Evolution der Bienenhaltung - Torben Schiffer - E-Book

Evolution der Bienenhaltung E-Book

Torben Schiffer

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Beschreibung

Seit 45 Millionen Jahren tragen staatenbildende Honigbienen einen Großteil unseres Ökosystems auf ihren Flügeln. Die natürliche Auslese gewährleistete, dass nur die bestangepassten Bienenvölker diese lange Evolutionsdauer überstanden. Torben Schiffer dokumentiert, wie und warum die faszinierenden Insekten auch heute in der Natur fernab menschlicher Eingriffe überleben, und stellt dabei die tradierten imkerlichen Haltungsbedingungen der freien Lebensweise gegenüber. Der Autor plädiert so eindringlich wie überzeugend für ein Artenschutzprogramm dieser Schlüsselspezies. Auf Grundlage seiner Beobachtungen erstellte er das weltweit erste Konzept der artgerechten, behandlungsfreien Bienenhaltung.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Torben Schiffer

EVOLUTION DER BIENENHALTUNG

ARTENSCHUTZ FÜR HONIGBIENEN

INHALT

GELEITWORT

VORWORT

Wie ich zu den Bienen kam

Alternativlose Standardimkerei?

Wie konnte es so weit kommen?

Vom Styropor-Säure-Imker zum Artenschützer

Neue Wege für mehr Vielfalt

IST-ZUSTAND: BIENEN IN DER IMKEREI

Ganzheitlicher Fokus versus moderne Imkerei

Grundlagen Ökologie

Ökologische Nischen

Reproduktion

Variation

Genetische Re- bzw. Neukombination

Mutation

Natürliche Selektion

Natürliche Selektion unter unnatürlichen Lebensbedingungen

Die Baumhöhle – das perfekte Habitat

Propolis – ein ganz besonderer Stoff

Die Propolisschicht – das äußere Immunsystem

Nestduftwärmebindung

Johann Thür 1946

Neue wissenschaftliche Untersuchungen

Luftfeuchtigkeit und Kondensation

Beutenklimamessungen

Physikalisch ungeeignete Beutensysteme

Bienenkiste und Trogbeuten

Dünnwandige Holzbeuten

Niedrigenergiebeuten

Strohkorb (Stülper)

Die Standortwahl

Das Bienenvolk – eine berechenbare Größe!

Die Kistenhaltung – ein unnatürlicher Selektionsfaktor

Ein erstes Fazit

DER BÜCHERSKORPION – FEIND DER VARROAMILBEN

Die Symbiose von Bücherskorpionen und Bienen

Studie: Bücherskorpione als Varroabekämpfer

Wissenswertes über Pseudoskorpione

Die Mikrofauna im Bienenstock

Der Bücherskorpion – wichtiger Bioindikator

Biologie, Verbreitung und Lebensweise

Wie erkenne ich den Bücherskorpion?

Orientierung

Die Mundwerkzeuge (Chelizeren) im Detail

Die Füße (Tarsen) im Detail

Jagd- und Fressverhalten

Warum verschwanden Bücherskorpione aus unseren Bienenvölkern?

Milbenbekämpfungsmittel

Probleme in heutigen Beuten

Sammeln und Aufzucht

Das Hantieren mit Bücherskorpionen

Fangorte

Fangmethoden

Jahreszeiten

Ausrüstung & Werkzeug

Die Aufzucht von Bücherskorpionen

Bücherskorpione als Schädlingsbekämpfer

Beutetiere

SOLL-ZUSTAND: DAS ARTENSCHUTZPROGRAMM

Artgerechte Honigbienenerhaltung

Artgerechte, ertragsfreie Honigbienenerhaltung

Artgerechte Honigbienenerhaltung mit geringfügigem Ertrag

Die weltweit erste Baumhöhlensimulation – der SchifferTree

Biologie und Bienenverhalten in artgerechten Behausungen

Vorratssicherheit – Auslöser für natürliche Verhaltensweisen

Menschliche Zucht und Selektion – ein schleichender Ökozid!

Beekeeping (R)evolution

1: Citizens Science – Monitoring wildlebender Völker

2: Citizens Science – Monitoring artgerecht gehaltener Völker

Bienenkrankheiten und Seuchen

Varroamilbenbelastung und „Re-Invasion“

Amerikanische Faulbrut

Die aktuelle Gesetzgebung

Die Bienenseuchen-Verordnung

Die Bundesartenschutzverordnung

Kooperationspartner und Institutionen

„FreeTheBees“

Die Bienenbotschaft

Natural Beekeeping Trust

Nova-Ruder GmbH

Fazit und Ausblick

Monitoring der Wildpopulation

Kurse zur artgerechten Bienenhaltung

Ich habe eine Vision …

SERVICE

Über den Autor

Baupläne SchifferTree

GELEITWORT

Die Honigbiene erscheint uns Menschen heute zweigesichtig: Weniger bekannt als freilebendes Wildtier und allgemein im Bewusstsein als be-imkertes Nutztier. Als Wildtier sollte sie jeden Schutz genießen, als Nutztier bestmögliche Haltungsbedingungen vorfinden. Dabei kann bestmöglich bedeuten, möglichst nahe an der Natur der Honigbienen, so, wie sie in ihrem natürlichen Lebensraum, dem Wald, leben können.

Unzählige engagierte Imkergenerationen haben durch ihre Erfahrungen die Basis dafür gelegt, wie die Ziele des Imkers und die Bedürfnisse der Honigbienen in der Bienenhaltung vereinbart werden können. Die damit verbundene hohe Experimentierfreudigkeit der Imker als Markenzeichen prägt auch die Arbeit von Torben Schiffer. Seine Studien zum Nestklima an einem breiten Spektrum an Bienennest-Typen, zum Verhalten der Honigbienen, zur Bienengesundheit und weiteren relevanten Aspekten haben interessante Resultate erbracht, die Herr Schiffer in eine Art der Bienenbehausung umgesetzt hat, in der die Honigbiene eher als das Wildtier als das Nutztier abgebildet wird. Es geht dabei weniger darum, der „Nutztier-orientierten“ Imkerei eine weitere Möglichkeit der Bienenbehausung vorzuschlagen. Vielmehr liegt diesem Ansatz die Philosophie zugrunde, die Bienen in einer künstlich geschaffenen Unterbringung konsequent sich selbst überlassen zu können und ihnen zu ermöglichen, dabei ihr natürliches Instrumentarium zum Selbsterhalt zu aktivieren, was umso mehr zu erwarten ist, je näher eine künstlich geschaffene Bienenbehausung den Eigenschaften eines hohlen Baumstammes kommt. Schafft man eine ganze Population derart lebender Bienenvölker, ergibt sich eine weitreichende Perspektive: Anders als an be-imkerten Bienenvölkern kann an wildlebenden Honigbienen die natürliche Selektion angreifen und so der einzige Prozess ablaufen, der das Erbgut der Bienen auch an sich verändernde Umweltbedingungen anpassen kann. Solche Entwicklungen sollten in geeigneten Habitaten zugelassen werden, um parallel zur üblichen Imkerei ein Reservoir an Bienenerbgut verfügbar zu haben, falls in der Bienenhaltung zur Lösung von möglicherweise auftretenden heute nicht absehbaren Problemen darauf zurückgegriffen werden muss. Der Einsatz künstlich geschaffener naturnaher Bienenbehausungen, wie sie hier vorgestellt werden, ist bei Ermangelung natürlicher Baumhöhlen eine Lösung, die eine gezielte und kontrollierte Ansiedlung unbetreuter Bienenvölker erlaubt.

Prof. i. R. Dr. Jürgen Tautz

VORWORT

Wer dieses Buch in den Händen hält, der mag sich wundern, dass es keine Anleitung zu imkerlichen Tricks und Eingriffen enthält. Denn in diesem Buch geht es um Artenschutz und den Erhalt der ökosystemrelevanten Schlüsselspezies der Honigbienen und Wildbienen, die aufgrund ihrer Bestäubungstätigkeit einen unschätzbaren Beitrag für den Erhalt unseres Ökosystems leisten. So entstanden die höher entwickelten Blütenpflanzen vor rund 120 Millionen Jahren zusammen mit ihren Bestäubern, den solitären Bienen. Mit dem Auftreten der staatenbildenden Honigbienen vor etwa 45 Millionen Jahren kamen zahlreiche weitere Blütenpflanzen hinzu, die bis heute – insbesondere durch die Ausbildung von Pollen, Nektar und Früchten – die Lebensgrundlagen unzähliger Arten begründen. Die „Schlüssel-Schloss“-Beziehung zwischen den Blütenpflanzen und den Bienen hält bis heute das uns umgebende Ökosystem maßgeblich aufrecht. Der Artenschutz ist also weitaus bedeutender als die Imkerei, die sich allein um die wirtschaftliche Nutzung der Honigbienen mit all ihren manipulativen Methoden und Verfahren dreht. Im vorliegenden Buch geht es daher bewusst nicht darum, das Handwerk der Manipulationen zu vermitteln, sondern darum, Honigbienen gegen derartige Eingriffe zu schützen, um so den natürlichen Verhaltensweisen den notwendigen Raum zu geben – welche unter naturorientierten Bedingungen die vom Menschen unabhängige Überlebensfähigkeit erst ausmachen.

WIE ICH ZU DEN BIENEN KAM

Als mir während meines Studiums mein Großvater das Imkern beibrachte, ahnte ich noch nicht, wohin mich die Arbeit mit den Bienen führen würde. Zunächst erlernte ich dieses Handwerk ganz konventionell, mit Styroporbeuten, Absperrgittern und Ameisensäurebehandlungen.

Mein Biologiestudium an der Universität Hamburg ermöglichte mir jedoch relativ schnell, die etablierten und auch von mir angewandten Handlungsweisen der Imkerei infrage zu stellen. Auslöser hierfür waren unter anderem die erschreckenden Ausmaße der Nebenwirkungen des Standardverfahrens zur Milbenbekämpfung mittels Ameisensäure. Im Jahr 1977 wurde die Varroamilbe aus Ostasien nach Europa eingeschleppt. Dieser bei uns ursprünglich nicht heimische Bienenparasit gilt als die größte Gefahr für die Bienenvölker und wird seither in der Regel chemisch bekämpft. Die Varroamilben übertragen beim Biss Viren und Bakterien auf ihren Wirt und führen – sofern ihre Anzahl überhandnimmt – zum Zusammenbrechen und Absterben der Völker.

Nachdem ich meine Honigbienenvölker mit Ameisensäureverdunstern ausstattete, um vorschriftsmäßig mit 60-prozentiger Ameisensäure gegen die Varroamilben vorzugehen, sah ich zahlreiche tote Jungbienen: mit dem Kopf aus ihren Zellen hängen. Nach ein paar Tagen fand ich nicht nur viele tote Milben in der Gemüllschublade (einer durch ein Gitter vom Bienenraum abgetrennten Schublade, in der sich der organische Abfall des Volks sammelt), sondern auch Hunderte abgerissener Fühler der Bienen selbst.

Diese empfindlichen und in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit kaum zu übertreffenden Antennen gehören zu den wohl wichtigsten Werkzeugen der Bienen und zu den sensibelsten Instrumenten der Natur überhaupt. So können sie eine sehr geringe Zahl von Molekülen pro Kubikmeter Luft wahrnehmen, Temperaturunterschiede von 0,1 °Celsius unterscheiden, Hunderte verschiedener Stoffe auseinanderhalten, riechen, ob die Brut geputzt werden muss oder ob eine Larve Hunger hat, den Kohlendioxidgehalt feststellen, Feinde erkennen, untereinander kommunizieren und vieles mehr. Die Wahrnehmungssensibilität übertrifft bei weitem die besten Spürhundenasen der Drogenfahndung. Ermöglicht wird diese unglaubliche Fähigkeit durch ca. 60 0001 hochsensible Sinneszellen, die in Porenfeldern verortet sind.

Jeder Imker, der Ameisensäurebehandlungen durchgeführt hat und dabei eine geringfügige Menge der Dämpfe in die Nase bekam, wird kaum vergessen haben, wie schmerzhaft das war. Wie also wird sich eine solche Behandlung für die Biene anfühlen, wenn sie sich anschließend ihre Antennen – diese überlebenswichtigen Werkzeuge – vom Kopf reißt?

Analog gesprochen wäre das so, als würde man sich bei Bewusstsein und ohne Betäubung mit einem Messer selbst die Nase aus dem Gesicht schneiden. Auch wenn dieser Vergleich natürlich sehr vermenschlicht ist, so wird doch klar, dass die Bienen durch die sogenannten „Standardverfahren“ erheblich geschädigt werden. Selbst wenn eine derartige sichtbare Verstümmelung unterbleibt, darf man keinesfalls davon ausgehen, dass bei einer solchen Behandlung die Sinneszellen der Bienen und ihre Wahrnehmungsfähigkeit in der Funktionalität ungeschädigt bleiben.

Auch ich hielt mich damals an die weitverbreitete Meinung, dass man zu diesen Maßnahmen gezwungen wäre, da die Bienen sich selbst nicht helfen könnten. Heute – und seit ich mehrjährige, gesunde wildlebende Völker in unseren Wäldern beobachte und die natürlichen Lebensbedingungen in Baumhöhlen erforsche – macht es mich rückblickend immer wieder fassungslos, wie indoktriniert und kurzsichtig ich doch war.

Elektronenmikroskopische Aufnahme des ersten und zweiten Gliedes der Antenne einer Arbeiterin. Zu sehen sind die in den roten Markierungen befindlichen Porenfelder. In jeder dieser Poren sitzen spezialisierte, hochsensible Sinneszellen.

Elektronenmikroskopische Detailaufnahme des zweiten Gliedes der Antenne einer Arbeiterin mit den mittig verordneten Porenfeldern.

Elektronenmikroskopische Aufnahme des ersten Gliedes der Antenne einer Drohne. Aufgrund der geringeren Anzahl der Haare treten die Porenfelder noch deutlicher hervor.

Elektronenmikroskopische Aufnahme des ersten bis fünften Gliedes der Antenne einer Drohne.

ALTERNATIVLOSE STANDARDIMKEREI?

Erstaunlicherweise wird die angebliche Alternativlosigkeit der etablierten Standardhaltung auch weiterhin propagiert, obwohl wir aus wissenschaftlichen Untersuchungen genau wissen: Honigbienen können die Varroamilben überleben. In weiten Teilen Großbritanniens etwa leben die Honigbienen seit Jahrzehnten behandlungsfrei. Albert Muller betreibt in den Niederlanden eine behandlungsfreie Bienenhaltung und bildet auch Imker in diesem Bereich aus. Alle wissenschaftlichen „Live and let die“-Versuche, wie zum Beispiel in Gotland, zeigen: Die Varroamilbenproblematik löst sich innerhalb von drei Jahren durch das Wirken der natürlichen Selektion von selbst. Bienen, wenn sie unbehandelt bleiben, sterben keinesfalls aus. Es gibt zahlreiche wissenschaftlich abgesicherte Fälle, bei denen Honigbienen ohne jegliche Behandlungen überleben2. Thomas Seeley, einer der derzeit bekanntesten Bienenforscher der Welt, führt in den USA seine Untersuchungen ebenfalls an wildlebenden und vitalen Bienenvölkern durch, während die konventionellen Imker dort gegen die Varroamilben vorgehen. Diese Beispiele zeigen auf: Eine behandlungsfreie Bienenhaltung ist ohne Zweifel möglich – unter Umständen sogar unter den fragwürdigen Bedingungen der Kistenhaltung.

In den Baumhöhlen herrschen jedoch weitaus bessere Überlebensbedingungen für ein Bienenvolk. Je mehr ich über das natürliche Verhalten der Honigbienen in natürlichen Geometrien lerne und je weiter die Baumhöhlenforschung voranschreitet, desto skurriler kommen mir die Haltungsformen und Handlungsweisen der modernen Imkerei vor. Jene haben nichts mehr mit den ursprünglichen Lebensbedingungen dieser bemerkenswerten Spezies zu tun – und erzeugen somit eine Vielzahl von gravierenden Nebenwirkungen, die behandlungsbedürftig sind und sich oftmals sogar letal (tödlich) auf die Bienenvölker auswirken. Zudem werden zahlreiche natürliche Verhaltensweisen der Bienen unterdrückt: Verhaltensweisen, die – wie wir sehen werden – die vom Menschen unabhängige Überlebensfähigkeit der wildlebenden Bienenvölker maßgeblich mitbestimmen.

Bezeichnenderweise ist dies den Imkern gar nicht bewusst, denn die Praktiken der Imkerei werden überwiegend als gegeben angesehen und kaum hinterfragt. Dabei sind die Analogien zur konventionellen Massentierhaltung mit all ihren Auswirkungen nur allzu offensichtlich.

Sogar die etablierten Bienenforschungsinstitute betreiben ihre Wissenschaft an ständig manipulierten, bewirtschafteten Bienen in der Kistenhaltung, einer Betriebsweise also, durch die die Probleme der heutigen Imkerei erst hervorgerufen werden. Seit Jahrzehnten erforschen und observieren wir auf diese Weise Honigbienen. Das ist vergleichbar mit wissenschaftlichen Untersuchungen des „natürlichen“ Verhaltens von Tieren im Zoo. Doch wie viel natürliches Verhalten bekommen wir in diesen zoowissenschaftlichen Ansätzen wirklich zu Gesicht? Wenn wir nicht über die Zäune der Gehege hinausblicken und die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung betrachten, werden wir ihr wahres Verhalten und Wesen niemals erfassen und ihre Potenziale stets verkennen.

WIE KONNTE ES SO WEIT KOMMEN?

Zunächst ging es schon immer darum, die Effizienz sowie die Ausbeute zu steigern. In diesem Punkt haben wir in den letzten Jahrzehnten sagenhafte Fortschritte gemacht. Erntete ein Imker vor wenigen Jahrzehnten noch durchschnittlich 10–15 Kilogramm Honig im Jahr, so sind es heute 40 bis 60 Kilogramm, manchmal sogar deutlich mehr. Erreicht werden diese Superlative durch eine Vielzahl manipulativer Eingriffe und durch die Unterbringung in Großraumbeuten oder erweiterungsfähigen Magazinbeuten, welche allesamt Volumina aufweisen, die mit der natürlichen und artgerechten Lebensweise in der Baumhöhle nicht in Einklang zu bringen sind. In jedem Kilo Honig stecken dabei etliche 10 000 Bienenarbeitsstunden. Je mehr wir aus den Stöcken herausholen, desto mehr müssen Bienen dafür arbeiten. Um die dafür notwendige Arbeitskapazität zu gewinnen, werden von den Imkern Räume erweitert, Brutfelder vergrößert und Schwärme verhindert. Die dabei auf ein letales Maß wachsende Varroamilbenpopulation und eine Reihe von Bienenkrankheiten sind die direkten Folgen.

Ich bekam im Jahre 2016, als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Würzburg und unter der Leitung von Professor Jürgen Tautz, erstmalig den Auftrag, die natürlichen Lebensbedingungen der Honigbienen in Baumhöhlen zu erforschen, diese mit den Lebensbedingungen in Kisten zu vergleichen und die potenziellen Auswirkungen auf die Bienengesundheit zu identifizieren. Diese Pilotforschung wurde bemerkenswerterweise noch nie zuvor durchgeführt. Somit wissen wir mehr über die natürlichen Lebensweisen fernöstlicher Schlangen, Reptilien, Spinnen und anderer Tiere, die wir in unseren Breiten in computergesteuerten Terrarien halten, als über die ökologisch gesehen wohl wichtigste Tierart unserer Erde.

Genau hier liegt auch die Antwort auf die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass wir die systemrelevante Schlüsselspezies der Honigbienen unter derartigen Bedingungen halten und die Beuten sich „förmlich“ in ihrer Artfremdheit überbieten. Es gab bislang schlichtweg zu wenig Daten und Erkenntnisse über das natürliche Verhalten aus den Baumhöhlenvölkern, aber insbesondere auch über die Baumhöhlen selbst. Daher gab es auch keinerlei Orientierung, was letztendlich dazu führte, dass die Betriebsweisen, Beuten und sogar die Wissenschaft sich beständig weiter von der evolutionären, natürlichen Lebensweise der Bienen entfernten.

Obwohl zahlreiche mehrjährige, behandlungsfreie und gesunde Völker vorwiegend in Hauswänden, Baumhöhlen oder ähnlichen Behausungen, ja sogar in einigen speziellen Formen der wirtschaftlichen Nutzung existieren, werden diese Bienenvölker immer noch als eine Art „Wunder“ angesehen. Darüber hinaus wird ihre Existenz sogar von einigen bekannten Persönlichkeiten und Instituten in Abrede gestellt, welche die konventionelle Bienenhaltung als die einzig sinnvolle Haltungsform ansehen – oder von der jetzigen Betriebsweise mit ihren Nebenwirkungen profitieren. Ökonomisch und kurzfristig betrachtet mag diese Einstellung begründbar sein, jedoch hat sie rein gar nichts mit Nachhaltigkeit oder mit dem Schutz und Erhalt der Spezies zu tun. Zudem wird hier die Tatsache ignoriert, dass die wenigsten Menschen, die mit der Imkerei beginnen, tatsächlich finanzielle Interessen haben, sondern überwiegend idealistische Ziele verfolgen.

Dass darüber hinaus aus der Kistenperspektive der etablierten manipulativen Tierhaltungsform mit all ihren Nebenwirkungen Rückschlüsse auf die Überlebensfähigkeit der wildlebenden Völker gezogen werden, ist ähnlich absurd wie die Aussage, dass es keine Wildschweine mehr geben könne, da Schweine in der Massentierhaltung ja schließlich auch nicht ohne Antibiotika überleben. Hier wird offenbar, wie wenig wir uns mit den Geheimnissen der natürlichen Lebensweise der Honigbienen auseinandergesetzt haben und wie eingeschränkt unser Fokus bereits geworden ist. Es gelingt uns offenbar kaum noch, über den Rand unserer Beuten hinauszusehen oder hinauszudenken. Als gäbe es außerhalb des Zoos kein Afrika mehr, wird hier der Zoo selbst zur allumfassenden Realität.

VOM STYROPOR-SÄURE-IMKER ZUM ARTENSCHÜTZER

Wildlebende Honigbienenvölker zu studieren, bedeutet weit über den Horizont der konventionellen Imkerei hinauszuschauen und das wahre Wesen der Bienen kennenzulernen.

Es ist bei weitem die interessanteste Tätigkeit, der ich bislang in meinem Leben nachgehen durfte und die mich nun wahrscheinlich bis an meinen Lebensabend begleiten wird. Die Arbeit mit den Bienen hat mich nicht nur geprägt, sondern zutiefst berührt. Im Zuge jahrelanger Forschungen veränderten die Bienen meine imkerlich-zentrierte Sichtweise. So entwickelte ich mich schließlich von einem konventionellen Säure-Styropor-Imker zum Artenschützer. Die Schönheit dieser Insekten, mitsamt ihrer natürlichen Verhaltensweisen, ist atemberaubend. Kaum in Worte zu fassen sind die Momente, in denen ich vor dem Baum sitzend beobachte oder gar mit hochauflösenden Endoskopen in die Baumhöhlen einfahre, um einen Blick in die geheimnisvolle Organisation des Bienenstaates zu werfen, dabei buchstäblich die Luft anhalte und mit der größtmöglichen Behutsamkeit diesen vielzelligen Superorganismus beobachte. In jenen unbeschreiblichen Momenten der schutzlosen Begegnung, eingebunden in die denkbar intensivste Atmosphäre meiner selbst, voller Emotionen der Neugierde, Anspannung und einer tiefen wechselseitig empfundenen Achtung, in der mir die Bienen so manch urzeitliches Rätsel offenbaren, werde ich missioniert, ihnen zu helfen.

Welche Wandlung, welch Unterschied, welche Erweiterung, wenn ich bedenke wie es früher einmal war, als ich den Deckel aufriss, um Rauch in die Beute hineinzublasen, die Waben herauszuziehen und das Notfallverhalten der Bienen als positive Begegnung, ja sogar als schön empfand … Der Unterschied könnte größer gar nicht sein …

Wenn Bienen in artgerechten Geometrien und vor jeglichen Eingriffen bewahrt ihr volles Potenzial entfalten, treten erstaunliche, vielfältige Verhaltensweisen hervor, die in der modernen Imkerei unterdrückt bleiben. Die vielen Stunden der Observation gaben mir schließlich Einsicht und ein tiefes Vertrauen in diese bemerkenswerten Fähigkeiten. Gleich einem Tier, das man aus der Intensivtierhaltung in die Freiheit entlässt und dabei zusieht, wie es plötzlich Dinge tut, die noch nie zuvor beobachtet werden konnten!

Die innere Freude und Zufriedenheit, den Bienen bei ihren natürlichen Verhaltensweisen zuzusehen, ist ein besonders wichtiger Punkt, den ich vermitteln möchte! Wenn es mir gelingt, den Lesern dieses Buches auch nur eine Ahnung mitzugeben, wie gut sich das anfühlt und wie berührend es ist, dann wäre ein wichtiger Anfang getan. Denn die meisten Menschen halten Bienen, um die Natur und die Spezies zu schützen, aber auch, um sich an ihnen zu erfreuen und mit ihnen zu interagieren.

Letztendlich ist die Realität der Imkerei jedoch ein undankbares, ja für manchen Jungimker sogar erschreckendes und desillusionierendes Geschäft. Das Eingreifen in den Brutraum, das Zerquetschen und Verletzen zahlreicher Bienen, das bei größter Vorsicht allenfalls verringert, aber nicht verhindert werden kann, und das Einbringen der Säuren hinterlässt bei allen empathiefähigen Menschen ein entsprechend ungutes Gefühl. Dennoch hören wir nicht auf unsere innere Stimme und folgen der vermeintlichen Alternativlosigkeit. Dabei schenken wir den Menschen und Instituten Glauben, die behaupten, das alles geschehe zum Wohle der Bienen. Darüber hinaus ignorieren wir den gesunden Menschenverstand, unser Bauchgefühl sowie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema.

NEUE WEGE FÜR MEHR VIELFALT

Es geht jedoch nicht etwa um den Versuch, die Imkerei zu verbieten, sondern vielmehr darum, die Ausbildungsvielfalt zu erhöhen. Es geht um das Recht, sich frei entscheiden zu dürfen. Derzeit gibt es keine nennenswerte Wahlfreiheit bezüglich der imkerlichen Ausbildung. So werden sinnloserweise auch die Menschen zu Imkern ausgebildet, deren idealistisches Streben es ist, der Natur und der Biene zu helfen. Diese Menschen wollen oftmals gar keinen Honig ernten und schon gar nicht im Bienenvolk herumwühlen, Brut herausschneiden und Säure verspritzen. Wenn wir die längst vorhandenen Bedürfnisse dieser Natur- und Artenschützer erfüllen, werden wir auch die Honigbienen erhalten können.

Wir leben in einer im wahrsten Sinne des Wortes entscheidenden Zeit, denn die kommenden Jahrzehnte werden zeigen, ob wir es schaffen, unsere Ökosysteme maßgeblich zu bewahren. Elementare Hauptproblemfelder wie die Erderwärmung, die Verschmutzung und Ausbeutung der Ozeane und das beschleunigte Artensterben, von dem auch die Insekten stark betroffen sind, müssen aufgehalten werden. In allen Bereichen wird bereits Pionierarbeit geleistet. So gibt es Konzepte, die sich damit auseinandersetzen, die Ozeane vom Plastikmüll zu befreien3 und Treibhausgase wieder aus der Luft zu filtern4. Das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung zeigt sich zudem in Massendemonstrationen, die unter anderem auch dem Erhalt der Bienen gelten.

Zu diesem Zweck wurde 2019 die „Beekeeping (R)evolution“ gegründet und das Konzept der artgerechten Honigbienenhaltung erstellt. Diese als öffentliche Bewegung geplante Vereinigung soll dazu dienen, den Menschen nicht nur die notwendigen Informationen für eine alternative Bienenhaltung zu geben, sondern auch die dafür erforderliche Hardware in Form einer Baumhöhlensimulation „Open Source“ bereitzustellen. Das Ziel ist es, in den kommenden Jahren einen Großteil des Genpools der Honigbienen wieder der natürlichen Selektion zu übergeben und so den zentral wichtigen und längst überfälligen Ausgleich zur menschlichen Selektion und Zucht wiederherzustellen.

Dieses Buch fasst erstmalig die Ergebnisse der spannenden Pionierforschungen über Honigbienen in Baumhöhlen zusammen und gibt allen interessierten Personen die Möglichkeit, eine behandlungsfreie, artgerechte Bienenerhaltung aufzubauen. Damit werden die Bedürfnisse derjenigen Menschen adressiert, die sich als Arten- und Naturschützer verstehen und aus idealistischen Gründen den Bienen zuwenden. Hier liegt das Potenzial der Zukunft, denn diese Menschen bilden bereits jetzt die absolute Mehrheit!

Die jetzige konventionelle Form der wirtschaftlichen Nutzung von Honigbienen ist bei weitem nicht alternativlos!

Auch wenn sich die Aussagen auf wissenschaftliche Untersuchungen und Daten beziehen, ist dieses Buch gleichzeitig ein sehr persönliches, idealistisches und auch emotionales Werk. Zusammen mit gleichgesinnten Instituten und Kooperationspartnern entsteht eine beständig wachsende, internationale Bewegung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Honigbienen für das Ökosystem dieser Erde und für nachfolgende Generationen zu bewahren. Möge das vorliegende Buch ein Baustein für das Fundament dieser Bewegung sein …

Wer baumhöhlenbewohnenden, bedrohten Tierarten ein artgerechtes Habitat bieten möchte, der findet ab Seite 210 die Pläne für den Bau des SchifferTrees (eine serielle Fertigung sowie der Vertrieb nur nach vorheriger Autorisierung durch den Autor).

Für meine Tochter Romy und für meine wundervolle Frau Nadine, die mir trotz aller Umstände, die diese Arbeit mit sich bringt, den Rücken freihält, meinen Wahnsinn erträgt und mir so dieses Engagement erst ermöglicht!

IST-ZUSTAND: BIENEN INDER IMKEREI

Dass die Honigbienen die Bedingungen der modernen Imkerei überleben, ist im Grunde genommen ein Wunder, ein Beweis für die beispiellose Widerstandsfähigkeit dieses Organismus!

Bienen werden überwiegend in Kisten gehalten, die in der Regel einen enormen Energieverlust und zudem ein artfremdes Klima aufweisen. Allein ihre Bezeichnung als „Beute“ beschreibt sehr präzise den Nutzen dieser geometrischen Form: Es geht vordergründig darum, die Bienen wirtschaftlich zu nutzen beziehungsweise Beute zu machen.

Dafür wird das Bienenvolk im Laufe des Sommers scheibchenweise in Dutzende Rähmchen unterteilt, womit unter anderem ihre Kommunikation (die sie zum großen Teil über Schwingungen auf den Waben realisieren) entsprechend unterbrochen wird. Die Bienen werden meist auf eine Einheitsgröße gezwungen (in der Natur weist ein Bienenvolk eine hohe Variabilität der Zellgrößen auf), indem man ihnen entsprechend vorgeprägte Wachsplatten einlaminiert. Der Beutenraum hat regelhaft ein unnatürlich großes Volumen und wird zunehmend erweitert, womit auch die Brutmenge ein natürliches Maß weit übersteigt. So wird letztendlich eine Überreproduktion an Varroamilben ausgelöst, die in dieser Form und unter natürlichen Bedingungen gar nicht entstehen kann.

Diese Problematik wird zusätzlich verstärkt, da sogar die natürliche Fortpflanzung größtenteils verhindert und das Volk auf diese Weise gezwungen wird, den Sommer über durchzubrüten. Allein diese Praxis hat aufgrund der fehlenden Brutpause bereits dramatische Auswirkungen auf die Wachstumsrate der Varroamilbenpopulation im Stock, die zu einer unnatürlichen Stärke heranwächst – und sich unbehandelt meist letal auf die Bienen auswirkt.

Zusätzlich unterminiert die unnatürliche Stockbauweise die in der Natur vorkommende „Nestduftwärmebindung5“, welche eine sterile Atmosphäre beschreibt, in der antibiotische Bestandteile gebunden sind und die so pathogenes Wachstum von Bakterien oder Schimmel verhindert. Daher ist es kein Wunder, dass mit Einzug der heutigen Beutenformen und Rähmchen gleichzeitig auch die Bienenseuchen um sich gegriffen haben6. Diese Zusammenhänge sind zahlreich in alter Literatur beschrieben, wurden aber zugunsten einer grenzenlosen Manipulierbarkeit und zu Ungunsten der Bienengesundheit bis heute ignoriert.

Die seitdem regelmäßig in der Imkerei auftretenden Erkrankungen wie Faulbrut, Kalkbrut, Nosema und die massive, falls unbehandelt meist tödliche Überpopulation an Varroamilben, sind letztendlich die Symptome einer manipulativen Intensivtierhaltung, die jeglichen Kontakt zur natürlichen, evolutionären Lebensweise der Honigbienen verloren hat.

Selbst die idealistischen Imker verlieren sich im System der symptomatischen Behandlung von Nebenwirkungen der eigenen Haltungsform, da es bislang keine echten Alternativen zur jetzigen Ausbildung gab.

Die Völker werden meist den ganzen Sommer hinweg ihrem stärksten Instinkt nach Vorratssicherheit unterworfen. Solange der oben liegende Raum nicht mit Honig gefüllt ist, werden natürliche Verhaltensweisen, die der Vitalität und der vom Menschen unabhängigen Überlebensfähigkeit dienen, gar nicht erst ausgeführt. Dieser Zusammenhang wird eindrücklich in den Untersuchungen der letzten Jahre deutlich und in diesem Buch erstmalig publiziert.

Des Weiteren wird seit rund 150 Jahren züchterisch in den Genpool der Honigbienen eingegriffen, um Verhaltensweisen zu eliminieren, die erst dafür sorgten, dass die Bienen sich erfolgreich über 45 Millionen Jahre hinweg behaupten konnten.

Bienenköniginnen, deren Nachkommen nicht unserem imkerlichen Kriterienkatalog entsprechen, werden vielerorts totgequetscht und ersetzt. Die Reinzucht versorgt die Imker mit künstlich besamten Laborköniginnen, die größtenteils durch Geschwistervermehrung (Inzest) in dafür geschützten Ständen erzeugt werden. Ihnen wird zudem eine Art Verhaltenszeugnis ausgestellt. Die Kriterien für eine „gute Königin“ dienen allesamt der möglichst entspannten und ergiebigen Ausbeutung des Volks durch den Imker.

Weitere gängige Praktiken sind das Herausschneiden der Drohnenbrut (um den Varroadruck zu verringern) und das damit verbundene Töten Tausender Stockbewohner, das wöchentliche Manipulieren und Kontrollieren sowie das Umhängen oder Entnehmen der Waben und des Vorrats. Am Ende des Sommers wird den Bienen oftmals gänzlich der nährstoffreiche, antibiotische Honig geraubt – der alle Bestandteile enthält, um gesund zu bleiben – und durch reines, nährstofffreies Zuckerwasser ersetzt.

Darüber hinaus werden die Bienen erheblich geschädigt, indem wir sie mit organischen Säuren verätzen. Durch die Behandlung besonders varroabelasteter Völker wird die Eliminierung der natürlichen Selektion vervollständigt. Die Beseitigung des Milbendrucks verhindert eine natürliche Anpassung und verschafft dem Erbgut einen Fortpflanzungsvorteil, welches – unter den Gesichtspunkten der natürlichen Selektion betrachtet – am ungeeignetsten ist.

Letztendlich werden die Bienen unter Bedingungen zum Überwintern gezwungen, bei denen ihre Vorratswaben verschimmeln und sie sich selbst mit den Schimmelpathogenen infizieren. Von Krankheitserregern zerstörtes oder angegriffenes Gewebe kann aber schlecht heilen, wenn die für die Zellerneuerung notwendigen Bestandteile wie Aminosäuren, Proteine, Vitamine, Mineralstoffe im als Honigersatz angebotenen Zuckerwasser fehlen. Ohne die notwendigen „Baustoffe“, die über die Nahrung aufgenommen werden müssen, können auch keine Körperzellen reproduziert werden. Nicht einmal der normale, fortwährende Zellstoffwechsel kann unter diesen Bedingungen funktionieren.

Am Ende des Sommers wird dann mancherorts stolz die „Ausbeute“ präsentiert. Wer am meisten Honig herausgeholt hat, ist der beste Imker – so scheint es …

Wenn die Bienen den folgenden Winter nicht überstehen, wird die Schuld gern auf die Varroamilbe geschoben, auf das Wetter, das eine wirksame Behandlung nicht zuließ, oder gleich auf die Bienen selbst: Die wären nicht mehr die gleichen, die sie mal waren. Gerne wird auch mit dem Finger auf die Landwirtschaft gezeigt und auf die eingesetzten Pestizide.

Natürlich stellen letztere ein ernstzunehmendes Problem dar! Das Monitoring der Wildvölker zeigt uns aber deutlich, dass Bienen in artgerechten Geometrien – auch in landwirtschaftlich genutzten Gebieten – nicht die Probleme der Kistenvölker teilen. Gründe hierfür sind insbesondere der viel geringere Energiebedarf und die damit einhergehende sukzessive Einlagerung diverser Honigsorten. So finden wir auch im Frühjahr in den Baumhöhlen noch Frühjahreshonig aus dem Vorjahr. Der Sommerhonig macht nur einen Teil der Gesamtmischung in einer Baumhöhle aus. Mangelernährung aus Monokulturen und Ansammlungen von Pestiziden unterbleiben. Notfütterungen, wie in den energiehungrigen Kistenvölkern, sind obsolet.

Die Bienen in der modernen Imkerei sind aus den genannten Gründen kaum in der Lage, eine Resilienz zu entwickeln und sich anzupassen. Die natürliche Selektion wurde zugunsten der menschlichen Selektion und Zucht weit zurückgedrängt, vielerorts sogar ersetzt. Die fortwährenden manipulativen Eingriffe in die Bienenbiologie und die artfremde Stockbauweise haben zur Folge, dass wir in den heutigen Bienenkästen fast keine natürlichen Verhaltensweisen mehr beobachten können, sondern überwiegend Kompensationsverhalten einer im künstlichen Notstand befindlichen, gestressten Spezies.

Dies ist ganz vergleichbar mit anderen Nutztieren. Sobald man Tiere entsprechend artfremd hält, kommt es zu multiplen Problemen, die letztendlich nur mit weiteren Eingriffen sowie der Gabe von Medikamenten in den Griff zu bekommen sind. Jedoch käme niemand – wie bei den Bienen – auf die Idee, Schweine in einer Massentierhaltung dafür verantwortlich zu machen, dass sie Antibiotika benötigen. Allen ist klar, dass die Probleme nicht von der Art herrühren, sondern Symptome der nicht natürlichen Haltungsform sind.

Bereits der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die Lebensbedingungen in einer Baumhöhle ganz andere sein müssen als in einer dünnwandigen Holzkiste oder in einer Plastikkiste, die direkt auf dem Boden steht und zudem meist noch einen Gitterboden aufweist. Die aus den verschiedenen Behausungen gewonnenen realen Messdaten (siehe Abbildungen S. 43, 65–78) zeigen eindrücklich, dass eine Kiste keinesfalls ein artgerechtes Habitat für Honigbienen darstellt.

Die wesensgemäße Imkerei leistete in der Vergangenheit Pionierarbeit für verbesserte Haltungsbedingungen und das Erstellen bienenorientierter Standards. Sie stellt damit eine Haltungsform dar, bei der einige natürliche Aspekte durchaus Berücksichtigung finden. Die Bienen werden aber ebenfalls unter wirtschaftlichen Bedingungen gehalten, die mit der ursprünglichen Lebensweise in Baumhöhlen nichts gemein haben und es ihnen überwiegend nicht erlauben, behandlungsfrei zu überleben. Wesensgemäß ist also nicht mit artgerecht gleichzusetzen, auch wenn es oftmals so verstanden und kommuniziert wird!

GANZHEITLICHER FOKUS VERSUS MODERNE IMKEREI

Das Imkerhandwerk wurde im Laufe vieler Jahrhunderte perfektioniert. Dabei entwickelte sich ein ganz eigener Schwerpunkt, der sich überwiegend nicht an den Bedürfnissen des Biens (also dem Bienenvolk als Gesamtheit) orientiert, sondern die von den Menschen gewünschten Aspekte in den Vordergrund stellt.

Um imkerliche Tätigkeiten (beispielsweise das gezielte Eingreifen in die Genetik durch Zucht; die Verwendung von Milbenbekämpfungsmitteln; gängige Beutensysteme) in einem neuen Licht betrachten und bewerten zu können, müssen die Bienen in einem ganzheitlichen Fokus betrachtet werden. Dieser schließt nicht nur ihre 100 Millionen Jahre7 lange Evolution mit ein, sondern auch das Fachwissen der Evolutionstheorie (survival of the fittest – Charles Darwin), genetische Aspekte und weitreichende ökologische Kenntnisse. Zudem wird die Habitatforschung an Bienen und ihrer Mikrofauna – inklusive der Bücherskorpione – mit berücksichtigt.

Über den Eingriff in das Erbgut und die imkerlichen Betriebsweisen hebeln wir die natürliche Auslese aus. Wir verändern den genetischen Code einer Spezies, die sich (solitäre Bienen als Vorfahren mit einbezogen) durch eine 100 Millionen Jahre dauernde Zeit der Erdgeschichte gekämpft und mittels der natürlichen Selektion perfekt an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen angepasst hat.

Historisch gesehen hatte die menschliche Zucht und Selektion der Honigbienen keine Auswirkungen auf das Überleben der Spezies selbst. Der Hauptteil des Genpools (die Gesamtheit aller Gene einer Spezies) war in den Wäldern verortet und unterlag somit den natürlichen Selektionsprozessen. Diese Verhältnisse haben sich jedoch zu Ungunsten der natürlichen Balance umgekehrt. So liegt der Hauptteil des Genpools heutzutage in den Händen der Imkerschaft, welche die wirtschaftliche Nutzung der Völker forciert und willkürlich – und zudem gesetzlich unreglementiert! – züchterisch in den Genpool der wohl wichtigsten Spezies der Erde eingreift. Bedenklicherweise werden den Bienen in der modernen Imkerei insbesondere jene Verhaltensweisen abgezüchtet, die für das Überleben in der Natur unbedingt erforderlich waren und sind. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass bei Reinzuchten jeglicher Art regelmäßig die vom Menschen unabhängige Überlebensfähigkeit auf der Strecke bleibt.

Dies geschieht jedoch nicht etwa aus Boshaftigkeit, sondern ist vielmehr dem Aspekt geschuldet, dass sich das imkerliche Handwerk nicht an die Problematik des schwindenden Genpools in der Natur angepasst hat. Handlungsweisen, Handwerk und Traditionen, wie etwa menschliche Zucht und Auslese, werden von erfahrenen Imkern an Jungimker weitergegeben und fortgeführt, weil es eben „schon immer so gemacht wurde“. Um diesen Kreis zu durchbrechen, müssen wir uns zunächst mit den biologischen Grundlagen beschäftigen.

Bienenvolk in einem Kirschbaum: Mehrjährig bewohnte Baumhöhle mit einem Volumen von ca. 14 Litern. Die Bienen zeigen ein unterschiedliches Aussehen (Phänotyp), ein sicheres Zeichen, dass es sich hier nicht um eine unnatürliche Reinzucht handelt.

GRUNDLAGEN ÖKOLOGIE

Sobald wir die größeren Zusammenhänge der evolutionären Prozesse verstanden haben, welche die Bienen seit Jahrmillionen begleiten, werden uns auch die Methoden der modernen Imkerei in einer anderen Relation erscheinen.

Ökologische Nischen

Jede Spezies, ob Bakterien, Algen, höher entwickelte Pflanzen oder Tiere, hat sich im Laufe von Jahrmillionen an jeweils bestimmte ökologische Nischen angepasst. Diese bilden wiederum spezifische Lebensräume, die insbesondere durch die jeweiligen biotischen und abiotischen Faktoren bestimmt werden.