Samuel Johnson ist ungehalten - Lydia Davis - E-Book

Samuel Johnson ist ungehalten E-Book

Lydia Davis

0,0

Beschreibung

Ein Paar befürchtet, ihre Freunde könnten sie für Langweiler halten; eine Frau führt uns vor, wie schwierig es ist, Prioritäten im Alltag herzustellen; eine andere möchte sich selbst gerne als nichts begreifen und muss entdecken, dass das ein zu hochgestecktes Ziel ist; ein Bestattungsunternehmen bekommt einen Beschwerdebrief wegen sprachlicher Unzulänglichkeiten in seinem Werbematerial; wir werden in Überlegungen hineingezogen, welches die Bedingungen für glückliche Erinnerungen sind, lesen über die glückliche Ehe eines siamesischen Zwillingspaars, über die Ungleichbehandlung von Kindern und Wörterbüchern, einen knappen Bericht über einen Massenmord in Böhmen und eine Familienzusammenführungsgeschichte mit Schluckauf. Willkommen in der Welt von Lydia Davis und ihren Erzählungen, die manchmal 30 Seiten, manchmal nur eine Zeile lang sind, und immer die Tücken des Verhältnisses von Sprache und Welt verhandeln – mit Ernst und Witz, ungewöhnlich und raffiniert und niemals langweilig! Die »stille Gigantin der amerikanischen Literatur« ist auch in diesem Band aus dem Jahr 2002 eine Offenbarung für alle, die wissen wollen, was Literatur eigentlich kann und wie sie das anstellt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2017 Die OriginalausgabeSamuel Johnson is Indignanterschien 2001 bei McSweeney’s, ©1976, 1981, 1989, 1990, 1993, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001 by Lydia Davis

Umschlag: & Co www.und-co.at

Satz: AD

ISBN 978-3-99059-010-2

Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz

www.droschl.com

Lydia Davis

Samuel Johnson ist ungehalten

Stories

Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer

Für Alan, Theo und Daniel

Langweilige Freunde

Wir kennen nur vier langweilige Leute. Alle übrigen Freunde finden wir interessant. Aber die meisten Freunde, die wir interessant finden, finden uns langweilig; die Interessantesten finden uns am allerlangweiligsten. Den wenigen, die irgendwo dazwischen stehen und ihrerseits an uns interessiert sind, misstrauen wir: Wir haben das Gefühl, dass sie vom einen Moment zum nächsten zu interessant für uns werden könnten oder wir zu interessant für sie.

Mond-Land

Sie hasste gemähte Wiesen, vermondetes Land, nunmehr Alan Alan: Rasen aus Blutgras … Es war das gemäht, das so traurig klang. Määäh, wie in Mähdchen. Sie war ein Mädchen vom Land … Einst Ranch Land: obertage üppig und nutzbar. Mit der Pflugschar, von Hand bestellt. Dann Operation Ranch Hand–Orange Land: Land unter – elend und öd. Peng. Peng. Alles niedergemäht. Määäh. Trang Bang. Mord, Totschlag, Untergang … Leben: für viele nun untertage. Untergegangen, notgedrungen in Enge. Gedrängt. In den Gängen die ersten Verbrannten, im so genannten freundlichen Feuer gebraten, gebrandmarkt. Das Mädchen … Gangräne. Wundbrand. Brandrot. Brandgerodetes Land. Flammenland. Mordland. Man kam in ihr Land, und das Land hieß Nam: Man, rückwärts gelesen. Landnahme. American man: Langnase flämmte das Land. Heimat der Ahnen. Kamen als lawmen: In der Freiheit und Gottes Namen. Amen. Kamen, um brandzumalen und zu zermalmen: Felder und Wälder. Sich über Wiesen wälzende, rasende Flammen. Feuerwand. Brandwalze. Nachmahd. Määäh, alles niedergewalzt: Halme und Palmen. Palmöl. Brauchbar für Napalm. Wohin immer man sah: qualmende Palmen.

Stadtmenschen

Sie sind aufs Land gezogen. Das Land ist sehr angenehm: da sitzen Wachteln in den Büschen, und Frösche lugen aus den Sümpfen. Aber sie fühlen sich unbehaglich. Sie zanken sich öfter. Sie schreien, oder sie schreit und er senkt seinen Kopf. Er ist jetzt immer blass. Nachts schreckt sie in Panik hoch, weil sie ihn schniefen hört. Dann schreckt sie wieder in Panik hoch, weil sie einen Wagen die Auffahrt heraufkommen hört. Am Morgen liegt Sonnenlicht auf ihren Gesichtern, aber in den Wänden plappern die Mäuse. Er hasst die Mäuse. Die Pumpe geht kaputt. Sie ersetzen die Pumpe. Sie vergiften die Mäuse. Der Nachbarhund bellt. Er bellt und bellt. Am liebsten würde sie den Hund vergiften.

»Wir sind Stadtmenschen«, sagt er, »und es gibt keine angenehmen Städte zum Leben.«

Treuebruch

In ihren Fantasien von anderen Männer, von anderen als ihrem Ehemann, träumte sie, älter geworden, nicht mehr von sexueller Intimität wie vorzeiten, als sie sich vielleicht rächen wollte, wenn sie wütend war, als sie vielleicht einsam war, wenn er wütend war, sondern bloß von Zuneigung und tiefem Verständnis füreinander, einem Händehalten und Sich-in-die-Augen-Schauen, häufig an einem öffentlichen Ort, z.B. einem Café. Sie wusste nicht, ob diese Veränderung auf die Achtung zurückzuführen war, die sie ihrem Ehemann entgegenbrachte, denn sie achtete ihn wirklich, oder schlicht auf die Erschöpfung am Ende des Tages, oder auf das instinktive Wissen, welche Handlungen sie, und sei’s in ihrer Vorstellung, von sich erwarten durfte, nun, da sie ein gewisses Alter hatte. Und wenn sie besonders müde war, brachte sie nicht einmal Zuneigung und tiefes Verständnis auf, sondern bloß die bescheidenste Form von Zweisamkeit, wie etwa, dass sie sich, jeder für sich allein auf einem Stuhl, nebeneinander in einem Raum aufhielten. Und als sie noch älter und noch müder wurde, und danach noch älter und noch müder, gab es eine weitere Veränderung, und sie stellte fest, dass selbst diese bescheidenste Form der Zweisamkeit, beisammen und jeder für sich, zu intensiv war, um sie aufrechterhalten zu können, und in ihrer Vorstellung beschränkte sie sich auf die ungezwungene Art der Herzlichkeit in der Gesellschaft anderer Freunde, eine Art, die sie reinen Gewissens jedem anderen Mann hätte entgegenbringen können und die sie tatsächlich vielen Freunden entgegenbrachte, die auch mit ihrem Mann befreundet waren oder auch nicht, eine Herzlichkeit, die ihr Trost und Kraft gab, nachts, wenn die Freundschaften in ihrem Wach-Leben nicht genügt hatten oder am Ende des Tages ungenügend gewesen waren. Und so wurden diese Vorstellungen allmählich ununterscheidbar von der Realität ihres Wach-Lebens und hätten eigentlich gar keine Form von Treuebruch sein müssen. Da es jedoch Vorstellungen waren, die sie, nachts, für sich alleine, hatte, kamen sie ihr weiterhin wie eine Art Treuebruch vor, und möglicherweise weil sie im Geiste eines Treuebruchs begangen wurden, wie es möglicherweise sein musste, damit sie überhaupt Trost und Kraft spenden konnten, waren sie weiterhin tatsächlich eine Form das Treuebruchs.

Der Stamm der Weißen

Wir leben in der Nähe eines Stamms von blutleeren Weißen. Tag und Nacht kommen sie, um uns zu bestehlen. Wir haben hohe Drahtzäune errichtet, aber wie Gazellen springen sie über sie hinweg und bedenken uns, die wir hier stehen und aus unseren Fenstern blicken, mit einem teuflischen Grinsen. Sie rubbeln ihren Oberkopf, bis ihnen das Flachshaar in Büscheln in die Höhe steht, und stolzieren auf unserer Kiesterrasse herum. Während wir ihnen bei ihrer Darbietung zusehen, sind andere aus ihrer Mitte in unseren Garten gekrochen, schnappen sich klammheimlich unsere Rosen und stopfen sie in Säcke, die von ihren nackten Schultern hängen. Sie sind erbärmlich dünn, und während wir sie beobachten, fangen wir an, uns für unseren Zaun zu schämen. Doch wenn sie gehen und wie bleiche Schatten in die Dunkelheit davonschlüpfen, werden wir wütend angesichts der Verwüstung, die sie unter unseren Heidelberg- und Lady-Belper-Rosen angerichtet haben, und wir beschließen, drastischere Maßnahmen gegen sie zu ergreifen. Es sind nicht immer die Rosen, deretwegen sie kommen, manchmal schleppen sie doch tatsächlich Felsen aus unseren Wäldern davon – obwohl das Land im Umkreis von Meilen mit Geröllbrocken und Gesteinstrümmern übersät ist –, und wenn wir am Morgen hinausgehen, finden wir ein Erdreich vor, schartig und voller Löcher, in denen sich weißliche Käfer hastig in den Boden verkriechen.

Unser Trip

Meine Mutter fragt am Telefon, wie unsere Heimfahrt war, und ich sage: »Bestens«, was nicht die Wahrheit ist, sondern frei erfunden. Man kann nicht zu jeder Zeit jedermann die Wahrheit sagen, und ganz sicherlich kann man keinem Menschen jemals die ganze Wahrheit sagen, das würde zu lange dauern.

Das Wort »bestens« ist das knappste Kürzel und offensichtlich unzutreffend. Schon eine lange Autofahrt zu zweit kann problematisch sein, und ist man zu dritt, kann es noch viel schlimmer werden. Am Beginn beinahe jeder Ausfahrt fallen ein paar ärgerliche Worte, weil ich es anscheinend nicht schaffe, pünktlich wegzukommen, und Mac kann es nicht ausstehen, auch nur eine Minute zu spät abzufahren, und dann ist da noch unser Junior. Gewöhnlich bessert sich Macs Laune, sobald wir unterwegs sind, diesmal aber schnauzte er mich in einem fort an, weil ich ihm nicht rechtzeitig sagte, wann er abbiegen solle, oder weil ich ihm zu viele Instruktionen gleichzeitig gab. Und dazu kam meine ständige Ermahnung, doch einen Gang höher zu schalten. Der Wagen ist alt und das Getriebe ist laut, und so fällt es mir schwer festzustellen, ob Mac den richtigen Gang eingelegt hat.

Dann roch es plötzlich nach verbranntem Öl. Vor uns fuhr ein anderer Kastenwagen, bis oben proppevoll mit einer religiösen Gruppe, also wussten wir, dass sie die Ursache sein konnten, und als wir zu einer Werkstätte kamen, fuhren sie da rein, und damit hörte der Brandgeruch auf, und so besserte sich Macs Stimmung ein wenig.

Aber wir fuhren immer noch durch eine Gebirgsgegend, und Junior fing an aufzuzählen, welche Berge er im nächsten Jahr besteigen wollte: Den da werd’ ich besteigen, sagte er, und zeigte hin, und den dort, wie heißt der noch? Whiteface? Den Whiteface werd’ ich besteigen, und dann den da. Auf den da drüben steig’ ich auch, wie heißt denn der wieder? Charles? Und was ist mit dem da drüben? Wie heißt der? Mungus? Fungus? Mangoes? Mangoose? He Leute, schaut da rüber – der da muss der höchste sein. Wie heißt denn der noch?

Ich drehte die Landkarte einmal hierhin, dann wieder dorthin und versuchte herauszufinden, wie die Berge hießen, und obwohl Junior so schnell redete und sich eher wie ein Junge von sechs aufführte als einer von neun, fand ich an der Unterhaltung nichts extra Schlimmes. Aber Mac sagte, er komme sich vor wie in einem Touristenbus, und sagte, wir sollten still sein. Alles, was ein wenig aus dem Rahmen fällt, macht ihn nervös.

Endlich waren wir dann auf dem Highway, und natürlich musste ich prompt aufs Klo. Ich muss immer aufs Klo, wenn wir auf einen größeren Highway auffahren. Glücklicherweise kam ziemlich bald ein Rastplatz, und da wir nun schon einmal da waren, setzten wir uns an einen Picknicktisch, um unsere Sandwiches zu essen. Der Picknicktisch war nicht eben sauber – er hatte ein paar klebrige Stellen mit etwas Vogelleim drauf –, aber die Sonne war warm, und ich fing gerade an, mich zu entspannen, und machte mir einen Spaß daraus, die Leute zu beobachten, die an uns vorbeikamen und zu den Toiletten gingen, als Junior von den Toiletten zurückkam und mich um Geld für Limonade bat. Er bittet immer um Geld für Limonade, wenn er einen Getränkeapparat sieht, und gewöhnlich sage ich nein, und das tat ich auch diesmal.

Daraufhin beschloss er, daraus ein Riesending zu machen, und sagte, er würde nicht wieder ins Auto steigen, wenn wir ihm keine Limonade kaufen, und marschierte über den Rasen in Richtung Hundewiese, setzte sich auf ein langes gebogenes Rohr, das aus dem Gras herausstand, und schmollte. Mac, der eher nachgibt als ich, sagte schließlich, er solle seine Limonade haben, und ich rief Junior her und gab ihm das Geld, und er ging und kam mit der Limonade zurück. Dann machte ich allerdings den Fehler, die Liste der Inhaltsstoffe durchzulesen, und als ich las, wie viel Koffein drin war, fing ich an, darauf herumzuhacken, und hörte nicht mehr auf, nicht einmal, als wir wieder im Wagen waren, bis ich sah, dass sich Junior schon wieder aufzuregen anfing, und alles war umsonst gewesen. Also hielt ich meinen Mund und machte mich daran, mir die Hände mit einem feuchten und ekelhaft süßlich riechenden Erfrischungstuch, Marke Feuchties, zu säubern, und der Geruch im Wagen wurde so schlimm, dass nun alle beide auf mich losgingen.

Danach besserte sich Juniors Laune merklich, denn wegen der Limonade kam er sich ein paar Jahre älter vor, was ich daran erkannte, wie er sich hinlümmelte, die Knie auseinander stellte und die Hände runterhängen ließ, und die Stimmung im Wagen wurde sogar noch besser, als uns eine Gruppe von Männern und Frauen auf Motorrädern mit neunzig Sachen überholte. Mac sagte, hoffentlich hält man sie wegen Schnellfahrens an, und der Gedanke daran munterte ihn so sehr auf, dass er mit mir eine Unterhaltung anfing. Er fragte mich, für was für eins wir uns entscheiden sollten, wenn wir ein neues Auto kaufen. Er hatte einen Dodge Caravan im Auge, und Junior wachte aus seinen Tagträumereien auf und sagte, er wolle eine Corvette. Mac fragte, wo er die 30.000 Dollar hernehmen solle. Darauf wusste Junior keine Antwort, dann fragt er Mac, wie viel er für unseren Voyager bezahlt habe. 7.000, sagte Mac und brachte Junior damit aus der Fassung, was ich unfair fand, weil er nicht dazu sagte, dass er ihn gebraucht gekauft hatte; also brachte ich diese Information aus Gründen der Fairness ins Spiel, und selbstverständlich erklärte Junior, er würde seine Corvette ebenfalls gebraucht kriegen. Autos sind nicht eben mein Lieblingsthema, also war es in Kürze überstrapaziert, und ich machte weiter, was ich davor getan hatte – ich sah aus dem Fenster.

Wir kamen an einer Stelle vorbei, an der die Autobahnverwaltung den Wald entlang des Straßenrands abgeholzt und ein paar Bäume gepflanzt hatte. Die Blätterkronen bestanden aus verschrumpeltem rötlichem Laub, und die Bäume waren offenbar kurz davor einzugehen. Das ließ mich über das Abholzen der Wälder nachdenken und dann über das Verschwinden bäuerlicher Familienbetriebe, was mich wieder irgendwie auf die Sache mit dem Koffeingehalt brachte. In der Folge versuchte ich dann, die Bäume, die ich in unserem Urlaub neu kennengelernt hatte, zu identifizieren, gab dann aber wieder auf und sah nur noch zu, wie das Fett an meinem Arm im Luftzug des Fensters kleine Wellen bildete.

So oder ähnlich ging’s weiter. Einmal bildete ich mir plötzlich ein, ich hätte Spinnenbisse an meinen Beinen; dann wieder fragte Mac, ob ich irgendwas Komisches in die Sandwiches getan hätte; Junior rollte das Mautticket zu einem Teleskop zusammen, und Mac brüllte ihn an; dann beruhigten wir uns aber allmählich wieder und starrten auf die Relikte eines ziemlich dramatischen Verkehrsunfalls am Straßenrand.

Auf dem Rastplatz hatte ich gedacht, dass etwa 50 Prozent der Leute da aussahen, als hätten sie einen besseren Urlaub hinter sich gebracht als wir. Andererseits sahen die anderen 50 Prozent so aus, als hätten sie’s schlechter getroffen; und damit war für mich wieder alles in Ordnung.

Als wir nur noch zwanzig Minuten bis nach Hause hatten, wollte Junior, dass wir bei einem Holiday Inn anhalten, um da zu übernachten, und verstand einfach nicht, warum wir nein sagten. Aber etwa zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass wir als Familie zu einer gewissen wechselseitigen Loyalität verpflichtet sind und dass das nur dann funktioniert, wenn nicht zwei von uns gleichzeitig auf den dritten sauer sind – außer bei bestimmten Anlässen, wie etwa im Falle derFeuchties.

Spezialstuhl

Er und ich, wir lehren beide im System Universität, und wir werden Lehrer sein, bis wir zu alt sind, um zu lehren, und keine Frage, dass wir gerne hätten, dass man uns an unseren Universitäten einen Spezialstuhl zuspricht, aber was man uns bislang zugesprochen hat, ist die falsche Art Spezialstuhl, ein Spezialstuhl, der einer Freundin gehört, ein drehbarer Stuhl, der auf gespreizten Beinen steht und der für sie aus uns nicht erinnerlichen Gründen etwas Besonderes ist. Wir, die wir im System Universität lehren, hätten gerne einen Speziallehrstuhl, damit wir besser bezahlt werden und nicht so viel zu unterrichten und nicht in so vielen Komitees zu sitzen brauchen – stattdessen würden wir auf unseren Speziallehrstühlen sitzen. Aber unsere Universitäten haben uns keinen Speziallehrstuhl gegeben, nur diesen sonderbaren schweren Stuhl aus dem Besitz unserer Freundin, die vor vielen Jahren weggezogen ist und ihn zurücklassen musste und ihn, aus Gründen, die wir vergessen haben oder nie kannten, nicht aufgeben will. Während all dieser Zeit wurden wir von unseren Universitäten bloß für jeweils ein Jahr zur Lehre eingestellt, und das zudem ohne die Absicherung einer Festanstellung. Nun aber hat einer von uns beiden etwas Glück gehabt und eine Festanstellung erhalten, wenn auch nicht an seiner eigenen Universität, und indem er seine derzeitige Stelle aufgibt, die Stelle ohne Festanstellung, muss er, weil er weit weg zieht und weil es dort, wo er hinzieht, keinen Platz für ihn geben wird, auch den Stuhl zurücklassen, der für unsere Freundin etwas Besonderes ist. Obwohl es in dem Bundesstaat, in den er zieht, viel leeren Raum gibt, mehr leeren Raum als in praktisch jedem anderen Bundesstaat, Wyoming ausgenommen, wird er dort in einem sehr kleinen Haus wohnen, zu klein für einen zusätzlichen Stuhl, besonders für einen so schweren, aus einem Weinfass angefertigten Stuhl. Und so werde ich diejenige sein, die nun den Stuhl für unsere Freundin aufbewahrt; von ihm ist er an mich weitergegeben worden, wenn auch nicht ohne Mühe, da er so schwer ist. Und vielleicht, denke ich, wird ihr Spezialstuhl mit seiner sonderbaren roten Vinylpolsterung, mit dem Spundloch im Rückenteil und dem Originalkorken darin, nun auch mir in beruflicher Hinsicht Glück bringen.

Gewissheit von Herodot

Hier die Fakten über die Fische im Nil:

Vorrang

Es sollte so einfach sein. Du erledigst, was du erledigen kannst, während er wach ist, und sobald er schläft, erledigst du, was du nur erledigen kannst, wenn er schläft, und du fängst mit dem Allerwichtigsten an. Aber so einfach ist das nicht.

Du fragst dich, was das Allerwichtigste ist. Es sollte einfach sein, festzustellen, was Vorrang hat, und es dann auch gleich zu erledigen. Aber es hat nicht bloß eine Sache Vorrang oder bloß eine zweite oder eine dritte. Wenn mehrere Sachen Vorrang haben, welcher dieser mehreren vorrangigen Sachen gibst du den Vorrang?

In der Zeit, in der du etwas erledigen kannst, in der Zeit, während er schläft, kannst du einen Brief schreiben, der unverzüglich geschrieben werden muss, weil vieles von ihm abhängt. Aber: Wenn du den Brief schreibst, dann werden die Pflanzen nicht gegossen, und es ist ein sehr heißer Tag. Du hast sie schon auf den Balkon hinausgestellt, in der Hoffnung, dass der Regen sie gießen wird, aber in diesem Sommer regnet es fast nie. Du hast sie schon vom Balkon hereingeholt, in der Hoffnung, du bräuchtest sie nicht so oft zu gießen, wenn sie dem Wind nicht ausgesetzt sind, aber gießen mußt du sie dennoch.

Wenn du nun aber die Pflanzen gießt, wirst du den Brief nicht schreiben, von dem so viel abhängt. Außerdem wirst du Küche und Wohnzimmer nicht aufräumen, und später wird dich die Unordnung konfus und ärgerlich machen. Eine Arbeitsfläche verschwindet unter Einkaufslisten und diversen Glaswaren, die dein Mann bei einem Liquidationsverkauf erstanden hat. Es sollte ganz einfach sein, die Glaswaren wegzuräumen, aber du kannst sie nicht wegräumen, bevor du sie nicht abgewaschen hast, und du kannst sie nicht abwaschen, bevor du nicht das schmutzige Geschirr aus der Spüle getan hast, und du kannst das Geschirr nicht abwaschen, bevor du das Abtropfbrett nicht abgeräumt hast. Wenn du damit anfängst, das Abtropfbrett abzuräumen, dann kommst du, während er schläft, vielleicht nicht weiter als bis zum Abwasch.

Du kannst beschließen, dass die Pflanzen letzten Endes den Vorrang haben, weil sie leben. Dann kannst du vielleicht beschließen, dass, da du die Vorrangigkeiten in eine Reihenfolge bringen musst, alle Lebewesen im Haus Vorrang haben, angefangen vom jüngsten und kleinsten menschlichen Wesen. So viel sollte wohl klar sein. Dann bist du aber, obwohl du genau weißt, wie du für die Maus, die Katze und die Pflanzen zu sorgen hast, nicht sicher, welchen Vorrang du dem Baby einräumen sollst, dem älteren Jungen, dir selbst und deinem Mann. Es stimmt zweifellos: Je größer und älter ein Lebewesen ist, desto schwieriger ist es, zu wissen, wie man für es sorgen soll.

Die Besprechung

Ich hatte mich so bemüht – die Kleider, die ich angezogen hatte, das neue Aussehen, das ich mir zugelegt hatte, dachte ich. Kompetent, dachte ich, lässig. Neuer Regenmantel. Braun. Zuerst schien alles in Ordnung, erfolgversprechend, da im Wartezimmer. Chefsekretärin bot mir den komfortablen Stuhl an, ne Tasse Tee – Chefsekretärin oder Chefsekretärinstellvertreterin. Tee dankend abgelehnt – wie hätt ich ihn hinunterkriegen sollen, wie auch nur die Tasse halten? Schlug mein kleines Buch auf. Wenn ich erst mal drinnen bin, dachte ich, vielleicht fragt er mich dann sogar, was ich da lese – Hoppla, könnte er sagen, ist das Addison? Hatte meinen Kopf gesenkt, Augen auf der Buchseite. Hörte den Sekretärinnen zu, dachte, da gibt’s superguten Stoff für Insider. Hielt mich für superschlau. Dachte, ich hätte alles im Griff. Je nun, da wären wir also, zuguterletzt, zum ersten Mal nur wir zwei beide, und ich dachte mir, zwischen uns gibt’s nen ganz speziellen Draht und dass er mein Freund werden könnte, das zumindest. Ich dachte, vielleicht sagt er sich: Da also ist sie nun, diese Frau, diese attraktive Frau, hab schon früher mit ihr gesprochen, leider nie richtig lange, jetzt aber ist sie da, mir gegenüber am Schreibtisch, attraktiver Regenmantel das, und Schmuck auch noch. Ich dachte, vielleicht sagt er sich: Sie sagt nichts, aber wenn ich mich an das halte, was ich über sie gehört hab, und an das, wie sie beherrscht da sitzt und dieses kleine, grüne, ledergebundene Buch in der Hand hält – ist das etwa Addison? –, dann weiß ich, dass sie intelligent ist, wenn auch sichtlich schüchtern, und dass es eine interessante Unterhaltung werden wird … Hier ist er also, der Boss, und nichts, das ihn ablenkt, und keiner, der ins Zimmer kommt, und keiner, der mit einem Tablett vorbeikommt, um was anzubieten, und keiner weit und breit, der ein Glas in der Hand hält, keiner, der ihm Fragen stellt und dabei wie ein Rüpel so tut, als wäre ich Luft, keiner, der um ihn herumscharwenzelt, nur wir zwei, und mein Gesicht über dem Stapel auf seinem Schreibtisch in der Luft. Und er! – Er flucht über das ganze Projekt, bedient sich übler Ausdrücke, dabei ist das, was ihm nicht passt, gar nicht mein Fehler, ehrlich nicht mein Fehler, die Abänderung des Titels, und außerdem hat er in Wahrheit Unrecht damit, Dinge müssen nämlich geändert werden, auch Titel müssen geändert werden. Wie er auf mir herumtrampelt, wie er mich niedermacht, wie er mich zumüllt. Ich fass es nicht. Logisch – jeder kann mit dem PRÄSIDENTEN einen Termin ausmachen, das ist noch das harmlosere Kapitel. Ich versuch es noch einmal, tauche hoch und hole wieder tief Luft, sage etwas, jetzt hört er auf zu fluchen und hört mir zu, wirft etwas ein, stellt mir höflich eine Frage, aber da fällt mir der Name nicht ein, fällt mir einfach nicht ein, ich mit meiner zittrigen Stimme, was soll ich denn sagen, ich hab kein Eine-Million-Dollar-Superzauberwort parat, sage was Blödes, jetzt nimmt er sich zusammen, erinnert sich an seine gute Kinderstube. Aber nachdem er sich vorher ausgebrüllt hat, sagt er, er kann mir da nicht helfen, nein, obwohl sie gesagt haben, dass ich zu ihm gehen und persönlich mit ihm reden soll, alle beide haben das gesagt. Die kennen ihn, und da hab ich gedacht, ich könnt ihnen vertrauen, setz ihm wenigstens die Idee in den Kopf, haben sie gesagt. Vielleicht haben die mich bloß reingelegt, sag ich mir. Was für ein Murks. Und ich häng mir diesen ganzen Schmuck um, meine ganzen schmucken Klunker. Er hat’s nicht mal bemerkt, da bin ich mir sicher. Hat sich bloß gesagt: Nicht mein Problem, bedaure. Ich dachte, wart, gib mir Zeit, nur noch fünf Minuten. Aber alles ist zwecklos, er steht auf und streckt mir die Hand schräg über den Schreibtisch hin, flach wie’n Stück Pappe, hält sie mir hin, dass ich sie schüttel, sein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich verschwinden soll. Nun denn, Mr. PRESIDENT, Chance verpasst! Alter Arsch! Wissen Sie, wir sind nicht alle so superschlau – einfach so, aus dem Stand. Arschgeige! Eines Tages wirst du mir ein Angebot machen, und ich werd sagen: Steh nicht zu Diensten. Was für ein Bockmist – auch nur da reinzugehen. So was von daneben. Komplett andere Wellenlänge. Kann einfach nichts recht machen. Keinen roten Heller wert. Alberner Hut, brauner Mantel, schlabbriger Saum, nackter Hals, gelbe Haut, falsche Klunker. Zu viele Klunker. Was für ein Bockmist. Lockenwicklertolle. Was für ein Bockmist. Zu viel, zu wenig, falscher Zeitpunkt, falscher Ort, kann’s nicht recht machen. Mach’s aber trotzdem. Versau es. Mach’s noch einmal. Versau’s noch einmal. Abschaum, Unkraut. Ich wollte Respekt. Hat er mich überhaupt wahrgenommen? Hat er überhaupt wahrgenommen, dass mein Kopf über seinen Papierstapeln rausschaut? Er hatte sich ne andere Verabredung vorgestellt! Das war meine Verabredung! Mag sein, dass der Regenmantel nen schlechten Eindruck gemacht hat. Mag sein, dass es ein Fehler war, braun zu tragen. Kann sein, dass er gedacht hat: Ah-oh, das Ding da draußen im Vorzimmer, da krieg ich gleich ne Depression. Frau in Braun, will einen Vorschlag machen, sitzt mit ihrem Buch auf nem Stuhl. Und dann bin ich nicht vorbereitet. Hab den Namen nicht gewusst. Hab bloß genickt. Nicken kann jeder. Hatte keine Vorstellung, was auf mich zukommt. Ich war so bescheuert. Mensch, tut das weh. Diese Schande – die reinsten Mordgelüste. Wär bloß meine Mutter da gewesen. Die hätte ihm was erzählt. Quatschkiste. Geschwätziges altes Weib hätt er sie geschimpft, Eiterbeule – was tut die überhaupt hier? Wer hat die reingelassen? Schafft sie raus hier! Hat ein Kalkleichenkleid. Aber da wär sie. Sie würd sich ihn vorknöpfen. Sie würd’s ihm geben – mitten in die Fresse! Er würde sagen: Schafft mir diese dreckige Alte von meiner dunklen Wandvertäfelung weg. Das ist meine Mutter! Was für ein Höllenspektakel, oh-ho! Sie würd ihm ein blaues Auge verpassen, klar! Er würde sagen: Schafft mir die dreckige Alte in ihrem rosa Aufzug von meiner dunklen Holzvertäfelung weg. Krall ihn dir, Mutter! Fass ihn! Dieser alte Sack. Dieser Hinterwäldler aus Iowa. Herein mit ihr und ihrer Ersatzhüfte, und dem Ersatzknie, und dem orthopädischen Schuh fürs kürzere Bein. Keine Fisimatenten. Sie würd ihm eins in seine kleine schwule Fotze verpassen, schnell wie der Blitz, und er hätte das Nachsehen. Was soll’n das? hätt er gesagt. Schmeißt die Alte hier raus! In ihrem Schwimmanzug. Er wäre auch ihr gegenüber ausfallend geworden: Gebt diesem alten Furz einen Tritt und schmeißt sie raus hier! Hätte vielleicht meine ganze Familie mitbringen sollen. Der Bruder – schaut dabei zu, der Vater – schaut zu, und die Schwester, die geht zur Hand. Aber die Mutter wär’s, die ihn platt macht. Mutter würd ihn verdreschen, würd ihm die Jacke ausklopfen. Sie ist Klasse. Sie hätte gesagt: Sei nett zu ihr! Er war nicht nett zu mir. Sie ist meine Tochter! Er war nicht nett. Sie hätte ihn an ihrer Faust riechen lassen. Siehst du das? – hätte ihm damit vor der Fresse rumgefuchtelt. Hätt ihn alles Mögliche genannt. Sie macht für keinen den Wasserträger. Mach ihn fertig, Mutter! Mach Mus aus ihm! PRÄSIDENT von hier – bam! – damit hat sich’s ein für alle Mal. Einen neuen PRÄSIDENTEN, bitte! Einen besseren, bitte. Junge, Junge! Zack! Werden schon sehen, Mr. PRESIDENT! Was für ’ne Scheißerei! Was für’n Schlamassel!

Kompagnon

Wir sitzen hier beisammen, meine Verdauung und ich. Ich lese ein Buch, und sie arbeitet das Mittagessen ab, das ich vor kurzem verzehrt habe.

Blind Date

»Es gibt da nicht wirklich viel zu erzählen«, sagte sie, aber sie würde es erzählen, wenn ich das möchte. Wir saßen in einer Imbissstube im Stadtzentrum. »Ich hatte nur ein Blind Date in meinem Leben. Und es war kein richtiges. Mir kommen interessantere Situationen in den Sinn, die einem Blind Date ähnlich sind – etwa, wenn dir wer ein Buch schenkt, wenn man dich mit diesem Buch verkuppelt. Einmal habe ich einen Essayband über Lesen, Schreiben und Büchersammeln geschenkt bekommen. Ich fand, er passte genau zu mir. Noch auf dem Rücksitz des Wagens habe ich darin zu lesen begonnen. Ich hörte der Unterhaltung vorne nicht mehr zu. Ich lese gerne davon, wie andere Leute Bücher lesen und sammeln, selbst davon, wie sie ihre Bücher in den Bücherregalen anordnen. Aber als ich mit dem Buch fertig war, hatte ich eine heftige Antipathie gegenüber der Person der Autorin entwickelt. Mit ihr würde ich mich zu keinem zweiten Date treffen!« Sie lachte. An dieser Stelle wurden wir durch den Kellner unterbrochen, und an dem Tag kam es dann zu einer Reihe weiterer Ereignisse, die uns daran hinderten, unsere Unterhaltung wieder aufzunehmen.

Als dieses Thema das nächste Mal aufkam, saßen wir auf zwei Adirondack-Sesseln und blickten auf einen See hinaus, und zwar tatsächlich in den Adirondacks. Zunächst saßen wir bloß still und zufrieden da. Wir waren müde. Wir waren an dem Tag im Adirondack-Museum gewesen und hatten eine Menge interessanter Dinge gesehen, darunter alte Führungsboote und gute Schaustücke von originalen Adirondack-Sesseln. Nun sahen wir auf das Wasser hinaus und zum Waldrand hin, und beide – dessen war ich mir sicher – dachten wir an James Fenimore Cooper. Nachdem ein paar Gruppen von Kanufahrern vorübergefahren waren – ältere Leute mit Segeltuchhüten, deren ruhige Stimmen weit über das Wasser zu uns her drangen – unterhielten wir uns weiter. Es waren kostbare gemeinsam verbrachte Ferientage, und wir beendeten viele unbeendete Gespräche.

»Ich glaube, ich war fünfzehn oder sechzehn«, sagte sie. »Ich kam vom Internat nach Hause. Vielleicht war es Sommer. Ich weiß nicht, wo meine Eltern waren. Sie waren oft weg. Sie ließen mich oft alleine da zurück, manchmal einen Abend lang, manchmal ganze Wochen am Stück. Das Telefon klingelte. Ein Junge war dran, den ich nicht kannte. Er sagte, er sei der Freund eines Jungen aus der Schule – ich kann mich nicht erinnern, wessen. Wir unterhielten uns ein wenig, und dann fragte er mich, ob ich mit ihm zum Dinner gehen würde. Er klang so nett, dass ich zusagte, und dann machten wir einen Tag und einen Zeitpunkt aus, und ich sagte ihm, wo ich wohnte.