Es war einmal im Herbst - Richard Isenheim - E-Book

Es war einmal im Herbst E-Book

Richard Isenheim

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Beschreibung

Das Jahr 1977. Eda, Jamies geliebte Frau, ist von ihm gegangen. Zwei Jahre danach schlagen die Wellen über ihm zusammen. Seine Schulden nehmen zu und mit ihnen die Gewissheit, den Verlag schließen und das Haus verkaufen zu müssen. Jamie muss sich an seine Freunde halten, aber können ihm Francis und Dr. Spiegelthal helfen, die Krise zu überstehen? Doch auch die Stadt steht kurz vor dem Ruin. Der historische Bezirk ist vielleicht schön anzusehen, aber eine Kostenbelastung für die Stadt. Es ist Zeit für einen Umschwung. Dort, wo früher noch Krämerläden waren, stehen heute leere Häuser. Kann es das Interesse einiger Investoren sein, Jamie wirtschaftlich zu schaden? Wem kann er vertrauen? Wer ist ihm freundlich, wer ist ihm feindlich gesinnt? Ein dramatischer Liebes-Thriller in zwei Akten.

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Seitenzahl: 415

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Der Autor

Richard Isenheim wurde 1997 in Bietigheim-Bissingen geboren, dessen historische Altstadt beim Schreibprozess maßgeblichen Einfluss nahm. Im Großraum Stuttgart verbrachte er die ersten vierzehn Jahre seines Lebens, bis er mit seiner Familie in den Landkreis Sigmaringen zog. Dort beendete er die Realschule, um anschließend an einem technischen Gymnasium die FH-Reife zu erlangen. Schon im Alter von dreizehn Jahren begann Isenheim mit der Schreiberei. In seinen Geschichten stehen tiefe Charakterwandlungen, wahre Freundschaften und die Höhen und Tiefen des Lebens im Vordergrund.

Ein besonderer Dank geht an:

Dieter Gall,

Wolf Herzka,

Bastian Buck,

Niclas Bottenbruch

und die Familie Hillermann

Ich wünsche viel Freude beim Lesen!

Ihr

Richard Isenheim

Jedes Werk ist Veränderungen unterworfen.

Es geht nicht darum am Leben,

sondern darum ein Mensch zu bleiben.

→ E.A Blair

Inhaltsverzeichnis

I. AKT

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

II. AKT

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Epilog

I. AKT

Eins

Jamie Winter wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Es war sein eisernes Bemühen, dass ihm der Schweiß ja nicht auf sein Tagewerk tropfte. Ein Buch zu binden war eine Heidenarbeit und gerade bei den letzten Handgriffen wäre es umso verdammter, müsste er von Neuem beginnen. Ohnehin, da er es sich nicht leisten konnte, noch weitere Fertigungsfehler zu begehen. Die Drucker brauchten Strom, Papier und Tinte, die Deckel kaufte er ein und bespannte sie mit Papier oder Leder, zum Binden brauchte er Nadel und Faden, das geringste Problem, doch alles in einem, zusammen mit der Arbeit von einem halben Tag, würden ihm den Unterhalt vom letzten Tag des Monats kosten. –

Es war goldener Oktober. Die Hitze war kaum auszuhalten. Hatte sich dieser Tag im Sommer verirrt? Anders konnte er sich die Temperaturen nicht erklären. Er konnte sich nicht daran erinnern, je einen so warmen Oktober erlebt zu haben und wünschte sich endlich den kühlenden Herbst herbei. Er liebte den Herbst, aber hasste den Sommer. Es war diese Hitze, die ihn lähmte und bei der Arbeit behinderte. –

Auch sie hatte den Herbst geliebt, wenn der Wind um die Ecke pfiff, der Nebel einen Schleier um das Städtchen legte, vor allem aber am Hafen und in der Altstadt. Auch war es der Duft des Herbstes, der Duft des Regens und des Laubes, das welkende Grün, das sich langsam in warme Rot- und Gelbtöne verwandelte, die Stille, der feuchte Kopfstein in den Gassen des Städtchens und das Knacken, wenn man die Kieswege auf den Feldwegen entlang ging. Wieder das Rauschen des Windes, das Tropfen des Regens, der sich an den Blättern der Bäumen verfangen hatte und langsam zu Boden ging. Die Spaziergänge im Wald, kuschelige Nachmittage vor dem Ofen, mit einem spannenden Buch in eine Decke gewickelt im Bett oder auf dem Sofa liegend. Duftkerzen am Abend, Kürbissuppe, Nüsse und heiße Schokolade; Erntedank und das alles mit ihr in seinem Arm. –

Haben sich Künstler wie Caspar David Friedrich, Theodor Storm oder Johann Wolfgang von Goethe die gleichen Gedanken gemacht? Gemälde wie »Der Wanderer über dem Nebelmeer« oder Poesie wie »Der Herbst der Einsamen«.

Entspringen sie dieser Romantik? Seufzend, mit den Gedanken nicht weiter bei der Arbeit, machte Jamie ein paar Runden durch sein Arbeitszimmer. Mühsam versuchte er sich an ebendieses Gedicht von Theodor Storm zu erinnern und stammelte die Reime nachdenklich vor sich hin:

›Schon ins Land der Pyramiden

Flohn die Störche übers Meer;

Schwalbenflug ist längst geschieden,

Auch die Lerche singt nicht mehr.‹

Weiter dachte er nach und vertrat sich die Beine. Er hatte sich wieder einmal zu wenig bewegt. Er spürte es daran, wenn sein Bein zu springen begann. Seine Augenlider waren schwer, was die Hitze umso unerträglicher machte. Schwitzend krempelte er sich die Hemdärmel über den Ellenbogen.

›Seufzend in geheimer Klage

Streift der Wind das letzte Grün;

Und die süßen Sommertage,

Ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,

Der dein stillstes Glück gesehn;

Ganz in Duft und Dämmerungen

Will die schöne Welt vergehn. – ‹

Jamie wurde aus den Gedanken gerissen, als im Nebenraum die Ladentür klingelte. Aufgeschreckt brauste er aus seinem Arbeitszimmer. Ein neuer Kunde? –

Doch: Es war kein Kunde, auch nicht seine Obermieterin, die ihm ab und an einen Imbiss brachte, sondern der Gerichtsvollzieher. Jamie blieb bei seinem Anblick lang wie versteinert zwischen zwei Bücherregalen stehen; sein Atem stockte.

»A! Winter, da sind Sie ja!«, grüßte er und nahm sich den Hut vom Kopf.

»Ich dachte, ich statte Ihnen mal wieder einen kleinen Besuch ab.«

»Sie wissen, dass ich noch nicht zahlen kann, Grönnfeld.«

»Ach, Herr Winter, mein Guter, aber das hatten wir doch alles schon.« In seinem verräterischen Lächeln blitze sein goldener Backenzahn. Das eingefallene Gesicht, die rasierte Halbglatze und die runden Brillengläser ließen Jamie beinahe das Mittagessen wieder hoch kommen. Er spürte, dass sein Blut langsamer zirkulierte, denn wie auf einen Schlag war ihm kälter geworden. Unter anderen Umständen hätte er sich gefreut, wenn es denn bloß nicht so wäre, wie es nun mal ist.

»Sie könnten das Haus verkaufen. Schließlich wird sich der Staat sowieso das holen, was ihm gehört.

›Was ihm gehört‹, nuschelte er spöttisch.

»Wie bitte? Was haben Sie gesagt?«

»Nichts.«

Offenbar hatte Grönnfeld wirklich nichts gehört und er spazierte heiter durch den Salon. Grönnfeld wie Jamie wussten, dass dieser nicht ohne Durchsuchungsbefehl in sein Haus durfte, aber der Laden war offen zugänglich und Jamie konnte nichts daran ändern. Sollte er denn ein Schild an den Eingang hängen: »Eintritt nur für Kunden oder Freunde!«?

»Freilich lässt sich hier nicht viel pfänden. Die Regale sind alt – «, und er fuhr mit dem Finger über das oberste Brett, » – Ihr Mobiliar ist mit Sicherheit genauso –?«, und machte mit der Hand eine Geste, als fiele ihm das rechte Wort nicht ein.

»Ranzig?«, schlug Jamie mürrisch vor.

»Alt!«, korrigierte Grönnfeld triumphierend.

»Nun ja … «, fuhr er dann fort.

War das eine Frage?

Als wäre Grönnfeld gerade gestochen worden, hob er die Hand und deutete hinter ihn in die Ecke. »Dort! Dort hängt der Schimmel, Winter! Sehen Sie das? Da!« Der Alte ging an ihm vorbei, der besagten Stelle entgegen. Jamie wandte sich um und folgte Grönnfeld ein Stück, der noch immer hysterisch auf die Stelle in der Ecke zeigte. Wohl musste ihm etwas entgangen sein, doch konnte er entgegen dem Gerichtsvollzieher keinen Schimmel erkennen.

»Was, wenn die Gewerbeaufsicht hier vorbeikommt und sich den Laden genauer unter die Lupe nimmt? Winter, was dann?«

Jamie ballte seine Hände zu Fäusten, doch er konnte sich zurückhalten. Ob Grönnfeld ihn nicht nur einschüchtern, sondern auch außer Kontrolle bringen wollte? Doch hierfür war Jamie der Falsche; sollte er es versuchen.

»Wissen Sie, Winter, Schimmel ist krebserregend; und Krebs ist nicht gut!«

Mieser, kleiner Mistkerl‹, brummte Jamie kaum hörbar und verkrampfte am ganzen Leib. War er denn in einem Unrechtsstaat? Doch lebte er im Westen, nicht in der DDR! –

Nach einer längeren Stille. Grönnfeld ergriff das Wort: »Ich sage es ja nur … «, stammelte er mit hochgehobenen Händen, dabei die Geste der Unschuld andeutend. Wieder kehrte eine Stille ein. Kurz waren ihm die Formulierungen ausgegangen, als er bald seinen Sakko öffnete.

»Eine Affenhitze ist das heute! Wollen Sie mir nicht ein kühles Getränk anbieten?«

Jamie schwieg. Er wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch ein Kaltgetränk für sich selbst im Kühlschrank hatte.

Bald darauf wies Grönnfeld auf einen abgeranzten Ledersessel: »Darf ich mich setzen?« Und wieder gab Jamie keine Antwort. Seufzend stellte der Alte seine Aktentasche auf den Sessel und kramte einen schwarzen Ordner hervor, aus dem er einige behördliche Formulare herausnahm.

»Sofern Sie dieses Schreiben nicht bekommen haben, die deutsche Post ist ja nicht immer so ganz zuverlässig – «, zwinkerte er. »Nach diesem September haben Sie Schulden in Höhe von dreißigtausend-achthundert-fünfundfünzig D-Mark beim Finanzamt für nicht erbrachte Umsatzsteuern, eintausendzweihundert D-Mark bei der örtlichen Stadtkasse für noch nicht vollständig erbrachte Bestattungskosten…«, er hielt kurz inne, »Soll ich fortfahren?«

»Vielen Dank.«

»Und Sie wollen nicht verhandeln? – In diesem Haus stecken bestimmt noch ein paar Tausend Mark?!«

»Ich begleiche bereits die Bestattungskosten in monatlichen Raten.«

»A ja?«, hakte Grönnfeld nach und nahm die Unterlagen wieder zur Hand. Nach kurzer Zeit fuhr er fort. »Ja, Sie haben Recht. Zehn Mark pro Woche!« Mit einem schmutzigen Lachen ergänzte er: »Im Gegensatz zu Ihrer Umsatzsteuer, deren Schuldensumme immer mehr wird, Winter. – Ich frage Sie: Sind Sie zahlungswillig?«

»Ja«, gab er unmittelbar zur Antwort.

Grönnfeld nickte. »Lange können Sie dieses Spiel nämlich nicht mehr spielen.«

»Ich bin bereits dabei einen Käufer zu finden…«

Mit einem Lächeln und einer Verbeugung packte er seine Sachen, nahm sich seinen Sakko und hob die Hand. »Bis zum nächsten Mal, Winter!«

Und da ging er. Adolf Grönnfeld, Gerichtsvollzieher und ehemaliger Angehöriger der NSDAP. Einer von vielen Ex-Nazis, die im Zuge des Nürnberger-Prozesses verschont geblieben waren, weil die Alliierten sie für harmlose Mitläufer-Schergen gehalten hatten. Zitternd hielte sich Jamie an einem Regal fest, dann versuchte er sich krampfhaft auf etwas Schönes zu konzentrieren und sprach weiter das Gedicht vor sich hin:

›Nur noch einmal bricht die Sonne

Unaufhaltsam durch den Duft,

Und ein Strahl der alten Wonne

Rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,

Dass man sicher glauben mag, – ‹

Und es läutete erneut die Ladentür. Zermürbt wandte er sich um und stieß mit dem Fuß die Tür seines Arbeitszimmers zu, zog die Jalousie herunter, um die Hitze auszusperren und fiel auf seinen Stuhl. Seine Obermieterin kam mit einem munteren Lächeln auf dem Gesicht herein.

»Ich bringe Ihnen ein Stück Kuchen, James«, rief sie, noch bevor sie recht eingetreten war. »O, aber warum ist es hier so dunkel?«

Ungefragt wandte sie sich an die Jalousie und zog sie wieder auf. Jamie hielt sich den Arm vor die Augen, denn seine nicht entspiegelte Hornbrille warf schmerzhafte Fackeln.

»Argh!«, rief er entsetzt, »das hab ich doch gerade zugezogen, Frau Teurer!«

»Ach so?«, wiederholte sie, schwieg einen Moment und schaute in das Leere. »Ich hab Ihnen Kuchen gebracht.« Danach stellte sie einen Teller voll mit einer einviertelkuchen-großen Scheibe Kuchen auf den Tisch.

»Aber doch nicht da!«, rief er erschreckt und befreite das Leder von dem Kuchenteller.

»Haben Sie einen schlechten Tag, James?«

»O ja!«, bestätigte er. »Aber nehmen Sie mir das bitte nicht persönlich!«

»Aber nein!«, erwiderte sie beschwichtigend. »Der Kuchen wird Ihre Laune wieder bessern.«

Jamie warf indessen dem Kuchen einen verächtlichen Blick zu. Seitdem er vom letzten beinahe einen Zuckerschock erlitten hatte, war er vorsichtiger geworden.

»Sie wissen ja, ich mag den Sommer nicht so sehr… «

»Sie müssen mehr hinaus, mein Guter!«, gab sie ihm rasch und überschwänglich zur Antwort. »Kein Wunder, wenn Sie immer nur in der Stube sitzen.

»Ich muss arbeiten … «

Die Witwe schlug sich auf die Schenkel. »Dann nehmen Sie Ihre sieben Sachen und gehen hinaus an die frische Luft!«

› – wo es noch heißer ist‹, dachte er dazu und lächelte künstlich.

Es folgte eine kurze Pause. »Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen, sonnigen Nachmittag.« Als sie dann an der Tür war, ergriff er noch einmal das Wort. »Frau Teurer!«

»Ja, James?«

»Ich will Ihnen noch sagen: Schauen Sie sich schon einmal für ein anderes Apartment um. Ich muss das Haus verkaufen, kann die Bilanzen nicht mehr aufrecht erhalten.« Er sagte es mit einer beschwichtigenden Handbewegung.

»O … «, seufzte sie und ließ die Schultern sinken. »Das tut mir Leid, wirklich.« Einen Moment lang schauten sie einander an. Die Witwe war eine alte Frau, die seit zwei Jahren in seinem Haus in Untermiete wohnte. Der Buchladen, die Druckerei, die vor ein paar Jahren noch fünf Mitarbeiter hatte, und Jamies kleines Apartment waren in einem Haus. Die Druckerei im Keller, der Laden im Erdgeschoss an der Straße und die beiden Wohnungen oben, die er vor zwei Jahren eingeteilt hatte. Zum einen, da er so weniger putzen musste, zum anderen, damit er wieder eine Frau in seinem Haus hatte, die ein Gefühl der Häuslichkeit brachte.

»Sicher wollen Sie gerade allein sein?«

Er nickte freundlich, die Tür ging zu.

›Und es leuchten Wald und Heide,

Dass man sicher glauben mag, –

Hinter allem Winterleide

Liegt ein ferner Frühlingstag.‹

Er ging wieder zum Fenster und zog abermals die Jalousie herunter. Das Gedicht war zu Ende und was blieb war eine schmerzliche Erinnerung. Warum musste sie gehen? Warum? Sein Leben war trostlos geworden, so trostlos wie die Gegend, in der er lebte. In der Nachbarschaft war kaum noch ein Haus bewohnt. Alte Häuser, beinahe Ruinen, schmückten das Viertel. Wer würde noch Geld für ein Haus dieser Art ausgeben? Nicht, wenn es auf Pump auch glamouröse und moderne Einfamilienhäuser gab. Doch er wollte es keinem verübeln, wenn er nicht den gleichen Preis in die Renovierung eines altes Schuppens wie diesem stecken wollte. Und wenn es nicht die Erinnerungen wären, würde auch ihn hier nichts mehr halten.

Plötzlich: Die Tür ging schon wieder auf. Er erschrak. »Was denn noch?«

»Tut mir Leid, Kumpel, Du musst mich nicht rufen gehört haben.«

Seine Wut löste sich rasch wieder auf, als er Francis vor sich sah.

»Ach, du bist‘s, Frank – Alles in Butter?«

»Bestens!«, antwortete er gut gelaunt. »Bei dir?«

Er gab abermals keine Antwort und er wandte sich wieder mit dem Gesicht zur Jalousie.

»Alles klar?« Er stand nun hinter ihm und fasste ihm auf die Schulter.

»Ich muss das Haus verkaufen – nun aber endlich.« Er sprach es, ohne hinter sich zu schauen. Den Kopf gesenkt, musterte er die Fensterbank.

»Scheiße!«

»Jap!«

»Willst du darüber reden?«

»Nicht jetzt!«

»Heute Abend bei einem Bier? – Geht auf mich!«

Zum vierten Mal gab er keine Antwort.

»Da ist noch mehr, stimmt’s?«

Es folgte ebendiese Antwort.

»Schweigen heißt bei dir doch meistens ›ja‹ oder ›verpiss dich!‹. Ich hoffe, nicht das Zweite.«

»Nein«, schüttelte er den Kopf und wandte sich um. »Heute vor zehn Jahren bin ich ihr zum ersten Mal begegnet.«

»Jamie!«, rief er dazwischen und nahm ihn an den Schultern. »Du musst endlich mit ihr abschließen. Sieh dich an, du bist fertig und siehst aus, als wärst du zehn Jahre lang durchgenudelt worden – nein, das würde dir echt gut tun, wenn dich mal wieder eine so richtig flach legt.«

»Nein, Frank. – Heute vor zehn Jahren haben wir uns das erste Mal getroffen und vor zwölf Tagen war ihr zweiter Todestag. Ich erinnere mich noch dran, wie ich gesagt habe ›bleib bei mir, bleib bei mir‹ bei unserem siebten Hochzeitstag. – Wir haben uns getroffen im Oktober, geheiratet im Oktober und im Oktober ist sie von mir gegangen. Weißt du jetzt, warum ich im Oktober so schlechte Laune hab?«

»Ich versteh dich ja, glaub’s mir! – Trotzdem! Du musst hier raus. Du musst mal was anderes sehen, verdammt.«

»Ich entscheide, was ich sehen muss!«

»Gut«, stimmte Francis zu und hob die Hände. »Ich bin dein Freund und du weißt, dass du mich immer anrufen kannst.« Er ging zur Tür, dann wandte er sich noch einmal um. »Heute Abend um acht im Pub. Ich zwing dich nicht, ist nur eine Einladung.«

»Danke.«

»Bitte«, und er ging.

Jamie wandte sich wieder dem Fenster zu. Der Schweiß hing wieder an seiner Stirn. Er stützte sich auf die Fensterbank und blieb so stehen, er wusste nicht wie lange, dann realisierte er, dass die Sonne ein wenig schwächer geworden war. Es musste schon Abend geworden sein. – Hatte er so lange nachgedacht? Er warf einen Blick über seine Schulter auf die Wanduhr. Es war kurz nach siebzehn Uhr.

»Endlich«, murmelte er und zog die Jalousie wieder hoch.

Die Altstadt lag in einem schönen, goldenen Schimmer. Vor ihm stand ein großes Fachwerkhaus, das ihm die Sicht verwehrte, doch gleichzeitig ein Gefühl von Geborgenheit in den engen Gassen der Stadt gab. Weiter hinten lag der Hafen, dort stand früher einmal ihr Boot. Oft ist er mit ihr hinausgefahren. An Wochenenden oder an Feierabenden. Er erinnerte sich an die schönen Stunden, wenn das Boot in den Wellen schaukelte und sie in seinem Arm auf dem Bett lag, nackt und liebkosend. Doch das alles war einmal.–

Dieser Tag, dieses Wetter, diese Hitze war, als wolle man ihn schmähen – ihn auslachen. Der verheißungsvolle Tag im Oktober war es gewesen, ein verregneter, nebliger, ekelhafter Tag, an dem sie sich das erste Mal trafen. Er war noch jung gewesen, das Leben lag noch vor ihm. Es war der achtzehnte Oktober 1969. – Die Stadt lag im Regen, der Kirchturm würde in fünfzehn Minuten null Uhr schlagen. Die Frage, die sich jedem stellte: Warum sollte jemand – warum gleich eine ganze Masse von Leuten vor einem Buchgeschäft stehen, fünfzehn Minuten vor Mitternacht – im Regen, bei Nebel, im tiefsten Oktober? Die Antwort war einfach: Der Schriftsteller Roland Lufter hatte einen neuen Krimi geschrieben und am neunzehnten Oktober, das war morgen, war er im Handel. Der Ansturm war so gigantisch, dass große Buchgeschäfte bereits um null Uhr die Läden öffneten, um begeisterten Lesern Genüge zu tun. Es waren gezählt drei Dutzend Leute, die vor dem noch geschlossenen Geschäft standen, vermeintlich wie Soldaten, die gleich die Tür stürmen würden. Doch die Stimmung war eine ganz andere: Einige Leute unterhielten sich, wahrscheinlich kannten sie einander bereits; oder auch nicht, das war schließlich auch egal. Es war die Liebe zu den Romanen des Schriftstellers, die sie alle zusammenhielt. Ob er sich in ein Gespräch verwickeln sollte? Sicherlich gäbe es genügend Themen; das heißt nur eines, aber ausreichend vieles, das man darüber sagen und sich austauschen konnte. Jamie genoss den Anblick, wäre da nicht dieser Regen und diese Kälte, diese ekelhafte Nässe im Herbst. Die Leute standen unter ihren Regenschirmen und von innen schien Licht durch den zugezogenen Vorhang. Er lächelte, denn er fühlte sich in behaglicher Gesellschaft. Schließlich wandte er sich um und schaute hinauf zum Kirchturm. Es waren noch zwölf Minuten. Hoffentlich gingen die Uhren im Geschäft pünktlich – gar über-pünktlich; aber nicht doch, auch innen würde man die Glocken läuten hören. In der Ferne ging eine schmale Gasse an der Kirche vorbei und es nahte sich eine Person. Jamie war kurzsichtig und konnte die Person nicht recht erkennen. Erst als sie näher herantrat, sah er die junge Frau. Da war sie nun: Etwa in seinem Alter, Anfang, Mitte zwanzig, mit einer gelben Regenjacke, die Kaputze über das braune Haar gezogen, die Hände in die Jackentasche gedrückt, dunkelblaue Augen, helle Haut und ein weibliches Becken. Er musste sie den ganzen Weg bis zu ihm angestarrt haben. Als er nicht aufgeben wollte, sie anzusehen, schaute auch sie zurück. Auf ihrem Mund begann sich ein sanftes Lächeln zu formen, dann blitzten ihre Zähnchen auf und ihre Augen begannen belustigt zu strahlen.

»Kennen wir uns?«

»O, ich entschuldige mich, vielmals«, rief er mit hoher Stimme, hob unschuldig die Hände und wandte sich ein Stück zur Seite.

»Aber wofür? Was hast du denn getan?«

»Ich ehm!«, er fasste sich an den Hinterkopf, »das tut mir Leid, dass ich dich so angestarrt habe.«

»Angestarrt?«

Ob sie sich absichtlich ein Stück weit dumm stellte?

»Ja, ich habe dich den ganzen Weg das Gässchen runter angestarrt. – Ich bin kurzsichtig.«

»Ich auch!«, rief sie fast gar feierlich.

»Du hast keine Brille.«

»Du auch nicht.«

»Ist irgendwie undufte?«

»Warum?«

»Bombastisch!«

»Echt?«

»Ja klar, ich hab meine daheim.«

»Vielmals um Entschuldigung!«, rief er wieder voller Bedauern, »ich wollte nicht sagen, dass du undufte wärst. Ich meine, manche Leute sagen das über Brillen, verstehst du?«

Sie lachte. »Du bist auch hier, um dir Lufters neues Buch zu holen?«

»Ja!«, rief er noch immer nervös, aber wieder etwas Stand gefasst. »Ich hoffe, es wird ein Knüller, wie der letzte. – «

Sie öffnete den Mund, doch bevor sie zu Wort kam, setzte er hinzu: »Einige sagen, der letzte Band war nicht so toff, aber ich fand ihn richtig dufte!«

»Ich fand den ›Jungeinsteiger‹ auch nicht so den Oberbrüller, aber auch nicht grade bescheuert, vielleicht so dazwischen.«

»Vielleicht wird der Neue ja besser! Die Vorschau war es jedenfalls.«

»Warten wir’s ab!«, sagte sie hysterisch, die Freude war in ihrem ganzen Gesicht zu sehen. An den Augenbrauen, sogar am Kinn und den Ohren. Gleich darauf, voll und ganz unerwartet, steckte sie sich eine Zigarette an. Jamie zog eine Augenbraue hoch.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte sie dann nach einer Weile.

»Ich?«

»Ne, der da hinten!«

» - James, aber nenn mich bitte Jamie!«

»Jamie? – Klingt exotisch … «

»Ja, habe amerikanische Vorfahren«, und als ob er schnell vom Thema ablenken wollte, ergriff er die Gelegenheit und fragte nach ihrem Namen.

»Eda! Aber nenn mich Eda!«

Sein Lächeln war nun zum Dauerzustand geworden und ihr ironisches Grinsen ebenso.

»Eda, schöner Name.« – Kurz, prägnant.

Als hätte sie das Kompliment nicht gehört, schaute sie zum Kirchturm und hauchte den Rauch zur Seite weg. Dann schaute sie ihn an und er konnte ihr einen Moment in die Augen sehen. Sie strahlten Stärke, Lebensfreude, aber doch etwas Zartes aus, als würde sie etwas überspielen. Er verliebte sich in sie und zwar ab genau diesem Zeitpunkt. Sein Herz begann höher zu schlagen. Sie gluckste.

»Was?«

»Nichts, nichts«, beschwichtigte sie. »Aber sprich, warum so spät? Du könntest bis morgen warten.«

Jamie verstand: Eine Frage, auf die genau die gleiche Gegenfrage folgen könnte.

»Na ja, ich bin Bibliothekar und habe mir das Buchbinden beigebracht. Ich liebe Dürrenmatt und Kafka, liebend gerne auch Hemingway, wenn ich mal wenig Zeit habe und Arthur Conan Doyle. Von der Dramatik her gerne auch Shakespeare und Schiller, aber ich mag seinen Schreibstil nicht. Und – «

»Wir leben auch nicht mehr im achtzehnten Jahrhundert«, sagte sie mit hochgezogener Augenbraue.

»Genau! – Na ja; und Lufter erinnert so sehr an Sherlock Holmes und seine Polizisten so sehr an Dürrenmatts Bärlach und so weiter. Bad Cop, müsste ich jetzt von meinen Wurzeln her sagen. – Do you understand?«

Sie nickte, dann zog sie an ihrer Zigarette.

»Und du? Warum bist du so spät noch hergekommen?«

»Na ja«, begann sie, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet. »Ich arbeite in einem Lektorat und muss einfach einen Sinn für gute Literatur haben.« Sie zwinkerte ironisch.

»Seltsam, dass wir uns noch nie über den Weg gelaufen sind. Sag, wo kommst du her?«

»Willst du jetzt backfischen?«

»Nein, nein!«, verteidigte er sich sofort und hob abermals unschuldig die Hände. »Also ich komme aus dem Dorf neben dem Städtchen.«

»A, da fahre ich immer durch zur Arbeit.«

»Echt? Warum haben wir uns dann nie getroffen?«

»Weil ich nur durchfahre«, neckte sie ihn und legte den Kopf schief.

»Ja, natürlich, ich Dummkopf!«

Gerne würde er mehr erfahren, doch wollte er nicht aufdringlich werden.

»Andere Frage: Beatles oder Rolling Stones?«

Eda gluckste. »Rolling Stones?!«, und sie tippte sich auf ihr unteres Augenlid. »Und du?«

Er grinste verschmitzt und schwieg; sie verstand. Ein Wunder! Seine Gestik mochten einige nicht recht deuten. Danach folgte wieder eine kurze Pause, wieder warf sie einen Blick dem Kirchturm zu. Er tat es ihr gleich. Es war nun wenige Augenblicke vor zwölf.

»Warum auch immer es uns bei diesem Wetter hierher verschlagen hat.«

»Also ich liebe den Herbst!«

»Warum?«, fragte er entsetzt. »Er ist nass, kalt, ekelhaft! Ein schlechter Tausch zum schönen Sommer.«

»Bäh!«, erwiderte sie ebenso entsetzt. »Was hast du gegen den Herbst? Der hat auch Gefühle! Im Herbst, da wird alles ein wenig ruhiger und es sind weniger Leute auf den Straßen und in den Parks. Man hat viel mehr seine Ruhe. – Stille … «

Er runzelte nachdenklich die Stirn.

»Wenn der Regen an die Scheibe prasselt, der Wind um die Ecke pfeift, du neben der Heizung sitzt und ein Manuskript liest, wenn es innen warm und kuschelig ist … « Ihr Blick senkte sich verträumt zu Boden. Schlagartig drehte sie sich zur Seite.

»Entschuldige!«

Doch es hatte ihm einen Moment die Sprache verschlagen. Einen Moment lang konnte er keine Antwort geben und auch nicht ihre Entschuldigung beschwichtigen. Schließlich sagte er: »Wow! Das ist eine wunderschöne Beschreibung vom Herbst. Ich habe das so noch nie betrachtet. Wirklich wow. Man merkt, dass du viele Bücher liest. Worauf richtet sich Euer Verlag denn?«

Sie war ein paar Schritte weggetreten, dann wollte sie eine Antwort geben, doch der Kirchturm läutete und das Gespräch wurde unterbrochen. Sie schaute kurz auf. Mit ihren verträumten Augen war sie ein glatter Kontrast zu gerade eben noch.

Nein, dachte er, noch einen Moment. Verdammte Uhr!

Die Ladentür klickte und die Masse drängte es hinein. Außer Jamie. Paralysiert dachte er nach und ging erst als Letzter hinein. Es sollte sich als Fehler herausstellen, wie er bald erfahren würde. So nahm er sich gediegen ein besonders schönes Exemplar vom Stapel und strich liebkosend über den Einband. Danach stellte er sich hinter die Reihe und hielt die Augen nach der jungen Frau offen, doch er sah sie nicht. War sie schon gegangen? Nein, so schnell konnte sie unmöglich bezahlt haben und gegangen sein. Er drehte sich um, versuchte hinauszuschauen, um sie zufällig dabei zu erhaschen, wie sie das schmale Gässchen zurückging, doch sie war weit und breit nicht zu sehen. Eiligst stand er auf der Stelle, tänzelte beinahe, um endlich an die Kasse zu kommen. Sollte er das Buch zur Seite legen und morgen, beziehungsweise heute nach der Arbeit wiederkommen? Noch einmal schaute er sich um. Sie war weg! Er sah sie einfach nirgendwo. Als schließlich nur noch vier Leute vor ihm waren, der Laden sonst wie leergefegt war, stellte er fest, dass sie bereits gegangen war. Der Moment war ein Schreck. Derweil kannte er sie nicht einmal, wusste nicht, wo sie wohnte, wusste nicht, wie sie weiter hieß und doch hatte er kurzerhand Gefühle für sie entwickelt. Wie? Er kannte sie ja nicht einmal! War er denn verrückt geworden, war er vollkommen bescheuert? So redete er sich ein, es läge daran, dass er noch nie eine solche Frau getroffen hatte, mit der er sich so schnell, so rasch, so gut verstanden hatte. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr; denn sie war fort.

Er stand am Gleis. Das Buch in einer kleinen Papiertüte in seiner Hand. Der Regen war stärker geworden und das Buch samt Tüte bereits durchnässt. Er war zum Bahnhof gesprintet, denn es war ein kleines Stück zum Laufen. Mürrisch stand er da, gleichgültig, ob er jetzt nass war oder nicht, gleichgültig, ob er den Roman hatte oder nicht. Er hatte nicht nur das Mädchen aus den Augen verloren, sondern durch seine Trödelei auch noch den letzten Zug verpasst.

Von hier aus war es über eine Stunde, wenn Jamie zu Fuß unterwegs war. Der nächste Zug kam erst morgen. Also blieb ihm nichts anderes übrig. Also seufzte er kurz und ließ die Schultern hängen, dann machte er sich auf den Weg. Würde ein Auto vorbeifahren, würde er auf Anhalter machen, doch es war bereits spät und die Straßen wie leergefegt. Dennoch, er war kaum eine Minute unterwegs, hörte er hinter sich Motorengeräusche. Er wandte sich kurz um, streckte den Daumen aus und da sauste ein silberner VW Käfer im Affenzahn an ihm vorbei; und genauso rasch wie er gefahren war, hatte er angehalten. Es ertönte ein Geräusch, als hätte man mit aller Gewalt bei siebzig Stundenkilometern die Handbremse gezogen. Stutzig blieb er stehen und betrachtete, wie der Käfer einige Meter vor ihm zum Stillstand kam. Wollte man ihn nun umbringen oder was sollte das? Doch als wäre es noch nicht genug gewesen, begann die Karre rückwärtszufahren. Panik machte sich in ihm breit; was zum Teufel ging hier vor?

»Glaubste an Liebe auf den ersten Blick?«, rief der Fahrer aus dem halboffenen Fenster, »oder soll ich noch mal vorbeifahren?«

Verdutzt, bereits zum Vollsprint angesetzt, schaute Jamie zu seiner Rechten und sah da in der Korosse die junge Frau von vorhin. Es war Eda!

»Haste nicht gesehen! Nöch?«, rief er voller Überraschung. Das Grinsen so breit, dass es einmal um seinen Kopf gegangen wäre, wenn keine Ohren im Wege gestanden hätten.

»Du machst ja alles nass hier drin!«, schrie sie ihn an, als er pitschnass in den Wagen stieg.

Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Soll ich wieder raus? Wird ein Gewaltmarsch nach Haus!«

»Ne, lass mal! Steig ein!«

Jamie tat es so. Ihr frecher Blick entging ihm nicht, als sie ihn neugierig beobachtete. Wie hatte er dieses ironische Grinsen vermisst!

»Bus verpasst?«

»Nö, aber Zuch!«

»Pech gehabt, würd ich mal sagen«, lachte sie heiter, »aber ich bring dich nach Haus.«

Er zuckte mit den Schultern, legte sich den Gurt um, als sie bereits Vollgas gab, den ersten Gang voll ausfuhr und dann gleich in den dritten schaltete. Jamie schluckte bitter. Wäre er besser gelaufen? Nein! Einfach nein! Die Begegnung, diese Begegnung konnte kein Zufall sein. Er musste Eda unbedingt wiedersehen. Er musste sie unbedingt nach ihrer Telefonnummer fragen. Doch Jamie, so wie er in seinen frühen Zwanzigern noch war, bekam die ganze Fahrt kein Wort heraus, nicht mehr als Navigationsanweisungen. Wenn er jetzt nicht tod-langweilig für sie geworden war, wusste er es auch nicht besser.

Sie war es, die für einen Moment die Stille unterbrach:

»Was guckst du jetzt so erwartungsvoll?«

Er zeigte mit dem Finger auf seine Brust. »Ich bin froh, dass ich nicht laufen muss.« Gleich darauf biss er sich auf die Zunge. Noch fünf Minuten, noch um diese Ecke und die Kreuzung, noch dort in diese Straße einbiegen und sie waren da.

»Du kannst mich hier rauslassen. Ist nämlich eine Einbahnstraße.«

Sie bremste scharf und der Wagen kam zum Halten. Dann saßen sie einen Moment lang reglos da. Allein das Licht des Armaturenbretts und ein paar Straßenlaternen spendeten Licht. Im Augenwinkel wagte er einen letzten Blick. Eda trug noch immer ihre gelbe Regenjacke, doch sie hatte während der Fahrt ihre Kapuze unten. Ihr braunes Haar hatte ein paar unbändige Wellen, ihre schlanken Hände ruhten auf dem Lenkrad.

»Die Türklinke ist rechts von dir … «

Erschreckt über ihren Tonfall, verschlug es ihm das Wort, bevor er mehr sagen als nur Luft holen konnte. Kurz war er wie versteinert, dann regte er sich wieder, drückte die Türklinke herunter und stieg aus. Der Regen erinnerte ihn gleich wieder daran, wie sehr er den Herbst und Oktober hasste. Doch bevor er die Tür zustieß, brachte er es über sich: »Werden wir uns wiedersehen?«

Einen Moment lang schien sie nachzudenken, dann öffnete sie das Handschuhfach und kramte in der offen gelegten Unordnung herum.

»Da arbeite ich!«, sagte sie und reichte ihm eine Visitenkarte.

Jamie, der sein Glück nicht fassen konnte, stand sprachlos da. Dann wollte er der Tür einen kräftigen Stoß geben, als er noch sagte: »Warum haben wir uns nicht früher getroffen?«

øøø

Zwei

Ein erstauntes Jubeln brach aus, als Jamie nach langer Zeit wieder den Pub betrat. Dabei konnte er es selbst kaum glauben. Mit einem kurzen, verschlafenen Wink ging er an den neugierigen Blicken vorüber und setzte sich zu Francis an die Bar. Er stützte sein Gesicht zwischen seine Unterarme.

»Dass man dich auch mal wieder sieht!«, sagte der Wirt, während er ausdruckslos ein Bierglas wischte.

»Ich hatte viel um die Ohren, Henry.«

»Haben wir das nicht alle?«

Francis unterbrach die beiden, klopfte Jamie auf die Schulter und hob die Hand. »Henry, zwei Köstritzer für uns!«

Jamie warf seinem Freund einen nachdenklichen Blick zu, dann schaute er wieder ins Leere. Zurückgerissen wurde er, als Henry die Biere auf den Tisch stellte.

»Du, Henry?«

»Ja, James.«

»Nenn mich nicht so!«, fuhr er ihn feurig an.

»Ja gut, dann halt Jamie.«

Voller Zufriedenheit wirkte er, als hätte er Henrys Ausrutscher bereits wieder vergessen. »Aber du kennst nicht zufällig irgendwen, der mein Haus kaufen will?«

»Warum auch das jetzt?«

»Muss es verkaufen.« Ihm entging nicht, wie Francis sich angestrengt die Nasenwurzel rieb, doch wenn dieser glaubte, er könne einfach so abschalten und gemütlich ein Bier trinken, täuschte Francis sich.

»Hatte vorhin Besuch von Grönnfeld – «

»Wieder?«

»Ja, wieder! – Und ich muss verkaufen. Es geht jetzt nicht mehr anders … Fast schon ein Wunder, dass er mir nirgends den Kuckuck draufgesetzt hat.«

»Ach du Scheiße«, brummte Henry, »das darf doch nicht wahr sein.«

»Doch, ist es … leider.«

»Ich kann mich gerne für dich umhören, aber nichts versprech– « Francis fiel ihm ins Wort. »Diese alte Nazisau, nicht wahr?«

Henry wie Jamie schauten verdutzt Francis an.

»Ich versteh nicht, warum man so was heute noch auf die Bevölkerung loslässt, echt mal!«

Henry schnaubte. »Von dem Volk, durch das Volk und für das Volk.«

»Welches Volk? Zitier mir nicht Lincoln und sprich mit mir über das Pfänden. Den Kuckuck gab es schon im wilhelminischen Kaiserreich. Eine von vielen Erfindungen, die die Zeit überdauert haben.«

»Früher warst du noch links eingestellt.«

»Ich war nie links eingestellt!«, protestierte er.

Jamie und Henry warfen sich einen verschmitzten Blick zu.

»Pro Mensch ist das Schlüsselwort; – links! Pah!«

»Soll ich dir Lessing zitieren?«, schlug Jamie amüsiert vor. Francis zog verdutzt die Augenbraue hoch.

»Und wer sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, hält ohne es selbst zu wissen, doch nur seiner die Stange!«

»Dann sei‘s drum«, spöttelte er. »Früher haben wir uns über solches Geschwätz in der Politik aufgeregt und heute führen wir die gleichen Gespräche, und zwar Eins zu Eins.«

»Wenn irgendjemand von diesen Knalltüten«, erklärte er, »einmal Lessing oder dergleichen zitieren würde, wäre ausnahmsweise mal Gehalt in den heutigen Talkshows, stattdessen quatscht man sich ins Wort und verwirrt damit den Zuschauer.«

»Hast recht!«, bekräftigte Francis, nahm einen kräftigen Schluck Schwarzbier und strich sich die Haare seiner Vokuhila-Frisur von der Stirn.

»Zum Glück sind wir weiser geworden«, sagte er dann, zupfte sich an den Schläfen und stockte. »Aber da fällt mir gerade auf, du hast die letzten fünfzehn Minuten mehr gesprochen als die letzten fünfzehn Wochen. War es doch gut, mal wieder mit deinem alten Freund etwas zu trinken?« Er klopfte ihm auf die Schulter, um ihm zu zeigen, es nicht sarkastisch zu meinen.

»Vielleicht hast du recht«, stellte er nachdenklich fest. »Trotzdem: Frustsaufen funktioniert bei mir nicht, da werde ich bekanntlich noch frustrierter und sprech dann gar nichts mehr. Du kennst mich ja.«

Rasch schob Francis das Bier zur Seite und wandte sich an Henry: »Dann schenk ihm eine Limo ein, geht auf mich!«

Dieser warf Jamie einen kurzen Blick zu, als hielte er es für möglich, dass der Scherz sogar ernst gemeint sein konnte.

»Lass mal!«, lehnte er ab und nahm das Bier zurück. »Man will ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen.«

»Ist recht so«, bekräftigte Francis und nahm einen weiteren Schluck. »Und wegen deinem Haus – «

Unmittelbar wurde ihm wieder übel und sein sanftes Lächeln schwand.

»Ich werd mich da mal demnächst dahinter klemmen und schauen, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, irgendein kleines Gesetzchen, das dir noch den Arsch retten kann.«

»Nichts kann mir den Arsch retten, versteh’s doch!«

»Haben wir nicht gerade beschlossen, den Teufel nicht an die Wand zu malen, Jamie?«

»Nein wirklich!«, sprach er wieder etwas ruhiger. »Das bringt nichts. Mach dir nicht die Mühe!«

»Jamie, wir kennen uns jetzt seit der Grundschule und da werde ich dir helfen, wo ich kann. – Da guck! Selbst Henry hilft dir und hört sich für dich um.« Er schaute zu Henry, welcher entschlossen zurücknickte. »Wa-rum sollte das umsonst sein? Man kann es einfach mal probieren.«

»Ich weiß ja, aber mach mir keine falschen Hoffnungen. Du hattest in deinen zig Berufen oft irgendetwas mit Recht zu tun, aber ohne einen Anwalt läuft da eh nichts und den kann ich mir nicht leisten.« Er nahm einen Schluck Bier. »Ich vertraue dir ja, ich weiß, dass du es ernst meinst, aber egal, wie kompetent und hilfsbereit du auch bist, kannst du mich nicht vor Gericht vertreten. Das können selbst die besten Anwälte nicht, wenn es um den Staat als solchen geht. Die lehnen solche Fälle doch strikt ab, wie du mir schon gesagt hast.«

»Du hast ja Recht, Jamie, aber wenn es etwas Offensichtliches gäbe, das man gleich tun kann, wenigstens das Ganze etwas hinauszögern, dann hast du etwas mehr Zeit.«

»Noch länger rauszögern?«

»Zumindest, bis du das Haus verkauft hast.«

»Und wer will das kaufen?«

»Im schlimmsten Fall kannst du die Stadt fragen, ob sie es will.«

»Für ein Fünftel des Preises? Das Haus war so schon alt und dank der Renovierungen ist es jetzt mindestens das Doppelte wert; was heißen soll zweihundert Mark.«

»Wir kennen uns schon so lange, altes Haus!«, sprach er und klopfte ihm erneut auf den Rücken. »Also werde ich dir beistehen, dass du dein Haus entweder nicht verkaufen musst oder einen guten Käufer findest.«

»Werd nüchtern!«

»Wenn das Erste nicht klappt, dann kann ich immer noch meine alten Kontakte einschalten, die dir dabei helfen, einen fairen Preis rauszuschlagen.«

»Das stimmt natürlich!«, nickte Jamie. »Das ist der Vorteil, wenn du in deinem Leben schon in vielen Branchen gearbeitet hast. – Trotzdem. Ich weiß nicht mal, ob ich von dem Geld meine Schulden ganz begleichen kann. Was wäre ein fairer Preis für dich als Ex-Fachmann?« Er schaute ihn verheißungsvoll an.

»Puh, schwer zu sagen!«, pustete er. »Ich müsste es genauer unter die Lupe nehmen.«

»Einfach mal grob über die Schulter geschätzt, so Pi mal Daumen.«

Nach kurzer Überlegung: »Fünfzehn Tausend, vielleicht sechzehn.«

»Was?«, schrie er entsetzt auf. »Da hat ja Grönnfeld mehr geschätzt!«

»Echt jetzt?«, hakte er erschreckt nach. Jamie wartete darauf, dass Francis dazu sagte, Grönnfeld könne auch keine Ahnung haben, aber dieses hielt er zurück, um ihn zu schonen. Stattdessen: »Das war ja auch nur eine Schätzung. Wie gesagt, ich muss es genauer unter die Lupe nehmen.«

»Dabei meinte er«, fügte er hinzu, »dass da im Eck Schimmel wachse.«

»Schimmel?«, rief Henry auf.

»Stimmt aber nicht. Hab extra noch mal geguckt, der wollte mir einen Streich spielen.«

»Arschloch!«, rief Francis erregt aus. Dann nahm er einen weiteren Schluck Bier. Jamie tat es ihm gleich. Bald spürte er, dass der Alkohol zu wirken begann und bekam das Bedürfnis Paul McCartney in einer Karaoke zu singen.

»Yesterday!«, stammelte er.

»Wie bitte?«

»Yesterday!«, wiederholte er ohne Gesang und schaute ihm in die Augen. »All the troubles seem so far away – The Beatles, do you know?«

Francis schnaubte amüsiert. Lächelnd klopfte er ihm erneut auf die Schulter.

»Ehrlich, bin ich froh, dass ich dich hab.«

»Ich dich auch, Frank!«, und er schaute schläfrig in die Leere.

Henry meldete sich zu Wort. »Also wenn ihr beide romantisch werden wollt, dann bitte draußen oder auf dem Klo, ja?«

Frank lachte, Jamie schmunzelte, dann leerte er sein Bier und sprach: »Ich kotz jetzt in irgend‘ne Mülltonne und leg mich danach schlafen.«

øøø

Jamie hätte nicht geglaubt, dass er Eda jemals wiedersehen würde. Inzwischen waren sechs Monate vergangen, seit sich die beiden in der verheißungsvollen Nacht getroffen hatten. Er hatte geflucht, als er am Tag darauf feststellen musste, dass er das Kärtchen verloren hatte. Er wollte es erst nicht glauben, hatte seine ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und als er einsah, das Kärtchen verloren zu haben, hatte er die Straße entlang gesucht, war jeden Schritt noch einmal abgegangen und das Ganze auf und ab. Doch am Abend darauf, Jamie war inzwischen zur Arbeit gegangen, war es bereits zu spät. Der Wind musste das kleine Stück Papier fortgeweht haben. Im Gegensatz zum Sommer war der Wind im Herbst nicht zu bändigen, denn wenn es einmal im Sommer stürmte, war es während eines Gewitters; und derlei gab es nicht so viele in diesen drei Monaten. Doch ließ er den Rückschlag nicht auf sich sitzen. Einen Menschen wie sie würde er kein zweites Mal finden. Überdies wollte er seiner Dusselei diesen Triumph nicht gönnen. Also begann er damit sich etliche Telefonbücher zuzulegen, sogar die dicksten Wälzer, die er je gesehen hatte, um jegliche Verlage in der Umgebung ausfindig zu machen. Doch fündig wurde er nicht. Ebenso erfolglos war der Versuch, sich umzuhören. Sowohl das örtliche Postamt als auch das Rathaus in Stadt und Städtchen konnten ihm keine Auskunft geben. Leider waren Verlage kein zu eingängies Gewerbe, von dem man rasch eine Liste zusammentragen konnte wie nahe gelegene Kneipen oder Diskotheken. Ebendiese Antwort gab ihm auch Francis, als er ihn fragte.

»Bei Pubs könnte ich dir ja behilflich sein, aber Verlage? – Nö, wozu suchst du überhaupt nach einem? Schreibst du seit Neustem ein Buch? Probier’s doch mal mit Selbstveröffentlichung oder einer Agentur!«

Der Vorschlag war ebenso einfältig wie genial. Eine Agentur bestand aus Kontaktmännern, die Verbindungen zu verschiedensten Personen und Verlagen hatten, aber das Problem war offensichtlich: Wie sollte er eine Agentur ausfindig machen, wenn er nicht einmal zwei Verlage ausfindig machen konnte? Die Antwort auf sein Problem kam ihm eines Nachts, woraufhin er sich wütend an die Stirn fasste. Warum war er da nicht gleich draufgekommen? Er brauchte nur in den Buchladen in der Nachbarstadt zu gehen und würde eine lange Liste bekommen. Also ging er gleich am nächsten Tag bei Feierabend in den Buchladen. Seit dieser Nacht war er nicht mehr hier gewesen und das Gelände mit der nahe gelegenen Kirche weckten in ihm Erinnerungen; die Sehnsucht wurde stärker.

Doch die vielen Verlage, die ihm nun vorlagen, waren unmöglich zu sortieren. Woher kamen die einzelnen Verleger? Wo hatten sie ihre Sitze? Ordnung musste her, also nahm er sich beim Heimweg noch eine Landkarte mit, auf der er alle möglichen und denkbaren Fahrtrouten einzeichnete. Alle Strecken verliefen durch sein Dorf, doch die Möglichkeiten waren mannigfaltig. Er wusste ja nicht einmal, von wo aus sie denn jeden Morgen losfuhr noch wo sie denn überhaupt wohnte. Vielleicht fuhr sie ja eine ganze Stunde? Sollte er nun jeden Verlag anfahren? Dabei hatte er nicht einmal ein Auto!

Wieder dachte er an den silber-grauen Käfer und wieder wurde ihm fast gar schwindelig von ihrem Fahrstil. Gerne würde er wieder neben ihr sitzen und das Gefühl ertragen, wenn der Käfer sich in die Ecke legte und bei Vollgas auf den Vorderreifen den Kontakt zur Fahrbahn verlor, nur um wieder bei ihr zu sein –

Am nächsten Morgen ging er schon in der Mittagspause zurück zum Buchladen.

»Können Sie mir helfen?«, fragte er das Fräulein an der Kasse.

»Natürlich. Was suchen Sie?«

»Nun ja, einen gewissen Verlag in der Nähe.«

Sie schaute schräg nach oben. »Ok?«

»Ich suche eine Person.«

Die Verkäuferin stutzte.

»Wissen Sie, ich weiß nur, dass sie in einem Verlag hier in der Umgebung arbeitet. Mehr weiß ich nicht.«

»Ich glaube, ich verstehe«, nickte das Fräulein. »Warten Sie einen Moment.«

Es breitete sich ein gutes Gefühl in seinem Inneren aus. Sicherlich würde sie gleich mit einem dicken Ordner zurückkommen und ihm bei seiner Suche weiterhelfen. Er täuschte sich. Zwar kam sie nach wenigen Minuten zurück, doch mit einer schlechten Nachricht: »Entschuldigen Sie, aber ich darf Ihnen keine Auskunft über unsere Geschäftspartner geben.«

Jamie ließ die Schultern sinken. Sein Lächeln war geradezu kollabiert.

»Können Sie mir nicht einfach sagen, welche Verlage hier in der Umgebung sind?«

Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Es tut mir Leid, aber das liefe auf dasselbe hinaus.

»Vielen Dank!«, verabschiedete er sich enttäuscht und wandte sich ab. Auch die Verlage auf den Büchern würden ihn nicht weiterbringen; denn schließlich wusste er dann immer noch nicht, wo er suchen musste. –

Die nächsten Wochen verbrachte er damit, Eda aus dem Kopf zu bekommen, doch vergeblich. Als er dachte, endlich frei von ihr zu sein, träumte er von einem Wiedersehen bei Sonnenuntergang. Im Traum war es Herbst. Er ging durch einen Wald. Das Knacken des Kiesweges unter seinen Füßen, dazu das Rascheln einiger Baumwipfel. Sie kam ihm aus der Ferne entgegen. Wie bei ihrem ersten Treffen hatte er sie von Weitem her zu erspähen versucht und so wurde ihm bald klar, dass sie es war. Er war glücklich so glücklich über das Wiedersehen, dass er es nicht glauben konnte, nur geträumt zu haben, als am Morgen sein Radiowecker anging und ihn aus seinen Träumen riss.

Schließlich war es Frühling geworden und er hatte es geschafft einige Tage nicht mehr an sie zu denken, hatte anderen Frauen nachgeschaut, war sogar ausgegangen. Doch es war nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Es passte einfach nicht; denn keiner war wie sie. Einen Vergleich gab es nicht. Selbst die Freitagabende mit Francis in der Bar waren nicht erfüllend und die Anmerkungen unnötig. Sicher. Es gab so viele Frauen da draußen, doch nur eine Eda. – Und da war sie nun. Unerwartet auf einer Parkbank in der Stadt. Jamie hatte Mittagspause und wollte den Frühling genießen, wie nach einem sehr einsamen und kalten Winter endlich wieder die Sonne schien und ihm Kraft spendete. Beinahe wäre er an ihr vorbeigegangen, als er prompt Halt machte und sich umdrehte. Sie war es; sie musste es sein! Welch ein Glück, dass er sich nun eine Brille zugelegt hatte. Ohne sie, hätte er sich wohl nicht dazu überreden können. Sie saß da und las ein Buch. Ebenfalls eine Brille auf der Nase. Das Haar zu einem Pony geschnitten und am Hinterkopf sommerlich mit einem gelben Vlies zusammengebunden. Er traute seinen Augen nicht. Sie war es! Sie war es wirklich!

»Entschuldigung, aber kennen wir uns?«

Sie hob den Kopf von ihrem Buch. Ein Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit. Ein kleines, freches, ironisches Grinsen, das gleich zum freudigen Strahlen wurde.

»Jamie, richtig?«

Er nickte stolz.

»Wo warst du die ganze Zeit? Ich habe auf dich gewartet!«

»Ich«, stotterte er, »wollte dich seit sechs Monaten wieder sehen. Ich habe das Kärtchen im Regen verloren und … und … «

»Aber da bist du ja!«

»Wahnsinn, dass ich dich endlich wiedersehe!«

»Lass dich drücken!«, rief sie, ließ unachtsam das Buch zu Boden fallen und fiel ihm um den Hals.

Überrascht stolperte er einen Schritt zurück. Das kam unerwartet. Rasch beruhigte er sich wieder und schloss sie vorsichtig in den Arm. Zum ersten Mal roch er ihren Duft und war sofort wie weggetreten. –

»Doch wie kommt es, dass wir uns ausgerechnet hier begegnen?«

»Ich weiß es nicht, aber da bist du jetzt!«

Einen Moment schauten sie einander an. Ihr verschmitztes Lächeln, ihre rebellischen, durchgeisteten Augen, das unvergessliche Lächeln, ihr Haar und ihre Kleidung. Sie trug einen dunkelgrauen Rock bis zu den Knöcheln, dazu ein gelbes Hemd und darunter eine weiße Bluse. Jamie schaute an sich hinunter. Er trug wie immer eine Tweed-Hose, dazu ein weißes Hemd und heute ausnahmsweise keine Schiebermütze.

»Unglaublich!«, betonte sie noch einmal. »Du bist hübscher geworden, Jamie.«

»Bin ich das?«, fragte er beschwichtigend, um seine Aufregung zu überspielen.

»Ja, du schaust irgendwie gesünder und selbstbewusster aus.«

Jamie zuckte mit den Schultern. »Das mag wohl am Frühling liegen … «

Es trat eine kurze Stille ein. Ihre Lippen formten sich ganz langsam zu einem verräterischen Grinsen.

»Was?«

»Eine kleine Spritztour in meinem Wagen?«, und sie nickte in Richtung der Straße.

Jamie schluckte verdattert. Er hatte vor einiger Zeit geschworen, er würde einmal ums Land auf dem Beifahrersitz ihres Käfers fahren, nur um sie einmal wieder sehen zu dürfen, doch jetzt wollte er trotzen.

»Ein Spaziergang durch den Park?«, schlug er stattdessen vor. »Ich begleite dich gerne zurück zur Arbeit.«

Doch sein Vorschlag setzte sich nicht durch. Stattdessen durfte er sich an den Beifahrersitz klammern und ihren noch turbulenteren Fahrstil auf der Schnellstraße auskosten, der, wie er befürchtet hatte, durch ihre Freude umso fataler war.

»Schon gut, schon gut!«, sagte sie und drückte ein Stück auf die Bremse. »Ich habe einfach gute Laune.«

Erleichtert atmete er aus, setzte sich wieder aufrecht hin und betrachtete sie im Profil. Eda hatte die Augen zu einem verführerischen Blick geschlossen, das Kinn vorgestreckt und wieder ihr ironisches Lächeln aufgesetzt. – Sie war es: die Eda, die er damals im Regen kennengelernt hatte!

»Was machst du eigentlich so?«, fragte er, während stimmungsvolle Rockmusik im Radio trällerte.

»Autofahren?«

»Hoffentlich nicht mit mir!«, schmunzelte er.

»Ach, so übel fahr ich doch gar nicht. – «

»Wenn du willst, schon.«

Unmittelbar wurde sie fuchsteufelswild und begann ein paar hektische Kurven zu fahren und kreuzte dabei nicht nur einmal die Gegenfahrbahn. Jamie wurde es derart schwindelig, dass er sie hilflos um Gnade bat. »Hör auf! Nein! Bitte! Lass das … «

Köstlich amüsiert begann sie zu lachen und fuhr wieder normal.

»Das kann ins Auge gehen!«

»Hat damals mein Fahrlehrer auch gesagt, als ich nach meiner allerersten Kurve das Lenkrad zurücksausen ließ.«

»Wo hast du deinen Führerschein überhaupt gemacht?«

»Auf der Straße.«

»Und bei welchem Versuch? Wie viele Tote?«

»Ach, nur ein Kind … dann eine alte Frau gestreift.«

Jamie begann zu lachen, sie tat es ihm gleich.

»Was ist mit dir? Hast du nie den Führerschein gemacht?«

Er schüttelte gleichgültig den Kopf. »Ich fahre mit dem Zug.«

»Du kannst ihn noch immer machen, ich kann dir dabei helfen!«

»Jetzt könnte ich es sogar«, erwiderte er ernsthaft.

»Warum nicht eher?«

»Kein Geld.«

»A!«, erwiderte sie. »Verstehe.«

Er unterbrach die kurze Stille. »Und du? Schon mal darüber nachgedacht, Bus und Bahn zu fahren?«

»Nope!«

»Warum?«

»Kommunistisches Verkehrsmittel.«

»Dein Ernst?«

Sie schwieg und grinste stattdessen. Jamie brach in tierisches Gelächter aus. Er musste so sehr lachen, dass es ihm das Wasser in die Augen trieb.

»Lange nicht mehr so gelacht, was?«

»Nein – wirk – lich – nicht!«, hechelte er nach Luft.

»Kein Ausflug in den Osten?«, fügte er dann hinzu.

»Kannste knicken!«

Danach, es dauerte nicht mehr lange und es kam eine Ausfahrt. Eda schaute vorschriftsmäßig in die Spiegel, machte einen Schulterblick, wechselte auf den Ausfädelungsstreifen, bremste auf eine angenehme Geschwindigkeit und fuhr elegant um die Kurve herum. Als sie wieder in der Stadt waren, fragte sie: »Wo kann ich dich absetzen?«

»Gleich da drüben!«, sagte er. »Ich lauf den Rest.«

»Geht in Ordnung.«

Alsdann wurde er wieder nervös, doch er hatte wirklich mehr Selbstbewusstsein erlangt. »Wann sehen wir uns wieder?«

»Morgen Abend?«

»Wo?«

»Im Pub am Hafenquai?«

Jamie runzelte die Stirn. Das war seine Stammkneipe. »Nein, eher nicht. Was hältst du von dem Pub im Städtchen?«

»Du meinst in der Altstadt?«

»Ja, ist ja nicht weit vom Quai.«

»Kenn ich nicht.«

»Egal, ist ganz dufte dort.« Dabei war er selbst noch nie da gewesen, aber er wollte es nicht darauf anlegen, dass das Geschwätz ausbrach.

Sie schwieg und hielte am Straßenrand an.

»Was meinst du?«