklung wird möglich, wenn Demut und Fleiß den Weg bereiten.
Liebessehnsucht, Prüfungen und Mut zeichnen den Weg des Königssohns zur Jungfrau, der Königstochter vom goldenen Dache (ein Bild der Weisheit, der Sophia) als Ziel der geistigen Entwicklung (Der treue Johannes, Grimm 6). Denn erst, wenn die Seele von Hingabe und Verzicht gezähmt ist und nicht ziellos ihren Begierden folgt, wenn Entschlossenheit den Willen auszeichnet und das Denken sich mit den Herzenskräften verbindet, sind der Held und die Heldin reif für die Hochzeit, mit der viele Märchen enden.
Die Hexe, verknöchert und alt, ist ein Bild für die bloße Gewalt der Materie und für unsere Ängste. Die Stiefmutter weist uns darauf hin, dass wir uns den Forderungen und Gesetzmäßigkeiten der irdischen, materiellen Welt stellen müssen. Sie kann auch als Mutter der Materie gesehen werden und will den Blick auf die wahre Mutter, die Mutter der Seelen – und Lebenskräfte, verhindern (s.D. Aschenputtel).
Wir geraten immer wieder in die Dunkelheit, in die Krankheit, in die Verzweiflung (Bauch des Wolfes). Wir tragen aber auch Vollkommenheiten in uns, die als Prinz, und Prinzessin Gestalt annehmen, sich aber zunächst verzaubert als Tier zeigen können oder in einem fernen Schloss gefangen sind (Das Eselein, s.D., Der treue Johannes, Grimm 6). Der Hunger, im Grunde der Hunger nach Leben, führt uns wie im Märchen von Hänsel und Gretel zum Hexenhaus in die physische Körperlichkeit. Unschuldige Kräfte werden dem wuchernden Leben des Waldes, den Begierden der Hexe ausgesetzt. Nach leidvollen Erfahrungen und reinigendem Feuer zeigt sich das Hexenhaus im Glanz von Perlen und Edelsteinen (s.D.).
Im Märchen Das tapfere Schneiderlein (s.D.) wird humorvoll geschildert, wie Verstand und Witz in ein königliches Haus einziehen, das machtlos zu werden droht, weil Riesen und ein Wildschwein ihr Unwesen im Lande treiben. Der Verstand, hier in Gestalt des Schneiderleins, kann aber die Krise bewältigen und König werden. Ob das ausreicht, bezweifelt in diesem Märchen die Königstochter, denn es bedarf mehr als des Witzes und des Verstandes, um König zu werden und wahrhaft König zu sein. Dafür ist eine Erneuerung der spirituellen Kräfte nötig (s.D.).
Das Märchen macht uns mit Entwicklungsprozessen des Lebendigen in der Welt vertraut, die vielfach mit Schmerzen und Opfern verbunden sind: Abschneiden des Fingers in Die sieben Raben (Grimm 25), 3 Nächte der Qualen in Der Königssohn der sich vor nichts fürchtet (Grimm 121), der Verzicht der Zwerge auf Schneewittchen. Entwicklungsprozesse erfordern auch, dass das Vergangene, z. B. der alte König, zurücktritt oder stirbt (Das Eselein, Die goldene Gans, s.D., Die Bienenkönigin, Grimm 62). Verweigert dieser den Rückzug aus Gier oder Machthunger, so geht das für ihn nicht gut aus (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren, Grimm 29). Es kommt auch vor, dass dem Neuen noch die Reife fehlt, dann braucht es mehrere Versuche, um ans Ziel zu gelangen: Drei Nächte wacht die Königstochter am Bett des schlafenden Königssohns in Das Borstenkind (s.D.), bis ihr die rettende Idee kommt. Im Märchen Die drei Orangen (s.D.) öffnet der ungeduldige Königssohn die erste und zweite Orange zu früh, wodurch die zwei Mädchen, die den Früchten entsteigen, verdursten. Die dritte Orange öffnet er erst neben einem See, sodass das dritte Mädchen sofort trinken und überleben kann.
Drastisch zeigt uns das indianische Märchen Die ersten Menschen und der erste Mais (Zauberfrauen – Märchen aus aller Welt, Unionsverlag) die Verknüpfung von Opfer und Überleben. Es erzählt vom ersten Menschenpaar, das so viele Kinder in die Welt setzt, dass die Nahrung nicht mehr reicht und eine Hungersnot ausbricht. Daraufhin bittet die Frau den Mann, sie zu töten und über die Felder zu schleifen, sodass ihr Blut die Erde netzt, und ihre Knochen zu vergraben. Aus ihrem Blut wächst nach sieben Monaten der Mais, aus ihren Knochen der Tabak. Da waren die Menschen vom Herzen froh und kamen zum Ernten. Das Märchen endet mit dem Appell des Großen Lehrers: Und weil ihr alle Brüder seid, teilt alles gerecht auf, ……denn so erfüllt sich die Liebe der ersten Mutter und beschenkt die ganze Welt mit ihren Früchten.
Tatsache ist, dass der lebendige Erzählstrom, der das Märchen über Jahrhunderte am Leben hielt, versiegt ist. Märchen werden heute nicht mehr mündlich weitergegeben, sondern sind in vielen Ländern seit dem neunzehnten Jahrhundert gesammelt und gedruckt worden. Seither werden sie meist unverändert vorgelesen. Die bekannteste Sammlung von Märchen ist jene der Brüder Grimm. Sie ist in fast alle Sprachen übersetzt und fehlt in wenigen Haushalten. Die Brüder Grimm haben diese Märchen nicht erfunden. Sie haben sie nur gewissenhaft gesammelt und damit etwas hervorgeholt, was dem Volk, also uns allen, gehört, was als Erbe über viele tausend Jahre wie ein Schatz gehütet wurde und schließlich verschüttet zu werden drohte.
In der Einleitung zur Urfassung der Kinder und Hausmärchen (KuH) zeichnet der Herausgeber Friedrich Panzer in seinem Geleitwort ein eindringliches Bild jener Zeit, die es möglich machte, diesen Schatz zu heben und für alle Welt zugänglich zu machen. (Friedrich Panzer, Hrsg.: Die Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm, Urfassung, Leibniz Verlag, 2008, S. 5–62)
Ein Blick zurück ins Mittelalter leitet seinen Text ein. Die höfisch-ritterliche Dichtung dieser Kulturepoche hatte noch eine volkstümliche Grundlage. Die Renaissance und der Humanismus bereiteten jene Gelehrtendichtung vor, die sich im 17. Jahrhundert durchsetzte und sich scharf von dem abgrenzte, was als Überlieferung im Volk lebte. Trotzdem war das Märchen damals nicht ganz vergessen. Charles Perrault (1628–1703) in seinen Contes de mère l’Oie in Frankreich, Giambattista Basiles (1634–1636) Pentamerone in Italien und später Musäus 1782 in seinen Volksmärchen der Deutschen hatten schon einige Schätze aufbereitet. Der Grundton aber war eher spielerisch witzelnd bis ironisch und wuchs sich bei den Nachfolgern in einen wüsten Zauber- und Feenspuk aus. Der Wert des Volkstümlichen des Märchens und seine Schlichtheit und Wahrhaftigkeit wurde nur teilweise erkannt. Der plötzlich mündig gesprochene, befreite Verstand …. erklärte sich für den alleinigen Herrscher im Reiche des Geistes (KuH, Urfassung, op. cit, S. 6). Vor so einer Weltsicht konnte das Märchen nicht bestehen und wurde als „Ammenmärchen“ und Hirngespinst verachtet und beiseite geschoben.
Der „Sturm und Drang“ (2. Hälfte des 18. Jahrhunderts) brachte eine Wende, denn Gefühl und Phantasie waren nun wichtiger als der Verstand. Somit wurde die verstandeskalte Gelehrtenpoesie aus dem Tempel getrieben (Panzer, op. cit, S. 6). Diese Strömung wurde vor allem von jungen Menschen getragen. Naturdichtung, das Wunderbare, die Bibel, Homer, Shakespeare, die Leidenschaft, das Volkslied und auch das Märchen standen im Mittelpunkt ihrer Interessen. Das Genie, das alle kreativen Kräfte zur Entfaltung bringt, wurde zur Leitfigur.
Auch die Romantik setzte diese Linie fort und wandte sich mit großem Interesse der Zeit des Mittelalters und der Literatur des Volkes zu. Jakob und Wilhelm Grimm erkannten den Wert des Märchens. Ihre Liebe zur Heimat, ihre Vertrautheit mit dem Volk, die glückliche Verbindung von Wissenschaft und künstlerischer Neigung, ihr Fleiß und die Anregungen, die von Freunden (Friedrich Karl von Savigny, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Philipp Otto Runge) kamen, ließen die Märchensammlung entstehen. Mit Eifer durchforschten sie alle literarischen Quellen, zu denen sie Zugang bekamen. Viele halfen beim Sammeln mit: Dorothea Viehmann, Dorothea Wild, Familie Hassenpflug und die Familien Haxthausen und Droste-Hülshoff. Es kamen Beiträge aus Bayern, Deutschböhmen, aus der Schweiz, aus Österreich und Deutsch-Ungarn. Das Volksmärchen rein aufgefasst zu haben, wie es selbst sich gibt, es rein wiedergegeben zu haben um seiner selbst, nicht um irgendwelcher literarischer Kunststücke willen, das ist das unsterbliche Verdienst der Brüder Grimm. (Panzer, op. cit., S. 9)
Besonders Jakob Grimm war bemüht, die Schlichtheit des epischen Erzählstils zu bewahren. Auch wenn es notwendig war, verschiedene Fassungen ein und desselben Märchens zu einer zusammenzuführen, so war er darauf bedacht, es treu und rein zu belassen, nichts hinzuzufügen oder wegzulassen, was den Inhalt oder den Stil verändert hätte. Er war von der Unantastbarkeit aller Naturpoesie überzeugt und hielt ihre Entstehung für ein Geheimnis Über die Art, wie die Entstehung des Märchens zugegangen ist, liegt der Schleier eines Geheimnisses gedeckt, an das man Glauben haben soll (Grimm: Vorrede Über den altdeutschen Meistergesang, 1811).
Jakob waren die Märchenbearbeitungen und -dichtungen, die zu dieser Zeit blühten, zuwider. (z.B. Brentano, Arnim, Tieck). Er mahnte auch immer wieder seinen Bruder Wilhelm, der einer künstlerischen Gestaltung gegenüber offener war als er selbst, den gemeinsamen Ansatz nicht zu vergessen. Wilhelm war es hingegen ein Anliegen, aus den Erzählungen, die vom Volke kamen, alles herauszuholen, was in dem Stoff steckte und sich darin offenbarte. Die schlichte und zeitgemäße Sprache, die einheitliche Form, der belebende Rhythmus wurden von Wilhelm betont. Gemeinsam waren sie weltweit die ersten, die Verständnis für diese Art von Naturpoesie hatten. Es kam bei jeder Neuauflage, angeregt von kritischen Stimmen, insbesondere von August Wilhelm Schlegel, zu stilistischen Überarbeitungen und Änderungen. Sie wurden von Erotik und Anstößigem gesäubert, kindgerechter, frömmer gestaltet, das Sittliche wurde mehr betont. Aus der bösen Mutter wurde die Stiefmutter (Schneewittchen s.D.), aus den bösen Vätern (Das Mädchen ohne Hände, Grimm 31) häufig der Teufel. Die Grausamkeiten aber beließen sie weitgehend (siehe Kapitel: Grausamkeiten). Vergleicht man die Urfassung mit jener, die heute aufgelegt wird, so sind die Märchen anschaulicher und reicher geworden. Ob das immer gut getan hat, muss man selbst beurteilen. Geschadet hat es auf jeden Fall selten. Wer möchte, kann auf die Urfassung zurückgreifen. Bei Deutungsversuchen ist das auf jeden Fall ratsam.
Beiden Brüdern war die Treue zu den überlieferten Texten ein Grundsatz. Sie gingen mit diesen aber, inspiriert vom Genius der Zeit, so sorgfältig und künstlerisch um, dass eine Märchensammlung entstand, die die Welt erobert hat. Die Sammlung Grimm dürfte immer noch das am weitesten verbreitete, meistübersetzte deutschsprachige Buch sein. Der Vollständigkeit halber muss allerdings gesagt werden, dass von den 200 gesammelten Texten höchstens 40–60 als Märchen bezeichnet werden können. Die anderen Texte sind eher den Gattungen Legende, Sage, Schwank, Fabel, Novelle, Anekdote und Scherzgeschichte zuzuordnen und viele sind für das kleine Kind ungeeignet. Daneben gibt es noch andere Sammlungen deutschsprachiger Märchen und viele weitere Sammlungen von anderen Völkern, die von hoher Qualität sind (vgl. Märchen der Weltliteraur, Eugen Diederichs Verlag). Uns werden aber vor allem die Märchen der Brüder Grimm beschäftigen und aus dieser Sammlung jene, die in der Wissenschaft als „Zaubermärchen“ bezeichnet werden. Zaubermärchen sind Volksmärchen, in denen das Wunderbare und der Zauber das Geschehen beherrschen. Sie sind nicht nur die populärsten, sondern auch die gehaltvollsten Märchen.
Um sich den großen Zusammenhängen, der Fülle an Volksmärchen weltweit nähern zu können, muss man weit ausholen. Der Märchenerzählstrom ist über die Jahrhunderte offensichtlich um die Welt gewandert, von Ost nach West und von West nach Ost von Nord nach Süd, und die Märchen wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie verbinden demnach die ganze Menschheit, sie sind ein weltumspannender Aspekt. Das Märchen erhält seine besondere Färbung und Prägung von dem Volk, das es erzählt, die Motive und Abläufe aber gleichen sich. Schon im alten Ägypten waren zum Beispiel eine Variante von Dornröschen in Umlauf und eine Variante des Märchens Die zwei Brüder (Altägyptische Märchen Nr. 5, Eugen Diederichs Verlag). Es gibt weltweit über 2500 Märchenmotive. Das Geheimnis des Märchens ruht aber nicht in den Motiven, die es verwendet, sondern in der Art, wie es sie verwendet. Das heißt in seiner Gestalt. In einem späteren Kapitel wird erklärt, was damit gemeint ist. (Max Lüthi: Das europäische Märchen, UTB Francke Verlag, 1985, S. 6)
Das Königreich: Das Königreich, von dem uns das Märchen erzählt, ist nicht von dieser Welt. Das Königreich ist wie eine Erinnerung an alte paradiesische Zeiten der Einheit, der Harmonie. Die Seele war nicht zerrissen und kannte noch nicht die Polarität eines Diesseits und Jenseits. Davon erzählen uns viele Mythen, auf die später noch eingegangen wird. Das Königreich im Märchen ist der Ort unserer Sehnsüchte. Wir sehnen uns nach Weisheit und Schönheit, wir sehnen uns nach der vollendeten Liebe, nach harmonischer Gemeinschaft. Wir sehnen uns, von unseren Schwächen erlöst zu werden. Wir sehnen uns nach einer gerechteren Welt, nach Freiheit.
Diese Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen trägt jeder Mensch in sich, ob er sich dessen bewusst wird oder nicht. Erlebbar wird dies vor allem bei Pubertierenden. In ihnen lebt der Wunsch, die Welt zum Besseren zu verändern, bis hin zur Verweigerung, sie zu nehmen, wie sie ist, und dem entsprechenden störrischen Verhalten. Wir können nicht mehr zurück in dieses Königreich, aber wir können es erneuern, also ein eigenes gründen, sagt uns das Märchen und zeigt uns den Weg zu uns selbst.
Es macht uns Mut und sorgt dafür, dass die Sehnsucht nach Vollendung genährt wird und wir nicht in Hoffnungslosigkeit versinken müssen. Vielleicht ist es überhaupt die eigentliche Aufgabe des Märchens, die Hoffnung auf eine bessere Welt und Erlösung nicht erlahmen zu lassen.
Die weibliche und männliche Figur: Gemeinsam ist den Helden und Heldinnen im Märchen, dass Mut neben den Herzenskräften ihre höchste Qualität ist. Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden, sagt Hermann Hesse und dieses Unmögliche zu versuchen ist die Herausforderung der Helden in vielen Märchen. Sie machen sich zu neuen Wegen auf und das erfordert Mut, ob im Märchen oder in der realen Welt. Aber nicht nur das, auch Tatkraft, Ausdauer, Fleiß, Vertrauen, Geduld und Gelassenheit sollen unsere Begleiter sein, wenn wir unser Ziel erreichen wollen (Beispiele: Aschenputtel, s.D., Der Königssohn der sich vor nichts fürchtet, Grimm 121). Die Gegenspieler des Helden scheitern und sind meist habgierig, egoistisch, verstandesbetont. Herzlos streben sie nach Macht und sind voll Neid und Eifersucht, was Zerstörung zur Folge hat. Beispiele dafür sind die Frau in Der Fischer und seine Frau, die Stiefmutter in Schneewittchen (s.D.) oder die Brüder des Dummlings in Die Bienenkönigin (Grimm 62), der König in Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (Grimm 29).
Im Mittelpunkt des Märchens steht also der Mensch mit seinen Fähigkeiten und seinem Versagen. Es beschreibt Seelenprozesse und erzählt uns nicht den Werdegang eines bestimmten Mannes oder einer bestimmten Frau. Die Geschlechterpolarität weist uns auf ein übergeordnetes Prinzip hin, auf die Urpolarität von Uranus und Gaia, die schöpferische und empfangende Potenz des Lebendigen, das Männliche-Weibliche, das jeder in sich trägt, unabhängig von seinem physischen Geschlecht. Der männliche Held wird mit der Entwicklung des Denkens, den geistigen Qualitäten (s.D. Das Eselein, Die goldene Gans, Hänsel und Gretel) in Verbindung gebracht, die weibliche Heldin mit der Entwicklung der Seele (s.D. Spindel, Weberschiffchen und Nadel, Aschenputtel). Der Wille, das Gefühl, die Sehnsucht nach Vereinigung treiben die Handlung voran. Am Ende sind dann häufig Denken, Fühlen und Wollen veredelt in einem neuen königlichen Schloss geeint.
Könige und Königssöhne, männliche Figuren:
