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IRRglaube ist verrückter Glaube. IRRationaler Glaube. Für diese Menschen gibt es keine Entschuldigung. Fehler sind IRReparabel. Menschliche Fehler. Plastik, Energiesparlampen. DSGVO. Digitale Zukunft. Künstliche Intelligenz. Eine Ablöse steht bevor. Doch, wer löst wen ab?Eschenauers Werk fragt nach der fünften Macht im Staate Der Macht der Eigenverantwortung. Ein düster-literarisches und doch lustvolles Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Bevor es soweit ist, fahren wir auf Urlaub. Lassen es uns gut gehen Der Untergang beginnt im Urlaub und endet am Friedhof. Dazwischen angesiedelt Eschenauers Miniaturen, Kurzgeschichten und Gedichte. Alles im Fluss der zum Himmel stinkt.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Gerald Eschenauer
IRRglaube
© 2019 MITGIFT Verlag
www.mitgift.at • [email protected]
ISBN: 978-3-903095-11-3
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Gerhard Maierhofer
Satz & Layout: R. Herzog / M. Tilli
Cover: Michaela Tilli
Gerald Eschenauer
IRRglaube
Wien
Mumbai
Varanasi
Jaipur
Kerala
Goa
Villach
Helenental
Stockenboi
Venedig
Klartext
Learning and burning city
Verkehrung
Strandlauf
Paradetouristen
Geometrische Formen
Sicherheit
Komplikationen
Religion
Ressourcenauslastung
Weinend
Unansehnlich
Indische Krähen
Plastik unser
IRRglaube
Stadt der fliegenden Seelen
Alles wie immer
42
Ratlosigkeit
Gedanken zur Verschwendung
Lustlos
Viktors Welt
Endgültig
Bleib, wie du bist
In Erwartung
Chamäleon
Verrückte Zeit
Venus
Vielfalt
Mundgeruch
Einkaufssamstag
Gegenstillstand
Alles entscheidende Frage
Rettung
Krieg
News
Meine Unterschrift
Ausweglos
Tränenschwestern
Übergeben
Der Kuss
Herzkatapult
Eschenauer
Finale
Spermatophyt
Alphasoftie
Ohne Netz
Kunst
Zu allem fähig?
Künftige Bankrotteure
Per definitionem
Ruhe
Das Zimmer
Ziele
Frist
Mensch aus
Promenadenmischung
Schwarz auf weiß
Bestandsaufnahme
Muhli
Selbsterkenntnis
Stimmig
Der Ort
Blickwinkel
P & P
Lusttrunken
Zwiesprache
Blind
Kreislauf
„Ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.“
Österreichs Innenminister
Herbert Kickl, 2019
„Glaube ist ungesichertes Gedankengut
auf dünnem Eis –
und sehr gefährlich!“
Gerald Eschenauer
Die Annahme, Poesie sei von Politik zu trennen, ist falsch. Sich mit ausschließlich schönen Worten aus der Verantwortung zu stehlen ist verantwortungslos. Auch Schriftsteller tragen Verantwortung. Ich vertrete die unverrückbare Auffassung, dass sich Poesie und Politik bedingen – denn niemand schreibt bezuglos. Jeder, der schreibt, nimmt Bezug. Diese Bezugnahme ist nichts anderes als Politik. Verstanden im Kontext der menschlichen Historie und der in griechischer Tradition verorteten Teilhabe im sozialen Raum, der Polis. Schreibend bekunde ich meine Teilhabe an dieser orientierungslosen, ausufernden und pervertierten Welt. Schreibend trete ich für und gegen, nicht selten gegen und für ein, mit dem Wissen, den Schutzschild der Arschkriecher, Opportunisten, Machtverliebten, Naturvernichter und Wirtschaftsprofiteure zu durchbrechen, zumindest stehend und damit angreifbar in sie hineinzusehen und sie zu beschreiben. Das ist mein Recht und meine Pflicht.
Und jetzt das Reizvolle. Die Form dieses verpflichtenden Schreibens, das Herausreißen mancher Wortfleischstücke aus meinem Körper und das blutrote Einfärben eines vormals weißen Blattes, nicht selten landet der Batzen direkt auf dem Papier, mache ich Ihnen zum Geschenk. Wort für Wort, Satz für Satz, Seite für Seite.
Der Autor
„Long hair – long life!“, ruft mir ein junger Unbekannter zu, als ich die jahrhundertealten Steinstufen hinunter zum heiligen Fluss in Angriff nehme. Beschwerlich, sie sind höher und schwerer zu besteigen als in meiner heimatlichen Umgebung. Gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl des Mitleids der älteren Generation gegenüber, die diese zu meinem Erstaunen mühelos überwindet. Nicht wie die unzähligen fetten und angefressenen Europäer, die sich über verkalkte Brausen, unansehnliche Fliesenfugen oder ausgefallene Klimaanlagen echauffieren.
Das ist er also, der heilige Fluss, von den Einheimischen Ganga genannt, in allen heimischen Landkarten und Wegbeschreibungen, nationalen und internationalen Reiseführern als Ganga bezeichnet, den weniger Gebildeten als Ganges bekannt. Heiliger Fluss, das war’s auch schon. Viel mehr weiß man nicht. Und dass er auf den ersten Blick nicht so dreckig ist, wie sie immer sagen. Sanddünen jenseits des Flusses und dahinter die Konturen eines Waldes. Ob er für die Verbrennung der menschlichen Körper herhalten muss?
Mich durchfährt ein mulmiges Gefühl, als ich die Sicherheitsschleuse von Schiphol, jene des Amsterdamer Flughafens mit Ziel nach Wien, durchquere. Nicht weil ich an einer der vorangegangenen Destinationen unverzollt eingekauft hätte, sondern weil ich noch immer die Asche Tausender Toter an meinen Fußsohlen mit mir herumtrage. Tausende Verbrannte kleben an meinen Fußsohlen, quer durch Indien und Europa geschleift. Von Varanasi über Jaipur nach Kerala,Mumbai wieder nach Amsterdam und schließlich auf den WienerFlughafen und zurück nach Kärnten. Hier vermischen sie sich wohl mit der Asche der unzähligen von Nationalsozialisten vergasten und anschließend verbrannten Juden und sonstiger Minderheiten. Alle Versuche, die Asche auf der Urlaubersandalenunterseite loszuwerden, misslingen. Kein Abwaschen, Abrubbeln der in Taiwan unter widrigsten Bedingungen erzeugten Kunststoff-Urlaubersandalenunterseite kann die Asche der Varanasi-Verbrannten entfernen. Sie vermischen sich vielmehr mit der Asche der durch Nationalsozialisten getöteten Juden. Und marschieren gemeinsam quer durch Europa und weitere Kontinente. Werden von keinem Sicherheitssystem, an keinem Flughafen dieser Welt geortet, obwohl sie immer mehr werden und unter den Fußsohlen immer markanter an den europäischen Füßen haften. Separate Batterien werden vorschriftsmäßig vom Großgepäck in das Handgepäck gelegt, von dem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Sicherheitsbeamten im Tarnanzug beschlagnahmt und vor den Augen ihres Besitzers, nämlich vor meinen Augen, vernichtet, während die Asche von Tausenden Varanasi-Verbrannten seelenruhig in alle Länder dieser Erde ausgeführt werden darf.
Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass uns das nichts angeht. Trotz aller Rollos, die die österreichische Bundesregierung gerade im Begriff ist runterzulassen, marschieren die Geister der Inder, Chinesen, Japaner und selbst der Amerikaner, auch der Afrikaner auf der Urlaubersandalenunterseite durch Österreich. Ohne Pass und ohne Visum. Gehen an den Flughäfen ein und aus. Alle kurz übers Osterwochenende nach Ägypten, nach Slowenien, Italien oder – weil gerade besonders günstig – in die Türkei Reisenden bringen deren Nationalitäten auf ihren Urlaubersandalenunterseiten mit. Völkerverständigung unter Toten. Die Lebenden sind dazu nicht fähig. Gedanken an diese Umstände beruhigen und verunsichern mich gleichermaßen.
Ich kehre zurück auf die Steinstufen hinab zum heiligsten Fluss des Landes, der Welt, trotz oder gerade weil er die sterblichen Überreste von unzähligen Schwangeren, Leprakranken, von Schlangen Gebissenen und Kindern aufnimmt. Alle anderen, die es sich leisten können, verbrennen. In der Universitätsstadt, der learning – burning city. Am heiligsten Ort Indiens, manche sagen am heiligsten Ort der Welt.
Und ausgerechnet auf den Stufen zum heiligsten Fluss der Welt und in der heiligsten Stadt des Kontinents erinnere ich mich an das Begräbnis meines Bruders in meinem Heimatort Zweikirchen, nördlich des österreichweit bekannten Ulrichsbergs. Jenes Berges, auf dem Rechtsradikale bis zum heutigen Tage Versammlungen abhalten und auf dem viele der Teilnehmer ihre Hand auch heute noch zum Hitlergruß erheben. Jener Berg, auf dem wir vor vierzig Jahren, während meiner Schulzeit zumindest einmal im Jahr mit der damaligen Volksschulklasse und unserem Lehrer Gutzelnig einen Wandertag unternahmen, von alldem naturgemäß nichts mitbekommend. Meine Befürchtung ist, dass mit der jetzigen Bundesregierung die Treffen wieder mehr werden. Gleichzeitig erinnere ich mich, wie meine Mutter vor Zelttreffen am idyllischen Kirchmayer-Teich, nördlich des Ulrichsbergs, immer gewarnt hat. Das braune Gesindel hat sie nie direkt angesprochen, aber sie hat mir und meinen Brüdern untersagt, dorthin zu gehen. Das seien keine guten Leute, und wir haben uns, was bei Verboten unüblich war, in diesem einen Fall daran gehalten. Sie waren alle uniformiert und haben sich im Gasthof Drucker getroffen, in dem noch vor wenigen Jahren hölzerne Tafeln über dem Eingang und im Extrazimmer hingen. Wir haben uns nichts dabei gedacht, wenn wir von Schöller ein Rumfass oder eine Schöller-Eisbombe geholt haben. Auf die massive Eichentheke haben wir die Schillinge hingezählt, mit direktem Blick auf geschnitzte Tafeln mit der Aufschrift „Meine Ehre heißt Treue“ oder „Wer reibt sich schon an deutschen Säuen“. Viele dieser Tafeln hingen seit Jahrzehnten dort. Tafeln, deren Sinn ich nicht verstand und über deren Bedeutung man hinwegsieht, wenn man Kind ist. Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Kinder mit Handgranaten spielen, ohne zu wissen, dass es ihnen die Hände wegfetzen könnte, während Erwachsene trotz des Wissens darüber mit ihnen spielen und ihre irdische Restzeit mit Stumpen umherirren. Geistigen Krüppeln folgt das körperliche Pendant.
Wie war es möglich, dass Kärntner Gasthäuser in den 1980er- und 1990er-Jahren dauerhafte Brutstätten für Nazis waren, vermutlich – ein beängstigender Gedanke – bis in die heutige Zeit geblieben sind?
Wie war es möglich, dass in einer Mittelkärntner 500-Seelen-Gemeinde, die immerhin zwei Gasthäuser und zwei Kirchen beherbergte, den Gasthof Egger vulgo Kopper und das Gasthaus Drucker, in dem „Meine Ehre heißt Treue“ über der schmiedeeisernen Tür prangte, nebst Kindern Nazis ein und aus gingen? Wie ist das zu rechtfertigen?, frage ich heute.
Das alles war kein Thema, als ich auf dem Friedhof in Zweikirchen stand und mein Bruder – oder besser Teile von ihm – in einem Sarg in die frisch ausgehobene Grube gelassen wurde. Im achtzehnten Lebensjahr mit Genickbruch das Leben vorzeitig beendet, durch einen schwer alkoholisierten Autolenker, der auf der Tentschacher Landesstraße zwischen den Einfahrten zum Sygergut-See – uns als Moosebauer-Teich bekannt – und jener nach St. Peter am Bichl das Moped übersah.
Und ich als jüngstes von acht Kindern mit allen Geschwistern am Grabe meines verstorbenen Bruders vor mich hin zappelte und nicht verstand, warum da Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, weinten, während ich trotz heftigster Anstrengung und kindlichstem Bemühen dazu nicht in der Lage war. Keine Träne rann mir über die Wangen. Stattdessen beobachtete ich und studierte das Verhalten aller Anwesenden. Der Nachbarn wie auch der Dorfbewohner, die unsere arme und kinderreiche Familie ob der guten Manieren größtenteils zu schätzen wussten. Mit Ausnahme des damaligen Dorfpfarrers, der richtungsweisend für meine Mutter und meinen Vater sein sollte. Als sie von der Kirche ein Baugrundstück erwerben wollten, meine Mutter hochschwanger, mein Vater mittellos, verkaufte er es mit den Worten „Wer zåhlt, der måhlt!“ an einen Großgrundbesitzer. Trotz dieses christlich wenig rühmlichen Verhaltens ging meine Mutter nach dem Tod ihres Kindes, meines Bruders, für die nächsten Monate gemeinsam mit meiner Nachbarin in den Sonntagsgottesdienst. Ich habe sie nie begleitet. Nur zweimal im Jahr, nämlich zur Fleischweihe und zur Christmette, hat man mich in der Kirche angetroffen.
Ich betrete die kleine Kirche und den Friedhof in Zweikirchen bis zum heutigen Tag nur in Ausnahmefällen. Meiner Mutter zuliebe. Grund dafür ist ein Kirchenratsbeschluss, noch zu ihren Lebzeiten gefällt, dessen Ziel es bis heute ist, alle Grabsteine, also den sichtbaren Teil der Gräber, nach und nach auszurichten, was für das Eschenauer-Grab bedeutete, dass der Grabstein von den Köpfen zu den Füßen der Beerdigten wandern sollte.
Wie eine Löwin hat meine Mutter zeit ihres Lebens gegen diese Grabsteinverschiebung gekämpft und mit den Worten „I spring jå net auf de Köpf meiner Kinda uma“ ihrem Unverständnis ob so viel menschlicher Dummheit Raum gegeben. Nach dem Tod und der Beerdigung meiner Mutter war die erste Amtshandlung des Kirchenrates die Ausrichtung und Versetzung des Eschenauer-Grabsteines.
Seither marschieren Urlaubersandalenunterseiten und andere Sohlen auf den Köpfen meines Bruders, meiner suizidären Schwester, meines Vaters und meiner Mutter herum.
Am Pool sitzt der Seeadler. Hier ist alles anders. Lenkräder befinden sich rechts vorne, geschaltet wird mit der Linken, und Verkehrszeichen wie Ampeln oder Hinweisschilder – selten. Jeder fährt nach Gefühl, und das fühlt sich ungewohnt, aber gut an. Tut der Verkehrssicherheit keinen Abbruch. Obwohl, drei Verkehrsunfälle während meines mehrwöchigen Aufenthalts sind nicht wenig. Und immer wieder springen die Betroffenen von den gestürzten Fahrrädern und Mopeds auf, als wäre nichts geschehen, nehmen ihre staubigen verbeulten Fahrzeuge und mischen sich schleunigst in den Verkehr. Anarchie auf der Straße funktioniert.
Im Pool schwimmen mittlerweile drei Kröten, größer als die unsrigen. Begonnen hat es mit einer. Die Raben werden zunehmend unverschämt. Verlasse ich den Tisch, holen sie sich das inhaltslose Weißbrot, das hier ausgesprochen süß schmeckt, zerfleddern es wenige Meter weiter, um es gierig hinunterzuschlucken. Das Minikrokodil am Poolrand sieht verdammt echt aus. Würde es nicht auf dem Rücken liegen, noch dazu mit einem gebrochenen Schwanz, man könnte es für lebendig halten. Die Nachbarin, eine in Sari gewandete alte Frau mit wachen Augen, winkt mich zu ihrem mit Brettern verplankten und mit Planen umschlossenen Stand, etwa drei mal zwei Meter, und versucht mit mir ins Gespräch zu kommen. Die Landessprache verstehe ich nicht. Sie versucht es mit einigen Brocken Englisch. Die Alte schenkt mir kommentarlos einen Fruchtsaft. Serviert im kurz zuvor gespülten und davor im Plastikbecken geschwommenen unsauberen Glas. Viel zu viel zuckerhältiger, künstlicher Fruchtsaft, den sie mit Soda mischt. Ich bin Tourist und will nicht unhöflich erscheinen. Sie reicht mir das Glas, ich setze an – picksüß das Zeug. Nicht zu saufen das „Gschlabbra“, hätte wohl meine Mutter im Kärntner Dialekt eingewendet. Ein Gschlabbra dieses ganze Land, aber Menschen mit Herz, die dich noch wahrnehmen und größtenteils anlächeln, wenn du mit deiner exotisch hellen Haut in ihren Breitengraden auftauchst.
Der nahe gelegene Hafen in Kochi
