Erzählungen - Anton Tschechow - E-Book

Erzählungen E-Book

Anton Tschechow

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Beschreibung

Arzt von Beruf, Schriftsteller aus Leidenschaft – als einer der großen Meister der russischen Literatur hat Anton P. Tschechow wie kein zweiter es verstanden, Leser mit seinem tiefsinnigen Humor in den Bann zu ziehen. Der Band enthält einige seiner schönsten Erzählungen, mit denen er einmal mehr literarische Größe beweist: Ein bekannter Herr, Eine Schutzlose, Einmal im Jahr, Die Verleumdung, Tsss!, Plappertasche, Kaschtanka, Die Apothekerin, Der Dicke und der Dünne, Nur seine Frau!, Grischa, In der Sommerfrische, Ein Chamäleon, Das schwedische Zündholz, Der Orden, Die Rache, Der teure Hund, Ein Verhängnis, Die Sirene, Der Löwen- und Sonnenorden, In der Barbierstube, Ein Ereignis, Der Kuss, In den Chambregarnies, Ohne Auslagen, Auf der Post, Der Repetitor, Die Dame mit dem Hündchen.

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LUNATA

Erzählungen

Anton Tschechow

Erzählungen

© 1888 Anton Tschechow

Aus dem Russischen von Korfiz Holm,

Alexander Eliasberger

Umschlagbild Sawrey Gilpin

© Lunata Berlin 2020

Inhalt

Ein bekannter Herr

Eine Schutzlose

Einmal im Jahr

Die Verleumdung

Tsss!

Plappertasche

Kaschtanka

Die Apothekerin

Der Dicke und der Dünne

Nur seine Frau!

Grischa

In der Sommerfrische

Ein Chamäleon

Das schwedische Zündholz

Der Orden

Die Rache

Der teure Hund

Ein Verhängnis

Die Sirene

Der Löwen- und Sonnenorden

In der Barbierstube

Ein Ereignis

Der Kuss

In den Chambregarnies

Ohne Auslagen

Auf der Post

Der Repetitor

Die Dame mit dem Hündchen

Ein bekannter Herr

Die reizende Wanda oder wie sie nach dem Paß hieß, die Bürgerin Nastaßja Kanawkina befand sich bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhause in einer Lage, wie sie sich in einer solchen früher noch nie befunden hatte: ohne Unterkunft und ohne einen Kopeken Geld. Was war da zu machen?

Ihr erster Gang war ins Leihhaus, wo sie ihren Türkisring, die einzige »Wertsache«, die sie besaß, versetzte. Für den Ring erhielt sie einen Rubel, aber … was kann man sich für einen Rubel kaufen? Für diese Summe bekommt man weder ein modernes kurzes Jackett, noch einen hohen Hut, noch Goldkäferschuhe; ohne diese Sachen aber fühlte sie sich so gut wie nackt. Es schien ihr, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde und Hunde sie ansahen und sich über die Einfachheit ihres Kostüms lustig machten. Sie dachte nur an ihre Toilette, während die Frage, wie sie essen und wo sie schlafen würde, sie nicht im geringsten beunruhigte.

»Wenn ich doch irgend einen bekannten Herrn treffen würde …« dachte sie. »Ich würde dann von ihm etwas Geld erbitten … Mir wird es keiner abschlagen, denn …«

Aber die bekannten Herren begegneten ihr nicht. Es wäre nicht schwer gewesen, sie am Abend in der »Renaissance« zu treffen, aber in die »Renaissance« würde man sie in diesem einfachen Kleide und ohne Hut nicht hineinlassen. Was sollte sie tun?

Nach langem Zaudern, als sie des Gehens, Sitzens und Nachdenkens schon müde geworden war, entschloss sich Wanda, das letzte Mittel zu ergreifen: irgend einen bekannten Herrn direkt in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn um Geld zu bitten.

»Zu wem soll' ich nur gehen?« überlegte sie. »Zu Mischa geht es nicht – verheiratet … Der rothaarige Alte ist jetzt im Dienst …«

Ihr fiel der Zahnarzt Finkel ein, ein getaufter Jude, der ihr vor drei Monaten ein Armband geschenkt, und dem sie einmal bei einem Souper im »Deutschen Club« ein Glas Wein auf den Kopf gegossen hatte. Als ihr der Gedanke an diesen Finkel gekommen war, freute sich Wanda furchtbar.

»Er wird mir bestimmt geben, wenn ich ihn nur zu Hause treffe …« dachte sie auf dem Wege zu dem Zahnarzt. »Gibt er aber nichts, so zerkeile ich ihm alle Lampen …«

Als sie sich der Tür des Zahnarztes näherte, war ihr Plan schon fertig: sie wird lachend die Treppe hinauslaufen, in das Kabinett des Arztes stürzen und fünf und zwanzig Rubel verlangen … Als sie aber nach der Klingel griff, verflüchtigte sich dieser Plan wie von selbst. Wanda bekam plötzlich Furcht und wurde aufgeregt, was ihr früher niemals passiert war. Dreist und frech war sie nur in bezechter Gesellschaft, jetzt aber, in gewöhnlicher Kleidung, in die Rolle einer gewöhnlichen Bittstellerin versetzt, die einfach nicht empfangen werden konnte, fühlte sie sich schüchtern und gedemütigt. Schande und Furcht befielen sie.

»Vielleicht hat er mich schon vergessen …« dachte sie, während sie nicht wagte, an der Klingel zu ziehen. »Und wie soll ich zu ihm in einem solchen Kleide? Wie eine Bettlerin oder irgend eine Kleinbürgerin …«

Und zögernd klingelte sie.

Hinter der Tür vernahm man Schritte; es war der Portier.

»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie.

Jetzt wäre es ihr angenehmer gewesen, wenn der Portier ›nein‹ gesagt hätte. Aber anstatt einer Antwort ließ er sie einfach ins Vorhaus treten und nahm ihr den Mantel ab.

Die Treppe erschien ihr luxuriös und großartig, aber von all dem Luxus fiel ihr zuerst ein großer Spiegel auf, in welchem sie ein deklassiertes Ding ohne modernes Jackett, ohne hohen Hut und ohne Goldkäferschuhe erblickte. Und Wanda kam es seltsam vor, daß sie jetzt, wo sie arm gekleidet war und wie eine Näherin oder Wäscherin aussah, wieder Schande empfand, weder Dreistigkeit noch Frechheit mehr besaß und sich selbst in Gedanken schon nicht mehr Wanda, sondern, wie früher, Nastja Kanawkina nannte …

»Bitte«, sagte das Zimmermädchen, sie in das Kabinett geleitend. »Der Herr Doktor kommt gleich … Nehmen Sie Platz.«

Wanda sank in einen weichen Lehnstuhl.

»Werd' ihm ganz einfach sagen: leihen Sie mir!« dachte sie. »Das ist ganz anständig, denn er ist ja mit mir bekannt. Wenn nur das Zimmermädchen wegginge. In Gegenwart des Zimmermädchens wäre es peinlich … Und wozu steht sie überhaupt hier?«

Nach fünf Minuten etwa öffnete sich die Tür, und Finkel, ein großer, schwarzer Jude mit fetten Wangen und Glotzaugen trat ein. Die Wangen, der Bauch, die dicken Hüften – alles war bei ihm so satt und abstoßend. In der »Renaissance« und im »Deutschen Club« war er gewöhnlich angeheitert, gab dort viel für Frauen aus und ertrug geduldig ihre Späße – als ihm Wanda zum Beispiel ein Glas Wein über den Kopf gegossen, hatte er nur gelächelt und ihr mit dem Finger gedroht. Jetzt aber sah er finster und schläfrig aus, schaute wichtig und kalt wie ein Vorgesetzter drein und kaute irgend etwas.

»Was befehlen Sie?« fragte er, ohne Wanda anzusehen.

Wanda warf einen Blick auf das ernste Gesicht des Zimmermädchens, dann auf die satte Figur Finkels, der sie offenbar nicht zu erkennen schien, und – errötete …

»Was befehlen Sie?« wiederholte der Zahnarzt schon etwas gereizt.

»Die … die Zähne tun mir weh …« stammelte Wanda.

»Aha … Welche Zähne? Wo?«

Wanda entsann sich, daß sie einen hohlen Zahn hatte.

»Unten rechts …« sagte sie.

»Hm! Öffnen Sie den Mund.«

Finkel runzelte die Stirn, hielt den Atem an und begann den kranken Zahn zu untersuchen.

»Schmerzt es?« fragte er, in dem Zahn mit einem spitzen Eisen herumstochernd.

»Ja …« log Vanda. »Wenn ich ihn daran erinnern könnte. so würde er mich bestimmt erkennen … Aber … das Zimmermädchen! Wozu steht es hier?«

Finkel begann plötzlich wie eine Dampfmaschine ihr direkt in den Mund zu keuchen und sagte:

»Ich rate Ihnen nicht, ihn plombieren zu lassen … Dieser Zahn würde Ihnen sowieso nichts nützen.«

Nachdem er in dem Zahn noch etwas herumgestochert und Wandas Lippen und Zahnfleisch mit seinen Tabakfingern beschmiert hatte, hielt er wieder den Atem an und langte ihr mit irgend etwas Kaltem in den Mund …

Wanda fühlte plötzlich einen furchtbaren Schmerz, schrie auf und packte Finkel am Arm.

»Tut nichts, tut nichts …« murmelte er. »Seien Sie nicht so schreckhaft. Von diesem Zahn hätten Sie sowieso nicht viel gehabt. Man muß tapfer sein.«

Und seine mit Blut besudelten Tabakfinger hielten ihr den ausgezogenen Zahn vor die Augen hin, während das Zimmermädchen herantrat und ihr eine Schale reichte.

»Zu Hause spülen Sie den Mund mit kaltem Wasser …« sagte Finkel, »dann wird das Bluten schon nachlassen.«

Er stand vor ihr in der Pose eines Menschen, der wartet, bis man endlich geht und ihn in Ruhe läßt.

»Adieu …« sagte sie, sich zur Türe wendend.

»Hm! … Und wer wird mir meine Arbeit bezahlen?« fragte Finkel mit heiterer Stimme.

»Ach, ja …« erinnerte sich Wanda. Sie errötete und reichte dem Juden den Rubel, den sie für ihren Türkisring erhalten.

Auf die Straße hinausgetreten, empfand sie noch größere Scham als vordem, aber jetzt schämte sie sich nicht mehr ihrer Armut. Sie bemerkte nicht mehr, daß sie keinen hohen Hut und kein modernes Jackett hatte. Sie geht auf der Straße, spuckt Blut, und jeder rote Blutfleck spricht ihr von ihrem Leben, von ihrem schlechten und schweren Leben, und von den Kränkungen, die sie erfahren hat und noch morgen, nach einer Woche, nach einem Jahr – ihr ganzes Leben hindurch bis zum Tode erfahren wird.

»O, wie das schrecklich ist!« flüsterte sie. »Mein Gott, wie schrecklich!«

Übrigens war sie schon am anderen Tage in der »Renaissance« und tanzte dort. Sie war in einem riesigen roten Hut, hatte ein modernes Jackett und Goldkäferschuhe an. Und sie soupierte mit einem jungen, aus Kasanj zugereisten Kaufmann.

Eine Schutzlose

Trotz des heftigen Podagraanfalles in der Nacht und trotz der zerrütteten Nerven begab sich Kistunow dennoch am Morgen ins Bureau und begann rechtzeitig den Empfang der Klienten der Bank. Er sah leidend und müde aus und sprach mit sterbender Stimme.

»Was wünschen Sie?« wandte er sich an eine Frau in einem vorsintflutlichen Mantel, die von hinten einem großen Mistkäfer sehr ähnlich sah.

»Ich bitte schön, Ew. Exzellenz«, begann die Frau, die Worte schnell herunterhaspelnd, »mein Mann, der Kollegienassessor Schtschukin, war fünf Monate krank, und während er noch, entschuldigen Sie, zu Hause lag und behandelt wurde, erhielt er ohne jeden Grund den Abschied, und als ich nach seinem Gehalt ging, Ew. Exzellenz, wurden ihm von dem Gehalt vierundzwanzig Rubel sechsunddreißig Kopeken abgezogen! Und wofür, wenn ich fragen darf? ›Er hat aus der Beamtenkasse Geld geliehen und die anderen Beamten haben sich für ihn verbürgt‹. Wie denn das? Wie konnte er das Geld ohne meine Zustimmung nehmen? Das ist garnicht möglich, Ew. Exzellenz. Was soll denn das bedeuten? Ich bin eine arme Frau, lebe vom Zimmervermieten … Ich bin schwach und schutzlos … Von allen erfahre ich nur Kränkungen und niemand sagt mir ein gutes Wort …«

Die Bittstellerin begann mit den Augen zu blinzeln und suchte in ihrem Mantel nach dem Taschentuch.

Kistunow nahm ihr Gesuch entgegen und las es.

»Ja, aber erlauben Sie«, sagte er achselzuckend, »ich verstehe hier nichts. Sie sind wohl, meine Gnädige, an die unrechte Stelle gekommen. Ihr Gesuch geht uns ja gar nichts an. Wenden Sie sich gefälligst an das Ressort. bei welchem ihr Gemahl angestellt war.«

»Nein, mein Herr, ich bin schon an fünf Stellen gewesen und nirgends hat man mein Gesuch überhaupt nur entgegennehmen wollen!« sagte Frau Schtschukina. »Ich hatte schon ganz den Kopf verloren, da schickte mich mein Schwiegersohn Boris Matwejitsch, Gott lohne es ihm, zu Ihnen. ›Wenden Sie sich nur an den Herrn Kistunow. Mama‹, sagte er mir, ›er hat eine einflußreiche Stellung und kann alles für Sie machen …‹ Helfen Sie mir, Ew. Exzellenz!«

»Wir können da nichts für Sie tun … Begreifen Sie doch: Ihr Mann war, so viel ich sehe, dem Medizinaldepartement des Kriegsministeriums unterstellt, während unser Institut völlig privater Natur ist, ein Handelsinstitut, eine Bank. Wie kann man denn das nicht begreifen!«

Kistunow zuckte noch einmal die Achseln und wandte sich zu einem Herrn mit geschwollener Backe in Militäruniform.

»Ew. Exzellenz!« rief weinerlich die Schtschukina, »daß mein Mann krank war, dafür habe ich ein ärztliches Zeugnis! Hier ist es, sehen Sie, bitte!«

»Sehr schön, ich glaube Ihnen ja,« sagte Kistunow gereizt, »aber, ich wiederhole es Ihnen, das geht uns nichts an. Unglaublich! Das ist einfach komisch! Weiß denn Ihr Mann wirklich nicht, wohin Sie sich zu wenden haben?«

»Er weiß überhaupt nichts, Ew. Exzellenz. Leiert nur immer dasselbe: ›Das ist nicht Deine Sache! laß mich in Ruhe!‹ Und wessen Sache ist es denn? Er sitzt doch mir auf dem Halse! Mir …«

Kistunow wandte sich wieder der Schtschukina zu und begann ihr den Unterschied zwischen dem Medizinaldepartement des Kriegsministeriums und einer Privatbank zu erklären. Sie hörte ihn aufmerksam zu Ende, nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte:

»Jawohl, jawohl, jawohl … Ich verstehe. Befehlen Ew. Exzellenz, mir dann wenigstens fünfzehn Rubel auszuzahlen! Ich bin einverstanden. daß es nicht alles auf einmal ist …«

»Ach!« seufzte Kistunow auf, den Kopf zurückwerfend. »Ihnen kann man es nicht eintrichtern! Aber begreifen Sie doch endlich, daß es ebenso komisch ist, wenn Sie sich an uns mit einem derartigen Gesuch wenden, als wenn Sie beispielsweise eine Ehescheidungsklage bei einer Apotheke oder bei dem Aichamt anhängig machten. Man hat Ihnen das Gehalt gekürzt, aber was können wir denn dabei tun?«

»Ew. Exzellenz. ich werde ewig für Sie beten, haben Sie Mitleid mit einer armen Waise,« begann die Schtschukina zu weinen. »Ich bin eine schutzlose, schwache Frau … Hab mich zu Tode abgequält … Mit den Mietern muß ich prozessieren, für den Mann bitten, in der Wirtschaft habe ich zu tun … Und jetzt, wo ich gerade zum Abendmahl gehen will, mußte auch noch mein Schwiegersohn seine Stelle verlieren … Wenn ich esse und trinke, ist's nur zum Schein: ich kann kaum mehr auf den Beinen stehen … Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen …«

Kistunow fühlte Herzklopfen. Er legte mit einer Märtyrermiene die Hand aufs Herz und begann, der Schtschukina von neuem zu erklären, aber seine Stimme brach ab …

»Nein, verzeihen Sie, ich kann mit Ihnen nicht sprechen,« sagte er mit einer hoffnungslosen Geste. »Mein Kopf schwindelt mir sogar. Sie stören uns nur und verlieren unnütz Ihre Zeit. Oh! … Alexej Nikolajitsch,« wandte er sich an einen der Beamten, »erklären Sie es doch, bitte, der Frau Schtschukina!«

Kistunow hatte schon alle Klienten abgefertigt und in seinem Kabinett ein Dutzend Papiere unterschrieben, während Alexej Nikolajitsch immer noch mit der Schtschukina parlamentierte. Von seinem Kabinett aus hörte Kistunow immerfort zwei Stimmen: den monotonen, sich beherrschenden Bass des Alexej Nikolajitsch und die weinerliche, aufheulende Stimme der Schtschukina …

»Ich bin eine schutzlose, schwache Frau, eine kränkliche Frau,« sprach die Schtschukina. »Äußerlich sehe ich vielleicht auch stark aus, aber innerlich habe ich kein gesundes Aderchen. Ich stehe kaum auf den Füßen und habe gar keinen Appetit … Den Kaffee trank ich heute ohne allen Genuss.«

Alexej Nikolajitsch erklärte ihr den Unterschied zwischen den verschiedenen Ressorts und das komplizierte System der Klageführung. Bald wurde er müde und der Buchhalter löste ihn ab.

»Ein ekelhaftes Frauenzimmer!« empörte sich Kistunow, während er nervös mit den Fingern knackte und immerfort nach der Wasserkaraffe griff. »Das ist ja eine Idiotin, ein Stiefel! Mich hat sie krank gemacht und jetzt quält sie die andern zu Tode, so eine Gans! Oh … mein Herz!«

Nach einer halben Stunde klingelte er. Es erschien Alexej Nikolajitsch.

»Was haben Sie denn da?« fragte Kistunow müde.

»Wir können es ihr nicht beibringen, Pjotr Alexandritsch! Einfach tot macht sie einen … Wir sagen ihr das eine, und sie kommt uns mit was anderem …

»Ich … ich kann ihre Stimme nicht hören … Ich bin krank geworden … ich kann es nicht mehr aushalten …«

»Man müßte den Portier rufen, Pjotr Alexandritsch, damit er sie hinausschmeißt.«

»Nein, nein!« erschrak Kistunow. »Sie wird ja so ein Geheul anstellen, daß es alle Leute im Hause hören und weiß der Teufel was von uns denken können … Versuchen Sie es, mein Lieber, ihr die Sache irgendwie zu erklären.«

Eine Minute später ließ sich wieder die tiefe Stimme Alexej Nikolajewitschs hören. Es verging eine Viertelstunde und sein Bass wurde durch den hellen Tenor des Buchhalters abgelöst.

»Ein un-glaub-lich gemeines Frauenzimmer!« empörte sich Kistunow, nervös die Achseln zuckend. »Dumm, wie ein Stiefel, daß sie der Teufel hole. Ich glaube, mein Podagra fängt wieder an … Und meine Migräne …«

Im Nebenzimmer hatte Alexej Nikolajitsch endlich die Geduld verloren. Er klopfte mit dem Finger zuerst auf den Tisch und dann an seine Stirn.

»Mit einem Wort, Sie haben da keinen Kopf,« sagte er, »sondern dies hier …«

»Na, na …« sagte beleidigt die Alte. »Kannst Deiner Frau was klopfen … Kanaille! Erlaub' Dir nicht zu viel.«

Alexej Nikolajitsch sah sie mit grenzenloser Wut an, als wollte er sie verschlingen und sagte mit leiser, erstickender Stimme:

»Hinaus von hier!«

»Wa–as?« heulte die Schtschukina plötzlich auf. »Wie dürfen Sie es wagen? Ich bin zwar eine schwache, schutzlose Frau, werde so etwas aber nicht dulden! Mein Mann ist Kollegienassessor! So eine Kanaille! Ich gehe zu meinem Advokaten und er wird Dich schon! Drei Mieter habe ich schon vors Gericht geschleppt und Du wirst zu mir auch noch betteln kommen! Ich gehe zu Eurem General! Ew. Exzellenz! Exzellenz!«

»Pack Dich von hier hinaus, Du Luder!« zischte Alexej Nikolajitsch.

Kistunow öffnete die Tür und sah in das Bureau herein.

»Was ist da?« fragte er mit weinerlicher Stimme.

Die Schtschukina, rot wie ein Krebs, stand mitten im Zimmer und stieß augenrollend mit den Fingern in die Luft. Die Beamten, ebenfalls rot und augenscheinlich durch den Skandal ermüdet. standen um sie herum und blickten sich unschlüssig an.

»Ew. Exzellenz!« stürzte sich die Schtschukina auf Kistunow los, »hier dieser, dieser hier … dieser (sie wies auf Alexej Nikolajitsch) klopfte sich mit dem Finger an die Stirn und dann auf den Tisch … Sie hatten ihm befohlen, meine Sache zu erledigen, und er macht sich über mich lustig! Ich bin eine schwache, schutzlose Frau … Mein Mann ist Kollegienassessor und ich selbst bin eine Majorstochter!«

»Gut, meine Gnädige«, stöhnte Kistunow, »ich werde es untersuchen … Maßregeln ergreifen … Gehen Sie nur … später! …«

»Wann bekomme ich denn, Ew. Exzellenz? Ich brauch das Geld heute!«

Kistunow fuhr sich mit zitternder Hand über die Stirn, seufzte auf und begann wieder zu erklären.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, meine Gnädige. Das hier ist eine Bank, ein privates, kommerzielles Institut … Was wollen Sie denn von uns? Und begreifen Sie denn nicht, daß Sie uns stören?«

Die Schtschukina hörte ihn zu Ende und seufzte auf.

»Ja, ja …« stimmte sie bei. »Aber seien Sie schon so gut, Ew. Exzellenz, seien Sie mir ein Vater, nehmen Sie mich in Schutz, damit ich zu Gott ewig für Sie beten kann. Wenn ein ärztliches Zeugnis zu wenig ist, kann ich eine Bescheinigung der Polizei vorweisen … Befehlen Sie, daß man mir das Geld auszahlt!«

Kistunow wurde es bunt vor den Augen. Er atmete den ganzen Luftvorrat, den er in den Lungen hatte, aus und ließ sich kraftlos in einen Lehnstuhl nieder.

»Wieviel wollen Sie haben?« fragte er mit schwacher Stimme.

»Vier und zwanzig Rubel sechs und dreißig Kopeken.«

Kistunow holte seine Brieftasche hervor, entnahm derselben einen Fünfundzwanzig-Rubel-Schein und reichte ihn der Schtschukina.

»Hier, nehmen Sie und … . und gehen Sie!«

Die Schtschukina wickelte das Geld in ihr Taschentuch, steckte es ein und fragte, ihr Gesicht in einem süßen, delikaten und sogar etwas koketten Lächeln verziehend:

»Ew. Exzellenz, könnte mein Mann nicht vielleicht seine alte Stellung wieder einnehmen?«

»Ich fahre weg … bin krank …« sagte Kistunow mit elender Stimme. »Ich habe furchtbares Herzklopfen.«

Nachdem er nach Hause gefahren war, schickte Alexej Nikolajitsch Nikita nach Kirschlorbeertropfen und alle setzten sich wieder an die Arbeit. Die Schtschukina aber saß noch zwei Stunden in dem Vorhaus, unterhielt sich dort mit dem Portier und erwartete, wann Kistunow zurückkehren würde.

Sie kam auch am nächsten Tage.

Einmal im Jahr

Das kleine, drei Fenster breite Hôtel der Fürstin hat heute ein feierliches Aussehen, als wenn es sich verjüngt hätte. Ringsherum ist alles sauber gefegt, das Thor ist geöffnet und die gitterartigen Jalousien sind von den Fenstern herabgenommen. Die hell gescheuerten Scheiben kokettieren schüchtern mit der Frühlingssonne … Im Eingang steht der alte und hinfällige Portier Mark in seiner von Motten zerfressenen Livree. Er ist heute nicht umsonst aus seiner Kammer hervorgekrochen. Heute ist der Namenstag der Fürstin und er muß den Gratulanten die Türe öffnen und ihre Namen ausrufen. Im Vorzimmer riecht es heute nicht wie gewöhnlich nach Kaffee und Kohlsuppe, sondern nach Parfüm. Die Zimmer sind sorgfältig aufgeräumt. Von den Bildern sind die Gazehüllen herabgenommen und die ausgetretenen Dielen sind frisch gewichst.

Die Fürstin selbst, eine gebeugte und runzelige Greisin, sitzt in einem großen Lehnstuhl und streicht immerfort die Falten ihres weißen Tüllkleides zurecht. Nur die an ihre dürre Brust geheftete Rose erinnert daran, daß es in dieser Welt auch eine Jugend gibt! Die Fürstin erwartet ihre Gratulanten. Es müssen heute kommen: Baron Tramb nebst Sohn, Fürst Halahadze. Kammerherr Burlastow, ihr Cousin General Bittkow und noch viele andere … an zwanzig Menschen! Sie werden kommen und ihren Salon mit Geplauder erfüllen. Der Fürst Halahadze wird etwas vorsingen und der General Bittkow wird sie zwei Stunden lang um ihre Rose bitten … Sie aber weiß recht wohl, wie sie sich in Gegenwart dieser Herrschaften zu halten hat! Vornehmheit, Würde und Erziehung werden aus allen ihren Bewegungen sprechen.

Es werden unter anderem auch die Kaufleute Htulkin und Pereulkow kommen: für diese Herren liegen im Vorzimmer Papier und Feder auf. »Jedes Heimchen soll bei seinem Herde bleiben.« Sie können ihre Namen einzeichnen und dann gehen …

Es ist zwölf Uhr. Die Fürstin rückt ihr Kleid und die Rose zurecht. Sie horcht, ob nicht jemand läutet? Ein Wagen kommt lärmend angefahren und hält. Es vergehen fünf Minuten.

»Nicht zu uns!« denkt die Fürstin.

Ja, meine Fürstin, nicht zu Ihnen! Es wiederholt sich die Geschichte der vorigen Jahre. Eine erbarmungslose Geschichte! Um 2 Uhr geht die Fürstin, wie im vorigen Jahre, in ihr Schlafzimmer, greift nach dem Riechfläschchen und fängt an zu weinen.

»Es ist niemand gekommen! O, diese Barbaren!«

Um die Fürstin macht sich der alte Mark zu schaffen. Er ist nicht weniger gekränkt: die Leute sind schlimm geworden. Früher summten sie im Salon wie Fliegen umher, und jetzt …

»Niemand ist gekommen!« weint die Fürstin. »Weder der Baron, noch Fürst Halahadze, noch George Buwizkij … Sie haben mich alle verlassen. Und doch, wenn ich nicht wäre, was wäre aus ihnen geworden? Mir verdanken sie ihr Glück, ihre Karriere – nur mir! Ohne mich hätten sie es zu nichts gebracht.«

»Zu gar nichts!« bestätigte Mark.

»Ich bitte ja nicht um Dankbarkeit … Die brauche ich nicht! Nur Gefühl will ich haben! Mein Gott, wie das kränkend ist! Sogar mein Neffe Jean ist nicht gekommen. Und warum nicht, was habe ich ihm denn Schlechtes getan? Ich habe alle seine Wechsel bezahlt, habe für seine Schwester Tanja eine gute Partie gefunden. Teuer kommt mir dieser Jean zu stehen! Ich habe das Wort, welches ich meinem Bruder und seinem Vater gegeben, gehalten … Ich habe für ihn verausgabt … Du weißt es ja selbst …«

»Und seinen Eltern waren Ew. Durchlaucht, man kann wirklich sagen, wie eine Mutter.«

»Siehst Du … und jetzt die Dankbarkeit! O, diese Menschen!«

Um drei Uhr bekommt die Fürstin, wie auch im vorigen Jahr, einen hysterischen Anfall. Der betrübte Mark setzt seinen Tressenhut auf, feilscht lange mit dem Droschkenkutscher und fährt zum Neffen Jean. Zum Glück sind die Chambres garnies, in denen Fürst Jean haust, nicht zu weit entfernt … Mark findet den Fürsten im Bette liegend. Er ist eben erst vom gestrigen Trinkgelage heimgekehrt. Sein verlebtes, feistes Gesicht ist knallrot und die Stirn mit Schweiß bedeckt. In seinem Kopf hämmert es und im Magen tobt eine Revolution. Er möchte gern einschlafen und kann es vor Übelkeit nicht. Seine trüben Augen stieren die Waschschüssel an, die bis oben mit Seifenwasser gefüllt ist.

Mark tritt, nicht ohne Widerwillen, in die verwahrloste Stube ein und nähert sich dem Bette.

»Das ist nicht hübsch, Iwan Michailowitsch!« sagt er vorwurfsvoll.

»Was ist nicht hübsch?«

»Warum haben Sie Ihrem Fräulein Tante heute nicht gratuliert? Ist denn das nett?«

»Pack' Dich zum Teufel!« ruft Jean, ohne den Blick vom Seifenwasser zu wenden.

»Als wenn das die Tante nicht kränken müßte? Wie? Ach, Iwan Michailowitsch, Ew. Durchlaucht! Haben Sie denn gar kein Gefühl? Sagen Sie, wozu wollen Sie sie denn beleidigen?«

»Ich mache keine Visiten … Sag' ihr das einfach … Diese Sitte ist schon lange veraltet … Ich hab' auch keine Zeit. herumzufahren. Fahrt, wenn Ihr nichts zu tun habt, selbst umher und laßt mich in Ruhe … Nun mach, daß Du fortkommst! Ich will schlafen …«

»Schlafen … Und in die Augen können Sie mir nicht vor Schande sehen …«

»Na … Kusch … So ein frecher Kerl! Ein Luder!«

Mark zwinkert heftig mit den Augen. Eine längere Pause.

»Nun, Ew. Durchlaucht, sei'n Sie schon so gut, fahren Sie hin und gratulieren Sie. Die Fürstin weinen und liegen zu Bett … Sei'n Sie doch so gut und erweisen Sie ihr die Ehre … Fahren Sie nur hin, Ew. Durchlaucht!«

»Nein, fällt mir nicht ein. Es hat keinen Zweck und ich hab' auch zu tun … Und was soll ich denn auch bei der alten Jungfer machen? …«

»Fahren Sie doch, Ew. Durchlaucht, erweisen Sie uns die Gnade! Ich kann gar nicht sagen, wie Durchlaucht durch Ihre Undankbarkeit, mit Verlaub, und Gefühllosigkeit betrübt sind!«

Mark fährt mit dem Ärmel über die Augen.

»Sei'n Sie doch so gut!«

»Hm … Gibt's denn bei Euch Cognac?« fragt Jean.

»Jawohl, Ew. Durchlaucht, jawohl!«

»So, hm, hm …«

Der Fürst zwinkert mit dem linken Auge.

»So, so, und auch hundert Rubel?«

»Nein, das ist unmöglich … Sie wissen's selbst, daß wir unsere früheren Kapitalien nicht mehr haben … daß uns unsere Verwandten zu Grunde gerichtet … Wie wir Geld hatten, kamen alle zu uns, und jetzt … Es ist wohl Gottes Wille …«

»Im vorigen Jahr hab' ich von Euch für die Visite wieviel … 200 Rubel genommen, nicht? Und jetzt habt Ihr nicht 'mal hundert? Jawohl, alter Fuchs, Dich kennen wir! Such 'mal bei der Alten nach, 's wird sich schon finden … Übrigens kannst Du Dich auch packen, ich möchte nämlich schlafen.«

»Sei'n Sie doch so großmütig, Ew. Durchlaucht! Die Fürstin sind doch alt und schwach … haben Sie doch Mitleid mit ihr, Ew. Durchlaucht!«

Jean ist unerbittlich. Mark beginnt mit ihm zu feilschen. Gegen fünf Uhr ergibt sich Jean, zieht seinen Frack an und fährt zur Fürstin …

»Ma tante«, sagt er, seine Lippen auf ihre Hand pressend, und die Augen gehen ihm über …

Und sich in den Lehnstuhl werfend, beginnt er dasselbe Gespräch, wie im vorigen Jahr.

»Marie Kriskin, ma tante, hat aus Nizza einen Brief … Ihr Mann – wie gefällt Ihnen das? – beschreibt ganz harmlos ein Duell, welches er wegen irgend einer Sängerin mit einem Engländer gehabt hat … wegen der Dingsda, den Namen hab' ich vergessen …«

»Ach, wirklich!«

Die Fürstin himmelt mit den Augen. schlägt die Hände zusammen und wiederholt mit Staunen und nicht ohne erschrocken zu tun:

»Ach, wirklich?«

»Jawohl … Duelliert sich und läuft Sängerinnen nach, während hier seine Frau hinsiecht und zu Grunde geht … Ich begreife solche Leute nicht, ma tante!«

Die überglückliche Fürstin setzt sich näher an Jean heran und das Gespräch zieht sich in die Länge … Es wird Tee mit Kognak gereicht.

Und während die glückliche Fürstin, ihrem Neffen lauschend, lacht und staunt und erschrickt, sucht der alte Mark in allen seinen Geheimfächern herum und liest die Papierscheine zusammen.

Fürst Jean hat sich unglaublich nachgiebig gezeigt. Man braucht ihm nur fünfzig Rubel zu zahlen. Aber um diese fünfzig Rubel zusammenzubringen, muß der alte Mark mehr als ein Fach durchstöbern!

Die Verleumdung

Der Kalligraphielehrer Achinejew verheiratete seine Tochter Natalie an den Geographie- und Geschichtslehrer Loschadinich.

Das Hochzeitsfest war in vollem Gange. Im Saal wurde gesungen, gespielt und getanzt. Durch die Zimmer rannten kopflos die Mietslakaien in schwarzen Fracks und schmutzigen weißen Krawatten. Der Mathematiklehrer Tarantulow, der Franzose Pasdequoi und der jüngere Revisor des Kontrollhofes, Msda, saßen nebeneinander auf dem Divan und erzählten den Gästen, sich immerfort gegenseitig unterbrechend und verbessernd, alle ihnen bekannten Fälle vom Lebendigbegrabenwerden und legten ihre Ansicht über den Spiritismus dar. Alle drei glaubten nicht an den Spiritismus, gaben aber zu, daß in dieser Welt vieles vorkomme, was sich der menschliche Verstand nicht erklären könne.

In einem anderen Zimmer erklärte der Literaturlehrer Dodonski die Fälle, in welchen ein Posten auf das Publikum schießen dürfe. Die Unterhaltung war, wie Sie sehen, zwar etwas grausig, aber dennoch sehr animiert.

Durch die Fenster guckten von draußen die Leute hinein, denen, ihrer sozialen Stellung gemäß, das Recht des Eintretens nicht zustand.

Punkt zwölf trat der Hausherr Achinejew in die Küche, um nachzuschauen, ob alles zum Abendessen bereit sei. Die ganze Küche war vom Boden bis zur Decke mit einem Nebel erfüllt, der sich aus dem Aroma von Gänsen, Enten und vielen anderen schönen Sachen entwickelte. Auf zwei Tischen sah man in malerischer Unordnung die Bestandteile eines wahrhaft lukullischen Mahles umherliegen. An den Tischen machte sich die Köchin Marfa, ein dickes Frauenzimmer mit einem zwei Etagen hohen, verschnürten Magen, zu tun.

»Meine Beste, zeig' mal den Fisch etwas her!« sagte Achinejew, sich schmunzelnd die Hände reibend. »Na, ist das ein Duft! Die ganze Küche möchte man verspeisen! Na also, zeig mal den Fisch!«

Marfa trat an eine der Bänke heran und hob behutsam ein fettiges Zeitungsblatt auf. Unter diesem Blatt ruhte auf einer Riesenschüssel ein mächtiger, mit Kapern, Oliven und Rübchen dekorierter Weißfisch. Achinejew sah den Fisch an und verging fast vor Entzücken. Sein Gesicht erstrahlte, die Augen gingen ihm über. Er beugte sich vor und gab mit den Lippen den Ton eines ungeschmierten Wagenrades von sich. Eine Weile blieb er noch stehen, schlug mit den Fingern ein Schnippchen und schnalzte nochmals mit der Zunge.

»Ah! Die Musik eines feurigen Kusses … Mit wem küßt Du Dich denn, Marfa?« hörte man aus dem Nebenzimmer eine Stimme, und in der Tür zeigte sich der glattgeschorene Kopf von Achinejews Kollegen, Wanjkin.

»Wer ist der Glückliche? Aaa … sehr angenehm! Mit Herrn Achinejew selber! Bravo, Großpapa, sehr gut! So ein kleines tête-à-tête mit der holden Weiblichkeit …«

»Ich küss' mich ja gar nicht«, erwiderte verlegen Achinejew. »Sich so etwas auszudenken, Du … Ich schnalzte nur mit der Zunge wegen … vor Vergnügen … wie ich den Fisch da sah …«

Wanjkins Gesicht lachte vor Vergnügen und verschwand in der Tür. Achinejew errötete.

»Weiß der Teufel!« dachte er. – »Jetzt geht dieser Kerl am Ende noch hin und macht Klatschereien. So was geht dann durch die ganze Stadt … So ein Rindvieh!«

Achinejew kehrte schüchtern in den Saal zurück und schielte heimlich nach allen Seiten, wo Wanjkin sei? Wanjkin stand am Klavier und erzählte gerade etwas mit chevaleresker Haltung der Schwägerin des Inspektors, die belustigt lächelte.

»Über mich!« dachte Achinejew. »Über mich, daß ihn der Satan hole! Und sie, sie glaubt es auch gleich, glaubt es ihm auch und lacht! So eine Närrin! Mein Gott! Nein, das darf ich nicht zulassen … nein … Ich muß etwas tun, damit man es ihm nicht glaubt … Ich werde mit ihnen allen darüber reden und ihn als dumme Klatschbase entlarven!«

Achinejew kratzte sich etwas und trat, immer noch verlegen, auf Pasdequoi zu.

»Ich war eben in der Küche, um etwas nach dem Abendessen zu sehen«, sagte er zum Franzosen. »Ich weiß, Sie sind auch ein großer Freund von Fisch, und ich habe da so einen, mein Bester, zwei Arschin groß! He-he-he … Ja, übrigens … ich hätte beinahe vergessen … In der Küche, jetzt eben, mit diesem Fisch – so ein Spaß! Ich komme also in die Küche und will mir die Speisen ansehen … Ich schau den Fisch an, und vor Vergnügen … so ein prächtiges Tier … schnalze ich mit der Zunge, so … Und in diesem Augenblick tritt plötzlich dieser Schafskopf Wanjkin ein und sagt … ha-ha-ha … und sagt: ›Aha … Ihr küßt Euch hier?‹ So ein Narr. mit der Köchin, der Marfa! Das Frauenzimmer sieht so aus, als wenn … – na, sich mit der zu küssen! So ein Narr! Ein Kerl«!

»Wer das?« fragte, herantretend, Tarantulow.

»Der, der Wanjkin! Ich komme in die Küche …«

Die Geschichte mit dem Fisch und Marfa wurde noch einmal erzählt.

»So etwas! Ich hätte lieber den Hofhund, als die Marfa geküßt …« und Achinejew erblickte, als er sich umsah, Herrn Msda.

»Wir sprechen von Wanjkin«, sagte er ihm. »So ein Narr! Kommt in die Küche hinein, sieht mich neben der Marfa und denkt sich sofort eine ganze Geschichte aus. ›So, Ihr küßt Euch also?« sagte er. War wohl schon etwas angeheitert! Und ich sag' ihm, daß ich lieber den Truthahn als Marfa geküßt hätte. Verheiratet bin ich auch, sag' ich ihm. So was Dummes! Zum lachen!«

»Was gibt's zum lachen?« fragte im Vorbeigehen der Gymnasial-Pfarrer.

»Der Wanjkin. Ich stehe, wissen Sie, in der Küche und betrachte den Fisch …«

Und so weiter. Im Verlauf einer halben Stunde waren bereits alle Gäste über die Geschichte mit dem Fisch unterrichtet.

»Möge er ihnen jetzt erzählen, so viel er mag!« dachte Achinejew, sich die Hände reibend. »Nur zu! Sobald er anfängt zu erzählen, sage ich ihm gleich: Kannst Dir Dein Blech sparen, mein Freund! Wir wissen es schon alle!«

Und Achinejew war jetzt so sehr beruhigt, daß er sogar vier Gläschen über sein Maß trank. Nach dem Abendessen geleitete er die Neuvermählten ins Brautgemach, legte sich dann zu Bett und schlief vortrefflich. Am andern Tage hatte er die Geschichte mit dem Fisch schon vergessen. Aber wehe! Der Mensch denkt und Gott lenkt. Die böse Zunge that ihre Schuldigkeit und Achinejews Schlauheit erwies sich als machtlos! Genau nach einer Woche, und zwar am Mittwoch nach der dritten Stunde, als Achinejew im Lehrerzimmer stand und sich über die schlimmen Neigungen des Schülers Wissekin aufhielt, trat an ihn der Direktor heran und bat ihn etwas zur Seite.

»Mein bester Herr Achinejew«, sagte der Direktor. – »Sie verzeihen … Es ist zwar nicht meine Sache, aber ich muß Sie doch darauf aufmerksam machen … Es ist meine Pflicht … Sehen Sie, es kursiert in der Stadt das Gerücht, daß Sie mit dieser … mit Ihrer Köchin ein Verhältnis haben … Es geht mich ja nichts an, aber … leben Sie mit ihr, küssen Sie sich … was Sie wollen, aber, ich bitte, nur nicht so öffentlich! Ich bitte Sie! Vergessen Sie nicht Ihren hohen Beruf!«

Achinejew lief es kalt über den Rücken und er verlor die Fassung. Wie von einem Riesenschwarm zerstochen, wie mit siedendem Wasser übergossen, ging er nach Hause. Unterwegs schien es ihm, als wenn ihn die ganze Stadt ansähe, wie einen mit Pech besudelten … Zu Hause erwartete ihn eine neue Unannehmlichkeit.

»Warum ißt du denn nichts?« fragte ihn zu Mittag seine Frau. »Wovon träumst du? Von deiner Liebe? Sehnst dich wohl nach der Marfa? So ein Mohammedaner! Alles weiß ich! Man hat mir die Augen geöffnet! So ein … Barbar!«

Und trach! hatte er eins über die Backe. Er erhob sich vom Tisch und ging wie bewußtlos, ohne Hut und Überzieher, zu Wanjkin. Wanjkin war zu Hause.

»Du Schuft!« wandte sich Achinejew zu ihm. »Wofür hast Du mich vor aller Welt besudelt? Wozu mich verleumdet!«

»Wieso verleumdet? Was bilden Sie sich ein?«

»Wer hat denn den Klatsch erfunden, als hätte ich mich mit der Marfa geküßt? Vielleicht nicht Du? Nicht Du?«

Wanjkin begann mit den Augen zu zwinkern, sein ganzes verlebtes Gesicht geriet in Zuckungen und seine Augen zum Heiligenschrein in der Ecke erhebend, sagte er:

»Straf' mich Gott! Bei meinem Seelenheil; ich habe kein Wort über die Geschichte gesprochen! Daß ich verdammt sei! Daß ich …«

Wanjkins Aufrichtigkeit konnte nicht bezweifelt werden. Es war klar, daß nicht er den Klatsch verbreitet hatte.

»Aber wer denn? Wer?« grübelte Achinejew, sich an die Brust schlagend und alle seine Bekannten der Reihe nach prüfend. »Wer denn?«

Tsss!

Iwan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist mittleren Ranges, kehrt spät in der Nacht heim, ernst und ungewöhnlich konzentriert. Er sieht aus, als erwarte er eine Haussuchung oder als gehe er mit Selbstmordgedanken um. Nachdem er in seinem Zimmer eine Zeitlang auf und abgegangen, bleibt er stehen, wühlt sein Haar auf und spricht im Tone des Laertes, der seine Schwester rächen will:

»Zerschlagen, müde an Leib und Seele, auf dem Herzen drückender Trübsinn, und mußt Dich dennoch hinsetzen und schreiben! Und das nennt man Leben?! Warum hat noch niemand den qualvollen Zwiespalt beschrieben, der einen Schriftsteller martert, wenn er traurig ist und dennoch die Menge amüsieren muß, oder wenn er lustig ist und auf Bestellung Tränen vergießen muß? Ich muß pikant, gleichgültig-kühl, geistreich sein, aber stellen Sie sich vor, daß mich der Kummer drückt, oder daß ich, wollen wir sagen, krank bin, daß mein Kind mir stirbt, meine Frau niederkommt!«

Er spricht das alles, indem er die Fäuste ballt und die Augen rollen läßt … dann geht er ins Schlafzimmer und weckt seine Frau.

»Nadja«, sagt er, »ich setze mich jetzt an die Arbeit … Bitte, daß mich niemand stört. Man kann nicht schreiben, wenn die Kinder heulen und die Köchin schnarcht … Sorge auch, bitte, dafür, daß Tee und … sagen wir, Beefsteak da ist … Du weißt, ich kann ohne Tee nicht schreiben … Tee ist das einzige, was mich während der Arbeit aufrecht erhält.«

In sein Zimmer zurückgekehrt, nimmt er Rock, Weste und Stiefel ab. Diese Prozedur wird sehr langsam bewerkstelligt. Darauf verleiht er seinem Gesicht den Ausdruck gekränkter Unschuld und setzt sich an den Schreibtisch.

Auf dem Tisch gibt es nichts Zufälliges, Alltägliches, und jede kleinste Kleinigkeit trägt den Stempel einer reiflichen Überlegung und eines strengen Programms. Kleine Büsten und Photographien berühmter Schriftsteller, ein Haufen Manuskripte, der aufgeschlagene Band eines Musterkritikers, eine Hirnschale, die als Aschenbecher dient, ein Zeitungsblatt, nachlässig zusammengefaltet, aber so, daß man eine mit blauer Bleifeder umrandete Stelle sieht, neben welcher in großen Zügen die Randbemerkung »gemein« prangt. Daneben liegen ein Dutzend frischgespitzter Bleistifte und Federhalter mit neuen Federn, die offenbar der Möglichkeit vorbeugen sollen, daß irgend ein äußerer Einfluß oder Zufall, wie z. B. eine verdorbene Feder, auch nur auf eine Sekunde den freien schöpferischen Flug unterbreche …

Krasnuchin wirft sich auf die Lehne des Stuhls zurück und vertieft sich mit geschlossenen Augen in sein Thema. Er kann hören, wie seine Frau mit den Pantoffeln schlurft und die Späne für den Samowar schlägt. Sie ist noch nicht ganz wach, was man daraus schließen kann, daß der Samowardeckel und das Hackmesser ihr immerwährend aus den Händen fallen. Bald läßt sich das Summen des Samowars und das Knistern der Butter beim braten vernehmen. Die Frau hört mit dem Späneschlagen nicht auf und klappert immerfort mit der Ofentür.

Plötzlich fährt Krasnuchin zusammen, öffnet erschrocken die Augen, und beginnt mit der Nase in der Luft umherzuschnuppern.

»Mein Gott, Ofendunst!« stöhnt er auf, die Stirn leidvoll runzelnd. »Dunst! Dieses unerträgliche Weib hat sich die Aufgabe gestellt, mich zu vergiften. Nun sagt mir doch einer, wie ich unter solchen Umständen schreiben kann?!«