Es war alles am besten! - Jürgen Drews - E-Book
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Es war alles am besten! E-Book

Jürgen Drews

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Beschreibung

Jürgen Drews – er ist seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten deutschen Schlagersänger, auch international, und wurde auch als Schauspieler gefeiert. Durch seine zahlreichen Hits, besonders das „Bett im Kornfeld“, kennen ihn nahezu alle Deutschen, und seine Fans lieben ihn über alles. 2020 feiert er seinen 75. Geburtstag: Aus diesem Anlass veröffentlicht er zum ersten Mal die Geschichte seines bewegten Lebens, erzählt von den harten Anfängen und den Erfolgen, lacht über manche Pannen und verschweigt auch die Schattenseiten der Branche nicht. Der „König von Mallorca“ lässt seine Fans in seiner großen Autobiografie ganz nah ran: ehrlich, offen, privat, reich bebildert. Rückblickend sagt er mit einem zufriedenen Lächeln: „Ich kann nichts dafür“ – und gerade weil für ihn »alles am besten« war, verspricht er seinen Fans: »Ich hab noch lange nicht genug!«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jürgen Drews ist einer der erfolgreichsten und beliebtesten Schlagersänger im deutschsprachigen Raum.

Geboren wurde er am 2. April 1945 bei Berlin. Er interessierte sich schon früh für Musik, spielte in lokalen Bands und gewann mit 15 Jahren den Preis als bester Banjospieler Schleswig-Holsteins. 1969 lernte er den Musiker Les Humphries kennen, der ihn für seine »Les Humphries Singers« engagierte. Mit der Band tourte er durch die ganze Welt.

Seine beispiellose Solokarriere startete Drews in den frühen Siebzigern und erschuf mit Megahits wie »Ein Bett im Kornfeld«, »Barfuß durch den Sommer« und »Wir ziehn heut’ abend aufs Dach« echte Schlager-Kult-Klassiker. In den Achtzigern lebte Drews die meiste Zeit in den USA und veröffentlichte auch dort erfolgreich Platten. 1989 feierte er sein Comeback in Deutschland, 1995 sang er mit Stefan Raab eine neue, funky Version von »Ein Bett im Kornfeld« mit Rapeinlagen, die besonders bei der jungen Generation gut ankam. In dieser Zeit startete Drews seine Karriere als Partysänger, tritt seitdem regelmäßig auf Mallorca auf und eröffnete dort sogar ein eigenes Café. 2009 schaffte er es mit »Ich bau dir ein Schloss« in die Top 10 der Single-Charts, weitere hervorragende Chartplatzierungen folgten!

Ans Aufhören denkt Jürgen Drews auch 2020 noch nicht – und das ist gut so!

JÜRGENDREWS

»Es war alles am besten!«

Die Geschichte meines bewegten Lebens

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Originalausgabe September 2020Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München, unter Verwendung eines Fotos von © Moritz KünsterRedaktion: Antje SteinhäuserDF | Herstellung: kwSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN978-3-641-25886-3V002www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Inhaltsverzeichnis

Was einmal war das kommt nie wieder

Irgendwann, irgendwo, irgendwie

Barfuß durch den Sommer

Ich brauch ’ne Band!

Mama Loo

So wie im Film

Zeit ist eine lange Straße

Eine Reise ins Nirwana

Ein Bett im Kornfeld

Vielleicht bin ich blöd

Der schwerste Tag war gestern

Du kriegst bestimmt den Liebesnobelpreis

Ich bau dir ein Schloss

Ich bau dir ein Schloss (2)

Wir mieten Venedig

Jung, hübsch und dämlich

Warum immer ich?

Für einen Tag

Abenteuer

Mich trifft gleich der Schlag

Rette mich wer kann – oder: »Wenn der Drews im Stadion singt!«

Noch mal ins Kornfeld – oder: Wie ich zu »Onkel Jürgen« wurde

König von Mallorca

Mit Volldampf voraus!

Heut’ schlafen wir in meinem Cabrio

Kneif mich!

Unfassbar!

Das kann doch nicht wahr sein!

Ein Freund geht

Keiner singt gern allein

»Wann wenn nicht jetzt«

»… irgendwo sehn wir uns wieder«

Bildnachweis

Bildteil

Meine Kindheit

Die Anderen

Ich in jung, mit den Les Humphries Singers und solo

Meine Familie - die Hochzeit & Joelina

Kleine Pressefotosammlung

Ein paar Fotos mit Kollegen und Freunden

Bühnenimpressionen

Meine kleine private Fotosammlung

Was einmal war das kommt nie wieder

(Single aus dem Jahr 2020)

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es freut mich sehr, dass ihr euch für mein Buch interessiert.

Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich euch gern duzen. Ich nehme an, ich bin hier sowieso der Älteste, deshalb darf ich euch auch das Du anbieten. Außerdem macht es mir das Erzählen einfacher.

In meinem ganzen Leben hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich mal ein Buch schreiben werde. Und nun ist es so weit. Aber es hat Spaß gemacht. Für mich war es wie eine Reise durch die verschiedenen Stationen meines Lebens. Und auf diese Reise möchte ich euch jetzt gerne mitnehmen. Ich bin mir sicher, dass ihr in diesem Buch einiges über mich erfahren werdet, was ihr bisher noch nicht gewusst habt.

Über mich selbst sage ich immer gern: »Ich bin der Erfolgreichste der Erfolglosen dieser Branche.« In dem Satz lasse ich natürlich gerne meine Selbstironie sprechen. Und ich finde sowieso, dass man lieber mit einem Augenzwinkern durchs Leben gehen sollte, als alles verkniffen auf die Waagschale zu legen. So habe ich es jedenfalls immer gehalten, und mir ist dadurch vieles leichter gefallen. Auch wenn es vielleicht nach den vielen Geschichten, die aus den Medien von mir bekannt sind, unglaubwürdig klingt, aber ich war früher tatsächlich ein schüchterner und verklemmter Typ (mein Vater nannte mich manchmal sogar lachend »Klein-Klemmi«). Erst die Musik hat mir auf ihre Weise zu mehr Selbstbewusstsein verholfen. Sie war schon immer mein Motor. Sie war meine Medizin und meine Therapeutin.

Wahrscheinlich habe ich deshalb auch nach all den vielen Jahren niemals den Spaß und den Ehrgeiz bei meiner Musik verloren. Jeden Tag, wenn ich nicht gerade auf Tour bin, arbeite ich mit Freude an neuen Song-ideen. Immer auch in der Hoffnung, dass vielleicht mal wieder ein ganz großer Hit entstehen könnte.

Ja, mein Musikerherz spielte immer schon eine wichtige Rolle in meinem Leben und hat es in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Letztlich waren es ja meine Songs, die meine berufliche Laufbahn gesteuert haben. Ich möchte sogar behaupten, meine Songs haben mein Handeln und Verhalten in der Öffentlichkeit beeinflusst. Und ohne Umhang und Krone wäre der Song »Ich bin der König von Mallorca« wohl kaum so aufgefallen!

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von euch gar nicht wissen, warum und wie ich zu der Bezeichnung und dem dazugehörigen Titel »König von Mallorca« gekommen bin. Viele Medien schreiben heute noch: der selbst ernannte König von Mallorca. Doch so war das gar nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich selbst so zu nennen. Es war letztlich Zufall. Wie so vieles in meinem Leben. Davon werde ich euch gern im Kapitel »König von Mallorca« mehr erzählen.

Ich habe schon viele verrückte Sachen gemacht, die sich wahrscheinlich kein anderer getraut hätte. Aber es hat mir manchmal auch schlicht diebische Freude bereitet, gegen den Stachel zu löcken, auch wenn es vielleicht bei dem ein oder anderen ein Naserümpfen ausgelöst hat. Und vieles davon werde ich in diesem Buch offenbaren. Ich habe meine Erfahrungen gesammelt, habe mich weiterentwickelt, aber auch alte Sichtweisen verändert. Letztlich war für mich alles Geschehene zu der jeweiligen Zeit richtig und wichtig, sodass ich heute sagen kann: Es war alles am besten!

Ich bin echt dankbar, dass ich genau dieses Leben führen darf, und wenn es da oben jemanden im Himmel gibt, der seine Hand über mich gehalten hat, dann sage ich ihm aus tiefstem Herzen: DANKE!

Meine Karriere war alles andere als gradlinig und schon gar nicht geplant. Ich erzähle euch nachher in einem Kapitel noch über meinen Song »Ein Bett im Kornfeld«. Der ist ja damals richtig erfolgreich gelaufen. Ich hatte aber das Pech, dass genau zur selben Zeit der Kassettenrekorder mit Aufnahmefunktion auf den Markt kam. Ihr könnt euch vorstellen, was passierte? Alle haben diese Aufnahmefunktion genutzt und dadurch den Titel nicht mehr gekauft. Dazu später mehr.

Auch in meinem Leben gab es Höhen und Tiefen, und manche Hürden galt es zu überwinden. Na klar, es lief nicht immer alles glatt, ich habe viele Fehler gemacht, die ich mir und anderen im Nachhinein gerne erspart hätte. Aber gerade diese Tiefen und auch die Fehler haben mich um wertvolle Erfahrungen reicher gemacht und mir letztlich die Augen für das Bessere, das andere oder das Neue geöffnet. Meine Frau sagt immer: »Du bist wie ein Stehaufmännchen. Fallen, Krone richten, weiterlaufen!«

Ja, so bin ich wirklich. Ich resigniere nicht. Ich schaue mir meine Fehler an und versuche es dann besser zu machen, auch wenn ich mich dabei nicht immer wohl in meiner Haut fühle. Gerade wenn es schwierig wird, sagt mir meine innere Stimme: Jetzt erst recht! Aufgeben gibt es für mich nicht.

Diesen Kampfgeist haben mir meine Eltern vererbt. Darüber bin ich sehr froh. Generell haben mir meine Eltern Bodenständigkeit beigebracht. Sie sagten immer: »Merke dir eines: Hochmut kommt vor dem Fall. Geh lieber bescheiden durchs Leben.«

Und von daher kommt vielleicht auch meine Aversion gegen Bezeichnungen, die manche Medien gern benutzen, wie »Star« oder »Schlagerstar«. Ich finde, das hört sich ziemlich hochgestochen an, und das habe ich nie gemocht. Im Gegenteil, wenn ich über mich als Sänger spreche, dann sage ich schon mal: Ach, ich bin doch nur ein kleiner »Heiopei« oder »Schlagerfuzzi«. Immer mit einem kleinen Lächeln, aber ein bisschen Wahrheit liegt da schon drin.

Zum Glück nehme ich mich nicht allzu ernst. Ich bin einfach ein Mensch wie jeder andere auch, und mein Job ist es, Musik zu machen und die Leute damit zu unterhalten. Im Grunde genommen ein Dienstleister. Und das mit dem Dienst leisten, das nehme ich verdammt ernst. Ich bin von Haus aus ein richtiger Workaholic. Mittlerweile habe ich dank meiner Frau ein gutes Maß für die Arbeit gefunden, aber früher war ich in der Hinsicht echt verrückt. Ramona meinte mal, ich hätte ein Leben auf der Überholspur geführt. Und wenn ich es aus heutiger Sicht betrachte, bin ich nicht nur im übertragenen Sinne mit Scheuklappen über die Autobahn gerast (siehe Kapitel »Abenteuer«), um bloß alles mitzunehmen, was mir angeboten wurde. Es ist gut, dass ich das geändert habe. Da bin ich mit zunehmendem Alter besonnener und vorsichtiger geworden. Schließlich möchte ich noch viel Zeit mit meiner Familie verbringen können. Das ist früher leider häufig zu kurz gekommen.

Rückblickend kann ich doch sehr glücklich über den Verlauf meines Lebens sein. Ich sage das auch immer wieder gern: Für vieles, was mir in meinem Leben widerfahren ist, kann ich einfach nichts. Alles ist einfach irgendwie passiert. Durch Zufall oder Schicksal? Wie auch immer. Ich habe immer alles so genommen, wie es kam, und entsprechend darauf reagiert.

Dass ich jetzt dieses Buch schreibe, hat sich auch einfach so ergeben. Ich habe nach der Verlagsanfrage erst einmal überlegt, ob ich überhaupt ein Buch schreiben möchte. Da ich aber schon häufig meiner Familie, Freunden, Kollegen, den Medien und auch Menschen, die gerne meine Musik hören, Geschichten aus meinem Leben erzählt habe, manchmal stundenlang, habe ich mir gedacht, dass ich diese Geschichten eigentlich auch aufschreiben kann. Somit habe ich mich dann doch dazu entschlossen, dieses Buch zu schreiben, denn »Was einmal war das kommt nie wieder«. Und ich habe wirklich viel zu erzählen, was man über mich bisher bestimmt nicht wusste.

Oder wusstet ihr, dass ich privat ein eher in mich gekehrter Mensch bin? Ja, tatsächlich! Ich kann mich gut allein beschäftigen. Wenn wir bei einer TV-Produktion sind oder bei einem Job und ich im Backstagebereich warten muss, beschäftige ich mich gerne am Laptop mit meinen Songs. Ich sitze dann völlig in Gedanken versunken mit meinem Latte macchiato am Tisch.

Manche Kollegen machten sich sogar schon Sorgen um mich und dachten, es ginge mir nicht gut, weil ich dabei offenbar manchmal einen sehr eigenartigen Gesichtsausdruck annehme. Aber das ist einfach meine Denkmimik! Wenn ich mich konzentriere, sehe ich vielleicht ernster aus, als man mich sonst kennt.

Deshalb passiert es manchmal, dass mich Menschen, die mich nicht kennen, sogar für arrogant halten. Ich bin vielleicht ein komischer Typ, aber ganz bestimmt nicht arrogant. Meine Mimik spielt mir da leider manchmal einen Streich. Also Leute, wenn ihr mich mal so hochkonzentriert oder gedankenversunken sehen solltet, am Laptop, keine Panik! Es geht mir gut! Sprecht mich ruhig an. Ich freue mich darüber und spiele dann auch gleich einen Song von mir vor. (Eine fürchterliche Unart von mir!)

Manchmal bin ich auch einfach ein wenig verpeilt, begreife Dinge erst später als andere. Ich kann mir auch keine Namen merken, das wird noch häufiger ein Thema sein. Damit habe ich schon in meiner Schulzeit Probleme gehabt. Und selbst wenn ich jemanden über viele Jahre hinweg kenne, begegne ich ihm irgendwann bei einer Produktion, stehe vor ihm, weiß genau, dass wir uns kennen, aber der Name … der fällt mir einfach nicht ein. Das tut mir in dem Moment leid, aber ich kann wirklich nichts dafür. Diese Schwäche begleitet mich schon mein ganzes Leben lang.

Vielleicht bin ich mitunter ein komischer Typ, aber einer mit viel Herz. Und im Herzen bin ich manchmal noch »das Männlein« (wie mich meine Eltern zu meinem Leidwesen immer genannt haben) mit dem Schleswiger Dialekt und einer kleinen Portion Schalk im Nacken. Ich liebe, was ich tue. Und das aus tiefstem Herzen.

Jetzt steigt ein. Wir machen einen Ausflug in die verschiedenen Abschnitte meines Lebens. Ich freue mich, dass ich euch davon erzählen darf.

Viel Spaß beim Lesen!

Euer Jürgen

Irgendwann, irgendwo, irgendwie

(Aus dem Album »Irgendwann … mit dir sofort«, 1990)

Mein Vater war Chirurg, hat aber während des Zweiten Weltkriegs als praktischer Arzt beim Militär gearbeitet und war in den letzten Kriegsjahren in Norwegen stationiert. Und meine Mutter war die Tochter des Opernsängers Georg Buttlar und zu der Zeit als Telefonistin bei der Armee tätig. Ratet mal, wo? Genau, auch in Norwegen – nur so konnten sich die beiden begegnen und ineinander verlieben. Und das Ergebnis dieser Begegnung war ich. Muss ich erwähnen, dass beide extrem gut aussehende Menschen waren? Natürlich nicht, denn irgendwoher muss ich das ja haben. (Den Satz wird meine Frau bestimmt streichen wollen, aber ich finde ihn lustig.)

Leider war ich für meine Mutter eine komplizierte Schwangerschaft, was die Suche nach einer geeigneten Klinik, vor allem zu jener Zeit, enorm erschwerte. Deshalb durfte sie gemeinsam mit meinem Vater in den Wochen vor der Geburt nach Berlin zurückkehren, wo es allerdings in diesen letzten Kriegsmonaten auch keine Klinik, keinen Kreißsaal mehr gab, in denen man auf eine Steißgeburt vorbereitet gewesen wäre. Es erwies sich als hilfreich, dass mein Vater einen Tipp von einem Kollegen bekam, in Nauen gäbe es eine Klinik, die solche Geburten durchführte. Schnell machten sie sich auf den Weg dorthin, und so kam ich in Brandenburg zur Welt. Nicht irgendwann, sondern am 2. April 1945.

Als Steißgeburt lag ich falsch. (Das ist mir später ab und an auch noch manchmal passiert.) Damals kam ich sozusagen mit dem Hintern zuerst auf die Welt, war also eine sprichwörtlich schwierige Geburt. Und jetzt bitte keine dummen Bemerkungen, liebe Freunde, ich habe dazu in meinem Leben schon genug Frotzeleien gehört. – Übrigens ist mir durch meinen Geburts-Tag zumindest der »Aprilscherz« gerade so erspart geblieben.

Mein Vater hatte kurz vor meiner Geburt ein Angebot bekommen, als Arzt bei der Flugstaffel in Jagel in Schleswig-Holstein zu arbeiten, und weil sich gegen Kriegsende die Luftangriffe auf Berlin häuften, flogen meine Eltern gleich nach meiner Geburt mit mir nach Jagel, mit einer der letzten Militärmaschinen vom Typ JU 52. Sozusagen im Tiefflug, unter dem Radar der angreifenden englischen Maschinen, und wie durch ein Wunder ist nichts passiert.

Da fällt mir ein: Ich glaube, es war 2018, da hatte ich an einem Tag drei Auftritte (zu der Zeit habe ich so etwas noch gemacht). Da diese Auftritte aber unmöglich mit dem Auto zu realisieren gewesen wären, stellte man meiner Tourbegleitung und mir einen Privatjet. Der erste Auftritt war in Hamburg, mittags um 13 Uhr. Von dort ging es per Privatmaschine nach Berlin, wo ich um 17 Uhr einen Auftritt auf der Waldbühne hatte. Dann weiter nach Dresden, wo ein Auftritt um 21 Uhr geplant war.

Bei der Landung am Flughafen Dresden traute ich meinen Augen kaum. Auf dem Grünstreifen bei der Start- und Landebahn stand genau so eine Maschine (JU 52) wie die, mit der ich damals mit meinen Eltern aus Berlin-Nauen ausgeflogen worden war. Da wir gut in der Zeit lagen, bekam ich noch die Gelegenheit, mir die Maschine aus der Nähe anzuschauen. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich, den ich auf einem Foto festgehalten habe. Dieses Foto findet ihr auch hier im Buch.

Und so wuchs ich im hohen Norden auf. Meine Mutter und mein Vater waren wirklich toll. Und ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Die Moltke-Kaserne in Schleswig wurde damals gerade zu Wohnungen umgebaut und für Flüchtlinge und Aussiedler geöffnet. Auch wir wohnten dort, denn mein Vater hatte auf dem Gelände die kleine Klinik. Auf dem großen Exerzierplatz traf ich immer andere Kinder, und es war für uns ein einziger großer Spielplatz. Die langen Flure luden zu Wettrennen ein, für mich war das eine herrliche Zeit. Mein Vater allerdings hatte als Chirurg alle Hände voll zu tun. Eines Tages sagte er, dass er gerne wieder umsatteln und als praktischer Arzt arbeiten wolle. Er habe genug vom Operieren, denn »die Patienten uff dem OP-Tisch reden nicht mit mir«. Mein Vater hatte ein ganz weiches Herz und versteckte seine raue Schale hinter seinem Berliner Dialekt. Seine Herkunft hat er nie verleugnet, und ich liebte es, wenn er so herrlich Berlinerisch sprach.

Wenig später zogen wir nach Schleswig um, in die Bellmannstraße. Dort richtete mein Vater im Erdgeschoss unseres Hauses seine kleine Praxis ein. Einmal, als ich Stubenarrest bekommen hatte, weil ich wieder irgendeinen Blödsinn gemacht hatte, schaute ich aus meinem Zimmerfenster auf die Straße, wo der Wagen meines Vaters stand. Mein Vater wollte sich gerade auf Praxisfahrt (heute nennt man das »Hausbesuche«) begeben, und offenbar merkte er, dass ich ihm von meinem Zimmerfenster aus zuschaute. Er guckte nach oben und hat wohl auch gesehen, dass ich einen ziemlich traurigen Blick hatte.

Jedenfalls legte er seinen Zeigefinger auf seine Lippen, was so viel heißen sollte, dass ich das für mich behalten sollte, und winkte mich zu sich herunter. Ich rannte zu ihm, und er sagte: »Setz dich mal ganz schnell in den Wagen. Ich nehme dich mit auf Praxisfahrt!«

Das war typisch für meinen Papa. Er hatte unheimlich viel Empathie. Die brauchte er bei seinem Beruf, aber so war er einfach auch. Ich erinnere mich noch ganz genau an jenen Tag und sehe ihn vor mir. Wie er mich zum Wagen geholt und mitgenommen hat. Praxisfahrten haben mir immer sehr gut gefallen. Wir fuhren damals auch zu sehr vielen Bauern, und ich habe viel Zeit auf den Feldern, in Schweine- oder Kuhställen verbracht, während mein Vater die Patienten versorgte. Das mochte ich, und es war mit ein Grund, warum ich Arzt werden wollte. Ich bin gerne mit ihm zu seinen Patienten im ganzen Landkreis gefahren, habe viele Bauern kennengelernt und als »Sohn vom Doktor« auch manche Leckerei zugesteckt bekommen. Herrlich!

Schon als Kind mochte ich die Natur. Meine Eltern hatten damals eine Haushälterin, weil meine Mutter als Sprechstundenhilfe im Arztbetrieb meines Vaters eingebunden war und nur wenig Zeit hatte, sich um alles selbst zu kümmern. Tante Erna, wie unsere Haushälterin hieß, kümmerte sich um den Haushalt, kochte das Mittagessen, putzte die Wohnung und die Praxis und wusch unsere Wäsche. Wir verstanden uns unheimlich gut.

An den Wochenenden im Hochsommer bin ich als kleiner Junge immer sehr früh aufgestanden. Tante Erna und ich hatten uns oft verabredet, dann in den Wald zu gehen, der ungefähr zwanzig Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt war. Wir gingen in der Morgendämmerung los, und erst wenn wir den Wald erreichten, wurde es ganz langsam ein bisschen heller. Das war wunderschön, und ich konnte sehen, wie sich die Tiere auf den Waldwegen verhalten, sah Hasen mitten auf dem Weg sitzen und irgendwas in sich »hineinmümmeln«. Oder ich begegnete einem Reh, das mich völlig verdutzt anschaute, weil es sich wunderte, dass da um diese Zeit ein Mensch vorbeikam, und deshalb kurz innehielt, anstatt sofort zu fliehen. Das waren unvergessliche, schöne Momente, die mir viel in meinem Leben gegeben haben.

Musik war damals noch nicht so sehr mein Thema – mit einer Ausnahme. Meine Mutter hat zwar als Sprechstundenhilfe meines Vaters gearbeitet, aber weil mein Opa Sänger war, liebte sie die Musik und hat mir abends immer etwas vorgesungen. Als ich klein war, war »Der Mond ist aufgegangen« mein Lieblingslied, und wenn ich ehrlich bin, habe ich heute noch Tränen in den Augen, wenn ich dieses Lied höre. Ich selbst habe damals übrigens nicht gesungen, aus irgendwelchen Gründen mochte ich meine Stimme nicht besonders. (Sagt jetzt nichts Falsches!) Und mich allein nach vorne, ins Rampenlicht zu stellen – das war schon gar nichts für mich, dazu war ich viel zu schüchtern.

Ich hatte eine tolle Kindheit, und meine Eltern haben meine Interessen und Ambitionen immer unterstützt. Nicht jedes Mal ohne Gegenwehr, aber letztlich dann eben doch.

Später, ich muss so dreizehn gewesen sein, wollte ich unbedingt Musik machen, also bekam ich eine Gitarre (damals war »die Klampfe« total in) und auch einen Gitarrenlehrer. Ich lernte erst einmal alle Akkorde und ersparte mir auf diese Weise, nach Noten zu spielen, ich kann nämlich keine, aber dazu später mehr. Meine Banjo-Zeit kam etwas später. Die Gitarre hatte einen unschätzbaren Vorteil: Man konnte sich daran festhalten und wunderbar dahinter verstecken. Das kam mir sehr entgegen, denn ich war sehr schüchtern – auch dazu später mehr.

Als Kind habe ich mir immer eine Märklin-Eisenbahn gewünscht, also schenkten mir meine Eltern Schienen, Trafo, eine Lok und ein paar Wagen. Als ich um eine Vergrößerung von Anlage und Wagenpark bat, sagte mein Vater: »Wir haben dir die Grundlage für eine Eisenbahnanlage geschenkt, das kostet aber alles Geld. Um den Wert von Geld zu ermessen, werde ich dir eine Arbeit besorgen, dann kannst du dir deine Eisenbahn selbst erarbeiten. Einverstanden?«

Klar war ich einverstanden, ich fühlte mich ernst genommen und schon fast erwachsen. Und dabei war ich damals gerade mal zehn oder elf Jahre alt. Also besorgte mir mein Vater bei einem seiner Patienten einen Job bei der Kartoffelernte. Und ich trat diesen Job an. Ein Traktor mit mehreren Wagen fuhr vorweg, und wir bückten uns, sammelten die Knollen auf und warfen sie in die Wagen.

Und wir bückten uns und sammelten.

Und bückten uns und sammelten.

Die anderen waren alle älter als ich, hatten schon mehr Kraft und Ausdauer, aber ich dachte an meine Eisenbahn und bückte mich und sammelte. Das war eine harte Arbeit für mich zarten Knaben. Wer schon mal auf dem Feld gearbeitet oder auch nur zu Hause bei der Kartoffelernte im kleineren Garten geholfen hat, der weiß, wovon ich rede.

Und dann bekam ich von der ganzen Sammelei Hunger. Richtigen Hunger.

Mittags gab es Grießbrei mit Apfelmus, ich hätte dafür glatt fünf Sterne vergeben. Ich wusste bis dahin nicht, wie lecker Grießbrei schmecken kann.

Ich habe die ganze Erntesaison über geholfen und war stolz, mir anschließend von dem Geld zwei Waggons für meine Eisenbahn kaufen zu können.

Diese Arbeit auf dem Feld war wirklich sehr anstrengend, und ich merkte: Ich musste kräftiger werden, musste mehr Muskeln entwickeln. Um also mehr Kraft zu sammeln und weil ich auch nach der Schule oft dringend Bewegung brauchte, bin ich viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Zum Beispiel fuhr ich an den Nachmittagen gern nach Böklund, um dort die leckeren Würstchen für Familie und Freunde zu besorgen.

Und ich habe etwa zu jener Zeit zum ersten Mal in meinem Leben versucht, auf Skiern zu stehen. Das waren allerdings Bretter aus den Wehrmachtsbeständen, viel zu groß und unhandlich für mich, und die »Hüttener Berge« bei uns im platten Schleswig-Holstein waren auch nicht gerade die Alpen – aber Spaß gemacht hat es dennoch.

Später kam mir das auf einer Skifreizeit in Hindelang zugute, und bis heute laufe ich gern Ski. Na gut, bis heute wäre übertrieben. Ich glaube, das letzte Mal war 2016. Ich wollte immer ein Crack werden, aber (ich sagte ja schon, ich bin ehrlich) ich habe das nie geschafft. Ramona behauptet, ich würde alle Läufer, die besser sind als ich, sofort in deren Spuren verfolgen, aber das ist natürlich total übertrieben. Finde ich. Ich bin nur Mittelklasse. Na gut, gehobene Mittelklasse. So ein bisschen rückwärtsfahren kann ich sogar auch.

Meine Kindheit schätze ich als sehr positive, schöne Zeit ein, unübertrieben. Allerdings hatte ich das oben schon erwähnte Handicap: Ich war unheimlich schüchtern (deshalb der Spitzname »Klemmi«). Ich war immer schon schlank, fast zart, hatte dank meiner Eltern (wie erwähnt) ein gutes Aussehen mitbekommen, und manche tuschelten schon, dass ich wohl schwul sein müsse.

Das führte dazu, dass kein männliches Wesen mich umarmen durfte, nicht einmal mein Vater. Das wollte ich einfach nicht. Aus lauter Angst, dass das die Gerüchte verstärken könnte, die mich dennoch viele Jahre begleitet haben. Ich habe wirklich nichts gegen Schwule, das wäre in meiner Branche ja auch ziemlich idiotisch, vor allem in der heutigen Zeit – aber mich hat es genervt, immer wieder darauf angesprochen zu werden.

Denn ich fand Mädchen ganz toll, und wie sollte mich ein Mädchen ernst nehmen, wenn es dachte, ich wäre schwul? Nie im Leben hätte ich damals den Mut gehabt, ein Mädchen anzusprechen. Ich erinnere mich noch, dass eines Tages zwei tolle Mädchen an mir vorbeigingen und mich offensichtlich mit Wohlwollen betrachteten. Sofort lief ich knallrot an. Und hörte die eine zur anderen sagte: »Gott, ist der süüüüß! Hast du gesehen, dass der ganz rote Ohren bekommen hat?« – Seit dem Tag ließ ich die Haare wachsen und achtete immer peinlich darauf, dass die Ohren bedeckt waren. Und wenn mein Vater mich in Schleswig zum Friseur Borstel (der hieß wirklich so) schickte, durfte dieser maximal die Spitzen schneiden – alles andere machte ich lieber selbst. Meine Haare waren vorne damals zwar kürzer, aber an den Seiten ließ ich sie wachsen. Meine Ohren mussten schließlich bedeckt sein, sonst fühlte ich mich unsicher.

Übrigens habe ich bis heute immer lieber selbst eine Schere dabei und achte auf die richtige Länge. Ich habe da meine Vorstellungen, wie die Haarlängen an den Seiten fallen sollen. Und wenn ich mal länger auf Tour bin, bleibt auch manchmal keine Zeit für einen Friseurbesuch. Dann hole ich einfach schnell wieder meine Schere.

Natürlich fanden meine Eltern die langen Haare scheußlich, aber diese Diskussionen fanden wohl in den Sechzigerjahren in vielen Familien statt.

Musikalisch tendierte ich übrigens damals noch nicht so sehr Richtung Pop oder Rock, sondern eher zum Jazz. Man darf nicht vergessen, dass in den Sechzigerjahren in Deutschland Instrumentalmusik absolut angesagt war. Die amerikanischen Soldaten brachten nicht nur den Rock ’n’ Roll, sondern auch die Musik von Glenn Miller mit zu uns, und die »Moonlight Serenade« ist bis heute ein Knaller.

Dixieland war beliebt, Papa Bue’s Viking Jazzband aus Dänemark hatte mit einer verjazzten Version von »Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein« einen Charterfolg, das Orchester von Billy Vaughn machte »Sail Along Silvery Moon« zum Ohrwurm, und Nini Rosso brachte »Il Silenzio« sogar wochenlang auf Platz 1 der Hitparaden.

Ich war ein großer Fan von Chris Barber, durfte sogar auf ein Konzert von ihm in der Kieler Ostseehalle. Da war ich etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Meine Mutter begleitete mich. Sie war immer genauso musikinteressiert wie ich. Und diese Leidenschaft für den Jazz brachte meinen Vater auf eine Idee. Für meine eher extrovertierten Eltern war meine große Schüchternheit ein Problem, sie hatten schon überlegt, mich in eine Therapie zu schicken.

Da hörte mein Vater über Patienten, dass eine Jazzband aus Schleswig – sie hörte auf den klangvollen Namen »Die Schnirpels« – einen Banjospieler suchte. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Du hast übrigens einen Vorspieltermin.« Mir rutschte sofort das Herz in die Hose. »Wie denn, wo denn, wann denn?«

Er ließ mich wissen: »Eine Band sucht einen Banjospieler.«

Was zur Hölle war ein Banjo? »Ich kann aber nicht Banjo spielen.«

»Dann lernst du es eben.«

»Und ich habe kein Banjo.«

»Gleich kommt dein Gitarrenlehrer, bringt ein Banjo mit, und dann hast du die erste Stunde. Ich hab für alles gesorgt.«

»Und wann ist der Termin?«

»In drei Wochen.«

Kann ein Herz noch tiefer rutschen?

Also lernte ich Banjo spielen, auf irgendeinem zufällig vorhandenen Instrument. Es klang schrecklich. Mein Gitarrenlehrer sagte: »Lass einfach die unteren Seiten erst mal weg, bis du das Instrument besser kennenlernst.«

So ein Banjo hat mit einigem guten Willen optische Ähnlichkeiten mit einer Gitarre, das ist aber auch schon alles. Ein Geiger kann ja auch nicht gleich Gitarre spielen, bloß weil beides aus Holz ist und einen Steg und Saiten hat. Das Banjo spielt sich ganz anders, weil die Stimmung der Saiten eine ganz andere ist. Ich trickste das Banjo einfach aus, indem ich es wie eine Gitarre stimmte, und so halte ich es bis heute.

Also übte ich.

Und übte.

Ich hatte schließlich genau drei Nummern drauf.

Und dann kam der Vorspieltermin. Ich fühlte mich scheußlich, so müssen sich die Kandidaten beim Supertalent fühlen, wenn sie zur ersten audition geladen sind. Man darf nicht vergessen, ich war vierzehn und sah aus wie zwölf. Ich trat also an mit meinem Banjo. »Was willst du denn hier, mein Junge?« Die erste väterliche Frage, und ich wurde knallrot. »Ich soll hier vorspielen!«

»Aha, und was?«

»Na, Banjo.« Ich wartete auf allgemeines Gelächter, aber alle blieben ruhig.

»Na, dann zeig mal, was du kannst, Kleiner!«

Ich packte mein Instrument aus und spielte »Take Your Pick«, einen der drei Titel. Ich spiele den übrigens auch heute noch ab und an bei Konzerten, weil das eine absolut wirkungsvolle Nummer ist. Ich war schon fast fertig, da rief jemand laut: »Stopp!«

Aus! Das war’s! Ende der Karriere, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

»Spiel das noch mal.«

Ich tat es.

»Okay, du bist in der Band! Willkommen bei den Schnirpels!«

Ich glaube, ich habe einen so roten Kopf bekommen, dass man mich problemlos als Spot hätte einsetzen können. Aber ich war jetzt wirklich Mitglied in einer Band – meine erste echte musikalische Station. Meine Eltern waren total stolz auf mich. Und ich auch. Wieder so ein Meilenstein in meinem Leben, der nicht von mir geplant war. Es war einfach so.

Aber natürlich ging das »normale« Leben weiter und ich weiter zur Schule. Ich hatte damals einen Musiklehrer, der darauf bestand, dass wir ausschließlich nach Gehör arbeiteten. Das Lernen von Noten empfand er als überflüssige Einengung, weil ja schließlich alle Noten schon mal irgendwie geschrieben waren und die Noten uns deshalb nur kreativ behindern würden. Wir sollten frei empfinden und improvisieren. Okay, im Jazz kam mir das zugute, aber leider kann ich deshalb bis heute keine Noten lesen. Ich schreibe und lerne ausschließlich nach Gehör.

Dies allerdings ist dafür gut ausgebildet, auch später brachten mir Bandkollegen immer ihre Instrumente, weil ich diese »so gut stimmen« konnte.

Diese freie Arbeitsweise kam meiner natürlich gegebenen spätpubertären Faulheit sehr entgegen. Lernen war eher lästig und hielt mich von der Musik ab. Ich gebe zu, ich war kein besonders guter Schüler. Und dicke Bücher erzeugten augenblicklich so etwas wie eine Allergie, die mir empfahl, mich von diesen Wälzern fernzuhalten.

Wie so viele Schüler meiner Generation befassten wir uns im Deutschunterricht mit Thomas Mann, und eigentlich gehörten für Kinder aus Schleswig-Holstein die Lübecker »Buddenbrooks« zur Pflichtlektüre. Nur nicht für Jürgen aus Schleswig. Das Buch war einfach zu dick, und die Fernsehserie gab es noch nicht. Schade, hätte mir bestimmt geholfen. Wobei ich auf der anderen Seite gar kein Seriengucker war oder bin. Obwohl … heutzutage schon. Allerdings schaue ich, gemeinsam mit Ramona, ausschließlich »Der Bergdoktor«. Schade, dass die Staffeln immer so schnell vorbei sind. Wir lieben diese Serie. Zum einen, weil wirklich tolle Schauspieler dabei sind, unter anderem Mark Keller, den ich sehr gut kenne, und zum anderen, weil die Sendung am Wilden Kaiser spielt. Da geht uns immer das Herz auf. »Martin, mein einziger Freund.« – Herrlich. Aber ich komme vom Thema ab, also zurück zu den Buddenbrooks.

Besonders schade auch deshalb, weil literarische Abhandlungen im Abitur Thema wurden. Und in der mündlichen Prüfung in Deutsch bekam ich zwei Texte vorgelegt – einer gehörte zur hohen Literatur, der andere eher in den Bereich Kitsch. Ich sollte herausfinden und begründen, welcher Text wohin gehörte.

Anwesend waren mein Deutschlehrer, den ich durchaus mochte, und der Direktor der Schule, der mich weniger mochte, weil ihm meine musikalischen Aktivitäten ein Dorn im Auge waren. Ja, hätte ich Geige gespielt …

Also las ich die Texte. Mir war schnell klar, welcher Text in welche Kategorie gehörte. Der eine schwadronierte von Kandelabern und anderen unmöglichen Ausstattungsstücken, das troff nur so von Kitsch. Also interpretierte ich drauflos. Mein Deutschlehrer versuchte noch, mich zu unterbrechen, aber der Direktor griff ein: »Lassen Sie nur, das ist doch hochinteressant, was Herr Drews da sagt.« Bei meiner Frau wären in so einer Situation sofort alle Alarmsignale angegangen, aber ich merkte nichts und machte munter weiter. Das geht mir noch heute so. Bis ich mal merke, dass mich jemand auf die Schippe nimmt … das dauert.

Und so verriss ich Thomas Mann nach allen Regeln der Kunst.

Daraufhin durfte ich das Jahr wiederholen. Dann hatte ich zwar mein Abi, aber die »Buddenbrooks« habe ich bis heute nicht gelesen. Übrigens wird über die Abifeier später noch ein Geständnis zu lesen sein.

Nach dem Abi ging mein Vater selbstverständlich davon aus, dass ich Medizin studieren würde. Und ich fand das Fach auch interessant und habe mich wirklich bemüht. Aber mein Gedächtnis spielte mir einen Streich, Namen und Formeln kann ich mir einfach nicht merken – also strich ich nach vier Semestern, die ich in Kiel absolvierte, die Segel.

Meine Eltern haben sich übrigens damit arrangiert. Nach einem Konzert mit den »Schnirpels« in Hamburg kamen sie zu mir in die Garderobe, und mein Vater sagte: »Mein Sohn (wenn er Hochdeutsch redet, wird es feierlich), deine Mutter und ich haben den Abend genossen. Du kannst zwar nichts, aber das machste richtig gut!«

Bis heute behalte ich alle Texte, ich kann nach Gehör Musik machen, aber Namen und Begriffe auswendig lernen und behalten – no way. Nach wie vor ist mein Namensgedächtnis ganz einfach Ramona, die kann das. Und ihren Namen habe ich noch nie vergessen und werde es auch nie.

Barfuß durch den Sommer

(Aus dem Album »Barfuß durch den Sommer«, 1977)

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als an den Autobahnauffahrten die jungen Leute versuchten, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen? Früher war Trampen eine tolle Möglichkeit, um mit niedrigem Budget weit zu reisen. Gerade Jugendliche und Studenten haben es viel und gerne genutzt, und damals hat man sehr häufig Leute mit hochgehaltenen Pappschildern, auf die sie ihr Reiseziel gepinselt hatten, an Ortsausgängen oder auch an den Autobahnen warten sehen. Aber es war auch nicht ganz ungefährlich. Heute ist das kaum noch vorstellbar. Da nutzt man lieber Mitfahrzentralen, wo sich Fahrer und Mitfahrer zuvor mit den Personalien registrieren müssen. Es läuft kaum noch etwas anonym. Weitaus sicherer als zu meiner Zeit. Oder die Bahn bietet extra Spartarife für Schüler und Studenten an. Die Möglichkeiten sind da heute vielfältiger und ganz andere als damals.

Aber jetzt zu meiner Geschichte: Ich war gerade mal sechzehn oder siebzehn Jahre alt, da hatte ich mir in den Kopf gesetzt, auch in meinen nächsten Sommerferien zu trampen. Schließlich wollte ich bei meinen Klassenkameraden mitreden können. Und mein Ziel sollte ein ganz besonderes sein, nämlich Saint-Tropez. Schließlich war das damals einer der schillerndsten High-Society-Spots in Europa. Es war bekannt für Glanz & Glamour, für die rauschenden Partys der Stars – und der Wohnort von Brigitte Bardot.

Brigitte Bardot – oh mein Gott! Ich war immer hin und weg, wenn ich von ihr irgendwo Fotos in einem Magazin sah. Bin damals in alle Kinofilme gegangen, in denen sie mitspielte. Sie war das Sexsymbol meiner Zeit! Allein deshalb wollte ich unbedingt an die Côte d’Azur. Und das alleine, ohne meine Eltern! Wer weiß, vielleicht könnte ich diese umwerfende Frau dort irgendwo live sehen. Ich hatte gelesen, dass sich viele Stars gerne im Hafen von Saint-Tropez in dem bekannten Hôtel de Paris aufhielten und Brigitte Bardot dort Stammgast sei. Vielleicht wäre mir ja das Glück hold. Meine Eltern waren von meinem Vorhaben natürlich wenig begeistert, ließen mich aber letztlich ziehen. Sie vertrauten mir. Und das konnten sie auch.

Mein Vater hatte viel größere Sorgen, weil ich nur zweihundertfünfzig Mark mitnehmen wollte, was heute gerade mal hundertdreißig Euro wären. Er hatte Angst, ich würde mit dem Geld nicht hinkommen, und hätte mir gern noch etwas mehr mitgegeben. Aber ich lehnte ab. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, weitestgehend ohne Geld auszukommen – so wie es andere Tramper auch machten. Ich wollte mir selbst, aber auch meinen Eltern beweisen, dass ich es ohne einen finanziellen Extrapuffer schaffen würde.

Dann begannen endlich die langersehnten Sommerferien. Meine Eltern holten mich mit dem Auto von der Schule ab und hatten meinen kleinen, bereits gepackten Koffer und mein Zweimannzelt von zu Hause mitgebracht. Außerdem hatte mir meine Mutter einiges an Verpflegung eingepackt, damit ich wenigstens die ersten Tage genug zu essen haben würde.

Meine Eltern brachten mich direkt zur Ausfahrtsstraße am Ortsausgang von Schleswig. Dort stand bereits eine Reihe von anderen jungen Trampern. Nun hieß es hinten einreihen und warten. Man durfte sich um Gottes willen niemals vorne an die Spitze stellen. Da gab es ganz klare Regeln.

Mich konnte man jedenfalls nicht übersehen, nein, ich stach absolut aus dieser Tramper-Warteschlange heraus, was ich allerdings auch gleich an den musternden Blicken der anderen bemerkte. Der Grund war meine Kleidung: Ich trug ein blütenweißes Nyltesthemd (das brauchte man nicht bügeln, war leicht von Hand waschbar und trocknete schnell), eine weiße Jeans und schneeweiße Schuhe. Über dem Hemd noch einen roten Pulli mit V-Ausschnitt und meine »Pubertäts-Pelerine«, so etwas wie einen Trenchcoat.

Ich glaube, auffälliger ging es wirklich kaum, aber schließlich war ja mein Ziel das noble Saint-Tropez, da wollte ich auch passend gekleidet sein. In meinem kleinen, aber eleganten Koffer (optisch wie von Louis Vuitton) hatte ich nur die nötigsten Sachen zum Wechseln mitgenommen. Ich wollte mich nicht mit unnötig viel Gepäck belasten, und so hatte ich auch die Chance, in kleineren Autos mit weniger Platz mitfahren zu können. Meine Wechselkleidung war übrigens auch ausschließlich weiß.

So stand ich also an der Ausfahrtstraße, auf dem hintersten Platz der Reihe, mit meinem Koffer und meinem Zweimannzelt. Ich sah aus wie aus dem Ei gepellt. Typischer Akademikersohn. Ich wartete noch keine zehn Minuten, da hielt weit vorne ein Wagen, und der vorderste Tramper rannte gleich in Richtung des Fahrzeugs. Aber der Fahrer fuhr plötzlich rückwärts und hielt dann genau vor mir an. Er fragte mich aus dem Fenster heraus, wohin ich denn wolle. Erstaunt, dass mein auffälliger Kleidungsstil tatsächlich Wirkung zeigte, antwortete ich schnell: »Richtung Basel!« Er antwortete: »Tut mir leid, Hannover ist Endstation für mich, aber bis dorthin nehme ich dich gerne mit.« Ich: »Hannover ist okay.«

Ich war froh, einsteigen zu können, denn wenn ich stehen geblieben wäre, hätte es sicherlich Ärger mit dem vordersten Mann gegeben. Die Fahrt dauerte etwa vier Stunden. In Hannover angekommen ließ ich mich am Hauptbahnhof absetzen, denn ich wusste, dort gibt es eine Bahnhofsmission. Ich brauchte eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit, denn abends wollte ich nicht mehr trampen.

Ein Hotel kam für mich nicht infrage, das stand fest. Ich hatte ja nur besagte zweihundertfünfzig Mark dabei, und die sollten mir für die nächsten sechs Wochen reichen.

Bevor ich aber die Bahnhofsmission aufsuchte, schaute ich mich nach der nächsten Telefonzelle um. Ich wollte mich ja bei meinen Eltern melden und ihnen mitteilen, wo ich mich gerade befand und dass es mir gut ginge. Ein Telefon war schnell gefunden, und ich rief per R-Gespräch (so zahlten meine Eltern) an. Sie waren sehr erleichtert über meine erste Rückmeldung, und natürlich musste ich erst mal genau berichten.

Nach diesem Telefonat ging ich schnurstracks in die Bahnhofsmission. Dort bekam ich auch gleich ein Bett zugeteilt. Das kostete vielleicht ein oder zwei Mark. Damit man mir nachts nichts stehlen konnte, band ich mir meine Jacke um mein Handgelenk und legte mich so auf meinen Koffer und das Zelt, dass ich es sofort bemerkt hätte, wenn man es mir hätte wegnehmen wollen. Am nächsten Morgen wachte ich zwischen 5 und 6 Uhr auf, und es ging weiter.

Ich machte mich, nach einem kleinen Frühstück, auf den Weg zu der vierspurigen Schnellstraße, die aus Hannover hinausführte. Dort zu stehen war zwar nicht erlaubt, aber es half: Kurze Zeit später hielt ein Wagen. Vor mir stand ein nagelneuer zitronengelber Citroën mit roten Plüschsesseln. Damals hatten die Sitze noch keine Kopfstützen. In dem Wagen saß ein Typ, der mich musterte und fragte, wo ich hinwollte. Ich gab Auskunft: »Nach Saint-Tropez!« Er lachte und gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich einsteigen sollte. Diesmal konnte ich bis Basel mitfahren. Nach einigen Stunden griff er hinter seinen Sitz und holte eine Blechdose mit Butterbroten hervor. Er bot mir auch eins an. Das habe ich dankend angenommen.

Es dämmerte bereits bei unserer Ankunft in Basel. Diesmal ließ ich mich schon am Ortseingang absetzen. Denn ich plante, heute Nacht in meinem Zelt zu übernachten, und das ging unbeobachtet nur in einem Kornfeld, und ein solches hatte ich bereits unweit des Ortseingangsschildes gesichtet.

Nachdem der Fahrer weitergefahren war, lief ich in Richtung des großen Ährenmeeres. Ich kam mir vor wie ein Reh. Ich bin ganz weit in das Feld hineingelaufen und hab meine Spuren so gut es ging hinter mir verwischt, damit man nicht auf den ersten Blick sehen konnte, dass jemand dort unterwegs gewesen war.

Dann baute ich mein kleines Zelt auf, zog meinen Sportanzug an, um meine schicken weißen Klamotten zu schützen, und schlief bis in den frühen Morgen in diesem Bett im Kornfeld. Am Morgen packte ich mein Zelt wieder ordentlich zusammen und machte mich erneut schick zurecht.

Zunächst ging ich einige hundert Meter die Straße entlang, denn ich sah dort mehrere Häuser und wollte eine Bäckerei finden, um mir ein Weißbrot für den Tag zu kaufen. Schnell wurde ich fündig und kaufte mir für zwei Mark ein ganzes Weißbrot und dazu eine Flasche Wasser für eine Mark. Es duftete so herrlich, dass ich erst mal beherzt hineinbeißen musste. Langsam lief ich, noch mein Brot kauend, wieder zur Straße rauf und wartete auf ein Fahrzeug.

Und das Schicksal schien es erneut gut mit mir zu meinen, denn ich stand noch nicht lange, da stoppte genau vor meiner Nase ein neues weißes Mercedes Cabrio, mit vier knallroten Sportsitzen und geschlossenem Verdeck. Der Typ hinter dem Steuer trug fingerlose Handschuhe, wie sie die Sportwagenfahrer früher immer getragen haben. Er fragte mich, woher ich komme und wohin ich wolle. Nachdem ich ihm geantwortet hatte, lachte er kurz und sagte: »Das passt ja gut, bei mir bist du richtig! Komm, steig ein! Ich nehme dich mit! Ich bin Werksfahrer und fahre die Route Napoléon entlang und muss den Wagen testen. Sind zwar viele Kurven, aber ich hoffe, du hältst das aus?«

Klar, dachte ich, kein Problem. Von wegen! Oh ja! Ich hielt es aus, aber mir war richtig schlecht, sage ich euch. Wir fuhren ohne einen einzigen Stopp bis nach Nizza durch. In Nizza angekommen fragte mich der Typ, in welchem Hotel er mich absetzen sollte, und ich antwortete ihm nur, dass ich in kein Hotel wollte. Daraufhin empfahl er mir einen guten Zeltplatz und fuhr mich sogar direkt hin. Dort wäre es zwar laut, weil der Flughafen in der Nähe sei, aber günstig. Mir war das egal. Ich hatte ja meine Ohropax dabei. Es war tatsächlich so laut, wenn die dröhnenden Passagiermaschinen beim Start über den Campingplatz schossen, dass ich das Gefühl hatte, mein Zelt flöge gleich weg. Aber auch diese Nacht überstand ich wohlbehalten.

Zu Fuß lief ich zur nächsten Ausfahrtstraße, welche direkt am Meer lag, in der Hoffnung, dass ich schnell weiter Richtung Saint-Tropez kommen würde. Aber diesmal wartete ich ohne Erfolg. Kein Wagen hielt an. So machte ich mich erst mal weiter zu Fuß auf den Weg. Nach einigen Kilometern sah ich aus der Ferne eine Bushaltestelle. Dort gerade angekommen fuhr auch sogleich der Bus ein. Ich fragte den Busfahrer nach Saint-Tropez, und er antwortete: »Oui, oui, entrez!« So viel Französisch verstand ich gerade noch. Merci! Ich fuhr mit bis zur Endstation, ein großer, staubiger Platz direkt vor dem Ortseingang Saint-Tropez.

Wie komme ich jetzt zum nächsten Campingplatz?, fragte ich mich, während ich mich wieder an die Straße stellte. Kurz darauf traute ich meinen Augen kaum, denn nach einiger Zeit hielt wieder ein weißes Mercedes Cabrio an, wieder mit roten Sitzen, nur diesmal mit offenem Dach. Dieser Wagen war damals eines der teuersten Autos von Mercedes überhaupt. Ich musste schmunzeln. In dieser Gegend war das offenbar das Standardmodell.

Der junge, gut aussehende, braun gebrannte Fahrer fragte mich in gebrochenem Englisch und mit französischem Akzent, wo ich denn hinwolle. Ich antwortete: »Eigentlich nur zum nächstgelegenen Campingplatz am Meer!« Und tatsächlich, er kannte einen, nur drei Kilometer entfernt: »Ich fahre dich gerne hin, steig ein!«