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Wie fühlt es sich an, jahrzehntelang in einem Körper zu stecken, der nicht der eigene ist? Geboren als Olaf in Ostberlin, kämpft Etchika Pollex ein Leben lang mit ihrer Identität. Beruflich erfolgreich, aber innerlich zerrissen, wagt sie mit über sechzig Jahren die schmerzhafte Geschlechtsangleichung, um endlich die wunderschöne Frau sichtbar zu machen, die sie immer war. Offen, ehrlich und voller Leidenschaft erzählt Etchika von ihrem inneren Kampf, ihrem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung, von ihren Erfolgen und Rückschlägen. Etchika teilt ihre Geschichte, um anderen Mut zu machen, sich selbst treu zu bleiben. Ein Buch über Selbstbestimmung, Mut und die unerschütterliche Kraft der Liebe. OMNIA VINCET AMOR.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2025
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ETCHI
ETCHIKA POLLEX
ETCHI
Publiziert mit freundlicher Unterstützung des Stvdivm fæsvlanvm
Österreichisch-italienischer Forschungsverein
(Vorsitzender Vorstand: Marcel L. Molnár)
Etchika Pollex:
Etchi
Autobiografie
© Hollitzer Verlag, Wien 2025
Umschlagabbildung und Titelblatt: Stefan Riedl
Umschlaggestaltung und Satz: Daniela Seiler
Herstellung und Lektorat: Inge Jasch
Gedruckt und gebunden in der EU.
Alle Rechte vorbehalten.
Hollitzer Verlag
Trautsongasse 6/6, A-1080 Wien
www.hollitzer.at
ISBN Druckausgabe: 978-3-99094-606-0
ISBN ePub: 978-3-99094-607-7
Eine biologische Frau kann ich nicht sein.
Ein Mann geruhe ich nicht zu sein.
Ich bin Etchi!
Die Namen der im Buch vorkommenden Personen und Lokalitäten wurden teilweise geändert.
VOM GLÜCK, GRENZMAUERN ZU DURCHSTOSSEN
Er nimmt mein Glied in seine Hand. Während er in mich eindringt, schaut er mir tief in die Augen und sagt mit Begeisterung: „Etchi, du bist eine wunderschöne Frau!“
Die Schaukel in meinem Spielzimmer setzt sich unter seinen Stößen in Bewegung. Ein inneres Zittern erfasst mich, wie ich es erst kenne, seit ich mich von Olaf in Etchika verwandelt habe. Die Hormone geben mir ein berauschendes Gefühl von Kontrollverlust. Als ich mit diesem Beben noch nicht lange vertraut war, habe ich einmal einem Mann unabsichtlich ein blaues Auge geschlagen.
Für die Dauer unseres Liebesspiels fühle ich mich angekommen: Nach dreißig geschlechtsangleichenden Operationen, die zum Teil riskant und immer schmerzhaft waren, hat mein Körper beinahe die Form angenommen, welche meinem Selbstbild von frühester Jugend an entspricht. Ich finde mich anziehend, und mein Gegenüber ist es auch. Dieses Gefühl währt allerdings nur einen Augenblick, so lange, bis sich wieder Zweifel einstellen. Wird er Hand in Hand mit mir auf der Straße spazieren gehen? Oder gar bis ans Ende der Welt? Oder wird er, wie so manch anderer, eine wunderschöne Liebesnacht mit mir verbringen und am Morgen eilends das Weite suchen?
Vor meinem inneren Auge taucht der Mann auf, der auf mir voller Begeisterung zu beten beginnt, ein Vaterunser rezitiert, in das ich mit einstimme. Anderntags bitte ich ihn darum, mir eine Zimtschnecke aus der nahegelegenen Bäckerei zu bringen. Weil ich am Vortag nichts zu mir genommen habe, quält mich der Hunger – ich faste stets vor Liebesnächten, denn nichts stört mich mehr als Ausscheidungen beim Geschlechtsverkehr. Auf die Zimtschnecke warte ich jedenfalls vergebens: Dieser religiös verzückte Verehrer verschwindet grußlos.
Der eingangs erwähnte Mann, der mich eine wunderschöne Frau nennt, ist da anders. Er ist Diplomat und mit allen möglichen weltlichen Gütern gesegnet. Und er ist wirklich in mich verliebt. Wir unternehmen einige kürzere Reisen miteinander. Ich lerne seine prächtige Villa am Wannsee kennen und er ist sogar in der Lage, richtig guten Kaffee zu kochen, eine Rarität unter Männern.
Einmal verreisen wir eine ganze Woche. Ab dem vierten Urlaubstag fühlt sich die Beziehung leider nicht mehr richtig an. Ich muss diesen Verehrer schließlich aus meiner Wohnung rausdrängen. Aber für die Momente des gelungenen Beisammenseins bin ich ihm nach wie vor dankbar.
Als Transgender-Frau erlebt man die kuriosesten Dinge. Obwohl ich lieber kein Glied hätte, kommt es gelegentlich zum Einsatz. Beim ersten Mal stelle ich verwundert fest, wie der Gedanke daran, von einer Frau gevögelt zu werden, so manche Männerhose auseinanderspringen lässt. Anfänglich überfordert es mich, wenn im Zuge einer zärtlichen Massage eine solche Bitte an mich herangetragen wird. Aber etliche Männer wollen tatsächlich auch von mir penetriert werden. Das finden sie reizend. Sie können nicht genug von mir bekommen, meinen Joystick mit inbegriffen.
Viele Männer führen gerne ein Doppelleben. Das passt zur allgemeinen Verlogenheit der Welt, in der wir leben. Ich kann mich vor Anträgen auf der Dating-Plattform, in der ich angebe, eine Transgenderfrau zu sein, kaum erwehren. Zwanzig- bis vierzigjährige Männer, durchtrainiert und gutaussehend, verfolgen mich mit Inbrunst, bevor sie wieder in ihr bürgerliches Leben mit Frau und Kind eintauchen.
Es ist diese Verlogenheit, die mich nach wie vor belastet. Um sie zu entlarven und auch, weil ich anderen Transgender-Personen mit meiner Lebensgeschichte Mut machen möchte, habe ich mich entschlossen – obwohl ich lieber nach vorwärts als nach rückwärts blicke – meine Memoiren zu veröffentlichen.
WAS MEINE BIOGRAFIE VERSPRICHT
Mit meiner Lebensbeschreibung versuche ich, unter anderem, Antworten auf die folgenden Fragen zu geben:
1.Haben Zufall oder Schicksal mein Leben bestimmt?
Ich habe eine Vielzahl von Mauern überwinden müssen, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich mich jetzt befinde. Ich habe meinem Schicksal also ein Schnippchen geschlagen – und das war kein Zufall!
2.Wie viel ist in meinem Dasein dem Wirken meines freien Willens zu verdanken?
So vieles: Denn Aufgeben war niemals eine Option für mich!
3.Wie fügt sich meine Lebensgeschichte in den allgemeinen geschichtlichen Zusammenhang?
Die moderne Medizin eröffnet jetzt Möglichkeiten, die es bis vor Kurzem noch nicht gegeben hat – ein Glück für mich.
4.Wie ist mein Selbstbewusstsein entstanden und wie hat es sich verfestigt?
Selbstfindung war der Grundstein für alles weitere. Es war ein steiniger Weg, bis ich zu mir selbst gelangt bin, aber von diesem Punkt aus erklärte sich mir die Welt. Es geht darum, das Licht in sich zu entdecken, das hilft weiter.
5.Welche Schlussfolgerungen ergibt die Bilanz?
Sex ist immer schön, wenn beide Partner es wollen!
Angeblich können wir nicht als Ganzes durch Mauern gehen, Teilchen (von uns) jedoch schon. Wenn sich also genug eigene Wunschpartikel in einem angrenzenden Raum versammeln, gelingt es hie und da, den gesamten Körper nachfolgen zu lassen. Natürlich geht das nicht ohne Schmerzen vor sich. Wer sich in den Weltraum schießen lässt, muss Druck aushalten!
Seit ich mich erinnern kann, wollte ich, dass die unsichtbare Frau in mir sich auch äußerlich manifestiert. Erst im reifen Alter von sechzig Jahren habe ich mich zu den für den Umwandlungsprozess notwendigen Operationen entschlossen. Wenn ich nun, neun Jahre später, an mein früheres Dasein unter dem Decknamen Olaf zurückdenke, ist dieses so weit von meiner jetzigen Gefühlswelt entfernt, dass die Vergangenheit mir zu vereinzelten Erzählungen zusammenschrumpft. Vieles, das Olaf mitmachen und erleiden musste, kommt mir jetzt unglaublich vor. Fassbar hingegen ist mir alles, was ich als Frau erlebe: Schmerzliches und Schönes zugleicht macht mein jetziges Leben aus.
Was enthält also meine Biografie? Eine Mischung aus Erzählungen von einst und Stimmungsbilder aus meiner Gegenwart. Und ein sehr persönliches Urteil darüber, ob Männer oder Frauen mehr Freude beim Sex erleben.
ES IST EIN GLÜCK, DASS DIE GÖTTER NICHT MICH GEFRAGT HABEN
In einer Version des Mythos von Teresias, dem altgriechischen blinden Seher, wird berichtet, er habe zwei Schlangen bei der Paarung getrennt, indem er eine von ihnen totgeschlagen habe. Als Strafe dafür wird er in eine Frau verwandelt. Während er als Frau lebt, hat er offensichtlich auch Geschlechtsverkehr mit Männern. Eine Quelle bezeichnet ihn gar als „große Hure“. Nach einigen Jahren seines weiblichen Daseins erhält Teresias seinen ursprünglichen Körper zurück.
Ungefähr in diese Zeit fällt ein Streit zwischen Zeus und Hera über die Frage, ob Frauen oder Männer mehr Freude am Geschlechtsverkehr hätten. Hera, die die Umtriebigkeit ihres Gemahls beobachtet hat, nimmt an, dass dies einem höheren Genuss bei der Liebe geschuldet sei. Zeus wiederum scheint den Frauen die Fähigkeit zur endlosen Bereitschaft zu neiden; jedenfalls schreiben die beiden dem jeweils anderen Geschlecht die größere Lust an der Sexualität zu. Um der Wahrheit näherzukommen, entsinnt man sich der Tatsache, dass es jemanden gibt, der in dieser Hinsicht Erfahrungen hat: nämlich Teresias.
Teresias ist bald mit einer Antwort zur Hand. Er entscheidet, dass Frauen neunmal mehr Freude beim Sex verspüren als Männer. Die Auskunft erzürnt Hera, weil sie damit die Wette verloren hat. Sie schlägt den Schiedsrichter mit Blindheit. Zeus tut der Arme leid, aber selbst er kann eine einmal gefällte göttliche Entscheidung nicht aufheben. Er gibt Teresias die Fähigkeit, die Zukunft vorauszusehen, gleichsam als Entschädigung.
In einigen Kulturen wird die Gabe der Prophezeiung den zwischen den Geschlechtern wechselnden Wesen zugeschrieben: den Schamanen, den Two Spirit People, den indischen Hijras, um nur ein paar zu nennen. Offenkundig hat es immer schon Menschen gegeben, die, im falschen Körper geboren, sich dem jeweilig anderen Geschlecht zugehörig gefühlt haben. Großes Unglück erweitert vermutlich den Horizont und schärft die Beobachtungsgabe. Viele Kulturen kennen und schätzen diese Menschen. Es ist dem Unsegen der christlichen Werte zuzuschreiben, welche den indigenen Völkern aufgezwungen worden sind, dass die Vorstellung eindeutiger Geschlechtszuschreibungen überall um sich gegriffen hat.
Was mich betrifft, so bleibt mir die Zukunft verborgen, sieht man von meinem Vorhaben ab, meinem Leben mit achtzig ein Ende zu setzen. Aber ich bin ebenfalls in der Lage, Auskunft sowohl über mein sexuelles Erleben als Frau – als auch über das als ehemaliger „Mann“ zu geben. Wie ich schon erwähnt habe, empfinde ich mein jetziges Liebesleben um vieles berauschender als den verstümmelten Sex von Olaf, für den ich noch dazu bezahlen musste. 50 Euro kostete mich damals das Vergnügen, einen Schwanz lutschen zu dürfen. So ungefähr ließe sich mein Sexualleben als Mann zusammenfassen. Weil mein eigener Körper mir damals missfiel, kam Ausziehen für mich nicht in Betracht.
Heute werde ich von Männern aller Altersgruppen hofiert und erlebe mit ihnen bisher unbekannte Freuden; wenn sie sich nicht gerade als „really bad boys“ – für die ich auch eine Schwäche habe – herausstellen. Ich genieße es, begehrt zu werden, ich gebe mich diesen Wünschen mit Leidenschaft hin.
Wenn eine erzürnte Göttin mich jedoch auch mit Blindheit schlagen würde, und mir der Blick in den Spiegel verwehrt wäre, würde mir ein Quell meiner Lebenslust abhandenkommen, wofür ich doch nicht zuletzt viel Schmerz auf mich genommen habe.
ERST EINMAL EINGESPERRT: MEINE KINDHEIT UND JUGEND IN DER DDR
Den Ruinen eines Ostberliner Hinterhofs entsprossen tausende Sonnenblumen. Sie wandten Angelika und mir, die wir als Fünfjährige Hand in Hand vor der Blumenpracht standen, ihre freundlichen Gesichter zu. Über ihnen breiteten sich Bruchstücke einstiger Wohnungen aus. Schutt lag in den Räumen und am Boden, Latten und Eisenstangen endeten im Nirgendwo. Ein Kamin war stehen geblieben. Er wies auf einen Himmel, der beträchtlich größer war als das handtuchgroße Stück Blau des Hinterhauses, in dem wir lebten. Der Staub war Wirklichkeit, die Sonnenblumen reine Einbildung.
Unsere Seite der Schliemannstraße war völlig intakt, die meisten Vorderhäuser von gegenüber auch; von den dortigen Hinterhäusern waren jedoch etliche zerbombt. Obwohl der Krieg bereits fünfzehn Jahre vergangen war, hatte sich niemand die Mühe gemacht, den Schutt zu beseitigen. Selbstverständlich war es uns verboten, in den Ruinen zu spielen, doch das machte alles noch aufregender. Wir mussten ein paar Steinstufen hinaufsteigen, bevor wir an unseren geheimen Ort kamen. Dort hatten wir uns gut eingerichtet. Das Erdloch, in dem wir lagen, war mit Stroh ausgelegt und den Blicken entzogen.
Hätten die Himmelserscheinungen miteinander gesprochen, wäre Folgendes zu hören gewesen:
„N’ Tag, Genossin Wolke!“
„N’ Tag, Genossin Sonne!“
„Na, wie geht’s denn und wie steht’s denn?“
„Schlecht, ich glaub’, ich muss gleich weinen!“
„Recht so, daraus machen wir einen sozialistischen Regenbogen für den neuen Menschen in diesem Land!“
Angelika war ein zartes, dunkelhaariges Mädchen. Sie hatte einen großen Bruder, den ich gelegentlich zu Gesicht bekam, wenn ich sie abholte. Er war vermutlich zehn Jahre älter als wir und imponierte mir mit seinen wild blitzenden Augen.
Manchmal, wenn Angelika alleine zuhause war, durfte sie nicht raus und war eingesperrt. Dann unterhielten wir uns über den Briefschlitz in ihrer Wohnungstüre. Ich erzählte ihr von meinem Lieblingsbuch, aus dem mir meine ältere Schwester Rosi vorgelesen hatte. Es trug den Titel „Einmal alles dürfen“. Angelika sprach von einer Geschichte, in der eine Ente sich am Bauernhof unglücklich fühlt und nicht so recht weiß, warum. Alle sind freundlich, das Essen ist gut, und doch fehlt ihr etwas. So zieht das Tier von Bauernhaus zu Bauernhaus, es ergeht ihm überall gleich. Schließlich, schon recht erschöpft, kommt die Ente zu einem Hof mit einem Teich und da erst erkennt sie, wonach sie gesucht hat. Natürlich beschließt sie zu bleiben. Die Geschichte erinnerte mich an mein Lieblingsmärchen der Gebrüder Grimm über die Bremer Stadtmusikanten. Darin heißt es: „Komm mit, etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“ Hinter dem Briefschlitz wurde andächtig geschwiegen.
Ich hatte dieses Refugium mit Angelika bitter nötig. Mochte ich auch umgeben sein von Vater, Mutter, Geschwistern, Großmutter, Urgroßmutter sowie zahlreichen Tanten und Onkeln, fühlte ich mich doch meist wie ein Waisenkind. Familien hatten die anderen, mir war das nicht gegönnt. Urgroßvater, Großvater, Vater – alle waren sie von Kindermädchen großgezogen worden. Feine Leute waren das gewesen, im Frack mit Zylinder am Kopf unterwegs. Bloß die Zeiten hatten sich geändert: Nannys kamen im Fünfjahresplan des Arbeiter- und Bauernstaates nicht vor. Wir Kinder wurden also zur Großmutter mütterlicherseits in den Hinterhof abgeschoben, während meine Eltern, die im vorderen Teil des Gebäudes eine große Wohnung innehatten, sich Tag für Tag und Nacht für Nacht mit ihren beiden Restaurants und einer Eisdiele abmühten. Von Omas Behausung aus konnten wir die hinteren Fenster der Wohnung meiner Eltern sehen. Ohne dass ich davon ein Bewusstsein gehabt hätte, war ich als Kind von einer doppelten Anzahl von Mauern umgeben.
Nachdem auch keine Dienstmädchen zu haben waren, wurden meine Schwester Rosi und ich, sehr viel später ebenso mein kleiner Bruder Dirk, dazu angehalten, an den Wochenenden bei den Eltern aufzuräumen und zu putzen. So schlecht war das aber nicht. Als Belohnung dafür wurden wir Kinder mit einer Tafel Schokolade bedacht. Abwechselnd war das Zitronen- oder Erdbeerschokolade, beide schmeckten mir gut. Außerdem fand ich ein seltsames Vergnügen am Saubermachen. Einmal hatte ich den Salon so auf Hochglanz gebracht, dass ich es nicht mehr wagte, einen Schritt in diesen zu setzen, aus Sorge, eine unschöne Spur auf dem blank polierten Boden zu hinterlassen. So sehr war ich angetan von meinem Werk.
Die Familie meiner Mutter war nicht so vornehm. Das war vielleicht der Grund, warum Mama meinem polternden Vater widerspruchslos ergeben war. Vielleicht auch bot Vater, selbst ein wankendes Schiff, ihr den Halt, den sie bei ihrer eigenen Mutter schmerzlich vermisst hatte. Jedenfalls mangelte es ihr nicht an Schmuck, schicker Kleidung – soweit im Land vorhanden – und teuren Pelzmänteln. Ein Auto stand vor der Tür, ein Trabi zwar, aber doch ein Luxusgut in der DDR. Lange Zeit wurden da Lebensmittel noch mit Pferd und Wagen transportiert.
Mutter folgte bei den jeweiligen „Kindesweglegungen“ vermutlich nicht nur staatlichen Vorgaben, sondern auch Vaters Wünschen: Solche Macht hatte er über sie, dass sie sich nicht um ihre Kinder kümmerte! Vater seinerseits hatte wenig Zeit für mich und meine Schwester. Wenn er aber da war, etwa im Urlaub, beschäftigte er sich hauptsächlich mit mir. Er war mein Abgott.
Oma war gleichmäßig freundlich zu uns Enkeln. Es gab allerdings nichts auf der weiten Welt, worüber sie sich nicht ereifert hätte. Sie fühlte sich umzingelt von feindlichen Nachbarn, feindlichen Mitbürgern, einer an sich feindlichen Umgebung. Ihr Ehemann hatte sie verlassen und es ging die Mähr, dass sie ihm noch in Socken nachgelaufen war, um ihn zurückzuholen. Die Bemühung war vergebens. Anfangs schenkte ich Omas Geschichten Glauben und sah sie auch als Opfer widriger Umstände. Mit der Zeit begann ich doch am Wahrheitsgehalt ihrer Klagen und ihrer Urteilsfähigkeit zu zweifeln. Das Verhalten des weggelaufenen Ehemanns wurde mir immer begreiflicher.
So etwas wie Einfühlung war meiner Großmutter gänzlich unbekannt. Aufgrund meiner Verlassenheit war ich Bettnässer und hing viele Jahre lang an der Milchflasche. Oma posaunte meine Schwächen gerne in den Hof hinaus: „Olaf, komm deine Milchflasche holen!“, rief sie mir noch nach, als ich schon fünf Jahre alt war. Auch mit den durchnässten Laken ging sie wenig diskret um. Diskreter schon mit den Liebesschundromanen, die sie unter ihrem Kopfkissen verborgen hielt. Ernst zu nehmende Bücher las mein Vater, mütterlicherseits war man mehr fürs Schmachten.
Eines Tages war meine Freundin Angelika plötzlich verschwunden. Sie war gestorben. Laut den Erzählungen meiner Großmutter hatte ihr aggressiver Bruder sie so hart gestoßen, dass sie sich bei dieser Misshandlung einen Leber- und Milzriss zugezogen hatte. Zur Beerdigung durfte ich nicht gehen und eine andere Informationsquelle als meine Großmutter hatte ich nicht. So blieb ich für immer im Unklaren darüber, was meiner Freundin tatsächlich widerfahren war. Konnte man denn wirklich glauben, dass ein so schöner junger Mann, wie ihr Bruder einer war, zu einer solchen Rohheit in der Lage gewesen wäre? Auf eine merkwürdige Weise machte die ungeheuerliche Tat ihn in meinen Augen noch attraktiver. Fest stand, dass Angelikas Mutter und Bruder kurz nach dem Unfall – wenn es denn einer war – umzogen.
Ich war die Schwester meiner Schwester – das empfand auch sie so. Als ich in etwa sechs Jahre alt war, nicht lange nach dem schmerzlichen Verlust von Freundin und Refugium, wurden Rosi und ich gemeinsam gebadet. Ich schaute meiner Schwester verblüfft zwischen die Beine und begann mich zu fragen, wie sie wohl pinkelte. Direkt darauf ansprechen wollte ich sie nicht, aber anschließend sagte ich zu Oma: „Rosi ist krank, sie hat keinen Piephahn da vorne!“ Oma musste lachen. Sie erklärte mir, dass Rosi ein Mädchen und ich eben ein Bub sei. Der Gedanke wollte mir nicht wirklich eingehen.
Auf allen Bockwurst-, Bouletten-, Bier- und Schnaps-Feiern meiner Eltern ging es schenkelklopfend lustig zu. Eine ihrer lächerlichen Faschingspartys sollte mich in einen Abgrund reißen. Vermutlich hatte keiner daran gedacht, mir ein Kostüm zu besorgen. So griff man auf ein von meiner Schwester abgelegtes zurück und verkleidete mich kurzerhand als Ungarin. Ich trug ein kurzes Röckchen, ein Mieder, und hatte Bänder und Schleifen im Haar. Die weiße Strumpfhose und die Lackschuhe passten wunderbar dazu. Ich betrachtete mich im Spiegel und gefiel mir ausnehmend gut. Und obwohl ich schon des Öfteren die Kleider meiner Schwester angelegt und mir damit gefallen hatte, war es diesmal noch besser: Denn ich konnte nun der ganzen Welt zeigen, was für ein hübsches Mädchen ich war.
Das Kostüm sah so aus, als würde es mein wahres Selbst zur Geltung bringen. Ich drehte mich hin und her, zupfte an den Bändern und warf mir lächelnd kokette Blicke über die Schulter zu. Innerlich klatsche ich dabei in die Hände. Damals bereits ahnte ich, was ich heute mit Sicherheit weiß: Die Körper enden nicht mit der Haut, sondern an der Außenseite ihrer Gewänder; und so verlängert finden sie sich wieder im Auge des Betrachters. Die Bubensachen ließen mich jedenfalls meinen „Fremdkörper“ spüren.
Meine Eltern kamen herein. Mutter war als Katze verkleidet und bewegte sich mit seltsamen Verrenkungen so vorwärts, wie sie es für katzenartig hielt. Vater wandte den Blick von ihr ab. Er beobachtete mit Verwunderung mein Spiegelbild und meinen selbstverliebten Blick. Mit einem Mal schien ihm etwas über mich klar zu werden. Das kurze Erstaunen machte eisiger Ablehnung Platz; das sollte sich in den nächsten Jahren auch nicht mehr ändern. Mein Vater war ein Haudegen, als Matrose zur See gewesen, groß und kräftig, und war vermutlich davon ausgegangen, dass ich ihm nachgeraten würde. Nun musste er sich damit abfinden, eine zweite Tochter zu haben.
Ich war bestürzt. Was hatte ich denn so Schlimmes getan, um mir seine Zuneigung zu verscherzen? Es war doch nur eine Verkleidung, in der ich mich wohlgefühlt hatte, und er nahm die Maskerade zum Anlass, sich gänzlich von mir abzuwenden? Aber nein, es war doch nicht Verkleidung und er hatte sehr wohl verstanden, wer ich war. Egal, wie ich mich in den nächsten Stunden und Tagen abmühte, ihn zurückzugewinnen, es war alles vergebens. Er wollte nicht mehr in meiner Nähe sein. Wenn ich mich heute zu Männern hingezogen fühle, die ihre Distanz niemals ganz aufgeben, ist das ein wiederkehrender Versuch, spät aber doch die Zuneigung meines Vaters zu gewinnen.
Vaters Ablehnung konnte zu Zeiten in kleinere oder größere Gemeinheiten umschlagen: Als ich mich anlässlich einer der seltenen gemeinsamen Mahlzeiten weigerte, weiter zu essen, weil ich satt war, stand er auf und wanderte, scheinbar von der Angelegenheit unberührt, um den Tisch herum. Plötzlich erschien er neben mir, ergriff meinen Nacken mit seiner Pranke und tauchte meinen Kopf in den halb vollen Teller.
Einmal hatte er ein schickes kleines Radio in einem roten Futteral mit nach Hause gebracht. Ich mit meinen zwölf Jahren war augenblicklich davon fasziniert.
„Willst du es haben?“ Mit dieser Frage überraschte er mich und ich nickte begeistert. Den ganzen Tag gab ich mich den Wohlklängen aus dem kleinen Ding hin. Das Geschenk war ja auch ein Beweis dafür, dass mich mein Vater wieder in sein Herz geschlossen hatte; trotz allem, was vorgefallen war! Am frühen Abend war es dann vorbei mit der väterlichen Großzügigkeit: „Du hast doch nicht geglaubt, dass ich es dir wirklich schenke!“ Er nahm mir das Gerät aus der Hand und verließ summend den Raum.
Wenn mein Vater betrunken war, was wohl aufgrund seiner Arbeit als Gastwirt häufiger vorkam, neigte er zur Gewalttätigkeit. Immer wieder schlug er mich ohne Grund. Da war es dann nur meiner älteren Schwester zu verdanken, dass die Prügel sich in Grenzen hielten. Sie allein wagte es, im Gegensatz zu meiner Mutter, sich diesem Koloss von einem Mann, der mein Vater war, zu widersetzen. „Wer ist Olaf?“, fragte mein Schwager einmal meinen Vater. „Dein Sklave?“
Ein wenig Lust war allerdings mit eingemischt, wenn ich die väterlichen Ausbrüche provozierte: Ich wusste, er würde ausrasten, wenn ich nur vor ihm ging – und von Zeit zu Zeit entschloss ich mich, ihn genau damit zu reizen. Es war mir vermutlich daran gelegen, lieber seine Misshandlung als gar nichts zu spüren.
Erst Jahrzehnte später, als ich beruflich schon sehr erfolgreich war und mir als Boxpromoter einen Namen gemacht hatte, kam er die Treppen meiner Finca auf Mallorca herunter, wo er zu Gast war. Er ging mit weit geöffneten Armen auf mich zu und drückte mich an sich. Ich war überfordert, damit hatte ich nicht gerechnet! Dieses Monster konnte Gefühle zeigen!
Vierzig Jahre vorher hätte mich das unendlich glücklich gemacht, jetzt rief der väterliche Stolz gemischte Gefühle in mir hervor: Ja, ich war noch immer froh, wenn er mich umarmte, und gleichzeitig sagte ich mir, dass die Anerkennung reichlich auf sich hatte warten lassen.
Wenn Mutter am Revers meines Sakkos herumnestelte, ließ ich sie wissen, dass ein solcher Anflug von Mütterlichkeit, weil verspätet, unangebracht sei. Vor der Öffnung der Grenzen – sie war damals schon in Rente und konnte sich frei bewegen – umkreiste sie eine ganze Weile meine Westberliner Wohnung. Sie wollte wohl Abbitte leisten für die ausgebliebene Mütterlichkeit während meiner Kindheit. Ich erinnere mich an die Verzweiflung in ihren Augen, als sie bemerkte, dass das nichts mehr nützte; dass es unmöglich war, eine Beziehung zu mir herzustellen, die Jahrzehnte vorher hätte stattfinden sollen. Aber ich empfand ihr Unglück nun als zusätzliche Belastung und nicht als Wiedergutmachung. Später war ich anlässlich ihres Begräbnisses traurig, dass ich über ihren Tod nicht traurig sein konnte.
Die Schule war ein einziger Spießrutenlauf. Ich war Legastheniker, was für die damalige Lehrerschaft ein Ausdruck mangelnder Intelligenz war. Mit einem Fuß stand ich immer vor der Abschiebung in die Sonderschule. Meine Mathematik-Lehrerin, Frau Westphal, eine furchteinflößende alte Jungfrau, bedachte mich mit einem unappetitlichen Spitznamen, der die weiteren neun Jahre an mir festklebte wie ein Stück Hundekot. Rasch hatten auch meine Mitschüler herausgefunden, dass es mit meiner Männlichkeit nicht weit her war. „Schwuler, Schwuler!“ riefen sie mir nach. Als sich mir die Bedeutung des Wortes erschloss, war mir klar, dass sie es nicht freundlich meinten. Was sie jedoch nicht wussten: Ich war kein Bub, der ein Liebesverhältnis mit einem anderen Buben suchte, ich war ein Mädchen, das sich ein männliches Gegenüber erträumte. Am liebsten hätte ich einen erfolgreichen Mann geheiratet, mit ihm fünf Kinder in die Welt gesetzt und mich mit Haus, Hund und Garten ganz und gar dem Ehe- und Mutterglück hingegeben. „Du, mein Kind, isst jetzt den Spinat auf!“, hörte ich mich zu meinem Zweitgeborenen freundlich, aber bestimmt, sagen. „Ja, Mama“, hätte er mir artig zur Antwort gegeben und er hätte das bittere Gemüse zu sich genommen, ohne dabei eine Miene zu verziehen.
Die Wirklichkeit ließ keinen Gedanken an Idylle zu. Bei jedem Toilettenbesuch in der Schule bedeutete man mir, dass ich am falschen Klo sei. Es hieß, ich sollte doch zu den Mädchen gehen. Das hätte ich wohl gerne getan, aber ich traute mich nicht. Außerdem stießen mich meine Mitschüler so lange herum und schlugen mich, bis ich eines Tages die Gegenwehr für mich entdeckte. Ich setzte meine Fäuste ein und wurde von da an in Ruhe gelassen. Freunde hatte ich keine in meiner Klasse.
Mit elf Jahren schaffte ich es, mich in eine Ballettschule einzuschreiben. Die Stunden bereiteten mir große Freude, ich sah mich schon als deutschen Nurejew auf den großen Bühnen tanzen. Vater würde sich im Publikum von den Begeisterungsstürmen der anderen mitreißen lassen, das hoffte ich zumindest. Ballett war natürlich auch mit Schmerzen verbunden, aber ich war wild entschlossen, alles auf mich zu nehmen.
Der Lehrer, endlich ein freundlicher, mir zugewandter Mann, war mit meinen Bemühungen zufrieden. Einzig mein Hohlkreuz schien ihm ein Dorn im Auge zu sein. An dem, sagte er, müsse man separat arbeiten, da es doch nur mich und keinen anderen Schüler betraf. Ich war etwa ein Jahr in der Ballettschule gewesen, als er mich zu sich nach Hause einlud, um die Verbesserung meiner Haltung vorzunehmen.
Ich fand es ganz normal, als er mir dort sagte, ich sollte mich entkleiden. Dass ich auch die Unterhose ausziehen sollte, war seltsam, aber es ging ja bei diesen Übungen um etwas ganz Spezielles. So erklärte ich mir seinen Wunsch.
Er führte mich in sein Wohnzimmer. Als er mich gegen die Wand drückte, nahm ich noch wahr, wie entschlossen er meine Pobacken auseinanderzog. Im Entsetzen spaltete sich meine Körperwahrnehmung. Mein ganzer Unterleib verfiel in eine gefühllose Starre. Ich spürte nur noch, wie mich jemand mit eisernem Griff festhielt und mein Oberkörper immer wieder gegen die eiskalte Wand gestoßen wurde. Emotionslos schaute ich mich um und sah eine ganze Serie von Gipsbüsten, die ebenso wie ich gleichgültig das Geschehen zu verfolgen schienen. Wir ähnelten einander, so wie mir fehlte ihnen der Unterleib; und auch ich versteinerte immer mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange die Misshandlung mitsamt der „spinalen Narkose“ dauerte, meine Wahrnehmung war getrübt.
Ich weiß auch nicht, ob mir der Lehrer im Anschluss Vorwürfe machte oder nicht. Fest steht jedenfalls, dass ich ein schlechtes Gewissen wegen dieses Missbrauchs bekam. Als Kind konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass ein Erwachsener, vor allem ein bis dahin von mir bewunderter Mann, an irgendetwas schuld sein könnte. Aus lauter Scham versteckte ich meine blutige Unterhose, weil ich sie für ein Beweisstück meines eigenen schuldhaften Verhaltens ansah. Es dauerte Wochen, bis ich mich dazu entschließen konnte, sie wegzuwerfen. Selbstverständlich teilte ich mich niemanden mit, wem hätte ich es auch sagen können? Zum Ballettunterricht kehrte ich nicht zurück. Bei mir zu Hause interessierte sich keiner für diesen plötzlichen Sinneswandel.
Infolge des Missbrauchs bekam ich wiederholt Angstzustände, die durch Details, welche an das Zuhause des Ballettlehrers erinnerten, hervorgerufen wurden. Mit vierzehn Jahren vertraute ich meine Nöte einem Priester an. Ich war protestantisch aufgewachsen, aber ich dachte, dass mir eine persönliche Beichte besser helfen würde als ein Gemeinschaftsbekenntnis. Nachdem ich Hochwürden stockend von dem Übergriff erzählt hatte, lud dieser mich in sein Zimmer ein. Während er geräuschvoll die Vorhänge zuzog, meinte er, ich solle mich auf sein Bett setzen. Dort umarmte er mich, was mir ein mulmiges Gefühl verursachte. Als er sich an meiner Kleidung zu schaffen machte, stieg die Erinnerung an die eiskalte Wand von vor ein paar Jahren in mir auf und ich rannte davon. Ein gleichsam heiliger Mensch – das war es, was ich auf den Priester projiziert hatte – wollte sich auch sexuell an mir vergehen! Wieder einmal stürzte die Welt für mich ein. Ich fühlte mich immer mutterseelenallein, gestattete ich aber Nähe, dann hatte das für mich unabsehbare, vor allem verwirrende und schmerzhafte Folgen.
