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Und wenn sie nicht gestorben sind… dann haben sie nochmal Glück gehabt! Im Kampf des Guten gegen das Böse gehen Märchenfiguren über Leichen. Es wird gefoltert, gemordet, verbrannt und zerstückelt. Da wird eine kannibalistische Hexe am Ende in den brennenden Backofen geschubst, eine böse Königin muss in rotglühenden Pantoffeln tanzen und ein faules Mädchen wird zur Strafe in siedendes Pech getaucht. Märchen sind voll von ausführlichen Gewaltdarstellungen. Wie grausam sind Märchen wirklich? Welche Folgen haben diese Gewaltdarstellungen auf die kindliche Entwicklung? In diesem Buch finden Sie Antworten auf diese Fragen. Aus dem Inhalt: Ursprüngliche Funktion des Märchens Rechtsgeschichte und kulturhistorische Relativität von Grausamkeit Grausame Sachverhalte, subtile und kontextabhängige Grausamkeiten Grausamkeit in exemplarischen Märchen und ihr Wandel Das kindliche Verständnis von Grausamkeiten in Märchen
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Es war einmal... Grausamkeit und Gewalt in Märchen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Impressum:
Copyright © 2013 ScienceFactory
Ein Imprint der GRIN Verlags GmbH
Coverbild: Colin Smith [CC-BY-SA-2.0 (http:// creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
Kerstin Prinz: Grausamkeit im Märchen1
Einleitung1
Hauptteil1
Schluss1
Literaturverzeichnis1
Jeannine Richter: Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm – Der Tanz in den rotglühenden Schuhen1
Einleitung1
Die Sammlung der Brüder Grimm1
Das Volksmärchen1
Die Grausamkeit in den Märchen der Brüder Grimm1
Grausamkeit in exemplarischen Märchen und ihr Wandel1
Fazit1
Literaturverzeichnis1
Paolo Parisi: Kannibalismus in Märchen und Sagen1
Einführung1
Kategorien von Kannibalismus1
Kannibalismus in Märchen und Sagen1
Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen1
Schluss1
Literaturverzeichnis:1
Ina Böttcher: Grausamkeiten im Märchen – Welche Wirkung haben sie auf Kinder? Eine Analyse des deutschen Volksmärchens Hänsel und Gretel1
Einleitung1
Theoretischer Hintergrund3
Grausamkeiten im Volksmärchen1
Untersuchung1
Auswertung1
Fazit1
Literaturliste1
Anhang1
Claudio Seipel: Grausamkeiten in Märchen. Wie gehen Kinder damit um? – Eine Fallstudie1
Einführung1
Theoretischer Hintergrund1
Methodendiskussion1
Untersuchung1
Untersuchungsablauf1
Datendokumentation1
Zusammenfassung der Kinderbefragung1
Auswertung1
Untersuchungsergebnis1
Schlusswort1
Literatur1
„In keiner anderen Erzählgattung wird so viel geköpft, zerhackt, gehängt, verbrannt oder ertränkt wie im Märchen.“ (Enzyklopädie des Märchens[1])
Scheinbar ungeniert bedient sich das Märchen einer großen Zahl verschiedenster Darstellungen von Grausamkeit und Gewalt. Selbst in der letzten, stark überarbeiteten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm fände sich eine erschreckende Zusammenstellung von Grausamkeiten. Anscheinend aber seien zahlreiche Züge von Grausamkeit nicht aus der Sammlung der KHM genommen worden, weil sie wesentlich zum Grundbestand der Erzählungstypen gehörten.[2] Dafür spricht, dass die Darstellung von Grausamkeit durchaus nicht auf die Erzählungen der Brüder Grimm beschränkt ist:
Antti Aarne veröffentlichte 1910 ein „Verzeichnis von Märchentypen“, welches Stith Thompson 1961 erweiterte. Es entstand ein literarisch-volkskundlicher Märchentypenkatalog, welcher die in zahllosen Varianten weltumlaufenden Erzählungen auf gewisse Grundtypen zurückführt.[3] Innerhalb dieses Typenkataloges lassen sich zudem verschiedene Motive von Grausamkeit auffinden, wie z. B. Brudertötung, Einmauern, Kannibalismus oder Kindstötung.
Röhrich untersuchte anhand einzelner zentraler Beispiele, wie vielseitig grausame Motive hinsichtlich ihrer kulturhistorischen und psychologischen Beziehung sind.[4] Er unterscheidet 11 Motive von Grausamkeit, und auch hier finden sich Motive von Frauenmord, Menschenopfern, Kannibalismus, Zerstückelung, oder Motive von der Sitte des Hinrichtens und grausamer Strafen.
In dieser Arbeit soll anhand konkreter Beispiele aufgezeigt werden, wie Grausamkeit im Märchen auftritt und wie dieses Auftreten interpretiert werden kann.
Innerhalb der Märchenforschung lassen sich drei grundsätzliche Betrachtungsweisen unterscheiden:
Die didaktische Märchenforschung untersucht unter soziologischen und psychoanalytischen Aspekten die pädagogische Funktion und die Vertretbarkeit dargestellter Grausamkeit. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die „Darstellung von Gewalt zur Nachahmung reize […] oder eher vorhandene Aggressionen ableite […].“ (EM, 104).
Die volkskundliche Märchenforschung konzentriert sich neben psychologischen auf kulturhistorische und rechtsgeschichtliche Aspekte; hier steht vor allem die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug der Grausamkeit im Vordergrund, „da jedes Volksmärchen noch irgendwie mit der Wirklichkeit verbunden“ und phantastisch und realistisch zugleich sei. Diese Mischung mache einen wichtigen Teil seines Wesens aus[5].
Der literaturwissenschaftliche Ansatz schließlich untersucht das Märchen auf seine formalen und inhaltlichen Charakteristika. Er konzentriert sich auf dessen strukturelle Bedingtheit und erzählerischen Besonderheiten, denn „den Literaturwissenschaftler interessiert das Märchen nicht als Geschichtsquelle, sondern als Erzählung.“ Dazu seien Wesen und Funktion dieser Erzählungsform zu erfassen[6]. Der Aspekt Grausamkeit wird hier demnach als Phänomen innerhalb der Gattung Märchen betrachtet.
Den Aspekt eines Phänomens scheinen sowohl Märchendidaktik als auch Volkskunde auszuklammern: Die Didaktik interessiert sich vorwiegend für Grausamkeit im Märchen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die psychische Entwicklung des Kindes innerhalb bestimmter Sozialisationsprozesse. Sie betrachtet das Phänomen nur als mögliche Ursache. Die Volkskunde dagegen stellt historische Rechtshandhabung und kulturelles Brauchtum in den Mittelpunkt ihres Interesses, so dass die im Märchen untersuchte Grausamkeit der Gefahr unterliegt, lediglich als Nachweis historischer Begebenheiten zu dienen. So behauptet z. B. Panzer, der Hauptwert solch „phantastisch törichter Geschichten“ bestehe darin, Bruchstücke der „Weltanschauung urtümlicher Menschheit“ aufzubewahren: „Was auf den ersten Blick eine lächerliche Erfindung schien, wird in solcher Beleuchtung zu einer ernsthaften Geschichtsquelle.“ (F. Panzer, Berlin 1926, Abschnitt 37; zit. n. Lüthi, 76) Eine solch einseitige Betrachtungsweise scheint aber fragwürdig, da Motive von Grausamkeit zwar durchaus aus urtümlichem Denken erwachsen sein mögen, doch stellt sich auch die Frage, ob der Gattung Märchen anstelle bloßer Geschichtsschreibung nicht auch der Status volkskundlicher Dichtung eingeräumt werden muss. So besteht Röhrichs Verdienst darin, dass er neben dem Realitätsbezug des Märchens auch dessen epische Besonderheiten erkannte.
Betrachtet man Literaturwissenschaft als Disziplin, die in Bezug zu Wirklichkeit und Gesellschaft sowie zu deren Wert- und Tradierungssystemen steht, so scheint hier eine interdisziplinäre Vorgehensweise angebracht, die volkskundliche und literaturwissenschaftliche Aspekte miteinander verbindet. Die pädagogische Betrachtungsweise wird hier ausgeschlossen.
„Da rief sie einen Jäger, und sprach ,bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Dort sollst dus töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.’“[7] (Sneewittchen[8], KHM 53)
Nach Mallet gehört das Märchen vom Sneewittchen zu den schlimmsten Mord- und Totschlaggeschichten der Grimmschen Märchen. Auf keine andere Heldin würden so viele Mordanschläge ausgeübt. Die ihm zugedachten Todesarten gingen von Erdolchen über Erwürgen bis zum Vergiften[9]:
„[…] aber die Alte schnürte geschwind, und schnürte so fest, dass dem Sneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel.“[10]
„[…] aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel.“[11]
„Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder.“[12]
Folgende Züge des Sneewittchen-Märchens der Grimmschen Fassung sind hinsichtlich ihrer Varianten interessant: Der Auftrag des Jägers, Sneewittchen im Wald zu erstechen, die Anschläge der eifersüchtigen Stiefmutter mittels Schnürriemen, Kamm und Apfel sowie die Vereitlung der ersten beiden Anschläge durch die Zwerge, welche Sneewittchen aus Ehrfurcht vor ihrer Schönheit bei sich aufnahmen.
So zeigt eine andere Erzählung folgende Abweichung: Im Wald in einer Höhle wohnten sieben Zwerge, die töteten jedes Mädchen, das sich ihnen nahte. Das wusste die Königin [Stiefmutter, K.P.], und weil sie Sneewittchen nicht geradezu ermorden wollte, hoffte sie es dadurch loszuwerden, dass sie es hinaus vor die Höhle führte und zu ihm sagte: „Geh da hinein und wart, bis ich wieder komme!“ Dann ging sie fort, Sneewittchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kamen und wollten es anfangs töten; weil es aber so schön sei, ließen sie es leben und sagten, es sollte ihnen dafür den Haushalt führen.[13] Hier ersetzen also mädchenmordende Zwerge einen zum Töten befohlenen Jäger, in weiteren Varianten wird der Jäger durch Sneewittchens Bruder ersetzt; neidische Schwestern, Hexen oder ein wilder Mann ersetzen die böse Stiefmutter, an die Stelle von Schnürriemen, Kamm und Apfel treten Mordwerkzeuge wie Nadeln, Ringe oder vergiftete Kleider. Die Tortur wird sogar noch fortgesetzt: Selbst nach der Hochzeit Sneewittchens wird es noch vom eigenen Vater oder seinen Geschwistern verfolgt, bisweilen in ein Tier verwandelt, damit der Neider in dessen Rolle schlüpfen kann.[14] Anscheinend bemüht sich das Märchen vom Sneewittchen mit aller Kraft, das Mädchen auf grausame Art und so oft wie möglich aus dem Weg zu räumen. Dabei scheint jede Kombination willkommen.
Der grausame Zug, den Märchenhelden oder die -heldin zu beseitigen, scheint dem Märchen ein gewichtiges Anliegen zu sein und lässt sich in verschiedenen Motiven noch an weiteren Märchen festmachen, wobei der Verlauf des Märchens wie z. B. im Grimmschen Sneewittchenmärchen durch die Wiederbelebung der Heldin ein für sie glimpfliches Ende nehmen oder aber auch mit dem endgültigen Tod der Heldin oder einer anderen ,guten’ Märchenfigur besiegelt werden kann. So werden in der Grimmschen Fassung des Rotkäppchen-Märchens (KHM 26) Rotkäppchen und seine Großmutter von dem bösen Wolf verschlungen, nachher aber von einem Jäger wieder befreit. Dagegen entwickelten französische Varianten kannibalistische Züge[15]: Nachdem der Wolf die Großmutter weder im Ganzen noch mit heiler Haut gefressen hat, bietet er [dem nichtsahnenden, K.P.] Rotkäppchen das Fleisch und Blut seiner eigenen Großmutter an, welches Rotkäppchen auch aß und trank und daraufhin selbst vom Wolf verspeist wurde. „Da eine geschlachtete Großmutter, deren Fleisch und Blut das Kind genossen hat, nicht gut wieder lebend aus dem Bauch des Wolfes herausgeholt werden kann, endet das Märchen tragisch mit dem Tod der beiden.“ (Röhrich, S. 126)
Auch die Grimmschen Fassungen sparen nicht an der Schilderung grausamer Züge und grässlicher Ermordung – ein Hexenmeister ermordet eine große Zahl von Mädchen und zerhackt ihre Körper:
„[…] Wie erschrak sie aber, als sie hineintrat: Da stand in der Mitte ein großes blutiges Becken, und darin lagen tote zerhauene Menschen. […] Darauf ergriff er sie, führte sie hinein, zerhackte sie, dass ihr rotes Blut auf der Erde floss, und warf sie zu den übrigen ins Becken.“[16] (Fitchers Vogel, KHM 46)
Menschen werden zerstückelt, um daraufhin verspeist zu werden:
„,[…] Dein Bräutigam will dir das Leben nehmen. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser […].’ […] Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken, und hörten nicht auf ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein Glas weißen, ein Glas roten, und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch, und zerhackten ihren schönen Leib in Stücke, und streuten Salz darüber.“[17] (Der Räuberbräutigam, KHM 40)
Im Gegensatz zum Märchen vom Sneewittchen und vom Rotkäppchen erfahren die Märchenheldinnen die dargestellte Grausamkeit jedoch nicht am eigenen Leibe; die Gewalt vollzieht sich hier an Nebenfiguren. Während im Räuberbräutigam anstelle der Heldin das tödliche Schicksal „eine andere Jungfrau“ ereilt, die im Laufe der Handlung nicht mehr erwähnt wird, entgeht die Heldin in Fitchers Vogel nicht nur dem grausamen Ritual des Mädchenmörders, sondern belebt auch ihre zuvor getöteten Schwestern wieder:
„Ach, was erblickte sie! ihre beiden lieben Schwestern, die, jämmerlich ermordet, in dem Becken lagen. Aber sie hub an und suchte ihre Glieder zusammen und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arm und Beine. Und als nichts mehr fehlte, da fingen die Glieder an sich zu regen, und schlossen sich an einander, und beide Mädchen öffneten die Augen, und wurden wieder lebendig.“[18]
Grausame Handlungen werden aber nicht allein an Märchenhelden und -heldinnen vollzogen – meist ahndet das Märchen begangene Verbrechen und entledigt sich der Täter auf grausame Art.
Den Abschluss des Grimmschen Sneewittchen-Märchens und gleichzeitig den letzten Höhepunkt der Geschichte bilde die Hinrichtung der Stiefmutter; so sei die fünfte Gewalttat die einzig erfolgreiche und zugleich die grausamste[19].
„Und wie sie hereintrat, erkannte sie Sneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da, und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt, und wurden glühend herein gebracht: da musste sie die feuerroten Schuhe anziehen, und darin tanzen, dass ihr die Füße jämmerlich verbrannten: und sie durfte nicht aufhören bis sie sich tot getanzt hatte.“[20]
Der Räuberbräutigam und seine Bande werden ebenfalls für ihre Schandtaten gerichtet, und auch der Hexenmeister aus Fitchers Vogel entgeht nicht seiner Strafe:
„Wie er aber samt seinen Gästen ins Haus gegangen war, da kam die Hilfe von den Schwestern an, und sie schlossen alle Türen des Hauses zu, dass niemand entfliehen konnte, und steckten es an, also Dass der Hexenmeister mitsamt seinem Gesindel verbrennen musste.“[21]
Neben wenigen Ausnahmen[22] gibt es die unterschiedlichsten Abwandlungen der Todesstrafe, die zum Teil paradox erscheinen: In KHM 9 („Die zwölf Brüder“) werde die böse Stiefmutter in ein Fass gesteckt, „das mit siedendem Öl und zu allem Überfluss, paradoxerweise auch noch mit giftigen Schlangen angefüllt ist.“ (Röhrich, S. 143) Zum Zwecke des Ertränkens werden Fässer durchlöchert und mit dem Täter oder der Täterin ins Wasser gestoßen, und auch als „Nageltonne“ findet das Fass Verwendung: So werde die falsche Braut in KHM 89 („Die Gänsemagd“) „splitternackt ausgezogen in ein Fass, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist, geworfen“, „und zwei weiße Pferde, davor gespannt, müssen sie Gasse auf und Gasse ab zu Tode schleifen.“[23]Röhrich bemerkt dazu, dass mit dieser Strafe eigentlich der Höhepunkt aller Märchengrausamkeiten erreicht sei[24].
Offenbar wird die Hinrichtung der Täter und Täterinnen im Märchen ins Extreme gesteigert. Ebenso erscheint die an den Märchenhelden oder -heldinnen vollzogene Todesstrafe besonders grausam: Die Strafe stehe oft in keinem Verhältnis zur begangenen Freveltat, und auch kleinere Vergehen wie z. B. Neugierde würden im Märchen streng geahndet[25]. So betreten neugierige Mädchen eine verbotene Kammer und werden zur Strafe zerstückelt (Fitchers Vogel). Sneewittchens Vergehen besteht darin, makellos schön zu sein und schürt damit die mörderische Eifersucht der Schwiegermutter.
Nach Auffassung Röhrichs stehen grausame Taten oft nicht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern seien zumeist bloße Handlungsbeweger. In den Erzählungen vom Blaubarttyp [AT 311, 312 ® Fitchers Vogel, K.P.] sei das Schicksal der Schwestern der Heldin nicht Selbstzweck einer blutrünstigen Schilderung, sondern interessiere nur als mögliche Gefahr für die Heldin selbst. Denn das Märchen liebt das Extrem: Die Leistung des Helden wirke umso gewaltiger, je größer die Gefahr geschildert werde, der er ausgesetzt war; die grausame Strafe im Falle des Misslingens könne nicht abschreckend genug ausfallen. Hinsichtlich des erzählerischen Aspektes erfüllen Motive der Grausamkeit die Funktion epischer Spannungselemente. So erreicht die Handlung in Fitchers Vogel durch das Zerstückelungsmotiv ihren dramatischen Höhepunkt: Erst indem die Schwestern der Heldin dem Mädchenmörder zum Opfer fallen, gerät die Heldin potentiell in die Gefahr des gleichen grausamen Schicksals; was für die Schwestern jedoch tragische Wirklichkeit wird, bleibt für die Heldin lediglich abschreckende Möglichkeit. Hinsichtlich der dargestellten Grausamkeit besteht die gewaltige Leistung der Heldin in ihrem Überleben und der Überlistung des bösen Gegenspielers.
Ebenso wird die Todesdrohung des Jägers im Sneewittchen-Märchen nicht verwirklicht, sondern schafft die epische Voraussetzung für die Flucht Sneewittchens in den Wald und bringt somit die konfliktreiche Handlung erst in Gang. Augenscheinlich geglückte Anschläge auf Sneewittchen schlagen zuletzt fehl, die Leistung Sneewittchens liegt anscheinend in ihrer ständigen Wiederbelebung.
Wie die Handlung, so unterliegt die Schilderung der Grausamkeiten, die Helden und Gegenspieler erfahren, ebenfalls strengen epischen Gesetzen, denn „nur was handlungswichtig ist, wird erwähnt, nichts um seiner selbst willen; nichts wird ausgemalt.“ (Lüthi, S. 26) Die epische Technik der bloßen Benennung lasse die Dinge automatisch zu einfachen Bildern erstarren[27]. Aufregende Sensationen würden mit derselben Ruhe berichtet wie die einfachen Bezüge und Funktionen des Alltags. Ohne tragischen Ton erzähle das Märchen von Mord, Gewalttat, Erpressung […][28].
Tatsächlich werden die auf Sneewittchen verübten Mordanschläge ungemein sachlich und knapp geschildert: „Die Alte“ schnürt das Mädchen so fest, „dass es für tot hinfiel“; die Märchen von Fitchers Vogel und vom Räuberbräutigam bekunden zwar, dass Mädchen „zerhackt“ werden, jedoch erfährt das Zerstückelungsmotiv keine weitere Ausschmückung.
Nach Mallet unterscheiden sich durch Neid, Missgunst und Habgier motivierte Mord- und Totschlagszenen von vielen anderen Gewaltszenen durch ihren Realismus. Sie seien weder märchenhaft verfremdet, weder traumhaft-irreal noch zauberisch, was auf oben genannte Beispiele zutrifft. Ebenso erwähnt er die auffallenden Übertreibungen, die viele Märchen-Gewalttaten eindeutig in den Bereich der Phantasie verwiesen[29]. So kombiniert das Märchen diverse an Gegenspielern zu begehende Hinrichtungsmethoden und schildert sie bis in grausame Details, wie zum Beispiel das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllte Fass oder die Beschaffenheit der Nageltonne.
Das Märchen verfolge ein bestimmtes Stilprinzip, indem es das Kriminelle ,entwirkliche’: Die Auswirkungen grausamer Behandlung würden nicht körperlich fühlbar. Misshandelte Protagonisten und bestrafte Gegenspieler beklagten sich nicht über die ihnen widerfahrende Grausamkeit.
Es scheint, als seien die Märchengestalten wie Papierfiguren, bei denen man beliebig irgendetwas wegschneiden könne. Denn in der Regel äußere sich bei solchen Verstümmelungen weder körperlicher noch seelischer Schmerz[30]: „Von den gepeinigten Bösewichtern, die in glühenden Schuhen tanzen müssen oder im Nagelfass den Berg hinuntergejagt werden, vernehmen wir keinen Schmerzenslaut.“ (Lüthi, 15)
Der Erzählstrategie des Märchens entspreche die Auffassung, dass gegen einen Bösewicht jedes Mittel recht sei. Die grausamste und ausgefallenste Vernichtung sei darum erzählerisch auch immer die wirkungsvollste.
Um diese Wirkung zusätzlich zu erhöhen, bediene sich das Märchen wiederholt eines Topos, der nur dem Märchen eigen sei: Das Urteil werde nämlich häufig von dem Angeklagten selbst gefällt. Das Wesentliche sei, dass der Angeklagte gar nicht wisse, wessen Urteil er ausspreche. Die epische Besonderheit dieses Topos liege in der Steigerung von Spannung und Wirkung durch die doppelte Erwähnung der grausamen Strafe: Sie werde verkündet und vollzogen[31].
„Als sie nun gegessen und getrunken hatten, und guten Mutes waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf, und fragte ,welches Urteils ist diese würdig?’ Da sprach die falsche Braut ,die ist nichts Besseres wert als splitternackt ausgezogen in ein Fass, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist, geworfen zu werden: und zwei weiße Pferde, davor gespannt, müssen sie Gasse auf und Gasse ab zu Tode schleifen’. ,Das bist du’, sprach der alte König, ,und dein eigen Urteil hast du gefunden, und danach soll dir widerfahren’; welches auch vollzogen wurde.“[32] (Die Gänsemagd, KHM 89)
Das Märchen kenne keine Barmherzigkeit für den Bösewicht, sondern nur dessen radikale Beseitigung. Dabei idealisiert das Märchen seine Helden geradezu. Es bemühe sich, seine Helden von der Verantwortung für die Härte der grausamen Strafen zu entlasten[33]. So ist es im Beispiel des Märchens von der Gänsemagd nicht der König, der die Härte der Strafe bestimmt, sondern die Kammerfrau selbst. Dass „der Held sich nicht selbst besudelt“ werde oft durch solche und ähnliche Motive hervorgehoben, so werde zum Beispiel die Strafe im Aschenputtel-Märchen durch Tauben vollstreckt, welche den neidischen Schwestern die Augen aushackten[34].
In einer französischen Variante des Sneewittchen-Märchens bleibt die Heldin an der Bestrafung der bösen Stiefmutter gänzlich unbeteiligt: Die Mutter tötet sich selbst[35].
Wie bereits in der Einleitung angesprochen, geht Röhrich der Frage nach, welchen Wirklichkeitsbezug die Märchengrausamkeit hat und inwieweit grausame Motive in kulturhistorische Beziehung gebracht und gedeutet werden können. Kulturhistorische Bezüge seien bei den grausamen Hinrichtungen am deutlichsten. Die Strafen der [überlieferten, K.P.] Märchen seien größtenteils Erinnerungen an die reale Rechtshandhabung vergangener Zeiten[37]. Wie deutlich sich Märchenerzählung und historische Rechtsprechung entsprechen könnten, zeigt sich zum Beispiel im Märchen von Fitchers Vogel: Die Heldin und ihre Schwestern verbarrikadieren das Haus des Hexenmeisters und stecken es in Brand. Hier wirkt deutlich der historische Prozess der Hexenverbrennung nach[38]. Es stehe außer Zweifel, dass die Strafe durch Verbrennen einen Bezug zum Volksglauben gehabt haben müsse:
„Von dem Verbrecher als unheimlich-schadenbringendem Wesen musste man sich reinigen: Feuer und Wasser sind nun die reinigenden Elemente schlechthin, und deshalb wurden - und nicht nur bei den Germanen - die Hexen und Zauberer verbrannt oder ertränkt. Zugleich ist die Flamme das radikalste Mittel, das schadenbringende Wesen auszutilgen und am Wiederkommen zu hindern.“ (Röhrich, 145)
Ebenso wird mit Hilfe des Zerstückelungsmotives im Märchen „Fitchers Vogel“ ein grausam erscheinendes Vorkommnis geschildert: Die Heldin findet die zerstückelten Leichen ihrer Schwestern. Daraufhin sucht sie deren Gliedmaßen zusammen und fügt diese zusammen; „als nichts mehr fehlte“ schließen sich die Gliedmaßen aneinander, und die Schwestern erwachen wieder zum Leben.
Grausame Vorkommnisse [hier die Zerstückelung, K.P.] hätten ihren Hintergrund in magischen Vorstellungen oder rituellen Handlungen. Innerhalb des Zerstückelungsmotives sei die Wiederbelebung des Toten aus den gesammelten und richtig zusammengelegten Knochen von entscheidender Bedeutung. Denn so zeige gerade dieses Motiv seine sichere Abkunft von ursprünglichen jägerischen Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt. So gelte auch heute noch bei nordasiatischen Naturvölkern der Brauch, die Knochen des erlegten Tieres weder zu brechen, noch zu verbrennen oder wegzuwerfen, sondern sie an einem besonderen Ort aufzubewahren, wobei kein Knochen fehlen dürfe. Im Märchen aber sei diese Vorstellung nicht mehr historische oder mythische Realität, sondern sei zum ,Motiv’ grausamer Handlungen erstarrt und stelle erzähltechnisch Extremfälle des abscheulichen Verhaltens des Gegners des Helden dar, die wegen ihrer epischen Wirksamkeit immer wieder verwendet worden seien[39].
„So steht das Märchenmotiv in einem weltweiten Vorstellungskomplex, von dessen ursprünglich mythisch-religiöser Wirklichkeit es sich freilich längst abgelöst hat, indem es festes Erzähl-,Motiv’ geworden ist. Dabei ist ein völliger Wandel eingetreten: unter ethnologischen Gesichtspunkten gewinnt es einen geradezu gegenteiligen Aspekt, als er sich im Machandelboom-Märchen [auch Fitchers Vogel, K.P.] zeigte: Die Zerstückelung eines Menschen war also ursprünglich nicht ein Motiv, das grausame Ermordung sondern geradezu das Gegenteil, die Erhaltung des Lebens, bedeutete. Nicht der abscheuliche Vorgang der Zerstückelung war das Entscheidende, sondern die Wiederbelebung aus den Knochen.“ (Röhrich, 135; Hervorh. im Original)
Dennoch lassen sich nicht alle Märchengrausamkeiten rechts- oder kulturhistorisch deuten. So falle zum Beispiel auf, dass die Todesstrafe fast die einzige Strafe im Märchen, die Härte der Urteile aber oftmals in gar keinem Verhältnis zur begangenen Freveltat stehe. So büßen die Schwestern im Märchen von Fitchers Vogel ihre Neugierde mit dem Tod für ein Delikt, das kein Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches darstelle. Wo ein geschichtlicher Hintergrund fehle, erfinde das Märchen entsprechend seiner erzählerischen Bedürfnisse sogar eigene Rechtsbräuche, wie das Beispiel am Sneewittchenmärchen zeige, wo die böse Stiefmutter in rotglühende eiserne Pantoffeln treten und solang darin tanzen müsse, bis sie tot zur Erde falle[40].
Wie lässt sich nun dieses erzählerische Bedürfnis des Märchens erklären?
Im Beispiel des Rotkäppchen-Märchens begeht Rotkäppchen lediglich den Frevel, vom Wege abzukommen. Dafür wird es ungleich grausam mit dem Tod durch Gefressen werden bestraft. Die französische Märchenvariante findet sein Ende in dem tragisch endgültigen Tod Rotkäppchens. M. Rumpf habe gezeigt, dass das Rotkäppchenmärchen ursprünglich zur Gattung sogenannter ,Warnmärchen’ gehöre, welches Kindern erzählt worden sei, um sie vor den Gefahren des Waldes, wie wilde Tiere oder lauernde Personen, zu warnen[41].
Auch unter dem Aspekt der Unterhaltung scheint die epische Steigerung geschilderter Grausamkeit plausibel: Ungeachtet des ersten Anschlages fällt Sneewittchen immer wieder auf die böse Stiefmutter hinein, und zu Recht behauptet Mallet, dass die Heldinnen der Märchen trotz alle Warnungen nicht umkehrten, weil sie es wegen der Hörer oder Leser nicht dürften: Derentwegen müssten sie sich in reizvoll-grausige Gefahren begeben. Zur Befriedigung der Sensationslust der Rezipienten müssten Mädchen sich ausziehen, zerhacken und fressen lassen.
Die strikte Trennung von Gut und Böse, die Erhöhung der guten Heldenfiguren und die Vernichtung der bösen Gegenspieler bestimmen das Wesen des Märchens und rechtfertigt seine grausamen Handlungen mit Hilfe epischer Spannungsformeln, deren Ursprung teilweise in der Menschheitsgeschichte begründet liegt.
Textausgabe
Rölleke, Heinz (Hrsg.): Grimms Märchen. Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm. Vollständige Ausgabe auf der Grundlage der 3. Aufl. (1837); Frankfurt am Main 1985
Sekundärliteratur
Brednich, Rolf Wilhelm / Bausinger, Hermann / Brückner, Wolfgang u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Bd. 6; Berlin / New York 1990
Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. 9. Aufl.; Tübingen 1992
Mallet, Carl-Heinz: Kopf ab! Gewalt im Märchen; Hamburg 1985
Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. 2., erw. Aufl.; Wiesbaden 1964
Internetliteratur
Schneewittchen, Märchentyp 709: www.maerchenlexikon.de/at-lexikon/at709.htm
Auch heute noch sind Märchen ein beliebter Lesestoff und neuere märchen- ähnliche Stoffe, wie Harry Potter oder Herr der Ringe, erfreuen sich höchster Beliebtheit und beide Erscheinungen begeistern gleich mehrere Generationen. Doch trotz aller märchenhaften und positiven Motive der Kinder- und Hausmärchender Brüder Grimm, findet man unterschiedlichste Formen der Grausamkeit in ihnen. In Anbetracht der Tatsache, dass Märchen schon sehr kleinen Kindern zugänglich sind, stellt sich nun die Frage, welche Funktion die in den Märchen enthaltene Grausamkeit hat und welche Wirkung sie auf die Rezipienten hat, zumal bei keinem anderen Medium schon so früh so selbstverständlich so brutale Inhalte weitergegeben werden. Weiterhin soll in dieser Arbeit der historische und kulturelle Hintergrund von grausigen und makabren Motive in Verbindung zu ihrer heutigen Wirkung gestellt werden. In der Literatur finden sich verschiedenste Stellungnahmen zu der Wirkung der Grausamkeit in Märchen. So vertritt Lutz Röhrich die Meinung, dass Kinder die Bestrafung oder Tötung des Bösen im Märchen als selbstverständlich und nicht als grausam wahrnehmen.[42] Otto F. Gmelin hingegen erteilt den Grimmschen Märchen aufgrund der Grausamkeit eine radikale Absage. Er geht davon aus, dass Aggression und Gewalt vornehmlich gelernt würden und diese somit durch die Kinder- und Hausmärchender Brüder Grimm gefördert werden.[43]
Weiterhin wird der Grausamkeit in der Literatur besonders eine historische Dimension zugesprochen. Sie spiegelt politische und familiäre Zustände wieder und offenbart uns vergangene Ahndungen von Verbrechen. Ebenso spiegeln sie Aberglauben und kirchliche Einflussnahme wieder. Hans Gerd Rötzer und Harlinde Lox thematisieren dies in ihren Arbeiten und beziehen sich dabei immer wieder auf Lutz Röhrich.
In der folgenden Arbeit soll versucht werden, zu klären, wie die Grausamkeit in den Märchen auf ihre Rezipienten wirkt und welche Funktion sie für das Märchen hat. Dazu sollen zunächst typische Eigenschaften des Märchens erläutert werden. Da sich die Ausführungen auf die für deutsche Volksmärchen exemplarischen Märchen der Brüder Grimm beziehen, folgt eine kurze Darstellung der Entstehung der Grimmschen Sammlung.
Um die Problematik der Gewalt im Märchen zu verdeutlichen, folgt eine Zusammenstellung von beispielhaften Brutalitäten aus den Grimmschen Märchen, wobei auch frühere Fassungen der Märchen Erwähnung finden werden. Dabei werde ich mich mit den auftretenden Formen der Grausamkeit – der Kannibalismus, die Strafen und der Tod – auseinander setzen. Hier werden auch die Funktion und der historische Hintergrund – soweit belegbar – mit einbezogen werden. Daran anschließend werde ich mich mit den Märchen Rotkäppchen (KHM 26) und dem Blaubartmotiv (KHM46) befassen und dabei die Entwicklung des Textes, unter besonderer Berücksichtigung der Grausamkeiten, herausarbeiten. Im Fazit soll versucht werden die Wirkung dieser Grausamkeiten auf die Rezipienten – besonders auf die Kinder – herauszuarbeiten, wobei ich auf verschiedene Positionen in der Literatur eingehen werde.
Die Brüder Wilhelm (1786-1859) und Jacob Grimm (1785-1863) sammelten ab dem Jahr 1806 alte Lieder aus der Kasseler Bibliothek für Clemens Brentano (1778-1842), der mit Arnim eine Fortsetzung der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn (1805-08) plante. Brentano schreibt an Achim von Arnim 1807:[44]
„Ich habe hier zwei sehr liebe, liebe altteutsche vertraute Freunde, Grimm genannt, welche ich früher […]für die alte Poesie interessirt hatte, und die ich nun […] so gelehrt und so reich an Notizen, Erfahrungen und den vielseitigen Ansichten der ganzen romantischen […] Poesie wiedergfunden habe […] Sie selbst werden uns alles, was sie besitzen, noch mitteilen, und das ist viel.“[45]
Bis 1810 arbeiten Wilhelm und Jacob mit Clemens Brentano in reziprokem Austausch und der zweite und dritte Band des Wunderhorns entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Brüdern Grimm. Die Sammlung von Märchen begann etwa im Oktober 1807. Es ist deutlich zu erkennen, dass sie Brüder Grimm sich bei ihren Märchensammlungen an Brentanos Empfehlungen und Geschmack orientierten, da sich – natürlich auch durch die sehr ähnlichen literarischen Bestrebungen – die Brüder Grimm die gleichen Texte wie Brentano heranzogen. Hier sind beispielhaft Schelmufsky von Christian Reuter, Die Geschichte von Mäuschenund Bärenhäuterzu nennen.[46]
Die mündliche Erzähltradition wurde den Brüder Grimm von Clemens Brentano nahe gebracht, der keineswegs seine Märchendichtungen allein aus literarischen Quellen bezog. Vielmehr besaß er ein besonderes Geschick, wodurch Menschen aller Schichten ihm ihre Märchen und Sagen erzählten. Er zeichnete sich ebenfalls als Märchenerzähler aus, was den Brüder Grimm nicht zugeschrieben werden kann. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich in den Aufzeichnungen von Jacob und Wilhelm Grimm kein Text findet, der aus eigener Erinnerung zu Papier gebracht wurde. Allein unter einer Kurzfassung des Sternthalers steht die Anmerkung von Jacob Grimm:
„Nach dunkeler Erinnerung aufgeschrieben, mögte es jemand ergänzen und berichtigen.“[47]
Ebenso wichtig wie der Hinweis auf die mündliche Tradition ist die Begeisterung Brentanos für die Rungeschen Märchendichtungen, die sich auf die Brüder Grimm übertrug und maßgeblich zur Gestalt der Kinder- und Hausmärchenbeitrug. Die Brüder Grimm waren in ihrer Arbeit sehr stark durch Clemens Brentano geprägt, was ihnen durchaus bewusst war und Brentano konnte sich ihres Dankes sicher sein.[48]
Doch sorgte die nicht erfolgte Zurückgabe der handschriftlichen Märchen-sammlung der Brüder Grimm für Verstimmungen zwischen ihnen und Bren- tano. Auch die Tatsache, dass Brentano die Brüder in der Veröffentlichung des Märchens Die Gründung Pragsnicht erwähnt verschärfte den Konflikt.[49]
Dies spiegelt sich in der Vorrede der Kinder- und Hausmärchenvon Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1819 wieder:
In diesem Sinne gibt es unseres Wissens sonst keine Sammlung von Märchen in Deutschland. Entweder waren es nur ein paar zufällig erhaltene, die man mitteilte, oder man betrachtete sie bloß als rohen Stoff, um größere Erzählungen daraus zu bilden.[50]
Doch trotz alledem profitierten die Grimms und Brentano immer wieder von-einander. Der jeweils andere beeinflusste die Arbeiten des anderen und zuletzt verdankt Brentano den Brüdern die Beschränkung auf die eigentlichen Märchenmotive.[51]
Die erste Ausgabe veröffentlichten die Brüder Grimm im Jahr 1812. Bis zur Ausgabe letzter Hand veränderten sich die Märchen jedoch noch in ihrer Form. Vor allem Wilhelm Grimm überarbeitete die Märchensammlung. Die Ausgabe letzter Hand enthält 211 Texte. Durch eine umfassende philologische Erforschung müsste das Werk der Brüder Grimm auf etwa 240 Einzelmonographien beziffert werden. Neben zahlreichen Parallelfassungen, die durch die Brüder Grimm in den umfassenden Anmerkungen wiedergegeben werden, zählen auch die 30 ausgeschiedenen Märchen dazu. Die Überarbeitung der Märchen zeigt sich besonders in der Tatsache, dass es ursprünglich von den Brüdern Grimm nicht beabsichtigt war ein Märchenbuch für Kinder herauszugeben, was dennoch eintraf. Die Eignung ihrer Kinder- und Hausmärchenfür Kinder legen sie in der Vorrede von 1819 dar:
