Europa und Afrika - Rudolf Decker - E-Book

Europa und Afrika E-Book

Rudolf Decker

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Beschreibung

Afrika zählt über eine Milliarde Menschen und wächst gigantisch. Europa überaltert und schrumpft. Zunehmende Flüchtlingsströme treffen nun auch noch zusammen mit Corona, der katastrophalen Pandemie. Die Nachbarkontinente stehen vor Herausforderungen, denen auf die Dauer niemand ausweichen kann. Rudolf Decker beschreibt anhand soziopolitischer und demografischer Fakten ein Szenario, wie Europa und Afrika als Partner eine werteorientierte, wechselseitig bereichernde Gemeinschaft werden können. In dieser überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage zeigt der Autor unter anderem einen völlig neuen Weg zur Bewältigung der Migrations- und Entwicklungskrise auf, der für die Länder beider Kontinente annehmbar sein könnte. Aus banger Besorgnis muss Zuversicht werden!

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Rudolf Decker

Europa und Afrika

Rudolf Decker

Europa und Afrika

und jetzt auch noch Corona

Mit Vorworten von Gerd Müller und Hans-Jochen Vogel

Aktualisierte und überarbeitete Neuausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020

Originalausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG, Karlsruhe

Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book: 978-3-451-82260-5

ISBN: 978-3-451-38977-1

Zum Gedenken an lebende und tote Migranten zwischen Afrika und Europa

Über den Autor

Rudolf Decker, Jahrgang 1934, war von 1968 bis 1992 Mitglied des Baden-Württembergischen Landtages. Als jeweils direkt gewählter Abgeordneter der CDU machte er sich u.a. den Umweltschutz zur Aufgabe. Er war 1984 Mitbegründer und viele Jahre lang Vorsitzender der „Vereinigung für Grundwerte und Völkerverständigung e.V.“ und war von 2005 bis 2017 Vorstandsvorsitzender der von dieser Vereinigung 2005 gegründeten „Stiftung für Grundwerte und Völkerverständigung“.

Inhalt

Vorwort

von Bundesminister Dr. Gerd Müller zur Auflage 2020

Vorwort

von Dr. Hans-Jochen Vogel (†) zur Auflage 2017

Einleitung

1. Die Nachbarkontinente

2. Ein Projekt des Jahrhunderts

3. Begründungen zu „Europa und Afrika“

4. Allen Katastrophen zum Trotz

Dank und Anerkennung

Quellennachweise

Vorwort

von Bundesminister Dr. Gerd Müller zur Auflage 2020

Seit langem eint Rudolf Decker und mich die Überzeugung: Wir brauchen eine starke Partnerschaft zwischen Afrika und Europa.

Europa muss endlich begreifen: Afrika ist ein Kontinent der Chancen! Und diese Chancen müssen wir jetzt nutzen und gestalten. Denn trotz Lockdown und geschlossener Grenzen ist auch die Corona-Pandemie vor allem ein globaler Weckruf zu mehr Kooperation. Denn die Pandemie und die Zukunft werden wir nur gemeinsam meistern – oder gar nicht.

Die Weltbevölkerung wächst jährlich um mehr als 80 Millionen; allein in Subsahara-Afrika wird sich die Zahl der Menschen bis 2050 nahezu verdoppeln. In den letzten Jahrzehnten hat Afrika im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung enorme Fortschritte gemacht. Doch seit 2015 steigt die Zahl der Hungernden in einigen Ländern wieder an. Und die Corona-Pandemie verschärft das Problem durch Lockdowns und geschlossene Grenzen, die den Warenverkehr behindern und die Preise für viele Grundnahrungsmittel in die Höhe treiben.

Erstes Ziel der neuen Partnerschaft mit Afrika muss sein, die Voraussetzungen zu schaffen, dass sich der Kontinent wieder selbst ernährt. Dafür muss die Landwirtschaft produktiver und wettbewerbsfähiger werden, und es muss mehr Wertschöpfung in den Regionen stattfinden.

Dazu wiederum braucht es auch Unternehmen, die Geld in die Hand nehmen und ihr Knowhow mit Partnern in Afrika teilen. Die Bundesregierung schafft hierfür Anreize und in diesem Jahr ist Deutschland in Afrika endlich wieder unter den Top 10 der ausländischen Investoren!

Zweitens brauchen Wirtschaft und Handel echte Impulse: Afrikanische Märkte sind bislang eher klein, die Volkswirtschaften wenig diversifiziert, und oft bremsen Zölle oder Einfuhrkontingente Wettbewerb und Wachstum aus. 2019 legten die Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union (AU) den Grundstein für die afrikanische Freihandelszone. Sie soll den innerafrikanischen Handel fördern, die regionale und kontinentale Integration ausbauen sowie die verarbeitenden Industrien weiterentwickeln. Diesen wichtigen Prozess muss Europa politisch auf allen Ebenen unterstützen! Zudem müssen wir uns auf einen konkreten Fahrplan für ein faires afrikanisch-europäisches Freihandelsabkommen festlegen, das zum Beispiel Zölle und Quoten für Agrarprodukte aus Nordafrika endlich beseitigt.

Zum dritten Schwerpunkt: Afrika ist besonders stark vom Klimawandel betroffen. Gleichzeitig gibt es dort die einmalige Chance, eine globale Führungsposition einzunehmen, indem der Kontinent das fossile Zeitalter überspringt und sich als erster vollständig mit sauberer Energie selbst versorgt. Damit das gelingt, ist Europa mit dem Green Deal gefordert! Es gilt nun, dieses Maßnahmenpaket so rasch wie möglich mit Hilfe von Garantie- und Finanzierungsinstrumenten europäischer Entwicklungsbanken auf Afrika auszuweiten und eine Grüne Allianz für erneuerbare Energien zu schaffen. Dass das keine Utopie ist, zeigt Deutschland u.a. mit den Produktionsstätten für Solarenergie und Wasserstof in Marokko.

Die Herausforderungen bleiben dennoch riesig: Das zeigt auch die humanitäre Krise im Mittelmeer. Denn Frieden und Sicherheit sind Grundvoraussetzungen für jede gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Wo Waffen herrschen, verlieren Menschen jede Zukunftsperspektive – wer kann, der flieht. Wir unterstützen daher die Afrikanische Union bei ihren friedenserhaltenden Aufgaben.

Das BMZ hat bereits 2017 den Marshallplan mit Afrika als neuen konzeptionellen Rahmen für die deutsch-afrikanische Zusammenarbeit geschaffen. Wir arbeiten mit besonders reformorientierten Ländern daran, die Rahmenbedingungen für Investitionen und Beschäftigung zu verbessern und eine gute Regierungsführung zu stärken. Um im Sinne des Artikels 8 des EU-Vertrages einen „Raum des Wohlstandes und der guten Nachbarschaft zu schaffen“, ist in einem nächsten Schritt nun eine Art Europäischer Marshallplan mit Afrika notwendig: Wir brauchen gemeinsame Sicherheitsstrukturen, ein Migrations- und Klimakonzept, faire Handelsbeziehungen und eine Investitions- und Innovationsoffensive. Damit der afrikanische Kontinent zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien wird und gleichzeitig die Herausforderungen der Ernährung einer dynamisch wachsenden Bevölkerung bewältigen kann. Gemeinsam auch können wir unsere Lebensgrundlagen sichern und nachhaltig Beschäftigung und Perspektiven für Millionen von jungen Afrikanerinnen und Afrikanern schaffen.

Ich danke Rudolf Decker herzlich dafür, dass er Afrika mit diesem Buch erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, denn uns eint die Leidenschaft für diesen faszinierenden Kontinent mit seinen vielfältigen Menschen und Kulturen.

Und uns eint die Überzeugung: Egal, ob wir nördlich oder südlich der Meerenge von Gibraltar leben – wir alle brauchen eine neue starke Partnerschaft!

Im September 2020

Dr. Gerd MüllerBundesminister für wirtschaftlicheZusammenarbeit und Entwicklung

Vorwort

von Dr. Hans-Jochen Vogel (†) zur Auflage 2017

Dies ist ein sehr ungewöhnliches Buch, das Rudolf Decker präsentiert. Es beschäftigt sich mit einer weltpolitisch überaus bedeutsamen Frage – nämlich der gegenseitigen Abhängigkeit Europas und Afrikas. Der Autor beschränkt sich aber nicht darauf, Fakten darzustellen, Entwicklungen zu schildern und Prognosen zu stellen. Er legt auch kein aus heutiger Sicht in absehbarer Zeit realisierbares Programm vor. Sondern er beschreibt eine Vision dessen, was seiner Meinung nach geschehen müsste, um den Menschen in beiden Kontinenten – und das wären 2050 immerhin ein Drittel der Weltbevölkerung – zu einigermaßen erträglichen Lebensverhältnissen zu verhelfen.

Zu diesen zählt er für Afrika die Achtung der Menschenrechte, die Schaffung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen und die Gewährleistung sozialer Mindeststandards. Also ein Leben ohne Gewalt, ohne Hunger und mit einem Mindestmaß an Freiheit. Nur Fortschritte in dieser Richtung könnten angesichts der rapiden Bevölkerungszunahme in Afrika das explosive Anwachsen des schon in Gang gekommenen Flüchtlingsstroms nach Europa verhindern, der sonst die hiesigen Lebensverhältnisse ernsthaft gefährden würde. Beide Kontinente müssten auf kontinentaler Ebene zusammenarbeiten, um diesem Ziel näher zu kommen. Die einzelstaatliche Kooperation genüge dafür nicht mehr. Das gilt auch für die Verhinderung der Klimakatastrophe, die von Europa weitgehend verursacht worden ist, Afrika besonders hart trifft und sich mehr und mehr auf den Flüchtlingsstrom auswirkt.

Der Autor bagatellisiert die Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen, keineswegs. Er weiß beispielsweise, dass an der Schaffung besserer staatlicher Strukturen in Afrika Persönlichkeiten mitwirken müssen, die bisher durchweg autoritär regieren, und schreibt das auch. Und er leugnet auch nicht, dass es in Europa durchaus ernstzunehmende Tendenzen gibt, das Problem durch die völlige Schließung der Außengrenzen zu lösen und jedenfalls fundamentale Hilfen für Afrika abzulehnen. Auch eine weitere fundamentale Frage klammert er nicht aus. Nämlich die Frage, welche Rolle China in dem ganzen Zusammenhang spielen soll, das in den letzten zwanzig Jahren zum wichtigsten Handelspartner1 vieler afrikanischer Staaten geworden ist und zeitweise mehr in die Infrastruktur Afrikas investiert hat als alle EU-Staaten zusammen.2

Anderes wird offengelassen. So die Sorge, ob die Afrikanische und die Europäische Union für völkerrechtlich verbindliche Verträge, ja sogar für die Gründung einer übergeordneten Institution wirklich die Kraft und den Willen besitzen. Oder ob die Europäische Union angesichts der Krisen, mit denen sie es gegenwärtig zu tun hat, überhaupt in absehbarer Zeit für Initiativen auf diesem Feld gewonnen werden kann.

Aber all das hat Decker nicht davon abgebracht, dieses Buch zu schreiben. Als Vision, vielleicht sogar als Weckruf. Als Weckruf, der dem Thema endlich ein Stück der Aufmerksamkeit verschafft, die es wahrlich verdient. Dafür ist ihm zu danken.

Zwei Umstände verleihen dem Buch noch zusätzlich einen besonderen Charakter. Das ist die Tatsache, dass hier jemand schreibt, der Afrika seit 1982 mehr als einhundert Mal besucht und sich dabei jeweils mit maßgeblichen Persönlichkeiten, aber ebenso mit „ganz normalen“ Menschen, getroffen hat. Mehrfach hat er dabei auch geholfen, Konflikte zu verhindern oder zu beenden. Er kennt also die Fakten, die er beschreibt, aus kontinuierlichem persönlichem Erleben.

Und er bekennt, dass er aus Verantwortung vor Gott handelt und dieses Buch vorlegt. Er beruft sich also auf den Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes gerade auch in einem globalen Zusammenhang. Das ist ebenfalls nicht alltäglich und stellt eine Nähe zu entsprechenden kirchlichen Äußerungen und insbesondere zu Mahnungen des gegenwärtigen Papstes her. Das Buch lädt deshalb auch zum Nachdenken über diese Aspekte ein. Und auch dafür ist Rudolf Decker zu danken.

Im Dezember 2016

Hans-Jochen VogelBundesminister a. D.

Einleitung

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gottund den Menschen, von dem Willen beseelt,als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europadem Frieden der Welt zu dienen …

Präambel des Grundgesetzes für dieBundesrepublik Deutschland3

Europa und Afrika – und jetzt auch noch Corona

„Corona“ markiert die bisher verheerendste Pandemie unseres Jahrhunderts, eine die ganze Welt erfassende Katastrophe. Diese kam plötzlich, ohne jede Vorwarnung. Die Folgen für die Zukunft sind gravierend und noch kaum absehbar. Millionen Tote, weltweite Zunahme von Armut und Hunger, Rückgang von Wohlstand und sozialer Fürsorge gehören zu den Folgen der Krise.

Mit dem ungehemmt fortschreitenden Bevölkerungswachstum Afrikas hat unerbittlich eine weitere Katastrophe begonnen, die immer schwerer zu beherrschen sein wird, je länger nicht wirksam gegengesteuert wird. Noch ist diese Katastrophe am Anfang ihrer Entwicklung. In aller Unheimlichkeit werden verhängnisvolle Fakten geschaffen. Corona erzwingt geradezu, auch die mögliche Afrika-Katastrophe in das Rampenlicht der Beachtung zu rücken, um unabsehbare Folgen für beide Kontinente abzumildern.

In den ersten Tagen des März 2020 wurde damit begonnen, diese Neuauflage von „Europa und Afrika“ (2017) zu bearbeiten. Unerwartet kam nun Corona dazwischen. Als Angehöriger der Risikogruppe war ich zunächst frei, mich ohne Einschränkung dieser Neuauflage zuzuwenden. Erst nach einigen Wochen wurde klar, dass Corona ganz entscheidend auch Perspektiven von „Europa und Afrika“ berührt. Heute steht fest: Die Pandemie beeinflusst auch jede denkbare Entwicklung des Verhältnisses der Nachbarkontinente zueinander. Sie wird zur einschneidenden Wegmarke der weiteren Weltgeschichte und wird uns auf lange Dauer beschäftigen.

Passt im Hinblick auf Corona die Befassung mit „Europa und Afrika“ in die jetzige Zeit? Unbedingt, meine ich inzwischen. Es ist geradezu unverzichtbar, jetzt in beiden Kontinenten über die Menschen, ihre Würde und ihr Schicksal nachzudenken. Gemeinsam sind Europäer und Afrikaner sozusagen der aus beiden Kontinenten kommenden „Pandemie der Überbevölkerung und Überalterung“ ausgesetzt. Offensichtlich wird diese „Pandemie“ vieles ändern. Indessen führt Corona schon jetzt zu einer verblüffenden Erkenntnis: Zur Abwehr von Corona-Folgen stehen erstmalig in der deutschen Nachkriegsgeschichte unbegrenzt Finanzmittel zur Verfügung: Das grenzenlose Problem verlangt grenzenlose Mittelbereitstellung. Das Problem „Europa und Afrika“ ist vergleichbar und bedarf derselben Grenzenlosigkeit, auch wenn im Unterschied zu Corona nicht die ganz unmittelbare Todesgefahr droht.

Unverändert sind auch heute und zunehmend Millionen Menschen weiterhin auf der Flucht.4 Sie erschüttern Europa und die Welt. Insbesondere muss an das Jahr 2015 erinnert werden mit der Ankunft afrikanischer Bootsflüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa. Den Afrikanern folgten Hunderttausende aus dem Nahen Osten. Täglich bis heute zeigen Schreckensbilder, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Europa war schon damals und ist heute noch unvorbereitet und vielerorts nicht in der Lage, mit dem Zustrom der Männer, Frauen und Kinder fertig zu werden. Die Gemeinschaft der Europäer versagte überraschend und versagt weithin. Tatsachen und Prognosen zu beiden Kontinenten drängen die Vermutung auf, dass die bisherigen Flüchtlingsströme vielleicht nur Vorboten viel größerer kommender Herausforderungen sind. Aus Afrika könnten heute hundert Millionen kommen und viel mehr, wenn sich wie vorhergesagt die Bevölkerung des Kontinents bis 2050 mehr als verdoppelt5 und einem überalterten Europa gegenübersteht. Europa kommt an Afrika nicht mehr vorbei.

In diesem Buch geht es darum, mit allem denkbaren Einsatz aus den Nöten Tugenden zu machen. Afrika steht schon längst auf der europäischen Tagesordnung. Bereits 1950 sah der Vorschlag des französischen Außenministers, Robert Schuman, zur Schaffung der Kohle- und Stahlunion vor, dass Europa zu Wohlstand gelange, um sich dann Afrika zuzuwenden.6 Europa werde dann mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen können: die Entwicklung des afrikanischen Erdteils.

Das hochentwickelte Europa mit seinem Potenzial an Wissen und Erfahrung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist ein idealer Partner für ein zwar weithin noch unterentwickeltes, aber überaus vitales und nach vorne strebendes Afrika, ein Traumpaar, wenn sich die so Unterschiedlichen finden. Das ist mit interessanten Zukunftsperspektiven verbunden und in einer „Nebenwirkung“ geeignet, durch Beseitigung von Fluchtursachen künftig Flüchtlingsmassen zu reduzieren.

Ausgangspunkt für die in dieser Auflage vorgeschlagenen Partnerschaften für Staaten oder Teilstaaten sind unabweisbare demografische und soziale Entwicklungen in beiden Kontinenten. Diese legen nahe, dass sich Europa und Afrika auf ein gemeinsames Schicksal besinnen und dieses zu bewältigen versuchen. Die Alternative wären hermetische Absperrungen mit Zäunen und Grenzwachen entlang von je vielen tausend Kilometern Mittelmeerküste auf europäischer oder auf afrikanischer Seite. Mit Waffengewalt müssten millionenfach Männer, Frauen und Kinder von der Flucht nach Europa zurückgehalten werden. Unvorstellbare menschliche Tragödien wären das tägliche Hauptthema der Medien, eine Niederlage für die Menschlichkeit!

Global betrachtet stellt Europa zusammen mit Afrika neben Asien und Australien sowie Nord- und Südamerika eine der drei großen Nord-Süd-Regionen der Erde dar. Diese Geografie bestimmt das Schicksal der Kontinente in der absehbaren Zukunft. „Geschichte ist nichts als eine in Bewegung gesetzte Geografie der Zeiten und Völker“, formulierte Johann Gottfried Herder im 18. Jahrhundert. Die historische Geografie und reale Demografie führen zu zwei Optionen:

Zum einen: unabweisbaren Dingen ihren Lauf zu lassen und ihnen tatenlos entgegenzugehen, um alles der ungewissen Entwicklung zu überlassen.

Zum anderen: die heute bekannten Tatsachen und verlässlichen Prognosen zur Kenntnis zu nehmen und alsbald das „Gesetz des Handelns“ zu ergreifen.

Der vorgeschlagene Lösungsweg für „Europa und Afrika“ soll zu der Erkenntnis führen, dass gemeinsam zu unternehmen ist, was unabweislich erscheint. Die Haltung „nach mir die Sintflut“ kann angesichts der heraufziehenden Katastrophe von heute lebenden jungen Menschen in beiden Kontinenten nicht hingenommen werden. Vielen Gemeinsamkeiten stehen krasse Unterschiede gegenüber. Europa altert und die Zahl seiner Einwohner schrumpft. Afrika ist jung und wächst unaufhörlich. Europa ist reich und weit entwickelt mit überwiegend funktionierenden Staaten, erfolgreichen Marktwirtschaften und Grundrechten. Afrika ist weitgehend arm und unterentwickelt, mit überwiegend unzureichenden Staatswesen und oft fehlenden Grundrechten. Können derart ungleiche Nachbarn an eine gemeinsame Zukunft denken? In Europa ergaben sich erhebliche Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf Wahlen und unerwartete Verschiebungen im politischen Spektrum.

Seit Jahren spielt sich das Weltgeschehen durch die elektronischen Medien vor unser aller Augen ab. Diese neue „Weltoffenheit“ ist faszinierend und furchterregend zugleich. Bis in „am Ende der Welt“ gelegene Siedlungen in den ärmsten Ländern und bis hinein in die erbärmlichsten Hütten der Slums in den Megastädten wird bekannt, wie andere Menschen in den wohlhabenden Ländern leben. Alle erleben durch das Fernsehen mit, dass Millionen sich aufmachen, um die tatsächlich bessere Welt zu finden. Über das Mobiltelefon dirigieren die am Ziel ihrer Flucht Angekommenen die noch Zurückgebliebenen, wenn diese sich auf den Weg machen. Ist die Welt aus den Fugen geraten? Das sind einige der Fakten:

Kriegerische Auseinandersetzungen in aller Welt bestimmen immer wieder die Schlagzeilen. Viele davon ereignen sich in Afrika.

„Menschengemachte“ Umweltzerstörung führt zu dramatischen Klimaveränderungen, die bestenfalls aufgehalten, aber nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Der Unterschied der Lebensverhältnisse zwischen der reichen Minderheit der Weltbevölkerung und der armen Mehrheit wächst unaufhaltsam. Der Unterschied kann als Ungerechtigkeit erkannt und für die privilegierte Minderheit zur Bedrohung werden.

Die demografische Entwicklung diktiert die zukünftige Menschheitsgeschichte. Jahr für Jahr wächst die Erdbevölkerung nach UN-Angaben um über 70 Millionen Menschen.

Wohin wird das führen? Die Mehrzahl der Kinder von heute kann mit einer Lebenserwartung bis über das Jahr 2070 hinaus rechnen.7 Die Nachbarkontinente Europa und Afrika repräsentieren mit nahezu 2 Milliarden Menschen etwa ein Viertel der Weltbevölkerung.8 Davon fallen etwa 37 % auf Europa, etwa 63 % auf Afrika. Schätzungen zufolge sind etwa 640 Millionen Afrikaner bis zu 18 Jahre alt im Vergleich zu nur 160 Millionen Europäern in der gleichen Altersstufe.

Der Hintergrund zu diesem Buch

Für umfassende Aussagen über zwei Kontinente und für seriöse Voraussagen bedarf es einer Vielzahl von Experten. Erkenntnisse dazu füllen Fachbücher, Buchhandlungen und Bibliotheken. Weder meine 50-jährige Tätigkeit als selbstständiger Beratender Ingenieur des Bauwesens noch meine 24-jährige Mitgliedschaft im Landtag von Baden-Württemberg qualifizieren mich zum Experten für die Entwicklung von Kontinenten. Mein Engagement für Afrika erkläre ich mit einem ehrenamtlichen Hintergrund in Zusammenhang mit der Welt der Politik. Mein Geburtsjahr 1934 macht mich zum Zeitzeugen einiger der dunkelsten und der hellsten Jahrzehnte der jüngeren Geschichte. Dies umfasst letzte Jahre des Zweiten Weltkrieges und den Aufstieg Deutschlands nach Kriegsschuld, Verbrechen an der Menschlichkeit, Zerstörung, Elend, millionenfachem Tod und Vertreibung. Schwerpunkt meiner Mitwirkung im Landtag war die Umweltpolitik. In meinem Buch Operation Umwelt (1988) habe ich, „Europa und Afrika“ vergleichbar, Fakten aufgezeichnet und Ideen zur Bewältigung nach einer Katastrophe zusammengestellt, die meist von tatsächlichen Entwicklungen bestätigt wurden.

Die Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland geht von einer „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ aus, die im Sinne der Religionsfreiheit beachtet oder ohne „Gottesbezug“ auch nur als „Verantwortung vor den Menschen“ verstanden werden kann. Im Sinne dieser Verantwortung bin ich ehrenamtlich und überparteilich in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tätig. Daraus ergaben sich entsprechende Kontakte in Deutschland und im Ausland, auch in Afrika.

Mitglieder des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika luden mich 1979 zu dem von ihnen veranstalteten „Nationalen Gebetsfrühstück“ in Washington D.C. ein. Die Abgeordneten gehörten informellen parlamentarischen Frühstücken mit Gedankenaustausch und Gebet an. Sie empfahlen mir, die Idee derartiger überparteilichen Begegnungen auch in Deutschland einzuführen. Dazu ermutigte mich ausdrücklich auch Bernd von Staden, der damalige Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Washington. Die Gründung dieser Gruppen gelang mir im Landtag von Baden-Württemberg und zusammen mit Freunden auch im Deutschen Bundestag. Weitere Gruppen von Führungspersönlichkeiten folgten.

1982 bat mich der Verantwortliche des National Prayer Breakfast in den USA, der 2017 verstorbene Douglas Coe, einen von ihm begründeten Kontakt zum Präsidenten Somalias, Siad Barre, weiterzuführen. Somalia war seit der Befreiung von Geiseln 1977 in Deutschland bestens bekannt, weil Terroristen die Boeing 737 Landshut der Lufthansa entführt hatten. Mit Einwilligung von Siad Barre konnte die berühmte Gruppe GSG 9 des Bonner Innenministeriums in Mogadischu die Landshut stürmen und die Entführten retten.

Inzwischen war Bernd von Staden zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Bonn aufgestiegen. Er empfahl mir, die Einladung nach Afrika anzunehmen. Daraus wurden inzwischen weit mehr als 100 Besuche. Der Präsident Somalias regte später an, weitere afrikanische Präsidenten zu besuchen und diese in das Netzwerk der Freunde einzubeziehen. Im Laufe der Jahre ergaben sich so Kontakte zu führenden Persönlichkeiten in vielen Ländern. Mit der ursprünglichen Unterstützung durch Staatssekretär Bernd von Staden helfen mir deutsche Botschafter vor Ort oft mit profunder Kenntnis des Landes und dessen Problemen.

Auf der Suche nach Frieden und Verständigung

Nicht nur der deutsche Botschafter in Washington gab mir 1979 den Rat, die Initiative „Frühstück mit Gedankenaustausch und Gebet“ in Deutschland einzuführen. In Bonn baten uns später afrikanische Botschafter, ein Frühstück auch für Diplomaten einzurichten. Die Botschafter repräsentieren Länder aus aller Welt und gehören verschiedenen Religionen oder Weltanschauungen an. Sie laden sich gegenseitig zu diesen Treffen ein. Neben der Kontaktpflege sind „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und die „Prinzipien von Jesus von Nazareth“ Ausgangspunkt für Gespräche. Zu den Teilnehmern gehören auch deutsche Botschafter außer Dienst, zu denen vor Ort Kontakte entstanden waren. Von einigen der Botschafter kamen Bitten, in ihren Ländern bei dortigen Konflikten zu Verständigung beizutragen. Dem folgten entsprechende Einladungen, denen ich oft auch begleitet von Abgeordneten des Bundestages folgen konnte. Als einige von vielen Beispielen für entsprechende Aktionen seien erwähnt:

Hutu und Tutsi in Burundi.

„Du solltest sofort kommen und uns helfen, einen Bürgerkrieg in Burundi zu verhindern“, meldete sich am Telefon der Präsident Burundis, eines kleinen innerafrikanischen Landes am Tanganjika-See mit heute mehr als 10 Millionen Menschen. Das Land war in großer Unruhe. Die Spannung zwischen den Ethnien der Hutu und der Tutsi hatten wieder einmal einen Höhepunkt erreicht. Mein Besuch konnte dazu beitragen, den drohenden Bürgerkrieg zunächst abzuwenden. (1995)

Im Bürgerkrieg zwischen dem Norden und Süden des Sudan.

Auch dieser „Einsatz“ nahm seinen Anfang im Botschafterfrühstück in Bonn. Der Botschafter des Sudan hatte dort von meinen Kontakten zum Präsidenten Ugandas erfahren. Als er davon dem damaligen Präsidenten des Sudan in Khartum, Omar el Bashir, berichtete, lud mich dieser in die sudanesische Hauptstadt ein. Er bat mich, einen Kontakt zu dem Präsidenten Ugandas, Yoweri Museveni, herzustellen. Ich konnte dann fünf vertrauliche, zum Teil abenteuerliche Begegnungen organisieren. Beim sechsten Treffen war Arap Moi, damals Präsident Kenias, Gastgeber. Die Begegnungen trugen dazu bei, dass mit Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft Verhandlungen in Gang kamen, die im Ergebnis zur friedlichen Trennung des Nordsudan vom Südsudan beitrugen.

Auf der Suche nach der Zukunft Ruandas vor dem Genozid.

Im Sommer 1990 besuchte ich, einer Empfehlung des Präsidenten von Burundi, Pierre Buyoya, folgend, zum ersten Mal den Präsidenten seines Nachbarlandes Ruanda, Juvénal Habyarimana. Wenige Monate später drangen Rebellen der zuvor von Ruanda vertriebenen Tutsi aus Uganda in den Norden Ruandas ein. Der Präsident bat mich, ihn bei der Suche nach einer Friedenslösung zu unterstützen. Auch hier war Uganda das „feindliche“ Nachbarland Ruandas. Nach dem Besuch beim Präsidenten und an der Bürgerkriegsfront dort flog ich in Begleitung eines amerikanischen Freundes, eines Vietnam-Generals im Ruhestand, nach Uganda, wo uns Präsident Museveni auf der „Rebellenseite“ an die Front schickte. Wir lernten Rebellenchef Paul Kagame, den heutigen Präsidenten Ruandas, mitten im Busch kennen. In der Folge kamen die Präsidenten der Nachbarländer mit den Rebellen ins Gespräch. Die Präsidenten Tansanias und Burundis leisteten wertvolle Hilfe. Am Tag der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Ruanda und den Rebellen wurde das Flugzeug des Präsidenten von Ruanda, in dem auch der Präsident von Burundi saß, abgeschossen. Der Völkermord nahm seinen Anfang. (Juli 1990)

Präsident Mobutu Sese Seko und Flüchtlinge aus Ruanda.

Pierre Buyoya, jetzt ehemaliger Präsident Burundis, bedrängte mich, den sehr umstrittenen Präsidenten Mobutu im Osten der Demokratischen Republik Kongo zu besuchen. Nach dem Genozid in Ruanda 1994 strömten mehr als eine Million Flüchtlinge in den Osten des Kongo (damals Zaire), in ein Land, in dem es völlig an Ordnung und Sicherheit fehlte. Präsident Mobutu war zu Gesprächen über diese Lage unter der Bedingung bereit, dafür nach Deutschland kommen zu können. Mit der Unterstützung von Hans-Jochen Vogel, dem langjährigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Hans Stercken, dem jungen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck sowie einigen Bundestagsabgeordneten organisierten wir im Mai 1995 im Kurort Bad Kreuznach eine „Gipfelkonferenz“ mit dem Ziel, dem Massenchaos im östlichen Kongo entgegenzuwirken und für die Flüchtlinge humanitäre Hilfe zu ermöglichen. (Mai 1995)

Rebellen und die Darfur-Tragödie.

2003 begann ein Bürgerkrieg in der Region Darfur im Westen des Sudan. Dabei starben weit mehr als 200.000 Menschen. Zwei Millionen flohen.

9

Das Gebiet von der eineinhalbfachen Fläche Deutschlands umfasst einen Teil der Sahelzone und ist ein kärglich bewachsenes Trockengebiet. Im regenreicheren Osten dagegen gibt es Landwirtschaft. Im Nordwesten leben Nomaden mit riesigen Kamel- und Rinderherden, die dort in den regenreicheren Wintermonaten weiden. Zu Beginn der sommerlichen Hitze werden die Herden bis zu 1000 Kilometer weit in den Süden getrieben, um in der subtropischen Vegetation Weidemöglichkeiten zu finden. Im Herbst kehren sie zurück. Die Sahara dehnt sich aus und vermindert die Weideflächen auf der Nord-Süd-Route ständig. Hungrige und durstige Herden suchen dann in den landwirtschaftlichen Gebieten Fressbares. Weil es seit langer Zeit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Ackerbauern und Nomaden kam, entwickelten sich Schlichtungsrituale zwischen beiden Seiten. Dennoch kam es zum Darfur-Bürgerkrieg. Nach Rücksprache mit Khartum reiste ich von der über 1000 km westlich gelegenen Hauptstadt des Tschad aus durch die Wüste zu den Rebellen im Busch. In dem später sehr freundschaftlich verlaufenden Gespräch versuchte ich unter vier Augen ohne Erfolg, den Rebellenchef zur Annahme eines Gesprächsangebots des sudanesischen Präsidenten zu bewegen. Gleichwohl blieben wir über Satellitentelefon in freundschaftlichem Kontakt, bis er bald danach im Kampf mit Regierungstruppen den Tod fand.

1. Die Nachbarkontinente

Ich kann mich an keinen Morgenin Afrika erinnern,an dem ich aufgewacht binund nicht glücklich war.

Ernest Hemingway10

Ist Europa willkommen in Afrika?