Ewig anders - Marvin Oppong - E-Book

Ewig anders E-Book

Marvin Oppong

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Beschreibung

Deutschland hat ein Problem mit Alltagsrassismus. Diesem Umstand geht Marvin Oppong auf den Grund und betreibt Ursachenforschung: In schonungslosen Gesprächen und Begegnungen testet er die deutsche Gesellschaft und fragt, wie sich das politische Klima nach Ereignissen wie dem 11. September 2001, der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof 2015/16 oder der Özil- und #MeTwo-Debatte verändert hat. Der freie Journalist weiß, wovon er schreibt: Er ist in Deutschland als Schwarzer geboren. Und so legt Marvin Oppong den Finger direkt in die Wunde, wenn er die Mechanismen von alltäglicher und institutioneller Diskriminierung anhand persönlich erlebter Situationen beschreibt. Oppong gibt zahlreiche Diskussionsanstöße und stellt klare politische Forderungen auf. Geschrieben für Menschen jeder Hautfarbe, aufklärend, analysestark, aber nicht ohne den nötigen Humor.

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EPUB
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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Marvin Oppong

EwigAnders

schwarz, deutsch, Journalist

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7014-8 (E-Book)ISBN 978-3-8012-0542-3 (Printausgabe)

Copyright © 2019by Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbHDreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn

Korrektorat: Ute Raasch, BonnCover: Ralf Schnarrenberger, HamburgUmschlagfoto: Bernd Raschke, BonnSatz: just in print, BonnE-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2019Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

EINLEITUNG

ZUR EINSTIMMUNG: ALLTÄGLICHER RASSISMUS I

»Woher kommst du?«

»Sie sprechen aber gut Deutsch«

HÄUFIGE MECHANISMEN VON RASSISMUS

Was ist eigentlich Rassismus? (Definition)

Uneinsichtigkeit, Besserwisserei

Reflexhafte Abwehr

Gegenangriffe, Täter-Opfer-Umkehr

Andersbehandlung

Pauschalisierung

Ablehnung/Zurückweisung

Ausgrenzung

Erniedrigung/Demütigung

Ungerechtfertigte Beschuldigungen/Sündenbock-Schema

Zusprechen von Minderwertigkeit, Kulturlosigkeit, Triebhaftigkeit

RASSISMUS IN MEINER KINDHEIT

RASSISMUS IN DER SCHULE

ALLTÄGLICHER RASSISMUS II

»Ihr Schwarzen habt das doch im Blut«

In die Haare fassen

Rassismus auf der Straße und in der Öffentlichkeit

»Sie können hier nicht fahren wie in Afrika!«

Der Klassiker: ein potentieller Ladendieb

Rassistische Türpolitik

Wohnungssuche

Unter deutschen Bahnkontrolleuren

Und wieder der ÖPNV …

Bei Hermes

Beim Hochschulsport

Liberal zum N-Wort

Als Südamerikanerin in Deutschland

Rassismus in Beziehungen

Gespräch mit einem Rassisten

EIN EXPERIMENT

SPRACHE UND BEGRIFFE

Schwarz

Person of Color

N-Wort

Farbiger/Farbige

Schwarzafrika/Schwarzafrikanisch

Mischling

Mulatte

Mohr

RASSISMUS IN KABARETT UND COMEDY

Der Schweizer Komiker Andreas Thiel und das N-Wort

Marius Jung

POSITIVRASSISMUS

SCHWARZSEIN ALS VORTEIL

CRITICAL WHITENESS

RASSISMUS GEGEN WEISSE

INSTITUTIONELLER RASSISMUS

Racial Profiling/Rassismus bei der Polizei

Klassenfahrt

Am Hauptbahnhof in Köln

Am Hauptbahnhof in Münster

Racial Profiling bei der spanischen Guardia Civil in Afrika

RASSISMUS BEI DER ARBEIT

Schwarzsein als Journalist

Mein Nachbar, der AfD-Politiker

Beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit

»Ein strahlendes Land«

Für ein Foto von einem Polizeiunfall in eine Zelle

Kollegen sollten es besser wissen

Rechte Journalisten

Keine leichte Entscheidung

AfD-Bots

Rassismus in Wikipedia

MEINE AFRODEUTSCHE ODER DEUTSCH-AFRIKANISCHE IDENTITÄT

MEINE PERSÖNLICHE SCHWARZE EVOLUTION

MEINE AFRIKANISCHE SEELE

FRIKTIONEN UNTER »BRÜDERN«

DIE BLACK COMMUNITY IN DEUTSCHLAND

WANDEL DER POLITISCHEN STIMMUNG IN DEUTSCHLAND

9/11

No-go-Area Ostdeutschland

Sarrazin

»Köln Hauptbahnhof«

Die Özil- und #MeTwo-Debatte

Migranten in der Politik

Zum Vergleich: Frankreich

ICH, DER RASSIST

WAS MAN GEGEN RASSISMUS TUN KÖNNTE

Wäre es woanders besser?

Hat Deutschland ein generelles Problem mit Rassismus?

Was kann man denn jetzt gegen Rassismus tun?

ANMERKUNGEN

DANKSAGUNG

EINLEITUNG

Rassismus ist ein Thema, das viele Menschen betrifft und beschäftigt. Sei es als jemand, der andere diskriminiert, oder als Opfer von Diskriminierung. Aufgrund meiner Hautfarbe bin ich schon oft Opfer von Rassismus geworden. Ich habe schon häufiger Leuten gesagt, dass ich ein ganzes Buch darüber schreiben könnte. Ich habe in meinem Leben schon so viele Rassismus-Erlebnisse gehabt, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann. Mit dem N-Wort beschimpft worden zu sein, war dabei noch eine der harmloseren Sachen. Ich wurde aufgrund meiner Hautfarbe schon mehrfach tätlich angegriffen. Zum Glück ist mir dabei nichts Schlimmeres passiert. Wenn man als Schwarzer Mensch in eine weiße Mehrheitsgesellschaft geboren wird, kann man nur wegziehen, oder man ist sein Leben lang Rassismus ausgesetzt.

Ich kenne People of Color (PoC), die behaupten, noch nie Opfer von Rassismus geworden zu sein. Ehrlich gesagt, habe ich es kein Mal, wenn ein Schwarzer mir so etwas erzählte, geglaubt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der eine signifikant andere Hautfarbe hat als die deutsche Mehrheitsbevölkerung und in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt hat, auf Dauer – ich rede von Jahren und von Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind – kein einziges Mal spürbar Opfer von Rassismus gewesen ist. Hier hat entweder jemand so viel Glück wie bei einem Sechser im Lotto oder es gibt ein Problem mit dem Erkennen von Rassismus. Selbstverständlich glaube ich erst einmal jedem Menschen, und selbstverständlich gönne ich allen von Herzen, dass sie nicht solche Erfahrungen machen müssen, wie ich sie permanent als Afrodeutscher machen muss. Doch ich habe da meine Zweifel.

Selbst in der vermeintlichen »Heimat« – um ein Wort zu verwenden, dass durch das neugegründete Heimatministerium von Horst Seehofer wieder in den Aufmerksamkeitsfokus geraten ist – wird man als Mensch mit Migrationshintergrund häufig nicht als völlig gleichwert wahrgenommen. Das beklagen viele Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder. Andererseits, wenn ich in Deutschland Afrikanern begegne, nehmen mich viele häufig als Afrikaner nicht ernst, weil mein Deutsch-Anteil verhältnismäßig groß ist. Schon häufiger wollten mir manche dann erklären, wie wichtig es sei, seinen afrikanischen Anteil hoch zu halten. Dabei habe ich gar kein Problem damit, wie ich später noch erklären möchte, sondern eher damit, dass Menschen darauf achten, welche Ethnie jemand hat oder woher jemand kommt.

Fast jeder vierte Mensch in Deutschland hat – den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge – einen Migrationshintergrund, oder wie der Comedian Abdelkarim es ausdrücken würde: einen Migrationsvordergrund. Im Jahr 2017 waren das rund 19 Millionen Menschen, die nach amtlicher Definition selbst nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurden oder mindestens ein Elternteil hatten, das nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.

Unter den 19 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind auch viele, die sich als schwarze Menschen selbstdefinieren und aufgrund ihrer größeren Sichtbarkeit potentiell besonders häufig von Rassismus betroffen sind. Rassismus trifft nicht nur Schwarze, wie landläufig angenommen wird, er betrifft auch Türken, Albaner oder Spanier. Sogar Deutsche, die so aussehen, wie man sich gemeinhin eine Person mit Migrationsgeschichte vorstellt, werden Opfer von Rassismus. Das zeigt: Rassismus ist so unsinnig, dass er noch nicht einmal nach rationalen Kriterien seine Opfer aussuchen kann. Die Allgegenwärtigkeit von Rassismus im Leben vieler Menschen und der Umstand, dass immer mehr Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben – beides hat zur Folge, dass Aufklärung über Rassismus, Anti-Diskriminierung und schließlich die Bekämpfung von Rassismus nicht mehr länger Orchideenthemen von ein paar linken Gender-Wissenschaftlern sind, sondern notwendige Voraussetzungen für den Zusammenhalt unser Gesellschaft. Alltagsrassismus ist ein Thema, das über die Lebenswirklichkeit und individuellen Lebenschancen und -hoffnungen vieler entscheidet und das dieses menschliche Kapital zunichtemachen oder zur Entfaltung bringen kann. Köln Hauptbahnhof, das Thema Flucht und die Özil- und #MeTwo-Debatte sind unterschiedliche Dinge, aber sie hängen alle miteinander zusammen.

Deutschland wird immer diverser. Aber was Rassismus betrifft, lernen wir weniger schnell hinzu, als der gesellschaftliche Wandel fortschreitet. Das wird über kurz oder lang zu Problemen führen. Die Entwicklung und die Modernität der Gesellschaft hinken den realen Gegebenheiten immer ein wenig hinterher. Genauso wie bei der »#MeTwo«-Debatte – diskriminiert werden Frauen seit eh und je. Aber erst seit es Social Media gibt, schaffen es Betroffene, ihre Themen auf die öffentliche Agenda zu setzen. Spätestens seit der Özil-Debatte ist das Thema Rassismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch wenn der Rassismus selbst seit AfD, Pegida und Co. schon längst die Mitte durchdrungen und erobert hat.

Dieses Buch ist kein Sammelwerk von Rassismusfällen, obwohl mit zahlreichen Beispielen gespickt; es ist kein Lehrbuch, keine Rassismus-Biographie, keine Generalabrechnung und kein Pamphlet, sondern eine Schilderung persönlicher Erlebnisse und Reflexionen eines schwarzen Deutschen, der zufällig Journalist ist, und eine Einführung in bestimmte Problematiken zum Thema Rassismus.

Das Buch will auch nicht mit wissenschaftlicher Präzision Rassismus beschreiben. Ich beanspruche keine Deutungshoheit. Ich will nicht belehren und nicht behaupten, dass ich alles zum Thema Rassismus weiß. Ich bin Betroffener und gebe hier meine ganz persönliche Meinung als Betroffener und Journalist wieder. Und was ich in diesem Buch schildere, ist bei weitem nicht alles, was ich an Rassismus erlebt habe.

Bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, dass ich mal ein Buch darüber schreiben würde. Deshalb habe ich nur Sachen aufgeschrieben, an die ich mich noch genau erinnere. Manche Fälle, die viel krasser waren, kommen deshalb gar nicht im Buch vor, auch weil sie nicht dokumentierbar sind, andere kann ich hingegen detaillierter analysieren, weil sie sich erst vor kurzem ereignet haben und die Betroffenen zum Teil greifbar sind.

Ich hatte lange schon einmal überlegt, ein Buch über all den Rassismus, der mir täglich entgegenschlägt, zu schreiben. Deshalb war meine Antwort klar, als ich gefragt wurde, ob ich dieses Buch machen will. Ich war froh, keinen Verlag suchen zu müssen, sondern dass dieser mich gefunden hat. Deshalb fiel es mir nicht schwer, ein erstes Konzept für den Inhalt des Buchs zu schreiben, das der Lektor überzeugend fand, obwohl ich es an nur einem Tag herunterschrieb.

Wieviel Aufklärung kann ein Buch leisten? Ist es am Ende nicht doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Ich denke jedenfalls, dass die Zeit gekommen ist, um ein wenig eine Lücke zu schließen, die es in der Literatur über Rassismus gibt. Auch auf die Gefahr hin, dass ein Buch über Rassismus mir am Ende rassistische Kommentare einbringen könnte, fühle ich mich fast schon verpflichtet, weitere Informationen zu dem Thema zusammenzutragen und zu veröffentlichen. Es gibt Menschen, die wie ich tagtäglich Rassismus in Deutschland erleben und der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Auch für solche Menschen will ich ein Sprachrohr sein, ohne mir eine Rolle anzumaßen. Als Afrodeutscher bin ich, auch wenn ich von den meisten Menschen mehr als Schwarzer denn als Weißer wahrgenommen werde, auf beiden Seiten beheimatet. Vielleicht gelingt es mir ja, hier zu vermitteln, denn ich bin nicht nur Rassismusopfer, sondern auch zu 50 Prozent biologisch ein Weißer.

Man muss sich zwei Mal überlegen, ob man ein Buch über Rassismus schreibt, denn es besteht die Gefahr, dass, wenn das Buch erfolgreich ist, man nur noch mit diesem einen Thema identifiziert wird. Und ich werde ohnehin schon die ganze Zeit mit meiner Hautfarbe in Verbindung gebracht. Da möchte ich eigentlich vermeiden, dass mein ganzes Leben nur noch aus meiner Hautfarbe besteht, obwohl sie an mir das Irrelevanteste überhaupt ist und anderswo auf der Erde alle Menschen schwarz aussehen. Außerdem muss ich für ein so persönlich geschriebenes Buch sehr viel Persönliches preisgeben. Wer mich kennt, weiß, dass das normalerweise gar nicht meine Art ist. Um es pathetisch auszudrücken: Ich opfere ein Stück meiner Privatheit für ein wichtiges Thema. Und ich hoffe, dass das etwas bringt und das Buch zur Debatte beiträgt.

Ich habe mich entschieden, die Menschen, die in diesem Buch vorkommen, nicht mit ihrem Namen zu nennen, weil ich niemanden vorführen will. Manch einer wird sich vielleicht auf den Schlips getreten fühlen, weil es unbequem ist, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Das hat niemand gerne, erst recht nicht bei einem so heiklen Thema. Häufig werden diejenigen, die Rassismus ansprechen, selbst zur Zielscheibe, frei nach dem Motto »Shoot the messenger«. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass ich selbst von Schwarzen für etwas kritisiert werde, was ihnen im Buch anstößig erscheint. So oder so bleibt Rassismus ein Thema, das Konflikte, Diskussionen und auch Sprengstoff birgt.

Ich schreibe das Buch letztlich auch, weil es sehr befreiend ist, einige Sachen zu durchdenken. Es war jedoch nicht einfach, sich an all die Demütigungen und Herabsetzungen zurückzuerinnern und sich ständig mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die man eigentlich nicht in seinem Leben haben will. Für das Buch habe ich viele Gespräche über Rassismus mit Freunden, Kollegen, Fremden geführt, die beide Seiten weitergebracht haben. Schon deshalb hat es sich aus meiner Sicht gelohnt. Ich wünsche Ihnen ebenfalls viele neue Erkenntnisse. Es war hart, innerhalb von ein paar Monaten viele, viele rassistische Erlebnisse noch einmal im Kopf zu durchleben und bei der Recherche die schlimmsten rassistischen Begriffe immer und immer wieder lesen zu müssen. Viele kleine Nadelstiche in die Seele.

Wenn dieses Buch dazu führt, dass nur ein einziger Mensch Rassismus besser erkennt oder sich nicht (mehr) rassistisch verhält, wäre dies schon ein ganzer Erfolg, dann hätte sich dieses Buch für mich gelohnt.

ZUR EINSTIMMUNG: ALLTÄGLICHER RASSISMUS I

»WOHER KOMMST DU?«

Dies werde ich häufig gefragt. Viele Menschen denken, jemand der schwarz ist, könne nicht in Deutschland geboren sein. Die Annahme, die in der Frage steckt, lautet: Du siehst anders aus, deshalb kannst du nicht von hier kommen. Denn in Deutschland sehen die Leute weiß aus. Für mich steckt immer ein bisschen Ausgrenzung in dieser Frage. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und fühlte mich eigentlich ziemlich wohl in meinem Land.

Nachdem ich Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus gelesen und der Literatur und dem Internet entnommen hatte, wie häufig anderen Schwarzen ebenfalls diese Frage gestellt wird – mir war das vorher gar nicht so bewusst –, habe ich angefangen, auf die Frage geradlinig zu antworten und zu sagen: »aus Münster« oder »aus Deutschland«.

Meist genügt den Leuten aber diese Aussage nicht. Sie interessiert nicht wirklich, woher man kommt, sondern sie wollen sich das vermeintlich Fremde erklären. Wenn man mit »aus Münster« antwortet, kommen dann häufig Rückfragen wie »Aber woher kommst du wirklich?« oder »Ich meine deine Wurzeln.«

»SIE SPRECHEN ABER GUT DEUTSCH«

Als ich in Berlin-Friedrichshain wohnte, habe ich an der Ecke bei der Sparkasse jemanden nach dem Weg gefragt. Es war ein Mann, weiß, um die 50. Er hat mir so geantwortet, als könne ich nur gebrochen Deutsch sprechen. Obwohl es völlig klar war, dass ich ganz normal Deutsch spreche, ich hatte ihn ja ganz normal angesprochen. Das war für mich eine der verletzendsten Erfahrungen. Das Gefühl, einfach nur für dumm gehalten zu werden aufgrund seiner Hautfarbe. Egal was man tut, egal was man sagt. Danach habe ich gedacht, wie tief eigentlich Vorurteile in den Köpfen mancher verblendeten Menschen sitzen – tiefer als jegliche tatsächliche Wahrnehmung.

Ein sehr ähnliches Erlebnis hatte ich einmal bei der FDP. In meiner Freizeit engagiere ich mich dort ehrenamtlich. In meinem Ortsverein gibt es eine Veranstaltung, die immer als lockerer Treff zu einem bestimmten Schwerpunktthema stattfindet. Als ich das Buch »Migranten in der deutschen Politik« herausgegeben hatte, habe ich davon beim Bier einem Parteifreund erzählt. Er meinte, das sei eine spannende Sache, ich solle doch bei einem Liberalen-Treff von meinem Buch berichten. Das tat ich gern. Nachdem ich ein bisschen erzählt hatte und wir über das Thema diskutierten, saßen wir noch zusammen. Ein Mitglied des Ortsverbandes – ein Mann um die 45, kurze stoppelige Haare und runde dunkle Brille – sprach mich über den Tisch an und meinte plötzlich: »Sie sprechen aber auch gut Deutsch.« Er sagte das in einem Tonfall, als sei das ein Kompliment. Nach dem Motto: »Sie haben es gemacht. Mannomann, ganz schön gut sprechen Sie Deutsch. Respekt.« Ich habe das als schwere Beleidigung empfunden und mich gefragt, ob ich in der falschen Partei bin. Ich komme dorthin, erzähle vor einer Runde von Leuten, die mich kennen, wo ich herkomme, was ich beruflich mache und dass ich ein Buch auf Deutsch herausgegeben habe, und dieser Typ denkt, Deutsch kann nicht meine Muttersprache sein. Ich muss es irgendwo gelernt haben. Denn merke: Ein Schwarzer kommt aus dem Busch, und im Busch spricht man kein Deutsch. Die können gar kein Deutsch. In meinem Leben ist es mir noch häufiger passiert, dass jemand mich gelobt hat, ich könne doch gut Deutsch sprechen.

In dem Lied »Fremd im eigenen Land« von Advanced Chemistry heißt es:

Ist es so ungewöhnlich, wenn ein Afro-Deutscher seine Sprache spricht

Und nicht so blass ist im Gesicht?

Das Problem sind die Ideen im System

Ein echter Deutscher muss auch richtig deutsch aussehen

Ich wurde hier geboren, doch wahrscheinlich sieht man es mir nicht an

Ich bin kein Ausländer, Aussiedler, Tourist, Immigrant

Sondern deutscher Staatsbürger und komme zufällig aus diesem Land

Häufig werde ich auf Englisch angesprochen, weil Leute denken, ich könne kein Deutsch, obwohl ich die deutsche Sprache besser beherrsche als viele Deutsche. Auch hier lautet die Logik dahinter: Jemand, der schwarz ist, kommt wahrscheinlich aus Afrika, und Menschen aus Afrika können in der Regel kein Deutsch. Vom Phänotyp der Person wird auf eine bestimmte Eigenschaft – hier: nicht Deutsch sprechen können – geschlossen, ein klassisches Vorurteil und ein rassistisches.

Andererseits kommen sich viele Leute sehr »international« vor, wenn sie Menschen, auch wenn diese nicht woanders herkommen, auf Englisch ansprechen. Damals las ich einen Tweet, in dem ein Deutscher darüber schrieb, wie er irgendwo in Berlin auf Englisch statt auf Deutsch gesprochen hatte. Ich habe das Gefühl, dass es eine Zeit lang ein bisschen in Mode war, ständig überall auf Englisch zu sprechen. Wir kaufen ja auch »Coffee to go« oder haben einen »Call« statt eines Anrufs.

Mich stört das in bestimmten Situationen. In der Dresdener Neustadt saß ich in einem asiatischen Restaurant und wollte etwas bestellen. Der rund 25 Jahre alte Kellner, der einen asiatischen Migrationshintergrund hatte und so wirkte, als sei er in Asien geboren, aber schon lange in Deutschland lebt, sprach mich auf Englisch an. Mit einem weißen Pärchen, das am Nachbartisch saß, hatte er zuvor Deutsch gesprochen. Ich sagte dem Kellner nett, dass ich es leid sei, ständig auf Englisch angesprochen zu werden, obwohl wir in Deutschland sind und nur weil ich schwarz bin. Der Kellner hat sich herausgeredet und es nicht einsehen wollen. Erst seine Kollegin, mit der man vernünftig reden konnte, hat sich dafür entschuldigt.

Wenn jemand des Deutschen nicht mächtig ist, wird man dies schon rechtzeitig merken, und derjenige kann sich dann auch bemerkbar machen.

Als es mir letztens wieder Mal passiert ist, dass mich jemand angesprochen hat, als würde ich kein oder nur gebrochen Deutsch sprechen, habe ich die Person à la Guido Westerwelle ironisch gefragt: »Sind Sie nicht in der Lage, vernünftig Deutsch zu sprechen? Wir sind hier immerhin in Deutschland!« Glauben Sie mir – das saß. Man kann nur hoffen, dass die Person auch wirklich versteht, warum ich das sage, und nicht einfach nur eine Verhaltensänderung vornimmt, um persönlichen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen.

Einmal bin ich in Bonn mit der Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof gefahren. Die Straßenbahn fährt am Hauptbahnhof eigentlich weiter, doch in diesem Fall stoppte die Linie hier. Ich musste den nächsten Zug derselben Linie nehmen, um an mein Ziel zu kommen. Also stieg ich aus und wartete an der Haltestelle. Plötzlich kam eine Bahn angefahren. Ich dachte, dass müsste die nächste sein, weil normalerweise dort keine Bahn endet und die letzte dort endete. Also machte ich einen Schritt nach vorn, um in die sich öffnende Tür zu schreiten. Hinter mir hörte ich plötzlich jemanden rufen: »This train stops here!« Eine Frau, um die 50 Jahre, meinte es offenbar gut mit mir. Sie wollte mir sagen, dass ich in den Zug nicht einsteigen brauche, weil er nicht weiterfährt. Warum die Frau es auf Englisch sagte, leuchtet mir nicht ein. Sie hat wahrscheinlich meine Hautfarbe wahrgenommen, gesehen, dass ich nicht weiß bin und deshalb gedacht, ich könne kein Deutsch. Wenn ich Glück habe, hat sie nur gedacht, dass ich ein Tourist bin oder jemand auf Geschäftsreise. Vielleicht hat sich mich auch für einen Flüchtling gehalten. Seit der Flüchtlingskrise habe ich das Gefühl, dass manche Menschen mich anders anschauen und für einen Flüchtling halten.

HÄUFIGE MECHANISMEN VON RASSISMUS

Weiter unten folgen noch zahlreiche andere Beispiele. Das ganze Buch handelt davon. Aber zunächst müssen wir einmal etwas trockener die Frage stellen: Was ist eigentlich Rassismus? Und in welchen Erscheinungsformen äußert er sich?

WAS IST EIGENTLICH RASSISMUS?(DEFINITION)

Rassismus bezeichnet eine Ideologie, die davon ausgeht, dass verschiedene Menschenrassen existieren.

Der Sexualforscher und Publizist Magnus Hirschfeld verwendete den Begriff als Erster für eine Lehre, die von der Existenz menschlicher Rassen ausgeht.1 Es existiert jedoch nur eine menschliche Rasse, der homo sapiens sapiens. Die Autorin Noah Sow definiert Rassismus2 als »Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht«. Für Rassismus sei eine »›Abneigung‹ oder ›Böswilligkeit‹ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung«. Rassismus sei »keine persönliche oder politische ›Einstellung‹, sondern ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken«. Rassismus sei ein »weißes Gruppenprivileg« und »white supremacy«.

Susan Arndt bezeichnet Rassismus als »weitgreifendes rassialisierendes Diskriminierungsmuster«.3 Im Zentrum der »Ideologie« stehe »die Erfindung von körperlichen Unterschieden«. Zudem sei er Ausdruck des Verlangens, »soziale Hierarchien und Grenzen herzustellen«. Es gebe »Subjekte, die sich selbst als Norm erfinden. Für die Sicherung ihrer Macht und Privilegierung bedienen sie sich der gezielten Diskriminierung, Entmachtung und Destabilisierung von den von ihnen als ›Andere‹ Konstruierten«.

Rassentheorien gab es im Nationalsozialismus, wo eine erfundene arische Rasse über andere angeblich existierende Rassen gestellt wurde. In der NS-Ideologie stand die sogenannte »Kulirasse« an unterster Stelle. Zu ihr wurden Afrikaner, aber auch Asiaten gezählt. Rassenideologen machen Unterschiede zwischen Menschen an körperlichen Merkmalen fest – sei es die Haut-, Haar- oder Augenfarbe –, um anhand von körperlichen Merkmalen auf bestimmte Eigenschaften von Menschen zu schließen. Zurzeit des Nationalsozialismus, aber auch schon früher, hat man Menschen zum Beispiel am Schädel vermessen. Um den kruden Theorien ein glaubwürdiges Fundament zu geben, wurde dem Ganzen ein wissenschaftlicher Anstrich gegeben.

Auf welche typischen Ausprägungen von Alltagsrassismus treffen schwarze Menschen in Deutschland?

UNEINSICHTIGKEIT, BESSERWISSEREI

Wenn ich etwas erlebt habe, was rassistisch war und eine Person darauf angesprochen habe, dann war es in den seltensten Fällen so, dass die Person erkannt hat, dass es in dem vorherigen Geschehensablauf eine rassistische Dimension gibt oder dass die Person womöglich gerade sogar etwas Rassistisches getan hatte. Stets waren die Personen sich sicher, dass alles seine Ordnung hatte. Die erste Reaktion war meist Abwehr.

Die meisten Menschen halten sich selbst für nicht rassistisch. Deshalb liegt es außerhalb ihrer Vorstellungswelt, dass sie sich gerade rassistisch verhalten haben könnten. Wenn man die Person dann darauf anspricht, will diese unter Umständen sogar noch nicht einmal etwas nicht einsehen, sondern denkt ernsthaft, dass alles in Ordnung sei. Allerdings sollte man als kritikfähiger Mensch in der Lage sein hinzuhören, wenn man von jemandem sachlich und stichhaltig auf etwas aufmerksam gemacht wird. Beim Thema Rassismus ist das bei vielen weißen Menschen jedoch nicht der Fall. Sie sind es auch gewohnt, dass das, was sie machen, als richtig beurteilt wird, denn in der weißen Mehrheitsgesellschaft werden viele Dinge eben rassistisch praktiziert. Viele Weiße sind es gewohnt, damit durchzukommen, wenn sie sich rassistisch verhalten, denn wer soll schon etwas sagen, wenn die Mehrheit weiß ist und viele davon mit vielem gar kein Problem haben. Der Mainstream in der weißen Mehrheitsgesellschaft ist nicht rassismuskritisch – ganz im Gegenteil. Er nimmt das Problem auf die leichte Schulter, wenn er es überhaupt beachtet. Und wenn mal etwas Rassistisches thematisiert wird, dann sind es immer dieselben Menschen, Gruppierungen, Organisationen und Medien, die sich damit befassen und darüber berichten und immer dieselben, die überhaupt kein Problem darin sehen.

REFLEXHAFTE ABWEHR

Niemand kriegt gerne den Spiegel vorgehalten, wenn er sich falsch verhalten hat. Niemand wird gerne belehrt, auch wenn es darum natürlich nicht geht. Vor allem jedoch ist der Rassismusvorwurf ein herber. Rassist zu sein, kommt in etwa dem gleich, ein Nazi zu sein und das will natürlich keiner sein. Die meisten Menschen möchten als offen, vorurteilsfrei und tolerant gelten. Political Correctness ist die gesellschaftliche Norm. Kaum jemand geht hin und behauptet von sich, vorurteilsbehaftet und politisch unkorrekt zu sein. Rassistisch zu sein, ist nicht en vogue, auch wenn mancher, der vorgibt, es nicht zu sein, es doch ist.

Ganz oft habe ich, wenn ich Personen mit Rassismus konfrontiert habe, Aussagen gehört wie »Ich habe ganz viele Freunde, die Ausländer sind« oder »Wir haben Mitarbeiter aus allen möglichen Ländern«. Ich pflege zu sagen, es gibt auch Neonazis, die Döner essen. Irgendwie mit einer anderen Kultur in Berührung zu kommen, heißt erstmal überhaupt nichts. Primär geht es um das Verhalten einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation, nicht darum, wen eine Person kennt. Auch ein Rassist kann ausländische Kollegen haben. Schon rein logisch macht diese Ausflucht keinen Sinn. Meiner Erfahrung nach sind die Menschen, die am meisten betonen, ausländische Freunde zu haben, diejenigen, die am wenigsten haben und für die ausländische Freunde deshalb was ganz Besonderes sind.

GEGENANGRIFFE, TÄTER-OPFER-UMKEHR

»Das ist aber auch rassistisch« – das habe ich im Gegenzug oft gehört, wenn man etwas als rassistisch kritisiert. Die Person, die es sagte, fühlte sich schon allein dadurch rassistisch behandelt, dass man eine Handlung von ihr als rassistisch einstuft. Daraus jedoch zu schließen, dass sie selbst rassistisch behandelt wird, ist reiner Mumpitz. Das ist so, als würde man einer Frau, die einen diskriminierenden Frauenwitz kritisiert, den ein Mann gerade gemacht hat, vorwerfen, dass sie sich sexistisch verhalte, weil der Mann, der den Witz gemacht hat und den sie kritisiert, ein Mann ist. Man kann dem nichts Sinnvolles entgegenhalten. Meist geht es Menschen, die so reden, nicht um differenzierte Überlegungen, sondern nur darum, sich um jeden Preis zu verteidigen – und sei es mit unfairen Mitteln oder unzutreffenden Feststellungen. Sich selbst als Opfer zu sehen, ist einfach und funktioniert fast immer.

Eine andere Volte lautet: Jemand sei »empfindlich«. Damit wird jegliche sachliche Kritik auf eine persönliche Ebene gedrückt, und man braucht sich mit der Kritik an sich überhaupt nicht mehr auseinanderzusetzen.

Für den Mechanismus der Täter-Opfer-Umkehr gibt es ein sehr passendes und dazu aktuelles Beispiel. Mitte September berichtete Spiegel Online, dass ein Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier den Sohn von Tennisstar Boris Becker, Noah Becker, in einem Tweet als »kleiner Halbneger« beschimpft haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts auf Beleidigung gegen den Abgeordnetenmitarbeiter, der die Tat laut Staatsanwaltschaft eingeräumt hat. Was tat der AfD-Politiker und frühere Landgerichtsrichter Maier? Er warf Noah Becker in einem Schreiben an Beckers Anwalt selbst Rassismus vor. Becker habe sich »selbst zunächst rassistisch geäußert«. Becker hatte zuvor gesagt, Berlin sei eine »weiße Stadt«, was zumindest kein beleidigendes Schimpfwort beinhaltet.

ANDERSBEHANDLUNG

Dass Andersbehandlung von People of Color und schwarzen Menschen seit jeher stattfindet, ist hinreichend belegt. Bekanntestes Beispiel dürfte wohl Rosa Parks sein, die mutige schwarze Frau, die sich 1955 in Montgomery, Alabama, weigerte, im Bus ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast zu räumen.

Andersbehandlung im Rassismus kann bedeuten, als Polizist einen schwarzen Menschen zu kontrollieren, nur weil er schwarz ist, und einen weißen Menschen nicht. Andersbehandlung kann sein, einer Person of Color als Lehrer eine schlechtere Empfehlung für die Sekundarstufe II zu geben als einem weißen Schüler. Andersbehandlung kann sein, als Türsteher eine Gruppe von weißen Frauen in den Club zu lassen, zwei Schwarze jedoch nicht. Als Busfahrer bei einer nicht typisch deutsch aussehenden Person länger auf das Ticket zu schauen, ob es wirklich echt ist. Heißt, als Vermieter die Wohnung eher an die Studentin mit deutschem Namen zu vergeben anstatt an Mohammed Öztürk.

Das Grundgesetz verbietet Diskriminierung in Artikel 3. Dabei wird auch der Begriff »Rasse« verwendet. Das Deutsche Institut für Menschenrechte, das vom Bund finanziert wird, empfahl 2010 in einem Positionspapier die Streichung des Begriffs »Rasse« aus Artikel 3 Absatz 3 Satz 1 Grundgesetz, wo es zurzeit heißt: »Niemand darf wegen … seiner Rasse, … benachteiligt oder bevorzugt werden.« Das Deutsche Institut für Menschenrechte ist der Auffassung, der Wortlaut der Bestimmung suggeriere »ein Menschenbild, das auf der Vorstellung unterschiedlicher menschlicher ›Rassen‹ basiert. Jedoch gehen allein rassistische Theorien von der Annahme aus, dass es unterschiedliche menschliche ›Rassen‹ gebe.« Dies führe dazu, dass »Betroffene im Falle rassistischer Diskriminierung geltend machen« müssen, »aufgrund ihrer ›Rasse‹ diskriminiert worden zu sein; sie müssen sich quasi selbst einer bestimmten ›Rasse‹ zuordnen und sind so gezwungen, rassistische Terminologie zu verwenden«.

Für die schwarze Community in Deutschland ist das Lied »Operation Artikel 3« der Gruppe Advanced Chemistry und dessen Text von großer Bedeutung.4 In dem Lied heißt es: »Das Blut in deinen Adern ist nicht arisch/Bist Mitbürger mit Steuerlast obwohl du keine Bürgerrechte hast.« Was viele Deutsche nicht wissen: Nach wie vor gibt es im Grundgesetz sogenannte »Deutschenrechte«, die nur Personen, die Deutsche im Sinne von Artikel 116 Grundgesetz sind, in vollem Umfang zustehen. Zwar sind Nationalität und Ethnie erst einmal zwei unterschiedliche Dinge, doch häufig fällt dies zusammen. Nicht jeder Ausländer hat eine andere Ethnie als die Mehrheit der Deutschen – aber viele. Ausländern in Deutschland steht zum Beispiel nicht im selben Umfang wie Deutschen das Recht auf Versammlungsfreiheit zu. So heißt es in Artikel 8 Grundgesetz, dass »alle Deutschen« das Recht haben, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Auch Artikel 9, der die Koalitionsfreiheit normiert, sieht vor: »Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden.« Auch Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet genießen Ausländer, von denen sich Asylbewerber sogar im Rahmen der sogenannten Residenzpflicht nur in einem bestimmten Gebiet aufhalten dürfen, nicht. Ein »Deutschenrecht« ist auch Artikel 12 Grundgesetz, der das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen, verankert. Ich finde diese Zwei-Klassen-Grundrechtsstruktur nicht mehr zeitgemäß.

PAUSCHALISIERUNG

Ein bekanntes Klischee über Schwarze ist, dass sie gut tanzen und singen können.

Häufig verbindet sich Pauschalisierung mit sprachlichen Verallgemeinerungen. Die Rede ist dann von »schwarzen Menschen« als Gattungsbegriff oder am besten gleich von »den Ausländern«. Es wird angenommen, alle Schwarzen hören Reggae, kiffen oder haben einen langen Penis. Dass es auch schwarze Menschen gibt, die Reggae-Musik hassen, Straight Edge leben und mit manch einem Weißen nicht mithalten können, wird gar nicht für möglich gehalten, zumindest aber wird nicht hinreichend differenziert zwischen Individuen. Das ist natürlich einfacher, denn um die tatsächlichen Begebenheiten braucht man sich dann keinen Kopf mehr zu machen, sondern kann gleich seine Schlüsse ziehen.

ABLEHNUNG/ZURÜCKWEISUNG

Man wechselt die Straßenseite, wenn ein Schwarzer kommt. Man geht ins nächste Abteil und nicht in das, in dem ein schwarzer Fahrgast sitzt. In dem Film »Schwarz auf Weiß«, für den sich Günter Wallraff von einer Maskenbildnerin in einen schwarzen Menschen hat verwandeln lassen, geht er in die Amtsstube einer bayerischen Behörde, um einen Waffenschein zu beantragen, den zunächst einmal jedermann beantragen darf. Ohne nähere Prüfung wird er von einem weißen Mitarbeiter der Behörde, der sogar mit der Polizei droht, abgewiesen, ohne Angabe von Gründen.

AUSGRENZUNG

Das einzige schwarze Kind in der Gruppe darf nicht mitspielen. Der einzigen schwarzen Person in einem Betrieb werden bestimmte Informationen vorenthalten. Meryam Schouler-Ocak, Oberärztin der Psychiatrie der Charité in Berlin, sagte in einem Interview im Deutschlandfunk, dass solche Ausschließungen zu psychischen Erkrankungen führen können. Dann komme es »auch auf die Betroffenen an, was für Schutzmaßnahmen, Copingstrategien sie natürlich für sich in ihrer Persönlichkeitsstruktur, in ihrer Persönlichkeit haben, aber es kommt tatsächlich vor, dass, wenn chronische Ausschließung – chronischer Stress ist das ja letztendlich –, es tatsächlich zu biologisch-organisch nachweisbaren Schäden in Hirnstrukturen führen kann. Das heißt also, es macht tatsächlich was mit einem und teilweise auch nachhaltig und längerfristig«. Zu den Folgen zählte Schouler-Ocak neben Depressionen auch »Zwangserkrankungen, Suchterkrankungen, körperliche Beschwerden, wir reden von somatoformen Störungen, es können natürlich auch, wenn es schwerwiegendere Dinge sind, posttraumatische Belastungsstörungen entstehen, es können Essstörungen und viele andere Dinge entstehen, oder auftreten – bis hin sogar selbstverletzendes Verhalten, sogar Selbstmordgedanken und so weiter«.

ERNIEDRIGUNG/DEMÜTIGUNG

In Rassismus steckt per se Erniedrigung. Denn er ist immer damit verbunden, dass der-/diejenige, der/die Rassismus ausübt, sich über den anderen stellt. Oben und unten, höher und niedriger. Die Erniedrigung muss sich nicht in konkreten Handlungen ausdrücken, schon die Annahme, dass man über jemanden verfügen kann, macht diesen zum Objekt, dem man keine Autonomie und keine Würde zubilligt. Die gesamte Geschichte des Rassismus und der Sklaverei ist von Erniedrigung geprägt. Schwarze Menschen wurden behandelt wie Tiere oder wurden, übrigens auch in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, wie Tiere ausgestellt. In vielen Darstellungen werden schwarze Menschen animalisch wie Affen dargestellt. Auch in all diesem steckt Erniedrigung.

Ein Beispiel ist der Folterskandal von Abu Graib. Die Bilder von Häftlingen des irakischen Gefängnisses, die von US-SoldatInnen gefoltert wurden, gingen um die Welt. Die Täter waren weiß, die Opfer PoC. Die Opfer mussten für mehrere Tage nackt bleiben. Ein Opfer wurde ausgezogen, nackt liegt er an einer Leine auf dem Boden, an der ihn jemand anderen Geschlechts, eine Soldatin, wie einen Hund hält und vor der Kamera posiert. Dieselbe Soldatin, Lynndie England, posiert auf einem anderen Foto mit Fluppe im Mund und zielt in Schießpose auf das Glied eines Mannes, der in einer Reihe mit anderen nackten Männern steht. Alle haben einen Sack über dem Kopf. Ein anderes Opfer muss auf einer Box balancieren, mit einem Gewand an, das aussieht wie ein Nachthemd, auch mit einem Sandsack über dem Kopf, und wird mit Stromschläge an den Fingern, Zehen und an seinem Penis gequält. Bildlicher kann Erniedrigung nicht daherkommen.

Erniedrigend sind aber auch jene schwarzen Dienerfiguren, häufig aus Holz, die an Ein- und Durchgängen von Restaurants oder Hotels stehen und einem dienend von unten die Hände oder ein Tablett hinhalten. Der Schwarze als Diener.

Demütigung ist laut Wikipedia eine »den Selbstwert, die Würde und den Stolz angreifende beschämende und verächtliche Behandlung des Anderen, oft auch im Beisein anderer Personen« – zum Beispiel wenn ein schwarzer Mensch, wie mir es passiert, als Affe beschimpft wird. All dies greift die Würde, den Stolz und den Selbstwert an.

UNGERECHTFERTIGTE BESCHULDIGUNGEN/SÜNDENBOCK-SCHEMA

Irgendwann habe ich gelernt, dass es im Raum Bonn schon seit mehr als hundert Jahren Schwarze gibt. Die linksrheinische Seite von Bonn, hervorgegangen aus einer riesigen Römer-Kaserne, gehörte unter Napoleon eine Zeit lang zu Frankreich. Napoleon hatte hier Truppen stationiert, denen auch 30.000 Soldaten aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs angehörten. So kam es, dass schon vor langer Zeit Schwarze in dieser Stadt lebten. Einige der schwarzen Soldaten zeugten schätzungsweise 500 Kinder mit einheimischen weißen Frauen. Nachfahren der frühen People of Color im Rheinland leben noch heute hier. Ein Film mit dem Titel »RheinlandBastard – ›Schwarze Schmach am Rhein‹« befasst sich mit den frühen Schwarzen im Rheinland. Die Nachkommen schwarzer Soldaten wurden diskriminiert und »Rheinland-Bastarde« genannt. Ihnen wurde der groteske Vorwurf gemacht, für die »Bastardisierung« der »weißen Rasse« verantwortlich zu sein und sie vernichten zu wollen. Damit wurden die PoC zum Sündenbock für etwas gestempelt, auch wenn der Inhalt dieses Vorwurfs absurd ist und auf der widerlegbaren Annahme fußt, es gebe unterschiedliche Rassen und eine davon sei besser. Der Begriff wurde auch im Nationalsozialismus noch verwendet. Die Nazis wollten die multinationalen Kinder zwangssterilisieren. In »Mein Kampf« schrieb Hitler: »Juden waren und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Ziele, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardierung die ihnen verhasste weiße Rasse zu zerstören, von ihrer kulturellen und politischen Höhe zu stürzen und selber zu ihren Herren aufzusteigen.« Auch hier die »Höhe«, also Höherstellung als weiß betrachteter Menschen. Hitler schrieb weiter: »Würde sich die Entwicklung Frankreichs im heutigen Stile noch dreihundert Jahre fortsetzen, so wären die letzten fränkischen Blutsreste in dem sich bildenden europa-afrikanischen Mulattenstaat untergegangen. Ein gewaltiges, geschlossenes Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, erfüllt von einer aus dauernder Bastardierung langsam sich bildenden niederen Rasse.« In der Antrittsrede des preußischen Justizministers Hanns Kerrl im März 1933 hieß es laut »Deutschlandfunk«: »Was aus weißer Haut ist, das ist gleichartigen Blutes, das kann miteinander sich mischen. Aber hüte dich, übertritt nicht die göttliche Ordnung, geh nicht hinüber ins andere Gebiet, ins gelbe, ins schwarze. Sonst begehst du Sünde.« Auch heutzutage haben manche Menschen Angst, dass immer mehr Geflüchtete nach Deutschland kommen und hierzulande bald nur noch der Muezzin ruft und es bald keine Deutschen mehr gibt. Der Titel eines Buchbeitrags lautet »Die Kampagne gegen die ›Schwarze Schmach‹ als Ausdruck konservativer Visionen vom Untergang des Abendlandes«.

ZUSPRECHEN VON MINDERWERTIGKEIT, KULTURLOSIGKEIT, TRIEBHAFTIGKEIT

Im Zusammenhang mit dem Bild von Schwarzen als unzivilisiert ist nicht nur der bekannte Comic »Tim und Struppi« zu nennen, sondern auch das Wort »Hottentotten«. Ich erinnere mich, wie der Vater meines besten Freundes im Kindergarten sagte: »Das ist ja wie bei den Hottentotten«. Dieses geflügelte Wort, das zur selben Familie gehört wie die Aussage »nach Timbuktu gehen«, kennt wohl jeder und jede Deutsche. Ich habe als Kind nie ganz verstanden, was das heißt. Irgendwann habe ich es dann mal nachgeschlagen und gelesen, dass die Hottentotten ein Volk in Afrika seien, was die Redewendung für mich in den Bereich von Rassismus rückte, da sie suggeriert, es gäbe bei diesem afrikanischen Volk keine Regeln. Die Botschaft, die in dem Satz steckt, ist: Die Hottentotten sind unzivilisiert und primitiv, dort herrscht Unordnung, die Hottentotten sind chaotisch und bei ihnen geht es zu wie bei Hempels unter dem Sofa oder bei den Flodders.

Später erst erfuhr ich, dass es »Hottentotten« so nie gegeben hat und dass das Wort eine Wortschöpfung ist, ähnlich wie das Wort Barbaren, mit dem die Griechen Nicht-Griechen bezeichneten, die ungebildet und wild seien.

Laut Susan Arndt handelt es sich bei dem Begriff »Hottentotten« wie bei dem Wort »Buschmänner« um einen Neologismus. Das Wort »Hottentotten« sei als Wortschöpfung aus dem Niederländischen ins Deutsche übernommen worden. Mit dem Begriff seien »all jene Gesellschaften des südlichen Afrika in einen Topf geworfen« worden, »in deren Sprache implosive Konsonanten, so genannte ›Schnalzlaute‹ oder Clicks, vorkommen.«

Im Jahr 2005 absolvierte ich ein Praktikum im Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit. Im Rahmen des Programms für Praktikanten unternahmen wir Ausflüge zu verschiedenen Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit, unter anderem in die Zentrale der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) (heute: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ) in Eschborn bei Frankfurt. Ein Mitarbeiter, der um die 40 war, berichtete uns vom Arbeitsalltag eines GTZ-Mitarbeiters. Dabei sagte er auch, dass manche GTZ-Mitarbeiter, die sehr lange in einem Land der südlichen Hemisphäre im Einsatz gewesen seien, die Lebensgewohnheiten des Einsatzlandes übernehmen würden und man diese im GTZ-Jargon als »verbuscht« bezeichnen würde. Ich fand das empörend, konnte aber keine Riesenwelle machen, weil ich Praktikant war und ein gutes Praktikumszeugnis haben wollte. Dass quasi jeder Mitarbeiter der deutschen Durchführungsorganisation den Begriff »verbuscht« kennt und dieser dort überaus geläufig ist, hat mir später ein Bekannter bestätigt, der schwarz ist und Führungskraft bei der GIZ war, es also wissen muss. Die Existenz und weite Verbreitung des Begriffs belegt auch die Publikation »Der Stamm der Experten – Rhetorik und Praxis des interkulturellen Managements in der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit«. Sogar einen Wikipedia-Eintrag »Verbuschung (Soziologie)« gibt es. Darin heißt es: »Verbuschung im übertragenen Sinne ist Jargon und bezeichnet eine bestimmte Art der kulturellen Assimilation von entsandtem Personal im Ausland, besonders in Entwicklungsländern. Der Begriff ist dabei abwertend belegt und beschreibt die Tendenz von Personal, das lange Zeit in Entwicklungsländern bzw. lange Zeit am gleichen Ort entsandt ist, sich unbewusst von den Verhaltensnormen im eigenen Land zu entfernen. … Die Fähigkeit, auch gegen Widerstand Veränderungen einzuführen, sinkt; der Umgang mit Regeln, Gesetzen, Zeitrahmen etc. wird laxer.«

Bei der GIZ heißt es, der Begriff gehöre nicht »zum offiziellen Sprachgebrauch«, so Tanja Stumpff. Man verwende den Begriff vielmehr, »um die Ausbreitung von Büschen und Sträuchern auf Wiesen und in Savannen zu beschreiben, z. B. bei der Beschreibung eines Projekts in Namibia«.

Wenn man bedenkt, dass deutsche Entwicklungsorganisationen egalitär Ländern Afrikas gegenübertreten sollten, dann ist es einigermaßen problematisch, dass man in einer solchen Organisation Menschen aus anderen Ländern so betrachtet, als seien diese weniger zivilisiert. Darin kommt nicht nur ein sehr fragwürdiges Menschenbild, sondern auch ein problematischer Arbeitsethos zum Ausdruck. Zudem stellt eine solche Sichtweise deutsche Gepflogenheiten qualitativ über die anderer Kulturen. Es wäre jedoch auch ein Irrglaube anzunehmen, dass es in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit keinen Rassismus gäbe.

Ich habe auch die GIZ dazu angefragt. Dort heißt es nur: »Die GIZ duldet keinen Rassismus«. Die GIZ verweist auf die »Grundsätze integren Verhaltens«, in denen von Gleichbehandlung ohne Ansehen der »Hautfarbe, … Kultur, … gesellschaftlicher Herkunft … oder Nationalität« die Rede ist. »In einem Unternehmen mit Mitarbeitenden in 120 Ländern dieser Welt ist es wichtig, fortlaufend für interkulturelle Zusammenarbeit zu sensibilisieren – dazu gehört auch das Thema Sprache«, so die GIZ-Pressestelle.

RASSISMUS IN MEINER KINDHEIT

Ich habe eine schöne Kindheit verbracht. Geboren und aufgewachsen in Münster in Westfalen. Münster ist zwar als Studentenstadt bekannt und beherbergt die viertgrößte Universität Deutschlands, ist aber auch eine piefige, konservative Provinzhauptstadt. Münster wurde vom Zweiten Weltkrieg an bis zu meinem sechszehnten Lebensjahr ausnahmslos von der CDU regiert, quasi CSU-ähnliche Verhältnisse. Münster ist erzkatholisch. Es gibt einen Spruch, der lautet: »Schwarz, schwärzer, Paderborn.« Und man sagt, nur Paderborn sei katholischer als Münster. Dies vorneweg. Allerdings ist Münster auch durch Bildungsbürgertum, Akademiker und eine humanistische Art des Katholizismus geprägt. Zudem gibt es in Münster eine große alternative Szene und einen ziemlich aktiven AStA. Die erste Schwulendemo in Deutschland fand, was viele nicht denken würden, am 29. April 1972 in Münster statt. Ich denke, dass die Diskriminierung von homosexuellen Menschen und Schwarzen strukturell viele Parallelen aufweist.

Ich bin in einer klassischen deutschen Vorstadtsiedlung aufgewachsen. Unsere direkten Nachbarn in unserer Reihenhausreihe waren alle nett, und ich kann mich nicht erinnern, irgendwann einmal etwas Schlechtes mit ihnen erlebt zu haben. In der Nachbarschaft kannte man sich. Da gab es auch die Familie H. aus der Reihenhausreihe quer zu unserer. Die H.s hatten zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, etwa in meinem Alter. Ich kann mich noch erinnern, wie mich die beiden rassistisch angemacht haben, als ich ungefähr elf Jahre alt war. Ich weiß zwar nicht mehr, was sie genau gesagt haben, aber ich habe das Erlebnis als sehr kränkend abgespeichert – so kränkend, dass ich mich dreißig Jahre danach noch an das Gefühl erinnern kann. Wie so oft habe ich meinen Eltern nicht davon erzählt. Irgendwie war ich immer zu stolz, um bei jeder der vielen Beleidigungen gleich zu meinen Eltern zu rennen.

Es ist nicht einfach, über Rassismus im Kindesalter zu schreiben, wenn man berücksichtigt, dass Kinder Rassismus noch nicht bewusst wahrnehmen können. Ich weiß aber noch, wie ich schon im Kindergarten von anderen Kindern rassistisch beleidigt wurde. N. haben sie mich beschimpft oder in anderer Weise, die stets abwertend auf meine Hautfarbe Bezug nahm. »Du hast dich nicht ordentlich gewaschen.« Oder »Du bist so schwarz wie Kacke.« Oder (in einer Runde mit anderen Kindern) »Der ist in den Kakao gefallen! Hahaha!« Dass man Schwarze mit Gegenständen in Verbindung bringt, ist etwas sehr Typisches für Rassismus. Vielleicht hat das damit zu tun, dass man ungewohnte Dinge intuitiv erst einmal mit dem abgleicht, was man kennt. Wenn man noch nie oder selten eine schwarze Person gesehen hat – und bei den Kindern, die mich im Kindergarten geärgert haben, war dies wohl ausnahmslos der Fall –, dann sind das eben die Dinge mit der passenden Farbe, die der diskriminierenden Person als erstes einfallen. Wie oft wurde ich in meinem Leben schon, insbesondere als Kind von anderen Kindern, »so braun wie Schokolade« oder »so braun wie Kakao« genannt. Dabei mag fast jedes Kind Schokolade, und Kakao dürften die meisten, die mich so geärgert haben, auch gern getrunken haben. Dennoch nutzt man diese Begriffe, um schwarze Menschen zu diskriminieren. Das ist eigentlich paradox. Es zeigt jedoch, wie unsinnig Rassismus überhaupt ist. Es wird versucht, jemanden abzuwerten, in dem man ihn mit etwas vergleicht, das eigentlich positiv ist. Grund dafür: Entscheidend ist eigentlich gar nicht die Sache, mit der verglichen wird und die so gesehen austauschbar ist. Ziel der diskriminierenden Person ist vielmehr, den anderen zu treffen, herabzusetzen und zu kränken, egal auf welche Weise, egal ob besonders schlüssig oder nicht, egal ob logisch oder nicht.

Bei den Beleidigungen in meiner Kindheit in Deutschland ging es oft auch um Ausgrenzung: »Wir sind alle so, Du bist anders«, war häufig die Message. Nein, sie war vielmehr: »Wir sind alle so. Du bist anders und schlechter.« Die anderen Kinder taten sich auch gemeinsam gegen mich zusammen, beleidigten mich und zeigten gemeinsam mit dem Finger auf mich.

Häufiger kam es auch vor, dass ich als »verkohlt« bezeichnet wurde. Selbstverständlich sind die Vergleiche und Umschreibungen, die hier verwendet werden, gemeinhin negativ konnotiert. Niemand wird sagen: »Du bist so schwarz wie ein