Es ist, wie's ist - Lydia Davis - E-Book

Es ist, wie's ist E-Book

Lydia Davis

0,0

Beschreibung

Bereits in ihrem ersten Buch beweist Lydia Davis ihre große Meisterschaft in der kleinen Form. Sie betrachtet auf ihre trocken-humorige und so intelligente Art das, was zwischen uns und in uns selbst vorgehen kann. Auch noch so kleine Feinheiten und Details des Lebens entdeckt Davis und schenkt ihnen besondere Bedeutung. Eine Vielzahl an unterschiedlichsten Lebenssituationen und menschlichen Eigentümlichkeiten findet sich in den Stories, erzählt mit einem präzisen, klaren Blick: Alltagsspleens und -ängste, eben »ein paar Dinge, die mit mir nicht in Ordnung sind«; ein Kassensturz über eine beendete Beziehung; eine Mutter, die mit ihrer Tochter nie zufrieden ist; eine Kriminalgeschichte, die als Französischsprachkurs getarnt ist; das Rätsel, was es wirklich mit dem Brief eines Ex-Freundes auf sich hat; »Auszüge aus einem Leben«, die einen ganzen Lebensverlauf im Schnelldurchlauf erzählen – und so vieles mehr. Mit "Es ist, wie’s ist" liegt jetzt das 1986 erschienene Debüt von Lydia Davis’ großartiger Kurzprosa auf Deutsch vor – und somit sind die Collected Stories dieser Ausnahmeautorin vollständig übersetzt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lydia Davis

Es ist, wie’s ist

Stories

Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer

Literaturverlag Droschl

Story

Ich komme von der Arbeit nach Hause und finde eine Nachricht von ihm vor: dass er nicht kommt, dass er zu tun hat. Er wird wieder anrufen. Ich warte darauf, von ihm zu hören, dann, um neun, fahre ich zu seiner Wohnung, entdecke seinen Wagen, aber er ist nicht zu Hause. Ich klopfe an seine Wohnungstür,danach an alle Garagentore, weil ich nicht weiß, welches seines ist – keine Antwort. Ich schreibe eine Nachricht, lese siedurch, schreibe eine neue Nachricht und stecke sie in den Türschlitz. Zu Hause bin ich ruhelos, und alles, wozu ich fähig bin, obwohl es eine Menge zu tun gibt, weil ich amMorgen verreise, ist Klavier zu spielen. Um Viertel vor elf rufe ich wieder an, und er ist zu Hause: Er war mit seiner Ex-Freundin im Kino, und sie ist immer noch bei ihm. Er sagt, er wird zurückrufen. Ich warte. Schließlich setze ich mich hin und schreibe in mein Notizbuch, dass er entweder zu mir kommen wird, wenn er mich anruft, oder aber dass er es nicht tun wird und dass ich wütend sein werde, sodass ich entweder ihn habe oder aber meine Wut, und das wäre vielleicht in Ordnung, denn Wut hat immer etwas sehr Tröstliches, wie ich bei meinem Mann herausgefunden habe. Und dann schreibe ich weiter – in der dritten Person und im Präteritum –, dass sie offensichtlich immer eine Liebe brauchte, selbst wenn es eine komplizierte Liebe war. Er ruft zurück, bevor ich Zeit habe, all das zu notieren. Als er anruft, ist es kurz nach halb zwölf. Bis knapp vor zwölf streiten wir. Alles, was er sagt, widerspricht sich: Zum Beispiel sagt er, er habe mich nicht sehen wollen, weil er arbeiten wollte und weil er mehr allein sein wollte, aber er hat nicht gearbeitet und er war nicht allein. Ich kriege ihn nicht dazu, auch nur einen dieser Widersprüche aufzuklären, und als sich das Gespräch allzu sehr wie die vielen Gespräche mit meinem Ehemann anhört, sage ich Tschüss und lege auf. Ich höre auf aufzuschreiben, was ich aufzuschreiben anfing, obwohl nun offenbar nicht mehr zutrifft, dass Wut etwas ausgesprochen Tröstliches habe.

Nach fünf Minuten rufe ich zurück, um ihm zu sagen, dass mir dieses Hickhack leidtut und dass ich ihn liebe, aber er hebt nicht ab. Fünf Minuten später rufe ich wieder an, weil ich denke, vielleicht ist er in seine Garage gegangen und ist zurück, aber er hebt wieder nicht ab. Ich überlege, ob ich noch einmal hinfahren soll, um nachzusehen, ob er in seiner Garage arbeitet, weil er seinen Schreibtisch und seine Bücher dort hat und weil er zum Lesen und zum Schreiben hingeht. Ich bin in meinem Nachthemd, Mitternacht ist vorbei, und ich muss am nächsten Morgen um fünf aus dem Haus. Trotzdem ziehe ich mich an und fahre die Strecke vonetwaeiner Meile zu ihm. Ich fürchte, dass ich vor seinem Haus andere Autos sehen werde, die ich vorhin nichtgesehen habe, und dass eins davon seiner Ex-Freundin gehört. Als ich die Einfahrt hinunterfahre, sehe ich zwei Autos, die vorher nicht dawaren, und eins von ihnen parkt so nah wie möglich vorseiner Tür, und ich denke, dass sie da ist. Ich gehe um das kleine Gebäude, zur Rückseite, wo sich sein Apartment befindet, und blicke durchs Fenster hinein: Das Licht ist an, aber wegen der halbgeschlossenen Jalousien und wegen der beschlagenen Scheiben kann ich nichts eindeutigerkennen. Aber die Dinge sind in dem Zimmer jetzt irgendwie anders angeordnet als früher am Abend, und davor waren die Scheiben nicht beschlagen. Ich öffne das Fliegengitter und klopfe. Ich warte. Keine Antwort. Ich lasse die Tür mit dem Fliegengitter zufallen und gehe weg, um die Garagen der Reihe nach zu inspizieren. Während ich weggehe, geht die Tür hinter mir auf, und er kommt heraus. Ich kann ihn nicht so gut erkennen, weil es in der schmalen Gasse vor seiner Tür dunkel ist und weil er dunkle Kleidung trägt und weil dasLicht von hinten auf ihn fällt. Er kommt zu mir und legt seine Arme wortlos um mich, und ich denke, dass es nicht etwa wegen seiner starken Gefühle ist, weshalb er nichts sagt, sondern weil er sich zurechtlegt, was er mir sagen will. Er lässt mich los und macht einen Bogen um mich und geht mir voraus zu den Autos, die neben den Garagentoren parken.

Beim Hinausgehen sagt er: »Schau«, und dann meinen Namen, und ich warte darauf, dass er sagt, dass sie hier ist, und auch, dass mit uns alles aus ist. Aber das macht er nicht, und ich habe das Gefühl, dass er tatsächlich vorgehabt hat, so etwas zu sagen oder zumindest zu sagen, dass sie da ist und dass er sich das dann aus irgendeinem Grund anders überlegt hat. Stattdessen sagt er, dass alles, was an diesem Abend falsch gelaufen ist, seine Schuld gewesen sei und es ihm leidtue. Er steht mit dem Rücken an ein Garagentor gelehnt, sein Gesicht im Licht, und ich stehe vor ihm, das Licht in meinem Rücken. Auf einmal umarmt er mich so plötzlich und unerwartet, dass die Glut meiner Zigarette hinter ihm am Garagentor herunterbröselt. Ich weiß, warum wir hier draußen sind und nicht in seinem Zimmer, aber ich frage nicht, bevor nicht alles zwischen uns wieder im Lot ist. Dann sagt er: »Als ich dich anrief, war sie nicht hier. Sie ist später wiedergekommen.« Er sagt, sie sei nur deshalb da, weil ihr irgendetwas Sorgen bereite und dass er der Einzige sei, mit dem sie darüber reden könne. Dann sagt er: »Das verstehst du nicht – oder?«

Ich versuche es auf die Reihe zu kriegen.

Sie sind also ins Kino und danach zu ihm nach Hause, und dann habe ich angerufen, und sie ist weggegangen, und er hat zurückgerufen, und wir haben uns gestritten, und dann habe ich zweimal zurückgerufen, aber da war er weg, ein Bier holen (sagt er), und dann bin ich hinübergefahren, und in der Zwischenzeit war er vom Bierholen zurück, und sie war auch wieder da, und jetzt war sie in seinem Zimmer, weshalb wir uns vor den Garagentoren unterhielten. Aber ist das die Wahrheit? Konnten er und sie tatsächlich in dieser kurzen Zeit zwischen meinem letzten Anruf und meiner Ankunft zu ihm zurückgekommen sein? Oder war es de facto so, dass sie, während er mit mir telefonierte, draußen oder in seiner Garage oder in ihrem Auto wartete und dass er sie dann wieder ins Haus holte und dass er das Telefon bei meinem zweiten und dritten Anruf klingeln ließ, ohne es abzunehmen, weil er von mir und dem Hickhack die Nase voll hatte? Oder ist es in Wahrheit so, dass sie tatsächlich wegfuhr und später tatsächlich zurückkehrte, dass er aber dageblieben war und das Telefon läuten ließ, ohne abzunehmen? Oder ließ er sie vielleicht hinein und ging dann hinaus, um Bier zu holen, während sie drinnen wartete und zuhörte, wie das Telefon läutete? Letzteres ist am unwahrscheinlichsten. Ich glaube sowieso nicht, dass er überhaupt wegen des Biers weggefahren war.

Die Tatsache, dass er mir die ganze Zeit nicht die Wahrheit sagt, verunsichert mich hinsichtlich seiner Wahrhaftigkeit bei anderen Gelegenheiten, und dann versuche ich ganz für mich herauszufinden, ob das, was er sagt, die Wahrheit ist oder nicht, und manchmal kann ich mir ausrechnen, dass es nicht wahr ist, und manchmal weiß ich es nicht, jetzt nicht und auch später nicht, und manchmal bin ich, bloß, weil er es wieder und wieder sagt, davon überzeugt, dass es wahr ist, weil ich nicht glauben kann, dass er die gleiche Lüge so oft wiederholen würde. Vielleicht spielt die Wahrheit keine Rolle, aber ich möchte es wissen, und sei’s auch nur, damit ich Schlüsse aus solchen Fragen ziehen kann, wie: Ist er wütend auf mich oder nicht; und, wenn ja, wie wütend; liebt er sie immer noch oder nicht; und, wenn ja, wie sehr; liebt er mich oder nicht; wie sehr; ist er fähig, mich zu betrügen, auf frischer Tat, und nach der Tat im Drüber-Reden.

Die Ängste von Mrs. Orlando

Die Welt von Mrs. Orlando ist finster. Sie weiß, von wo in ihrem Haus Gefahren drohen: vom Gasherd, von den steilen Stufen, von der rutschigen Badewanne und den schadhaften elektrischen Leitungen. Von manchem, von dem außerhalb ihres Hauses Gefahren drohen, weiß sie, wenn auch nicht von allem, und ihre Unwissenheit macht ihr Angst, und so ist sie ganz versessen auf Informationen über Verbrechen und Katastrophen.

Und auch wenn sie sämtliche Vorsichtsmaßnahmen ergreift, so wird doch keine Vorsichtsmaßnahme ausreichen. Sie versucht gegen plötzlichen Hunger gewappnet zu sein, gegen Kälte, gegen Langeweile und gegen heftige Blutungen. Sie geht nie ohne Verbandszeug, eine Sicherheitsnadel und ein Messer aus dem Haus. In ihrem Auto hat sie, unter anderem, ein Stück Seil und eine Trillerpfeife und obendrein, als Lesestoff, eine Sozialgeschichte Englands, für den Fall, dass sie auf ihre Töchter wartet, deren Shoppen oft eine lange Zeit dauern.

Im Allgemeinen lässt sie sich gerne von Männern begleiten: Sowohl dank ihrer Körpergröße als auch ihrem rationalen Blick auf die Welt bieten sie ihr Schutz. Sie bewundert Klugheit und schätzt Männer, die im Voraus einen Tisch reservieren, und auch solche, die zögern, bevor sie eine ihrer Fragen beantworten. Sie engagiert gerne Rechtsanwälte und fühlt sich sehr wohl im Gespräch mit Rechtsanwälten, weil jedes ihrer Worte durch das Gesetz verbrieft ist. Sie bittet aber lieber ihre Töchter oder eine Freundin, mit ihr zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, als das alleine zu erledigen.

In der Innenstadt hat sie ein Mann in einem Fahrstuhl überfallen. Es war spätabends, der Mann war ein Schwarzer, und sie kannte die Gegend nicht. Damals war sie jünger. Mehre Male wurde sie in einem überfüllten Bus belästigt. Einmal schüttete ihr ein aufgebrachter Kellner nach einem Wortwechsel in einem Restaurant Kaffee über die Hände.

Sie fürchtet, in der Stadt von der falschen U-Bahn unterirdisch ans falsche Ziel gebracht zu werden, aber sie weigert sich, Fremde aus einer unteren Gesellschaftsschicht nach der Richtung zu fragen. Sie geht an einer Menge Schwarzer vorbei, die alle möglichen Verbrechen planen. Jeder x-Beliebige könnte sie ausrauben, selbst eine andere Frau.

Zu Hause telefoniert sie stundenlang mit ihren Töchtern, und das Gesprächsthema ist jedes Mal die Vorahnung einer Katastrophe. Sie zeigt nicht gerne ihre Zufriedenheit, weil sie Angst hat, sie könnte damit eine Glückssträhne unterbrechen. Wenn ihr doch einmal herausrutscht, dass etwas gut laufe, dann senkt sie dabei ihre Stimme und klopft, nachdem sie es gesagt hat, auf ihr Telefontischchen. Ihre Töchter erzählen ihr sehr wenig, weil sie wissen, dass sie an dem, was sie erzählen, etwas Bedrohliches finden wird. Und wenn sie ihr so wenig erzählen, dann fürchtet sie, es sei etwas nicht in Ordnung bei ihnen – ob es nun um ihre Gesundheit oder ihre Ehe geht.

Eines Tages erzählt sie ihnen am Telefon eine Geschichte. Sie war alleine in der Stadt einkaufen. Sie lässt ihren Wagen stehen und geht in ein Stoffgeschäft. Sie sieht sich Stoffe an, kauft nichts, nimmt aber in ihrer Handtasche ein paar Stoffmuster mit. Auf dem Gehsteig sind eine Menge Schwarzer unterwegs, die sie nervös machen. Sie geht zu ihrem Wagen. Als sie ihre Schlüssel hervorholt, packt sie eine Hand unter dem Wagen am Knöchel. Ein Mann hat unter dem Wagen gelegen, und nun packt er sie mit seiner schwarzen Hand an ihrem bestrumpften Knöchel und befiehlt ihr mit einer vom Auto gedämpften Stimme, ihre Handtasche fallen zu lassen und wegzugehen. Sie tut es, obwohl sie sich kaum aufrecht halten kann. Sie wartet an der Mauer eines Gebäudes und lässt ihre Handtasche nicht aus den Augen, aber sie bewegt sich von der Bordsteinkante, auf der sie liegt, nicht weg. Ein paar Leute werfen ihr Blicke zu. Dann geht sie zum Wagen, kniet auf dem Gehsteig nieder und schaut darunter. Sie kann das Sonnenlicht auf der Straße dahinter sehen und am Unterboden ihres Wagens ein paar Rohre: keiner da. Sie hebt ihre Handtasche auf und fährt nach Hause.

Ihre Töchter nehmen ihr die Geschichte nicht ab. Sie fragen sie, weshalb ein Mann wohl etwas so Seltsames tun sollte, noch dazu am helllichten Tag. Sie weisen darauf hin, dass er nicht einfach so verschwunden sein und sich in Luft aufgelöst haben kann. Sie ist außer sich, dass sie ihr nicht glauben, und mag es nicht, wie sie von »helllichtem Tag« und »in Luft auflösen« reden.

Ein paar Tage nach der Knöchelattacke bringt sie ein zweiter Zwischenfall ganz durcheinander. Wie so oft ist sie in ihrem Wagen abends auf einen Parkplatz in Strandnähe gefahren, um bloß da zu sitzen und durch die Windschutzscheibe den Sonnenuntergang zu beobachten. An diesem Abend aber, als sie über den Strandweg hinweg aufs Wasser hinausschaut, sieht sie nicht das friedliche, verlassene Ufer, das sie sonst immer sieht, sondern ein kleines Menschenknäuel, das im Kreis um etwas herum steht, das offenbar im Sand liegt.

Sie ist sofort neugierig, neigt aber irgendwie dazu wegzufahren, ohne den Sonnenuntergang zu betrachten und ohne nachzusehen, was da im Sand liegt. Sie versucht sich auszumalen, was es sein könnte. Wahrscheinlich ist es irgendein Tier, weil die Leute nicht so lange etwas anstarren, es sei denn, es lebte soeben noch oder es lebt immer noch. Sie stellt sich einen großen Fisch vor. Er muss groß sein, weil ein kleiner Fisch nicht interessant ist, auch eine Qualle ist es nicht, weil auch diese klein ist. Sie stellt sich einen Delfin vor oder einen Hai. Es könnte aber auch eine Robbe sein. Höchstwahrscheinlich schon tot, aber sie könnte auch gerade verenden, und dieses Menschenknäuel könnte ihr gespannt dabei zusehen, wie sie verendet.

Jetzt muss auch Mrs. Orlando hingehen, um selbst nachzusehen. Sie nimmt ihre Handtasche und steigt aus dem Wagen, sperrt ihn hinter sich ab, steigt über eine niedrige Betonmauer und sinkt in den Sand. Sie tut sich schwer, als sie in ihren hochhackigen Schuhen und, die Beine weit gespreizt, langsam durch den Sand geht, und hält ihre harte, glänzende Handtasche dabei am Riemen fest, und diese schaukelt wild hin und her. Die Meeresbrise presst ihr das geblümte Kleid, dessen Saum fröhlich um ihre Knie wedelt, an die Oberschenkel, aber ihre steifen silberfarbenen Locken bewegen sich nicht, und während sie dahintorkelt, runzelt sie die Stirn.

Sie drängt sich zwischen den Leuten durch und schaut zu Boden. Was da auf dem Sand liegt, ist kein Fisch und keine Robbe, es ist ein junger Mann. Er liegt stocksteif da, die Füße eng beieinander, und die Arme seitlich neben dem Körper, und er ist tot. Irgendjemand hat ihn mit Zeitungspapier zugedeckt, aber die Brise hebt die Blätter hoch, und eins nach dem anderen rollt sich ein, schlittert über den Sand dahin, um sich in den Beinen der Umstehenden zu verfangen. Schließlich streckt ein dunkelhäutiger Mann, Mrs. Orlando hält ihn für einen Mexikaner, seinen Fuß vor und schiebt die letzte Zeitungsseite langsam weg, und jetzt haben alle freie Sicht auf den Toten. Er sieht gut aus und ist schlank, und seine Haut ist grau und beginnt sich an manchen Stellen gelb zu verfärben.

Mrs. Orlando kann gar nicht wegsehen. Sie blickt in die Runde und stellt fest, dass auch die anderen ganz gedankenverloren sind. Ein Fall von Ertrinken. Das ist ein Tod durch Ertrinken. Sogar Selbstmord könnte es sein.

Sie kämpft sich durch den Sand zurück. Zu Hause angekommen, ruft sie sofort ihre Töchter an und berichtet ihnen, was sie gesehen hat. Sie fängt damit an, dass sie am Strand einen toten Mann gesehen hat, einen Ertrunkenen, und dann fängt sie wieder von vorne an und erzählt mehr und mehr. Ihre Töchter fühlen sich nicht wohl dabei, weil sie sich jedes Mal, wenn sie die Geschichte erzählt, wieder so aufregt.

Während der nächsten Tage bleibt sie in ihrem Haus. Dann verlässt sie es plötzlich und geht zu einer Freundin. Sie erzählt dieser Freundin, dass sie einen obszönen Anruf erhalten habe, und verbringt die Nacht bei ihr. Als sie am nächsten Tag nach Hause zurückkehrt, ist sie überzeugt, dass jemand bei ihr eingebrochen hat, weil bestimmte Dinge fehlen. Später findet sie jedes einzelne Ding an einem ungewohnten Platz, aber sie wird das Gefühl nicht los, dass ein Eindringling da war.

Sie sitzt in ihrem Haus und fürchtet sich vor Eindringlingen und hält Ausschau, ob etwas vielleicht falsch läuft. Während sie da sitzt, hört sie, besonders bei Nacht, ganz oft eigentümliche Geräusche, dass sie sicher ist, dass unter ihren Fenstersimsen Herumtreiber umherschleichen. Dann muss sie hinaus und ihr Haus von außen in Augenschein nehmen. Sie streift in der Dunkelheit ums Haus und erwischt keine Herumtreiber und geht wieder hinein. Aber nachdem sie eine halbe Stunde da gesessen hat, hat sie das Gefühl, dass sie wieder hinausgehen und ihr Haus von draußen kontrollieren muss.

Sie geht hinein und hinaus, und auch am nächsten Tag geht sie hinein und hinaus. Dann bleibt sie im Haus und telefoniert nur noch, dabei lässt sie die Türen und Fenster nicht aus den Augen und ist von seltsamen Schatten beunruhigt, und eine Zeit lang danach will sie überhaupt nicht mehr aus dem Haus gehen, es sei denn früh am Morgen, um den Boden nach Fußspuren zu untersuchen.

An der Schwelle: Der kleine Mann

Während sie dalag und zu schlafen versuchte und ein wenig Licht von der Straße durch den Vorhang fiel, plante sie dieses und jenes und erinnerte dieses und jenes und horchte manchmal bloß den Geräuschen nach und schaute ins Licht und ins Dunkel. Sie dachte darüber nach, wie sich ihre Augen öffneten und schlossen: dass ihre Lider sich hoben, um eine Szene in ihrer ganzen Tiefe, ihrem Licht und Dunkel zu enthüllen, die die ganze Zeit da gewesen war, von ihr nicht gesehen, und die ihr nichts bedeutete, da sie sie nicht sah, und wie sie sich dann wieder schlossen und die ganze Szene wieder ungesehen machten, und wie sie sie jederzeit auf- und damit sichtbar machen und jederzeit zumachen und verbergen konnte, obwohl sie oft, wenn sie mit geschlossenen Augen schlaflos dalag, während ihre Gedanken dahinrasten, so überwach war, dass ihr schien, als starrten ihre Augen hinter den geschlossenen Lidern weit offen, irre, glasig, starrten hinaus, und sei’s auch nur auf die dunkle Innenseite der geschlossenen Lider.

Ihr Sohn kam und legte drei große, graue Muschelschalen auf ihren Oberschenkel, und der Gast, der neben ihr auf einem anderen harten Stuhl saß, griff hinüber, um die mittlere in die Hand zu nehmen und anzuschauen – eine ovale Kaurimuschel mit weißen Rändern.

Der Augenblick, in dem eine Grenze erreicht ist, wenn nichts da ist als das Dunkel vor einem: dann kommt etwas zur Hilfe, das nicht real ist. In einem anderen Sinne ist all das wie Irrsinn: Ein Irrer, dem durch nichts aus seinen Schwierigkeiten geholfen wird, beginnt dem zu vertrauen, was nicht real ist, weil es ihm hilft, und er braucht es, weil ihm Reales nicht weiterhelfen kann.

Ihr Sohn lässt auf der Terrasse draußen einen Ziegelstein wieder und wieder auf ein Plastikgewehr fallen, sodass es in scharfkantige Stücke zerbricht. In einem Zimmer hinter einer geschlossenen Tür läuft der Fernseher. Eine andere Frau kommt mit nassen Haaren und einem rundum gewickelten Handtuch heraus und fährt ihn plötzlich an: Das ist Mist, hör auf damit. Ihr Sohn steht da und hält mit angsterfülltem Gesicht den Ziegel in der Hand. Sie sagt, ich fing gerade zu meditieren an und ich dachte, das Haus bricht zusammen. Die roten Plastikstücke glitzern auf dem gestrichenen Lehmboden um seine Füße.

Wie es funktioniert: Manchmal ist ein Gedanke da und der wird zu einem Traum (sie konstruiert einen langen Satz, und dann findet sie sich in der Vierzehnten Straße wieder und konstruiert eine lange Strecke aus schwarzen Bordsteinen) und der Kopf sagt: Moment mal, das stimmt nicht, du fängst an zu träumen, und sie erwacht, um über das Denken nachzudenken und über das Träumen. Manchmal ist sie lange wach gelegen und dann fällt der Schlaf endlich schlagartig über sie herein und entspannt augenblicklich jeden einzelnen Körperteil auf einmal; und ihr Kopf nimmt das wahr und erwacht, weil er wissen will, wie der Schlaf so plötzlich daherkommt. Manchmal hört ihr Kopf erst gar nicht zu arbeiten auf, und das geht Stunden um Stunden so, und sie steht auf, um sich etwas Warmes zu trinken zu machen, und dann ist’s nicht das warme Getränk, das hilft, sondern die Tatsache, dass sie etwas getan hat. Manchmal kommt der Schlaf leicht über sie, aber sofort (sie hat vielleicht zehn Minuten geschlafen oder so) weckt sie wieder ein lautes Geräusch oder ein sanftes, aber abstoßendes Geräusch, und ihr Herz rast. Zunächst ist nur ein undefinierbarer Zorn da, dann fängt ihr Kopf wieder zu arbeiten an.

Husten, ihr Kopf auf den drei Kissen, neben ihr warmer Tee; oder, an einem anderen Abend, ein schlaffer, schmelzender Lappen aus feuchtem Kleenex quer über der Stirn.

Sie schlief neben ihrem Sohn am Strand; sie lagen parallel zur Wasserlinie. Das Wasser schwappte in Bahnen über den Sand und floss zurück. Leute bewegten sich hin und her, bezogen in der Nähe Posten, gingen vorüber, und der Lärm des Ozeans führte so viel Schweigen mit sich, dass die beiden friedlich schliefen, auf dem Gesicht des Jungen die untergehende Sonne, auf seinem Nacken Sandkörner, und eine Ameise lief über seine Wange (er erschauerte, seine Hand öffnete und schloss sich dann wieder), ihre Wange lag in dem weichen, silbergrauen Sand, ihre Brille und ihr Hut auf dem Sand.

Danach kam der langsame Heimweg den Hügel hinauf, und später gingen sie in eine dämmrige Bar zum Dinner (ihr Sohn, der sich, fast schon eingeschlafen, über das polierte Holz beugte) und wegen der Finsternis und dem Gedränge und dem Lärm, diesem Lärm, so höllisch, dass es ihnen schien, sie würden mit ihrem Essen etwas von all dem Lärm und der Dunkelheit mitschlucken, war sie benommen und durcheinander, als sie ins Licht und in die Stille der Straße hinaustraten.

Sie liegt in der Dunkelheit, und macht ein paar komplizierte Körperdrehungen, um den Einschlafpunkt zu finden. Einzuschlafen ist immer schwierig. Selbst in Nächten, nach denen sich später herausstellt, dass es nicht schwierig war, erwartet sie, dass es schwierig sein wird, und stellt sich drauf ein, sodass es vielleicht ebenso gut schwierig hätte sein können.

In jener lange zurückliegenden Nacht gab es nichts mehr zu tun. Sie lag in einem Zimmer und weinte. Sie lag auf der linken Seite, ihre Augen zum dunklen Fenster gerichtet. Sie war acht oder neun oder so. Ihre linke Wange auf einem alten weichen Kissenbezug, der ein kleines, altes Kissen umhüllte, in dem noch immer der Geruch von alten Leuten hing. Neben ihr, vielleicht auch von oben an sie gedrückt, unter ihrem rechten Arm ihr ausgestopfter Elefant, der weiche Stoff abgewetzt, der Rüssel in die eine oder andere Richtung zerknautscht. Oder, was wahrscheinlicher schien heute Nacht, Kissen zur Seite geschubst, Elefant zur Seite geschubst, vielleicht liegt sie schon eine Weile auf ihrer rechten Wange und starrt zu dem Licht hin, das unter der Tür entlang läuft und auf ihren Dielenbrettern schimmert, und taucht eine Hand in den Luftzug, der über den Fußboden streicht; es ist eine Nacht des Hoffens gewesen, dass die Tür wieder aufgeht, dass es irgendwo Einlenken gibt und das Licht aus dem Vorraum hereinfließt, weiß, und dass vor dem Hintergrund des weißen Lichts, schwarz, eine Gestalt eintritt. Wenn die Mutter nachts weggegangen ist, dann ist sie sehr weit weggegangen, wenn auch bloß auf die andere Seite der Tür, und wenn sie die Tür aufmacht und hereinkommt, kommt sie direkt zum Kind und baut sich hoch über dem Kind auf, eine Gesichtshälfte im Licht. Aber heute Nacht hat das Kind nicht auf die Tür geachtet, es hat sein Gesicht dem dunklen Fenster zugekehrt und angefangen, hoffnungslos zu weinen. Jemand ist böse; sie hat etwas Nichtwiedergutzumachendes getan, wofür’s heute Nacht kein Verzeihen gibt. Niemand wird hereinkommen, und sie kann nicht hinausgehen. Die Endgültigkeit des Ganzen versetzt sie in Schrecken. Es ist ein Gefühl, ganz verwandt dem Gefühl, dass sie daran sterben wird. Und dann kommt er herein, beinahe aus selbst gefasstem Entschluss, auch wenn er nicht real ist, sie hat ihn erfunden, er kommt zum ersten Mal herein und steht da, über ihrer rechten Schulter, klein, zart, zurückhaltend, etwas, das gekommen ist, um ihr zu sagen, dass alles mit ihr in Ordnung kommen wird, das an der Schwelle entstehen konnte, in dem Augenblick, da nichts zu erwarten war als Dunkelheit.