Es muss nicht immer Labskaus sein - Christiane Franke - E-Book
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Es muss nicht immer Labskaus sein E-Book

Christiane Franke

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Beschreibung

Januar in Ostfriesland: Nicht nur, dass ein toter Pottwal am Strand von Spiekeroog angespült wird, obendrein findet man Martin Junghans, den ehrenamtlichen Wachposten der lokalen Umweltgruppe, ermordet auf. Für die Wittmunder Kripo ist das Motiv schnell klar, denn einige der wertvollen Zähne des Wals sind herausgebrochen. Erste Zweifel kommen jedoch auf, als sie erfahren, dass Martin einen Kollegen wegen sexueller Belästigung einer Schülerin anzeigen wollte. Könnte dieser Kollege der Täter sein? Während die Polizei auf Hochtouren in beide Richtungen ermittelt, verschwindet in Neuharlingersiel ein weiteres Mitglied der Umweltgruppe. Während die Kripo dem keine Beachtung schenkt, wittern Rudis Freunde, Lehrerin Rosa und Postbote Henner, einen Zusammenhang und eilen ihm zu Hilfe. Und Unterstützung kann er diesmal wirklich gebrauchen.

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Seitenzahl: 323

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Cornelia Kuhnert • Christiane Franke

Es muss nicht immer Labskaus sein

Ein Ostfriesen-Krimi

 

 

 

Über dieses Buch

Budder bei die Fische

 

Als Dorfpolizist Rudi Bakker einen Kollegen auf der beschaulichen Insel Spiekeroog vertritt, überschlagen sich dort die Ereignisse: ein toter Pottwal am Strand, ein erstochener Umweltschützer, Missbrauchsvorwürfe gegen einen Lehrer des Insel-Internats. Und dann verschwindet auch noch eine junge Frau. Da die Kripo Wittmund wieder mal nicht auf Zack ist, eilen Rudis Freunde aus Neuharlingersiel ihm zu Hilfe: Lehrerin Rosa und Postbote Henner sind echte Spürnasen – für Rudi würden sie alles tun. Und Unterstützung kann er diesmal wirklich gebrauchen.

 

«Morden im Norden: spannend und witzig und vor allem mit viel Herz erzählt.» WDR 5

«Zum Brüllen komisch, echter ostfriesischer Humor (nicht zu verwechseln mit platten Ostfriesenwitzen). Situationskomik aus dem prallen Leben!» Klaus-Peter Wolf

«Diejenigen, die Ostfriesland lieben, werden von diesem Trio so begeistert sein wie ich!» Gisa Pauly

«Wer geglaubt hat, dass er Ostfriesland kennt, der wird hier eines Besseren belehrt – und das mit einer saftigen Portion Spannung und vor allem Humor, den manch einer den knorrigen Charakteren am Nordseestrand nicht zutraut, was aber einmal mehr beweist: Friesland singt nicht nur, es lacht auch!» Margarete von Schwarzkopf

Vita

Christiane Franke

Freitag

Rudolf Hieronymus Bakker liebt es, am frühen Morgen seine Joggingrunde zu drehen. Dann hat er die Welt für sich. Zumindest gefühlt. Und hier auf Spiekeroog, wo er seit zwei Wochen als Vertretungspolizist arbeitet, läuft das Leben ohnehin gemütlich ab. Im Winter sowieso. Darum ruft er auch immer gleich «Hier», wenn eine Vertretung gebraucht wird. Seine Zeit auf der Insel ist aber schon am Sonntag wieder um, dann kommt der Kollege mit Frau und neugeborenem Töchterchen zurück, und Rudi fährt wieder aufs Festland. Ist aber nicht tragisch, auch in Neuharlingersiel lässt es sich gut aushalten.

Am Januarhimmel ist kein Wölkchen zu sehen, die Morgendämmerung hält die Insel noch in trübem Halbschlaf gefangen. Die Luft ist eisig, sein Atem weht wie eine Nebelfahne vor ihm her, als er langsam zu joggen beginnt. Zum Glück sind die Wege nicht glatt. Zügig hat er den Strandweg erreicht und läuft geschmeidig an den sanft geschwungenen Dünen entlang. Schließlich hat er den Zugang zum Strand erreicht. Von der Nordsee ist nichts zu sehen. Das Meer hat sich zurückgezogen, erst in fünf Stunden werden die Wellen sich wieder herantasten. Heute sicher sanft, doch manchmal, wenn der Wind übers Wasser peitscht, sind sie zornig und wütend, und die Gischt spritzt. Das gefällt Rudi besonders.

Er joggt den Dünenweg hinab und wendet sich nach rechts. Heute will er in Richtung Osten laufen, bis zum Aufgang des Insel-Internats. Er trabt gerade los, da bleibt er auch schon wieder stehen.

Ach du grüne Neune. Was ist das denn? Dunkel zeichnet sich ein riesiges Etwas im ersten Licht des Tages ab. Mit beträchtlichem Respekt geht Rudi darauf zu. Tatsächlich: Da liegt ein Pottwal vor der Sandbank. Er nähert sich dem Tier und umrundet es in großen Schritten. Verdammt. Der Wal ist bestimmt dreizehn Meter lang. Und so massig, dass Rudi nicht über seinen Bauch hinwegsehen kann. In einer Wasserpfütze liegt der gestrandete Koloss regungslos da. Er ist definitiv tot, aber in seinem Bauch rumort es bedrohlich.

Rudi schnuppert. Das riecht ziemlich unangenehm. Vermutlich laufen schon irgendwelche Flüssigkeiten aus dem Kadaver. Er schüttelt sich und weicht ein paar Schritte zurück. Und nun? So einen Fall hatte er bislang nicht. In Neuharlingersiel ist noch nie ein Wal gestrandet. Bedröppelt kratzt er sich unter der blauen Mütze am Kopf. Wem muss er das eigentlich melden? Am besten dem Nationalpark-Ranger. Der wird wissen, was zu tun ist. Schnell sucht er die Telefonnummer raus und ruft ihn an. Aber der geht nicht ran. Was jetzt? Rudi muss nicht lange überlegen, ruckzuck wählt er die Nummer von Sven. Sein Sohn hält sich zufällig mit der Umweltorganisation «Eastfrisian Guardian Angels», der EGA, im Jugend-Gästehaus auf Spiekeroog auf.

«Moin, Sven. Ich steh hier bei einem toten Pottwal und brauche eure Hilfe.»

***

Der Wind hat zugenommen und peitscht die Wellen an den Strand. Im Mondlicht glänzen die Schaumränder auf dem nassen Sand. Dick eingemummelt stehen zwei Menschen am Flutsaum und beobachten das Naturspektakel.

«Das kann so nicht weitergehen!»

«Was meinst du damit?» Martin Junghans, Lehrer am Insel-Internat, steckt seine Hände tief in die Taschen seiner neongelben Daunenjacke.

«Seit Wochen finden wir tote Fische und Vögel am Strand. Verhungert mit Plastik im Magen. Letzte Woche hat sich ein Seehund im Fischernetz verheddert und ist elendig krepiert. Und jetzt noch der Wal. Garantiert findet man bei dem auch jede Menge Plastikabfall im Magen.»

«Da wirst du recht haben.» Martin hat alle Berichte über die in letzter Zeit auf den Ostfriesischen Inseln gestrandeten Wale aufmerksam gelesen.

«Ich will nicht recht haben. Ich will etwas dagegen unternehmen.»

«Aber deshalb sind wir doch in der EGA. Die Müllsammlung ab Ostern wird …»

«Du mit deinen scheiß Sammelaktionen! Als würde ein neuer Mülleimer grundsätzlich was ändern. Wir müssen ganz andere Aktionen machen. Aktionen, die aufrütteln.»

Der letzte Satz wird von dem Donnern einer sich brechenden Welle begleitet. Martin Junghans schweigt. Er hat keine Lust, sich zu streiten. Vor allem ist er nicht bereit, an irgendwelchen Aktionen teilzunehmen, die nicht ganz legal sind. Schließlich ist er Lehrer. Maßvolles Handeln ist seine Devise.

«Ich muss jetzt los. Lass uns später weiterreden. Ich habe versprochen, den Nationalpark-Ranger abzulösen und die Walwache um 18 Uhr zu übernehmen. Da bin ich eh schon knapp dran.» Er dreht sich um und geht.

«Ja, verpiesel dich nur. Das machst du ja immer, wenn du Stellung beziehen sollst.»

Trotz Meeresrauschen hat Martin jedes Wort verstanden. Wie er diese ständigen Streitereien hasst!

***

Schwere Wolken ziehen über den Nachthimmel. Wacker pflügt das kleine Motorboot durch die kippeligen Wellen. Man sieht kaum die Hand vor Augen. Es ist zu früh, die Lampe einzuschalten. Ein Lichtstrahl würde auffallen. Der Strandabschnitt mit dem Campingplatz im Nordwesten der Insel müsste schon hinter dem Boot liegen. Jetzt ist es nicht mehr weit. Wäre es bloß ein bisschen heller. Als hätte sich der Mond entschlossen, Komplize zu sein, linst er durch eine Wolkenlücke und taucht das Meer in silbernes Licht. Die Gestalt auf dem Boot atmet erleichtert auf. Ein Stück voraus ist die bleiche Silhouette des verendeten Wals zu erkennen. Der Chef hat wieder einmal recht gehabt. Hier können sie schnelle Beute machen. Der Motor erstirbt, das Boot setzt auf. Zügig wird der Anker geworfen, und die spitzen Zinken bohren sich in den Sand. Perfekt. Die dunkle Gestalt schultert den Rucksack und steigt ins Wasser. Die Wellen schwappen ihr fast bis zur Hüfte. Doch das macht nichts. Die tarnfarbene Anglerhose mit integrierten Gummistiefeln reicht bis zur Brust. Und dank des Thermoanzugs darunter ist weder der Wind noch das eiskalte Wasser zu spüren. Zufrieden holt sie die akkubetriebene Flex aus dem Rucksack und schaltet die LED-Stirnlampe ein. Der Lampenstrahl ist auf den Unterkiefer des Wals gerichtet. Routiniert nimmt sie sich den vordersten Zahn vor und setzt den Winkelschleifer an.

Zwei, drei, präzise Schnitte, und der Zahn wandert direkt in den Rucksack. Ohne Hektik arbeitet sie sich von Zahn zu Zahn vor, bis sie bei einem Schritt zur Seite fast stolpert. Irritiert beugt sie sich so weit vor, dass der Lichtstrahl der Stirnlampe nach unten zeigt. Ein Schuh. Langsam wandert der Strahl der Lampe nach oben. Da liegt ein Mensch. Instinktiv greift die Gestalt nach dem Klappmesser, das in der Latztasche der Wathose steckt.

Samstag

Der Handywecker klingelt. Halb sechs. Sven reibt sich verschlafen die Augen. Warum hat er sich bloß für diese frühe Stunde zum Wachdienst einteilen lassen? Zehn Uhr hätte ihm besser gepasst. Ohne sich zu waschen, schlüpft er in die warme Skiunterwäsche und dann in den Thermoanzug seines Kumpels, der jedes Jahr über Ostern in die Berge fährt. Skigebiete sind zwar eine Katastrophe für die Umwelt, aber gegen das Ausleihen der wärmenden Klamotten spricht nichts. Das ist ja eher nachhaltig.

In der Küche des Jugend-Gästehauses schnappt sich Sven die Stullen aus dem Kühlschrank, die er vorsorglich gestern Abend geschmiert hat, und die Thermoskanne Tee. Dann setzt er seine Stirnleuchte auf und macht sich über die unbeleuchteten Dünenwege auf den Weg zum Hauptstrand.

Dort ist alles noch dunkel und wirkt unheimlich. Die Sonne wird sich erst in drei Stunden zeigen. Unablässig rauscht das Meer, auch wenn die Wellen gar nicht direkt bis an den Strand rollen. Im Lichtkegel seiner Stirnlampe nähert sich Sven dem schwarzen Koloss, um den sie gestern in weitem Abstand Flatterband gezogen haben.

«Martin, ich bin da!», ruft er in das Getöse von Wind und Wellen.

Niemand antwortet.

«Ich bin da!»

Wieder keine Antwort. Sven schlüpft unter dem Flatterband durch und marschiert auf den Wal zu. Erschrocken zuckt er zusammen, als er das Brodeln im Inneren des riesigen Tieres hört. Er läuft um den toten Wal herum und entdeckt seinen Mitstreiter. In seiner neongelben Daunenjacke liegt er direkt neben dem Kopf des Tieres. So, als würde er den Kadaver als Windschutz benutzen. Der hat ja Nerven. Er soll doch aufpassen. Nicht schlafen.

Sven grinst breit. «Hey, du Schlafmütze! Deine Wachablösung ist da.»

Martin rührt sich nicht.

Sven beugt sich vor und schüttelt ihn. Keine Reaktion. Dafür fühlt sich seine Hand nass an. Er betrachtet sie im Licht der Stirnlampe. Blut. Wo um Himmels willen kommt das her? Sven nimmt sein Handy aus der Jackentasche, schaltet die Taschenlampe ein und leuchtet Martin ab. Überall ist Blut. Mit zittrigen Fingern tippt er die Kurzwahl seines Vaters an.

***

Hauptkommissar Siegfried Haueisen könnte schwören, dass er ganz grün im Gesicht ist, als er im Hafen von Spiekeroog das Motorboot verlässt, das als Insel-Taxi zwischen Neuharlingersiel und der Insel verkehrt. Obwohl die Überfahrt nicht lang gedauert hat, war es ziemlich kippelig. Sein Magen hat ordentlich rebelliert, und sein Rücken schmerzt. Von wegen Wasser hat keine Balken! Wenn man in hohem Tempo darüberbrettert, wird man eines Besseren belehrt. Nach ihm klettert Oberkommissar Helmut Schnepel vom Boot, gefolgt von Doktor Emterbäumler, dem Rechtsmediziner. Den hat Haueisen gleich hinzugezogen, als Rudi Bakker einen Toten mit mehreren Stichverletzungen gemeldet hat. Das Team der Spurensicherung kommt mit dem nächsten Wassertaxi, obwohl das vermutlich nicht viel bringt. Inzwischen ist auflaufendes Wasser, da sind die Spuren garantiert schon weggespült. Aber egal. Rudi Bakker steht mit einem Golfcart am Hafenkai, daneben wartet ein anderer Mann mit einem ebensolchen Gefährt. Haueisen kennt diese Dinger sonst nur aus dem Fernsehen.

«Moin, Chef.» Bakker tippt sich zum Gruß mit der rechten Hand an die Dienstmütze. «Ich fahre uns hiermit, das geht schneller. Herr Lüttjohann befördert anschließend die Kollegen der Spurensicherung und ihre Ausrüstung.»

«Können Sie denn mit so einem Ding umgehen?», fragt Haueisen skeptisch.

Rudi grinst. «Ist wie mit ’nem Autoscooter. Nur hat der noch eine Bremse. Ich hab vorhin geübt, Sie können sich ganz auf mich verlassen. Außerdem gibt’s auf der Insel nicht viele von diesen E-Autos. Hier sind eher die Radfahrer das Problem.»

Auf der Fahrt zur gegenüberliegenden Inselseite erklärt Rudi: «Als mein Sohn mich angerufen hat, bin ich gleich hin. Ich hab vorsichtshalber Fotos gemacht, man weiß ja nie. Sven und ein paar von seiner Umwelttruppe bewachen den Toten jetzt, wir haben ihm eine Rettungsdecke über den Körper gelegt und die mit Sand beschwert. Die weht ja sonst weg. Eine Fleecedecke wollte ich nicht nehmen, damit wir keine zusätzlichen Spuren legen. Und erkälten kann sich der Mann ja nicht mehr.» Rudi muss gestehen, er ist ein bisschen stolz auf sich selbst, dass er so früh am Morgen an alles gedacht hat.

«Sie wissen, wer der Tote ist?», fragt Haueisen, der neben Rudi sitzt.

«Jo. Martin Junghans. Lehrer am hiesigen Insel-Internat und Mitglied der EGA, zu der auch mein Sohn gehört.»

«EGAL?», fragt Schnepel von hinten.

«Nö. EGA. Eine Abkürzung. Übersetzt heißt der Verein: Ostfrieslands Schutzengel. Schöner Name, nich? Aber zurück zum Toten. Der hat auf jeden Fall mehrere Stichwunden.»

Sofort beugt sich Emterbäumler vor, der hinten neben Schnepel sitzt. «Sie haben ihn doch nicht etwa angefasst?»

«Nö, nur minimal. Aber am Hals sieht man zwei Einstichwunden, und die neongelbe Jacke ist vorne rum blutverschmiert. Überall quellen Daunen aus den Löchern.»

«Na, Gott sei Dank.» Emterbäumler lehnt sich zurück, als sie den Holzbohlenweg entlang zum Strand fahren.

***

Der Wind pustet die Wolken über den Himmel, die sich ein Schattenrennen auf dem Sand liefern. Ab und zu blitzen ein paar Sonnenstrahlen aus dem Grau.

Vor dem riesigen Kadaver, neben dem der tote Lehrer unter der Rettungsdecke liegt, stehen drei Leute. Jenseits des Absperrbandes noch mindestens zehn, die mit ihren Handys Aufnahmen machen. Garantiert findet man diese Fotos gleich in den sozialen Netzwerken. Widerlich, dass manche Menschen sich damit wichtigmachen wollen.

Rudi hebt das Absperrband hoch, Haueisen und Co. schlüpfen hindurch. Er friert. Hätte er sich doch bloß vorhin noch eine lange Unterhose angezogen.

«Moin», grüßt Haueisen knapp, während Schnepel schon die Rettungsdecke vom Toten zieht. Inzwischen ist es längst hell genug, um die Stichwunden am Hals und die Blutflecken auf der Daunenjacke ohne Taschenlampe zu erkennen. Emterbäumler kniet sich neben den Leichnam und beginnt seine Untersuchung.

«Sie haben also den Toten gefunden?», wendet sich Haueisen an Sven.

Rudi wundert sich über das «Sie», aber klar, junge Erwachsene muss man siezen. Und so gut kennt Haueisen Rudis Sohn nun auch wieder nicht.

Sven nickt. «Ja. Wir hatten abgesprochen, dass ich um sechs Uhr die Wache übernehme. Gestern waren schon ein paar Touristen tagsüber da, die einfach die Absperrung ignoriert haben.»

«Ist Ihnen heute Morgen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Haben Sie Personen bemerkt, die fortgelaufen sind? Oder ein Messer gefunden, wenn es denn tatsächlich Stichverletzungen sind, wie Ihr Vater sagt.»

«Nein. Es war ja auch noch stockduster, da hab ich mit meiner Stirnlampe und dem Handy geleuchtet. Dann hab ich meinen Vater angerufen. Er ist ja im Moment hier der Inselpolizist. Danach hab ich Geertje und Felix informiert, damit sie auch herkommen und ich nicht allein bin.» Sven deutet auf die beiden, die in Höhe der Walflosse stehen und regungslos alles beobachten. Das ist doch die Nichte seines ehemaligen Boßelkumpels Ludwig Twenge. Genauer gesagt, die von Ludwigs Frau Sigrid, aber das tut ja nichts zur Sache.

Der Chef winkt die beiden heran. «Moin, Hauptkommissar Haueisen», stellt er sich vor. «Können Sie sich erklären, was hier vorgefallen ist?»

Felix schüttelt den Kopf, Geertje ist weiß wie die Wand, Tränen rinnen ihr über die Wangen. Die ist völlig durch den Wind.

«Dem Wal … dem fehlen auf der einen Seite alle Zähne», stammelt sie.

«Wahrscheinlich hat Martin die Diebe auf frischer Tat ertappt. Schließlich sind die Zähne wertvolle und begehrte Trophäen», antwortet der junge Mann neben Geertje.

«Und Sie beide sind?», fragt Haueisen.

«Das ist Geertje Michelsen, und ich bin Felix Gravenstein. Wir sind bei der EGA.»

«Aha. Na, dann sollten wir uns mal mit Ihrer Truppe unterhalten, wenn der Leichnam abtransportiert ist.» Haueisen dreht sich um. «Gibt es überhaupt einen Bestatter auf der Insel?»

Rudi nickt. «Im Westerloog. Ich habe ihn bereits informiert. Sobald wir grünes Licht geben, kommt er und holt ihn ab.»

«Können wir jetzt gehen?», fragt Sven. «Oder braucht ihr uns noch?»

Rudi sieht den Chef an. Als der den Kopf schüttelt, sagt Rudi: «Dann macht euch auf den Weg. Wir sehen uns gleich im Gästehaus.»

***

Ludwig Twenge sitzt in seinem Wohnzimmer am Fenster. Ein Logenplatz mit Blick auf den Hafen. Im Internet hat er sich alle Fotos von dem gestrandeten Wal angeschaut, die er finden konnte. Dazu noch welche von älteren Fällen aus Nordfriesland. Ist ja beileibe kein Einzelfall, dass diese Riesenviecher im Meer die Orientierung verlieren und sich auf dem Weg von der Arktis zum Äquator verschwimmen, in zu flaches Wasser geraten und dort elendig verenden. Die Wildnis ist eben kein Ponyhof.

Ludwig klatscht in die Hände. Das ist die perfekte Überschrift. Flink wandern seine kräftigen Finger über die Tastatur seines Tablets. Seit der gelernte Fernsehtechniker in der Frühverrentung gelandet ist, hat er sich zum umtriebigen Online-Reporter der Neuharlingersieler Mitmach-Zeitung gemausert und sich schon in so manche Themen reingefuchst, von denen er vorher keine Ahnung gehabt hatte.

Mitten im Artikel über die Wanderroute der Pottwale vom Polarkreis zu den Azoren hält er inne und schaut aus dem Fenster. Ein VW-Bus der Polizei fährt über den Parkplatz direkt ans Hafenbecken. Genau da, wo das Wassertaxi gerade anlegt. Vier Mann steigen aus, wuchten Kisten und Gerätschaften aus dem Wagen und schaffen sie aufs Boot. Was hat das denn zu bedeuten? Für den Wal ist die Polizei doch gar nicht zuständig. Höchste Zeit, dass er mal wieder Polizeifunk hört.

***

Doktor Valentin Emterbäumler streift sich die blutigen Einmalhandschuhe von den Fingern und stopft sie in eine durchsichtige Plastiktüte, die Rudi ihm reicht.

«I wär dann so weit», sagt der gebürtige Bayer, den es vor Jahren in den hohen Norden verschlagen hat. Anfangs hat er noch mit deutlichem Akzent geredet, aber mittlerweile spricht er ganz passables Hochdeutsch. «Der Tote hat jede Menge Stichverletzungen. Die zwoa am Hals hätten schon gereicht, ihn ins Jenseits zu befördern. Eine davon direkt in die Halsschlagader. Deshalb auch das viele Blut. Dazu gibt es noch acht weitere Stiche im Bereich des Oberkörpers. Herz und Lunge sind getroffen. Welcher Stich der erste war, lässt sich hier schlecht sagen. Vielleicht seh ich im Institut mehr. Aber eigentlich ist das auch nicht so entscheidend. Fakt ist, dass hier brutale Gewalt im Spiel gewesen ist.»

«Können Sie schon was zur Waffe sagen?», will Schnepel wissen.

Emterbäumler schüttelt den Kopf. «Das wären reine Vermutungen. Es handelt sich um irgendeine Form von Messer mit einer etwa fünf Zentimeter breiten Klinge. Ich muss schau’n, wie tief sie eingedrungen ist, dann kann ich genauere Aussagen machen. Schaffen S’ mir den Toten so schnell wie möglich nach Oldenburg.»

«Ist es schon möglich, den Zeitpunkt einzugrenzen, wann der Mann gestorben ist?», fragt Haueisen.

«Sie wissen ja, dass ich es gerne exakt hab. Aber wenn es sein muss: Die Leichenstarre ist vollständig ausgeprägt. Jetzt ist es fast neun Uhr, geh’n Sie sechs Stunden zurück, dann haben Sie den spätesten Todeszeitpunkt. Nach vorne ist alles denkbar. Dazu kann ich erst nach der Obduktion genauere Angaben machen.»

Haueisen schlägt den Kragen hoch und stopft die Hände in die Manteltaschen. «Wo bleibt nur die KTU?»

Dem Chef ist arschkalt, das sieht Rudi ihm an der roten Nasenspitze an.

***

Henner Steffens fährt mit seinem gelben Postfahrrad, das er liebevoll Berta nennt, die Auffahrt zum Hof seiner Eltern am Ortsrand von Neuharlingersiel hoch. Gerda und Heinrich Steffens bewirtschaften den Bauernhof nun schon in sechster Generation. Vor Kurzem haben sie die Milchkühe abgeschafft und die schon lange nicht mehr genutzten Kinderzimmer zu Gästezimmern für Touristen umfunktioniert.

Ein paar Hühner picken in der Blumenrabatte und springen aufgeschreckt zur Seite, als er an ihnen vorbeifährt. Nur Hühni legt keck den Kopf zur Seite und bleibt stehen.

Die Bank vorm Haus ist leer. Kein Wunder. Bei der Kälte sitzt Vaddern lieber am Kachelofen. Henner hat sich nicht getäuscht. Als er die Küche betritt, sitzt er auf der Ofenbank und liest den Anzeiger für Harlingerland, Hofhund Butscher liegt zu seinen Füßen, während Muddern vorm Herd steht und eine Tasse Wasser in den Suppentopf gießt.

«Moin», grüßt Henner und legt einen Brief auf den Tisch. «Is nur Werbung.» Er schnuppert. «Was gibt es denn?»

«Steckrüben mit Pootjes. Hab ich unserem Pensionsgast versprochen. Der ist heute rüber nach Spiekeroog. Da kann er zum Abendessen was Deftiges vertragen.» Mudder Steffens grinst ihren Sohn breit an und nimmt die Schweinepfötchen und das Schwänzchen aus dem Topf. «Herr Timmerbeil liebt die ostfriesische Küche.»

Henner verzieht das Gesicht. Schweinepfötchen. Iihhhh. Das ist nun nicht gerade sein Leibgericht. Zum Glück hat er bei sich zu Hause noch einen Rest Kartoffelsuppe. Er setzt sich zu seinem Vater auf die Ofenbank. «Schön warm hier.»

«Jo.» Vaddern tippt auf die Zeitung. «Haste das gelesen?»

Henner nickt. «Rudi hat mir gestern schon Fotos geschickt, er hat den Wal ja gefunden.»

«Der arme Kerl. Der ist doch so sensibel. Er kann ja nicht mal ’ne tote Maus sehen.» Muddern rührt noch einmal die Steckrüben um.

«Dann hätte er eben nicht zur Polizei gehen sollen», sagt Henner trocken. Er und Rudi stehen wie Brüder zueinander. Sie sind am selben Tag geboren und gemeinsam auf dem Steffens-Hof aufgewachsen, wo Rudis Mutter bis zu ihrem frühen Tod als Magd gearbeitet hat. Die Steffens haben sich dann seiner angenommen. Es ahnte ja niemand, dass Rudis verschollen geglaubter Vater putzmunter in Kanada lebte und nichts von seinem Sohn wusste.

«Aber dass er dir gleich Fotos von dem Kadaver schickt …» Muddern klingt verwundert.

«Na, er musste am Strand sofort alles sichern. Dazu gehören auch Fotos.»

«Warum das denn?»

«Damit keiner die Walzähne klaut», sagt Vadder Steffens und faltet die Zeitung zusammen. «Die sind doch aus Elfenbein.»

Muddern packt den Deckel auf den Topf und dreht sich zu Heinrich und Henner um. «Stimmt. Wir haben uns erst gestern drüber unterhalten, als Vaddern unserem Wintergast die Sammlung von seinem Urururgroßvater gezeigt hat.»

«Echt, du hast Walzähne?», fragt Henner verblüfft. «Das wusste ich ja gar nicht.»

Bedächtig nickt Vaddern.

«Jo, die hab ich vor Ewigkeiten geerbt und erst wieder entdeckt, als wir im Herbst gestrichen haben. Lagen in der hintersten Ecke des Wandschranks im Flur. Hatte ich ganz vergessen, dass es die gibt. Willste mal sehen?»

«Unbedingt!»

Ächzend erhebt sich Heinrich Steffens und geht hinüber in die gute Stube. Die Tür des Wohnzimmerschranks knarzt, kurz darauf stellt er einen Karton auf den Küchentisch und hebt den Deckel ab. Zwischen gelbem Seidenpapier liegen mehrere, bestimmt zwanzig Zentimeter lange Walzähne. Henner nimmt einen nach dem anderen heraus. «Boah. Die sind ja richtig groß. Und dass die so spitz zulaufen!»

«Na ja, so ’n Wal ist ja auch riesig. Da kann der mit kleinen Zähnen nix anfangen. Außerdem kaut der nicht richtig, der verschlingt seine Beute im Ganzen. Denk nur an die Geschichte von Jona, der drei Tage im Walfischbauch war, bevor ihn das Tier lebendig wieder ausspuckte.»

Henner wirft ihm einen schrägen Blick zu. «Vaddern, das glaubst du doch wohl selbst nicht.»

«Steht aber so in der Bibel.» Heinrich Steffens zwinkert seinem Sohn zu.

Henner betrachtet die auf den polierten Zähnen eingeschnitzten Bilder. «Alle Achtung. Das sind ja richtige Landschaften. Und da steht sogar ein Name: Rasmus.»

«Das ist mein Urururgroßvater mütterlicherseits. Der hatte damals auf einem Walfänger angeheuert. Während der monatelangen Reisen hat er an den Zähnen geschnitzt, um sich die Zeit zu vertreiben. Und Geld konnte man damit auch machen.»

***

In dem kleinen Büro der Polizeistation am Rande des Inseldorfes wird es eng. Haueisen hat den Platz am Schreibtisch eingenommen, Rudi und Schnepel haben sich Stühle aus dem Wohnzimmer hereingeholt. Der Spiekerooger Nationalpark-Ranger bewacht inzwischen den Wal, die Umweltschützer warten im Gästehaus auf Rudi und Schnepel. Noch heute wird die niedersächsische Umweltstaatssekretärin den Kadaver begutachten, bevor er von einem Expertenteam mit Seilen und Schleppern nach Wilhelmshaven zum Jade-Weser-Port gebracht wird, wo die fachgerechte Entsorgung stattfinden soll.

«Ich weiß gar nicht, warum wir uns mit diesen Oköheinis beschäftigen müssen», mosert Schnepel, «es liegt doch glasklar auf der Hand, dass Junghans wegen der Elfenbeinzähne umgebracht wurde. Er hat die Zahnräuber erwischt, die hatten ohnehin ein Messer in der Hand, weil sie schon ein paar Zähne damit rausgebrochen haben, und – zack – hat Junghans das Messer zwischen die Rippen gekriegt.»

«Und in den Hals», ergänzt Rudi. «Außerdem war es kein Messer. Emterbäumler meint, die beiden Zähne müssen aus dem Unterkiefer rausgeflext worden sein. Mit einem Messer kriegt man das nicht hin.»

«Nun sei mal nicht so kleinlich. Das war eher ein Bild, statt eine genaue Beschreibung», stänkert Schnepel weiter. «Danach haben sie Schiss gekriegt und die Biege gemacht.»

«Zum Glück kommt man von Spiekeroog nicht so einfach fort», sagt Haueisen, der am PC herumtippt. «Die erste Fähre, die heute die Insel verlässt, geht um 14 Uhr, hab ich gerade gesehen. Dementsprechend werden Sie am Anleger die Personalien von allen Personen aufnehmen, die heute abreisen wollen. Ich werde die Reederei informieren, dass es zu Verspätungen kommen kann.»

«Ach, das wird nicht lange dauern, ist ja keine Saison», meint Rudi. «Außerdem stehen die Leute schon mindestens eine halbe Stunde am Anleger, bevor sie überhaupt aufs Schiff gelassen werden. Da können wir die Schlange von vorne abarbeiten.»

«Sollen wir auch das Gepäck kontrollieren?», will Schnepel wissen. «Finden wir die Zähne, haben wir den Mörder.»

Haueisen überlegt einen Moment. «Ich glaube, dafür gibt es keine rechtliche Handhabe. Obwohl mir der Gedanke gefällt. Das muss ich zugeben. Andererseits könnten die Zähne auch irgendwo auf der Insel versteckt sein.»

«Genau», pflichtet Rudi ihm bei. «Oder die Diebe sind mit einem eigenen Motorboot hergekommen.»

«Nachts?», wirft Schnepel erheitert ein. «Das ist doch extrem auffällig und schon deshalb Unsinn.»

Haueisen wiegt den Kopf hin und her. «Na, ich weiß nicht. Wir sollten diese Möglichkeit jedenfalls nicht außer Acht lassen. Während Sie die Mitglieder der EGA befragen, kümmere ich mich um diesen Zahndiebstahl. Die Kollegen der anderen Bezirke werden diesbezüglich vielleicht Informationen haben, schließlich sind auch auf Wangerooge, Texel und in Nordfriesland in den letzten Monaten Wale gestrandet. Ich meine mal gelesen zu haben, dass diese Zähne ein Vermögen wert sind. Also: Auf, auf zum Jugend-Gästehaus; dann schaffen Sie die Kontrolle der abreisenden Gäste nachher locker.»

«Die Täter könnten auch noch länger bleiben», gibt Rudi zu bedenken. «Wir sollten dafür sorgen, dass alle Abreisenden der nächsten zwei, drei Tage erfasst werden.»

«Quatsch. Die sind gekommen, um schnelle Beute zu machen», widerspricht Schnepel. «Und jetzt sind die in Panik. Haben garantiert nicht mit einer Wache gerechnet. Deswegen werden die sich nicht um eine Übernachtungsmöglichkeit gekümmert haben.» Er hält inne. «By the way: Wo werden wir denn heute übernachten? Wir müssen doch mindestens bis morgen bleiben.»

«Ich fahre nachher wieder rüber.» Haueisen reibt sich zufrieden die Hände. «Drei Mann hier auf der Insel, das kann ich dem Steuerzahler nicht plausibel erklären. Ich koordiniere alles von Wittmund aus. Aber Sie, Schnepel, Sie unterstützen den Kollegen Bakker.»

Mit zusammengekniffenen Augenbrauen guckt Schnepel Rudi an. «In der Dienstwohnung gibt’s doch ein Gästezimmer, oder?»

Rudi grinst breit. «Das gab’s mal. Ist jetzt ein Kinderzimmer. Mit nigelnagelneuem Babybett. Da passt du nicht rein. Aber es gibt eine mehr oder weniger komfortable Pritsche in der Ausnüchterungszelle. Die kannst du haben.»

***

Pünktlich um zwölf Uhr sind alle Stammkundinnen im Friseursalon eingetrudelt. «Wie schön, dass ihr zu meinem kleinen Neujahrsempfang gekommen seid! Lasst uns anstoßen», sagt Gudrun, eine der acht Schwestern von Henner Steffens.

Die Gläser klirren, und die muntere Frauenrunde prostet sich zu. Rosa Moll hebt ihr Sektglas. «Auf dass uns das neue Jahr viele fröhliche gemeinsame Stunden beschert! Prost, Mädels! Auf den Häkelbüdel-Club!»

«Prost. Auf unseren Club», antworten die anderen Frauen im Chor, die alle längst keine «Mädels» mehr sind. Sigrid Twenge ist über sechzig. Rosa hingegen ist mit Mitte dreißig in der Blüte ihrer Jahre. Als Lehrerin an der Grundschule in Esens fühlt sie sich pudelwohl, nur ein Ehemann fehlt ihr zum Rundherum-glücklich-Sein. Aber zumindest hat sie ihre beiden Kumpel: Henner Steffens, der in der Wohnung unter ihr wohnt, und Rudi Bakker, den Dorfpolizisten. Mit beiden hat sie schon jede Menge spannende Dinge erlebt.

Die Gläser stoßen klingend aneinander, der Prosecco schmeckt, genau wie die Kanapees mit Käse, Schinken und selbst mariniertem Lachs.

«Sagt mal», meint Sigrid, als sie zum dritten Lachshäppchen greift, «auf Spiekeroog ist doch ein toter Pottwal angespült worden. Der wird morgen abtransportiert. Das würde ich mir zu gerne angucken. Ich hab noch nie einen Wal aus der Nähe gesehen. Die Fotos auf Facebook sind beeindruckend. Kommt eine von euch mit? Wir könnten uns auch mit meiner Nichte treffen, die kann uns vielleicht was zum Wal erzählen. Geertje absolviert gerade ein ökologisches Jahr im Nationalpark-Haus auf der Insel.»

«Ich kann nicht», sagt Adelheid, Henners älteste Schwester, bedauernd. «Morgen kommen die Kinder zum Brunch. Das ist schon länger abgemacht.»

«Ich bin gerne dabei», sagt Gudrun.

«Wal-Watching, na klar!», ruft Rosa. «Ich hab noch nie einen Pottwal von Nahem gesehen. Vielleicht können wir uns ja danach mit Rudi auf einen Tee treffen. Der schiebt doch als Inselpolizist derzeit ’ne ruhige Kugel und freut sich bestimmt über Besuch.»

«Der kommt aber morgen zurück», weiß Adelheid.

«Na, das passt doch prima! Dann bilden wir das Abhol-Komitee.» Rosa schnappt sich das letzte Lachshäppchen, bevor Sigrid das auch noch isst. «Das ist wieder total lecker, Gudrun», sagt sie. «Kannst du mir das Rezept mal geben?»

«Gerne. Weiß eine von euch, wann morgen die Fähre geht?»

Gute Frage. Schließlich ist Spiekeroog tideabhängig, da kann man nicht einfach rüber, wann man möchte.

«Ziemlich früh», gesteht Sigrid. «Um zehn nach sieben. Dann erst wieder um Viertel vor zwei.»

«Och, so früh? Dann bin ich raus», sagt Dörte, die bei der örtlichen Versicherung arbeitet. «Reicht mir, wenn ich unter der Woche noch vor Sonnenaufgang aufstehen muss. Und so ’n toter Wal soll ja auch stinken. Nee, ich bleib hier.»

Plötzlich ertönt aus Sigrids Handtasche die Melodie von «An der Nordseeküste». Schnell fischt sie ihr Handy aus den Tiefen der Tasche. «Mein Göttergatte», flüstert sie und sagt laut: «Ludwig, was gibt’s?»

***

Das Jugend-Gästehaus ist ein roter, zweistöckiger Klinkerbau und liegt im Westen der Insel, nur eine Düne vom schier endlosen Sandstrand entfernt.

Bestimmt fünfzehn Personen halten sich im Speisesaal auf, als Rudi und Schnepel hereinkommen. Sven steht – wie schon heute früh – mit Geertje und Felix zusammen, ein Stück entfernt hat sich eine Fünfergruppe gebildet, aus der eine groß gewachsene Frau hervorsticht, mit der Rudi gestern schon gesprochen hat.

Beim Anblick der beiden Polizisten verstummen die Gespräche. Bevor Rudi einen Ton sagen kann, legt Schnepel los. «Meine Damen und Herren, inzwischen sind Sie sicher alle darüber informiert, dass Martin Junghans einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Und da Sie alle», Schnepels Zeigefinger schießt vor und wandert in großem Bogen von links nach rechts durch den Raum, «ihn als Letzte gesehen haben, möchten wir erstens wissen, wo sich jeder von Ihnen in den letzten vierundzwanzig Stunden aufgehalten hat, und zweitens interessiert uns, ob es innerhalb Ihrer Gruppe zu Unstimmigkeiten, Streit oder vielleicht sogar heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist.» Schnepel genießt seinen Auftritt sichtlich.

Allgemeine Verunsicherung und Kopfschütteln sind die Antwort. Die große Frau meldet sich zu Wort. Sie scheint einige Jahre älter zu sein als die anderen, trägt aber mit Nieten beschlagene Schuhe, die Rudi an alte Rockerfilme erinnern.

«Wir alle sind zutiefst bestürzt über den Tod von Martin. Dieses verlängerte Wochenende wollten wir nutzen, um unsere Aktionen zum Schutz der ostfriesischen Küste für dieses Jahr zu planen. Wir sind aber noch nicht weit gekommen. Der gestrandete Wal hat einiges durcheinandergewirbelt. Statt weiter in unseren Arbeitsgruppen zu diskutieren, haben wir auf Wunsch des Inselpolizisten», sie nickt Rudi mit einem flüchtigen Lächeln zu, «gestern Morgen eine Wache zum Schutz des toten Tieres organisiert, um zu verhindern, dass Souvenirjäger sich am Gebiss vergreifen.»

Bei ihren Worten macht sich eine gewisse Erleichterung auf den Gesichtern der anderen breit. Rudi wirft einen schnellen Blick zu Sven, der die Stirn runzelt.

«Seien Sie doch so freundlich und nennen Sie uns Ihren Namen», bittet Schnepel, woraufhin Rudi aus reiner Gewohnheit sein Oktavheft und den Bleistift zückt. Er sollte sich mal ein neues Heft kaufen, dieses ist schon fast voll.

«Anna Fangmann», sagt sie mit vor der Brust verschränkten Armen.

«Frau Fangmann, Sie haben meine Frage nicht beantwortet», fährt Schnepel nun fort. «Gab es Auseinandersetzungen oder heftigen Streit innerhalb der Gruppe?»

Die groß gewachsene muskulöse Frau lächelt schmal. Nur für einen Moment kräuselt sich ihre Nase leicht.

«Natürlich gab es Auseinandersetzungen. Reibereien gehören dazu, wenn man Ziele absteckt und Pläne schmiedet. Wir sind Individualisten. Es wäre ja schlimm, wenn alle einer Meinung wären.»

Rudi hat den Eindruck, als wären die anderen froh, dass sie für die Gruppe redet. Fast hört es sich so an, als sei die Fangmann Politikerin. Viel reden, ohne was zu sagen.

Schnepel scheint den gleichen Eindruck zu haben. «Nun gut», sagt er und blickt auffordernd von einem zum anderen. Einige senken sofort den Blick. «Wenn Sie glauben, sich hinter einer Person verstecken zu können, haben Sie sich geirrt. Machen Sie es sich bequem, es kann etwas dauern, denn wir werden Sie einzeln in einem Nebenraum befragen.»

Rudi verdreht die Augen. Schnepel nun wieder. Wie lange soll das denn dauern? Um halb zwei müssen sie spätestens an der Fähre sein.

***

«Was ist denn passiert?» Sigrid lauscht ihrem Mann und wird ganz blass um die Nase. «Ja … nein … ich komme gleich nach Hause.»

Als sie das Handy sinken lässt, sind alle Blicke erwartungsvoll auf sie gerichtet.

«Nun erzähl schon», drängelt Rosa.

«Heute Morgen wurde der Freund meiner Nichte tot auf Spiekeroog gefunden. Ermordet!»

«Oh nein!», ruft Adelheid entsetzt aus. Sigrid arbeitet seit Jahren in ihrem Andenkenlädchen in der Nähe des Hafens, und die beiden sind gut miteinander befreundet.

«Ich kann es gar nicht fassen. Geertje hat extra wegen ihm das Freiwillige Ökologische Jahr angetreten, damit sie beieinander sein können. Sie haben sich kennengelernt, als sie in Bremen die Ausbildung zur Tierarzthelferin gemacht hat.» Sigrid schüttelt ungläubig den Kopf. «Das wird ein Schock für meine Schwester sein. Sie ist ganz begeistert von Martin gewesen. Ich glaube, sie hat sich gewünscht, dass er ihr Schwiegersohn wird. Lehrer ist schließlich ein ordentlicher Beruf mit Zukunft. Und er war ein zuverlässiger Mann. Und so gut aussehend. Wer kann das nur getan haben?»

Betretenes Schweigen herrscht im Friseursalon.

Martin? Lehrer auf Spiekeroog? Rosa überlegt. «Geht es um Martin Junghans? So ein großer Blonder?»

Sigrid schaut überrascht auf. «Ja. Genau. Kennst du ihn?»

«Na, kennen ist übertrieben. Ich habe ihn vor einem Jahr auf einer Lehrerfortbildung in Aurich getroffen.»

Rosa erinnert sich gut. Ein forscher Typ. Unglaublich engagiert. Vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber rein äußerlich hat er ihr richtig gut gefallen. Rosa hat sich sogar extra für die Arbeitsgruppe gemeldet, die er geleitet hat. Dort hat er sie jedoch nicht weiter beachtet, sondern die ganze Zeit mit ihrer jüngeren Kollegin Karina geflirtet. Rosa kann sich noch genau an den schmerzlichen Moment erinnern, als ihr bewusst wurde, dass sie für manche Männer durch ihr Alter unsichtbar geworden war. Und genau in diesem Moment hat sie beschlossen, sich auf der Dating-Plattform Krabbenkuss.de anzumelden. Ein Seufzer entweicht ihrer Brust, als sie an die Verwicklungen denkt, die sich daraus ergeben haben.

«Ich muss jetzt los», reißt Sigrid sie aus ihren Gedanken. «Am besten rufe ich gleich meine Schwester an.» Sigrid steht auf und marschiert zur Ladentür. Dort dreht sie sich noch einmal um. «Es bleibt doch dabei, morgen nach Spiekeroog zu fahren?»

«Natürlich», beeilt sich Rosa zu sagen. Jetzt erst recht.

***

Eiligen Schrittes läuft Rudi zum Hafen. Die Befragung der EGA-Leute nimmt doch eine Menge Zeit in Anspruch, nur ist bislang nichts rausgekommen. Alle wollen früh ins Bett gegangen sein, und von ernsthaften Differenzen hat niemand gesprochen. Ganz durch sind sie noch nicht, Schnepel übernimmt den Rest, und Rudi kümmert sich um die Aufnahme der Personalien der Abreisenden.

Wie erwartet ist die Zahl der Wartenden am Fähranleger überschaubar. Im Winter ist die Insel touristisch wie ausgestorben. Die Silvestergäste sind abgereist, erst Ostern geht der richtige Ansturm wieder los, obwohl die ostfriesischen Inseln in den letzten Jahren zunehmend ganzjährig gebucht werden. Doch Winterurlaub auf Spiekeroog ist vor allem etwas für Naturliebhaber, weil die meisten Gastronomen und Vermieter diese Atempause nutzen, um selbst Ferien zu machen.

Mit gezücktem Notizbuch geht Rudi die Reihe einen nach dem anderen ab. Es sind überwiegend Paare, absolut unauffällig. Ein Mann hat einen Dackel dabei.

«Tolles Tier. So einen Hund hätte ich immer gern gehabt», sagt er.

«Soll ich Ihnen den Namen der Züchterin geben?»

«Lieber nicht. Sonst werde ich noch schwach.» Bei seinen Dienstzeiten passt ein Hund nicht in sein Leben. Oder doch?

Wie die anderen Abreisenden zeigt ihm auch der Hundehalter bereitwillig seinen Personalausweis, schließlich geht es um Mord. Bei einem Paar aus Bremen muss Rudi sich zusammenreißen, um nicht zu grinsen. Die beiden sind zwar verheiratet, aber nicht miteinander. Doch als Mörder kommen sie nicht infrage, so verlegen, wie sie aussehen. Oder vielleicht gerade deshalb? Rudi notiert sich die Angaben und macht drei Sternchen hinter die Namen, damit Haueisen sie durchs Zentralregister laufen lässt. Schließlich will er sich nicht nachsagen lassen, etwas übersehen zu haben.

***

Nach einem kleinen Mittagsnickerchen schlüpft Henner in seine dunkelblaue Winterjacke mit den silbernen Knöpfen in Doppelreihe und setzt sich die geringelte Pudelmütze auf. Er muss dringend seine Vorräte auffrischen, der Supermarkt hat ja bis sechzehn Uhr geöffnet. Im Treppenhaus klappert es. Rosa putzt wohl. Das macht sie jeden zweiten Samstag. Richtig, sie wischt gerade die letzte Stufe, als er mit der leeren Bierkiste aus der Wohnungstür tritt. «Moin.»

«Moin, Henner.» Lächelnd richtet Rosa sich auf. Dabei fällt ihr Blick auf die Kiste. «Willst du Nachschub holen?»

«Jo. Morgen kommt Rudi von der Insel zurück. Außerdem ist Sonntag.» Also Tatortabend. Gemeinsam essen und Fernsehen gucken, dieses Ritual pflegen Henner und Rudi mit Sven, seit Rudis Frau abgehauen und zurück nach Mönchengladbach gezogen ist.

«Wer weiß, ob Rudi morgen wirklich wieder hier aufschlägt.» Rosa wringt den Lappen aus. «Ich könnte zum Essen für ihn einspringen, wenn er noch länger bleibt», sagt sie verschmitzt.

«Ich glaub nicht, dass der wegen dem Wal länger bleibt.»

«Na ja, nicht wegen dem Wal. Heute Morgen wurde ein Toter direkt daneben gefunden. Erstochen.»

Mit einem Ruck stellt Henner die Bierkiste ab. «Woher weißt du das? Hat Rudi dich angerufen?», fragt er pikiert.

«Nein, er hat nicht angerufen. Ich hab das von Sigrid. Und die von ihrem Mann.»

Henner horcht auf. «Hat Ludwig wieder Polizeifunk gehört?»

Rosa zuckt mit den Schultern. «Keine Ahnung. Der Tote ist jedenfalls der Freund ihrer Nichte Geertje.»

«Ach. Die Arme.»

«Kennst du die denn?»

«Nur flüchtig. Wenn sie hier ist, wohnt sie ja immer bei Ludwig und Sigrid. Ist ein patentes Mädchen.» Henner hebt die Bierkiste an. «Falls du Lust hast, kannst du morgen ruhig zum Essen kommen.»

Rosa schaut ihn verwundert an. «Echt? Auch, wenn Rudi wieder da ist?»

«Jo. Als kleine Willkommensparty für ihn.» Fürs neue Jahr hat Henner sich vorgenommen, ein bisschen offener zu sein. Und nicht immer so in festgefahrenen Bahnen zu leben. Damit kann er ja gleich jetzt anfangen.

***

Völlig durchgefroren kommt Rudi in die Polizeistation zurück. Verdammt, war das kalt. Morgen zieht er sich die lange Unterhose an. Er reibt die Hände aneinander, wirft das Notizbuch auf seinen Schreibtisch und geht in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Jetzt braucht er dringend einen ordentlichen Ostfriesentee. Mit einem Schuss Rum. Der wärmt die Knochen. Und die Seele. Gerade gießt er sich Rum in die Tasse, da kommt Schnepel herein.

«Ach nee. Alkohol im Dienst?», sagt er mit spitzen Lippen und entledigt sich seines Wintermantels.

«Auch einen Tee?», fragt Rudi ungerührt.

«Ja, aber ohne Alkohol.» Schnepel setzt sich Rudi gegenüber.

«Wenn du meinst.» Rudi zuckt mit den Schultern und holt eine weitere Tasse. «Kluntjes?»