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Jaden Matthews hat seinen Vater und die Familie seines Vaters nie kennengelernt, doch jetzt bekommt er einen Crashkurs darin, plötzlich Geschwister zu haben. Nach dem Tod seiner Großmutter findet er heraus, dass er drei Halbbrüder hat und Mitbesitzer eines Fitnessstudios ist. In Serenity, Florida. Da sein Leben in New York ohnehin gerade steinig ist, ist ein kleiner Urlaub dort vielleicht genau passend, um wieder klarzukommen. Chase Michaels hat seine Zukunft bei einem Autounfall vor zehn Jahren verloren. Sein neues Leben hat er sich in Serenity aufgebaut – ein Leben ohne emotionale Verwick-lungen. Doch das Treffen mit Jaden schaltet seinen Ver-stand aus und lässt sein Herz höherschlagen.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2020
Meg Harding
Aus dem Englischen von Mia Rusch
© dead soft verlag, Mettingen 2020
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Finding home
Übersetzung: Mia Rusch
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Nevskii Dimitrii – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-417-9
ISBN 978-3-96089-418-6 (epub)
Jaden Matthews hat seinen Vater und die Familie seines Vaters nie kennengelernt, doch jetzt bekommt er einen Crashkurs darin, plötzlich Geschwister zu haben. Nach dem Tod seiner Großmutter findet er heraus, dass er drei Halbbrüder hat und Mitbesitzer eines Fitnessstudios ist. In Serenity, Florida. Da sein Leben in New York ohnehin gerade steinig ist, ist ein kleiner Urlaub dort vielleicht genau passend, um wieder klarzukommen.
Chase Michaels hat seine Zukunft bei einem Autounfall vor zehn Jahren verloren. Sein neues Leben hat er sich in Serenity aufgebaut – ein Leben ohne emotionale Verwicklungen. Doch das Treffen mit Jaden schaltet seinen Verstand aus und lässt sein Herz höherschlagen.
Serenity war eine kleine Stadt in Florida und lag scheinbar mitten im Nirgendwo. Vielleicht existierte sie auch gar nicht. Jaden Matthews hatte keine Ahnung. Er kannte nur die Adresse, die seine Mutter ihm geschickt hatte. Es war also fragwürdig, ob es die Stadt überhaupt gab. Langsam fragte er sich, ob sie ihn nur zu der Reise überredet hatte, damit er nicht mehr bei ihr zu Hause hockte und Trübsal blies. Vielleicht hoffte sie auch, dass er von einem Alligator gefressen wurde. Jaden hatte gehört, dass das in Florida tatsächlich vorkam.
Er fuhr rechts ran. Sobald sein Auto stand, ließ er die Stirn gegen das Lenkrad sinken und stieß ein frustriertes Seufzen aus. Vier Stunden. So lange war er heute schon unterwegs. Sein Fuß war eingeschlafen, genauso wie sein Hintern. Er hatte Kopfschmerzen. Es fühlte sich an, als würde jemand seinen Schädel mit einem Presslufthammer bearbeiten.
Google Maps hatte längst das Signal verloren. Jaden war auf einer einsamen Landstraße gestrandet, auf der es außer unzähligen Bäumen scheinbar nichts gab. Er musste dringend pinkeln. Doch was, wenn ein Bär ihn attackierte, sobald er aus dem Auto stieg? Das lag durchaus im Bereich des Möglichen. Er hatte Zeitungsartikel über Florida gelesen. Hier passierten nur schreckliche und bizarre Dinge.
Wie war er noch gleich hier gelandet? Ach ja, richtig. Als ob er das vergessen könnte. Die Geschichte ging folgendermaßen:
Vor zwei Monaten hatte sein Mann ihn nach neun Jahren Ehe verlassen, nachdem Jaden seinen Job in einer Steuerberatungskanzlei verloren hatte. Eigentlich hatte Jaden erwartet, dass man ihn bald in die Chefetage befördern würde, also war der Jobverlust ein Schock gewesen. Nun gut, Budgetkürzungen passierten. In diesem Fall musste man sich eben nach etwas Neuem umsehen. Er hatte gedacht, er würde schnell einen anderen Job finden. Steuerberater wurden immer gebraucht und Jaden hatte gute Referenzen. Drew hatte allerdings nicht gewartet, bis Jaden wieder auf die Beine kam. Vermutlich hatte es etwas mit dem Mann zu tun, mit dem er eine Affäre hatte. Einem Medizinstudenten. Jemandem mit großem Potenzial, der eine strahlende Zukunft vor sich hatte. Man musste kein Genie sein, um es zu kapieren. Jaden war fünfunddreißig und somit alt und langweilig. Vielen Dank auch. Drew behielt das Haus, bis sie eine einvernehmliche Lösung fanden. Jaden hatte das Auto behalten. Und Magneto, ihre Dogge. Das war die zweite Lektion, die er durch diese ganze Misere gelernt hatte: Man sollte immer einen Ehevertrag abschließen. Das wäre eine wirklich gute Idee gewesen. Jaden war zu seiner Mutter gezogen. Und dann war seine Großmutter gestorben. Er hatte nur vage Kindheitserinnerungen an sie; an die Kleider, die sie gerne getragen hatte, und an die Kuchen, die sie immer gebacken hatte. Sie hatte einen Hund gehabt, glaubte Jaden zumindest. Vielleicht war es auch eine Katze gewesen … Wie auch immer, sie war die Mutter seines Vaters. An ihn konnte Jaden sich nicht erinnern, sie hatten nie Kontakt zueinander gehabt. Doch seine Großmutter hatte er ein paarmal getroffen, als er noch klein gewesen war. Früher hatten sie sie manchmal besucht. Doch dann, als er fünf war, waren sie nach New York gezogen und der Kontakt war immer weniger geworden. Seine Großmutter hatte zu seinen Geburtstagen Geld und Glückwunschkarten geschickt. An Weihnachten hatten sie Weihnachtskarten und Schulfotos zurückgeschickt. Sie hatte ihr Haus und ihren Betrieb hinterlassen. Jaden wusste nicht, um was für eine Art Firma es sich handelte; er wusste nur, wem sie alles vermacht hatte: den Söhnen ihres Sohnes. Ja, tatsächlich. Söhne. Plural. Anscheinend hatte sein Vater sich ordentlich ausgetobt. Jaden wusste nicht, wo der Mann sich gerade herumtrieb. Es war ihm auch egal. Nun ja, jedenfalls tat er so, als wäre es ihm egal. Das war ein reiner Selbstschutzmechanismus. Eigentlich hatte er nicht nach Serenity kommen wollen. Er wollte mit seiner Verwandtschaft väterlicherseits nichts zu tun haben. Doch seine Mutter hatte ihn dazu gedrängt, wieder und wieder. Sie hielt es für eine fantastische Idee, wenn er seine Halbbrüder traf und das Kleinstadtleben kennenlernte. Du meinst doch auch immer, dass du einen Tapetenwechsel brauchst, hatte sie gesagt. Er bereute es, ihr jemals davon erzählt zu haben. Wenn er einfach die Klappe gehalten hätte, dann wäre er nie mitten im Nirgendwo auf einer einsamen Landstraße gestrandet und müsste sich keine Sorgen darüber machen, von wilden Tieren angefallen zu werden. Er kam aus New York; die gruseligsten Tiere, die er kannte, waren hungrige Eichhörnchen und fette Ratten. Magneto schlief nichtsahnend auf dem Rücksitz, schnarchte und sabberte auf die Ledersitze. Magneto hatte fast die ganze Reise hierher geschlafen, so auch heute. Sollten sie tatsächlich von einem Bären angefallen werden, würde Magneto keine große Hilfe sein. Jaden wusste nicht, wie Leute das aushielten. Er mochte es, alles in Gehweite zu haben, oder höchstens eine Viertelstunde mit dem Auto oder der U-Bahn entfernt. Wie konnte man nur so fernab der Zivilisation leben? Hier draußen gab es nicht mal Straßenschilder. Er hatte buchstäblich nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand.
Während er weiter vor sich hin starrte und über die Lebensentscheidungen anderer Leute nachdachte, erblickte er drei Hirsche, die aus dem Wald trabten und die Straße kreuzten. Er hatte noch nie mit eigenen Augen einen Hirsch gesehen.
»Okay, ich gebe ja zu, das ist ganz cool«, sagte er zu sich selbst.
Magneto schlief immer noch. Er schnarchte wie eine Kettensäge. Manchmal, wenn er seufzte, bliesen sich seine Hängebacken auf und flatterten. Jaden konnte es nicht leugnen: Er liebte Magneto mehr, als er Drew jemals geliebt hatte. Magneto hatte Drew wortwörtlich in den Hintern gebissen, als sie gegangen waren. Die Erinnerung daran brachte ihn immer noch zum Lächeln.
Er startete den Motor wieder und fuhr weiter die Straße entlang. Beziehungsweise das, was man hier wohl Straße nannte. Er fuhr. Und fuhr. Immer weiter. Der Tank war nur noch zu einem Viertel voll. Jaden sah der Anzeigennadel dabei zu, wie sie sank und sank … Und schließlich war es so weit. Das Auto wurde langsamer und dann standen sie mitten im Nirgendwo am Straßenrand. Mit leerem Tank. Das nächste menschliche Wesen war vermutlich Hunderttausende Kilometer entfernt.
»Schöne Scheiße.«
Magneto wachte auf, als Jaden den Motor anflehte, auf magische Weise wieder anzuspringen. Er leckte ihm über die Wange und schnaubte ihm mit seinem warmen Atem ins Ohr. Ziemlich eklig.
»Vielen Dank auch.« Jaden griff ins Handschuhfach und fand die Reinigungstücher, die er für solche Anlässe darin aufbewahrte. Er begann, Magnetos Sabber von seinem Gesicht zu wischen.
Magneto bellte.
»Was hältst du von einem Spaziergang?«, fragte er ihn ernsthaft.
Magneto machte es sich wieder auf dem Rücksitz bequem und legte die Pfoten über den Kopf.
»Ja. Das habe ich mir gedacht.«
Die Wetter-App auf seinem Handy hatte für heute lauschige Temperaturen von 37 Grad Celsius angekündigt. Das bewies wohl, dass Florida tatsächlich die Hölle auf Erden war. Es war Mai. Hatte man hier noch nie von Frühling gehört? Mangels Alternativen öffnete er die Autotür, um die feuchtwarme Luft hereinzulassen. Es fühlte sich an wie in der Sauna. Nur gab es hier keine halb nackten Männer und auch keine Klimaanlage. Außerdem machte er sich immer noch Sorgen wegen der Bären. Es war wohl an der Zeit, den Notruf zu wählen und zuzugeben, dass er ein Idiot war.
Erst, als die Frau am anderen Ende der Leitung fragte, wo er sich befand, fiel ihm auf, dass er richtig tief in der Scheiße saß. Er hatte nämlich keine Ahnung. Nicht einmal den Namen der Straße kannte er. Highway 28? 47? 79? Woher sollte er das wissen?
»Können Sie nicht mein Handy orten?«, fragte er. »Ich bin nicht von hier.«
Die Frau am Telefon seufzte genervt. Durfte sie das überhaupt? Er hatte hier ein ernstes Problem.
Tut mir schrecklich leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten mache.
Er verdrehte seine blauen Augen. Nicht nur wegen ihr, sondern wegen der Allgemeinsituation. Das hier fühlte sich an, als würde er mit Vollgas auf einen Abgrund zufahren.
In diesem Moment hörte er ein Fahrzeug. Er wandte sich um und sah, wie sich ein Auto rasch näherte. »Da kommt jemand«, unterbrach er die Frau am Telefon. »Ich sehe mal, ob das Auto anhält. Können Sie dranbleiben, falls etwas schiefgeht?« Wenn er brutal ermordet neben dem Highway endete, dann wollte er zumindest, dass die Polizei seinen Mörder schnell fand.
Die Frau seufzte ihm erneut ins Ohr. »Sehen Sie viel fern?«, fragte sie.
Jaden begann mit der freien Hand zu winken und versuchte, die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich zu ziehen. »Ja, tue ich«, antwortete er. Ob es eine gute Idee war, auf die Straße zu laufen? Wie standen die Chancen, dass das Auto ihn überfahren würde?
»Sind Sie ein Fan von CSI?«
Jaden entschied sich dazu, neben seinem Auto stehen zu bleiben. Hoffentlich würde Winken ausreichen, um zu signalisieren, dass er Hilfe brauchte. »Navy CIS mag ich lieber«, sagte er. »Und Criminal Minds. Die Serie ist gut.«
Sie murmelte etwas. Er verstand sie zwar nicht, aber es war vermutlich wenig schmeichelhaft.
»Ich sehe auch Nachrichten«, verteidigte er sich. »Und die sind nicht fiktional.« Er hatte eine gesunde Dosis Misstrauen, was die Welt und Menschen anging. Besonders Menschen gegenüber. Menschen waren unberechenbar. Kein bisschen wie Zahlen, die man mit Logik und einer Portion Hausverstand verstehen konnte.
Das Auto wurde langsamer und blieb direkt hinter seinem stehen. Jaden verengte die Augen und versuchte, den Fahrer durch die getönte Windschutzscheibe zu erkennen.
»Das Auto hat angehalten. Ein silberner Toyota Corolla, ziemlich alt. Der hat schon bessere Tage gesehen.« Die Motorhaube hatte Dellen, die Kotflügel waren mit Dreck bespritzt. Ganz zu schweigen von all den toten Insekten, die an der Stoßstange klebten.
Die Frau am anderen Ende der Leitung blieb stumm.
»Haben Sie das notiert?«
»Oh, ja, sicher«, sagte sie.
Jaden glaubte ihr kein Wort.
Die Fahrertür wurde geöffnet. Jadens Magen krampfte sich vor Angst zusammen. Und dann erklang ein Hupen. Fast hätte er sich in die Hose gemacht. Mit rasendem Herzen wirbelte er herum und erblickte Magneto, der eine Pfote auf die Hupe gelegt hatte. Ein unschuldiger Ausdruck stand auf seinem niedlichen, schwarz-weißen Hundegesicht.
»Bist du fertig mit deinem Nickerchen?«, fragte Jaden und legte sich eine Hand auf die Brust, als ob das seinen Herzschlag beruhigen könnte.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte eine warme, tiefe Männerstimme hinter ihm.
Augenblicklich lief ihm ein Schauder über den Rücken. Hä? Das war seltsam. Er wandte sich um. Am Straßenrand stand ein „Calvin Klein“-Model. Die Natur hatte es eindeutig gut mit ihm gemeint. Der Mann war größer als Jaden, sicher über ein Meter achtzig, und seine Beine … Jaden lief ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Sie waren lang und wohlgeformt. Seine Jeans schmiegte sich an seine Oberschenkel. Seine starken, muskulösen Oberschenkel. Jaden schluckte. Sein schlichtes weißes T-Shirt betonte seinen ebenso wundervollen, durchtrainierten Oberkörper. Sicher hatte er die Art von Bauchmuskeln, die Jaden normalerweise nur in Pornos sah. Er war braun gebrannt, sein Kinn und seine hohen Wangenknochen waren wie aus Stein gemeißelt, seine Lippen waren voll und rot. Seine Augen wurden von einer „Ray Ban“-Sonnenbrille verborgen und sein kastanienbraunes Haar fiel in Wellen bis zu seinen Ohren. Jaden fragte sich, ob er vor lauter Hitze im Auto ohnmächtig geworden war. Vielleicht war all das ja eine wunderbare Halluzination. Wenn der Typ gleich sein T-Shirt ausziehen würde, dann würde das die Frage beantworten. Vielleicht sollte er weniger Pornos gucken.
»Sind Sie okay?«
Jaden blinzelte. Der Typ hatte das T-Shirt bisher nicht ausgezogen. Also war dieser göttliche Mann wohl tatsächlich sein Retter in der Not. Wow. Zu schade, dass er gleich würde zugeben müssen, was für ein Idiot er war. »Ich habe keinen Sprit mehr«, sagte er. »Und keine Ahnung, wo ich bin.«
Der Mann lächelte. Er hatte Grübchen. Zwei sogar. Eines in jeder Wange.
Jadens Knie gaben fast nach. Mann, diese Hitze machte ihn wirklich fertig. Er lehnte sich gegen sein Auto, um nicht umzukippen. Schweiß lief seinen Nacken herab, unter seinen Kragen und seine Wirbelsäule entlang. Als Jaden sich über die Lippen leckte, schmeckte er Salz. Also hatte er sich nicht nur verfahren, sondern stand verschwitzt und eklig am Straßenrand. Wundervoll. Genau so wollte man sich dem heißesten Mann präsentieren, den man je gesehen hatte.
»Sie sind auf der State Road twenty-two, etwa fünfzehn Kilometer von Serenity entfernt.«
Jaden fiel die Kinnlade runter. »Sie verarschen mich, oder? Fünfzehn Kilometer? Mein Auto hätte nur noch fünfzehn Kilometer durchhalten müssen?« Wenn er so eine Schrottkiste hätte wie der heiße Typ, hätte er jetzt dagegengetreten. Aber er fuhr einen Audi, also stampfte er nur mit dem Fuß auf. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war so nah am Ziel.
»Ich vermute also einfach mal, dass Sie nach Serenity wollen?«, fragte der Mann. Er war zwar immer noch unglaublich sexy, doch sein Grinsen nervte Jaden langsam. Seine Lage war nicht witzig, verdammt!
»Ja, genau dort will ich hin«, sagte er.
Sein potentieller Retter musterte ihn gründlich von Kopf bis Fuß.
Jaden richtete sich auf, versuchte, seine Schultern breiter wirken zu lassen. Er fuhr sich durchs Haar, um das verschwitzte Durcheinander noch irgendwie zu retten. Verglichen mit diesem Mann, ließ seine Erscheinung sicher zu wünschen übrig.
Die Frau am Telefon fragte: »Kann ich jetzt auflegen oder wollen Sie weiterhin meine Zeit verschwenden?«
Er legte auf. Falls er starb, konnte er sie als Geist heimsuchen.
»Ich kann Sie und Ihr kleines Pferd hier zur nächsten Tankstelle und wieder zurück bringen«, bot der Mann an und streckte eine Hand nach Magneto aus.
Zögerlich ging Magneto auf ihn zu, vorsichtig schnuppernd, die schwarz-weißen Ohren eng an den Kopf gelegt. Er mochte keine Fremden. Es hatte Wochen gedauert, bis er sich an Drew gewöhnt hatte, einfach nur, weil Jaden derjenige gewesen war, der ihn als Welpe aus dem Tierheim geholt hatte. Eigentlich hätte Magneto ein Geburtstagsgeschenk für Drew sein sollen. Dieser Plan war nach hinten losgegangen, aber es tat Jaden nicht wirklich leid. Er sah dabei zu, wie Magneto zaghaft an den Fingern des Mannes schnupperte. Dann schoss seine Zunge hervor und er leckte seine Hand ab, wobei er sie von oben bis unten vollsabberte.
Der Mann lachte und kniete sich vor Magneto hin. Dieser begann, über seine Wange zu schlabbern.
Das beantwortete wohl die Frage, ob Jaden diesem Typen vertrauen konnte. Sein Hund tat es eindeutig und das musste etwas bedeuten. »Das wäre wirklich nett. Vielen Dank«, sagte er und trat von einem Bein aufs andere. Ob er anbieten sollte, für die Hilfe zu bezahlen? Vielleicht, sobald sie an der Tankstelle waren. Es war sicher besser, noch zu warten, bevor er die Brieftasche zückte. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Magneto sich irrte.
»Gerne doch.« Der Mann warf Jaden ein strahlendes Lächeln zu und fuhr damit fort, Magnetos riesige Schlappohren zu kraulen. »Ich bin Chase Michaels. Wie heißt Ihr Hund denn?«
»Magneto.«
Chase Michaels …
Irgendwie hörte sich dieser Name vertraut an. Doch Jaden konnte ihn nicht einordnen. Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich nur ein Zufall. »Wie einer der X-Men.« Das sagte er inzwischen immer automatisch dazu, nur um die unausweichliche Frage gleich zu beantworten.
Als Magneto seinen Namen hörte, wandte er sich von Chase ab und trottete zu Jaden. Dieser kraulte ihn zur Belohnung am Kinn.
»Und ich bin Jaden. Jaden Matthews.«
Chase wischte seine vollgesabberten Hände an seiner Jeans ab. Jaden krümmte sich innerlich. »Schön, Sie kennenzulernen. Wollen wir los oder brauchen Sie noch etwas aus dem Auto?«
»Ich hole nur kurz seine Leine.« Als Jaden danach griff, steckte er seine Brieftasche unauffällig in die Hosentasche. Erst im letzten Moment fiel ihm auf, dass er seine Autoschlüssel mitnehmen sollte. Wenn er sich jetzt auch noch aussperrte, wäre das die krönende Kirsche auf seinem beschissenen Tag. Er mochte keine Kirschen.
Magneto sprang auf den Rücksitz von Chases Auto und begann sofort damit, das Fenster vollzusabbern.
Jaden starrte ihn bestürzt an. »Es tut mir so leid«, sagte er rasch. »Ich zahle natürlich für die Autoreinigung.« Drew hatte sich immer geweigert, Magneto in sein Auto zu lassen. Und er hatte sich fürchterlich aufgeregt, wenn Magneto im Haus alle Fenster verschmiert hatte, während er den Eichhörnchen draußen beim Spielen zugesehen hatte. Jaden war mittlerweile ein routinierter Fensterputzer. Wenn er keinen neuen Job als Steuerberater fand, könnte er ja die Branche wechseln. Er könnte seine eigene Firma gründen und die Steuer selbst erledigen.
Aber Chase lachte nur. Die Sauerei, die Magneto in nicht einmal zwei Sekunden angerichtet hatte, schien ihn gar nicht zu kümmern. »Das ist schon okay«, sagte er. »Ich mache für ihn das Fenster auf.«
Sein Auto roch nach Äpfeln. Jaden sah sich unauffällig um, bis er im Becherhalter etwas entdeckte, das wohl ein Smoothie war. Die Farbe war braun und eher wenig appetitanregend. Er hatte erwartet, dass Country aus den Lautsprechern schallen würde, also war er angenehm überrascht, etwas anderes zu hören. Indie-Rock vielleicht? Er kannte das Lied nicht, aber der Beat war gut und der Sänger hatte eine schöne Stimme. Sollte er Smalltalk machen und fragen, welche Band das war?
»Also, was führt Sie nach Serenity?«
Jaden pulte an der Haut neben seinen Fingernägeln. Chase sah konzentriert auf die Straße und aus diesem Winkel konnte Jaden sehen, dass er lange, dichte Wimpern hatte. Nur seine Augenfarbe konnte er noch immer nicht erkennen.
»Meine Großmutter ist gestorben«, sagte er. »Anscheinend habe ich einen Teil ihres Unternehmens geerbt.«
Chases Sonnenbrille verrutschte, als er rasch den Kopf wandte. Aus atemberaubend grünen Augen starrte er Jaden an. »Sind sind ein Enkel von Lily-Anne?«, fragte er und schob die Sonnenbrille wieder hoch.
Jaden hatte zum wiederholten Male das Gefühl, auf irgendeine Art analysiert zu werden. Dann kam der Sinn von Chases Worten in seinem Kopf an. Ein Enkel. Wusste jeder außer ihm, dass er Brüder hatte? »Wie viele andere Enkel gibt es denn?«, wollte er wissen. Im Testament war das nicht genauer spezifiziert worden. Das Erbe sollte zwischen allen lebenden Enkeln aufgeteilt werden, so der genaue Wortlaut.
Chase hob die Augenbrauen. »Drei. Sie leben alle in Serenity. Schon seit Jahren.«
Hatte jemand Jaden ins Gesicht geschlagen? Es fühlte sich nämlich so an. Er hatte drei Halbbrüder und anscheinend waren sie alle miteinander aufgewachsen. In Serenity? Hieß das, dass sein Vater auch hier lebte? Würde er endlich den Mann kennenlernen, den er bisher eher als Samenspender betrachtet hatte?
Chase legte eine seiner großen, warmen Hände auf seinen Oberschenkel, in einer beiläufigen Bewegung. Jaden zuckte zusammen und starrte sie an. Seine Gedankenblase zerplatzte abrupt. Doch für Chase schien die Berührung keine große Sache zu sein. Er sollte ihn bitten, die Hand wieder wegzunehmen, doch die Worte drangen nicht aus seiner Kehle.
»Ähm«, sagte er.
»Sind Sie okay?«
»Ja.«
Chase wirkte nicht überzeugt, zog die Hand aber wieder weg.
Erst als Jaden tief Luft holte, fiel ihm auf, dass er den Atem angehalten hatte. Er sollte etwas sagen, bevor Chase Fragen stellte, die er nicht beantworten wollte. »Sie haben sie also gekannt?«
»Ja. Sie war wirklich unvergleichlich. Ich war am Sonntagabend oft bei ihr und Ihren Brüdern zum Essen eingeladen. Sie hat ein altes Lagerhaus gekauft, es renoviert und dort ein Fitnessstudio eröffnet. Die Jungs leiten es nun. Ich unterrichte ein paar Kurse dort, mehrmals die Woche. Das Studio bietet auch Physiotherapie an.« Er lächelte. »Ihre Großmutter war Krankenschwester, wussten Sie das? Sie hat es geliebt, Menschen zu helfen.«
Das hatte Jaden nicht gewusst. Er kratzte sich am Nacken. Seine Nerven flatterten. Er würde ein Außenseiter sein. Ein Außenseiter, der … Ja, was eigentlich? Der in eine Situation hineinplatzte, die ohne ihn perfekt funktionierte? »Ich kannte sie nicht wirklich«, murmelte er.
»Oh.«
Sofort breitete sich peinliches Schweigen aus. Es waren die längsten zehn Minuten seines Lebens. Obwohl er schon öfter solche unangenehmen Situationen erlebt hatte.
Als sie die Tankstelle erreichten, waren weit und breit keine anderen Kunden zu sehen. Jaden kaufte im Eiltempo einen Kanister und füllte ihn auf. Chase hatte Magneto aus dem Auto gelassen und spazierte mit ihm über die nahe Wiese, wo Magneto Grasbüsche und Sträucher markierte.
Anscheinend mochte Chase keine Stille. Auf dem Rückweg räusperte er sich nach einigen Minuten und fragte: »Also, wie lange wirst du bleiben?«
»Ein paar Wochen? Vielleicht einen Monat.« Das war zumindest der Plan. Lange genug, um sich um alles Nötige zu kümmern. Nur, dass es eigentlich nichts zu tun gab. Das Unternehmen seiner Großmutter lief auch ohne ihn und seine Brüder hatten wahrscheinlich schon ihr Haus ausgeräumt. Vielleicht würde er ein bisschen Krimskrams mitnehmen und sich darum kümmern, seinen Anteil an der Firma zu verkaufen. Seine Halbbrüder wollten sicher nicht, dass er plötzlich aus dem Nichts auftauchte und ihr Leben durcheinanderbrachte.
»Serenity ist eine kleine Stadt, etwa fünftausend Einwohner. Aber ich finde, es ist wirklich schön hier. Wir haben viel zu bieten.«
Jaden schnippte einen Fussel von seinem Hosenbein. Eigentlich sollte er Chase das nicht fragen … Aber er würde es trotzdem tun. »Kannst du mir etwas über sie erzählen? Über … meine Brüder?« Er hielt seinen Blick angestrengt auf die Bäume gerichtet, die draußen vor dem Autofenster an ihnen vorbeizufliegen schienen.
Chase zögerte kurz, doch dann drehte er das Radio leiser und begann zu sprechen. »Da sind Elliot, Phoenix und Zane. Phoenix und Zane haben schon hier gelebt, als ich nach Serenity gezogen bin, vor etwa sechs Jahren. Elliot ist dann ungefähr ein Jahr später dazugekommen. Soweit ich weiß, haben sie nach ihrem Vater gesucht und sind dann geblieben. Zane und ich sind im Studio für die Physiotherapie verantwortlich, Elliot ist fürs Personal Training zuständig. Phoenix macht alles Mögliche. Er leitet ein Rehabilitationszentrum für Wildtiere, das ist ziemlich zeitintensiv. Sie leben alle getrennt, aber Elliot hat die letzten sechs Monate bei Lily-Anne gewohnt, um sich um sie zu kümmern.« Er hielt neben Jadens Auto an. Sein Tonfall war warm, beruhigend. »Sie sind alle wirklich nett. Du musst dir keine Sorgen machen.«
Jaden lächelte schief. Sein Magen schien zu schlingern. Nun wusste er zumindest, dass sie nicht gemeinsam aufgewachsen waren. Aber trotzdem, es war eben nicht so einfach, sich keine Sorgen zu machen.
Großmutter Lily-Anne Bannister hatte in einem zweistöckigen Ranchhaus gewohnt. Es war aus großen Ziegelsteinen erbaut und besaß eine Veranda mit Holzgeländer. Eine Treppe führte hinauf zu der breiten Eingangstür. Ein Mann saß mitten auf den Stufen, als Jaden in die Einfahrt einbog. Er trug Jeans und Stiefel. Seine langen Beine hatte er ausgestreckt, mit den Ellbogen stützte er sich auf der Stufe hinter sich ab. Eine sehr lässige Pose.
Jaden schluckte den Knoten in seiner Kehle hinunter. »Was glaubst du, welcher meiner Brüder ist das?«, fragte er an Magneto gewandt.
Der Hund saß auf dem Beifahrersitz und sabberte das Armaturenbrett voll. Er leckte sich über die Lefzen, als würde er Jadens Frage überdenken.
Jaden wartete eine Sekunde und nickte dann. »Ja, ich habe auch keine Ahnung.«
Er könnte noch den ganzen Tag in seinem Auto sitzen und warten oder er könnte sich ein Paar Eier wachsen lassen und den Fremden treffen, der die Hälfte seiner DNA teilte. Es war sehr verlockend, einfach hierzubleiben, bis die Hitze ihn am Ende umbringen würde.
Magneto spürte sein Zögern und legte mit sanftem Druck eine riesige Pfote auf Jadens Oberschenkel. Er starrte Jaden würdevoll an.
»Für einen Hund bist du aber ganz schön überkritisch«, sagte Jaden und zog eine Schnute. Es war kein gutes Zeichen, wenn sein Hund es schaffte, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Er atme tief ein. Und dann zittrig wieder aus. Schließlich öffnete er die Tür und hievte sich aus dem Auto. Magneto folgte ihm, stieß Jaden mit der Schnauze in den Rücken und schubste ihn vorwärts.
Der Mann auf den Stufen stand auf und ging mit langen, schnellen Schritten auf Jaden zu. Seine Jeans war ausgeblichen und zerrissen, sein T-Shirt schlicht, wie diejenigen, die man im Multipack im Discounter kaufte. Die Stiefel waren braun und schlammüberzogen. Je näher er kam, desto besser konnte Jaden ihn erkennen. Automatisch suchte er nach Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Dieser Mann, sein Halbbruder, hatte schulterlanges, braunes, welliges Haar mit blonden Strähnen. Und einen Bart. Einer von diesen gepflegten Bärten, lang, aber modisch. Er sah aus, als könnte er in einer Shampoowerbung mitspielen.
Jaden konnte sich keinen Bart wachsen lassen. Drew hatte ihn einmal dazu überredet, es zu versuchen. Herausgekommen war nur ein ungleichmäßiger, zotteliger Mopp. In der Mitte seiner Oberlippe wuchsen einfach keine Haare und es sah bescheuert aus, wenn sein Schnurrbart in der Hälfte geteilt war. Die langen Haare würden ihm sicher auch nicht stehen. Er ballte die Hand zur Faust, um sich nicht in einer verlegenen Geste durch seinen langweiligen Kurzhaarschnitt zu fahren.
»Hey«, sagte Mister Shampoowerbung. »Du musst Jaden sein.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Es ist wirklich schön, dich kennenzulernen. Ich bin Elliot.« Sein Lächeln war freundlich und offen. Elliots Augen waren genauso dunkelblau wie Jadens und auch ähnlich geformt. Im Gegensatz zu Jadens dunklen Wimpern waren Elliots jedoch blond. Wenn Jaden aus einem bestimmten Winkel hinsah, konnte er sie kaum erkennen.
»Hi. Ich bin Jaden.« Er krümmte sich. Das wusste Elliot ja schon. Natürlich machte er sich gleich zum Idioten. »Ich freue mich auch, dich kennenzulernen.« Dann fiel ihm nichts mehr ein. Sein Kopf war wie leer gefegt. »Ähm.«
Elliot räusperte sich, kratzte sich unter dem Bart und trat von einem Bein auf das andere. »Ein Freund von mir hat angerufen und mir gesagt, dass du kommst. Wirst du hierbleiben? Ich kann dir das Haus zeigen.« Er lächelte verlegen. »Wir haben Strom und Wasser nicht abdrehen lassen, es ist also bewohnbar.«
Um ehrlich zu sein, hatte Jaden geplant, in einem Hotel zu wohnen. Er öffnete den Mund, um Elliot das mitzuteilen. Doch schlussendlich sagte er nur: »Ähm, klar.« Eilig schloss er den Mund wieder. Wie sagte man auf höfliche Art, dass man verrückt geworden war und seine Worte gerne zurücknehmen würde?
Elliot strahlte und wandte sich schon dem Haus zu. Jaden war seine verkrampfte Haltung bisher gar nicht aufgefallen, sondern erst jetzt, wo Elliot die Schultern sinken ließ. »Das ist großartig. Wir haben alles so gelassen, wie es war. Es ist genauso wie früher. Irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt und wir wissen nicht wirklich, was wir mit all dem Kram machen sollen. Du kannst dich ganz wie zu Hause fühlen. Ich kann dich zum Einkaufen fahren, wenn du willst. Oder du könntest zu mir zum Abendessen kommen. Ich weiß, dass Phoenix und Zane dich auch gerne kennenlernen wollen. Aber ich kann verstehen, wenn du müde bist und dich den Rest des Tages ausruhen willst.«
Jaden blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, mit schnellen Schritten, um Elliots Tempo zu halten. Er würde Elliot unterbrechen müssen, um auch etwas zu sagen. »Ähm«, sagte er erneut, unsicher und vollkommen überwältigt. »Ich bin wirklich etwas müde.«
»Kein Problem. Ich zeige dir alles und um den Rest kümmern wir uns morgen. Mach dir keine Sorgen.« Elliot öffnete die Eingangstür und deutete mit einer ausladenden Geste in die geflieste Diele. »Nach dir.«
Jaden fragte sich, ob Alice sich so gefühlt hatte, als sie dem Kaninchen in den Bau gefolgt war. Er trat ein.
Das Problem am Kleinstadtleben war, dass man keinerlei Privatsphäre hatte. Chase stand erst seit zehn Minuten hinter der Theke seines kleinen Smoothieladens Healthy Blends, bis ihn jemand nach dem Neuankömmling fragte. Er hob die Augenbrauen und sah Lanie Kingsleigh fragend an.
»Wie hast du von ihm erfahren?«
Lanie war zwischen sechzig und achtzig. Sie nannte jedem, der fragte, ein anderes Alter, und war eine gigantische Klatschtante. Wenn das Leben eine Runde Stille Post wäre, dann wäre Lanie immer diejenige, die das Spiel beginnen würde. Ihr braun gefärbtes Haar war heute in Locken gestylt. Sie hüpften, sobald sie sich bewegte. »Jacob hat mich angerufen. Er hat aber nicht viele Details verraten.« Sie lehnte sich nach vorn. »Du gibst zu viel Mango rein.«
Chase hielt dabei inne, ihren Smoothie einzugießen. »Du hast einen Mango-Smoothie bestellt«, erinnerte er sie.
»Aber mit wenig Mango. Also, wirst du mir erzählen, wer er ist?«
Chase war sich nicht sicher, wie man einen Mango-Smoothie mit wenig Mango mixte. Er drehte sich um und tat so, als würde er den Smoothie auskippen, um einen neuen zu machen. Lanie verlangte das jedes Mal. »Nein, werde ich nicht«, sagte er freundlich und reichte ihr den Smoothie. »Einen wunderschönen Tag wünsche ich dir.«
Sie schnaubte, zog aber von dannen. Chase betrachtete es als einen Sieg.
Drei Minuten später wurde er wieder nach dem Neuen gefragt, diesmal von einer Mutter aus dem Elternverein, und ab da verselbstständigte sich die Sache. Langsam fragte er sich, ob Jacob, der Tankstellenwart, einen Aushang über Jaden Matthews Ankunft ans schwarze Brett gehängt hatte. Sie wollten wissen, wie er sprach. Hatte er einen Akzent, klang er kultiviert? Was wollte er in Serenity? Sobald alle herausfanden, wer er war, würde der Klatsch explodieren. Denn Jaden … Jadens Ankunft war eine wichtige Neuigkeit. Lily-Anne war in Serenity so etwas wie eine Berühmtheit gewesen. Sie war hier geboren und hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Außerdem hatte sie die Stadtversammlungen geleitet. Es gab hier niemanden, der sie nicht kannte und respektierte. Alle hatten Geschichten über ihren Sohn gehört. Chase war zu spät gekommen, um ihm noch zu begegnen. Lily-Anne hatte ihn als flatterhaft beschrieben. Kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg, hatte sie gesagt. Andere waren nicht so nett, beschrieben ihn als Unruhestifter und Loser. Er blieb nicht gerne lange an einem Ort. Als seine Söhne vor all den Jahren eingetrudelt waren, war Lily-Anne ganz aus dem Häuschen gewesen. Genauso wie alle anderen in der Stadt. Nun, da jeder über den Schock hinweggekommen war, war Jadens Ankunft ein gefundenes Fressen. Es gab wieder einen Neuen, den man analysieren konnte. So, wie Chase es verstanden hatte, war Jaden der älteste Enkel. Seine Mutter stammte aus Serenity und war mit Sack und Pack verschwunden, wobei sie Jaden mitgenommen hatte. Er war der einzige Enkel, von dessen Existenz Lily-Anne gewusst hatte. Sie hatte immer gesagt, dass die Ankunft der anderen drei eine freudige Überraschung, ein Geschenk Gottes gewesen war. Eines dieser Geschenke Gottes betrat in diesem Moment den Laden. Die Glocke über der Tür klingelte fröhlich.
Phoenix hatte sein langes, blau gefärbtes Haar zu einem Dutt hochgebunden, sodass man die Piercings in seinen Ohren gut sehen konnte. Sein Nasenring leuchtete im fluoreszierenden Licht auf und er trug eine Katze im Arm. Chase verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass Tiere im Laden nicht erlaubt waren. Er wusste schon, dass es zu nichts führte.
»Wen hast du heute mitgebracht?«, fragte er und begann bereits, Phoenix‘ übliche Bestellung vorzubereiten: einen Erdbeer-Cheesecake-Smoothie.
»Sie hat noch keinen Namen. Ich habe sie gerade in deinem Müllcontainer gefunden.«
Chase griff nach der Milch, goss etwas davon in eine kleine Schüssel und schob sie über den Ladentisch. »Darf ich fragen, was du in meinem Müllcontainer zu suchen hattest?«
Phoenix grinste breit. »Nö.«
Chase hatte nichts anderes erwartet.
Die kleine Katze schnurrte und machte sich über die Milch her, wobei sie Tropfen davon auf der Theke verspritzte. Chase würde alles desinfizieren müssen, wenn sie fertig war. Ihr Schwanz zuckte hin und her, gegen Phoenix‘ Bauch, sodass sie Katzenhaare auf seinem schwarzen T-Shirt verteilte. Sie war zerzaust und dürr, aber abgesehen davon schien ihr nichts zu fehlen. Aus gelben, neugierigen Augen starrte sie Chase an. Ihre Ohren waren unversehrt, sie schien keine Wunden zu haben und ihr fehlten keine Körperteile.
Chase streckte die Hand aus und wartete, bis sie zögerlich daran schnupperte, dann begann er sie unter dem Kinn zu kraulen. »Sie ist süß«, sagte er und lächelte, als sie versuchte, ihm mit ihren scharfen kleinen Zähnchen spielerisch in den Finger zu beißen.
»Willst du sie haben?«
Chase lachte.
»Ich meine es ernst.«
»Deswegen lache ich ja.« Chase hatte früher bereits ein Tier adoptiert und hatte Cleopatra über alles geliebt. Sie war ein Pitbull-Mischling gewesen; man hatte sie als Welpe aus einem illegalen Hundekampfring in Miami gerettet. Chase hatte sie von Hand aufgezogen und sie bei jedem noch so kleinen Problem zum Tierarzt gebracht. Sie hatte in seinem Bett geschlafen und war im Auto auf dem Beifahrersitz mitgefahren. Vor acht Monaten war sie an Krebs gestorben. Chase war nicht bereit dazu, etwas in sein Leben zu lassen, das er wieder verlieren konnte. Er schaffte das nicht mehr. Man liebte etwas und musste es dann wieder gehen lassen. Nein, er hatte genug. Bald würde er dreißig werden und er hatte genug Verluste ertragen müssen. Er kapitulierte. Es reichte schon, dass er so an dieser Stadt und ihren Bewohnern hing. Da brauchte er nicht auch noch einen zwei Kilo schweren Fellball, um den er sich Sorgen machen musste.
Phoenix schnaubte. »Ich überrede dich schon noch.«
Chase lächelte und zuckte ungerührt mit den Schultern.
»Also, erzählst du mir etwas über meinen Bruder?«
»Nun ja, Zane ist …«
»Der Halbbruder, der heute mit dir mitgefahren ist«, unterbrach Phoenix Chase unwirsch. »Ich weiß, dass du Elliot angerufen hast und er ihn beim Haus getroffen hat. Er hat mich angerufen und war komplett mit den Nerven durch.«
»Jaden«, sagte Chase, »dein Halbbruder heißt Jaden. Warum fragst du ihn nicht selbst aus? Und warum macht Elliot sich Sorgen? Jaden wirkt nett.«
Phoenix schwang sich auf die Theke und platzierte seinen Hintern auf der Arbeitsplatte aus Granit, als würde es ihn nicht kümmern, dass er sich hier in einem anständigen Laden befand.
Die Katze schenkte ihm einen missbilligenden Blick, bevor sie sich wieder der Milch widmete. Chases Herz zog sich vor Rührung zusammen.
»Aha. Nett, hm? Elliot meinte, er wolle heute nicht zum Abendessen vorbeikommen. Er ist müde. Elliot hätte gerne, dass wir einen weiteren Bruder dazugewinnen, aber er ist auch realistisch genug, um zu wissen, dass alles Mögliche passieren könnte. Und dann lehnt Jaden gleich die erste Einladung ab. Ja, natürlich macht Elliot sich Sorgen.« Phoenix verzog die Mundwinkel nach unten.
»Das war sicher nicht persönlich gemeint. Elliot macht sich zu viele Gedanken«, sagte Chase. Phoenix hätte das Wort „müde“ auch gleich in Anführungszeichen setzen können. Die Betonung war deutlich gewesen.
»Klar.«
»Er ist die ganze Strecke gefahren. Wahrscheinlich ist Jaden tatsächlich müde.« Er hatte zumindest so ausgesehen. Seine Augenringe waren dunkel und von stattlicher Größe gewesen, seine Miene hatte angespannt gewirkt. Während die anderen drei Brüder immer gelassen blieben, oder zumindest so taten, hatte Jaden verkrampft und gestresst gewirkt. »Ich glaube, er ist prinzipiell eher ein nervöser Mensch.«
Die Katze hatte ihre Milch ausgetrunken. Sie stieg anmutig über die Schüssel hinweg und blieb direkt vor Chase stehen. Erwartungsvoll starrte sie ihn an.
Chase seufzte. Sie miaute. Chase war ein schwacher, schwacher Mann. Er hob sie hoch und drückte sie an seine Brust. Dann ging er zur Ladentür, um das Schild umzudrehen, sodass es nun geschlossen anzeigte. Es war schon nach fünf. Es wären wahrscheinlich ohnehin nicht mehr viele Kunden gekommen.
»Warum denkst du, dass er ein nervöser Mensch ist?«, fragte Phoenix neugierig. »Was verschafft dir den Eindruck?«
Gott, wie sehr Chase diesen Klatsch hasste. »Frag doch Elliot, wenn du ihn später siehst.« Er wiegte die Katze in seinen Armen. »So ein neugieriger Mistkerl«, flüsterte er ihr zu. Chase hatte zu wenig Zeit mit Jaden verbracht, um sich ein Urteil zu erlauben. Auf keinen Fall wollte er Gerüchte in die Welt setzen, die auf reinen Vermutungen basierten. Er konnte sich noch zu gut erinnern, was für ein Chaos nach seiner Ankunft losgebrochen war. Aus irgendeinem Grund waren die Leute zu dem Schluss gekommen, dass Chases Schulterverletzung nicht von einem Autounfall stammte. Das Ergebnis des Stille-Post-Spiels lautete, dass ein verschmähter Liebhaber ihn vom Surfboard geworfen hatte. Dramatisch? Ja. Wahr? Kein bisschen. Chase konnte nicht einmal besonders gut surfen.
»Das habe ich gehört«, sagte Phoenix.
»Du solltest es auch hören.«
Phoenix schlürfte laut seinen Smoothie. Er war ein Arsch und wusste, dass es Chase nervte. Schließlich gab er nach. Er seufzte laut und resigniert. »Also schön. Dann verrat mir eben nichts.«
Chase grinste nur.
Wenn jemals irgendjemand etwas herausfinden und Fragen stellen sollte, würde Chase die Schuld auf seine Mutter schieben. Sie hatte ihm sein ganzes Leben lang eingebläut, wie wichtig es war, sich um andere zu kümmern. Manieren zu haben. Einige Jahre lang hatte er ihre Ratschläge in den Wind geworfen, doch diese Zeiten waren vorbei. Deshalb stand er nun vor Lily-Annes Haus. Mit einem Becher Nudelsalat, einer Schachtel Chicken Wings und sicherheitshalber auch noch einem Becher Käsemakkaroni aus dem nächsten Supermarkt. Was sollte er sagen? Er war eben ein netter Mensch und hatte das Gefühl, dass Jaden heute nicht mehr einkaufen gehen würde.
Es war irgendwie schräg und vielleicht würde Jaden das auch so sehen, also hatte Chase guten Grund, nervös zu sein, als er an der Tür läutete. Es hatte absolut nichts damit zu tun, dass er Jaden gerne wiedersehen wollte. Jaden mit seinen großen, dunkelblauen Augen und seinem Haar, das ihm eine Ähnlichkeit mit George Clooney gab. Sein Gesicht ließ vermuten, dass er Mitte bis Ende dreißig war, aber sein hellbraunes, schon leicht von Grau durchzogenes Haar ließ ihn älter wirken. Jaden hatte einen schlichten Kurzhaarschnitt, nichts Ausgefallenes. Er war nicht besonders groß, vielleicht knapp unter dem Durchschnitt, und recht schlank. Seine Gesichtszüge waren scharf geschnitten und er hatte hohe Wangenknochen und einen kantigen Kiefer. Objektiv gesehen sah Jaden ziemlich gut aus. Also schön. Er sah besser als gut aus, verdammt gut sogar. Aber das war Chase egal. Er war nicht hier, weil er Jaden scharf fand, sondern weil er ein netter, hilfsbereiter Mensch war. So einfach war das.
Die Tür schwang auf und da stand Jaden und blickte ihn überrascht an. Seine vollen Lippen waren leicht geöffnet und Chase sah dabei zu, wie er sich in die Unterlippe biss und einen Moment daran knabberte.
Chase hielt die Einkaufstüte hoch. »Ich habe dir Essen gebracht.«
»Du hast mir Essen gebracht?«
In diesem Moment fiel Chase ein, dass Jaden beim Essen vielleicht lieber keine Gesellschaft wollte. Irgendwie hatte er angenommen, dass er ihm Gesellschaft leisten würde. Eine gewagte Annahme. Nun stand er hier und wusste nicht, was er sagen sollte, und das war ganz allein seine Schuld. »Phoenix hat mir erzählt, dass Elliot ihm erzählt hat, dass du müde bist. Und ich dachte mir, da du die Stadt nicht kennst, wirst du wahrscheinlich nicht Einkaufen gehen. Ich bezweifle, dass Vorräte im Haus sind. Also habe ich dir etwas mitgebracht.« Er war so nervös, dass er Blödsinn redete. Wundervoll. »Chicken Wings, Nudelsalat und Käsemakkaroni. Ich dachte, irgendetwas davon magst du sicher. Und ich verstehe, wenn du keine Gesellschaft haben willst. Gehört alles dir.«
Jaden griff nicht nach der Tüte, die Chase ihm entgegenstreckte. Er leckte sich über die Lippen und sah zwischen Chase und der Tüte hin und her.
Gleich würde Chase vor Unruhe zu zappeln beginnen.
Jaden fuhr sich durchs Haar und hinterließ Furchen, die sich nur eine Sekunde später wieder von selbst glätteten. Dann trat er einen Schritt zurück. »Komm rein.«
Seine Nervosität ließ nach. Chase trat über die Schwelle mit baumelnder Einkaufstüte. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht, dass sich das Haus anders anfühlte, nun, da Lily-Anne nicht mehr hier war? Doch die Jungs hatten alles im ursprünglichen Zustand hinterlassen. Die Bilder hingen noch an der Wand, sogar ihre Schuhe standen noch im Schuhregal hinter der Tür. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass sie nicht gleich die Stufen hinunterkommen würde, um ihm Limonade anzubieten. Aus Gewohnheit zog er sich die Schuhe aus und stellte sie oben im Schuhregal ab.
Er folgte Jaden ins Wohnzimmer. Der Fernseher war eingeschaltet, TheBig Bang Theory lief gerade und das Gelächter vom Band zerriss die Stille. Ihm fiel auf, dass Jaden noch seine braunen Segelschuhe trug. Sie passten gut zu seiner Khakihose und dem kurzärmeligen Hemd. Chase lächelte. Jaden erinnerte ihn an einen dieser adretten Studenten aus einer Elitehochschule. Fehlte nur noch der lässig über die Schultern geworfene Pullover.
»Wo bist du zum College gegangen?«, fragte er.
»New York University.« Jaden sah ihn an, eine Augenbraue war hochgezogen. »Warum?«
Ja,Chase, warum?
Chase kratzte sich an der Nase. »Ich bin nur neugierig. Du weißt schon, ich mache Smalltalk, versuche, dich kennenzulernen.« Wenn Chase ebenfalls etwas über sich erzählte, würde Jaden dann eins und eins zusammenzählen? Würde ihm klar werden, wer Chase gewesen war? Wäre er damals nicht im Vollrausch in eine Telefonzelle gefahren, dann hätte er ein Star werden können. Doch so hatte er seine zukünftige Footballkarriere ein für alle Mal ruiniert. War es wichtig, ob Jaden es herausfand? Nein. »Ich war an der Texas A&M University.«
»Wie schön«, sagte Jaden. Er klang steif, nicht unfreundlich, aber man merkte, dass er Smalltalk nicht gewohnt war. Oder es war ihm unangenehm. Vielleicht auch beides. Doch es gab kein Anzeichen dafür, dass Jaden seinen Namen kannte. Oder die Schlagzeilen, die nach seinem Unfall in den Zeitungen zu lesen gewesen waren. Irgendwie war Chase erleichtert, obwohl er nicht wusste, weshalb. Es war ja nicht so, als wäre seine Vergangenheit ein Geheimnis. Verdammt, kurz nachdem es passiert war, hatten alle so getan, als wüssten sie mehr darüber als er selbst. Vielleicht redete er deshalb nicht gern darüber.
Jaden stand inmitten des Raumes, als wäre er fehl am Platz. Es gab keinen anderen Ausdruck dafür. Dies hier war nicht sein Zuhause, das war deutlich ersichtlich. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, und es war ihm eindeutig unangenehm, an diesem fremden Ort zu sein. Er machte einen Schritt auf den Fernseher zu, drehte sich um, um nach der Fernbedienung zu suchen, und änderte dann erneut die Richtung, als ob er zur Couch gehen wollte.
Chase verstand. Anscheinend versuchte er sich zu entscheiden, ob er den Fernseher während des Essens ausschalten sollte oder ob sie ins Esszimmer gehen sollten. Er erbarmte sich. »Ich liebe die Serie«, sagte er.
Jaden entspannte sich sichtlich. »Penny mag ich am liebsten.«
»Es ist also okay für dich, wenn wir auf der Couch essen?« Chase aß immer auf der Couch. Er lebte nun schon eine Weile allein. Anfangs hatte er noch am Tisch gegessen, aber dort fühlte er sich so einsam. Es gab ja niemanden, den er beeindrucken musste. Nur in dem seltenen Fall, dass er ein Date hatte, aß er am Tisch. Die Betonung lag auf selten. Er liebte Serenity, aber die Datingoptionen für schwule Singles waren beschränkt.
»Jepp«, antwortete er.
