Escort gesucht - Herz verloren - Meg Harding - E-Book

Escort gesucht - Herz verloren E-Book

Meg Harding

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Beschreibung

Jackson Carlisle hat kein Glück mit Männern und Frauen, und nach einer besonders schlimmen Geschichte zieht er sich aus der Romantik zurück. Doch als ein zweiwöchiges Familientreffen auf Hawaii ansteht, ist seine Mutter fest entschlossen, ihn mit einem der süßen Singles zu verkuppeln, von denen sie weiß, dass sie perfekt für ihn wären. Ein normaler Mensch würde einfach Nein sagen und die Sache abhaken. Stattdessen erzählt Jackson ihr, dass er einen Freund hat. Das einzige Problem? Er hat keinen. Aaron Wilkes arbeitet als Escort. Er ist ein wenig überrascht, als die Freundin eines Freundes ihn anheuert, um mit ihrem Bruder auszugehen, aber er hatte schon seltsamere Jobs. Jackson ist hübsch, und er glaubt, dass eine Affäre mit Aaron genau die Art von Spaß ohne Verpflichtungen sein könnte, die er braucht, um seine Durststrecke zu überwinden. Als sie gemeinsam die Inseln erkunden, beginnen ihre sorgfältig ausgearbeiteten Pläne zu scheitern. Gefühle sollen nicht ins Spiel kommen, aber das sollte kein Problem sein. Schließlich kann man sich nicht in zwei Wochen verlieben.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Meg Harding

Escort gesucht – Herz verloren

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2024

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Will you be my Escort?

Übersetzung: Mia Rusch

Cover Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © Subbotina Anna – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-688-2

Inhalt

Jackson Carlisle hat kein Glück mit Männern und Frauen, und nach einer besonders schlimmen Geschichte zieht er sich aus der Romantik zurück. Doch als ein zweiwöchiges Familientreffen auf Hawaii ansteht, ist seine Mutter fest entschlossen, ihn mit einem der süßen Singles zu verkuppeln, von denen sie weiß, dass sie perfekt für ihn wären.

Ein normaler Mensch würde einfach Nein sagen und die Sache abhaken. Stattdessen erzählt Jackson ihr, dass er einen Freund hat. Das einzige Problem? Er hat keinen.

Aaron Wilkes arbeitet als Escort. Er ist ein wenig überrascht, als die Freundin eines Freundes ihn anheuert, um mit ihrem Bruder auszugehen, aber er hatte schon seltsamere Jobs. Jackson ist hübsch, und er glaubt, dass eine Affäre mit Aaron genau die Art von Spaß ohne Verpflichtungen sein könnte, die er braucht, um seine Durststrecke zu überwinden.

Prolog

Im Laufe seines Lebens ist Jackson schon mehrmals verlassen worden. Auf verschiedenste Arten. Manchmal sanft, etwa in unangenehmen Situationen beim Abendessen im Restaurant. Er hat SMS erhalten, E-Mails und Nachrichten auf der Mailbox. Einmal sogar einen handgeschriebenen Brief. Oder er hat tagelang nichts von seinem Freund beziehungsweise seiner Freundin gehört, nur um die Person dann mit jemand anderem zu sehen. Auf seinem Herzen ist herumgetrampelt worden. Mehrere Menschen haben es ihm gestohlen und es dann sang- und klanglos mit blauen Flecken zurückgegeben. So etwas ist immer scheiße. Jedes Mal. Aber er macht weiter, weil er noch jung ist, und das gehört eben dazu; sagen die Leute zumindest.

Er wird aber auch nicht jünger und wirklich Spaß hat ihm das alles nie gemacht. Nein, Jackson sucht nach „dem Einen“. Er muss nicht perfekt sein und seine derzeitige Beziehung ist auch weit davon entfernt. Aber er ist zuversichtlich, dass es in die richtige Richtung geht.

Er lebt nicht mit Angel zusammen, doch sie haben einen Schlüssel für die Wohnung des jeweils anderen. Jackson rechnet damit, dass Angel bald fragen wird, ob er bei ihm einziehen darf. Die letzten zwei Wochen war Jackson beruflich in Atlanta, weil er dort für eine Fernsehproduktion in der Maske gearbeitet hat. Er ist aber einen Tag früher zurückgekommen, will nur schnell seinen Kram nach Hause bringen und dann zu Angel fahren, um ihn zu überraschen. Sie sind jetzt etwas länger als sechs Monate ein Paar. In Jacksons Augen ist es etwas Ernstes. Er stellt sich schon vor, wie er Angel überraschen will, als er seine Wohnungstür aufsperrt und …

Lautes Stöhnen empfängt ihn. Lautes, erbarmungsloses, unausstehliches Stöhnen. Für etwa eine halbe Sekunde ist Jackson bereit zu glauben, dass Angel ihn vielleicht vermisst und gerade eine sehr enthusiastische Solo-Session einlegt. Das wäre zwar ein bisschen merkwürdig, aber kein Problem. Doch er ist nicht von gestern und seine Naivität gehört der Vergangenheit an. Entsprechend ist er nicht besonders überrascht, sobald er die zweite Stimme hört.

Wütend, verletzt, angeekelt: ja. Überrumpelt, weil das hier gerade wirklich passiert: definitiv. Schockiert, weil da noch jemand anderer ist? Nein.

Diese – noch bevorstehende – Trennung gewinnt womöglich den ersten Platz für die schlimmste. Sie ist der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So kann er nicht weitermachen, wenn es von Mal zu Mal schlimmer wird.

Jackson lässt seine Tasche laut zu Boden fallen. Aber das Stöhnen hört nicht auf. Er kann hören, wie das Kopfende seines Betts gegen die Wand rumpelt. Das Knarzen der Bettfedern, das nur erklingt, wenn die Nummer richtig losgeht. Sein Magen schlingert. Er hat ein Gästezimmer und fragt sich, warum Angel nicht wenigsten den Anstand besitzt, ihn dort zu betrügen. Aber es ist schon schlimm genug, dass er das überhaupt in Jacksons Wohnung macht. Er wird wohl sein Bett verbrennen müssen.

Das Stöhnen geht über in Grunzen und keuchende Schreie, ja und bitte. Er muss würgen.

Innerlich taub schlägt er den Weg zu seinem Zimmer ein. Er will es nicht sehen, es zu hören ist schlimm genug, aber der Gedanke daran, dass sie sein Bett vollsauen, verursacht ihm Brechreiz. Jackson liebt diese Bettwäsche. Er wird sie entsorgen müssen. Vielleicht kann er die gleiche noch mal auf Amazon kaufen oder so.

Die Tür steht weit offen. Es gibt nichts, das ihm die Sicht versperrt. Seine weiche, gemütliche Bettdecke in den Farben von Pfauenfedern ist am Bettende zu einem Knäuel verknotet. Sein Kopfkissen liegt unter Angels rundem Arsch, in den gerade jemand mit seinem Porno-Schwanz hineinstößt. Die grauen Bettlaken aus ägyptischer Baumwolle haben sich um ihre Körper gewickelt und mit jeder Bewegung verheddern sie sich mehr darin. Das Kopfende knallt immer noch gegen die Wand. Ob es eine Delle geben wird? Die Bücherregale, die im Zimmer stehen, beben durch die Erschütterungen.

Jackson räuspert sich.

Sie bemerken ihn nicht.

Er könnte sich noch einmal lauter räuspern. Aber … Er dreht sich auf dem Absatz um. Er geht in die Küche, fischt ganz ruhig die Blumen aus der Vase auf der Kücheninsel und füllt sie mit eiskaltem Wasser auf. Dann kehrt er zurück in sein Schlafzimmer und kippt den gesamten Inhalt über die zwei nackten Männer in seinem Bett. Dabei achtet er genau darauf, dass sie beide einen ordentlichen Schwall abkriegen.

Wenn die Situation eine andere wäre, dann würde er sich über ihr erschrockenes Quietschen und Zappeln kaputtlachen. Der Mann auf Angel fällt fast aus dem Bett und Angel stößt einen Schrei aus, als er seinen Schwanz zu schnell aus ihm herauszieht.

Aber alles in allem ist es nicht zum Lachen.

„Hallo“, sagt Jackson bemüht emotionslos und hofft, dass auch keine Gefühlsregung seine Miene verzieht. Er will ihnen nicht zeigen, dass er am Boden zerstört ist. „Könntet ihr mir das bitte erklären?“

Angel sieht ihn aus weit aufgerissenen braunen Augen an. „Du hättest doch erst morgen zurückkommen sollen“, sagt er und besitzt wirklich die Nerven, verärgert auszusehen.

„Ich dachte, ich könnte dich überraschen“, sagt Jackson. Er verzieht den Mund zu einem gequälten Lächeln. „Schätze, das war keine so gute Idee.“

Angel seufzt und deutet auf den nackten Mann neben ihm. Er ist durchtrainiert, hat ein attraktives Gesicht, dicke Augenbrauen, einen buschigen Bart und kein einzelnes Haar auf dem Kopf. „Das ist Carl. Es läuft schon seit ein paar Monaten.“

Also ungefähr seit Jackson ihm den Schlüssel gegeben hat. Fantastisch. „Was meinst du mit es? Dass ihr fickt oder dass ihr hier in meinem Bett fickt?“

„Beides“, sagt Angel und zuckt mit den Schultern, als wäre es keine große Sache. „Du hast eine wirklich gute Matratze.“

Jackson kann es einfach nicht glauben. Am liebsten würde er sich nach versteckten Kameras umsehen. Das ist doch sicher ein schlechter Witz oder so. „Ich denke, ihr solltet gehen“, sagt er. Er muss einen Makler finden und sich eine neue Wohnung besorgen. Hier kann er unmöglich bleiben.

Angel wirkt verärgert. Er schielt an sich herab, zu seinem immer noch harten Schwanz. „Können wir nicht weitermachen?“

„Nein“, sagt Jackson schlicht. Sein Leben ist innerhalb weniger Minuten zu einem Albtraum geworden. Das kann doch alles nicht wirklich passieren. „Ich rufe die Polizei, wenn ihr nicht sofort verschwindet.“

Er sieht zu, wie sie ihre Klamotten aufsammeln und zur Tür gehen. Am liebsten würde er sie nackt hinausschmeißen, aber er will weder seine Nachbarn noch unbeteiligte Passanten vor den Kopf stoßen.

Angel steht schon angekleidet im Flur vor der Wohnungstür und hält seine total hässlichen Schuhe in der Hand. „Willst du deine Sachen zurück?“, fragt er.

„Kannst du behalten.“ Jackson knallt die Wohnungstür vor der Angels Nase zu. Am liebsten würde er sich auf seiner Couch zusammenbrechen, aber sein ganzes Apartment fühlt sich verdorben an. Er weiß nicht, welche Gegenstände sie angefasst haben. Ekel kriecht in ihm empor. Seine Wohnung ist schon seit Monaten verseucht und er hat es nicht gewusst. Er will unter die Dusche und seine Haut schrubben, bis sie wund ist. Aber nicht hier. Kann er es sich leisten, einfach alles in dieser Bude zu verbrennen und sich neue Sachen zu kaufen?

Er verbirgt das Gesicht in den Händen, atmet tief durch und zieht dann das Handy aus seiner Tasche. Er wählt die Nummer von Georgina, seiner Schwester. Sie lebt allein und in der Nähe. Zwei seiner Brüder sind in Beziehungen und er hat nicht die geringste Lust auf glückliche Paare. Die anderen beiden sind in Kalifornien und lassen sich gerade fotografieren.

Nach dem dritten Klingeln hebt sie ab, ihre Stimme ist fröhlich und sie klingt überrascht. „Ich dachte, du meldest dich erst in ein paar Tagen. Wie war die Fernsehproduktion?“

„Ich brauche eine Bleibe.“

Georgina schweigt und nach einem langen Moment fragt sie: „Du bist wieder zu Hause? Ist irgendwas mit deiner Wohnung passiert?“

Nein, nichts in der Richtung, in die sie jetzt denkt – aber ja, es ist etwas Abscheuliches geschehen. „Ich bin früher heimgekommen als geplant. Angel hatte Sex mit einem anderen. In meinem Apartment“, sagt er. „Es geht anscheinend schon eine Weile so. In meinem Bett. Bin ich der Einzige, der das falsch findet? Angel schien es nämlich nicht so zu sehen.“ Jackson hört, wie hohl und flach seine Stimme klingt, aber er kann nicht anders. Fühlt sich so ein echter Schockzustand an?

Georginas Atem geht pfeifend, als sie nach Luft schnappt. „Nimm dir ein Taxi und komm her“, sagt sie. „Ich gehe schnell einkaufen und besorge Süßigkeiten.“ Er hört ihre Schlüssel rasseln, als sie danach greift. „Dann rufe ich Dad an, er soll diesen Makler kontaktieren, den er kennt.“

In diesem Moment liebt er sie so sehr und kann ihr nur stumm danken, weil seine Kehle wie zugeschnürt ist, als die Emotionen in seiner Brust überkochen. Er legt auf und greift nach seiner Tasche. Irgendwann später wird er jemanden bitten, ein paar seiner Sachen zu holen. Oder vielleicht auch nicht. Er will sich nicht vor seinen eigenen Besitztümern ekeln müssen.

Als er bei Georgina ankommt, ist sie schon vom Supermarkt zurück. Sie öffnet die Tür und zieht ihn sofort in eine feste Umarmung. Für mehrere Minuten hält sie ihn. So stehen sie auf ihrer Türschwelle; eng umschlungen, während sie ihn leicht in ihren Armen wiegt. „Ich habe Schokolade gekauft“, sagt sie leise. „Und diese sauren Skittles, die du magst. Karamelläpfel. Und Donuts. Ich weiß, das zählt eigentlich nicht so richtig als Süßigkeit, aber sie sind gut. Ich habe ein paar Sorten zusammengestellt.“

Er vergräbt sein Gesicht an ihrer Schulter und holt zittrig tief Luft. Schließlich tritt sie einen Schritt zurück und zieht ihn nach drinnen. Die Tür fällt mit einem Klicken hinter ihnen ins Schloss. „Wir werden ihm die Reifen aufschlitzen“, sagt sie. „Das kann uns nie jemand beweisen.“

Er lacht tränenerstickt und schüttelt den Kopf.

Sie machen es sich auf der Couch gemütlich, wo Jackson seinen Kopf auf Georginas Schoß abgelegt hat, als jemand die Tür öffnet. Jackson dreht sich um und erblickt James; ohne seine bessere Hälfte. Laurence folgt ihm. Auch seine Frau ist nicht dabei. Beide sehen stinksauer aus. „Du hast einen Schlüssel für seine Wohnung, richtig?“, fragt James ohne eine Begrüßung.

„Wir werden sie verwüsten“, sagt Laurence ungestüm.

Jackson wischt sich über die tränenfeuchten Augen und ringt sich ein schiefes Lächeln ab. „Ihr könnt doch nicht sein Apartment verwüsten.“

„Doch, können wir“, meint James. „Hat er mit deinem ja auch gemacht. Das ist nur fair.“ Demonstrativ lässt er seine Fingerknöchel knacken. „Und Bastien kennt eine Menge Restaurantchefs. Er wird die Sache herumerzählen und dieser Arsch kriegt nie wieder irgendwo was Gutes zu essen.“

Seine Familie ist vollkommen verrückt und er liebt sie so sehr. „Das kannst du gerne machen“, sagt Jackson. Diesmal ist sein Lächeln echt. „Aber ihr könnt nicht bei ihm einbrechen.“

Laurence setzt einen nachdenklichen Gesichtsausdruck auf. „Was, wenn wir den Schlüssel jemand anderem geben und diese Person bei ihm Chaos anrichtet? An der Elften Straße steht doch immer diese Prostituierte herum. Wir könnten ihr den Schlüssel in die Hand drücken und ihr sagen, dass sie sich austoben soll.“

„Ich bekomme Schwierigkeiten, wenn jemand seine Wohnung verwüstet“, erklärt Jackson geduldig. „So verlockend es auch ist, ich muss leider Nein sagen.“ Obwohl er zugeben muss, dass es eine fantastische Idee ist. Eine der besten Ideen, die Laurence je hatte. Leider ist der Plan trotzdem nicht durchführbar.

James setzt sich aufs Sofa, hebt Jacksons Beine an und legt sie sich über den Schoß. Laurence hingegen nimmt am Boden Platz. Einen Arm auf der Couch abgestützt, streichelt er Jacksons Rücken. Zwischen seinen Schulterblättern. „Süßkram und ein Film?“, fragt er. „Wir können irgendetwas ansehen, an dem du mitgearbeitet hast, und dir dazu eine Menge Komplimente machen.“

Jackson ringt sich eine Mischung aus Schnauben und Lachen ab und fährt sich durch das wirre blonde Haar. Er muss dringend zum Friseur. „Klingt gut“, sagt er. Dann greift er in Richtung Süßigkeiten-Vorrat und Georgina reicht ihm die riesige Tüte mit sauren Skittles. Er rollt sich auf die Seite, heftet den Blick auf den riesigen Flatscreen-Fernseher und lässt sich von seiner Familie versichern, wie gut er in seinem Beruf ist.

Gut, er hat keinen Partner mehr, aber vielleicht braucht er den ja auch gar nicht – solange er seine Familie hat.

Kapitel 1

Acht Monate später

Teil einer großen Familie zu sein bedeutet, jeder weiß alles. Das gehört einfach dazu. In Vergessenheit gerät nie etwas, weil sich immer irgendwer erinnert. Deswegen hat Jackson nicht die geringste Ahnung, warum er von dem großen Familientreffen nichts wusste. Es ist ihm tatsächlich völlig neu. Er starrt die lächerliche Einladungskarte auf seiner dunklen, cremefarben gefliesten Küchentheke an. Jemand hat sich die Mühe gemacht, eine Collage mit den Gesichtern aller Familienmitglieder zu erstellen und sie zu Buchstaben anzuordnen. Da steht: „Einladung zum Carlisle-Familientreffen“. Er ist sich nicht ganz sicher, ob er beeindruckt oder entsetzt sein soll.

Sein Handy klingelt und ohne überhaupt aufs Display zu schauen, hebt er ab. „Siehst du das auch?“, fragt James. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich halluziniere.“

„Nein“, sagt Jackson, der sofort weiß, wovon sein Bruder spricht. „Ich habe es direkt vor meiner Nase. Es ist leider real.“

Das Letzte, was er braucht, ist ein Familientreffen. Dabei handelt es sich um einen zweiwöchigen Aufenthalt in einem Urlaubsresort in Hawaii – was ja nett wäre, wenn man den Teil mit dem Familientreffen weglassen würde. Und das schon in drei Wochen! Während dieser gesamten Zeit von seiner nervigen erweiterten Familie umgeben sein? Das klingt wie aus einem Horrorfilm.

„Ich weiß nicht, warum du dich beschwerst“, sagt er zu James. „Du hast ja einen Freund.“ Er grübelt darüber nach. „Kommt Bastien mit?“ Er hat zwei eigene Unternehmen und arbeitet viel, aber vielleicht kann sein Geschäftspartner eine Weile übernehmen.

„Ja, Bastien kommt auch“, grummelt James. „Er ist deswegen schon so aufgeregt, dass es nervig ist.“

„Er soll sich auf was gefasst machen“, murmelt Jackson. Die erweiterte Familie ist anders als sie. Also, in manchen Dingen. Eine seltsame Gruppe von Leuten, die normalerweise höchstens eine knappe Geburtstags- oder Weihnachtskarte schicken und sich nur alle fünf Jahre treffen, um sich länger zu unterhalten.

Das hat Gründe.

Jemand klopft auf der anderen Leitung an. Er lässt das Handy sinken und betrachtet das Display. „Mom ruft an“, sagt er und seufzt. „Ich ruf dich zurück.“

„Mach dir keine Mühe“, meint James. „Ich komme später vorbei und wir betrinken uns, bis wir die Einladung vergessen haben.“

Jackson verdreht die Augen. „Du bist eine Drama-Queen.“ Er legt auf und unterbricht so James’ Jammern. „Hallo“, begrüßt er seine Mutter.

„Hallo, Schatz“, sagt sie. „Hast du auch diese Einladung bekommen?“

Er starrt die fürchterliche Karte mit ihren Gesichtern an. „Ja, habe ich“, sagt er und geht näher heran. Jemand hat einen Schnurrbart auf James’ Gesicht gephotoshopt. Er kichert. Ihr Cousin Jimmy muss die Karte gemacht haben; er hasst James. „James hat ja einen Schnurrbart verpasst bekommen. Siehst du das, Mom?“

Sie stößt ein gequältes Seufzen aus. „Ja. Ich rufe an, um dir zu sagen, dass du hin musst. Du kannst dich da nicht rausreden.“ Sie verstummt, aber Jackson hat das unbestimmte Gefühl, dass da noch etwas kommt. Etwas, das ihm nicht gefallen wird. „Ich weiß, dass es nicht einfach war für dich mit dem Umzug und allem …“

Er hat es ja gewusst.

„Aber ich habe eine Freundin, sie hat eine wirklich reizende Tochter. Ich glaube, ihr beiden würdet euch wundervoll verstehen. Vielleicht könnte sie dir ein wenig Druck rausnehmen, was dieses Familientreffen angeht? Ich will mir keine Sorgen um dich machen, aber du hast seit Angel niemanden mehr gedatet.“ Er zuckt zusammen, als er den Namen hört. „Es ist an der Zeit, es wieder einmal zu versuchen, findest du nicht? Die Sache hinter dir lassen? Wir machen uns alle Sorgen um dich, Schatz. Ich habe auch eine Freundin, die einen netten Sohn hat, er ist ein bisschen älter als du, aber er hat einen guten Job.“

Von seiner Mutter verkuppelt zu werden, ist das Letzte, das er will. Ein vernünftiger Mensch würde ihr sagen, dass sie sich da raushalten soll und einfach auflegen. Höflich natürlich, es ist immerhin seine Mutter. Aber Jackson hat nicht mehr viel Vernunft übrig, er hat in den letzten Monaten viel zu wenig geschlafen. Aus seinem Mund kommt kein „Nein, danke“ und auch kein „Ich brauche niemanden, um glücklich zu sein“. Nein, er sagt: „Es gibt da schon jemanden.“

Was eine glatte Lüge ist. Seit Angel hat er mit niemandem mehr geschlafen und ist mit niemandem ausgegangen, geschweige denn, dass beziehungstechnisch irgendetwas gelaufen ist. Mit der Romantik hat er es gerade nicht so.

Irgendwie ist das doch, als würde man ein bestimmtes Lebensmittel nicht mögen. Oder? Wenn er jemandem erzählt, dass er Walnüsse nicht mag, dann wird die Person ihm sagen, dass er sie doch mal kosten soll. Aber wenn er sagt, dass er allergisch ist, wird niemand versuchen, sie ihm aufzuzwingen. Seine Mutter ist genauso. Wenn er ihr erzählt, dass es ihm auch ohne Beziehung gut geht, dann wird sie trotzdem versuchen, ihn zu verkuppeln. Aber wenn er schon jemanden hat … Und jetzt kann er es nicht mehr zurücknehmen, oder?

„Oh! Das sind ja fantastische Nachrichten“, platzt seine Mutter freudig heraus. „Du musst denjenigen mitnehmen. Ich freue mich so, Liebling. Wir haben uns alle Sorgen gemacht. Warum hast du nicht früher etwas gesagt?“ Er hört, wie sie jemandem im Hintergrund etwas zuruft. „Jackson hat jemanden kennengelernt. Ist das nicht fantastisch?“

Er lässt seinen Kopf gegen den Küchentresen sinken und schließt die Augen. „Mom“, sagt er. Er muss auflegen, bevor sie nach Details fragt. „Ich muss los. Da ist jemand an der Tür.“ Im Moment weiß er wirklich nicht, was er jetzt tun soll, und er kann schlecht einfach auflegen. Obwohl das verlockend wäre. Mehr als je zuvor.

Die Enttäuschung in ihrer Stimme ist ganz deutlich zu hören, als sie sagt: „Oh. Keine Zeit, mehr zu erzählen? Du musst mir später alles berichten.“

„Mache ich“, sagt er. „Ciao.“ Und er legt auf.

Was zur Hölle soll er jetzt bloß machen? Eine Trennung erfinden? Großartig. Er ruft James zurück. „Ich hoffe, du bist auf dem Weg und hast Alkohol dabei“, sagt er statt einer Begrüßung.

„Das war ja anscheinend ein nettes Gespräch mit Mom“, merkt James an. „Wenn man vom Teufel spricht.“ Jackson schließt die Augen. „Ich habe gerade eine Nachricht von ihr bekommen. Warte mal kurz.“ Er legt auf.

Vielleicht will Jackson sich doch nicht mit seinem Bruder betrinken.

Fast sofort beginnt sein Handy wieder zu klingeln. Als er nicht abhebt, beginnen die Nachrichten einzutrudeln. Nicht alle davon von James.

Sie lauten:

Bastien: Du hast jemand Neuen am Start?!

James: Seit wann?????

James: Das glaub ich dir nicht. Hast du Mom Blödsinn erzählt?

Bastien: James sagt, du hast dir das nur ausgedacht

Dorian: Bro.

Dorian: Komm schon.

Denver: Sie wird am Boden zerstört sein, wenn ihr euch „trennt“!

Denver: Lass sie bloß nicht herausfinden, dass du gelogen hast.

Georgina: Du bist ein Trottel, aber ich biege das schon gerade. Ruf mich an.

Laurence: Und ich kann über Wasser gehen.

Laurence: Marcy sagt, das war gemein. Sorry. Ich gratuliere dir und deinem imaginären Freund.

Laurence: Sie sagt, das war auch gemein. Sorry nochmal!

Seine Mutter hat wortwörtlich eine Massen-SMS verschickt. Er weiß nicht, warum er überhaupt überrascht ist. Langsam bekommt er Kopfschmerzen. Er geht nach draußen, um sich auf die Veranda zu setzen. Ja, er hat jetzt eine Veranda. Frische Luft soll bei so was doch helfen. Als er die Wohnung aufgegeben hatte, hatte er sich dafür entschieden, in ein Haus zu ziehen. Wie ein richtiger Erwachsener hat er es sogar gekauft, statt es zu mieten. Es ist ein zweistöckiges Haus im Kolonialstil, viel Platz ganz für ihn allein. Die untere Hälfte ist Ziegelwand über Steinmauer, die obere Hälfte pfirsichfarben. Vielleicht wird er es neu streichen, aber er ist sich noch nicht sicher. Es bedeutet eine Menge Arbeit und er ist nicht viel zu Hause. Einen Vorgarten hat er und noch einen hinter dem Haus und manchmal mäht er sogar den Rasen. Meistens bezahlt er aber andere Leute dafür. Wenigstens Blumen hat er gepflanzt.

Er ist sich nicht sicher, ob er sich dadurch erwachsener fühlt, aber egal. Zumindest sind keine Nachbarn mehr über ihm.

Jackson legt die Beine auf dem Stuhl gegenüber ab, lehnt sich zurück und ruft Georgina an. Sie ist immerhin die Einzige, die ihm Hilfe angeboten hat.

„Ich weiß nicht, warum meine Brüder alle solche Idioten sind“, sagt sie.

„Auch hallo“. Er legt den Kopf in den Nacken. Sein rechtes Auge beginnt zu zucken.

Sie schnaubt. „Ich werde dich nicht fragen, warum du das getan hast. Ich denke, ich kenne die Antwort. Aber ich kann das geradebiegen, falls du eine Lösung willst.“

„Du hast eine Zeitmaschine?“

Georgina lacht. „Nein, ich habe einen Mann.“

„Ich werde mir sicher nicht deinen Freund ausborgen“, sagt er.

„Den habe ich auch nicht angeboten.“ Er hört eine Männerstimme mit Südstaatenakzent im Hintergrund. Anscheinend ist sie mit dem mysteriösen Texaner unterwegs. Niemand von ihnen hat ihn je getroffen. Sie haben nur den Namen – Tristan – und auch den mussten sie ihr mühsam abringen. „Er hat aber einen Kumpel, der für ein paar Wochen auf Besuch hätte kommen wollen und jetzt müssen wir zu diesem …“

„Also bringst du den Texaner mit?“, unterbricht er sie. Die Neugierde bringt ihn fast um.

Sie knurrt. „Ja. Jedenfalls, was ich sagen wollte: Tristans Kumpel wird ja sowieso zu Besuch kommen und wir müssen da hin, also wäre es doch perfekt, wenn besagter Kumpel so tun würde, als wäre er dein Neuer.“

„Und für ihn ist es okay, dass du für ihn die Zuhälterin spielst?“ Jackson bezweifelt es. Aber er vertraut seiner Schwester sehr viel mehr als seiner Mutter, wenn es ums Verkuppeln geht. Und es ist ja nicht wirklich verkuppeln … Er kann nicht glauben, dass er ernsthaft darüber nachdenkt. Aber wie geht das Sprichwort? Verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen?

„Ich frage ihn“, meint sie, aber es klingt, als wäre es sowieso schon abgemacht.

„Zwing ihn bloß nicht dazu.“

Sie schnaubt. „Das werde ich nicht müssen. Er macht so etwas beruflich.“

Jackson blinzelt. Sein Leben ist wirklich ein einziger Witz, das weiß er genau. Er sieht sich nach den versteckten Kameras um. „Sagst du, dass Tristans Kumpel ein Escort ist? Du willst, dass ich einen Escort zum Familientreffen mitnehme?“

„Er macht nur Dates. Nichts Fragwürdiges. Da geht alles mit rechten Dingen zu, versprochen. Er wird dir nicht zu nahe kommen und außerdem ist er total lieb. Er wird dir alle vom Leib halten.“

Das ist ein neuer Tiefpunkt für Jackson. Er kann nicht glauben, dass er das wirklich in Betracht zieht. „Was, wenn ich mein eigenes Date finde?“

Die Antwort ist Schweigen.

„Das wäre doch möglich“, grummelt er. Er hat nur niemanden, weil er niemanden will. Wenn er wollen würde, dann … Eigentlich hat Georgina recht. Wenn es für diesen Typen nur ein Job ist, kann Jackson nicht verletzt werden.

„Das bezweifle ich nicht“, sagt sie nach einer Weile diplomatisch. „Aber vielleicht ist es so einfacher. Es erfordert nur ein bisschen Schummeln.“ Sie zögert. „Du wirst unseren Geschwistern nicht weismachen können, dass du schon eine Weile mit ihm zusammen bist. Aber wenn du ihn gerade erst kennengelernt hast?“

„Nein“, sagt er. „Wir können alle anderen anschwindeln, aber nicht sie.“ Es ist zu kompliziert und fühlt sich nicht richtig an. Außerdem – wenn das alles nach hinten losgeht, dann wird er ausplaudern, dass sie die ganze Zeit eingeweiht waren.

Ist er nicht ein liebevoller Bruder?

„Wir haben uns im Park kennengelernt. Mein Hund hat sich losgerissen und Kate war so freundlich, ihn einzufangen.“ Aaron Wilkes lächelt freudestrahlend und betrachtet Kate liebevoll, als wäre er ihr völlig verfallen. Sie ist einen Kopf kleiner als er, hat milchweiße Haut, langes rotbraunes Haar und große braune Augen. Sie haben sich nicht wirklich im Park kennengelernt.

Aber Kate ist eine gute Schauspielerin.

Ihre Wangen werden rot und sie senkt den Kopf. „Es war Schicksal“, sagt sie und die Damen um sie herum beginnen verzückt zu gurren.

Er ist gut in seinem Job und hat so etwas schon öfter gehört, also lacht er nicht. Er grinst breit, legt den Arm um ihre Taille und zieht sie noch näher. „Ja, das war es wirklich.“

Irgendwann, nachdem sie ihnen noch mehr Details abgerungen haben, trollen sich die Ladys und sie sind allein. Kate hebt die Hände, um seine Fliege zu richten. „Danke“, flüstert sie. Es ist ungefähr das zwanzigste Mal, dass sie das sagt.

Er will sie nicht daran erinnern, dass sie für diesen Service bezahlt. Stattdessen tätschelt er ihre Hand. Sein karamellfarbener Hautton lässt sie sogar noch blasser wirken. „Es ist fast vorbei“, sagt er und schenkt ihr ein beruhigendes Lächeln. „Du machst das super.“ Ihr Lächeln wirkt etwas gequält. Er kennt diesen Gesichtsausdruck von diversen Hochzeiten, für die er engagiert wird. Er nimmt ihre Hand und verbeugt sich in einer dramatischen Geste. „Darf ich die Dame um ein Tänzchen bitten?“

Sie lacht. Ihre Augen funkeln. „Es wäre mir eine Ehre“, sagt sie und lässt sich von ihm zur Tanzfläche führen. Kates Schwester hat vor einer halben Stunde den ersten Tanz mit ihrem frisch angetrauten Ehemann vollführt; einen gelungenen Walzer. Kate war noch nicht auf der Tanzfläche. Er weiß nicht, ob sie tanzen kann.

Das wird er wohl gleich herausfinden.

Kate strafft die Schultern und atmet tief durch. „Bereit, wenn du es bist“, sagt sie und damit geht es los.

Es stellt sich heraus, dass sie eine recht gute Tänzerin ist. Sie bewegt sich sicher und leichtfüßig, kommt nicht ins Taumeln oder gerät ins Zögern. Ihre Bewegungen ergänzen sich gut mit Aarons, kein einziges Mal steigen sie einander auf die Zehen. Als das Lied endet, ist das Lächeln auf ihren Lippen aufrichtig, die Anspannung aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie sieht gut aus und er will nicht, dass es schon vorbei ist. Also führt er sie durch einige weitere Tänze, um sie zu beschäftigen und ihr gleichzeitig neugierige Gäste vom Leib zu halten.

Das frisch verheiratete Paar müsste jeden Moment aufbrechen und dann können sie auch los. Aus dem Augenwinkel bemerkt er Kates Mutter, die am Rande der Tanzfläche steht. Sie ist keine schlechte Mutter, soweit er das beurteilen kann – aber der Typ für kleine Seitenhiebe, wie zufällig fallengelassene Bemerkungen über Bekannte, die schon verheiratet sind und Kinder haben. Arme Kate. Der Einzige, der sie nicht wegen ihrer tickenden biologischen Uhr nervt, ist ihr Vater. Aaron vermutet, dass er vielleicht kapiert hat, dass Kate lesbisch ist.

Er will eigentlich nicht aufhören zu tanzen, weil Kate dann sicherlich wieder das falsche, angespannte Lächeln aufsetzt, aber ihre Mutter wirkt langsam ungeduldig. Er senkt den Kopf, um ihr ins Ohr flüstern zu können. Das wirkt intimer. „Ich glaube, deine Mutter will mit dir sprechen.“

Sie seufzt. „Noch eine Minute.“

Er tanzt noch drei Minuten mit ihr.

Kate wird für ein paar letzte Fotos mit der Braut gebraucht, also spaziert Aaron zur Bar hinüber, während sie sich in Pose werfen muss. Ihre Mutter hätte ihn auch gerne auf den Fotos gehabt, aber sie haben beide abgelehnt und gesagt, dass es dafür vielleicht noch ein bisschen zu früh ist. Aaron ist oft auf Hochzeitsfotos zu sehen, das gehört zum Beruf dazu. Aber er versucht, es zu vermeiden. Das ist irgendwie nicht fair gegenüber der Person, die ihn engagiert hat.

Sein Handy vibriert in der Hosentasche. Er zieht es hervor und wirft einen Blick darauf. Warum ruft Tristan an? Er trinkt einen Schluck Wein und nimmt dann den Anruf an. „Ich bin auf einer Hochzeit“, sagt er. „Kann ich dich zurückrufen?“

„Oh“, sagt eine Frauenstimme.

„Georgina?“

„Ja. Sorry, dass ich störe. Kannst du zurückrufen, wenn du fertig bist? Am Abend? Bald?“

Er hebt die Augenbrauen. „Ungefähr in einer Stunde. Hoffentlich. Es könnte auch etwas länger dauern“, sagt er und befeuchtet seine Lippen mit der Zunge. „Ist alles okay?“

„Ja, alles in Ordnung. Kein Grund zur Sorge. Ich wollte nur kurz etwas mit dir besprechen.“

Er hat keine Ahnung, worum es gehen könnte. „Okay, ich rufe dich bald zurück.“

„Bye!“ Sie legt auf.

Er starrt sein Handy an. Sein erster Instinkt ist es, Tristan eine Nachricht zu schreiben und ihn zu fragen, worum es geht, aber wenn Georgina sein Handy hat, wird das wohl nicht viel bringen.

Er nimmt gerade den letzten Schluck Wein, als Kate auf ihn zukommt. „Meine Schwester verabschiedet sich gerade von allen und dann können wir los. Kann ich dich auch für zukünftige Events buchen?“

Er zieht sie an sich und legt den Arm um ihre bloße Schulter. Ihr knielanges blaues Kleid umfließt ihre Beine wie Wasser. Es schmeichelt ihrer blassen Haut. „Klar“, sagt er. „Ich biete sogar Mengenrabatt.“ Mit ihr kann er es sich gut wieder vorstellen. Sie hat nicht das geringste Interesse daran, mit ihm zu schlafen. Die Chance darauf, dass sie doch irgendwann mit ihm ins Bett will, ist in etwa so hoch wie die Chance, dass er zum Mond fliegt. Also ist die Hauptkomplikation in seinem Beruf hinfällig.

Sie gluckst ein bisschen über seine Worte, dann lehnt sie sich gegen seine Schulter. „Buche vier Dates, krieg das fünfte umsonst?“ Sie hat so leise gesprochen, sodass nur er sie hören kann. „Ich denke, für dich mache ich jedes zweite Date zum halben Preis“, neckt er sie. „Ein ganz besonderes Angebot für eine ganz besondere Frau.“

Kate kichert und lässt sich gegen ihn sinken. „Ich hasse Hochzeiten“, murmelt sie. „Meine Füße tun weh.“

Das kann er sich bei den 13-Zentimeter-Louboutins gut vorstellen. „Ich habe einen Freund, der bietet Fußmassagen an.“

Kate brummt. „Gib mir seine Nummer. Ist er auch ein Escort?“

„Nein, nur Masseur.“ Aaron geht gerne nach der Arbeit zu ihm. Oft färbt die Anspannung seiner Kunden und Kundinnen auf ihn ab und dann braucht er etwas, um den Stress abzubauen.

Bald danach dürfen sie aufbrechen und er fährt sie nach Hause. Er bringt sie sogar zur Tür. Ja, er ist ein Gentleman. Sie umarmt ihn fest und er drückt ihr einen Kuss auf die Wange. „Du hast meine Nummer. Ruf mich einfach an, wenn du ein Date buchen willst. Wenn ich Zeit habe, gehöre ich ganz dir.“ Er tätschelt ihren Rücken. Sicher wird sie sich eines Tages outen, dann muss sie niemanden mehr dafür bezahlen, ihren Freund zu spielen. Er hofft für sie, dass dieser Tag bald kommen wird.

„Mache ich“, sagt sie und drückt ihn noch ein letztes Mal, bevor sie sich von ihm löst. „Ich muss sagen, ich war anfangs skeptisch, aber du hast das wundervoll gemacht.“

Er zwinkert. „Empfiehl mich ruhig weiter.“

Sobald Aaron wieder im Auto sitzt, verbindet er das Handy mit den Lautsprechern und ruft Tristan an. Wie erwartet hebt Georgina ab. „Hey“, sagt sie. „Wie war die Hochzeit?“

„Ganz normal“, sagt er und biegt in die leere Straße ein. „Die Kundin war nett. Sie will mich wieder buchen. Das ist immer gut.“

„Du willst immer noch für eine Weile auf Besuch kommen, ja?“

„Ja“, sagt er misstrauisch. „Willst du es etwa verschieben?“ Er hat schon ein Flugticket und Umbuchungen sind immer ein Albtraum. Außerdem hat er sich schon gefreut, Tristan zu sehen. Sie sind seit dem College befreundet, aber da Tristan nach New York gezogen ist und Aaron nach San Francisco, sehen sie sich nicht besonders oft.

„Nein“, sagt sie eilig. „Natürlich nicht. Ich wollte nur fragen, ob ich dich in dieser Zeit für zwei Wochen buchen kann.“

Zum Glück ist er gerade vor einem Stopp-Schild stehen geblieben. Er blinzelt. Sicher hat er sie falsch verstanden. „Was? Du willst mich buchen? Während ich auf Besuch bei deinem Freund bin?“

„Ja, ich will dich engagieren, aber nicht für mich. Es ist so: Ich habe einen Bruder und er braucht ein Date für unser Familientreffen. Da hat Tristan an dich gedacht. Ich habe es Jackson vorgeschlagen und er ist noch nicht ganz überzeugt, aber bereit, es mal zu versuchen. Ich dachte mir, es würde sicher gehen, weil du ja sowieso mitkommst.“

Irgendwo in diesem Gespräch hat er den Faden verloren. „Ähm, wohin komme ich sowieso mit?“

„Zu unserem Familientreffen.“

Ein Auto hinter ihm hupt und erst da fällt ihm auf, dass er schon eine Weile vor dem Stoppschild steht. Er fährt an. „Warum gehe ich zu eurem Familientreffen?“

Georgina seufzt. „Soll ich ganz von vorne beginnen?“

„Ja“, sagt er. „Das wäre sehr hilfreich.“ Er verdreht die dunkelbraunen Augen, obwohl sie es ja gar nicht sehen kann. Aaron hat Georgina noch nie persönlich getroffen, aber er hat schon über Skype mit ihr videotelefoniert. Er steht nicht auf Frauen, kann aber verstehen, warum Tristan sie mag. Georgina hat Feuer. Vielleicht ist sie auch ein bisschen verrückt.

„Okay“, beginnt sie. „Die Geschichte geht folgendermaßen: Alle fünf Jahre trifft sich die Carlisle-Familie zu einer Art gemeinsamem Urlaub. Wir haben heute die Einladung bekommen. Ich habe völlig vergessen, dass das bald auf dem Plan steht. Und die Sache geht über die Bühne, während du da bist. Tristan begleitet mich, also müsstest du auch mitkommen.“ Sie hält inne.

Er biegt an einer Kreuzung ab. „Okay“, sagt er. „Fahr fort.“

„Mein Bruder, Jackson, ist schon eine Weile Single. Miese Trennung, du weißt ja, wie das ist. Mom hat ihn anscheinend unter Druck gesetzt, und diese Familientreffen sind ja sowieso stressig, also hat er ihr vorgeschwindelt, dass er wieder in einer Beziehung ist. Ist er aber nicht. Nun ja, jetzt könnte er ihr erzählen, dass er sich getrennt hat, oder zugeben, dass er gelogen hat. Aber das will er eigentlich nicht, weil er dann ja wieder dasselbe Problem hat wie zuvor. Ergibt das Sinn?“

Nicht wirklich, aber Aaron macht ein zustimmendes Geräusch. Er ist neugierig. Es ist schwer, nicht neugierig zu sein.

„Wir, seine Geschwister, wissen alle, dass er nicht wirklich jemand Neuen kennengelernt hat. Aber alle anderen wissen es nicht. Also hat Tristan dich erwähnt und ich habe Jackson gesagt, dass ich vielleicht eine Lösung habe. Weil du ja sowieso mitkommen müsstest – wie wäre es, wenn du dich als der neue Freund meines Bruders ausgibst? Tristan sagt, du kannst so etwas wunderbar.“

„Findet er denn selbst kein Date?“ Wenn es irgendwie möglich ist, dass Jackson das allein hinkriegt, wäre ihm das lieber.

„Wahrscheinlich schon, aber niemanden, der das tun könnte, was du draufhast. Glaube ich. Ich will einfach, dass er wieder mehr Selbstbewusstsein kriegt. Dass ihm jemand hilft, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Du könntest ihm zeigen, was er eigentlich verdient hätte. Ich zahle den Flug und alles.“

Das wirft zwei Fragen auf, aber eins nach dem anderen. „Wird er nicht denken, dass das alles nur Fake ist? Ist das dann nicht ziemlich sinnlos?“

„Er wird denken, dass deine Zuneigung gespielt ist, ja, aber du kannst ihm trotzdem zeigen, wie man in einer Beziehung eigentlich behandelt werden sollte. Das sind zwei verschiedene Dinge.“

Dieser Logik kann er nichts entgegensetzen. „Wo findet das Treffen denn statt?“

„Hawaii.“

„Wie lange?“

„Zwei Wochen.“

Er biegt in die Einfahrt vor seinem weitläufigen, zweistöckigen, modernen Haus ein und wartet, bis sich seine Garagentür öffnet. Eine Reise nach Hawaii wäre sicher lustig. „Kannst du mir mal Tristan geben?“, fragt er. Normalerweise übernimmt er keine Jobs, in die Freunde oder Familienmitglieder involviert sind. In seinem Beruf kann es leicht brenzlig werden und er hat in seiner Vergangenheit schon einige Male Fehler gemacht, deshalb ist er extra-vorsichtig. Er wird es nicht machen, wenn Tristan dagegen ist. Und außerdem wird er keinen Freundschaftsrabatt anbieten.

Tristans lächerlicher texanischer Akzent erklingt am anderen Ende der Leitung. „Hallo.“

„Du denkst, dass das eine gute Idee ist?“

Tristan schweigt für einen Moment und fragt dann Georgina, ob sie ihn kurz allein lassen kann. Aaron hört, wie eine Tür geschlossen wird. „Ich war derjenige, der es vorgeschlagen hat“, sagt er. „Gut, der Plan hat einige Macken, aber … Sie macht sich Sorgen um Jackson. Es war … eine richtig hässliche Trennung, soweit ich das mitbekommen habe. Ich habe dich schon in Aktion erlebt. Du bist gut. Ich glaube, du könntest ihm wirklich dabei helfen, die Sache hinter sich zu lassen. Du hast ja schon Ähnliches gemacht. So bist du doch überhaupt erst zu dem Beruf gekommen.“

Das stimmt, aber er hat sich inzwischen weiterentwickelt. Es ist zwar schön, Menschen über ein gebrochenes Herz hinwegzuhelfen, aber auch anstrengend, und er hat gemerkt, dass er das nicht mehr schafft. Die Grenzen verschwimmen zu sehr. Er hat damals mit einigen dieser Menschen geschlafen – das war, als er noch kein Geld für seine Dienste verlangt hatte – und während dieser Zeit ist sein eigenes Herz gebrochen worden, zumindest ein wenig. Er hat als Trostpflaster angefangen und sich zum Escort weiterentwickelt. Ein Escort zu sein, ist ihm sehr viel lieber.

Tristan unterbricht die Stille mit einem Seufzen. „Du musst es nicht machen. Ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst. Du kannst trotzdem mitkommen, wir zahlen so oder so für deinen Flug.“

„Ich kann den Flug auch selber zahlen.“ Er steigt aus seinem silbernen Jaguar XJ75. Als Escort verdient man gut. Aaron drückt den Knopf, der die Garagentür schließt, und bückt sich, um seine Prada-Schuhe auszuziehen. Er trägt sie nach drinnen, da er im Haus lieber barfuß läuft, und schaltet das Licht mit dem Ellbogen an. „Kannst du mir mehr Details erzählen? Du weißt ja, normalerweise überprüfe ich meine Kunden vorher genau.“ Und das hat einen sehr guten Grund. Er hat schon oft Leute getroffen, die Escort-Service und Prostitution nicht voneinander unterscheiden können.

Die untere Etage seines Hauses ist offen gehalten, mit einem Boden aus Zedernholz und dunkelbeige gestrichenen Wänden. Angeblich lassen dunkle Farben die Räume kleiner erscheinen, aber das ist ihm egal. Weiße Wände machen ihn fertig. Er hat eine riesige ebenfalls beigefarbene Couch und einen noch riesigeren Fernseher gegenüber. Die chromglänzende Küche mit Marmorarbeitsplatten wird selten benutzt. Durch die hinteren Glasschiebetüren blickt man auf den großen, eleganten Pool, der einen Teil des Gartens einnimmt.. Vielleicht wird er noch eine Runde schwimmen, sobald er die Pinguin-Montur ausgezogen hat. Zuerst muss er seinen Hundesitter anrufen. Seine Babys werden sauer sein, wenn sie über Nacht bei Harley – dem Hundesitter – bleiben müssen.

Die Schlafzimmer sind alle im oberen Stock. Er steuert seines an.

„Wir könnten dir seine Nummer geben? Dann kannst du ihn anrufen oder ihm eine Nachricht schreiben, damit ihr euch kennenlernt.“

Aaron verengt die Augen. „Du bist ihm auch noch nicht begegnet, stimmt’s?“

Tristan hustet.

Er öffnet den Kleiderschrank und stellt die Schuhe an ihren Platz. Dann legt er seine Stirn gegen die kühle Wand. „Gib mir seine Nummer“, sagt er dann, obwohl er es besser wissen müsste. „Aber ich kann nichts versprechen.“