Es reicht - Burkhard Hose - E-Book

Es reicht E-Book

Burkhard Hose

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Beschreibung

Für eine neue Kultur des Teilens einzutreten bedeutet weit mehr als Almosen zu geben. Es geht um die Bereitschaft, das eigene Leben zu ändern. Gemeint ist die Abkehr von einer reinen Charity-Haltung, die zwar den Armen Anteil am Überfluss der Reichen gibt, aber nichts an den ungerechten Verhältnissen ändert. Auf den Spuren Jesu und in der franziskanischen Tradition zu teilen heißt hingegen: Statusunterschiede zwischen Menschen abbauen. Auf Macht und Privilegien verzichten - nicht um des Verzichts, sondern um der Gerechtigkeit willen. Allen Menschen die gleiche Würde zuerkennen und die Verhältnisse so ändern, dass Menschen ihre Würde auch leben können. Auf dem Weg des Teilens zu erleben, dass es für uns gemeinsam reicht, entfaltet der Autor in diesem Buch Schritt für Schritt.

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Burkhard Hose

Es reicht

Auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Teilens

Franziskanische Akzente

herausgegeben von Mirjam Schambeck sf und Helmut Schlegel ofm

Band 21

BURKHARD HOSE

Es reicht

AUF DEM WEG ZU EINER NEUEN KULTUR DES TEILENS

echter

Herzlicher Dank geht an Eva Kasper für die sorgfältige Zuarbeit bei den Korrekturen sowie an die Provinz Sankt Elisabeth der Franziskaner-Minoriten, OFM Conv. in Deutschland für die finanzielle Unterstützung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

1. Auflage 2020

© 2020 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

Umschlag: wunderlichundweigand.de (Foto: © Elisabeth Wöhrle sf)

Satz: Crossmediabureau, Gerolzhofen

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN

978-3-429-05397-0

978-3-429-05040-5 (PDF)

978-3-429-06450-1 (ePub)

Inhalt

Vorwort: Die Entdeckung einer Kultur des Teilens – das Abendmahl von Herne

1. Hürden auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Teilens – von alten Ängsten und überholten Ordnungen

Der Weg zum Teilen führt über die Angst vor dem Teilen

Von der Angst, zu kurz zu kommen

Welchen Wolf füttern wir?

Der Weg zum Teilen führt über die Wahrnehmung der eigenen Privilegien

„Jesus is black“

Der „Sommer der Barmherzigkeit“

Charity-Teilen: Wir geben und alles bleibt, wie es ist

Armut und Reichtum – es geht um mehr als Geld

Die existentielle Bedeutung von Arm und Reich: die Frage nach Würde und Anerkennung

Die politische Bedeutung von Arm und Reich: die Frage nach Teilhabe und Zugehörigkeit

2. Teilen als Grundprinzip in Gottes neuer Welt – biblische Konturen einer neuen Kultur des Teilens

Gottes Parteinahme für die Armen – Teilen als Erfüllung des Gesetzes in der hebräischen Bibel

„Wenn bei dir ein Armer lebt …“ (Dtn 15,7) – von Zehnten, Erlassjahren und zinslosen Krediten

„… der Gerechte aber gibt, ohne zu geizen“ (Spr 21,26) – Abschied von der Gier nach Mehr

„Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche …?“ (Jes 58,6) – Wer fromm sein will, muss teilen

Jesu Parteinahme für die Letzten – Teilen als Statusverzicht im Neuen Testament

„Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr …“ (Mk 10,25) – vom Besitz, der einsam macht, und vom Teilen, das verbindet

„Und alle aßen und wurden satt“ (Mk 6,42) – Teilen im Vertrauen, dass es für alle reicht

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8) – Teilen, weil wir selbst Beschenkte sind

„Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden!“ (Lk 12,33) – Teilen, um frei zu werden

„ Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte …“ (1 Kor 13,3) – Teilen aus Liebe

„Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?“ (1 Kor 11,22) – Teilen, weil wir alle die gleiche Würde besitzen

„… sie hatten alles gemeinsam …“ (Apg 4,32) – eine Utopie von Kirche

3. Franziskanische Akzente für eine neue Kultur des Teilens

Nichts brauchen, weil wir schon alles haben

Vom geteilten Besitz zum geteilten Leben

Solidarität als Lebensprinzip

Im Teilen Würde leben

Stachel im Fleisch einer reichen Kirche

4. Die neue Kultur des Teilens und die utopie einer Gesellschaft in Würde 69

Von der Leistungsgesellschaft zur Würdegesellschaft

Teilen aus der Perspektive der Benachteiligten

Für uns gemeinsam wird es reichen

Zum Weiterlesen

Abkürzungsverzeichnis

Gib mir die Kraft, die Armen nie zu verleugnen und meine Knie vor frecher Macht nie zu beugen.

Rabindranath Tagore

Vorwort: Die Entdeckung einer Kultur des Teilens – das Abendmahl von Herne

Eine offene Tür. Ein Küchentisch. Eine Scheibe Brot und ein Becher Wein. Und keiner, der peinliche Fragen stellt. Das reicht für ein Abendmahl, vielleicht sogar für mehr.

Es muss im Winter 1989 gewesen sein, als ich zum ersten Mal während meines Theologiestudiums begriffen habe, worum es bei den Mählern ging, die Jesus mit Menschen seiner Zeit gefeiert hat. Meine Lehrer waren an diesem Abend drei Franziskaner. Anfang der 1980er Jahre hatten sie eine Wohnung in der Obdachlosensiedlung Buschkampstraße in Herne bezogen. Freiwillig. Und das unterschied sie von allen anderen, die hier lebten. In der städtischen Notunterkunft wohnten Menschen, die wegen einer Zwangsräumung ihre Wohnung verlassen mussten, ihren Job verloren hatten oder nach einer Haftzeit auf dem freien Wohnungsmarkt keine Bleibe fanden. Freiwillig kam hier keiner hin. Deshalb wurde die kleine franziskanische Gemeinschaft anfangs auch skeptisch beäugt.

Warum zieht jemand aus freien Stücken in so eine Straße? Ich hatte mich bei einem Besuch bei einem befreundeten Franziskaner, den ich während des Studiums in der Schweiz kennengelernt hatte, auf einige ruhige Tage im Kloster in Münster eingestellt. Stattdessen nahm er mich mit nach Herne. In meiner Erinnerung hat sich die ausweglose Lage der Obdachlosensiedlung eingeprägt, in der sich der Konvent der Franziskaner niedergelassen hatte. Die Ausweglosigkeit, die viele Menschen hierhergebracht hatte, stellte sich für mich ganz konkret dar: An zwei Seiten war die Siedlung umgrenzt von einer Autobahn und von einem Bahndamm. Wer hier gelandet war, musste sich fühlen wie in einer Sackgasse. Die Franziskaner, die hier wohnten, teilten das Leben der Menschen, die das Leben hierherverschlagen hatte – vielleicht müsste ich besser sagen: Die Umstände hatten die Menschen hierherverschlagen. Und sie hielten sie hier fest. Denn wer die Buschkampstraße als Adresse angab, hatte es schwer, aus ihr wieder herauszukommen. Kein guter Absender, um einen Job oder eine bessere Wohnung zu finden. Diese Erfahrung machten auch die Franziskaner, die sich ja eigentlich freiwillig hier niedergelassen hatten und die sich vorgenommen hatten, sich ganz auf die Umstände einzulassen.

Als ich die kleine Gemeinschaft kennenlernte, bestand sie schon einige Jahre, und es war bereits Vertrauen gewachsen, vielleicht sogar so etwas wie eine neue Kultur des Zusammenlebens. Menschen, die freiwillig auf Privilegien verzichteten, lebten zusammen mit Menschen, denen Privilegien versagt blieben. Sie wollten sie nicht missionieren, aber ihnen war anzumerken, dass sie eine Mission hatten. In der Obdachlosensiedlung zu leben war die Erfüllung eines Auftrags, den sie für sich aus dem Evangelium und ihrer franziskanischen Lebensweise heraus formulierten. Dabei ging es nicht um eine asketische Übung oder um Selbstkasteiung. Es war vielmehr der Versuch, eine neue Kultur des Teilens zu praktizieren. Und zu dieser neuen Kultur gehörte dazu, das eigene Leben so weit zu verändern, dass benachteiligte Menschen nicht durch die Begegnung beschämt wurden. Mit Beschämung meine ich das Gefühl, das sich in Menschen einstellt, denen aus einer Position der Überlegenheit heraus geholfen wird. Mir wurde klar, dass die Beschämung vielleicht die größte Barriere ist, die privilegierte und nichtprivilegierte Menschen voneinander trennt.

Am Küchentisch, an den die Franziskaner zum Abendmahl einluden, wurde mir endgültig klar, was der franziskanische Konvent hier zu leben versuchte. Damals begann ich zu verstehen, was Jesus vermutlich im Sinn hatte, als er mit Menschen zu Tisch saß, die nicht zu den Privilegierten gehörten. Diese Mähler brachten Jesus einen zweifelhaften Titel ein, der sich in den Evangelien erhalten hat: „ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder“ (Mt 11,19).

Die Verhältnisse in der Welt werden sich wohl erst verändern, wenn Teilen nicht mehr länger die Festlegungen der Gesellschaft verstärkt, indem Reiche nur etwas von ihrem Überfluss abgeben und Armen dadurch zwar in ihrer materialen Not geholfen wird, sie aber innerlich beschämt in einer grundsätzlich unveränderten Lage zurückbleiben. Am Küchentisch in Herne wurde mir klar: Gerechter wird die Welt erst durch eine neue Kultur des Teilens, die gleichzeitig alte Trennlinien zwischen Besitzenden und Benachteiligten in Frage stellt. Echtes Teilen beginnt da, wo mein Leben andere Menschen nicht mehr länger beschämt, sondern dazu beiträgt, dass bislang Benachteiligte ihre Würde leben können.

Manchmal genügt dafür eine offene Tür, ein Küchentisch, eine Scheibe Brot und ein Becher Wein. Und keiner, der peinliche Fragen stellt.

1. Hürden auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Teilens – von alten Ängsten und überholten Ordnungen

Woran liegt es, dass uns das Teilen so schwerfällt, obwohl uns das Leid so vieler Menschen vor Augen steht und obwohl uns sowohl die Vernunft als auch das Gewissen aufrufen, daran etwas zu ändern? Die Hürden, die es auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Teilens zu nehmen gilt, sind nur in wenigen Fällen mit Logik oder vernünftigen Argumenten aus dem Weg zu räumen. Tiefsitzende Ängste und scheinbar nicht hinterfragbare Ordnungen stellen vielleicht die größten Hindernisse dar, mit denen auf diesem Weg zu rechnen ist.

Manchmal geht einem dabei an persönlichen Verhaltensweisen oder an Eigenheiten von Menschen im nahen Umfeld etwas auf, was fast wie ein Erklärungsmuster oder wie ein Abbild für größere Kontexte oder für gesellschaftliche Muster wirkt.

Der Weg zum Teilen führt über die Angst vor dem Teilen

Von der Angst, es könnte nicht reichen

Eigentlich sollte es nur eine Autofahrt von gut zwei Stunden sein, die vor uns lag. Als ich meine Tante zu Hause abholte, um gemeinsam zur Hochzeit meines Bruders und seiner Frau zu fahren, bot sich mir jedoch ein Bild, das eher an den Aufbruch zu einer mehrwöchigen Treckingtour erinnerte. Meine Tante stand reisebereit vor ihrer Haustür. Vor ihr aufgebaut begrüßten mich zwei große Kühlboxen voller Essen und eine weitere Tasche mit Getränken, Obst und Kuchen. Ich konnte mir meinen ironischen Kommentar nicht verkneifen. „Tante Inge, wir fahren als Gäste, nicht als Catering auf diese Hochzeit!“ Für einen Moment stutzte meine Tante, lachte kurz auf und begann damit, den Proviant griffbereit für die Fahrt im Auto zu verstauen. Erst als wir bereits losgefahren waren, erwiderte sie meinen Kommentar, zuerst beinahe entschuldigend: „Ich habe immer Angst, mir könnten die Vorräte ausgehen. Und ich bin mir ziemlich sicher, ich weiß auch selber die Erklärung für dieses Gefühl. Als wir im Februar 1945 aus Oberschlesien geflüchtet sind, habe ich unterwegs so viel Hunger gehabt. Das hat sich mir tief eingeprägt, so dass ich immer Angst habe, es könnte nicht reichen.“