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Es scheint Hoffnung I Absurditäten Dies ist kein religiöses Buch. Wiewohl Hoffnung untrennbar mit Glaube verbunden ist. Hoffnungsverweigerer ersticken im Tun und werden sie gefragt, was denn ihr Vermächtnis sei, sehen sie, über ihr Handy wischend hoch, und dich mit großen, ratlosen Augen an. Hoffnung auf Veränderung? Wie soll sie aussehen? Hoffnung auf Verbesserung? Der Mensch als gnadenloser Egoist. Lyrik und Prosa zur Hoffnung.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Gerald Eschenauer
Es scheint Hoffnung – Absurditäten
© 2018 MITGIFT Verlag
www.mitgift.at • [email protected]
ISBN: 978-3-903095-09-0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Gerhard Maierhofer
Satz & Layout: Ralph Edenhofer
Cover: Michaela Tilli
Gerald Eschenauer
Es scheint Hoffnung
Absurditäten
„Wenn der Arbeiter nicht mehr bekommt als den Lohn, den ihm sein Arbeitgeber zahlt, wird er betrogen, betrügt er sich selbst. Du wirst dafür bezahlt, etwas weniger zu sein als ein Mensch.“
…
[Pause]
Ende
Wenn da wer käme, um sich sein Paradies zu schaffen … Wie lange würde es wohl halten? Wie lange würde es dauern, bis der erstbeste dahergelaufene Halunke an seinem Traum zweifelt? Wie lange würde es dauern, bis sich um den Träumer eine Heerschar von Desillusionisten zusammenrottet, um sich abfällig über das Mögliche zu äußern? Wie lange würde es dauern, bis sich Zeitungen des Träumers annehmen und die breite nicht befugte, unwissende Masse an Kleindenkern ein klares Urteil fällt? Wie lange würde es dauern, bis Familienmitglieder der Sache skeptisch gegenüberstünden? Wie lange würde es dauern, bis erste Vorgaben der Behörde auf den Fantasten einprasselten? Vorgaben wie Erfüllungsbescheide und Zahlscheine. Viele Zahlscheine mit einheitlich langen Zahlenkolonnen, zur legitimierten Überweisung. Erst nach Einzahlung der angeführten Beträge darf Paradies sein. Erst danach.
Die Stille ist des Fantasten Freund und Unterstützer – wie die Natur. Keine Bescheide, kein Misstrauen, keine Ausreden.
Es bläst ein unverständlich rauer Wind. Und mit ihm kommen die Stimmen der Neinsager, Besserwisser, Umkehrdenker, Nichtempfehler und Gewissensbeeinflusser. Trotz der Grabredner, der Sand-in-die-Augen-Streuer und der Gedankenoptimierer geht der Fantast unbeirrbar seinen Weg. Verlässt die Runde. All seine Tafelgäste. Das Getuschel, Gemurmel und Gebrabbel. Betritt schmale, ungesicherte Pfade, sieht in den Abgrund und setzt dennoch den ersten Stein.
„Hier entsteht das Paradies“ ist am ersten Stein zu lesen und wird noch in Jahrzehnten von jährlich mehr werdenden Touristen ehrfurchtsvoll gelesen, aufgeschrieben und vielfach fotografiert.
Je weniger Fantasie, desto mehr Fotos.
Und weiter steht geschrieben:
„Das größte zwischenmenschliche Verbrechen ist es, dem Gegenüber die Träume zu nehmen.“
(Gerald Eschenauer)
Verdrehte Achtsamkeit.
Dein Lachen ist nicht echt.
Was dir entspringt,
ist schmutzig.
Verwandlung
macht dich hübsch.
Zersetzt die Gaffer
und die Namenlosen,
gibt ihnen erst den einen Sinn.
Doch mich blendet
dein Antlitz nicht.
Ich sehe,
was du bist –
vorgibst zu sein;
um irgendeines Herrgotts
krankhaftem Denken
deine Krone aufzusetzen
und um im Schein
der untergehenden Sonne
den letzten Glanz
in deinen Augen einzubüßen.
Jeder einzelne Gedanke sei nichts als eine Kopie von bereits Gedachtem, liest er ungläubig. Er ist der festen Überzeugung, dass es anders ist. Er denkt, dass er sich täglich im Denken neu erfindet. Alles andere hätte keinen Sinn, wäre sinnlos. Er sitzt in einem Haus mit Vergangenheit, die er nicht kennt. Vor sich eine Tasse Tee. Earl Grey. Selbst zubereitet. Auf der Tasse steht halbVOLL und darunter, durch einen horizontalen Strich getrennt, halbLEER. Was will ihm diese Tasse sagen? Dass er ein Pessimist sei oder dass der Welt in allem etwas Positives abzugewinnen sei? Worin sich sein Leben von dem der anderen unterscheidet, ist der Umstand, dass er zumindest hin und wieder genau darüber nachdenkt. Darüber, wie die Welt ist und ihre Menschen. Was aus uns geworden ist in dieser kurzen Zeit der Entwicklung. Sie sprechen von Großem, er sieht nur Unerhebliches. Sie sprechen von Informationspflicht, er ist von Kontrolle umgeben. Sie sprechen von Fortschritt, er sieht Geschäft. Er denkt sich seinen Teil, und manchmal schreibt er ihn auf, um die sinnvollen Gedanken nicht im selben Augenblick zu verlieren. Jene Gedanken, die kommen und gehen – kommen und gehen. Wie gute Freunde, die jederzeit willkommen sind. Die sich nicht voranmelden müssen.
Heute Morgen lag er in einem fremden Bett. War erschüttert über sich selbst. Schockiert darüber, dass es so einfach war, glücklich zu sein. Ausgelöst von den rötlich orangen Strahlen einer Sonne, die ihr Vermächtnis auf die kahle Wand, an der das Bett stand, projizierte. Ein Vermächtnis, das ausreichte, um alles über Bord zu werfen. Sich von Geschehnissen zu distanzieren. Weltnachrichten, Konjunkturdaten oder Wahlergebnisse relativierten sich augenblicklich. Sie waren und sind für jeden Moment belanglos. Als würde ihn jemand oder etwas darauf hinweisen, dass es an der Zeit sei, eine neue Richtung einzuschlagen. Die Zeit zu investieren, sich umzusehen, und nach der Feststellung, im Niemandsland des Konsums zu sein, kurzerhand den Vergnügungspark zu verlassen, durch den Kommerzkorridor zu schlendern, sich vom Angebot zu verabschieden, freundlich und bestimmt die Räume zu wechseln.
Einer Tugend des Wettkampfes kann er nichts abgewinnen. Wo es Sieger gibt, muss es auch Verlierer geben. Was ist mit ihnen? Wer interessiert sich für sie? Wer gibt ihnen ihr Selbstbewusstsein zurück? Wer erkennt ihren wahren Wert? In diesem fremden Zimmer herrscht kein Wettkampf, es herrscht Stille. Eine Fliege hat sich in den Raum verirrt. Der Raum ist kahl. Bett, Stuhl, Tisch, Nachttischlampe. Kein Komfortzimmer. Sterne sind ohne Belang. Kein klingender Name auf der Außenfassade des Hauses, der den trügerischen Anschein erwecken soll, dass sich beim Betreten des Gebäudes etwas wie Erholung, Luxus, Entspannung oder Spaß einstelle. Der karge Raum ist absichtslos und kann nicht missverstanden werden. Stille gehört zu dem Raum. Stille gehört zu ihm. Unreflektiertes Reden verwirrt ihn. Potenziert sich, wenn er im öffentlichen Raum Menschen zuhört oder den Versuch unternimmt, ihnen zuzuhören. Wenn sie tanzen, ist es ihm lieber. Oder sich einfach nur bewegen, mit allen Mankos, die ihnen das Leben eingebrockt hat. Doch die Menschen tanzen nicht mehr. Sind statisch, unbeweglich, versuchen ihre erbärmlichen Figuren in die Pension zu retten und machen sich Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn sie dort angelangt sind. Niemand kann ihnen sagen, ob sie dorthin kommen werden oder wie es sein wird, wenn sie dort angelangt sind. Und sollten sie es wirklich bis dahin schaffen, ist anzunehmen, dass es sich nur um eine Zwischenstation handelt, um später in irgendwelche Heime, Anstalten oder Zentren abgeschoben zu werden. Seniorenresidenzen in Form von Burgen und Kästen, die sie nicht mehr lebend verlassen und sich ihr Wesen tagesaktuell in einen blauen Plastiksack transformiert, der ihre Habseligkeiten, ihr Leben widerspiegelt und der an sie erinnert, auf sie verweist, zumindest so lange, bis der Platz im Keller anderwärtig benötigt wird.
Sie leben für die Pension.
Er lebt für den Moment. Blickt aus dem Fenster und sieht, wie sich Baumäste bewegen, wie Äste einer Fichte mit dem Wind spielen, wie sie miteinander tanzen. Im Gegensatz zu Menschen, denkt er sich. Jede Bewegung ein unabänderliches, nicht vorhersehbares Spiel, ein Freudentanz der Elemente, die dem Menschen auf dem Wege zum Fortschritt abhandengekommen sind. Doch gibt es Hoffnung, und alleine der Gedanke Hoffnung löst in ihm etwas aus. Verändert seine Körperspannung. Beruhigt seine Physis und lässt ihn tief und selbstverständlich atmen. Windstille. Stille im Geist. Er steht auf, geht zur Tür. Öffnet sie, geht zur Haustür. Öffnet sie und geht in den Garten.
Der Müdigkeit Rechnung tragen,
wenn sie sich zeigt.
Als Gewand trägt sie
den Schleier der Betäubung,
um Aufregung, Ich-Chaos und Flurschäden
zu beseitigen.
Tatendrang und Sinnlos-Tun
im steten Kampf mit dem Verweilen.
Wer die Oberhand behält,
wird sich zeigen.
Jedenfalls macht sich der Gewinner
die Müdigkeit zu eigen.
Trophäengleich.
Da gibt es diese zwei Welten, die ihn wechselseitig aufnehmen. Ihm seine Daseinsberechtigung geben. Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Er stolpert, wenn er von der einen in die andere wechselt. Fällt in sie oder wird in sie gestoßen. Dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich in ihr zurechtzufinden, in dieser einen, eigenartigen Welt. Was er dort sieht, erscheint ihm abstrus, um nicht zu sagen sinnentleert. Norbert sagen sie zu ihm. Seit Norbert denken kann und solange er sich zurückerinnert. Norbert vergibt ihnen. All jenen, die tagtäglich etwas tun. Von dem sie glauben es tun zu müssen, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, ob sie tun müssen, was sie tagtäglich tun. Sie tun, was sie tun müssen oder glauben tun zu müssen. Sie sind fest davon überzeugt, dass, was sie tun, sinnvoll ist. Ohne wirklich zu wissen, was sinnvolles Tun bedeuten könnte. Und die Bedeutung muss noch lange nicht den Sinn ergeben oder ihn rechtfertigen. Sie tun tagein, tagaus. Das genügt und ist selbsterklärend. Es gibt Ausnahmen. Jene, die nichts tun. Diese schweigen geflissentlich darüber. Nichts tun geht gar nicht.
In der anderen Welt, die Norbert betritt, gibt es kein Tun, es gibt vielmehr ein Sein – das genügt. Dem Sein wird hier Genüge getan. Dies ist die einzige nachweisbare Tätigkeit. Dem Sein Genüge zu tun. Seit Menschengedenken gibt es in der anderen Welt nichts anderes als das Sein. Dem nicht genug. Das Sein, als höchste Instanz, schwappt auf jeden in diese Welt tretenden Organismus über. „Was tust du?“ ist die dümmste und zugleich verwerflichste Frage, die in dieser Weltordnung gestellt werden kann. Niemand hat auch nur den Versuch unternommen, sie zu stellen. Nur der Mensch ist so dumm.
Der Wechsel zwischen den Welten bereitet Norbert zunehmend Schwierigkeiten. Neuerdings wacht Norbert bei Vollmond gegen drei Uhr früh auf und weiß im ersten Moment nicht, in welcher Welt er sich befindet. Erst nachdem er aufgestanden ist, auf seinem Schreibtisch die Akten- und Arbeitsstapel sieht und sich gleichzeitig wortlos die Frage stellt, wie er das alles abarbeiten soll, wird ihm klar, dass er sich in der anderen Welt befindet. Der sinnlosen. Der von der Tat getriebenen. Mit diesem nutzlosen Wissen macht er kehrt, geht schnurstracks zu seinem Bett, legt sich hinein, zieht die Decke über den Kopf und schläft sofort ein. In der Hoffnung, dass er am nächsten Tag in der anderen Welt aufwachen möge.
Frühmorgens plärrt eine Stimme übertrieben freundlich, doch endlich aus dem Bett zu kommen, und Norbert weiß, ohne weitere Ereignisse abwarten zu müssen, in welcher Welt er sich befindet. Worüber sie reden, findet er merkwürdig. Diese geschulten Sprechstimmen, die mit der Realität so gar nichts am Hut haben. Die über die Notwendigkeit von Impfungen sprechen, über eine Hundertschaft von Toten berichten, um nach Lied und Zeitansage ein Witzchen zum Besten zu geben. Norbert will das nicht mehr. Und weil Norbert das nicht mehr will, stellt er das Radio auf einen anderen Sender ein. Auf diesem Sender werden er und alle anderen Hörer geduzt, obwohl er keine von den niedlichen, weniger gebildeten Sprechstimmen samt ihren physikalischen Massen persönlich kennt. Sonderbar, denkt sich Norbert. Was die sich erlauben?!Norbert schaltet das Radio ab.
Wenn Norbert in die andere Welt wechselt, verlangsamt sich sein Puls. Seine Atmung wird ruhiger, die Schwingung – so eine messbar wäre, würde eine andere sein. Apropos sein.
Zu sein wäre so einfach, gäbe es das Tun nicht.
Ein Anfang, ein Ende, das Ziel, der Weg – wäre alles überflüssig. Und Norbert? Norberts Daseinsberechtigung litt kein bisschen darunter.
Hier sitzt Norbert und kann nicht anders. Nicht anders, als den Zitronenfaltern beim Fliegen zuzusehen, den Schneerosen bei der systematischen Nachjustierung ihrer großen, prallen Köpfe Richtung wohltuender Sonne und ihrer Strahlen. Kurz und gut: des Elementaren, das im Sein aufgeht. Gleichzeitig umschleicht Norbert Melancholie, denn er stellt fest, dass dieses Sein in der anderen Welt alles andere als von langer Dauer ist. Dynamik umgibt es. Bewegung. Der Lauf der Dinge. Ohne Geist, ohne Intellekt, aber in Bewegung. Das Elementare ist Bewegung in der anderen Welt. Das Sein ist Bewegung, konstatiert Norbert. In sich schlüssig. Besser geht es nicht. Ein in sich vollendeter Prozess, der als Sein angenommen werden kann. Nichts scheint zu viel und nichts zu wenig. Die Ausgewogenheit ist im Wechselspiel aus Überfluss und Mangel, Starkem und Schwachem und in allen Schattierungen dieser Verhältnisse gegeben.
Nichts des eben Festgestellten trifft auf die andere Welt und ihre Erscheinung zu. Vermutlich weil in der anderen Welt der Mensch dominiert. Nach Menschen Wille geschehe. Aber das ist eine reine Vermutung von Norbert. Was sich dem Menschen und seinem Tun entzieht, ist das Sein. Norbert ist sprachlos, wie gut das Sein auch ohne den Menschen zurande kommt. Es wird den Menschen überdauern, stellt Norbert zufrieden fest.
Der Weltenwechsel ist systematisch. Kein von Norbert oder von Menschenhand initiierter. Dazu ist der Mensch zu klein und zu erbärmlich. Ein übergeordnetes System, welches dem Menschen gestattet, sich darin aufzuhalten. Norbert möchte die beiden Welten nicht als Konkurrenzwelten verstanden wissen. Eine Bewertung, gar zu beurteilen liegt ihm fern. In der Beobachtung fühlt er sich eher geborgen.
Die eine Welt ist unschlüssig, die andere stimmig. Zum Beispiel versteht Norbert nicht, warum der Fortschritt als Fortschritt verkauft wird, während das Bewährte nicht sein darf und dem Fortschritt weichen muss. Unschlüssig. Die andere Welt kennt keinen Fortschritt. Worin sollte auch der Fortschritt im Sein liegen? So viele unterschiedliche Funktionsprinzipien in den zwei Welten irritieren Norbert. Und wenn er von der einen Welt in die andere wechselt, vom Sein ins Tun, unterliegt Norbert immer größeren Schwankungen, die ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Sein soziales Umfeld, die Gesellschaft, auf Tun programmiert, kann mit Norberts Funktionsprinzipien des Seins nicht umgehen. In der Welt des Tuns, das paradigmatisch wie eine Kuppel über der Menschheit schwebt, gibt es auch jene, die unfähig sind im Tun. Sie schwimmen mit. Irgendwie. Ohne aufzufallen oder etwas anzustellen. Gäbe es sie nicht, würde niemand davon Notiz nehmen.
Die Reaktionen auf Norberts Weltenphilosophie, besonders auf sein Verhalten, sind durchwegs gleich. Ratlosigkeit. Norberts Umfeld ist ratlos. Ein System versucht sich aufrechtzuerhalten. Norbert macht da nicht mit. Heftige Reaktionen, es hagelt Strafen. Der Versuch, Norbert
