Ferien vom Ach - Karl Foerster - E-Book

Ferien vom Ach E-Book

Karl Foerster

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Beschreibung

„Ferien vom Ach“ – unter diesem Motto bringt Ihnen einer der bedeutendsten Staudengärtner und Züchter des frühen 20. Jahrhunderts seine einmaligen Erlebnisse und Landschafts- und Gartenschilderungen nahe. Die Weisheiten Karl Foersters bereichern die Gartenwelt bis heute. Diese Sammlung poetischer Naturbeschreibungen und philosophischer Betrachtungen offenbart seine Wirkung und Bedeutung als Gärtner und Poet.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Karl Foerster

Ferien vom Ach

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Inhaltsverzeichnis

VorwortElternhaus in der SternwarteSankt AlltagFreundliche ZurufeWeg durch unbekannte HeimatFrühlingsneulandMitte April am Gartenmauerplatz über der LandschaftLeben mit der NaturDer Raum bringt RosenUnter Ölbäumen und ZypressenBlumenüberraschungen ohne EndeErregungen an GartenzäunenDas waren noch Zeiten …Mit der Nase um die ErdeMoments musicauxSchneller Gang durch VenedigGesichter in der MengeMittsommernacht und MorgenNachtgedankenDie Waage des GewissensGewitterMeeresbriefSommertage im SüdenNocturnoWege und ZieleAm WiesenflußZweite Jugend des JahresGetier im GartenDie Blume der FriedensgöttinWir verwunschnen WetterwesenWir verkannten VerkennerDie Wappenblume des HerbstesVom Glück des NovemberLebendiges AlterSchnellzugfahrt durch schneeloses WinterlandDer Garten der ErinnerungWintergang in der DämmerungMitgefühl und DankbarkeitFrüher BlumentrubelGefahr und Verheißung

Vorwort

In seinem letzten Buch träumt sich ein alter Mann in seine Kindheit zurück. Er lässt Aktuelles außen vor und gönnt sich den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge. Es entstehen eindringliche Bilder von Landschaften und Reisen, von Naturschönheiten und Wetterereignissen. Und natürlich unzählige Gartenbilder.

Der erste Garten in der Sternwarte ersteht vor dem inneren Auge. Streiche und Gezänke am Gartenzaun lassen einen frechen Jungen wieder aufleben. Die Frühlingssonne lässt zartes Grün an den Birken sprießen. Ein blutroter Teppich von herabgefallenen Kamelienblüten kündigt im Süden die erste Wärme des Sommers an. Geruch feuchten Laubes und das Leuchten der Glühwürmchen verzaubern in einer mondhellen, milden Mitsommernacht. Der Herbst lässt die warmen Farben der Chrysanthemen erblühen. Und auch der Winter hat seinen Platz im Herzen des Gartenpoeten gefunden.

Kleine Dinge stehen neben den großen, Alltägliches neben dem Besonderen. Und jedem wird Beachtung und Freude entgegengebracht. Ein schwärmerischer, freundlicher Blick auf die Welt.

Das Buch scheint aus der Zeit gefallen. Es zeigt einen unmodernen Menschen, der sich an den kleinen Dingen der Natur erfreut. Altersweise und poetisch betrachtet er sie, die Unterschiede zwischen dem Pflanzenliebhaber, dem Gärtner und Gartenschriftsteller, dem Dichter und Philosophen verschwinden. Karl Foerster blickt nicht nur in sein Leben zurück, er wendet sich zum Ende auch wieder den Idealen seiner Kindheit zu. Er zeigt sich ganz als Neoklassiker, lässt Goethe, Schiller und Wieland von Ferne grüßen. In kurzen Aphorismen gibt er Lebensweisheiten und Erwägenswertes an die Nachkommen weiter.

 

Was der Himmel nur Herrliches hat,

was glücklich die Erde Reizendes immer gebar,

das erscheint dem wachenden Träumer.

(aus: Geweihter Platz von Johann Wolfgang von Goethe, 1782)

 

Norbert Kühn, im November 2016

Elternhaus in der Sternwarte

Selbst Kinder können ihr Elternhaus, Vater, Mutter und Geschwister mit allen Antrieben und Kräften, die ihr Leben dort empfing, nur mittelbar beschreiben, auch wenn sie es aus der Überschau eines ganzen Lebens versuchen. Denn die Beziehungen zweier Wesen zueinander sind – nach Maeterlinck – jedem Dritten verborgen. Selbst Dichter stehen vor einer geheimnisvollen Ohnmacht des Wortes, den eigentlichen, innersten Lebenshauch der Beziehung liebender Menschen zu schildern.

Dennoch können wir alle, Dichter oder Schriftsteller oder keines von beiden, dem Drange nicht entsagen, uns mit Worten nah und immer näher an das Unaussprechliche heranzuwagen und hierdurch beides zu beleben und zu bereichern: die Bezirke des Unaussprechlichen und des Wortes.

Gleich der erste Gedanke an das ganze goldene Geflecht meiner Kindheitserinnerungen muß ein Bekenntnis zum Garten und zum gemeinsamen Leben in der Natur werden. Denn alle lebendigsten Erinnerungen an unseren Lebensmorgen im Elternhaus empfangen Gestalt und Erinnerungsdauer durch irgendwelches Leben mit der Natur im Garten, in Landschaft und Himmel, Reise, Wanderung und Schiffahrt. Wenn sich diese Kindheit nur in Stadt und Haus abgespielt hätte, würden wohl drei Viertel der seelisch-persönlichen Erinnerungen fehlen. Denn die Natur erst ist der Glühkörper, durch den all die Erinnerungsflammen so strahlend werden, daß sie über ein ganzes Leben hin leuchten können.

Wiederum ist es schwer zu beschreiben, auf welche Weise Garten und Reise, Wander- und Wasserleben Haupterinnerungs-Scheinwerfer in die langen Kindheitszeiten der Liebe zu Eltern und Geschwistern sein können.

Wenn du also deine Kinder bei der Hand nimmst und mit ihnen wanderst und reisest, geht die Wanderung nicht nur in die Erdräume, sondern auch in die Zeiten hinaus, weit in die Zeiten voraus.

Ich bin der geheimnisvollen Fröhlichkeit und Glückseligkeit des Liebens, mit der uns die Eltern verwöhnten, selten im Zusammenleben von Kindern und Eltern so wieder begegnet. Immer aber war das Fluidum des Naturlebens am Werke, an dem sich die Flammen dieser Heiterkeiten entzündeten.

Wer seinen Kindern keinen eigenen Garten geben kann, der versuche doch wenigstens ein Stück Garten für die Familie zu pachten. Beim Blick über kleine Laubengartenkolonien hinweg sollten wir die Hauptsache nicht vergessen: daß es doch auch ein Blick über Liebesgärten hinweg ist.

Die Liebe in jeder Form wird durch bloße Stein- und Asphaltumgebung um ihr feinstes Blühen gebracht.

Wir kamen vom Schulgange aus dem Friedrichstraßenlärm Berlins durchs große eiserne Tor des Sternwartengartens in eine vogelsangdurchhallte Gartenstille, in deren Mitte das Sternenhaus stand. Die Königliche Berliner Sternwarte, von Alexander von Humboldt gegründet und von Schinkel erbaut, lag im Zentrum der Riesenstadt, am Südende der Charlottenstraße, dem Enckeplatz, in einem fünf Morgen großen Garten.

 

Mein Vater, Wilhelm Foerster, war vom vierunddreißigsten bis zum siebzigsten Jahr Direktor dieser Sternwarte. Er stammte aus Grünberg in Schlesien, und zwar aus einer jahrhundertealten Dynastie von Tuchmachern, die am Ausgang des Mittelalters wegen ihrer Tuchmacherkunst aus Flandern dorthin versetzt wurden.

Bei Gelegenheit großer Landvermessungsarbeiten für die Mecklenburgische Regierung holte er sich seine junge Frau aus einer mecklenburgischen Gelehrten- und Handwerkerfamilie.

Beide Länder, Schlesien und Mecklenburg, waren in Wesen und Sprache meiner Eltern deutlich fühlbar; aber vieles in beider Wesen und Erscheinung griff nicht nur über das Volkstum hinaus, sondern stand im Gegensatz dazu.

Ich fühle die Ströme der Stammeseigentümlichkeit, in denen logische und mystische Geisteskräfte so verschieden gestaffelt waren, wie ein Knabe, der von einer Brücke auf den Zusammenfluß zweier Wasserarme sieht – und vermag sie gegeneinander auszuwägen.

Alles, was ich hinschreibe, läßt nicht das innere Zittern vermuten; mit dem ich das Wunderbarste heraufzubeschwören suche, was einem Menschen begegnen kann. Dabei entgleitet mir fast der Gedanke, daß es wirklich und leibhaftig meine Eltern waren, von denen ich hier spreche.

Die Mutter sah wie eine Engländerin aus, in Kopfbildung und Profil mit kühnen Anklängen an den Schädel Friedrichs des Großen. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das bis zum sechzigsten Jahr kein graues aufwies, und blaue Seefahreraugen.

Der Vater war kleiner und gedrungener, seine Erscheinung trug den unverkennbaren Stempel eines modernen Gelehrten und Weltmanns und weckte doch leise Nebenerinnerungen an die Grazie des Rokoko und die Geschlossenheit antiker Denker. Sein Händedruck war fest mit seidenweicher Hand und sein blauer Blick von unvergleichlich forschender Freundlichkeit.

 

Der früheste und stärkste geistige Strom, der in unseren Kindheitsjahren von Vater und Mutter auf uns Kinder ausging, hatte die Gestalt einer wahrhaft seligen Fröhlichkeit, die wir schon vom fünften Jahr ab deutlich empfanden.

Es wurden bestimmt viele ernste Erziehungseingriffe, Maßregeln und Hinauswürfe verhängt – aber die Tonart, in der es geschah, lag immer mehr nach der gedämpften als nach der verärgerten Seite.

Oft ist mir, als ob diese geheimnisvolle und taufrische Heiterkeit unserer Mutter die am schönsten ausstrahlte, wenn sie mit uns im Garten war oder auf Reisen, Wanderungen, Schiffsfahrten mit uns lebte, lachte, staunte – der stärkste Nährboden der Glücksgesinnung gewesen sei, von der ich mich getragen fühle.

Noch heute, lange Jahrzehnte nach ihrem Tode, sind mir alle Pflanzenarten unserer damaligen Kinderbeete, alle Gegenden der Berg- und Meereserlebnisse unserer Kindheit, die vertrauten oberbayerischen Dörfer und die Wälder und Felder der mecklenburgischen Ostseeküsten, umglänzt vom Fluidum jener zauberischen lächelnden Mutterliebe und Naturergriffenheit.

Das Lebensfeuer, das hinter dieser moussierenden Morgenluft unserer Kindheit stand, sprühte bei jeder Gelegenheit in irgendeinem Humor auf, für den wir langsam empfänglich wurden, bis wir schließlich merkten, daß wir die humorbegabteste Frau, die nur zu denken ist, zur Mutter hatten.

Nichts hängt enger zusammen als Liebe und Lachen auf ihren Höhen. Heiterkeit ist die kleine Münze des Geistes. Das heitere, mitteilungsfreudige Temperament hat tausendmal mehr Berührungspunkte mit anderen Menschen als das unheitere. Es ist zwar eine alte Weisheit, daß Kinder in ihrer Gefühlsfähigkeit schon unendlich viel differenzierter und treu bewahrender sind, als gemeinhin anerkannt wird – hier soll aber daran gemahnt werden, wie sehr schon von kleinen Kindern feinste Glücksregungen und Herzbewegungen ihrer Eltern dunkel und unbewußt aufgefangen werden.

Die Eltern waren vorwärtsdrängende Zielmenschen, was sich bis ins Spiel der Kinder fortsetzte.

An einer reizenden, geborgenen Stelle des großen Sternwartengartens lagen unsere Kindergärten, mit Buchsbaumwegen oder Himbeerhecken gegeneinander abgegrenzt. Unsere Mutter bedachte, daß Kinder am schnellsten in Gartenleidenschaft geraten durch die Mitwirkung von Eigentumsgefühl, Verantwortung und Wetteifer. Alle drei mündeten natürlich in Schenkfreude.

Als Zünder für das Eigentumsglück in jedem Gärtchen, das gegen die anderen ein wenig eingefriedet war, hatte sie uns je einen kleinen Schuppen mit Vorlegeschloß zum Aufbewahren der Geräte und Sämereien und zum Spielen bei Regen setzen lassen. Flachreliefs der Tages- und Jahreszeiten hingen über den Bänkchen. Sie regte jeden von uns an, möglichst andere Dinge zu pflanzen und zu säen als die Geschwister, und schien mit jedem von uns in einem Geheimbund.

Die Gärtchen trugen viel dazu bei, uns verwundert fühlen zu lassen, wie verschieden wir alle waren. Jetzt nach Jahrzehnten wundern wir uns noch mehr darüber. Jedes von uns Kindern ärgerte sich oft über die Seltsamkeit des Nachbarn und dachte etwa: Was der für Passionen in seinem Garten hat – Hahnenkamm zieht er, die greuliche Pflanze! Aber die Mutter sagte: »Je verschiedener ihr seid, desto besser könnt ihr einander helfen, wenn ihr groß seid.«

Wenn doch Eltern der Jugend lebendige Vorahnungen von der nie genug gefeierten Lebensmacht der Geschwisterhilfe schaffen könnten! Wie tief prägen oft Geschwister unseren inneren Wesensgang auf Lebenszeit!

Zu den wunderbaren Strahlen meiner Schicksalssonne gehört auch die anscheinende Verschworenheit jedes meiner Geschwister, mir von früh auf und dann ein Leben hindurch Schätze tiefster Lebens- und Seelenhilfe dazubringen; ohne sie wäre meine ganze geistige Existenz nicht zustande gekommen. Um dieses quellen von Lebensreichtum und Daseinsstärke aus geschwisterlichem Leben ist es noch zu still auf der Welt.

Wie nahe auch blieb dem Herzen über ein halbes Jahrhundert hinweg bei so viel Lebenserfüllung der Kindheitssommergarten, über dessen Blumen uns noch deutlich das Gehall der kindlich-eifrigen Geschwisterstimmen schwebt: »Süß und silbern klingt ein Mädchenlachen durch den Sommersonnentag…« (Storm).

Schon morgens vor der Schule stürmten wir immer gleich zu unserem Gärtchen hinaus, um zu sehen, ob die Pflanzen wieder größer geworden waren. Solche Stärke und Nachhaltigkeit der Leidenschaft für Garten und Pflanze, die sich in Kindern schon vom sechsten Jahre an einzunisten vermag, um nie wieder zu vergehen, kann von Erwachsenen ohne eigene Kindheits-Gartenerlebnisse kaum geahnt werden.

Wenn wir mit den Eltern während der großen Sommerferien verreist waren, konnten wir es in der letzten Woche kaum erwarten, wie wohl unsere Gärtchen bei der Rückkehr aussehen würden. Nach der Ankunft rannten wir gleich hinüber, ohne erst ins Haus zu gehen. Einmal kamen wir im Dunkeln an, aber die Mutter gab uns Streichhölzer, mit denen wir überall in den Beeten umherfunkelten und zwischen riesig gewordenen Rhizinusstauden und großen Gladiolenspeeren herumstaunten.

Schade um jede im eigenen Kindheitsgärtchen nicht erlebte Blütenpflanze; denn diese Kindheitsgefühle leben unbegrenzt weiter und liefern mitbauende Kräfte an der Glücksbeziehung zu jener Pflanzenart und ihrem Veredelungsfortgang. Und an jeder Blume von damals hängt für immer ein Duft der Liebe.

Wie oft gab es großen Wettlauf, um neue schöne Sachen aus dem Gärtchen, die eben aufgeblüht oder reif geworden waren, schnell der Mutter zu bringen. Sie lachte schon von ferne, wenn wir angejagt kamen. Schönste Belohnung war, daß sie uns ein kleines Ölbild der Erzeugnisse malte.

Unsere älteste Schwester hatte eine viel schönere Schwertlilienstaude als wir, in der sich ihre Überlegenheit strahlend verkörperte. Einst fand sie den schönsten Stiel kurz abgeknickt im Grase liegen. Doch die Mutter malte ihr zu durchgreifendem Troste ein Bildchen der Blume.

Unsere Reisen führten immer an Meeres- oder Bergseeufer, denn in der Landschaft mußte unsere Mutter Wasserluft schnuppern, um ganz in ihr innerstes Wesen eingesetzt zu werden. Die geheime Beziehung ihrer Malerseele zum Wasser half auch in meinem Bruder, der Schiffsbauer wurde, und in mir eine verzehrende Leidenschaft für Schiffe nähren.

Die Mutter war kritisch mit ihren Kindern, lebte aber in einer bewegten Freundschaft mit uns, die uns oft beglückt denken ließ, daß sie außerdem noch unsere Mutter war. Sie überließ uns ohne Ängstlichkeit gefährlichen Spielen, war aber rechtzeitig zur Stelle, wenn es uns nicht gerade angenehm war. Ruhig ließ sie uns in Booten, die schon so leck waren, daß man gleich anfangs Wasser schöpfen mußte, auch bei Gewitter losfahren. Als Fischer Bohnsack in Boltenhagen an der Ostsee uns sein Boot nicht mehr geben wollte, weil wir Segel gesetzt und aufs hohe Meer gehalten hatten, hinderte sie uns nicht, auf selbstgezimmerten Flößen oder in alten Backtrögen in See zu stechen.

Wir wunderten uns, daß unsere Nachbarn, Fischer Westphal und Bohnsack, unsere Obstdiebstähle überraschend gutmütig aufnahmen. Später erfuhren wir, daß unsere Mutter den zu erwartenden Raubbedarf ihrer Kinder im voraus honoriert hatte, ohne uns etwas davon zu sagen, weil sie doch den Reiz des Verbotenen erhalten wollte und auch gleichzeitig den Bedarf etwas zu dämpfen gedachte.

Alle Menschen, die mit unserer Mutter zu tun hatten, gerieten in einen glücklichen Bann, den man oft im Nebenzimmer schon aus den Stimmen heraushören konnte und der uns Kindern oder jungen Menschen selbstverständlich war, weil wir mit drinstanden – und auch die Tiere schienen oft seltsam angerührt und erkannten die geheime wissende Kameradschaft. Ihre Liebe zum Tier floß in unsre zu ihr. Die wunderbar aufschließende Kraft ihrer Liebe für Dinge oder Wesen, Kunstwerke, Wolken, Kinder, Landschaften und Völkerschaften vermittelte immer ein besonderes Aroma. Das Mitlieben mit geliebten Menschen führt ins Herz der Liebesgegenstände und strahlt zurück.

Die Mutter zeichnete uns auf Wunsch jedes Tier mit sauberem Umriß auf – sie schrieb es sozusagen hin. Auch alle Briefe waren humorig illustriert; die Illustrationen quollen noch auf die Briefumschläge über! Auch die Ausgabebücher ihres Haushaltes wurden beiläufig halb unbewußt illustriert. Wenn die Rechnung mal nicht stimmte, waren teuflische Gestalten daneben gezeichnet, die von anderen niedergerungen wurden. Bücher, die sie freuten oder ihren Widerspruch erregten, empfingen unwillkürliche Illustrationen. Am Rande eines von ihr bemängelten verwunderlichen Satzes fand man eine Eule gezeichnet, die durch eine Lorgnette auf die Stelle hinblickte.

Ihre Malgabe war unbewußt zielsicher und von solchem Range, daß Menzel ihr anbot, sie zu unterrichten, was aber durch ihre Krankheit verhindert wurde. Ihre Ölgemälde mit dem schönen Firnis- und Terpentinduft und die Bilderlebnisse mit ihr auf häufigen Gängen durch Galerien und Gemäldeausstellungen bewegten unsere Kindheitstage. Sie kopierte besonders gern Böcklin und sagte: »Es macht die gleiche Art Herzklopfen wie das Arbeiten nach der Natur!« Wer Böcklin heute zum alten Eisen wirft, versteht nichts von Metallen. Aber einen Teil des Lebenswerkes kann man, wie bei so vielen Großen, als zeitlich preisgeben.

Unsere Mutter hatte das Bild »Villa im Frühling« nach einer kleinen Photographie aus der Erinnerung gemalt, jenes Bild, in dessen Mittelgrund eine Frau im blauen Mantel, aus Zypressenschatten her in unbeschreiblicher Kopfhaltung vorbeigehend, einen Blick über reiche Blumenwiesen wirft. Als der Maler Reinhold Lepsius das Bild sah, sagte er: »Ist ja schöner als das Original!« Hier war kein Kompliment im Spiel. Mein Vater, siebzigjährig, trat davor und sagte zur Mutter: »Ich bin doch sehr stolz, daß du mich genommen hast.«

Ihre Böcklin-Liebe war ihrer Begeisterung fürs Griechentum nahe. Wir wurden als Kinder mit Homer großgesäugt und dadurch leidenschaftlich vertraut mit vielen Episoden, wie der Nausikaa-Liebelei und der Ithaka-Heimkehr. Die Mutter lernte unser Schul-Griechisch mit und las laut die Originaltexte mit den Klängen dieser schönsten Sprache, die bis ans Ende der Welt leben wird.

In der Sternwarte tagte gegen Ende des Jahrhunderts öfters die Mittwoch-Gesellschaft, ein Berliner Professorenverein, der lauter halb sagenhaft gewordene Menschen vereinigte, Köpfe wie Ernst Curtius und Herman Grimm. An solchem Abend hatte meine Mutter irgendeinem besonderen Festanlaß zuliebe Efeukränze für die hohen Denkerstirnen gewunden. Der Anblick der Festtafel erinnerte an ein griechisches Gastmahl. Alle betrachteten sich staunend und lächelnd und haben wohl nie im Leben schöner ausgesehen!

 

Was ich nun von meinem Vater, dem Astronomen, hier zu sagen vermag, ist Stückwerk; das andere wissen noch viele Lebende und werden dereinst noch viele wissen.

Er holte sich Gedanken von den Sternen auf die Erde hinab und zog Folgerungen aus den Erfolgen der großen astronomischen Genauigkeitskultur; von ihrem dereinst fraglos zu erhoffenden Übergreifen auf die umdunkelten Sachverhalte des Menschenlebens erwartete er viel Zukunftsheil.

Ein Sohn kann der breitgelagerten Fülle aller Ausstrahlungen dieses väterlich außerordentlichen Daseins nicht gerecht werden und vermag nicht die Tonart anzuschlagen, die dem Ganzen gebührte.Wilhelm Foerster gehört nicht der Vergangenheit an.

Die Sternwarte war für uns Mitbewohner kein bloßes wissenschaftliches Institut, sondern es war uns eine Sternwarte, von der ein Stern- und Erdkundiger große Blicke in die Kultur tat.

Von unsern Blumengärtchen sahen wir Kinder zur Hauptkuppel hinüber, durch deren Spalt abends das Auge jenes Fernrohrs emporblickte, mit welchem der Planet Neptun gefunden wurde. Bis in unsere Schlafzimmer hinab hörten wir das Rumoren gedrehter Beobachtungskuppeln und den Pendelschlag der großen Chronometer, unter denen auch die ganz besondere Uhr war, mit deren Hilfe bei der erstmaligen Telegrafenverbindung Berlin-Isfahan unter Werner von Siemens die Schnelligkeit des elektrischen Funkens gemessen wurde, und zwar mit dem Ergebnis: achtmal in der Sekunde um den Äquator!

Unser Vater steckte für uns mit den himmlischen Mächten unter einer Decke, nicht nur weil er Astronom war. Dieses unser Gefühl wuchs bis zu seinem neunzigsten Jahr und nahm immer neue Formen an. Eine der Frühformen war natürlich ein Staunen, daß Himmelserscheinungen genau eintrafen, von denen er gerade eingehend gesprochen hatte.

So hörten wir ihn eines Tages von dem großen Sternschnuppenfall reden, der abends zu erwarten war, weil die Erde die Bahn eines zersprühten Kometen passieren werde. Als wir in der Dämmerung auf die Plattform der Sternwarte stiegen, war der Himmel dicht von Lämmerwolken überzogen, die der Viertelmond leise zu beleuchten begann. Hinter diesem Gewölk und seinen Rissen tat sich nun allgemach ein Sternschnuppenfeuerwerk ohnegleichen auf, das nicht nur in den Wolkenlücken funkelte und aufzuckte, sondern das Traumgewölk selber mit seinen Feuerscheinen durchleuchtete. Der Vater war in die uns vertraute eherne Aufmerksamkeit nach oben gehüllt, aus der nur manchmal ein zärtliches oder lustiges Wort für uns abfiel. Wir rechneten ihm das Arrangement des ganzen Feuerwerks zu.