Erzähltextanalyse: - Meinhard Mair - E-Book

Erzähltextanalyse: E-Book

Meinhard Mair

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Beschreibung

Lehrende und Studierende, die einen Erzähltext analysieren wollen, finden in diesem umfassenden, systematischen, profunden und zugleich übersichtlichen Lehrbuch und Nachschlagewerk ein geeignetes und differenziertes terminologisches und methodisches Instrumentarium, um alle Fragen, die bei der Analyse eines Erzähltextes auftauchen, beantworten zu können. Ein Vorzug des vorliegenden Handbuches besteht darin, dass die erzähltheoretischen Modelle und Konzepte in verständliche und operative analytische Kategorien und Parameter umgesetzt und durch Tabellen, Matrizen und graphische Darstellung veranschaulicht werden, um die anspruchsvollen analytischen Raster besser fass- und memorierbar zu machen. In exemplarischen Musteranalysen wird die Leistungsfähigkeit der vorliegenden Erzähltextanalyse erprobt. Das Buch wendet sich nicht nur an Literaturwissenschaftler, sondern ist auch für Lehrkräfte und Schüler geeignet.

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Seitenzahl: 1235

Veröffentlichungsjahr: 2014

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Basiskonzepte
1. Der Inhalt des Erzähltextes
1.1 Konkrete Konstituenten des Inhalts
1.2. Abstrakte Konstituenten des Inhalts
1.3 Figurengestaltung
1.4 Figurenfunktion
1.5 Figurenkonstellation
1.6 Raumgestaltung
1.7 Zeitgestaltung
1.8 Objektgestaltung
1.9 Erzählte Welt
1.10 Erzähltextgenre
2. Der Erzähler im Erzähltext
2.1 Erzählinstanz
2.2 Funktion der Erzählinstanz
2.3 Erzählerposition
2.4 Erzählertyp
2.5 Erzählperspektive
2.6 Erzählsituation
2.7 Fokalisierung
2.8 Erzählverhalten
2.9 Stratifikationsmodell der Perspektive
2.10 Erzählhaltung
2.11 Kategorisierung des Erzählers
3. Die Form des Erzähltextes
3.1 Darbietungsformen des Erzählens
3.2 Darbietungsformen der Figurenrede
3.3 Erzählform
3.4 Figurendarstellung
3.5 Zeitangabe
3.6 Erzählart
3.7 Erzählverfahren
3.8 Erzählgeschwindigkeit
3.9 Erzählfrequenz
3.10 Raumsemantik
4. Der Stil des Erzähltextes
4.1 Stilschicht
4.2 Stilvariante
4.3 Stilprinzip
4.4 Stilart
4.5 Werkstil
4.6 Gruppenstil
4.7 Gattungsstil
4.8 Epochenstil
4.9 Epenvers
4.10 Epenstrophe
5. Der Aufbau des Erzähltextes
5.1 Handlungsfunktion
5.2 Handlungsmuster
5.3 Erzählschema
5.4 Handlungsstruktur
5.5 Handlungsschema
5.6 Erzählebene
5.7 Handlungsstrang
5.8 Handlungsverlauf
5.9 Perspektivenstruktur
5.10 Erzählstruktur
5.11 Analyse des Erzählbeginns und des Erzählschlusses
Literaturverzeichnis

Basiskonzepte

DieErzähltheorieist die Wissenschaft des fiktionalen oder literarischen Erzähltextes und seiner Strukturen im weitesten Sinn. DieNarratologie(manchmal Narrativik)ist die Wissenschaftvon der Allgegenwart der Erzählungals anthropologisch-kulturellesGrundmuster, um sichin der Welt oder im eigenen Lebenzu orientieren, fiktive Welten zu entwerfen oderSinnin der Geschichte und Existenzzu erzeugen. Der Gegenstand der Erzähltheorieist der (in der Regel) veröffentlichte, literarische Erzähltext im weitesten Sinn (vom Epos oder Roman über die Novelle und Verserzählung bis zur Kurzgeschichte oder Mikroprosa).Der Gegenstand der Narratologie ist jede Art von Erzählung, von denen der literarische Erzähltext nur eine Art unter anderen ist (faktualer Text, Historiographie, Bildgeschichte, Gedicht, Bühnenaufführung, Performance, Tanz, Ballett, Film, Videoclip, Computerspiel, Musik).DieklassischeErzähltheorie versteht sichmeistalsstrukturalistischeund manchmal als protonarratologischeTheorie, die das Was und WiederliterarischenErzählprosa(Romantheorie, Erzählforschung)untersucht und diese systematisch erfassen und beschreiben möchte. DieneoklassischeErzähltheoriepräzisiert,differenziertund integriertdieanalytischen Kategorien und Parameter derklassischenErzähltheorie.Die postklassische Narratologie wendet sich im Zuge der kultur- und medienwissenschaftlichen Erweiterungen der Literaturwissenschaft kommunikations-, kognitions- und emotionstheoretischen Konzepten des Erzählens zu(narrative turn), weitet ihr Tätigkeitsfeld auf transgenerische und intermediale Modelle aus, entwickelt eine interdisziplinäre und hybride Methodologie und schafft sich ein historisierendes Selbstverständnis.Die Erzähltheorieund die Narratologie sinddie Grundlage dertendenziell restriktivenErzähltextanalyseund die Erzähltextanalyse istals eine Art angewandteErzähltheorie undNarratologiedie Voraussetzung für die Interpretation desliterarischenErzähltextes. Die vorliegendeanthologisch-kritischeDarstellung derauf denfiktionalen,literarischen Erzähltext beschränktenErzähltextanalyseversteht sich alsdidaktischePragmatisierung deranalytischen Kategorien und Parameter derklassischen, protonarratologischenundneoklassischenErzähltheorie,rezipiertaber auchjene Konzepte und Modelle der postklassischen Narratologie, die eine analytische Bereicherung darstellen;dieses Lehrbuch der Erzähltextanalyseist allen bereits verstorbenen und noch lebenden, bekannt gewordenen oder unbekannt gebliebenen Erzähltheoretikernund Narratologenaller Zeiten und aller Länder in Anerkennung ihrer herausragenden wissenschaftlichen Leistungen gewidmet.

Voraussetzungen der Erzähltextanalyse

klassischeundneoklassischeErzähltheorie

postklassische Narratologie

Die Erzähltextanalyseist die Untersuchung von Erzähltexten anhand von unterschiedlichen analytischen Kategorien. In Erzähltexten lassen sichnach demZwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalysedie Ebene des Dargestellten (Was der Darstellung) und die Ebene der Darstellung (Wie der Darstellung) voneinander unterscheiden. Demgemäß kann die Erzähltextanalyse in zwei große Teilbereiche eingeteilt werden: die Analyse des Was der Darstellung und die Analyse des Wie der Darstellung. Die Analyse des Was der Darstellung betrifft die Analyse der erzählten Welt im Erzähltext und die Analyse des Wie der Darstellung betrifft die Analyse der Strukturen im Erzähltext. Die Analyseder erzählten Welt ist die Analysedes ErzähltenoderDargestellten (Was der Darstellung).Die Geschichteoder Handlungbeinhaltet das Was und Warumder Darstellungoder des Erzählensund ereignet sichoderspielt in einererzähltenWelt, die durch den Erzähltext erzeugt wird.Die Geschichte als Was des Erzählens besteht aus den Elementen der erzählten Welt, der Figuren und der Handlung, die zusammen den Gegenstand des Erzählens ausmachen. Im allgemeinen Verständnis von Handlung als dem, wovon ein Erzähltext handelt, entspricht der Begriff Handlung dem Begriff Geschichte. Im Gegensatz dazu ist die Analyseder Strukturen des Erzähltextes die Analysedes ErzählensoderderArt derDarstellungder erzählten Welt, der Geschichte oder Handlung(Wie der Darstellung). Im Erzähltext erzählt ein Erzähler eine Geschichte innerhalb einer erzählten Welt oder stellt eine Erzählstimme eine Geschichte innerhalb einer dargestellten Welt dar.Der Diskurs als Wie des Erzählens bezeichnet dieästhetischeRealisierung des Was des Erzählens.Die Analyse des Wie der Darstellung untersucht dieMittelbarkeit des Erzählens und dieVermittlung der Geschichteals relativierende Veräußerlichung des Inhalts.

Zwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalyse

Erzähltextanalyse

Was der Darstellung: erzählte Welt

Wie der Darstellung: Strukturen

Die erzählte Welt in Erzähltexten ist der Inhalt einer Erzählung. Die Analyse der Strukturen von Erzähltexten kannnach demerweiterten Zwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalysein vier große Teilbereiche eingeteilt werden: Analyse des Erzählers und der Perspektive, Analyseder Darbietungsformen oderdes Modus, Analyse der Sprache oder des Stils und Analyse des Aufbaus,der Komposition oderder Strukturdes Erzähltextes. Der Erzähldiskurs ist die vermittelnde Darstellung einer erzählten Welt mit ihren Figuren und deren Geschichte (= dasErzählte, dasDargestellte).

Erweitertes Zwei-Ebenen-Modell derErzähltextanalyse

Erzähltextanalyse

Was der Darstellung

erzählte Welt

Inhalt

Wie der Darstellung

Strukturen

Erzähler

Form

Stil

Aufbau

Die Analyse des Inhalts von Erzähltexten kann in zwei große Bereiche eingeteilt werden: die Analyse der konkreten, anschaulichen Kategorienoder Konstituentendes Inhalts und der abstrakten, konzeptionellen Kategorienoder Konstituentendes Inhalts. DiekonkretenKonstituentendes Inhaltswerden durch die sinnliche Wahrnehmung aufgenommen, dieabstraktenKonstituenten des Inhaltsdurch die kognitive Interpretation der anschaulichen inhaltlichen Bestandteile und Elemente.

Inhalt

konkrete Konstituenten

abstrakte Konstituenten

Die Analyse der konkreten, sinnlich wahrnehmbaren und anschaulichen Konstituenten des Inhalts wird in zwei analytische Kategorien unterteilt: die statischen Konstituenten und dynamischen Konstituenten des Inhaltsdes Erzähltextes.

Konkrete Konstituenten

statisch

dynamisch

Diestatischen Konstituentendes InhaltsdesErzähltextes sind die Figuren, der Raum und die Objekte.Die Figur ist eine tendenziell statische und manchmal dynamische Konstituente.

Statische Konstituenten

Figur

Raum

Objekt

DiedynamischenKonstituentendes InhaltsdesErzähltextessind die Zeit unddie Geschichteoderdie Handlung des Erzähltextes.

Dynamische Konstituenten

Zeit

Geschichte oder Handlung

Die Analyse der abstrakten, interpretatorisch ableitbaren und konzeptionellen Konstituentendes Inhalts desErzähltextes wird ebenfalls in zwei analytische Kategorien unterteilt: die innertextlichen und außertextlichen Konstituenten des Inhaltsdes Erzähltextes.

Abstrakte Konstituenten

innertextlich

außertextlich

Dieinnertextlichen KonstituentendesInhaltsdesErzähltextesbestehen aus dem Stoff, den Motiven, dem Thema und der These, der Botschaftoder der Moral der Geschichte oder Handlung.

Innertextliche Konstituenten

Stoff

Motiv

Thema

These

DieaußertextlicheKonstituentedes InhaltsdesErzähltextes ist die außerliterarische Intention des Erzähltextes.

Außertextliche Konstituente

Intention

Die erzählte Welt oder der Inhalt eines Erzähltextes besteht also aus den konkret-statischen Konstituenten (Figuren, Raum und Objekte), aus den konkret-dynamischen Konstituenten (Zeit,Geschichte oder Handlung), aus den abstrakt-innertextlichen Konstituenten (Stoff, Motiv, Thema und These) und aus derabstrakt-außertextlichen Konstituente(Intention).

KonstituentendesInhalts

Konkret

statisch

Figur

Raum

Objekt

dynamisch

Zeit

Handlung

Abstrakt

innertextlich

Stoff

Motiv

Thema

These

außertextlich

Intention

Die Strukturierungen der dynamischen und statischen Konstituenten des Inhalts eines Erzähltextes erfolgen durchdie Erzählung, die Narration oderdenErzähldiskurs. Der Erzähldiskurs beinhaltet als Begriff die konkreten und abstrakten Konstituenten, meint aber gleichzeitig die Umsetzung der konkreten und abstrakten Konstituenten des Inhalts eines Erzähltextes durch die strukturellen Instanzen des Erzählers und seiner Perspektive,der Form, des Stils und des Aufbaus. Der Erzähler generiert einefokale, die Form einemodale, der Stil eine sprachlicheundder Aufbau eine kompositorischeStrukturierung. Der Erzähler kann die erzählte Welt oder den Inhalt des Erzähldiskurses z. B. aus seiner Erzählerperspektive (auktorial-aperspektivisch) oder aus einer Figurenperspektive (personal-perspektivisch) erzählen. Die Form derDarbietungder Figuren kann z. B. eine direkte oder indirekte, der Räume eine mimetische oder symbolisch-allegorischeund der Objekte eine funktionale oder ornamentale sein. Der Darstellungsstil der erzählten Welt im Erzähldiskurs kann z. B. ein knapper, elliptischer und verdichteter oder ein breiter, repetitiver und abwechslungsreicher sein. DerstrukturelleAufbau der Geschichte oder Handlung im Erzähldiskurs kann z. B. ein linear-tektonischer oder ein nichtlinear-atektonischer sein.

Strukturen

Erzähler

auktorial

personal

Darbietungsformen

direkt

indirekt

Stil

knapp

breit

Aufbau

tektonisch

atektonisch

Die folgende Tabelle gibt eine grobe Übersicht über einige wichtige analytische Kategorien imerweitertenZwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalyse: Analyse der Ebene des Dargestellten (z. B. Figurengestaltung) und Analyse der Ebene der Darstellung (z. B.Erzählperspektiven,Darbietungsformen des Erzählens,Stilprinzipien undHandlungsverläufedes Erzähltextes).

Erzähltextanalyse

Was der Darstellung(erzählte Welt)

z. B. Figurengestaltung

Wie der Darstellung(Strukturen)

z. B. Erzählperspektiven

z. B. Darbietungsformen des Erzählens

z. B. Stilprinzipien

z. B.Handlungsverläufe

EinalternativeserweitertesZwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalysein elaborierter Versionmit ausgestalteter Diskursebenedifferenziert die Analyse des Erzähltextes in die Analyse der Geschichte (story) und in die Analyse des Erzähldiskurses (discourse), die Analyse der Geschichte in die Analyse der Handlung (events) und in die Analyse der statischen Konstituenten (existents) und die Analyse des Erzähldiskurses in die Analyse der Struktur der Umsetzung des Erzähldiskurses (structure) und in die Analyse des Mediums der Umsetzung des Erzähldiskurses (manifestation), die Analyse der Handlung in die Analyse der gezielten Handlungen (actions) und die Analyse der Geschehnisse (happenings), die Analyse der statischen Konstituenten in die Analyse der Figuren (characters) und in die Analyse des Raums (settings), die Analyse der Struktur der Umsetzung des Erzähldiskurses in die Analyse der Reihenfolge (Ordnung), Erzähldauer (Dauer), Erzählhäufigkeit (Frequenz), Charakterisierung (Figurendarstellung), Erzählinstanz (Erzähler), Erzählmodus (Erzählweise) und Erzählsprache (Stil) und die Analysedes Mediums der Umsetzung des Erzähldiskurses in die Analyse der textuellen Medien (z. B. Erzähltext) und in die Analyse der nichttextuellen Medien (z. B. Film). Die Hauptschwäche des Zwei-Ebenen-Modells der Erzähltextanalyse in elaborierter Version liegt, nebender Nichtberücksichtigung der Analyse der Objekte undeinigen kleineren Inkongruenzen wie der Analyse nichttextueller Präsentationenvon Erzählungen im Rahmen einer Erzähltextanalyse, in der Überstrapazierung des Strukturbegriffs, der inhaltliche (Charakterisierung),fokal-perspektivische (Erzählinstanz),stilistische (Erzählsprache) und unverhältnismäßig vieledarstellungsformal-temporale(Erzählreihenfolge, Erzähldauer, Erzählhäufigkeit) Analysekategorien subsumiert, ohne strukturelle Kategorien im engen Sinn (z. B.Handlungsmuster, Handlungsstruktur, Erzählebene, Handlungsstrang, Handlungsverlauf) zu beinhalten.Außerdem liegt im Ausbau des Zwei-Ebenen-Modells der Erzähltextanalyse in elaborierter Version zu einemVielebenenmodell der Erzähltextanalyse(Ereignisse, Geschehen, Geschichte, Handlungsschema, Tiefendiskurs, Oberflächendiskurs) die Verwechslung der Erzähltextanalyse in ihrer Gesamtheit (elaboriertesZwei-Ebenen-Modellder Erzähltextanalyse) mit der Analyse der inhaltlich-narrativen Textkonstituierung als Teilaspekt oder Einzelkategorie der Erzähltextanalyse, namentlich der Geschichte(Vielebenenmodellder Erzähltextkonstituierung) zugrunde.

Zwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalyse in elaborierter Version

Geschichte

Handlung

gezielte Handlungen

Geschehnisse

statische Konstituenten

Figuren

Raum

Erzähldiskurs

Struktur der Umsetzung

Erzählreihenfolge

Erzähldauer

Erzählhäufigkeit

Charakterisierung

Erzählinstanz

Erzählmodus

Erzählsprache

Medium der Umsetzung

textuelles Medium (z. B. Buch)

nichttextuelle Medien (z. B. Film)

Letztlich kann die Inhaltsangabe der vorliegenden Darstellung der Erzähltextanalyse als sehr stark erweitertesoder sehr stark elaboriertesZwei-Ebenen-Modell oder besser gesagtFünf-Ebenen-Modell der Erzähltextanalysemit jeweils ca. zehn analytischen Kategorien pro Ebene und jeweils einernicht nachgeprüftenAnzahl von mehrerenbis vielenParametern pro analytischer Kategorie betrachtet werden, was ein sehr detailliertes analytisches Raster ergibt.In der folgenden Tabelle werden nur die fünf Ebenen und nicht dieüber50 Analysekategorien(siehe Inhaltsverzeichnis)und ungezählten analytischen Parameter(siehe die einzelnen Kapitel)genannt.

Fünf-Ebenen-Modell der Erzähltextanalyse

Erzähltextanalyse

Analyse des Inhalts

Analyse des Erzählers

Analyse derDarbietungsformen

Analyse des Stils

Analyse des Aufbaus

Der Erzähltext kannsemiotisch,produktionsästhetisch, sprachlogisch, erkenntnistheoretisch,gattungstheoretisch oder pragmatisch definiert werden. DiesemiotischeDefinitiondes Erzähltextesbesteht darin, dass der Erzähltext ein fiktionaler Text ist, der einen fiktiven Inhalt darstellt.Erzähltexte sindin Hinblickauf die Ebene der Darstellung fiktionale Texte undin Hinblickauf die Ebene des Dargestellten fiktive Texte. Der Akt der Darstellung im Erzähldiskurs ist fiktional. Der Inhalt der Darstellung im Erzähltext ist fiktiv.Der Erzähltext ist die symbolische Repräsentation durch symbolische Sprachzeichen von imaginär innerhalb des symbolischen Sprachsystems existenten Geschehnissen, Figuren, Objekten und Räumen.Unter Zuhilfenahme des semiotischen Dreiecks zur Beschreibung der Zeichen handelt es sich beim Erzähltext um ein Zeichen mit Zeicheninhalt ohne Referent. Anders ausgedrückt ist der Erzähltext ein Zeichen, dessen Referent mit seinem Zeicheninhalt zusammenfällt. Erzähltexte sind semiotischselbstreferenziell.Auf der Ebene der Darstellung ist der Erzähltext ein Sprechen, als ob ein Sprecher über bestimmte, real existierende Personen, Objekte und Sachverhalte spricht, aber dieses Sprechen ist nichtaffirmativgemeint, auch wenn es behauptend ist.Ein literarischer Erzähler behauptet fiktive und nicht faktuale Sachverhalte,der Erzähltext ist eine Behauptung mit behauptender, aber nicht affirmativer Kraft. Die fiktionale Darstellung besteht darin, dass fiktive und nicht faktuale Inhalte behauptet werden. Auf der Ebene des Dargestellten ist der Erzähltext ein einzelner erfundener Sachverhalt oder die Zusammenfügung solcher Sachverhalte zu einer erfundenen Geschichte.Der Erzähltext weist nichtprimärauf außerliterarische Fakten als bestehend hin; in Erzähltexten sind die Figuren und ihre erzählte Welt fiktivodererdichtet. Weil der fiktionale Erzähltext nicht den Anspruch erhebt, eine Referenz außerhalb des Textes zu haben, kann die Referenz des im Erzähltext Dargestellten nicht überprüftoderverifiziert werden; deshalb ist das im Erzähltext Dargestellte fiktiv. Der fiktionale Erzähltext erhebt nicht den affirmativen Anspruch auf Faktualität oder Wahrheit außerhalb des Erzähltextes, sondern nur innerhalb des Erzähltextes. Erzähltexte behauptennicht, dass die behaupteten Sachverhalte in Wirklichkeit wahr sind, sondern behaupten nur, dass sie in der Fiktion wahr sind.Der Erzähltext ist nicht affirmativ, weil er nichts im engen wirklichkeitsabbildendenoderwahrheitsschaffenden Sinn behaupten will undim engen Sinn weder wahr noch falsch, weil er sichnicht im strengen Sinn auf eineaußersprachliche Wirklichkeit bezieht. Diese Einheit desfiktionalenModus der Darstellung und des fiktivenModus desDargestellten ergibt die Fiktion des Erzähltextes.Die Appellfunktion von Erzähltexten hingegen kann über die Text-Fiktion hinausreichen. Ein Beispiel wäre die Fabel: Wenn eine politische Kritik oder sogar Veränderung beabsichtigt ist, weist der Text auf außertextliche Realitäten hin und hat somit als Ganzes Zeichenfunktion. Der Erzähltext hat dann auch semiotische Funktion in Bezug auf außertextliche Realitäten.

Semiotische Definition des Erzähltextes

Fiktion

fiktiv

DiekultursemiotischeDefinitiondes Erzähltextesbetrachtet kulturelle und künstlerische Produkte (literarhistorische Epochen, epochenspezifische Werkgruppen, literarische Gattungen wie z. B. Erzähltexte, Sachtexte, Filme, Gemälde, Bauwerke) als sogenannte sekundäre modellbildende semiotische Systeme, die der Verständigung über Werte- und Normensysteme dienen; sekundär bedeutet, dass diese Systemeauf der Basis dernatürlichenverbalenSprachenparadigmatisch undvor allemsyntagmatisch strukturiert sind, modellbildend bedeutet, dasssie eine vollständige literarische Realität konstruieren undihreBedeutungverallgemeinerungsfähig ist, und semiotisch bedeutet, dass sie spezielle zeichenhafte Äußerungen über eine spezifische Sicht der Welt darstellen. Systeme bestehen für den Strukturalismus aus einfachen oder komplexen Elementen, den vielschichtigen Relationen zwischen den Elementen und der taxonomischen Gesamtstruktur der Relationen.

Systemische Merkmale des Erzähltextes

sekundär-syntagmatisch

modellbildend-verallgemeinerungsfähig

semiotisch-zeichenhaft

Dieproduktionsästhetische Definitiondes Erzähltextes, die eine wirkungsästhetische Definition impliziert,beruht auf derWirklichkeitsillusion,dem Wirklichkeitseffektoder dem Realitätseffekt, die der Erzähltexthervorrufen undsteuern kann.Der Realitätseffekt wird durch die Menge an handlungslogisch und handlungsfunktional irrelevanten deskriptiven Details hervorgerufen, die die erzählte Welt durch die Fülle und Dichte der Informationen naturalisieren und dem Leser so den Eindruck einer realen Welt vermitteln.Die Mimesisillusion oder der Mimesiseffektdes Erzähltextes beruht auf derdurch die Direktheit und Menge der Informationen induziertenstrukturellenSimilarität,strukturellenAnalogieoderStrukturhomologie des Fiktiven mit dem Realen.Der Mimesiseffektoder Realitätseffektwird im Erzähltext durch die diegetische Quantität, Präzision und Detailkontingenz, durch die quasi-mimetische,darstellendeWiedergabe derin die Erzählung eingebettetenäußeren und innerenFigurenrede und durch das Zurücktreten des Erzählers oder die Abwesenheit der narrativen Instanz produziert. Vor allem die hohe Menge der narrativen Informationeninausführlichen, detaillierten, präzisenBeschreibungender erzählten WeltundFigurendarstellungen,diezitierende Rede- und Bewusstseinswiedergabe und die Absenz von Erzählereinmischungengenerieren den(diegetischen und quasi-mimetischen)Mimesiseffekt des Erzähltextes.Die detaillierte Beschreibung von Figuren, Räumen und Objekten, die Anthropomorphisierung von Figuren,kalendarische Zeitangaben und reale oder realhistorische Lokalisierungen,der berichtete Ablauf von nichtsprachlichen Ereignissen und Figurenhandlungen in einem raumzeitlichen Kontinuum,die kausale Motivierung von Ereignissen und die psychologischeMotivation von Figurenhandlungen,diezitierendeWiedergabe deräußerenFigurenrede,die Fähigkeit derdirektenIntrospektion in das Figurenbewusstsein,der kolloquiale Auktorialstil des Ich-Erzählersund die Handlungsfunktionalität von Objekten verführen das Gehirn des Lesers, das Innen mit dem Außen zu identifizieren.Die Identifikation des Fiktiven mit etwas Realemdurch den Leserberuht auf der neurologischen Erkenntnis, dass das Gehirn letztlich nicht zwischen außen und innen, zwischen Wirklichkeit und Fiktionunterscheiden kann.

Produktions-ästhetischeDefinition

diegetischeQuantität der narrativen Information

mimetische Detailkontingenz der narrativen Information

quasi-mimetische Formen der Rede- und Bewusstseinswiedergabe

Diesprachlogische Definitiondes Erzähltextesberuht aufdrei Hauptparametern, die den Erzähltext von anderen Arten der Erzählung unterscheidet: das epische Präteritum,die figurenintrinsische Deixisund die unmotivierte Innensicht der Figuren. Nach der sprachlogischen Definition vereint der Erzähltext die Zeitlosigkeit des Präteritums mit der figurenbezogenen temporalen und lokalen Deixisund mit figuralen Tempusabstufungen(z. B. Morgen fand das Duell statt). Zudemzeichnet sich der Erzähltextdurcheine relative Dominanz der Verben des Wahrnehmens, des Denkens und Empfindensaus, was damit zu tun hat, dass der Erzähltext die einzige Textform ist, in der die nicht begründete, nicht belegte, nicht bewieseneDarstellungoderWiedergabe der Gedanken und des Bewusstseinsdritter Personendurch die Innensicht oder Introspektionmöglich ist.Die sprachlogische Definition negiert jedoch die Präsenz einer vermittelnden Erzählerstimme im Erzähltext, da in kommunikationstheoretischer Hinsicht der implizite Erzählerals Allegorie der Erzählfunktion des realen Autors verstanden und deshalbmit dem realen Autor gleichgesetzt oder identifiziert wird.

SprachlogischeDefinitiondes Erzähltextes

Atemporalität des epischen Präteritums

figurenintrinsische Deixis

figurale Zeitabstufungen

relative Dominanz der Verben der inneren Vorgänge

beleglose Wiedergabe des Bewusstseins dritter Personen

Erzähler ist Allegorie der Erzählfunktion des Autors

DieerkenntnistheoretischeDefinitiondes Erzähltextesberuht auf einem Parameter: die unabdingbare Existenz und erkenntnistheoretische Bedeutsamkeit einer Vermittlungsinstanz zwischen der dargestelltenodererzählten Welt und dem Leser in einem Erzähltext. Das Wesensmerkmal der epischen Gattung ist die Präsenz eines Erzählers im Erzähltextoderdie Vermittlung des Geschehens. Wirklich im epischen Sinn ist nicht der erzählte Vorgang, sondern das Erzählen selbst. Glaubhaft erscheinen dem Leser primär nicht die erzählten Dinge, sondern der Erzähler selbstoderseine Existenz. Die erzählten Dinge erscheinen lediglich als das, als was sie der Erzähler erscheinen lassen will.

Erkenntnistheoretische Definition des Erzähltextes

Erzählen ist die Vermittlung eines Geschehens durch einen Erzähler

DieliteraturtheoretischeodergattungstheoretischeDefinitiondes Erzähltexteserweitertdieerkenntnistheoretische Definition undsynthetisiert diezweiKategorien, die die Erzähltexte von anderenmedialen Erscheinungsformen der Erzählung und von anderenliterarischen Gattungen unterscheiden. Diese beidenKategoriensind dieerkenntnistheoretischeMittelbarkeitoder der Erzählerund die Veränderungoder die Geschichte.Deshalb kann auch von einer klassisch-strukturalistischen Definition gesprochen werden.

Basiskonzepte der gattungstheoretischeDefinitiondes Erzähltextes

Mittelbarkeit

Veränderung

DieKategorieMittelbarkeitbesteht in der Vermittlung des Textinhaltes durch eine Erzählinstanz,die als Erzählmedium nicht in Erscheinung trittoder als Erzählsubjekt, Erzählperson oder Erzählfigur in Erscheinung treten kann.DieKategorieVeränderungbesteht selbst wieder aus drei Parametern. Die drei Parameter der Veränderung sind die temporale Verbindung zwischen einem AusgangszustandodereinerAusgangssituation und einem Endzustandodereiner Endsituation,die Identität des handelnden oder erleidenden Subjekts, des Agens oder Patiens am Anfang und Ende der Veränderung undeine minimale Äquivalenz zwischen Ausgangssituation und Endsituation.

Parameter der Veränderung

Temporalität

Subjektidentität

Äquivalenz

Demnach ist der Erzähltext in der synthetischen klassisch-strukturalistischen Definition durch die implizierte oder explizierte Darstellung oder Präsentation mindestens einer inneren oder äußeren, irgendwie motivierten Zustandsveränderung als passives Vorkommnis eines oder mehrerer Patienten oder als aktive Handlung eines oder mehrerer Agenten in einer gegebenen temporalen Struktur durch eine narrative Vermittlungsinstanz im verbalen Medium.

GattungstheoretischeDefinition des Erzähltextes

implizite oder explizite Präsentation

mindestens eine innere oder äußere Zustandsveränderung

Vorkommnis oder Handlung

Motivierung

temporale Struktur

verbales Medium

MithilfederbeidenBasiskonzepte Mittelbarkeit und Veränderungkönnenalle dreiliterarischen Gattungen differenziert bzw. definiertwerden.Das Vorhandensein oder Fehlendieser Parameter in einem Text konstituieren ein differenzierendes Paradigma der dreiidealtypischenliterarischen Gattungen:Epik, Dramatik, Lyrik.Es gibt Textemit Mittelbarkeit und Veränderung, Texte ohne Mittelbarkeit, aber mit Veränderung und Texte ohne Mittelbarkeit und ohne Veränderung.Literarische Texte mit einervermittelnden Erzählinstanzund einerdargestelltenVeränderung oderGeschichtebilden dieepischeGattung,literarischeTexte ohneeinen vermittelnden Erzählerund mit einerdargestellten Geschichtebilden diedramatischeGattung undliterarischeTexte ohne einen vermittelnden Erzähler und ohne eine dargestellte Geschichtebilden dielyrischeGattung.

Veränderung/Geschichte

Mittelbarkeit/Erzähler

Epik

mit Geschichte

mit Erzähler

Drama

mit Geschichte

ohne Erzähler

Lyrik

ohne Geschichte

ohne Erzähler

Texte mit einerimpliziertenErzählstimmeodereinemexplizierten Erzähler als Vermittlungsinstanz, die eine Veränderung beinhalten, erzählen oder darstellen,sind erzählende oder diegetische Texte.Auchdialogischeoder monologischePassagensind in Erzähltexten durch eine Erzähl- oder Erzählerstimme vermittelt. Erzähltexte müssen narrativ einstimmig sein, können aber narrativ oder figural mehrredig sein. Erzähltextekönnen demnach narrativ einstimmig und narrativ ein- oder mehrredig, narrativ einstimmig und figural ein- oder mehrredig und schließlich narrativ einstimmig und narrativ-figural gemischt ein- oder mehrredig sein.Dialogische oder monologische Texte ohne Vermittlung durch einen Erzähler, aber mit einer oder mehreren Rollen- oder Personenstimmen, die eine Veränderung darstellen,sind mimetische TexteoderDramen, Schauspiele und Theaterstücke.Dialogische oder monologische Textebzw. Dramen, die für die Aufführung durch Schauspieler auf einer Bühne für einZuschauerpublikum gedacht sind,und lyrische Texte oder Gedichtekönnenaucherzählende Passagen im Rollen- oder Personentext enthalten: Man spricht dann vonInterferenzzwischen den literarischen Gattungen.Rollendialogische und rollenmonologische Theatertexte unterscheiden sich von figurendialogischen und figurenmonologischen Erzähltexten durch die Präsenz einer irgendwo im Text(selbst)explizierten oder zumindest indizierten Präsenzeiner vermittelnden Stimme einer Erzählinstanz; fehlt selbst eine textinterne Indizierung der Mittelbarkeit, unterscheiden sichdialogische und monologische Texte durch eine Angabe der literarischen Form im Peritext.Texte ohne erzählend-vermittelnde Stimme, aber mit einer einzigen Figurenstimme, die zwar keine Veränderungberichtet oder szenisch darstellt,aber beschreibt, charakterisiert, kommentiert oder reflektiert, sind lyrische TexteoderGedichte.Figurenmonologische Gedichte unterscheiden sich von rollenmonologischen Theatertexten durchdas Fehlenoderdas Vorhandenseinder Rollenbezeichnung und von figurenmonologischen Erzähltexten durchdas Fehlenoderdas Vorhandenseineiner vermittelten Veränderung.Figurendialogische Gedichte (Rollengedichte)werden häufig als literarische, narrativ-lyrische Mischform betrachtet, ebenso wie Erzählgedichte, Romanzen und Balladen, können aber problemlos mithilfe der analytischen Kategorien der Erzähltextanalyse untersucht werden.

Interferenzenzwischen denliterarischen Gattungen

Figurenrede im Erzähltext

ErzählerredeimDrama

Erzählerrede und Figurenrede im Gedicht

Neuere theoretische Entwürfe derNarratologiewie die Theorie der möglichen Welten und diekognitiv-natürlichkeitstheoretische Narratologie erweitern die erkenntnistheoretischen und gattungstheoretischen Kriterien zurpostklassischenkognitiv-natürlichkeitstheoretischenDefinitionvon Erzählung. Von einemkognitiv-natürlichkeitstheoretischen Ansatz wird deshalb gesprochen, weil es für dieNarratologendieses Modells in Erzählungen nicht vorrangig um Ereignisketten geht, sondern um fiktive Welten, in denen die Figuren der Geschichte leben, handeln, denken und fühlen, und sich das Leben, Handeln, Denken und Fühlen einer literarischen fiktiven Figur in einer fiktiven Welt aus kognitionstheoretischer Perspektive automatisch als Existenzbedingungeneiner menschlichenPersonin einer realen Welt darstellen. Demgemäß ist das wichtigsteKriterium für das, was Erzählung ausmacht, die Notwendigkeit, menschliche oder menschenähnliche Protagonisten in den Mittelpunkt zu stellen. Auch wenn nicht alle Erzählungen die Gedankenwelt der Figuren in den Mittelpunkt stellen, so ist die Darstellung der Innenwelt von fiktiven Figuren für die fiktionale Erzählung charakteristisch.Außerdem enthalten Erzählungen, wie es typisch für sie ist,Ereignisketten in Berichtform. Ein letztes Kriterium dafür, was eine Erzählung ist und was nicht, ergibt sich durch die zeitliche und örtliche Verankerung oder Fixierung der Protagonisten und des narrativen Geschehens. Die Kriterien zusammenfassend,wird Erzählung imkognitiv-natürlichkeitstheoretischenModell wie folgtdefiniert:Die Erzählung isteine Darstellung in einem sprachlichen und/oder visuellen Medium, in deren Zentrum eine oder mehrere Figuren anthropomorpher Prägung stehen, die in zeitlicher und räumlicher Hinsicht existenziell verankert sind und (zumeist) zielgerichtete Handlungen ausführen. Wenn es sich um eine Erzählung im herkömmlichen Sinn handelt, fungiert einErzähler als Vermittler im verbalen Medium der Darstellung. Neben sprachlichen oder verbalenErzählungen (Erzähltext) gibt es auch verbale audio-visuelle Erzählungen (Drama,Film, Cartoon), rein audio-visuelle Erzählungen (Bildgeschichte, Stummfilm), reinvisuelle Erzählungen (Gemälde,Ballett, Pantomime), rein akustische Erzählungen (Musik) und viele Mischformen (z. B. Erzähltext mit konstitutiven Zeichnungen, Fotos, Illustrationen).In der postklassischen,kognitiv-natürlichkeitstheoretischenNarratologie wird der Begriff Erzählungdeshalbimmer mehr durchdiesystemischenKonzepteErzählbarkeit undNarrativitätausgeweitet.Narrativität ist der variable Erfolg von apparenter oder immanenter Erzählbarkeit eines Geschehens, wobeiErzählbarkeitdie variable, funktional-intentionale oderemergent-nichtintentionalePotenzialität von Narrativität darstellt.Die Erzählbarkeit eines Geschehens speist sichnicht einfach aus (historisch und kulturell bedingtem)erzählliterarischUnüblichem,ereignishaft Ungewöhnlichem, erlebnishaft Exemplarischem, emotional Signifikantem und evaluativ Relevantem, sondern auseinem abstrakten Verhältnis, das aufsehr unterschiedlichen kulturellenStereotypenund rezeptionsästhetischen Quellenberuht bzw. von ihnen bedingt ist: Das Verhältnis meint das Spannungsverhältnis zwischendem Universalen und dem Spezifischen,dem Allgemeinen und dem Besonderen,dem Gewöhnlichen und dem Außergewöhnlichen, dem Normalen und dem Abnormalen,dem Typischen unddemUntypischen,dem Erwartetenund dem Unerwarteten,der Konformität und der Devianz,der Regel und der Ausnahme, dem Bekannten und dem Unbekannten, dem Alten und dem Neuen,u. ä. m. Dieses Spannungsverhältnis führtzum Interesse,zurNeugier (Unwissenheit), zursuspense (Erwartung),undzurÜberraschung (Plötzlichkeit).Abstrakt ist das Spannungsverhältnis insofern, als es nicht reale Personen, sondern literarische fiktive Figuren betrifft, die der Leser nicht persönlich kennt, von deren Schicksal er nicht sozial betroffenistund deren Realität nicht mit den Projektionen des Lesers interferiert. Das Spannungsverhältnis kann explizit, semiexplizit/semiimplizit oder implizit sein, indem die beiden polaren Elemente des Spannungsverhältnisses expliziert, teilexpliziert/teilimpliziert oder impliziertwerden: Regel und Ausnahme können beide expliziert werden, die Regel kann expliziert und die Ausnahme kann impliziert, die Regel kann impliziert und die Ausnahme kann expliziert oder Regel und Ausnahme können beide impliziert werden.

Explizierung und Implizierung desSpannungsverhältnisses zwischen Regelund Ausnahme

explizierte Regel und Ausnahme

explizierte Regel, implizierte Ausnahme

implizierte Regel, explizierte Ausnahme

implizierte Regel und Ausnahme

Narrativitätist einegraduelle,skalar-intensionaleundsogarvariable(transgenerische und transmediale)Eigenschaft (Qualität, Prädikat)verbaler, verbal-visueller,nur visueller,nur auditiveroder gemischter Erzählungen im weitestmöglichen Sinn.Wahrscheinlich handelt sich bei der Narrativität nicht um eine werkintern-objektive und textorientierte, sondern um eine werkextern-subjektive und vor allem leserorientierte Eigenschaft eines Vorganges mit erzählendem Charakter: Erzähltext, mündliche Erzählung, Drama, Hypertext, Film, Videospiel, Oper, Graphic Novel, Cartoon, Comic-Strip, Gedicht, Puppenspiel, Schattenspiel, Ballett, Pantomime, symphonische Dichtung, etc.Die unterschiedlichenNarratologenberücksichtigen unterschiedlich viele und unterschiedliche Aspekte der Narrativität in unterschiedlicher Kombination und unterschiedlicherGraduierung; nebeninhaltlich-thematischen Aspekten (Stoff, Motiv, Thema,Ereignisfülle,Intention,Relevanz) werden mehr oder wenigerauchfokal-perspektivischeAspekte(Fiktionalität,Fokusierung bzw. Fokussierungauf den Erzähler unddieErzählerperspektive,Fokussierungauf die Figur unddieFigurenperspektive),modal-darstellungsformaleAspekte(Figurenkonzeption und Figurenkonstellation, Motivation, Interessen und Handlungszieleder Figuren), sprachlich-stilistischeAspekte(Stilschichten und Stilvarianten),kompositorisch-strukturelleAspekte(Sequenzialitätund Handlungsfortschritt, Motivierung,temporale, kausale, thematischeKohärenz, Spannungswechsel) und besonderskognitiveAspekte(Schemata) integriert.Narrativitätist ein vermitteltes Erlebnis: siewird vom Autor konstruiert bzw. produziert, vom Erzähler textuell transportiertund in einem Prozess der Zusprechung von Narrativität oder durchNarrativisierungvom Leser auf der Grundlage von kognitiven Schematarekonstruiert bzw. reproduziert (oder auch nicht). Schema ist ein aus der Kognitionspsychologie und Wissenspsychologie übernommenesund für die Erzähltheorie adaptiertes Konzept.Schemata(oderSkript,Modell, Muster, Szenario)sind dynamischementale Strukturen, dieabstraktes,kollektives und episodisches oder generisches, aber historisch und soziokulturellgebundenes oder spezifisch-typischesWissenaus dem Bereich der Realitätauf episodischer (Handybedienung), kategorialer (Verstrahlungsthematik), kulturell-einfacher (Hochzeit) und kulturell-komplexer (Menschenbilder) Ebeneim Gedächtnis repräsentieren und auf individuellenAlltagserfahrungen basieren oder aus Lernprozessen stammen.Neben einer Struktur(Wahrnehmungsschemata)verfügen Schemataauchüber eine ausgeprägte Prozesskomponente(Handlungsschemata).Schemata umfassen mentale Repräsentationen oder Konstruktionen von kollektiven und stereotypisierten Orten/Räumen, Umfeldern und Situationen, von Rollenfunktionen und Handlungsmustern an diesen Orten und in diesen Situationen, von Beiwerk und Requisiten an diesen Orten und in diesen Situationen, von Zugangs-, Aufenthalts- und Entlassungsbedingungen zu diesen Orten und in diesen Situationen und von anzustrebenden Zielen oder vorhersehbaren Ergebnissen an diesen Orten und in diesen Situationen.Schemata werden vom Leser in den jeweiligen Erzähltext mitgebracht, wobei vor allem die Verleiblichung des Erzählers und die Anthropomorphisierung der Figur alle Parameter eines realistischen Lebensschemas mit Situierung (der Erzählinstanz oder der Figur) in einen zeitlichen und räumlichen Rahmen evozieren. Häufig werden vier solche Lebensschemata unterschieden:dieFokussierungauf den persönlichen und leiblichen Erzähler evoziert dasBerichtschema,dieFokussierungauf dieerlebendeIntegrationsfigur der Geschichte oder Handlung evoziert dasErlebnisschema,dieFokussierungaufden beschreibenden Erzähler oderdie Reflektorfigurin der erlebten Rede und im Sicht-Bericht evoziert das Beobachterschema und dieFokussierungauf den räsonierenden Erzähler im Essayismus oder die Reflektorfigur im inneren Monolog oder im Bewusstseinsstrom evoziert dasReflexionsschema.

1.DerInhaltdes Erzähltextes

DieAnalysedes Inhalts von Erzählungenwirdin folgende Bereiche gegliedert: Elemente des Inhalts (aus welchenempirischenBausteinen besteht die Geschichte im Erzähltext?), Elemente der Handlung (aus welchenfunktionalenBausteinen besteht dieGeschichte?), Elemente des Gehalts (welche vor-,über- undaußerliterarischen Inhaltesind im Erzähltext vorhanden?),erzählte Welten (welche Artenvon Weltenwerden im Erzähltext dargestellt?)und Erzähltextgenres (welche Hauptgattungen von Erzähltexten gibt es?).

1.1Konkrete Konstituenten des Inhalts

Die Analyse der konkreten Konstituenten des Inhalts antwortet auf die Fragen: Weist die Geschichte eines Erzähltextes unterschiedliche Bestandteile auf? Weisen die unterschiedlichen Bestandteile der Geschichte unterschiedliche Merkmale auf und welche? Können die unterschiedlichen Merkmale der unterschiedlichen Bestandteile der Geschichte zu einigen wenigen Gruppen oder Arten der Bestandteile zusammengefasst werden und zu welchen? Weist die Handlung eines Erzähltextes unterschiedliche Elemente auf? Weisen die unterschiedlichen Elemente der Handlung unterschiedliche Grundfunktionen auf und welche? Können die unterschiedlichen Grundfunktionen der Handlungselemente zu einigen wenigen Gruppen oder Typen der Handlungselemente zusammengefasst werden und zu welchen?

Ein einfaches Modell der Analyse derBestandteilederGeschichteunterscheidet einerseits zwischen belebten und unbelebten, andererseits zwischen dynamischen und statischen Bestandteilen der Geschichte. Die Kombination der vier Unterscheidungsmerkmale liefert eine kleine Menge von analytischen Kategorien, mit denen die gesamte Menge der Bestandteile einer Geschichte differenziert und zugeordnet werden kann.Die unbelebt-dynamischen Bestandteile sind dieZuständeder Räume und Objekte der erzählten Welt, in der die Geschichte stattfindet. Die unbelebt-dynamischen Bestandteile sind die Geschehnisse undEreignisseder Geschichte.Die belebt-statischen Bestandteile sind dieEigenschaftender Figuren. Die belebt-dynamischen Bestandteile der Geschichte sind dieFigurenhandlungen.

BestandteilederGeschichte

unbelebt-statisch

Zustand, Raum, Objekt

unbelebt-dynamisch

Ereignis,Vorkommnis

belebt-statisch

Figureneigenschaften

belebt-dynamisch

Figurenhandlungen

Eine umfassende Analyse der Bestandteile der Geschichte ist aufgrund des analytischen und synthetischen Aufwands (nur) für kurze Erzähltexte oder für kürzere Abschnitte von langen Erzähltexten durchführbar. DieempirischeAnalyse der Bestandteileder Geschichteder Parabel „Gib’s auf“ von Franz Kafka liefert folgendes Ergebnis:

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer,

Zustand

ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich,

Handlung

dass es schon viel später war,

Ereignis

als ich geglaubt hatte,

Handlung

ich musste mich sehr beeilen,

Handlung

der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise

Eigenschaft

war ein Schutzmann in der Nähe,

Zustand

ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich,

Handlung

"da ich ihn selbst nicht finden kann."

Eigenschaft

"Gib’s auf, gib’s auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab,

Handlung

so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Eigenschaft

Der Informationswert der Analyse der Bestandteile einer Geschichte besteht darin, dass man begründen und belegen kann, welche Bestandteile in einem Text dominieren. Nach der Dominanz einesBestandteils der vier Bestandteileder Geschichte können vierinhaltsorientierteTypen der ErzähltexteoderErzähltexttypenunterschiedenwerden: handlungsorientierte Erzähltexte(Abenteuergeschichten, Märchen, historische Romane), eigenschaftsorientierte Erzähltexte(psychologische Novelle, Parabel, Bildungs- oder Künstlerroman), ereignisorientierte Erzähltexte(Darstellung eines Unwetters oder einer Naturkatastrophe, Großstadtroman) und zustandsorientierte Erzähltexte(Naturschilderung, Beschreibung von Räumen, Orten, Objektenund Figuren).

InhaltsorientierteErzähltexttypen

zustandsorientiert

eigenschaftsorientiert

ereignisorientiert

handlungsorientiert

Die Analyse der Bestandteile der Geschichte in der Parabel „Gib’s auf“ zeigt, dass die dominierenden Bestandteile die Figurenhandlungen und die Figureneigenschaften sind. Trotzdem würdemandiesen Text nicht dem Typ der handlungsorientierten Erzähltexte zuordnen, da die Eigenschaften des Erzählers und die Handlungen der Schutzmann-Figur die Handlungen des Ich-Erzählers behindernoderverhindern. Damit dominieren die (negativen und negierenden) Figureneigenschaften zwar nicht quantitativ über die Figurenhandlungen, aber qualitativ. Die Parabel „Gib’s auf“ gehört zum Typ der eigenschaftsorientierten (psychologischen) Erzähltexte; dieser Erzähltext stellt die charakterliche und mentale (nicht kognitive) Schwäche der antiheldisch konzipierten Ich-Figur bloß. Die Analyse der Bestandteile einer Geschichte kann hilfreich, aber nicht ausreichendfür die Zuordnung eines Erzähltextes zu Erzähltexttypen und für die Interpretation eines Erzähltextes sein.Deshalb unterscheidet dasModellderElemente der Handlungdie Bestandteileder Geschichtenicht nach ihren Merkmalen, sondern nach ihrer Bedeutung, Wichtigkeit oder Funktion innerhalb der Geschichte; die Funktion der Bestandteile der Geschichte generiert die Elemente der Handlung.Die (nur) beschreibenden und hintergrundbildenden Bestandteile und alle Figurenhandlungen, Ereignisse und Motive, die für das Verständnis und die Interpretation der Geschichte nicht notwendig sind, werdenInformationengenannt. Die echten charakterisierenden und darstellenden Bestandteile einer Geschichte und alle Ereignisse oder Motive, die für das Verständnis und die Interpretation der Geschichte notwendig oder wichtig sind, werdenIndizesgenannt. Die funktionalen Bestandteile einer Geschichte, die hingegen nur eine scheinbare handlungsgenerierende, handlungstreibende und handlungsschließende Funktion haben, werdenSatellitengenannt Diefunktionalen Bestandteile einer Geschichte, die eine echte handlungsgenerierende, handlungstreibende und handlungsschließende Funktion haben, werdenKernegenannt. Die handlungsorientiert wichtigen und interpretatorisch notwendigen Bestandteile einer Geschichte sind also die funktionalen Kerne und die Indizes. Die handlungsorientiert unwichtigen und interpretatorisch nicht notwendigen und insgesamt hintergrund- und illusionsbildenden Bestandteiledes Erzähldiskursessind die Satelliten und die Informationen (Beiwerk). Die Analyse der Herkunft und der Dynamik der Bestandteile einer Geschichte erlaubt es nur in geringem Grad, die dynamisch wichtigen von den dynamisch unwichtigen Figurenhandlungen und Ereignissenund die statisch wichtigen von den statisch unwichtigen Eigenschaften und Zuständen zu unterscheiden. Die Analyse und Kategorisierung der Elemente der Handlung nach ihrer (handlungsorientierten) Funktion und (interpretatorischen) Wichtigkeit erlaubt es hingegen, etwas leichter die Kernhandlung der äußeren Handlungennachzuvollziehen und die Bedeutung der inneren Handlung (z. B.Erkenntnis, Erkennung, Entwicklung, Läuterung) zu verstehen.

Typen der Handlungselemente

Information

hintergrundbildend; interpretatorisch nicht notwendig

Satellit

funktional zweitrangig; interpretatorisch nicht notwendig

Index

charakterisierend; interpretatorisch notwendig

Kern

funktional erstrangig; interpretatorisch notwendig

Die funktionale Analyse der Elemente der Handlung der Parabel „Gib’s auf“ von Franz Kafka liefert folgendes Ergebnis:

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer,

Information

ich ging zum Bahnhof.

Satellit

Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich,

Index

sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen,der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus

Kern

glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich,

Index

"da ich ihn selbst nicht finden kann.""Gib’s auf, gib’s auf", sagte er

Kern

und wandte sich mit einem großen Schwunge ab,

Satellit

so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Index

Die Kernhandlung der Parabel „Gib’s auf“ besteht darin, dass ein Ich-Erzähler, der Hilfe braucht, keine Hilfe bekommt. Die charakterisierenden Indizes ergeben das Bild einer ängstlichen, zerstreuten, erschreckten, unselbstständigen, unfähigen und hilfsbedürftigen Ich-Figur, die sich in ihrer Unsicherheit an eine Helfer-Figur wendet, die sich als antagonistische Figur herausstellt. Die Ich-Figur ist grundsätzlich hilfsbedürftig, versagt aber in ihrer grundlegenden Unfähigkeit, die Menschen einzuschätzen, sogar in der Suche nach Hilfe oder einer Helfer-Figur.

Die vielen unterschiedlichenEbenenmodelle der Erzähltextkonstituierungbewegen sich im Rahmen von ein, zwei bis maximal sechs Ebenen, wobei die meisten Ebenen-, Schichten-  oder Stratifikationsmodelle der Erzähltextkonstituierung sich jedoch auf drei bis vier konzeptionell homogene Ebenen beschränken. Bei den Ebenenmodellen der Konstituierung des Erzähltextes handelt es sich um abstrahierende oder abstrakte Modelle, die erlauben, die strukturelle Zweigeschichtetheit des literarischen Erzähltextes als eine produktive und kompositionelle Transformation der natürlichen Ordnung der erzählten Ereignisse in eine künstliche Ordnung der erzähldiskursiven Präsentation der Ereignisse zu beschreiben. Vor allem die Drei-Ebenen-Modelle verwenden unterschiedliche Begriffe für weitgehend ähnliche Konzepte, gleiche Begriffe für unterschiedliche Konzepte und sogar gleiche Begriffe für entgegengesetzte Konzepte und berücksichtigen darüber hinaus nicht die gleichen Konzepte. Auf eine genaue Darstellung der einzelnen Drei-Ebenen-Modelle wird hier verzichtet und es werden in reduktiver Weise – durch Nichtbeachtung des Motiv-, event- oder événement-Begriffs – nur jeweils zwei der in den Drei-Ebenen-Modellen verwendeten Begriffe in ihren (möglichst) ursprünglichen Bedeutungen wiedergegeben. Unterfabulawurde ursprünglich die (handlungsrelevante) Totalität der Motive als kleinste Komponenten der Geschichte/Handlung oder Handlungsbausteine (Geschehnisse, Ereignisse und Figurenhandlungen) eines Erzähltextes in ihrer allgemeinen temporalen und logisch-kausalen Verkettung verstanden, untersjužetdie Totalität derselben Motive (Geschehnisse, Ereignisse und Figurenhandlungen) in jener besonderen, eventuell temporal permutierten Abfolge und logisch-kausal emphatisierten Verknüpfung, wie sie dem Leser im Erzähltext linear-progressiv erzählt werden. Unterstorywurde ursprünglich die narrative Anordnung von Ereignissen in ihrer zeitlichen Sequenzierung verstanden, unterplotdie Emphatisierung des kausalen Zusammenhangs zwischen den zeitlich früheren Ereignissen als Ursachen der zeitlich späteren Ereignisse und den zeitlichen späteren Ereignissen als Wirkungen der zeitlich früheren Ereignisse. Unterhistoirewurde ursprünglich die Evozierung einer gewissen (fiktiven) Realität durch den Erzähltext bzw. im metaphorischen Sinne das Signifikat (Bezeichnetes oder Zeicheninhalt) und im eigentlichen Sinn der narrative Inhalt des Erzähltextes verstanden, unterdiscoursdie Art und Weise, wie der Erzähler die berichteten, erzählten und fokalisierten Ereignisse der (fiktiven) Realität des Erzähltextes mitteilt oder erkennbar werden lässt, unterrécitim metaphorischen Sinn das Signifikant (Bezeichnendes oder Zeichenausdruck) und im eigentlichen Sinn der narrative Text/Diskurs, die Erzählung als der ganze Text oder der Erzähltext selbst und unternarrationder produzierende narrative Akt oder der Erzählakt und, durch Übertragung oder Extension der Bedeutung, die gesamte (reale oder) fiktionale Situation, in dem der Akt des Erzählens erfolgt, im Sinn der (lokalen, temporalen, psychologischen und mentalen) Situiertheit des vom Erzähler produzierten Erzählaktes, wodurch narration im weitesten Sinn des im produzierenden Erzählakt Produzierte auch Erzähltext bedeutet und mit récit zusammenfällt. Schon aus diesen minimalen Umschreibungen der Begriffe in den Drei-Ebenen-Modellen wird ersichtlich, dass es sich nicht um analoge Konzepte handelt. Die Vier-Ebenen-Modelle der Konstituierung des Erzähltextes zeichnen sich im Unterschied zu den Drei-Ebenen-Modellen dadurch aus, dass sie unter Verwendung unterschiedlicher begrifflicher Bezeichnungen definitorisch tendenziell konvergieren. Zum histoire-récit-narration-Modell annähernd analoge Vier-Ebenen-Modelle verwenden unter Hinzufügung des mikrostrukturellen event/motivo/Ereignis-Konzepts die Begriffe story-text-narration, story-plot-discourse/narration, fabula-story-text, Fabel-Sujet-Text, acción-relato (oder representatión)-discurso narrativo-(narración) und Geschehen-Geschichte-Text der Geschichte. Das Vier-Ebenen-Modell Geschehen-Geschichte-Erzählung-Präsentation der Erzählung ist als Integrierung der in konzeptioneller Hinsicht teils etwas unterschiedlichen Vier-Ebenen-Modelle zu verstehen: Geschehen ist das implizite Rohmaterial des Erzähltextes; die Geschichte ist die aus dem Geschehen selegierte und zu einer natürlich-chronologischen Ordnung sequenzialisierte Teilmenge des Geschehens; die Erzählung ist das Ergebnis der künstlich geordneten Komposition der Geschichte; Präsentation der Erzählung bedeutet die besondere thematische, perspektivische, darstellungsformale, stilistische und strukturelle Gestaltung. Das derzeit am stärksten erweiterte kanonische Konstituierungsmodell des Erzähltextes ist dasSechs-Ebenen-Modell, das anscheinend auf dem Fünf-Ebenen-Modell motivo-fabula-modello narrativo-intreccio-discorso beruht: Unter dem what oder Was des Erzähltextes ist im ursprünglichen Sinn die Handlung als Gesamtheit der handlungsfunktionalen Elemente des Erzählten zu verstehen. Die Handlung kann in vier Ebenen der Konstituierung untergliedert werden: das Ereignis (Motiv) als elementare Handlungseinheit des Erzähltextes, das Geschehen als Chronologie der Ereignisse, die Geschichte als kausale Verknüpfung der Ereignisse und das Handlungsschema als abstrakt-globale, abgeschlossene und sinnhafte Struktur der Geschichte. Unter dem how oder Wie des Erzähltextes ist die Darstellung der Geschichte zu verstehen, bei der zwei Aspekte unterschieden werden können: die Erzählung als Gestaltung eines korrelierenden oder alternierenden Erzählrhythmus bzw. einer konstanten oder variablen Erzählgeschwindigkeit und als zeitliche Umgruppierung der Ereignisse durch Rückwendungen und Vorausdeutungen im Erzähltext und das Erzählen als Präsentation der Geschichte und als mediale (z. B. rein sprachliche oder audio-visuelle) und fokal-perspektivische (z. B. Erzählsituation) bzw. stilistische (z. B. Stilprinzip) Art und Weise dieser Präsentation. Das oben dargestellte (erweiterte oder elaborierte) Stratifikationsmodell der Erzähltextkonstituierung basiert auf allen Ebenenmodellen und vor allem auf dem Sechs-Ebenen-Modell. In einer sehr reduktiven Übersicht lassen sich anhand des Sechs-Ebenen-Modells der Erzähltextkonstituierung folgende Tendenzen zum analogen Gebrauch der unterschiedlichen Begriffsbezeichnungen für die sechs Ebenen darstellen.

Sechs-Ebenen-Modell der Erzähltextkonstituierung

Handlung

Ereignis

Motiv, event

Geschehen

story

Geschichte

fabula, plot, histoire

Handlungsschema

(plot)

Darstellung

Erzählung

sjužet, récit

Erzählen

discours, narration

Einzelne Bestandteile der Geschichte und einzelne Elemente der Handlung setzen sich zu immer größeren, vielschichtigen und komplexen Einheiten zusammen, bis sie schließlich – als Gesamtheit aller unbelebten und belebten, statischen und dynamischen inhaltlichen Bestandteile oder funktionalen, charakterisierenden und informativen Handlungselemente –den umfassenden Erzähldiskursdes Erzähltextes ergeben. Dasentwickelte Ebenenmodell (Schichten-oder Stratifikationsmodell)derErzähltextkonstituierungist der Versuch, die quantitative Vielfalt der einfacheren, überschaubaren Schichten bis hin zu den immer vielschichtiger und unüberschaubarer werdenden Handlungskomplexen inneunbegrifflichen Kategorien einzuordnen, zu benennen und die Geschichte oder Handlung mit ihrer Hilfe inhaltlich-strukturell zu analysieren. Erzählte Geschichten oder Handlungen finden in einem Geflecht aus räumlichen und zeitlichen Angaben (kontextueller Rahmen) statt. Geschichten sind in einen kontextuellen Rahmen eingebettet. Der kontextuelle Rahmen von Geschichten besteht aus einer Vielzahl von sinnlichen undkognitivenEinzelwahrnehmungen der äußeren und inneren Welt. Diese sinnlichen undkognitivenEinzelwahrnehmungen stammen entweder vom Erzähler oder den Figuren. Einzelwahrnehmungen sindGeschehnisse, wenn sie eine beschreibende, charakterisierende oder deiktische Funktion haben,der Skizzierung, Abbildung oder Ausgestaltung von Hintergründen und Umständen von Handlungen dienenoder im Zustands- oder Vorgangskontext der erzählten Welteineunauffälligeundunmarkierte Zustandsveränderung prädikativ oder adverbial modifizieren. GeschehnisseundEinzelwahrnehmungen sindEreignisse, wenn sie eine kausale, finale oder kompositorische Funktion haben,der Entwicklung, Fortführung und Auflösung von Handlungen dienenoder im Zustands- oder Vorgangskontext der erzählten Welt eine auffällige, markierte Änderung darstellen. Geschehnisse, diein Hinblickauf die Motivierung der Handlung von Bedeutung sindoderaufgrund ihrer Bedeutung fürden Gangder Handlung markiert werden, sind Ereignisse. Ereignisse sind(im einzeldiegetischen, erzählliterarischen oder kulturellen Kontext)unerwartete, ungewöhnliche, unvorhersehbare,motivierteundmarkierte, relevante und handlungsentscheidendeGeschehnisse. Ein Ereignis (manchmal auch Motiv genannt) ist demnach die kleinste, elementarste Einheit derHandlung. DieEreignisse können eine Handlung verändern oder nicht. Ereignisse, die eine Handlung verändern, haben eine dynamische Funktion; Ereignisse, die eine Handlung nicht verändern, haben eine statische Funktion. Nicht jedes einzelne Ereignis muss motiviert sein; es kann auch einfach zur Atmosphärenbildung beitragen oder als Requisit dienen.Neuere, kognitive Ansätze verstehen das Ereignis als Bruch der Erwartungshaltung des Lesers/Rezipienten und unterscheiden drei Typen von Ereignis in der Erzählliteratur: die Deviation vom figuralen Schema, die Deviation vom Erzählschema und die Präsentation der extradiegetischen Erzählpersonals Aktant; alle drei kognitiven Typen von Ereignis müssen vom abstrakten Leser gegen den Erzähltext rezipiert und interpretiert werden.DasTableauist eine deiktisch beschreibende Momentaufnahme mehrerer Personen in ihrer Position im Raum und ihrer Position zueinander (lebendes Bild).EineSzenebesteht aus einem Dialog von zwei oder mehreren Figuren mit Redeankündigungenund kurzen Handlungsberichten (ähnlich den Regieanweisungen in Theaterstücken).Zudem gibt es in größeren Erzähltexten oftEpisodenim Handlungsverlauf, die als solche nicht mit der Gesamthandlung verknüpft sind, sondern einzelne kleine Geschichten innerhalb der Haupthandlung bilden. In der Regel ist die Episodejedocheine mittlere Handlungseinheit, die aus mehreren Geschehnissen und Ereignissen besteht. Episoden, Sequenzen oder Segmentesind häufig durch die Präsenz derselben Figur oder Figuren, durch den Bezug auf denselben Ereignis- und Handlungsort, durch den Zusammenhang der erzählten Zeit oder durch die Relevanz desselben Themas abgegrenzt und gekennzeichnet. Die Summe der Geschehnisseund Ereignissein einem Erzähltext ergibt das Geschehen. DasGeschehenist die amorphe, tendenziell unendliche, aber ästhetisch bereits relevante Menge derGeschehnismomenteSituation, Vorgang, Figur,Figureneigenschaft, Figurenhandlung,Raumund Objekt, aus denen die Geschichte hervorgeht. Das Geschehenoder die Story ist die summarische Einheit der aus dem Erzähltext rekonstruierbaren Geschehnisseund Ereignissein ihrer quasi-empirischen Chronologieoder die chronologischeReihenfolgeund Gesamtsequenzaller Geschehnisseund Ereignisse. Seriell und chronologisch aneinander gereihte Geschehnisse werden zu Ereignissenund die chronologisch geordnete Sequenz aus der Teilmenge des Geschehens, die für die Bedeutungsabsicht des Erzähltextes relevant ist, wird zur Geschichte.Die Geschichte umfasst alle Ereignisse, aber nicht alle Geschehnisse.DieGeschichteistin Abgrenzungzum Geschehen die konkrete, begrenzte, denotierte, explizite, markierte,prädikativ qualifizierteund motivierteAuswahl von bestimmten Geschehnismomentenaus der tendenziell unendlichen Menge der fiktiven Sachverhalte. Zur Geschichte kann auch die Wahl der ideologischen Perspektive und die Implizierung von Unbestimmtheitsstellen gerechnet werden. Werden dieGeschehnisse des Geschehensin der Geschichte motiviert, spricht manvomPlot. Einzelgeschehnisseoderein Gesamtgeschehen werden dadurch motiviert, dass sie nach einer Regel oder Gesetzmäßigkeit auseinanderhervorgehen. Indem die aufeinanderfolgenden Geschehnisse motiviert werden, werden sie in einen Erklärungszusammenhang gebracht und in den Rang von Ereignissen erhoben. Die Ereignisse sind jene Geschehnisse, die nicht grundlos aufeinanderfolgen, sondern nach gewissen Zusammenhängen (das müssen aber nicht die Gesetze der wissenschaftlich-physikalischen Welt sein) auseinanderhervorgehen. Die Motivierung integriert also das Geschehen (diezeitlichaufeinanderfolgenden Ereignisse) zu einem sinnhaften Zusammenhang (einer Geschichte).DieverbundenenEreignisse der Geschichte gehen durch Motivierungen über die temporale Sequenz der Geschehnisse im Geschehen hinaus.Es kann zwischen verschiedenen Arten der Motivierung unterschieden werden, jedoch schließen diese einander nicht immer aus. In der kausalen Motivierung wird ein Geschehnis oder eine Figurenhandlung dadurch erklärt, dass sie in einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang eingebettet werden. Ereignisse und Figurenhandlungen erscheinen dann als empirisch wahrscheinlich oder möglich, und zwar innerhalb dererzähltenWelt, die im Text dargestellt wird. Die finale Motivierung findet sich vor allem in antiken und mittelalterlichen Erzähltexten, die vor dem Hintergrund einer mythologisch- oder religiös-gläubigen Gesellschaft entstanden sind. Der Handlungsverlauf ist hier von Beginn an festgelegt: Alles,was geschieht, geschieht durch Einwirkung göttlicher Kräfte oder als Fügung einer göttlichen Allmacht. Erzähler, die in ihrer Erzählung die Geschehniskette kausal-logisch oder transzendent-metaphysisch motivieren, erzählen eine GeschichteodereineHandlung. Die GeschichteoderHandlung bezeichnet die Gesamtheit derrelevantenEreignisse in einemErzähltext, die zu einer motivierten Einheit integriert sind, indem die Ereignisfolge einen kausalen(psychologischen)oder finalenoderkausal-finalgemischten Zusammenhang aufweist. Die Geschichte, die Handlung oder der Plot ist das zu einem kausal oder final motivierten, abgeschlossenen Ganzen integrierte Geschehen. Erzähler, die in ihrer Erzählung auf eine kausal-logische oder transzendent-metaphysische Motivierung der Geschehniskette verzichten, erzählen hingegen ein Geschehen oder eine Story. Die Geschichte darf nicht mit der Story verwechselt werden, auch wenn dies der normalsprachliche Gebrauch der beiden Wörter nahelegt: Die Geschichte ist die motivierte Story, und die motivierte Story ist die Handlungoderder Plot.Der Plot weist als Motivierungsparameter zwei Grade (motiviert odernichtmotiviert) oder vier Grade (motiviert, hochgradig motiviert, gering motiviert oder nichtmotiviert) auf.In der Erzählung oder imErzähldiskursschließlichkann der Erzähler zwischen Bericht und Szene wechseln, er kann die erzählte Zeit raffen, auslassen, unterbrechen oder dehnen, er kann die Geschichte oder Handlung durch Anachronien zeitlich umstrukturieren, er kann die Figuren kommentieren, die Ereignisse in der Figurenperspektive spiegeln oder seine Rolle als Vermittlungsinstanz des Erzählten oder Dargestellten thematisieren. Erzähldiskurs, Erzählung oder Narration meinen dieerzähltechnisch oderästhetisch transformierte Geschichte oder Handlung als Resultat der Motivierung und artifiziell-ästhetischen Komposition der Geschichte durch die obligatorische syntagmatische Linearisierung der simultanen Ereignisse oder Figurenhandlungen und fakultative temporale Permutation der natürlichen, chronologischen Sukzession der Segmente und Sequenzen der Geschichte. In der Erzählung erscheinen die Geschehnisse und Ereignisse der ihnen logisch zugrunde liegenden Geschichte in derjenigen zeitlichen Anordnung, wie sie dem narrativen Adressaten mitgeteilt werden. Zur Erzählung gehört auch die Wahl der perzeptorischen, räumlichen und zeitlichen Perspektive. Der Erzähldiskurs ist vor allem durch die Dehnung der Erzählzeit und die Amplifikation der Geschichte in Form von handlungspausierenden Beschreibungen, verlangsamenden Sequenzierungen von Ereignissen, Kommentaren und Wertungen von Figurenhandlungen, sentenziös-generalisierenden Reflexionen in abschweifenden Digressionen und Exkursen, die sich zu unpersönlichen, objektiven, quasi-wissenschaftlichen und abstrakten Konstrukten ausdehnen können, und von exegetischen, metanarrativen und metafiktionalen Erzählereinmischungen, die die Erzählinstanz und das Erzählverhalten thematisieren oder problematisieren, charakterisiert. DerErzähltextist dieprimärverbale (und nichtprimärbildliche, figurative, filmische, mimisch-dialogische,tänzerischeoder musikalische) Präsentation der Erzählung. Im Gegensatz zu den vielen möglichen Arten der Präsentation der Erzählung konstituiert die d