Erzählungen, Band 2 - Felix Dahn - E-Book

Erzählungen, Band 2 E-Book

Felix Dahn

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Beschreibung

Inhalt dieses Bandes: Reinhart und Fatme. Aus der Vendée. Ernst und Frank. "Bhüat Gott auf die längere Zeit." Dahns Popularität gründete vor allem auf den historischen Romanen, die sich in den Gründerjahren des Deutschen Reiches außerordentlicher Beliebtheit erfreuten.

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Erzählungen, Band 2

Felix Dahn

Inhalt:

Felix Dahn – Biografie und Bibliografie

Reinhart und Fatme.

Erstes Kapitel. Der Überfall.

Zweites Kapitel. Heiße Liebe.

Drittes Kapitel. Warnungen.

Viertes Kapitel. Liebesproben.

Fünftes Kapitel. Der Ausgang.

Aus der Vendée.

I.

II.

III.

IV.

Ernst und Frank.

I. Die Ankunft.

II. Winterleben.

III. Frühlingsfreuden.

IV. Ein Gewitter.

V. Krisen

VI. Ausklang.

"Bhüat Gott auf die längere Zeit."

I.

II.

III.

IV.

Erzählungen 2, F. Dahn

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849608828

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Felix Dahn – Biografie und Bibliografie

Rechtsgelehrter, Geschichtsforscher und Dichter, geb. 9. Febr. 1834 in Hamburg, verstorben am 3. Januar 1912 in Breslau. Studierte 1849 bis 1853 in München und Berlin Rechtswissenschaft, Philosophie und Geschichte und habilitierte sich 1857 in München als Dozent für deutsches Recht, wurde 1862 außerordentlicher Professor daselbst, 1863 ordentlicher Professor in Würzburg, 1869 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München, 1872 Mitglied des Gelehrtenausschusses des Germanischen Museums in Nürnberg und ordentlicher Professor für deutsches Recht in Königsberg, von wo er 1888 an die Universität Breslau berufen wurde. 1885 ward er zum Geheimen Justizrat ernannt. Als juristischer Schriftsteller hat sich D. bekannt gemacht durch folgende Arbeiten: "Über die Wirkung der Klagverjährung bei Obligationen" (Münch. 1855), "Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile" (das. 1857), "Das Kriegsrecht" (Würzb. 1870), "Handelsrechtliche Vorträge" (Leipz. 1875), "Deutsches Rechtsbuch" (Nördling. 1877), "Deutsches Privatrecht" (Leipz. 1878,1. Abt.), "Die Vernunft im Recht" (Berl. 1879), "Eine Lanze für Rumänien" (Leipz. 1883), "Die Landnot der Germanen" (das. 1889). Auch besorgte er die 3. Ausgabe von Bluntschlis "Deutschem Privatrecht" mit selbständiger Darstellung des Handels- und Wechselrechts (Münch. 1864). Von seinen geschichtlichen Arbeiten sind hervorzuheben: die Monographie "Prokopius von Cäsarea" (Berl. 1865) und das umfassend angelegte rechtsgeschichtliche Werk "Die Könige der Germanen" (Bd. 1–6, Münch. u. Würzb. 1861–71; Bd. 7–9, Leipz. 1894–1902), ferner: "Westgotische Studien" (Würzb. 1874); "Langobardische Studien" (Bd 1: Paulus Diakonus, 1. Abt., Leipz. 1876); "Die Alamannenschlacht bei Straßburg" (Braunschw. 1880); "Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker" (Berl. 1881–90, 4 Bde.); "Geschichte der deutschen Urzeit" (als 1. Band der Deutschen Geschichte in der "Geschichte der europäischen Staaten", Gotha 1883–88). Von Wietersheims "Geschichte der Völkerwanderung" bearbeitete D. die zweite Auflage (Leipz. 1880–81, 2 Bde.). Seine kleinen Schriften erschienen gesammelt u. d. T.: "Bausteine" (1.–6. Reihe, Berl. 1879–84). Sehr umfangreich ist auch Dahns belletristische Produktion, in der er zumeist altgermanische Stoffe mit modernem Leben verbrämt und eine entschieden nationale Gesinnung zur Schau trägt. Seine gründlichen historischen Studien kamen dem Dichter zu gute. Weitaus das beste dieser Werke war der erste historische Roman "Ein Kampf um Rom" (Leipz. 1876, 4 Bde.; 31. Aufl. 1901). Ihm folgten: "Kämpfende Herzen", drei Erzählungen (Berl. 1878; 6. Aufl., Leipz. 1900); "Odhins Trost" (1880, 10. Aufl. 1901); "Kleine Romane aus der Völkerwanderung" (1882–1901, 13 Bde., und zwar: 1. "Felicitas", 2. "Bissula", 3. "Gelimer", 4. "Die schlimmen Nonnen von Poitiers", 5. "Fredigundis", 6. "Attila", 7. "Die Bataver", 8. "Chlodovech", 9. "Vom Chiemgau", 10. "Ebroin", 11. "Am Hofe Herrn Karls", 12. "Stilicho", 13. "Der Vater und die Söhne", von denen die meisten in einer Reihe von Auflagen vorliegen); hierzu kommen: "Die Kreuzfahrer", Erzählung aus dem 13. Jahrh. (1884, 2 Bde.; 8. Aufl. 1900); "Bis zum Tode getreu", Erzählung aus der Zeit Karls d. Gr. (1887, 15. Aufl. 1901); "Was ist die Liebe?" (1887,6. Aufl. 1901); "Frigga's Ja" (1888, 2. Aufl. 1896); "Weltuntergang", geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 n. Chr. (1889); "Skirnir" (1889); "Odhins Rache" (1891, 4. Aufl. 1900); "Die Finnin" (1892); "Julian der Abtrünnige" (1894, 3 Bde.); "Sigwalt und Sigridh" (1898); "Herzog Ernst von Schwaben" (1902), sämtlich in Leipzig erschienen. Ferner schrieb D. die epischen Dichtungen: "Harald und Theano" (Berl. 1855; illustrierte Ausg., Leipz. 1885); "Sind Götter?. Die Halfred Sigskaldsaga" (Stuttg. 1874; 7. Aufl., Leipz. 1901); "Die Amalungen" (das. 1876); "Rolandin" (das. 1891). Seine dramatischen Werke sind: "Markgraf Rüdiger von Bechelaren" (Leipz. 1875); "König Roderich" (1875, u. Ausg. 1876); "Deutsche Treue" (1875,3. Aufl. 1899); "Sühne" (1879,2. Ausg. 1894); "Skaldenkunst" (1882), und die Lustspiele: "Die Staatskunst der Frau'n" (1877) und "Der Kurier nach Paris" (1883); endlich das Festspiel "Funfzig Jahre" (1962, sämtlich Leipzig). Auch verschiedene Operntexte hat D. verfaßt: "Harald und Theano" (Leipz. 1880, nach seiner epischen Dichtung); "Armin" (das. 1880, Musik von Heinrich Hofmann); "Der Fremdling" (das. 1880); "Der Schmied von Gretna-Green" (das. 1880). Desgleichen war D. als Lyriker rege tätig: auf seine "Gedichte" (Leipz. 1857; 2. durchgesehene Auflage u. d. T.: "Jugendgedichte", das. 1892) folgten: "Gedichte, 2. Sammlung" (Stuttg. 1873, 2 Bde.; 3. Aufl., Leipz. 1883); dann: "Zwölf Balladen" (das. 1875); "Balladen und Lieder", 3. Sammlung der "Gedichte" (das. 1878, 2. Aufl. 1896); 4. Sammlung, mit seiner Gattin Therese (das. 1892); 5. Sammlung ("Vaterland", das. 1892); endlich eine "Auswahl des Verfassers" (das. 1900). Außerdem sind zu nennen Dahns Schriften: "Moltke als Erzieher" (5. Aufl., Bresl. 1894) und die sehr breiten "Erinnerungen" (Leipz. 1890–1895,4 Bücher in 5 Bänden). Seine "Sämtlichen Werke poetischen Inhalts" erschienen Leipzig 1898–1899 in 21 Bänden; neue Folge 1903ff. Mit seiner Gattin Therese (gebornen Freiin von Droste-Hülshoff, geb. 28. Mai 1845 in Münster) verfaßte er: "Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen" (12. Aufl., Leipz. 1898). Von ihr allein erschien noch mit einer Einleitung des Gatten: "Kaiser Karl und seine Paladine. Sagen aus dem Karlingischen Kreise" (Leipz. 1887).

Reinhart und Fatme.

Erstes Kapitel. Der Überfall.

– "Was giebt's hier? – Deutsche Hiebe!"Fiesko

Wenige Tagereisen hinter Antiochia, da, wo die letzten Ausläufer des Gebirges sich in die große syrische Sandebene verlieren, liegen einander zwei kleine Hügel in naher Nachbarschaft gegenüber, so daß sie eine Art Engpaß bilden, der von den Arabern der Umgegend ›die Pforte der Wüste‹ genannt wird. Der heiße Atem dieser nachbarlichen Wüste läßt keinen saftigen Pflanzenwuchs dort aufkommen; nur die begnügsamen zähen Stauden des syrischen Heidekrauts überziehen die Höhen.

Eine schlanke Cederpalme ragt einsam auf des steileren Hügels Gipfel, ihre plastische Gestalt scharf abzeichnend in dem hellen fast immer blauen Himmel und nur manchmal träumerisch die gefiederten Blätter im Winde leise bewegend.

Hinter diesem Hügel lagerte eine Schar von etwa fünfzig Gewaffneten, lauernd und sorgfältig verhütend, daß die Spitzen ihrer Speere oder ihre hellen Helme über die bergende Erhöhung hinaus blitzten. Wann einer der Reisigen dies versah, ward er rasch und kräftig von einem der drei Ritter, die den Zug führten, zur Vorsicht gemahnt. Das rote Kreuz auf der linken Schulter ihrer Waffenröcke bezeichnete sie als zu dem Heere gehörig, das unter dem frommen Gottfried soeben Antiochien erobert, die zu spät eingetroffenen Entsatztruppen des türkischen Feldherrn Korboga geschlagen und nun unter schweren Leiden den Zug durch die Wüste nach seinem heiligen Ziel angetreten hatte.

Nur mühevoll und äußerst langsam konnten die ›Franken‹, unkundig des Weges, ungewohnt des Klimas und der Wüstenfahrt, im feindlichen Land, überall von den kühnen und schlauen Feinden umschwärmt, vorrücken.

Schon viele Tausende der Kreuzfahrer waren auf dem kurzen Wege von Antiochia den Beschwerden des Zuges und den Listen der Araber erlegen, Beutesucht, Abenteuerlust und ungemessener Kampfdurst verleiteten gar oft die Ritter, sich in kleinen Zügen von der Straße des Hauptheeres hinweg in das Innere des Landes zu wagen und selten, fast nie kamen diese Streifzügler glücklich ins Lager zurück; sie ließen sich von verstellter Flucht der saracenischen Reiter oder von scheinbar günstiger Beutegelegenheit weit von dem Heere hinweglocken, bis sie, in einen Hinterhalt der überlegenen Feinde geraten, kläglich und ohne Nutzen für den großen Zweck des Zuges untergingen. Die Macht der Christen schmolz täglich mehr zusammen und drohte, tropfenweise zu verbluten.

Deshalb verbot der Herzog von Lothringen, der ohnehin seine liebe Not hatte, das aus den trotzigen, hochmütigen Edelleuten so vieler Völker locker zusammengefügte Heer nur einigermaßen in Frieden beisammenzuhalten, diese vereinzelten Streifzüge der Ritter aufs strengste. Er hatte sogar ein von allen Fürsten des Heeres beschworenes Kriegsgesetz erwirkt, daß jeden der Tod treffen solle, der auf eigene Faust von dem Zuge des Heeres sich entferne.

Allein auch diese blutige Drohung schreckte die kampflustigen Ritter nicht ab; sie wußten, daß im Fall ihrer glücklichen Wiederkehr, mit Sieg und Beute die Strafvollziehung an der allgemeinen Gesinnung des Heeres kräftigem Widerstand begegnete.

So war auch dieser Streifzug ohne Wissen und Willen des Oberfeldherrn unternommen worden. Vor einigen Tagen war ein arabischer Überläufer zum Christenheer geflohen und hatte dort die deutschen Ritter, auf deren Abteilung er zufällig gestoßen war, aufgefordert, einen alten Emir, der aus der von den Franken beherrschten Nähe von Antiochien mit einer reizenden Tochter und mit vielen reichen Schätzen auf Kamelen durch die Wüste in das Innere der Gebirge flüchten wolle, auf seinem Zug zu überfallen; die Schilderungen, die er von der Beute machte, hatten bald Teilnehmer für das Abenteuer gewonnen und Mustapha selbst erbot sich, sie an den besten, gelegensten Ort zu führen. Er war es auch, der mit der größten Ungeduld immer wieder hinter dem Stamme der Palme hervor nach der Richtung spähte, in der man die Karawane erwartete.

Die drei Ritter lagen auf ihren Mänteln in dem Schatten, den ihre gesattelt und gezäumt harrenden Rosse warfen, die mit wenig Behagen die trockenen Ranken des Heidekrautes benagten.

Der älteste unter jenen, ein stämmiger Westfale mit trunkgerötetem Antlitz und feistem Wanst, der am meisten unter der glühenden Hitze des arabischen Mittags zu leiden schien, war in Schlaf verfallen und schnarchte gewaltig.

Der jüngste dagegen, der kaum zwanzig Jahre zählen mochte, lag in sinnender Betrachtung seiner kunstvoll und reich gestickten himmelblauen Schärpe, deren goldene Fransen er langsam durch die Finger gleiten ließ. Mit einem fast schüchternen Blick schaute er um sich: als er sich unbeachtet sah, preßte er die Stickerei rasch an die Lippen und strich sich dann, wie in träumerischer Weltvergessenheit, die hellen blonden Locken aus dem Gesicht, die ihm in langen Ringen bis auf die Schulter wallten.

Der dritte, ein Jüngling von etwa fünfundzwanzig Jahren, dem sein schlanker Wuchs und das kurzlockige kastanienbraune Haar ein kühnes Ansehen gaben, das der feurige Blick des dunkeln Auges verstärkte, schien die Ungeduld des arabischen Spähers oben auf dem Hügel am lebhaftesten zu teilen. Sein Anzug war nicht so zierlich wie der des jüngsten, und mehr kriegerisch knapp als der des ältesten seiner Genossen. Er griff bald an das Schwert in der Scheide, bald an den Dolch im Gurt und rief endlich, indem er klirrend aufsprang und auf einen fern am Horizont auftauchenden Schatten hinwies: "Sie kommen!"

Auf dies Wort geriet die ganze Schar in Bewegung; die Gelagerten richteten sich auf und ergriffen ihre Waffen, Mustapha aber eilte von dem Hügel herunter, winkte ihnen, innezuhalten, und warf sich auf die Erde, das Ohr fest auf den trockenen Sand pressend. Nach kurzem Lauschen sprang er auf und rief, die Gefährten beschwichtigend. – "Sie sind es nicht!"

"Wie?" rief der mittelste der Ritter, der schon im Sattel seines Brabanter Rappen saß. "Ich sah deutlich flüchtige Schatten vieler Gestalten im Norden auftauchen – da, ich sehe sie noch dahinschweben." – "Es ist ein Rudel flüchtiger Gazellen. Ich habe ihren leichten Galoppsprung deutlich erkannt: das ist nicht der gleichmäßige Schritt des Kamels der Karawane. Der Wüstensand trägt die Erschütterung so weit – es sind aufgeschreckte Gazellen! Seht, der Schattenzug nimmt seine Richtung seitwärts, nicht hierher. Doch vielleicht sind sie die Vorboten des Zuges, der sie aufgescheucht haben mag." "Plagt dich der üble Höllenwirt, Reinhart!" schrie der dicke Westfale dem jungen Ritter zu, der mißmutig von seinem Tiere sprang, "daß du ehrliche Leute aus ihrem Mittagsschlaf aufschreckst mit deiner thörichten Kinderfreude auf harte Hiebe? Ach, mir träumte so schön! Ich lag im tiefsten Altkeller meines Schlosses bei Paderborn unter dem Spundloch des edelsten Fasses und sperrte den Rachen auf und ließ mir den vollen Strahl Rheinwein in die Gurgel rinnen. Und du weckst mich auf zur Glut dieses ausgetrockneten heidnischen Backofens." "Mich wundert schon lange, Herebrant, wie Ihr dazu gekommen seid, das Kreuz zu nehmen," entgegnete lachend der Gescholtene. "Was hat Euch hinter Euren alten Rheinweinfässern hervorzutreiben vermocht?" Das rote lustige Gesicht Herebrants legte sich plötzlich in finstere Falten, er schlug ein ungeschlachtes Kreuz, daß sein Harnisch klirrte und murmelte dabei: "Stauf, das verstehst du nicht. In deinem Alter, du junger Schlagetot, und bei deinem heißen Blut bedurfte es freilich nichts als dir zu sagen: ›die Damascenersäbel der Araber sind schärfer als unsere blauen Kölner Klingen,‹ um dir die Haut zu kitzeln und dich vom Rhein an den Jordan zu treiben. Ich aber," fuhr er ernster fort, "ich bin hier ins gelobte Land gezogen, – es ist eigentlich recht und billig, daß Ihr's wißt, damit Ihr mich danach mögt lieb behalten oder laufen lassen – ich bin hier, weil ich ein Pfäfflein erschlagen habe!" Reinhart blieb ruhig bei diesen Worten und warf nur einen raschen Blick seiner dunklen Augen auf Herebrant. Der Blondlockige aber fuhr einen Schritt zurück und rief: "Wie? Herebrant von Tiefentrunk ein Mörder?" – "Mord? Nein, bei Sankt Hubertus, beruhige dein blondes, bleichsüchtiges Gewissen, Arnold von Lichtenau! Ich brauchte dem Kerl nicht von hinten zu kommen, der um den Bauch nicht so dick war als ich um den Hals. Kein Mord, ehrlicher Totschlag in ehrlichem Zorn und Rausch. Zudem – es liegt bei uns im Blut. Bin ich doch nicht der Namengeber des Hauses Tiefentrunk: – ich muß trinken, weil meine Väter getrunken haben. Hätte mein Vater dem feurigen Hubertusberger nicht so zugesprochen, – das Pfäfflein möchte heute noch leben und Messe singen und ich säße nicht unter dem Palmbaum der Wüste." "Wie seid Ihr zu dem Unglück gekommen?" fragte Arnold noch immer befremdet. "Ei, in Hitze und Hast, dem bösen Gast. Ich lag zu Paderborn in der Stadt, das Pfingstfest dort zu feiern. Heiß glühte die Sommersonne auf die alten Dächer, ich floh mit ein paar Gesellen in den kühlen luftigen Keller des Bischofs; am Samstag vor Pfingsten stiegen wir hinunter und nicht mehr vom Fleck gerührt bis die Feiertage schier um waren; wir haben Messe vertrunken und Hochamt. Da kam am Pfingstmontag Abend der Burgpfaff von Paderborn und wollte uns aufstöbern, schalt uns und schmähte, und meinte, wir sollten wenigstens jetzt noch die Vesper hören. Wir blieben sitzen, lachten und tranken; ich wies auf ein riesig Altfaß von köstlichem Hubertus und sagte: ›Pfäfflein, bis das Faß nicht leer ist, rühr' ich mich nicht vom Fleck, und ob alle himmlischen Heerscharen Vesper sängen in Paderborn.‹ Da ward das kleine Männlein ganz zornig und schrie: ›Fahr aus, du Weinteufel!‹ und denkt euch! sprang auf das Faß zu und riß den Spundhahn heraus, daß der edle Saft armsdick auf die Kellersteine schoß; das zürnte mich mächtig, daß der Tropf die gute Gottesgabe so vergeudete; und der Wein von den drei Tagen ward auch heiß in meinem Kopf, und ich warf dem Pfäfflein den steinernen Humpen an die Schläfe, daß es hinfiel und nicht mehr aufstand. Mir that's leid, sowie's geschehen: denn es war ein gar frommer und gelehrter Herr.

Meine Freunde aber rissen mich herauf in den Hof und gaben mir einen Gaul, und ich jagte durch die Stadt, die Meßkrämer rührten die Blutglocke, die Weiber warfen mir, als ich über den Markt sprengte, ihre Töpfe nach und alle Straßenjungen und alle Hündlein von Paderborn sprangen schreiend und bellend hinter mir drein. Aber ich spornte mein Rößlein und jagte zum Petersthor hinaus, ehe der Wärter das Fallgitter herabwerfen konnte, und fort auf meine Burg.

Der Herzog in Sachsen nun hatte nicht viel Aufhebens gemacht von der Sache, wie er denn ein ritterlicher und gerechter Herr ist. Aber unsere heilige Mutter, die Kirche, und die Herren von der Tonsur, die gaben nicht nach; sie luden mich nach Paderborn dreimal und als ich natürlich nicht kam, da ruhten sie nicht, bis ich in des Reiches Acht und Aberacht lag und mit ihrem Kirchenbann gaben sie der Suppe das Salz. Und dauerte nicht lang, lagen die Achthelfer zu dreihundert Mann, lauter Bürger von Paderborn, vor meiner guten Burg, und wollten mich heraustreiben mit Feuer und Schwert, wie man den alten Fuchs aus seinem Bau brennt, und der fromme Bischof von Paderborn trieb selbst seine Beichtkinder zum Sturm auf meine morschen Wälle und ritt ihnen voran, den Psalter in der Linken und den Streitkolben in der Rechten. Da ging's uns nachgerade hart, mir und den Meinen; wir hatten nichts mehr zu beißen als unsere Lederwämser und nichts zu trinken als Cisternenwasser. – Pfui Teufel! – Und konnte mich doch nicht ergeben an die Kittelschneider von Paderborn. Da, zu meinem Glück, ging durch alles Land das Geschrei vom heiligen Grab und seiner Not und wie Papst und Kaiser Bann und Acht losten, wenn einer gegen die Heiden zöge nach Morgenland. Da nahm ich mit meinen Gesellen das Kreuz. Und der Bischof ließ mich ziehen mit seinem Segen. Doch mußte ich vorher mein Schloß und Gut mit Wasser und Weide, mit Wunn und Wald, mit Höfen und Hufen Unserer Lieben Frau zu Paderborn für den Fall meines Todes im Morgenlande verschreiben; und der dürre Saracene, der mich einmal auf seine Lanze spießt, der ahnt nicht, daß er sich den Dank des Marienstifts in Alt-Paderborn daheim erwirbt." "Alter Freund," sprach Reinhart und schritt auf ihn zu, "du bist mir nicht minder wert ob deines Unglücks; mir ist, dergleichen könnte jedem von uns begegnen. Aber das schwöre ich dir, du ehrliche Haut: der Heide, der dich totschlagt, erschlägt auch mich – oder ich ihn." Er schüttelte ihm die Hand.

Herebrant war gerührt: "Gott lohn' dir deine Treu', du wackrer Junge." Auch Arnold trat hinzu: "Verzeiht mir, Tiefentrunk: ich will Euch wohl, wenn ich auch Eure Art nicht verstehe und nicht teile; ich bin von anderem Stoff als ihr beiden." "Oho," lachte der Alte, "Reinhart wird sie nicht Wort haben wollen, die Ähnlichkeit mit mir, der junge Wanderfalk mit mir alten Rohrdommel. Du bist ein guter Bursch, aber noch gar jung; und die verfluchte Verliebtheit, die macht dich gar zu fein; willst immer hübsch gelinde fahren in dieser harten Welt und weißt noch nicht recht, was für ein starkes Ding das Blut ist im Menschen. Wie kamst du in deinen jungen Tagen schon soweit vom Nest? Bist ja kaum flügge." Der Jüngling errötete, er schien, unentschlossen, zu bedenken, ob er auf die Frage Auskunft geben solle. Endlich strich er mit einer anmutigen Bewegung die gelben Locken aus der Stirn und begann: "Und warum auch ihr Freunde, solltet ihr nicht wissen, was mein Herz bewegt? Ich denke, meine Aufrichtigkeit soll mir nicht schaden, sie soll mir nützen in eurer Meinung; ihr werdet es hinfort leichter begreifen und entschuldigen, wenn ich träumerisch bin und achtlos meiner Umgebung. In wenigen Worten ist mein Los erzählt: mich führte die fromme Pflicht der Liebe her.

Vom Knaben auf liebte ich die Gespielin meiner Kindheit, das holdseligste Mädchen des blühenden Frankenlandes, Anna von Rineck; nachbarlich grüßten sich die Burgen unserer Väter; doch ach, unsere Herzen trennte ein unzerbrechlicher Riegel: ein Gelübde, wodurch Annas Mutter in tödlichen Geburtsschmerzen ihr Kind der heiligen Anna verlobte, wenn diese durch ihre mächtige Hand beider Leben erhalten wollte; Mutter und Kind genasen aus der Gefahr und Anna ward dem Kloster geweiht; vergebens alle Bemühungen unserer Eltern, die unsere Liebe entdeckten und mit Freude billigten, die geistlichen Bande zu lösen. Die Äbtissin wies jeden Loskauf zurück und bestand auf Erfüllung des Gelübdes; schon war Annas achtzehnter Geburtstag nahe herangekommen, der Tag, der ihr Haupt mit dem Schleier umhüllen, – sie meinen Augen auf ewig entziehen sollte. Da drang auch in unsere grünen Hügel die Predigt von dem heiligen Grab und wie der heilige Vater zu Rom Dispens und Ablaß jedem spende, der da pilgern wollt' ins Morgenland und mit den Saracenen kämpfen. Wir trugen dem Generallegaten des Papstes den Fall jenes Gelübdes vor, er schrieb nach Rom und bald kam der Bescheid zurück: ,Die heilige Anna verzichtet auf ihr Recht zu gunsten des Heilands und seines Grabes. Der Jüngling ziehe ins Morgenland und lege die blonde Stirnlocke seiner Geliebten auf das befreite Grab zu Jerusalem. Damit sei das Gelübde gelöst und er kehre heim und freie seine Braut; diese aber harre seiner im Sankt Annakloster und fällt er im Morgenland, so muß sie ihr Gelübde erfüllen und beider Erbe verfällt dem Stift. –‹ Der Kaiser erließ mir die fehlenden Jahre, er schlug mich zum Ritter und so brach ich auf ins Morgenland; in diese blaue Schärpe eingenäht trag' ich die heilige Locke der Geliebten; und ihr werdet nun die stille Sehnsucht mir vergeben, die mich so oft beschleicht; viel teure Augen härmen sich um mich daheim, und es ist billig, daß ich den Seufzern Antwort gebe, die jeder Abendwind mir aus dem fernen Franken bringt."

"Armer Junge!" sprach Herebrant, ihm die Hand reichend. "An Eurer Stelle," lachte Reinhart, "hätte ich die blonde Anna zuerst gefreit und erst nach der Hochzeit mich auf die lange Reise gemacht." "Man sieht, Stauf," erwiderte Arnold verletzt, "daß Ihr das Wesen der echten Minne nicht kennt. Sonst wüßtet Ihr, daß es mich selig macht, eine Probezeit opfernder Entsagung zu bestehen; nun und nimmer kann ja sündiger Mann wie wir die Liebe reiner Frauen verdienen. Und wird sie auch niemals mein, – ich weiß, sie liebt mich: mein war der erste Dufthauch ihrer aufgeknospten Seele: – gleichviel, ob ich die Blume pflücke oder nicht, – für mich hat sie geblüht, das ist mir genug. Doch was red' ich zu Euch! Ich weiß, Ihr verachtet die Frauen und hasset die Minne."

"Ich pflege nicht zu verachten und zu hassen, was ich nicht kenne und niemals kennen lernen will!" sagte Reinhart kurz und wandte sich von den Genossen, wieder seinen Späherplatz unter der Palme einnehmend. "Oho," rief ihm Herebrant nach, "nur nichts verschwören, du wilder Fall. Du findest auch noch die weiche, weiße Hand, die dich kirre macht und dir das stolze Flügelschlagen abgewöhnt. Die Minne ist der Engpaß, durch den jeder muß, der ein echter Mann werden will. Man muß nur nicht drin stecken bleiben, wie unser Freund Arnold. Sie ist eine Kinderkrankheit, über die man lachen darf, wenn man sie bestanden hat, wie ich; du jedoch, du hast kein Recht, darüber zu lachen; in deinen dunkeln Augen schläft ein Funke, der giebt einen Höllenbrand, wird er entzündet. Aber sprich: weshalb hast du den rauschenden Rhein vertauscht mit dem schleichenden Jordan?" Reinhart achtete der Frage nicht: – er sah, die gepanzerten Arme auf der Brust gekreuzt, scharf nach dem Feinde aus. "Ich will's euch sagen, ihr Herren," sprach der alte Knappe, der bisher schweigend dem Gespräch der drei Ritter gelauscht und nun näher kam; "ich will's euch nur sagen. Denn von meinem stolzen Eisensohn da oben erfahrt ihr doch nichts. Er liebt die Worte nicht." – "Aber Ihr liebt sie desto mehr, Gottschalk, wenn Ihr von Eurem jungen Herrn reden könnt! Nun, nur zu, lobt ihn nur. Denn bei Euch ist von ihm sprechen und ihn loben eins." "Bin nicht der einzige darin, Ritter Herebrant," schmunzelte der Alte. "Niemand sucht die Gunst der Menschen weniger, als mein Reinhart und niemand findet sie so reich auf allen seinen Wegen. Aber er verdient es auch, mein Reinhart mit seinem goldigen Herzen! Keiner kennt ihn so wie ich; ich habe ihn erzogen von klein auf, ich habe ihm den ersten Pfeil geschnitzt, habe ihn zuerst mit heimlich aufs Pferd gesetzt und zur Jagd geführt ohne Wissen der seligen Gräfin. War eine schöne Frau, die Gräfin. Ich sehe es noch heute, wie Graf Stauf, der tapfere Ghibelline, für Kaiser Heinrich Piacenza eroberte, das die zähen Colonnas, die stolzen Guelphen, drei Monate lang verteidigt hatten. Nachdem der alte Colonna bei einem Ausfall erschlagen worden, führte seine zwanzigjährige Tochter Fiammetta die Belagerten; und als wir endlich die Mauern erstiegen, fand sie Graf Stauf auf dem höchsten Turm mit Banner und Schwert. Er entriß ihr die Waffen und nahm sie gefangen. Acht Wochen später war sie sein Weib und saß am blauen Rhein auf Staufenberg. Von ihr hat unser Reinhart das dunkle Haar und das heiße Blut. Sie erzog ihn allein, denn den Vater verlor er früh. Von ihm hat er das weiche Herz, – das Gemüt wie ein Kind. Aber das trotzige, welsche Blut schämt sich der guten, milden Art, er will nichts hören von seiner eigenen Empfindung, er stellt sich böser und härter als er ist. Nur gegen die Weiber, – da ist er wirklich spröd und hart; hat aber auch seinen guten Grund: hat ihm noch keine von unseren helllockigen Edelfräulein gefallen wollen. Die Mutter drängte ihn oft schon zur Freite, weil sie dachte, ein holdes Weib würde ihn am leichtesten zu Hause halten und ihm die feurige Kriegslust austreiben, die ihn alle Fehden vom ganzen Reich mitfechten hieß, die ihn gar nichts angingen. Aber wann er heimkam von den Festspielen und Turnieren, wo gar manches schöne Auge den spröden Eisenritter verfolgte, der allein keiner Dame Farben und Schärpe trug und der so oft den Siegesdank mit ruhigem Herzen aus einer zitternden Fräuleinshand nahm, – wann er da heimkehrte und ihn die Mutter fragend ansah, da schüttelte er stolz die krausen Locken und wies auf die nachtlockigen Italienerinnen, die in dem Ahnensaal des Schlosses hängen, die weibliche Sippe seiner Mutter, von welschen Meistern mit glühenden Farben auf Goldgrund oder Elfenbein gar prachtvoll gemalt, weit schöner als unsere Meister es können zu Mainz; auf diese schwarzen Dominä wies er und lachte: ›Ehe nicht eine unter diesen heruntersteigt von der Wand, siehst du keine Schwiegertochter, Mutter! Mir ist, diese Wachsgebilde aus dem Elsaß und aus Schwaben müßten zerschmelzen bei meinem ersten Kuß. Sie langweilen mich mit ihren Taubenseelen.‹