Eselgrün - Larissa Bendel - E-Book

Eselgrün E-Book

Larissa Bendel

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Beschreibung

Es reicht, findet Marta. Mit Anfang Vierzig blickt sie zurück auf viele Jahre Liebeskummer, Trennungen und hoffnungslose Schwärmereien. Doch dann ‒ ermuntert von ihrer besten Freundin ‒ wagt sie sich unter dem Pseudonym »Eselgrün« schließlich ans Online-Dating, um ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen. Und sie erkennt, dass dieses Jahr der Internet-Verabredungen zuallererst eines ist: Eine Reise zu sich selbst, auf der sie sich mit ihrer Kindheit konfrontiert sieht und sich ihren Ängsten und Verletzungen stellt. Indem sie schonungslos ihre Emotionen und Erinnerungen zulässt, legt sie frei, was sie lange verborgen hatte: sich selbst. »Eselgrün« ist unterhaltsam und poetisch. Es lädt ein, sich auf seine assoziative Erzählweise einzulassen und in Martas Inneres einzutauchen. »Eselgrün« ist ein etwas anderes Buch über Online-Dating und die Liebe.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»I followed rivers«

‒ New Model Army/»Rivers«

»The unhappiest people I know, romantically speaking, are the ones who like pop music the most.«

‒ Nick Hornby/High Fidelity

Larissa Bendel

Eselgrün

Roman

© 2021 Larissa Bendel

Lektorat: Katja Reibstein M.A.

Umschlaggestaltung: Stella Krause

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-22580-0

Hardcover

978-3-347-22581-7

e-Book

978-3-347-22582-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Spaziergang

Um die Ecke. Auf der anderen Straßenseite. Wo eigentlich kein Eingang ist. Durchgang. Balanceseil. Leer, die Stelle, wo damals die Gänseliesel stand. Komm, sagte er und zog sie an einem unsichtbaren Band zum verschlungenen Pfad. Wasserspeiende Ungeheuer am Rande des Planschbeckens. Darin habe ich gebadet? Kieselsteine. Unzählige Male. Treppauf, treppab. Jetzt verborgen unter einem Teppich brauner Winterblätter. Das Netz und die Schnecke. Eine Ahnung der anderen Bahnen, versunken in Gedanken. Als sie sich verliebte, eines der Male, in den Fotografen, und sich weigerte, dass es so war. Das erste Spiel. Der Schläger mit dem blauen Griff, der kleine rote Ball. Gewonnen. Mit gesenktem Kopf und konzentriertem Blick.

So dicht, so dicht, und dabei wusste sie nicht einmal, wer er war. Sie wusste, dass er sang. Neben ihm auf dem Gras. Der Weg auf einmal so breit, so breit, unberührt. Streifte ihre Schulter. Sein Arm. Eine Ungeheuerlichkeit in diesen Minuten. Nicht einmal ein Anfang. Noch nicht. Durchatmen. Nicht ausweichen. Sie stolperte über ihre Kindheit, die ihr ständig vor die Füße fiel. Hier, im Park. Der Strauch, eine Erinnerung, die Weggabelung, eine Geschichte. Nimm mich ernst. Lach nicht. Es ist wirklich so gemeint. Braune Pflaster, obwohl sie sich so sehr welche mit Tieren gewünscht hatte. Giraffen. Tiger. Schotter und Schorf. Wenn ihre Beine so schwer waren. Sie wachsen, sagte ihr Großvater. Sie lachte über sein Lachen und gab vor, ein Eichhörnchen zu beobachten. Ach, echt? Das finde ich auch. So viele Bucheckern hatte sie gegessen. Rotbraun. Der Baum überstrahlte die Wiese am Teich. Gleich würde es regnen. Bitte, Himmel, warte noch etwas. So schön ist es hier nicht. Doch, vehement, nachdrücklich. Im Sommer. Im Winter. Der Teich in dunklem Grün. Enten. Seerosen? Der Graureiher wie eine Statue. Die Schlittschuhe, die über das weiße, raue Eis kratzten. Eingefrorene Äste. Meeresufer im Mondschein. Nein, das war später. Bring es nicht durcheinander. Das Eismeer. Das auch. Trotzdem. Die kantigen Schollen. Flora! An der Wand, sobald man die Treppen hinauf gestiegen war. Kannst du auch Flora singen? Du singst doch Bilder, nicht wahr? Woran dachte er? Die alten Männer am begehbaren Schachbrett schienen so jung. Sie sind noch da. Ein Ausruf, und er guckte sie verwundert an. Blau. Verlor sich für einen Moment in seinen Augen. Nein, nicht das auch noch. Es gab doch einen Plan. Regeln sind unbedingt zu befolgen. Jeder Ungehorsam wird mit dem Leben bestraft. Rechts. Immer rechts an seiner Seite. Dieses Mal ging sie an der steinernen Kante zwischen knackendem, wintrigem Schotter und den schlafenden Resten des Rasens. Die Reckstangen. Immer und immer wieder. Aufschwung. Umschwung. Paradedisziplin. Bundesjugendspiele. Und davor? Enten füttern. Das Haus mit dem Parkwächter, der sie immer an den Krieg erinnerte, von dem ihre Oma erzählte. Bomben und Betonruinen. Niemals, niemals, das wollte sie niemals. Luft anhalten, wenn sie an ihm vorbeiging.

Wie bitte? Sie war abgelenkt und hatte nicht zugehört. Unmöglich. Sein Lachen. Sein Lachen! Komm, sagte er und zog sie an einem unsichtbaren Band zum einsamen Pfad. Draußen die Straße mit dem Kopfsteinpflaster, auf der ab und zu ein Auto vorbeirumpelte. Hörte man sie, wenn sie um Hilfe rief? Bedeutete ihm der Park etwas? Hm. Seine Seele so weit weg in diesem Moment. Aber vielleicht kannst du es mir beibringen. Die kleinen Hinterhofgalerien und die Kunst, die man in den großen Häusern nicht sieht. So nah. Ihre Finger in der Jackentasche. Kalt. Nein, klamm. Schließ die Augen und finde aus dem Labyrinth. Zeig mir deine Hände. Blaue Jacke. Graue Jacke, seine. Elektrisiert, wenn ihre Ellenbogen den Stoff berührten. Stoff auf Stoff. Lass dich fallen. Man musste als Erster da sein, wenn die Kastanien fielen. Schnell sein, um sie aufzusammeln. Schneebedeckt. Sie war traurig, wenn die Baumwurzeln unter dem Schnee hervor lugten und die Abfahrt bremsten. Ende. Der Ausgang. So dicht, so dicht am warmen Wohnzimmer mit der roten, runden Kaminlampe. Neben ihm. Zuhause. Komm, sagte er, und zog sie an einem unsichtbaren Band zum Kräutergarten. Alles, was sie sah, war die Brandruine. Das Reetdachhaus. Was war passiert? Zögern. Plötzliche Gegenwart. Nein! Zurück zum Parkweg. Die Tischtennisplatte. So oft, so oft. Pingpong. Seine schnellen Schritte. Erinnerungen müssen langsam sein, um sie zu fühlen. Ein Fehler, das Ganze? Kurze dunkle Haare. Ja, genau, so muss es sein. Ein Tropfen streifte ihre Wange. Wolken und Dunkelheit untrennbar. Einstrich. Foto, Foto. Sing, sing, sing! Gestern noch Mädchensandalen. Das blaue Cordkleid mit den gelben Blumen. Straßenbahnschienen auf dem Mittelstreifen. Überwachsen. Kneif die Augen zusammen und sie zerfließen mit dem Horizont. Stadt! Woher kommst du? Immer wieder. Rituale. Ich kann. Ich kann nicht ohne. Wo sind seine Hände? Vergraben in den Taschen. Halten ihre Hände ganz fest. 1-2-3-hoch! 1-2-3-hoch! Fliegen, flankiert von ihren Großeltern. So hoch, dass sie von oben auf den Park schauen konnte.

Und jetzt? Schritt, Worte, Schritt, Worte. Frieren. Fühlen. Wieso ist die Erde unter den Schuhen kaum zu hören? Ihre Muskeln gespannt. Sie lächelte. Sie wusste, dass er es wusste, dass sie es wusste. So, wie es ist. Wie spät ist es? 1978. 2006. Alles voller Filme. Und der Fotograf. Der Rosengarten ein Saloon. Die Picknickwiese die Prärie. Ein Augenaufschlag, und sie blickte durch die kahlen, raschelnden Büsche. Ruhe, Ruhe. Liebte sie ihn? Den Fotografen? Keine Berührung, die ihre Aura erspüren konnte. Das Spiel verloren. Auf zum Haupteingang. Verschlossen. Nein, nein, sie hat die Orientierung verloren! Lauschen nach der Straße, die so still geworden. Nimm meine Hand. Jetzt. Lieber. Nicht. Dieser merkwürdige Durst nach Saft. Dann Kontrollblick in die Baumwipfel. Nur noch das leise, verletzliche, liebevolle Knirschen des Weges, der sie trägt. Wer ist die Gänseliesel? Viel wichtiger: Wo ist sie? Es gibt niemanden mehr, der den Spielplatz bewacht. Halte Abstand, halte Abstand. Erst rutschen, wenn das Kind unten aufsteht. Wissen unsere Moleküle, was sie tun? Ja, sagte sie. Sollen wir…? Du meinst − ob? Ich will nur wissen: wann? Lass mich nicht wieder los. Fest. Umschlungen. Zu früh? Die Kuchenformen im Sand. Immer und immer wieder füllte sie den Eimer, verloren in den Körnern, die in ihre Schuhe rieselten. Müde, als die Schatten länger wurden. Schuhe ausziehen vor der Tür. Der Sand, der Sand! Morgen wieder. Sie sprang durch den Regen und spielte Jagen mit den Tropfen. Drei Tropfen nur. Kein Entkommen, wenn sie sich als funkelnde, glitzernde Kristalle wie drei gläserne Rosen mit dem Sandweg vereinigten.

Sie sahen sich wieder. Er war da. Immer vor ihr. Selbst wenn sie zu früh war. Ich mag nicht zu spät kommen. Nein, ich auch nicht. Ihre Arme um seinen Hals, sein Körper. So dicht. Unverschämt dicht. Singst du ein pastellfarbenes Gemälde für mich? Oder erst in den Park? Ja. Aber in den anderen. Nimm endlich deine Hände aus den Hosentaschen. Ihre Schultern berührten sich. Wie lange war es her? Dreißig Jahre? Dreißig Jahre! Die Pfade so gleich. Wenn sie nicht auf dem direkten Weg gingen. Nicht an der Straße. Die Ruhe durch den Park. Nein, kein Park, eine Ansammlung von Wegen, Bäumen und Büschen inmitten der Wohnhäuser und Straßen. Stadtteilgrenze. Zwischen ihrem und ihrem. Und seinem. In beiden war sie zu Hause. Mittendrin. Hamburg. Argwöhnisch, oder amüsiert, aufmerksam, betrachtete sie die Menschen, die ihnen entgegen kamen. Sie hüpfte vor ihnen über die Wege. Eichhörnchen, Eichhörnchen. Woherkennt ihr all diese Parks? Kniete sich hin. Erdnüsse. Traust du dich noch ein Stückchen näher? Die kleinen Pfoten. Trug ihren Schulranzen. Triumphierend. Klappernd, irgendwie beruhigend. Hüpfend. Die Bücher. Auf und ab. Wie schaffst du das? Er ist zu schwer, viel zu schwer.

Quer durch den Park. Geschichten. Alte Frauen und Gehwagen. Drogen. Wespen. Schlechte Erziehung. Alltag. Wovor hast du Angst? Das sage ich dir irgendwann einmal. Sein Profil. Sie war erleichtert. Zeichnete seine Konturen mit ihrem Blick nach. Dieser verschmitzte Zug um die Mundwinkel. Seine Augen wussten, dass er lachen würde, lange bevor er es tat. Sie war so entspannt, dass ihre Knie weich wurden. Noch eine Runde, noch eine Runde. Dunkelheit. Senkte. Sich. In. Zeitlupe. Weit weg das Brummen der Chaussee. Menschen auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Hastende Schritte. Ein kühler Wind. Grauer oder blauer Himmel? Grauer Park, aber das Frühjahr nicht mehr weit weg. Grün. Komm, noch eine Runde. Rechts neben ihm. Nimm endlich deine Hände aus den Hosentaschen. Warum magst du das? Es ist ein schneller Sport. Schnelle Bewegungen. Schnelle Erfolge. Schnelle Wechsel. So ungeduldig, so ungeduldig. Pingpong. Ein Instrument? Ja, dies und das, bruchstückhaft. Mein Körper. Choreografieren. Das ist es. Schulranzen auf den Boden. Ein Glas Brause. Zog ihr Balletttrikot an und die Vorhänge zu. Elvis auf dem Plattenteller. Laut, lauter, lauter! Ist Elvis das Richtige für ein Kind? Die Zweifel ihrer Großeltern. Pirouetten auf der Diagonalen des Kinderzimmers. Bravo, bravo! Sie tanzte. Für sich und sie. Bis sie den Schlüssel im Schloss hörten. Ihre Eltern, natürlich. Von der Arbeit, natürlich. Sie lief ihnen mit leuchtendem Blick entgegen. A-Seite, B-Seite, immer wieder, immer wieder. Hausaufgaben? Fertig. Bis morgen, Oma, bis morgen, Opa. Komm, noch eine Runde, hier, hier entlang. Sie berührten sich unwillkürlich. Sie stolperte und lachte. Schnelle Richtungsänderung. Auf seiner linken Seite. Plötzlich. Ein komisches Gefühl. Komm, geh wieder rechts von mir. Ja, ja, ja! Rituale, jetzt hatten sie eines. Sicher. Geborgen. Verliebt. Nein, denke das Wort nicht. Zu früh, so früh. Seine Hände. Ihre Schultern. Noch dichter, noch dichter. Luft anhalten. Zeit stoppen. Das Leben. Nicht mehr ohne einander.

Ihre Füße unter dem Tisch. Ihre Finger. Nähe. Ihre Augen. Ihre Seele. Stimmengewirr. Ihr könnt den Tisch haben, solange ihr wollt. Keine Reservierung mehr. Was? Wie konnte sie jetzt an Essen denken? Dieser merkwürdige Durst nach Saft. Vor dem Fenster die S-Bahngleise. Leise, die Züge. Manchmal ein Rauschen. Quietschen. Das alte Haus. Kindheit. Geschwister. Musik, Musik! Politik. Wonach sehnst du dich? Was brauchst du? Wer bist du? Und immer noch dieser Durst nach Saft. Stopp, gib nicht alles aus der Hand! Vorsicht. Abstand. Nein, nein, zu spät. Es war geschehen. Von der Bushaltestelle zu Fuß. Die linke oder rechte Abzweigung. Immer in Richtung Park. Geduldig, wie er da lag und sich den Jahreszeiten unterwarf. Am Kopfsteinpflaster entlang oder an der geteerten Fahrbahn. So viel Zeit, die sie miteinander verbrachten. Und überraschend einander begegneten. So oft! Da ist sie! Da ist er! Da ist Oma! Opa! Ja, natürlich, ich möchte zu euch, euch besuchen. Das Flunderspiel. Domino. Abendbrot um achtzehn Uhr. Brote schmieren in der Wohnküche. Essen in der Stube, in schummrigem, warmen Licht. Zuhause.

Warten, an der Haltestelle. Auf keinen Bus. Lächeln. Das Restaurant hinter ihnen. Festung. Die alte Fabrik. Ihre Arme um seinen Hals, sein Körper. So dicht. Unverschämt dicht. Noch dichter! Seine Augen, seine Augen, seine Augen! Natürlich, jetzt, Hollywood! Nein, bitte kein Hollywood! Zu spät. Ihr eigener Film. Zum Glück. Kam der Bus? Jetzt? Wo waren die anderen Menschen? Es war dunkel. Ihre Silhouetten gegen die glitzernden Scheinwerfer, seine graue Jacke dunkel, keine Farbe mehr. Wie spät war es? So weich, so weich. Lippen, Knie, Hände, Körper. Morgen? Übermorgen? Nein, erst danach. Das kann ich nicht aushalten. Wie konnte sie das aushalten? Später, als sie alleine war. Ihr Mann, nicht mehr da. Zweiundzwanzig Jahre alleine ohne ihn. Dieselben Wege, dieselben Rituale, anderes Leben. Keine Kindheit mehr, aber doch. Da ist sie! Oma! Immer noch. Ohne ihn. Nein, nein, ich will das nicht. Dann, irgendwann, auch ohne sie. Nein, nein, nein! Sterben. Auf gar keinen Fall. Nein, verdammt! Ich vermisse euch so sehr. Jeden Tag. Ihr wart meine Kindheit. Dann mit ihm, die gleichen Pfade. Nur kurz oder für immer? Für jetzt. Und dann für immer. Oder? Hm. Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen. Es gibt niemanden mehr, der den Spielplatz bewacht. Drei Tropfen, oder drei Rosen, verschwimmend mit dem Regen, im Sand. Seine Hand, seine Hände, seine Hand, seine ‒.

Die Bahn, die Brücke, eine Trennung zwischen ihrem und seinem. Eine Verbindung. Nicht morgen, nicht übermorgen. Aber Samstag. Stunden zählen? Leben? Selig.

Der Nachmittag so warm, dass sie radelte. Sie warf noch einen letzten kurzen Blick auf das Stahlschloss. Ihr Fahrrad sicher am Geländer verankert. Die Stufen nahm sie in drei federnden Schritten. Der Name auf der Klingelleiste. Sie lächelte. Schritt durch den dunklen Hausflur, an den sich ihre Augen, verwöhnt durch das Sonnenlicht, nur langsam gewöhnten. Das letzte Mal, als sie die Wohnung zurücklassen musste. Für immer. Stürzte. Nach draußen. Blicke nicht zurück. Erinnere dich. Hast du etwas vergessen? Was hättest du noch mitnehmen wollen? Noch ein paar Dinge, noch ein paar Dinge. Machen sie den Tod leichter? Oder schwerer? Ich gehe kurz einkaufen. Spazieren. Fahre in den Urlaub. Aber niemand kommt zurück. Sie vermisste die Wohnung. Die Wohnung vermisste sie. Sie vermisste sie. Vermissen. Alleingelassen. Verlassen. Als sie mit ihrem Großvater auf dem Fußboden im Flur eingeschlafen war. Spielen, spielen, nur spielen. Karten. Mensch ärgere dich nicht. Er hatte immer Geschichten zu erzählen. Seine Hände konnten alles. Reparieren. Trösten. Schmunzeln. Erzählen. Lange her. Lange weg. Noch immer bei ihr. Alles sah so gleich aus. Jetzt. Die leicht geöffnete Wohnungstür. Hi. Schuhe draußen ausziehen oder nicht? Nein, nein, nicht nötig. Kein Sand. Sie tat es trotzdem. Danke für den Kuchen. Er verschwand in der Küche. Schritte. Stille. Knisterndes Papier. Tellerklappern. Schranktür. Einatmen. Ausatmen. Ein Zuhause. Ihres? Nein. Gerüche und Gegenstände. Zimmer. Türen. Ausblick. Seins. Wo war er? Sie folgte ihm in die Küche. Wer bist du? So anders, so anders. Draußen im Park. Draußen im Restaurant. Als sie die Wege durchkreuzten, als müssten sie jeden Zentimeter Erde berührt haben. Das Labyrinth. Fäden spannen wie mit einem Wollknäuel in der Hand, das man hinter sich herzog. Kreuz und quer. Drunter und drüber. Spuren hinterlassend. Verwischend. Sein Arm fest um ihre Schulter. Lass mich nie wieder los. Oder? Sie sah aus dem Fenster. Sie spürte ihn hinter sich. Seine Hände auf ihrem Nacken. Da unten habe ich immer gespielt, sagte sie und zeigte auf den Hof. Er lachte. Die Kacheln in deiner Küche, sagte sie, sehen genauso aus. Er lachte. Sie sprang durch die Räume, von Fenster zu Fenster, auf die zwei Balkone. Im Sommer ist es hier ganz schön dunkel. Ja, ich weiß, die große Linde. Die hohen marmorierten Fensterbänke. Der Fußboden, die Abseite, die Türrahmen, die Decken, die Wände, die Steine, das Haus! Wand an Wand. Damals. Ihre Kindheit, zum Greifen nah. Ihre Großeltern. Ihr seid hier, ich spüre euch. Er lachte und sah sie verschmitzt an. Rituale. Abendbrot. Im Sommer auf dem Balkon. Die Straße beobachten. Kaum Autos. Ältere Menschen, die vorbeischlurften. Die Frauen fast alle in Röcken, die Männer mit Hut. War das Leben so, wenn man erwachsen war? Der Rabe an der Wand, der Rabe an der Wand. Abgehängt. Sie hatte Angst. Das Bild wuchs in ihrem Kopf, endlos. In der Wohnküche, auf dem Schlafsofa. Manchmal auch im Doppelbett. Wann wo? Drei Minuten Zähneputzen. Dreimal bis sechzig zählen. Immer gleich, immer gleich. Geborgenheit. Hatte sie etwas vermisst? Niemals. Sie sah ihn an. Das Begehren, weg, auf einmal. Nur kurz. Wer war er? Sieh mich nicht so an. Rituale. So wichtig. Das Gleiche, was sie so gern hatte. Sie hasste Routine, die Notwendigkeit der Wiederholung, mit der sie nichts verband. Dann ‒.

Ihre Hand auf seinem Fuß, an der Wade, bis zum Knie. Spielbeginn, von unten nach oben, während er sie schelmisch ansah. Als ob sie ertrinken würde. Nicht klammern, nicht klammern, nur berühren. Halt mich fest, noch einen Moment. Doch er war ihr schon voraus. Viele Schritte voraus. Überall, seine Hände. Schon wieder dieses Gefühl von Routine. Nein, nein, sie wollte Rituale! Schneidebohnen mit Milch gestobt. Gestovt? Was hatte sie verstanden? Kartoffelpuffer. Apfelmus. Bratkartoffeln mit Milchsuppe. Immer rühren, immer rühren, während sie die Kartoffeln hinunter schlang. Keine Haut, niemals, nein, nie! Kartoffeln. Ohne die ging es nicht. Das ist auch richtig so. Darf ich abtrocknen? Oder das Geschirr wegräumen? Parkspaziergang. Spielplatz. Ordnung. Und ganz viel Liebe. Seine Hände. Auf ihr. An ihr. In ihr. Bei ihr. Bei ihm. Magst du das? Ist das ok? Ja. Nein. Oder doch? Vielleicht. Nicht heute. Und du? Ihr Blick aus dem Fenster. Nur wenige Meter daneben. Die Meisen und Amseln, die hineingeflogen kamen und die Rosinen von der Fensterbank pickten. Jahr um Jahr. Ohne Angst. Sicher. Verschobene Perspektive und irgendwie doch gleich. Die Sonne über dem Haus. Ein Altenheim, gegenüber. So viel Zeit, noch ewig. Ein Leben. Der Zaun, an dem sich immer kleine Farbnasen bildeten.Jede einzelne musste sie abknipsen. Immer wieder neu, immer wieder neu. Woher kamen sie? Warum warf man Bilder aus dem Fenster? Hatte sie es gesehen? Rituale. Sie schloss die Augen. Mir ist kalt, befand er und legte eine Decke über ihren nackten Körper. Nur seine Wärme, nur seine Wärme. Mehr nicht. Sie schloss die Augen und fühlte, ertastete seine Zartheit. Nicht klammern, nicht klammern, nur festhalten. Was war ihres, was war seins? Die Fernsehlampe blendete, so dass sie eine Pappe davor stellten. Das Wohnzimmer ohne Tür. Wo war sie? Auf dem Dachboden. Der Fernsehschrank mit der Tür. Sie liebte Verstecke. Geheimnisse. Rätsel. Mit einem Schloss. Und einer Zugbrücke. Zur Tagesschau geöffnet. Samstagabendshow. Wenn sie länger wach bleiben durfte. Schokolade. Saft. Ruhe und Sicherheit. Sie hatte Mohnkuchen mitgebracht. Unmöglich, daran zu denken. Unmöglich zu kauen. Kein Denken, kein Denken. Seine Zunge. Nicht aufhören. Immer noch diese Decke. Ich halte die Luft an. Atme für mich. Fester, dichter! Geborgenheit. Holz, ganz viel Holz. Bücher. Papier. Ein Tisch. Ein Stuhl. Geschirr. Alltag. Chaos. Leben. Vor ihr. Nach ihr? Eine Vase im Regal. Frauen sind Vasen. Was? Ich werde nie eine Vase sein! So ein Quatsch. Hörst du, ich werde nie eine Vase sein! Musik. Ein Wasserfall auf YouTube. Ich halte das nicht aus. Er sprang auf und kappte das klingende Wasser. Sing für mich. Sing du. Küss mich. In Gedanken stellte sie ein Mixtape zusammen. Musik. Lieben ohne Musik. Unmöglich. Duette. Wie bitte? Ich mag Duette. So was wie…? Ja, genau, das. Aus den Achtzigern! Naja… Warum gefällt dir das? Ich weiß nicht. Es ist kitschig, ich weiß, aber ich mag es trotzdem. Massiere meinen Rücken. Nein. Oder nur ein bisschen. Dreh dich um. Seine Arme, sein Mund. Nicht aufhören. Jetzt…? Ja, jetzt. Sie schloss die Augen. Seine Hände, seine Hände, sein Rhythmus. Die Decke, meinetwegen. Na gut. Lass mich nicht los. Welches ist mein Körper? Bin ich mein Körper? Ich habe meinen Körper verloren. Sie suchte in seinem. Oh ‒. Bist du wach? Nicht antworten, nichts sagen, mucksmäuschenstill. Ich habe mit meiner Mutter telefoniert. Ich muss lernen. Sie sagte −. Was? Nicht zuhören. Seine Stimme, dieser Ton. Nein, nicht, nicht, noch nicht. Wollen wir aufstehen? Nein. Geh bitte. Wie bitte? Gleich. Nein. Liebe mich. Nein, verdammt. Geh jetzt. Wohin? Nach Hause. Erinnere dich. Erinnere dich. Nur an das Schöne. Höre einfach nicht hin. Es ist nicht wahr. Es kann nicht wahr sein. Ich mag deinen Körper. Ich mag dein Denken. Wo ist denn das Problem? Synchron. Ich habe dich gezeichnet. Ich singe dich. Das bin ich nicht. Doch, das bist du. Nein. Ein Anfang. Sie wollte dasitzen wie Flora und auf ihn warten. Marta wie Flora. Souverän, verführerisch, schön. Bleistift statt Blume. Schreiben. Einschreiben. Verschreiben. Niederschreiben. Wer die Worte hat, hat die Macht. Flora, nur für einen Moment. Kichernd. Ironisch. Dann er. Mikado. Ganz vorsichtig. Nein, die anderen Stäbe haben nicht gewackelt! Ganz vorsichtig. Sanft. Zart. Wovor hatte er Angst? Vor ihr? Ja. Warum?

Es regnete, als sie wiederkam. Vorbei am dunklen Haus. War er da? Ihre Großeltern waren nicht da. Ein anderes Namensschild. Schon lange. Wo seid ihr? Und wo war sie? Wer war sie nach all den Jahren? Der Park verlassen. Menschenleer. Das Tor. Der Haupteingang. Der Teich. Aufgeweichte, matschige Wege. Die Eulen am Eingang. Wussten sie, wo die Gänseliesel war? Sie nahm Anlauf und sprang in die Pfütze. Und in die nächste. Die übernächste. Dann noch eine. Und noch eine. Irgendwann würde es aufhören zu regnen. Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte in die glitzernden, funkelnden, leuchtenden Tropfen. Eiskalte Nässe auf ihrem Gesicht. Stiche. Wie Rosendornen.

Begegnung

Und dann Frühling. Frühling, der sich anfühlt wie Winter. Und doch zu warm. Vielleicht die Steppjacke? Nein, den grünen Mantel. Noch zu warm. Die schwarze Jacke? Ja. Übergangsjacke. Übergangstag. Übergangsmoment. Übergangswetter. Übergangsalles. Sing ein Bild für mich. Nein, das war vorbei. Der schwarze Schal. Sie hatte Halsschmerzen, ihre Nase lief. Sie spürte, dass eine heftige Erkältung daraus werden würde. Aber nicht heute. Nein. Morgen. Oder erst am Donnerstag. Das Samtkleid. Auch schwarz. Mit Blumen. Die schwarze Strumpfhose. Die schwarze gefütterte Strumpfhose. Die neuen Turnschuhe. Kein Regen in Sicht, weggewischt die Dornen. Makellos weiße Sohlen, die auf das Grau des Stadtasphalts warteten. Ihre Haare, die merkwürdig anmuteten. Irgendwie fremd. Wie immer nach dem Friseur. Geföhnt, geglättet. Nicht so widerspenstig wie sonst, wenn sie sich in alle Richtungen wanden. Sie stand vor dem Spiegel und verwuschelte mit beiden Händen ihre Frisur. Ja, so war es besser. Aber immer noch nicht ganz sie selbst. Eine Kanne Tee, ein Mohnbrötchen mit Käse. Immer, immer, gern! Die Körner, die auf den Fußboden sprangen, wenn sie das Messer ansetzte. Fang uns doch! Boden fegen, irgendwann. Nicht jetzt. Eine Folge einer Fernsehserie, vielleicht zwei. Verträumt. Gedankenverloren. Im Schlafanzug und mit angezogenen Beinen auf dem Sessel. In der Hand die warme Teetasse. Telefonklingeln, zwischendurch. Manchmal. Manchmal tagelang nicht. Aufstehen? Ja. Nein. Die Dunkelheit draußen vor dem Fenster. Die Rollos heruntergelassen. Hineingucken. Hinausgucken. Das Gesicht an der Scheibe wie bei Onkel Quentin. Nicht vergessen, nicht vergessen. Nein, nie. Oh Schreck! Die Rollos heruntergelassen. Kein Risiko eingehen. Lieber nicht. Erinnerung oder Realität? Fiktion? Sollte sie absagen? Ihr Kopf schmerzte. Ihre Nase kribbelte. Die Packung Taschentücher von der Kommode in die Handtasche. Eine zweite? Wenn es laut wäre in dem Café, würde ihr Hals noch mehr weh tun. Sie bräuchte nichts zu sagen. Könnte lächeln und nicken. Die freundliche Vorstandssekretärin. Mit dem Stift in der Hand für Stenografie. Notizen über das Leben. Fixiert. Gesichert. Dokumentiert. Ha! So ein Quatsch. Lächeln und nicken. Ha! Nylonstrümpfe. Der blaue Blazer. Die Haare steif vom Spray. Oh nein, niemals. Würde ihm das gefallen? Ha! Egal. Natürlich egal! Blick in den Spiegel und Glückwunsch zu dem Kleid. Ja, genau. Nickte. Ihrem. Selbstbild. Zu. Theatralisch. Sportlich, mädchenhaft, frech, weiblich. Hübsch. Ja klar. Und die makellosen Sohlen ihrer neuen Turnschuhe. Dieses Paar würde sie nur tragen, wenn es garantiert nicht regnete. Das waren ihre Schuhe für Trockenheit. Für die kühle, aber weiche Luft des Frühlings und Sommers. Natürlich würde sie losfahren. Sie hatte ja kein Fieber. Sie hatte ein Kleid, eine gefütterte Strumpfhose und die neuen Sneaker. Genau das Richtige. Genau das Richtige. Für sich. Natürlich fuhr sie los. Natürlich. Warum auch nicht? Natürlich.

Die U-Bahn im Feierabendverkehr, voller Stimmen, Menschen, Geräusche, Gerüche. Zeitungsknistern. Handymaunzen. Jackenschubbeln. In eine andere Richtung, die meisten Fahrgäste. Weg. Weg aus der Stadt. Nach Hause. Zu Besuch. Erst noch einkaufen. Karotten, Sellerie, Schokolade. Kino, Theater, Kunst. An einen Ort, um sich zu lieben. Sich zu streiten. Sich zu trennen. Zu reden. Worüber? Nicht zu wissen, was sie sagen sollen. Sie setzte sich und las ihr Buch. Immer ein Buch in ihrer Handtasche. Selbst, wenn sie nur frühmorgens zum Bäcker ging. Man konnte ja nie wissen. Nein, nein. Das Verlangen nach Lesen kam plötzlich und überall. Die Busse in der Stadt immer voll. Stählerne Raupen, die sich durch die Spuren schoben. Schwerfällig. Leichtfüßig. Mit quietschenden Gelenken. Ziehharmonika. Überall hin. Raus, rein in die Stadt, durch die Stadt, in der Stadt, um die Stadt. Nein, kein Sitzplatz, nicht nötig, nein. Sie würde noch den ganzen Abend auf einem hölzernen Stuhl verbringen. Hin- und herrutschen. Hin. Her. Ihre Sitzposition ändern. Die Beine übereinander schlagen, ausstrecken, von rechts nach links bewegen. Vielleicht. Wahrscheinlich. Möglicherweise. Wenn es gut lief. Wenn er überhaupt da war. Wenn er überhaupt da war.

Schon etwas Übung. Mittlerweile. Diese Plattform, die nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen funktionierte. Deren Rhythmus einen fortzog, wenn man sich darauf einließ. Wenn man nicht aufpasste. Die Fremden, die manchmal gar nicht so fremd schienen. Es ist schon fünf nach sieben. Spätestens um sieben ist Kuschelbär1 doch sonst eingeloggt. Wo bleibt Nordwind44? Ah, LustaufKaffeeundBrötchen leuchtet blau, er ist online. Dann noch JackSparrowXY, der immer da ist. Jeden Morgen auf ihrer Seite. Stumm. Sein Bild in der Spalte am Rand. Dort, wo war, wer Interesse bekundet hatte und wann. Neuanfang007 1:32, JackSparrowXY 4:28, Ankerperle3 15:47. Sein Gesichtsausdruck vollkommen entspannt. Alles, nur kein Pirat. Beruhigend, irgendwie. Aber warum? Manchmal vorwurfsvoll, glaubte sie. Reagiere endlich auf mich. Siehst du nicht, dass ich dich jeden Tag besuche? Weshalb machst du nicht den ersten Schritt? Du bist einfach nicht mein Typ. Sie ignorierte seine Routine. Warum war er auf ihrem Profil, Morgen für Morgen, Tag für Tag, Woche für Woche? Weil er vergesslich war? Nach dem Klick nicht mehr wusste, was er gesehen und gelesen hatte? Sie kannte ihre Pappenheimer. Jawohl. Beobachtete Gewohnheiten, Gepflogenheiten. Doch wer genau waren sie? Wo waren sie? Zuhause im Bett, in der App auf dem Smartphone beim Spazierengehen, im Büro mit Kollegen, in der Küche mit ihrer Frau? Waren sie diejenigen, die sie zu sein schienen? Was bedeuteten ihre Pseudonyme? Nick, ey. Verbargen oder offenbarten sie etwas? War Jack Sparrow wirklich cool? Kuschelbär der unbeholfene Romantiker mit dem Bauch, der sich schon andeutete, als er noch in den Zwanzigern war? Ankerperle so solide, wie sein Alias vermuten ließ? Wer waren sie wirklich? Und was suchten sie? Wen? Und warum? Und was passierte mit denjenigen, die sie nicht mehr sah? Was geschah mit denen, deren Bilder und Namen irgendwann verschwunden waren? Hatten sie ihr Glück gefunden? Resigniert, kapituliert? Waren sie weggezogen, lebten sie noch? Hatten sie einen neuen Namen, ein neues Profil, eine neue Identität im ewigen Kreislauf des Suchens und Liebens und Trennens? Und wie passte Marta dort hinein? Wer war sie für sie? Ein Foto, ein Körper, ein Traum, eine Hoffnung? Eine Angst?