Es wird durchgeblüht - Karl Foerster - E-Book

Es wird durchgeblüht E-Book

Karl Foerster

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Beschreibung

Es wird durchgeblüht – unter diesem Motto bringt Ihnen einer der bedeutendsten Staudengärtner und -züchter des frühen 20. Jahrhunderts seine einmaligen Erlebnisse und Landschafts- und Gartenschilderungen über alle Zeiten des Jahres nahe. Natur redet eine wunderbare Sprache – diese Sammlung von Naturbeschreibungen und philosophischen Betrachtungen offenbart Ihnen Karl Foerster als Gärtner und Poet. Seine Visionen bereichern die Gartenwelt bis heute und sind für jeden Naturliebhaber Inspiration und Freude.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Haupttitel

Karl Foerster

Es wird durchgeblüht

Thema mit Variationen

Werkausgabe

Haupttitel

Vorwort

Ungefeierte Einmaligkeiten in vertrauten Landschaften

Winterstunden, die ihr Wort gefunden

Wintergang bei Nacht

Winter vom Fels zum Meer

Winterliche Gartenschönheit

Vorfrühling

Kurz gedrängter Märzbericht

Schneeheide blüht in der Alpenwildnis

Frühlingsmahnung für alt und jung

Allerlei wundersame Bewegung im Gartenreich

Entfaltung

Melodie einer unvergessenen Reise

Bergwildnis und Steingarten

Die Welt der Stauden

Aufbruch und volle Fahrt

Taubenschlag im Garten

Die Welt wird blauer mit jedem Tag

Im Sommergarten

Schöner Wolkentag

Der Rittersporn blüht

Jenem Sommertag nicht zu vergessen

Neuer Lichtempfang im Garten

Landschaftsbilder in Schweden

Wetterseele weniger Tage

Schiffsstunden auf dem Lago Maggiore

Abendgespräch mit hellhörigen Blumen

Staudenasterngärtchen im Mondlicht

Ein kleines Kapitel Gartenhistorie

Gartenbilder der Erde

Gartenwinkel, Erdball und Weltgeschichte

Septembergang

Kleines Herbstsonnendrama im Senkgarten unterm Fenster

Spätherbst im Bornimer Wald

Im Fluge geschrieben

Herbstinneres

Mond über Welt und Landschaft

Herbstblattranke am Telefonfenster

Kleinstaudenschönheit ohne Ende

Baumschulbesuch im Nebel

Mitte November – norddeutsches Land

Novembergartenstunde

Schneerosenflor in Bergen und Gärten

Grüngoldenes Rätselspiel

Erinnerung an unsere Katze Mine

Gartengang im Advent

Geheimnisvolle Winterwelt

Stille Ortsgeister des Glücks

Impressum

Vorwort

Das vorliegende Buch ist das letzte, das Karl Foerster herausgegeben hat. Es erschien erstmals 1968 und bildet somit den Endpunkt einer langen Reihe von Publikationen. Der Gärtner aus Bornim hat sein Lebensthema, die Pflanzen und Stauden in den Gärten der Zukunft, vielfach variiert. Zuerst gab es die großen Werke, die das Sortiment mit wissenschaftlicher Akribie entfalteten und vielfach erweiterten. Dann die Bücher, die seinen Lieblingsthemen, wie der Farbe Blau, dem Garten im Wandel der Jahreszeiten und dem Steingarten, gewidmet waren. Und schließlich gab es da noch philosophisch-weltanschauliche Schriften, die uns seine Lebenseinstellung und seine Hoffnungen für eine gute und gerechte Zukunft näher bringen.

Ganz zuletzt nun diese Sammlung von Miniaturen, alte und neu geschriebene Texte vereinend, locker nach den Jahreszeiten sortiert, Gedanken scheinbar ohne festes Ziel aneinander gereiht. Etwas Freundliches, Alterweise-Mildes schwingt mit, wenn wir diese kurzen Geschichten lesen. Sie handeln von seinem Erleben der Natur, den Erlebnissen auf Reisen und natürlich vom Garten und seinen Pflanzen. Oft romantisch verklärt, dann wieder mit einem Augenzwinkern. Manche schon in die Ferne schweifend, andere dann wieder sehr konkret und präsent.

Es ist ein sehr persönliches Buch und seine Person rückt uns auf eine angenehme Weise beim Lesen immer näher. Er greift tief in seine Erinnerungen zurück und so erfahren wir über wichtige Begegnungen und Stationen aus seiner Biographie. Sie sind mit viel Selbstironie geschrieben, mit einer Leichtigkeit, die man bei seinen anderen Büchern mitunter vermisst – es wirkt, als sei seine Mission schon erfüllt und er könnte jetzt freundlich mit kritischer Distanz darüber räsonieren. Wobei er eine wirkliche Distanz natürlich nie aufkommen lässt – viel zu stark ist er emotional mit seiner Umwelt verbunden. Immer wieder lädt er uns ein, seine Begeisterung über Landschaften, Natur und Pflanzen zu teilen. Und auch Menschen und sogar Tiere (so zum Beispiel das Eselgespann „Tristan und Isolde“ oder das Pferd „Charlotte“) kommen durchaus in seinen Geschichten vor. Man lernt verstehen, was Karl Foerster zu dem gemacht hat, was er heute ist.

Oft sind es also Geschichten, bei denen man empathisch innerlich zu schmunzeln beginnt. Andere lassen sich auch heute noch nacherleben. Wie für Foerster ist auch für mich der Gardasee ein Ort der Sehnsucht. Und obwohl ich die Fahrt über den Brenner hinunter ins Eisack- und dann ins Etschtal schon sehr oft unternommen habe, überkommt mich dabei immer noch eine innere Aufregung, ein freudiges Erwarten. Schließlich wartet am Ende der Reise ja auch das Land, „wo die Zitronen blühen“.

Foerster hat diese Reise im zeitigen Frühjahr unternommen. Die Schneeheide begleitet ihn dabei. Noch heute sieht man sie bereits im Inntal, wo sie im Unterwuchs der trockenen Kiefernwälder wächst, die dort die steilen Dolomitwände besiedeln. Sie findet sich auf der Passhöhe und selbst noch am Gardasee, wo es schon die ersten Olivenhaine gibt, gedeiht sie immer noch. Das was Foerster da schildert und auch einem anderen Fahrgast im Zug mitteilt („Ich machte einen Mitreisenden im Speisewagen auf dies alles aufmerksam“ – darauf der zu ihm „… Sie reden ja davon wie Foerster“) lässt sich daher immer noch erfahren. „Seltsam und rührend wirken Wildnisblumen in diesen Gegenden, in denen Weltgeschichte und Landschaftsgröße in raunendem Bunde stehen“. Wahrscheinlich würden wir uns heute etwas anders ausdrücken. Trotzdem ist das Buch aber noch heute als Reisebegleiter in äußere und innere Landschaften zu empfehlen.

Blumen und Gärten, Landschaften und Naturgenuss – alles das liegt wieder im Trend. Vieles ist eine Spur zu laut und zu geschäftstüchtig geworden, sodass man sich mitunter schwer tut, es wirklich ernst zu nehmen. Trotzdem steckt auch dahinter eine Sehnsucht nach beglückenden Begegnungen. Karl Foerster gibt in diesem Buch seine Sicht auf die ihm wichtigen Dinge preis. Daher dürfte gerade eine Zeit, die die Achtsamkeit entdeckt hat, auch an den „Stillen Ortsgeistern des Glücks“ seine Freude haben.

Norbert Kühn, im Januar 2016

Ungefeierte Einmaligkeiten in vertrauten Landschaften

Ohne Mitteilung geht mir der feinste Gewinn des Lebens verloren, – und gerade in zartesten Dingen, wo man die Teilnahme am meisten braucht, ist sie am seltensten.Goethe

Wenn wir jahrzehntelang die gleiche schlichte Landschaft zwischen flachen Waldhügeln, Obstfeldern, Gärten und flußverbundenen Seen bewohnen, werden uns fort und fort einmalige Naturerlebnisse geschenkt – und ebenso auch in großartigen, oft wieder besuchten Meeres- und Gebirgslandschaften.

Diese unwiederholbaren Begegnisse, welche dem Zauber der Tages- und Jahreszeit in besonderen Wetterstimmungen und Beleuchtungen zugehören, gelten allen Bezirken der Landschaften und Gärten und reichen von der Zwergstaude bis zu den Sternen.

Einmal fangen farbige Steinrosenpolster einer Felsfuge in matter Wintersonne den Blick, oder schwarze Obstgeäste, die vor einem glutend blau und weißen Winterhimmel stehen; dann ist’s eine verschneite Dorfstraße in sonderbarem Mondfrieden – oder es ist der Anhauch einer großen Berg- oder Küstenlandschaft, der ein neuer Wettergeist das Wort löste. Immer sind es unerwartete Begegnisse, – in ihrer eigentlichen Abenteuerlichkeit dem Wort und Bild entrückt. Sie prägen oft Gipfelgefühle der Jahreszeiten und Landschaften. Ihre Einmaligkeiten aber durchwittern unser Leben mit unsterblichem Hauch, denn sie leben in uns weiter, durch Jahre und Jahrzehnte, – abgerückt von allem Ähnlichen.

Je mehr man erlebte, desto leichter und tiefer glaubt man Erinnerungen – am tiefsten aber, wenn der Baldachin des Erlebnisses nicht über uns allein, sondern über einer Zweisamkeit stand. Weißt du noch vor Wochen die verwunschene Septembermondnacht voll indischer Pracht über den märkischen Bäumen? Wer diese eine Nacht nicht sah, verlor Unwiederbringliches, – ohne Begriff des Verlustes.

Goldgelbe Blumen im Nachmittagssonnenglanz? Nein, Blumen welcher Art und Veredlung in was für einem Licht! Es stand da ein Goldgeleucht in magischem Rapport mit der Oktobersonne, wie nie gesehen.

Wir finden unsere Schauenskraft allgemach nicht nur empfänglicher, Einmaliges auch in täglichen Eindrücken zu gewahren, sondern locken immer mehr Erlebnisse solcher Art an uns heran, je mehr Natur und Kultur wir in unseren Lebensbereich ziehen.

Oft besuchen wir den Waldhügel über dem See, um von dort den Sonnenuntergang zu sehen. Es ist Fontanes Lieblingssee mit dem behaglichen Unendlichkeitsfrieden und den malerisch verworrenen Ufern: wer sie darstellen will, muß sie rings um ein Osterei malen.

Einst gipfelte der Zauber in einem matt durchglänzten Vorfrühlingsabend. Der Wettergeist versuchte später Nachahmungen, aber vergeblich, – denn in jedem Stückchen Himmel und Wasserspiegelung fehlte etwas von der lösenden Urweltmilde jenes einen Abends; es fehlte auch am Uferhorizont der große, dichte Vogelschwarm, der als dunkle Wolke in ständiger Gestaltverwandlung hin- und herwogte.

Über der Welt lagen gerade entspannende Stunden abklingender Kriegsdrohung. Fern auf dem Kanal, der am See vorüberfließt, tauchte ein herankommendes Schiff mit vielen roten Lichtern auf und schwamm wie die Botschaftsgondel einer Glücksnachricht in den Erlösungsabend hinein. Es schwand vorüber und ließ den Urweltabend mit sich allein, der andere Glücksbotschaft bereithielt.

Über manches kleine Landschaftsgefilde breiten sich uns Perlenketten solcher unvergessenen Naturerlebnisse, verschlungen in Schicksalsepisoden langer Jahrzehnte unseres Lebens.

Man liebt das Ganze hier wie aus halbverschollenen Traumsphären her und betritt mit gerührtem Staunen die Schwelle des feuchten, weltweiten kleinen Reiches. –

In dieser heimatlichen Landschaft, deren Geborgenheit kein Gedanke ausschöpft, wurde einst an lauem Märztag ein bläulicher, nebellösender Morgen gespendet.

Kleine Uferweidensträucher blühten schweflig oder blaßgolden, von Bienen umflogen. Die Seeflächen spielten schon verschwenderisch mit reinem Blau. Wasserfrische wehte heran, vom Frühlingsgeruch der Strandwiesen durchbadet. Ein Füllhorn wintererlöster Schönheit öffnete sich im Genesungslicht. In Steinbeeten des Forsthauses am Waldrand blühten Schneeheide, Krokus und Kissenprimeln, ein Dreigestirn aus den Alpen.

Der März waltete über fernen Uferbildern, die hier und dort aus dem Dunst stiegen und vor verwandlungsreichen vielgetönten Himmelsgründen standen. Zwei Schwäne lösten sich drüben aus bläulichen Nebelufergewirren wie Märchenjachten und hatten alsbald die weiten Wasserräume durchschwommen.

Nie wiederholte sich dort jene Morgenstimmung, doch sie bekam ein Geschwister im Karwendelgebirge. Die beiden Märzstunden reichten einander die Hände über das weite Land hinweg. Es war bewegend, jene sanften Gebärden des jungen Jahres nun auch über der Felsenwelt walten zu sehen und die weichen Klänge der Vorfrühlingsstunde von den riesigen Instrumenten gespielt zu hören. Am schneefreien Fels blühte schon Frühlingsheide, von Bienen entdeckt.

Zwischen den Bayerischen Alpen und der nahen großen Stadt gibt es zwei riesige Seen; der eine ist für die Erregung, der andere für die Stille.

Vorüber an tausend Märzbildern von unwahrscheinlich malerischer Schönheit fährt man durch waldige Uferstraßen dem See der Stille entgegen und auf jenes freundliche Gartengelände und Wäldchen zu, hinter dem plötzlich die ganze silberblaue Alpenkette sichtbar wird.

Das riesige, wohlbekannte Getümmel lag durch die ganzen Südhorizonte hin. Schneefelder stiegen gelbweiß aus dem Gedränge der Wände und Grate und wolkenumschleppten Gipfel. Alles war durchwirkt von Wolkenschatten und bläulichem Vorfrühlingshauch, der die walddunklen Sockel umwob.

Der Alpenwinter stand schon in Überreife, – wie Trauben in der Edelfäule. In der Glorie des festlichen Gewoges war alles gegenwärtig, was der Betrachter ein Dasein hindurch voll Schicksal und Glücksverhängnis dort oben mit Bergen erlebte, – von Kindheitszeiten her: fühlbar genug, um das ganze Leben aufzurollen und vor Bewegtheit fast auszulöschen. Schließlich blieb nur ein Hinüberstarren in das ferne Schwelgen und Schweigen der Berge und Wolken, – ein Verlorensein, das sich in einer Art seliger Geselligkeit all jenen übermächtigen Dingen hingab, – von Erde und Mensch fast abgetrennt. Ach, wie kennen wir diese Rückblicke hinauf zu den halb außerirdischen Gefilden, in denen noch liebe Menschen unsere Hand hielten. Es wird bis ans Ende aller Tage gehen. –

Die Wiesen um die Gärten standen voll weißer Märzbecher, dicht säumten sie einen gewundenen Bachlauf, der aus dem Waldrand hervortrat, alle Böden waren noch winterlich, die Wiesengräser graugelb, die Bäume kahl, die Fichten hoffnungsvoll, – Ackerfurchen tiefdunkel im Bogen geschwungen; sie reichten bis dicht an die Gärten. Ein Bauer pflügte, begleitet von einem zahmen Reh, am Hügelrand vor der Alpenkette hin, die aus den dunklen Schollen stieg. Im Gärtchen blühten Märzheide, Krokus, Primeln und Schneerosen.

Die Luft war voll Auferstehungshauch. Alle Amseln rings sangen ihren dunkelfreudigen Schmerzenssang, den niemand enträtseln kann. Die große Bergkette drüben hatte den langen Winter überstanden und hatte ihn wohl schon satt, obgleich er noch über ihr waltete. Die ganze Majestät der kristallenen Jahreszeit war da oben noch hingebreitet. Langsam sanken die Alpen in Dämmerblau. Vom Walde rückte eine schwarze Wetterwand heran mit bedrohlicher Gebärde, – die Wolken lösten sich auf, die ersten Gestirne funkelten sehr blank; letztes Amselgetön sang verhallend dem Tage einen Nachruf.

Die weißen Märchensegel der Schwäne im märkischen Seenebel lassen eine andere Fata Morgana aus dem Erinnerungsdämmer steigen: Über den riesigen Strandflächen einer Nordseeinsel brütete mittags eine Wüstenstimmung. Der kleine Menschentrupp, den man vor wenigen Minuten verließ, lag schon in ferner Abgründigkeit und Verlassenheit. Heiße Sonnenglut zitterte über allem, ferne Strandpfähle oder Reiter waren kaum zu unterscheiden, noch größere Weiten könnte das Auge nicht fassen. Vorn auf einer Landzunge in überweiter Ferne stand trotz der Mittagsstille eine weiße Brandung; der Weg war lang dorthin, doch plötzlich schon durchmessen. Die Brandung bestand aus drei Meeresschaumklößen, von sanften Wellen hin- und hergeschoben. –

Oft nach langen Regen- und Sturmzeiten, gleich ob in gewaltigster oder in stiller, umschränkter Landschaft, tauchen die Sankt-Elms-Feuer nicht wiederkehrender Naturerlebnisse am reichsten auf.

Auch der altvertrauten Heimatlandschaft mangelt nie die Phantasie, sich fort und fort mit fremdartigen Geschenken an uns zu versuchen.

Plötzlich entraffte die Natur sich des langen, grauen Sommerwetters und drang schnell durch unbekannte Verwandlungen. In der Wolkendecke brachen abends waagerecht verteilte goldene und blaue Risse auf, die gegen die Horizonte schmaler wurden und überall zwischen dunklen, weit verstreuten Obstbaumgruppen hindurchschimmerten.

Das war ein Vorspiel. Niemand ahnte, wozu es gehörte. All diese dramatischen Entfaltungen des Sommergeistes mit seinen Regiegeheimnissen und verschränkten Melodien halten uns alljährlich monatelang in leiser sommerlicher Wetterspannung, – ob wir nun am alten, gleichen Ort verbleiben oder in die Wetterwelt anderer Landschaften eintauchen, die veränderten Vorzeichen gehorcht.

Nach jenem müden Zwischenspiel des Abends führten eilige nächtliche Wetterkämpfe einen göttlich blauen, vogelumjauchzten Morgen herauf. Es lag eine Uranfänglichkeit über dem Tag. Das Blau lief vom Zenit über Giebel und Gartenwipfel bis zum fernen Hügelwaldrand und Horizont hinab durch eine Skala ungewohnter Stufungen. Man spürte beständig das Neubeseligende da oben. Schimmernde Gewölke wandelten durch ein Blau von südlicher Sattheit und einer Süße, die der Süden nicht hat. Sichere Erinnerung, diesem Nordhimmel nie begegnet zu sein. Taufrischester Neuanfang des Lebens, selige Amnestie für Gewesenes, die Welt wieder geschenkt, die Luft verwandelt, – alles blaute, blühte, lachte durch Haus und Garten hin.

Die großen blauen Rittersporne im Garten unter den Hausfenstern horchten hoch auf und gaben der Lichtbotschaft Antworten, die man der Blume und dem Licht nicht vergißt.

Am Nachmittag erging sich der Himmel in grandiosen Wolkenspielen und zeigte, wie geheim er doch vor unseren Augen eine Wolkenart in eine andere verwandeln kann.

Ein lichter Reigen von Lämmerwolken, Zirrus und anderen weißen Gestalten schwebte blendend in blauen Tiefen oder stand zartgrau auf schneeweiß ausgelegtem Grund breitflächiger Wolkenschleier; über rhythmisch hinlaufende blaue Lücken fegten sternhohe Zirrusadern fiedernd hinweg. Ein Wolkenwogengeschaukel graupelte mit blauen Rissen daneben.

Fallschirmgebilde ließen sich von Wolkenbänken herab, alles wurde erregender; andere schwer deutbare, verschwenderisch reiche Ornamente bedeckten schwelgend die halbe Himmelswölbung, die in warmem Blau glühte. Schon hatte sich ein weißes Sommergewölk zusammenballt wie flaches Brandungsgewoge. Es entstand aus langsam vergröberten Lämmerwolken und wurde zu großen, wachsenden Wolkenballen. Nun zogen unbegriffene Straßen durchs Ganze wie Spuren von Luftfahrzeugen und wurden zu weißen Bändern oder Wolkenrissen. Schwalbenflug schwang sich wiegend drunter hin wie unter verklärten Deckenmalereien einer Kirchenkuppel.

Solchen Tagen folgten maßlos schöne Nächte. Planeten standen hoch an der Himmelskuppel in einer Stellung, wie sie nicht jede Generation erlebt. Jupiter und Saturn waren da oben dicht beieinander. Man spürte das Niegesehene. Die Feierlichkeit fuhr zum Herzen, das der Weltstunde inne war.

Immer wieder glänzen am Nachthimmel ganzer Wochen Reigen der großen Wandelsterne auf, derer man jahrelang gedenkt, voller Hoffnung, ihnen wieder zu begegnen und den Rhythmus solcher Wiederkehr mit Gezeiten und Geschehnissen des Lebens zusammenklingen zu lassen. Vielleicht ist unserem Auge noch einmal der Anblick jener hohen Planeten-Versammlung bestimmt, die einst über dem Heimatgiebel unter Beistand der Milchstraße erglänzte. Der ganze Sternenhimmel hatte teil an der erregenden Festlichkeit, welche den Zenit erfüllte. Doch die Menschen der Tagesstunden schienen jener großen Herrlichkeit der Nacht kaum inne.

Auch den Naturvertrauten, der ein Leben jenseits der Städte verbrachte, überraschen Erlebnisse nächtlicher Himmelswelt anders als je zuvor. Plötzlich stehen über unserem Heimgange von spätem Fest in letzter Nachtstunde nie gesehene Himmelsgegenden voll großer, rätselhafter Sterne, dramatisch vom feierlichen Licht des aufgegangenen Viertelmondes durchschienen, der an ungewohntem Nordost-Himmel wandert. Unfaßlich schwebt da die Pracht der nahen und fernen Gestirne wie im Zauberglase eines Traumes. –

Dem Herzen und Gedächtnis vieler entsinkt schon vorzeitig, was lange noch dort thronen müßte. Unendliches bleibt unbesungen, – findet noch keine Wege der Nachfeier und Mitteilung. Die Sprache vermag zuweilen verschwebende Umrisse jener großen Einmaligkeiten zu fassen; oft aber entziehen sich auch diese dem Wort. Dennoch mag es nicht von seinen Mühen lassen, der Verbindung unseres Lebens mit dem Unnennbaren zu dienen, also auch dem Zueinander der Seelen.

Winterstunden, die ihr Wort gefunden

Bis in düstere Zeiten oder Stunden begleitet uns oft Glück, dem keine Worte folgen können, und Sorgen sind mit Vorfreuden umlagert.

In dunkler Winterabendstunde lockt hier ein kleiner Weg zum Gange zwischen Gärten, Feldern oder alten Obstgehölzen.

Wie traulich überwölben dichte Zweige den Gartenzaun am Weg, – man geht hier wie geschützt. Stamm und Astwerk kahler Bäume scheinen nachts aus schwarzem Sammet.

Wohin man blickt, gibt’s was zu freuen. Umschwiegenes Glück erwartet seine Worte. Hinter dieser Schneebeerhecke spürt man das weite nachbarliche Roggenfeld. Sein Wintergrün reicht unserem Auge Seelenbrot durch milde Winterzeiten bis zum Lerchensang des März, der aus den Roggennestern steigt.

Welche Glücksmassen umlagern uns – noch ungefeiert – und werden von anderen verschwenderisch umlagert. Die Heimatlandschaft bleibt die Stätte leiser oder tiefer Überraschung ohne Ende.

Oft denken wir: so lange hattest du dies in der Nähe, ohne es zu wissen. – Selbst auf altvertrauten Gängen oder Fahrten sehen wir, was wir so noch niemals sahen.

Der dunkle, winterliche Weg führt, wechselnd durch Laternenschein und Schatten, unter den entlaubten Bäumen hin. Die Wolken ließen Himmelsräume frei. Am Astgewirr des alten Birnbaums glänzen Sterne des Orion wie Lichterblüten des Gezweigs.

Die besten Obstgehölze haben oft sehr edle Wuchsgerüste. Wie liebt man hier an diesem alten Apfelbaum sein breitgespanntes Astwerk. Jüngst stand er leicht verschneit vor dämmerblauem Himmel und kupferrotem Vollmond.

Mit manchen kahlen Bäumen des weiten Obst- und Gartenlandes verbindet uns Freundschaft und Staunen durch Jahrzehnte. Wenn sie belaubt sind, hat die Winterfreundschaft eine Pause. An großen Badestranden erleben wir zuweilen herrlich gewachsene Menschen; wenn sie wieder Kleider tragen, spürt man oft nicht, was hier umhüllt ward.

Bis ins hohe Alter wächst die Aufgeschlossenheit für jeden Hauch der Freude, doch ebenso das Mitgefühl für Leiden nah und fern. Noch gehn wir hier auf Erden durch wilde Frühzeit dieses Menschenreiches; zu seiner wahren Sinn-Erfassung aber brauchen wir den feierlichen Glauben, daß dieser dunkle Sockel einst das Monument der höchsten Menschheitszukunft tragen wird, – ein Gipfelreich der göttlichen Entfaltung durch Äonen.

Was leicht zu glauben, ist kein Gegenstand des Glaubens. Warum denn unterhalb des höchsten Glaubens bleiben, dessen wir doch fähig sind?

Untrennbar voneinander bleibt der Glaube an die Bestimmung der Menschheit und der Menschenseele.

Das große Wort: Was du willst, daß man dir tue, das tue auch dem andern! bleibt immerdar der Spruch der Sprüche. Er wendet sich an härteste und schwerste wie auch an zarteste Bereiche, also auch an die Ritterlichkeit der Seele, der hier kein bloßes: „Du sollst“ zugerufen wird, sondern noch ein anderes: „Du solltest doch wohl“. Die kleine schwarze Katze geistert wieder um den alten Zaun, zutraulich, furchtlos, – undurchdringlich; sie denkt wohl ähnliches von uns. Das Sternbild des Großen Bären steht jetzt kopf. Die ungeheure Seltsamkeit und Präzision der Riesenweltenuhr weckt Staunen ohne Worte.

Ein kleiner Wärmehauch besiegte schon am nächsten Tage die eherne Gewalt des Winters und lockte aus der Abenddämmerung das erste, kaum geglaubte, tastende Getön des Amselsangs. Es schien aus gleicher Quelle vorzudringen wie mein tastendes Gesinge in der Winternacht.

Verwundert aber fragen nun im Garten winterliche Blumensieger, ob denn kein Wort an sie gerichtet werde, – an Zaubernuß und Winterling, an Goldjasmin und frühesten Adonis und an die Schneerose, die weiße Königin der langen Winterzeiten im tapferen Geleit der roten Winterheide.

Üppig quillt der Heidebusch an seinem Felsnachbarn empor, und beide, Fels und Blütenpflanze, scheinen im geheimen Bunde, – Abbild, Vorbild jener anderen gesegneten Verbündung der Zartheit mit der Festigkeit.

Wie gut, den Wald so nah zu haben im Tages- und im Jahreszeitenlauf!

Auch mit der Nacht und ihrem Wandel schließt das Auge neue Freundschaft. Man staunt beim Wandern im Winterdunkel alter Bäume, das von fernem Licht und leisem Dunst durchsponnen ist, wie das Auge diese feuchten Finsternisse und dunkel dröhnenden Baumgeister auftrinkt gleich einem Zustrom von Kraft und Beschwichtigung. Alles wird in einem großartigen Urbaß vorgetragen und ändert beim Weiterschreiten überraschend die Gestalt.

Finsternis nicht finster ist vor dir. Das innere Licht schließt Bündnisse mit düstrer Herrlichkeit, – lebt in gedämpftem Spiel mit diesen Geisterschwärzen.

Baumstümpfe einer freien Lichtung sind noch vom Wunderpilze Hallimasch bewachsen. Der Baum beschenkt noch jahrelang die Vernichter.

Am Morgen ist alles wieder dick verschneit. Die schneebedeckten Astgehänge scheinen nun viel dichter; die unteren sind von oben her beschattet. Jedem Baum und Strauch ward märchenschnell ein weißes Festkleid angetan, das alle Eigenarten überraschend feiert. Auch Gräserschopf und Farnkraut sind geschmückt, – kein Ende des Entzückens! Solche weißen Zaubereien meint man wie zum ersten Male zu erleben. Die schönste weiße Pracht entfalten Nadelhölzer, und ohne sie fehlt winterlichen Gärten wohl das Beste.

Alles wird uns immer neuer; auch ohne Schnee sind jene immergrünen Nachbarn für die winterkahlen Laubgehölze wie ein dunkler Rückhalt, – gleich ewigen Gedanken für wechselnde Gefühle.

Schneesturm aus Nordost war für den nächsten Morgen angesagt. Schon in der Frühe wird der Himmel finster. Hinter Schneegebälken alter Eichen steigt nun blauschwarz drohend eine Wetterwand empor, – läßt nur am untern Rand noch seligblaue Himmelslücken frei. Ein braunes Laubgezweig und Fichtengrün, willkommenes Gegenspiel der feierlichen Farben, führt jetzt das ganze Bild weit über sich hinaus zu einem großen Klang. Wir hören mit den Augen.

Der Klang erweckt die Neugier auf noch andere und unerlebte Weltmusik, die auf uns warten mag. –

Der Schneesturm trifft nicht ein, – hat anderen Weg genommen. Am späten Nachmittage lockert sich die Wolkendecke: goldrotes, noch gedämpftes Sonnenlicht scheint in die weißen Fichtentürme. Verschollner Zauber alter Winterzeiten steigt aus dem Anblick auf, verschmilzt das Heute mit dem Damals und weckt ein schwebendes, zeitloses Glücksgefühl der Jahreszeit.

Wintergang bei Nacht

Nie erschöpf' ich diese Wege,Nie ergründ' ich dieses Tal –Und die altbetretnen StegeRühren neu mich jedesmal.Uhland

Abends vor dem winterlichen Heimgang von der Stadt ins Dorf hinaus trat ich noch in ein Wirtshaus ein, das ich vor Zeiten wohl besuchte. Von allen Wänden, Bildern, Winkeln her drang aus jenen Jahren das Raunen halbvergessener Freudigkeiten, die schlafend auf die Zukunft warten. Und draußen auch in altvertrauten Weggeländen wohnt uns ein Flüstern und ein Fragen von Stimmen der vergangenen langen Lebenszeit, die nicht zur Ruhe kommen.

Der tausendmal gegangne Heimweg durch den Park und die Allee am See vorbei war neu und unerschöpft wie je. Von einem großen Stern begleitet, hob sich der volle Mond aus grünlich grauem Winterdunst. Schneelose Milde des leis durchglänzten Winterabends schien wie ein erstes Frühlingsvorspiel; ein feuchter, junger Duft umhauchte trotz Januar den Wanderer, der kaum in diesen Duft hineinzuatmen wagte. Die laubenthüllte Baumwelt rings schrieb ihre Winterornamente in sterndurchglänzte Lämmerwolken. Sie hüllt den Wandernden fast in Geborgenheiten, mit welchen die belaubte uns umgab.

Und wieder nun der Nachtigallenbaum am See, der Erleninsel gegenüber, in deren Ufereis die alte Wasserrosenpflanze schläft. Zuweilen blick ich lange auf den Weg vor mir und wittre bloß mit Augenwinkeln ins feuchte Spiel der halb erwachten Scheine und erwartungsvollen Schatten, das einen Zauber der Nacht wie aus versunknen Zeiten steigen läßt. Verschollnes Mondlicht gleitet wie Erbarmen über winterliche Erde hin. Entlaubte edle Baumgestalten stehn im Bund mit feierlichem Himmelsgrund. Ihr verschränktes Saitenspiel voll tiefgespannter Kraft rührt auch in uns geheime Spannkraft an.

Der Blick verlernte längst das ungetreue Warten. Und Frühling, Sommer, Herbst, – sie haben alle Hände voll zu tun, um zu erfüllen, was solch blühend reicher Wintergang verspricht. Mond und Mars schweben weiter durch viele Bilder hin, und immer neues Astgewirk durchspinnt das goldne Rund. Wie lange doch wird unser Jahreslauf von wartenden Gerüsten der Winterbäume überwölbt; welch eine Weite der gelassenen Ruhe und Bereitung. Wetter, Umwelt, wechselnde Gebärde der Gehölze läßt zuweilen Dinge sehen, die wir dem Orte lange nicht vergessen: Das hier war die Stelle an dem Abend, als die schwarzen Winterwälder rings in niedere Nebelwolken ragten wie gigantische Geflechte dichter Adernetze zwischen Land und Himmel.

Endlose Fülle düsterer Gestalten umdrängt den langen dunklen Weg. Alles rings auf weitem Nachtgang durch die Wälder, Gartenstraßen und Alleen beschäftigt unablässig unsern Blick, – steht im Verkehr mit dunkelfreudigen, beschwingten Kräften unsres Innern. Das Sommerlaub im Sonnenglanz war rauschender Trompetenhall, – das sammetschwarze Filigran der Winternacht ist feingefügter Klang von Cello und von Geigen, – man wird des Spiels im Weiterschreiten niemals müde; unstillbar trinkt das Auge, was hier in Finsternis und Schatten sich begibt.

Nun wieder die Allee uralter Eichen, Buchen, Linden, – man kennt sie und verehrt sie durch Jahrzehnte scheu, doch scheint die Freundschaft immer noch ganz jung. In manchen Altersriesen ist Gigantentum mit Schwung und Grazie wunderbar vereint, – es läßt an Riesenwale bei ihren Meeresspielen denken.

Mond und Sterngefolge sind verschwunden hinter dichten Wolken, und der Himmel hat sich schnell verdüstert; doch der Mond wirkt fort in grauem Dunkel. Die Kronen der Alten sind noch sichtbar bis in jeden Zierat. Diese unausstaunbaren Gebilde in ihrem Winterschlaf enthüllen einsame Erhabenheiten, die sie im Sommer uns verschwiegen.

Aus der Allee führt nun die kleine Straße, Raubfang genannt, ins Heimgelände zwischen Obst- und Feld- und Gartenbäumen. Auch in tiefer Wintermitternacht erkennt und braucht und liebt man hier am Wege jeden Baum und Strauch. Und alles ist jetzt von leichtem Regen.

Unvermerkt hält uns Natur auf immer neue Weise überraschende Bezauberung bereit, – selbst im Bereich gewohnter Heimatstätte; und wieder ist hierbei am Werke, was so noch niemals uns erschien, – doch ohne Ende in uns weiterlebt.

Der Weg streift nun an jenem alten Garten hin, in dem die Nachtigall seit Jahren Wohnung nimmt. Aus dem Gesträuch stürmt dichtes Stamm- und Astwerk auf, wie Wasserstrahlen und Kaskaden unter starkem Druck, – versprüht im Netzwerk der Gezweige, fährt auf in Bündeln dunkler oder weißer Stämme, durchwirkt von Fichtengrün und braunem Vorjahrslaub, in das sich Ranken schlingen. Die Wetterdüsternis der winterlichen Mitternacht umströmt das kraftgeladene Bild mit einer letzten wilden Trauer, – und doch ist alles ohne Ende dem Geist der Schönheit untertan, der einen Glücksverkehr mit diesem Schwermutsantlitz der Natur im Herzen wachsen läßt.

Zögernd wird ein Schleier flüchtig hier gelüftet.

Licht vom unerschaffnen Lichte dringt heran.

Winter vom Fels zum Meer

Alpen-Winter

Von der feierlichen Großartigkeit tiefverschneiter Alpenwelt können Bilder und ruhige Worte keinen Begriff geben. Wir befinden uns wie auf einem Planeten des großen Wintersterns Sirius, – so unirdisch ist alles, so sternenhaft die Reinheit. Nie vermählt sich des Himmels Bläue tiefer der Erde. Hohe Felsenschründe sind vom Blau der Äthergründe umwallt, und Schneefirnen haben das goldene Sommerwolkenweiß schwüler Tage. Grate und Gipfelketten, mit blauen Himmelswänden in Sternenhöhen stürmend, liegen in der Festgala ausendfältigen schattenblauen und sonnigen Schneeschmuckes.

Alle Fichtenstämme tiefverschneiter Wälder sind silberviolett von wunderbarer Trotzfarbe gegen Frost. Die Luft ist voll kalter Kristallfrische, mit der zarte, würzige Düfte kämpfen, wie am winterlichen Meeresstrand. Diese Schneefrische tilgt jeden Erdenrest in uns und läßt uns seliger Winterreinheit teilhaft werden, wie die dunkle Erde hier dem Glanz der Sterne und des Himmels ebenbürtig ward.

Alpenwald ist für die Zauberentfaltung des Schnees, was für das Wasser die Meeresbrandung an Felsenküsten. Welch eine liebliche Welt richtet der große, erfindungsreiche Schwelger und Fabulierer hier aus phantastischen Formen und Lichterfesten auf! – Hoher Schnee scheint fortwährend rätselhafte Dinge zu übertürmen und zu vermummen. Tannenzweige hängen wie Eisbärtatzen, Wurzelscheiben gestürzter Bäume errichten Schneewände, und zierliche Bäume stehen gebeugt von der Last einer großen Schneemasse. Nun werden unzählige verkämpfte Gebärden und Gestalten klar, die im sommersonnigen Grün rätselhaft waren.

Jedes kleine Wässerlein hat sich einen metertiefen, windungsreichen Cañon von Schneewänden geschaffen und gluckst zwischen Nischen und Senkungen von einer Unberührtheit der Flächen und einer Farbenfeinheit, daß man jauchzen könnte. Die Sennhütten sind fast erdrückt von meterhohen Schneelasten.

Zwei Stunden wandert man im Mittagssonnenschein, und jede Minute bleibt voll Überraschungen. Auf einsamem Gange wandert’s oft wie ein Zug lachender, bewundernder Stimmen mit uns. Überall werfen prachtvolle Wölbungen, Schneeschirme, Höhlungen und herrlich geschwungene Flächen einander silberne Sonnenlichter, tiefblaue Schatten und unerklärliche weißgoldene Widerscheine zu, in die sich blaublitzende Schattengeäder der Zweige wie Schmuckfiligrane hineinschmiegen.

Die Schneedecke enthüllt überraschende Zauber des Bodenwurfs, der auch den blühenden Sommerhängen nicht vergessen wird.

Die Steilwände der Felsenschluchten stecken voller Eisgehänge; gotische Pfeilerzierate und eisblaue Tropfsteinsäulen sind mit weißen Schneeleisten geschmückt, als nähere man sich dem Königssitze des Winters. Wasser kann gar nicht mannigfaltigere Formen annehmen als in diesen Eislabyrinthen. Die Pracht ist so ungeheuer, daß man meint, sie könne nur Minuten dauern und müsse mit Märchengetöse und spukhafter Schnelle verschwinden.

Hellblaugrünes Bergwasser, kristallenes junges Blut der Welt, tost aus eisumdrohten Schluchten durch dunkle Schneehöhlungen und läßt rauhreifumfiederte Gräser und Zweige im Luftzug der eiligen Wasser mitwehen.

Dem Verhallen der brausenden Schluchten entsteigt man langsam und findet sich oben wieder in neuen Stockwerken unbekannter Schneewildnisse, am Rande blendender, bergumragter Matten.

Aus Wipfelzweigen turmhoher Wettertannen, durchschimmert vom verworrenen Blauweiß der Berge oder des Himmels, stäubt Schnee herab. Wilder Freiheitsschrei des Habichts über totenstiller Marmorwelt unter brennendem Blau.