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Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Vaters im Jahr 2007, aber eigentlich startet alles bereits im Jahr 1900 mit der Geburt des Großvaters. Und es ist auch die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, eine Geschichte der Technik und die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, vom Bauernjungen zum Werkmeister und noch weiter in den nächsten beiden Generationen.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Vaters im Jahr 2007, aber eigentlich startet alles bereits im Jahr 1900 mit der Geburt des Großvaters. Und es ist auch die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, eine Geschichte der Technik und die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, vom Bauernjungen zum Werkmeister und noch weiter in den nächsten beiden Generationen.
Ulrich Stein, geboren 1954, ist Physiker und lebt seit 2019 in Lübeck. ‚Ewige Unruhe‘ ist sein zweiter Roman, entstanden in den Jahren 2005-2016 und 2025 letztmalig redigiert. Zusatzinformationen, auch zu weiteren Buchprojekten, finden Sie im Internet unter www.stein-ulrich.de/belletristrik/.
Im Grunde ist alles, was wir in diesen Tagen aufschreiben,
nichts als eine verzweifelte Notwehr,
die immerfort auf Kosten der Wahrhaftigkeit geht, unweigerlich;
denn wer im letzten Grunde wahrhaftig bliebe,
käme nicht mehr zurück, wenn er das Chaos betritt –
oder er müsste es verwandelt haben.
(Max Frisch, Tagebuch 1946 - 1949)
Friedhof
Café
1900
Emma
Kriegsende
Werner
Kraftwerksbau
Werkmeister
Freiwilliger
Kriegseinsatz
Hammelburg
Studium
Nachwuchs
Dorfsonntag
Erste Liebe
Oberrealschule
Naher Osten
Wilhelms Tod
Bruch
Chaos
E-Mails
Berufswahl
Ärger
Warten
Wechsel
Hautarzt
Marie
Chats
Doktorarbeit
Industrie
Tagebuch
Kraftwerk
Besserung
Ende
Anhang
Dies ist nicht der korrekte Friedhof.
Nein, nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Er ist schön. Ich liebe ihn. Die hohen Bäume, die wilden Tiere zwischen den Gräbern, die Wasserläufe und die verschlungenen Wege. Dieser Friedhof ist schön. Wirklich wunderschön. Und nicht unähnlich dem, den sich mein Großvater und sein Sohn ausgesucht haben. Auch wenn hier alles viel größer ist. Weitläufiger. Freier. Wie die Stadt, in der ich seit Langem lebe. Und der Gedanke, dass dies später mein letzter Platz sein könnte … Ein ruhiges, fast angenehmes Gefühl. Aber es ist nicht der Friedhof unserer Familie.
Vor einer Woche wurde mein Vater begraben.
Ich war dabei. Körperlich zumindest. Als meine Neffen und Nichten in Tränen ausbrachen. Als mein Bruder die Totenrede hielt, vom Leben des Vaters sprach. Stationen erwähnte, die ich nicht gekannt hatte. Da ich bereits seit Jahrzehnten woanders lebe. Wie er Dinge hervorhob, die meinem Vater wichtig waren. Wie ich mich fragte, ob ich meinerseits nicht eine ganz andere Auswahl getroffen hätte. Und plötzlich nicht mehr wusste, wer das richtige Bild vom Vater hatte. Wessen Erinnerung die korrekte war. Dazu all die Emotionen der Anderen.
Ich war weit weg. Als mein Vater starb.
Befasst mit Problemen des Alltags. Der schwierigen Situation mit den Kindern und deren Mutter, meiner Ex. Die ohne mich leben wollte. Der dies inzwischen aber zu viel ist.Besonders die Erziehung unserer Kinder. Dazu mein eigener, missglückter Neuanfang, mit einer permanent quengelnden Freundin. Die mir fortlaufend die tollsten Ideen präsentiert, und von der ich mich längst hätte trennen sollen. Doch auch hierfür keine Zeit, bei dem Chaos der letzten Wochen. Nicht das noch. Mein Kopf war voll genug mit ganz anderen Sachen.
Wenig Zeit deshalb, zu wenig Zeit, um an den Vater zu denken.
Mein letzter Besuch, der lag nur ein paar Wochen zurück. Ein Besuch auf befremdlichem Terrain. Im abgedunkelten Krankenzimmer, vor langer Zeit das Schlafzimmer meiner Eltern. Meinem Vater fehlte die Luft. Knappe, mühsame Zwiegespräche, die sich auf eine Handvoll Wörter beschränkten. Eigentlich war klar, dass das Ende nicht mehr weit sein konnte. Aber das lag in der Zukunft.
Dann am Morgen die Nachricht meiner Schwester: Er ist eingeschlafen in der Nacht. Ruhig, ohne Schmerzen. Und war nicht allein, zum Zeitpunkt des Todes.
Dieser seltsame, metallische Geschmack. Der Mund liefert keine korrekten Signale. Dazu ein lähmendes Gefühl, das die Wahrnehmung blockiert. Erste Reaktionen des Körpers. Es dauert. Bis das Bewusstsein sich wieder einschaltet.
Er ist tot.
Vor Kurzem nur eine Möglichkeit, später mal. Jetzt etwas Absolutes.
Ich will es einfach nicht glauben. Wenn ich den Kopf drehe, nach rechts – da sitzt er doch. Da war er noch. Vor Kurzem. Hinter mir, auf einem Stuhl. Las die Zeitung. Ich konnte ihn anschauen, ihn hören. Seinen amüsierten Sarkasmus, mit dem er das politische Geschehen kommentierte.
Gilt das nicht mehr? Vorbei?
Kein Stuhl. Kein freundlicher Sarkasmus. Keine Antworten auf Fragen. Fragen, die zu spät kommen, die mir früher hätteneinfallen müssen. Der Tod zerschneidet die Verbindungen. Der letzte Besuch blieb der letzte Besuch.
Es ist nicht der korrekte Friedhof, auf dem ich stehe. Und das Begräbnis, das war bereits vor einer Woche. Tage voller Hektik. Die Hin- und Rückreise, in den Süden. Die Begegnung mit der Verwandtschaft. Organisatorische Fragen. Dazwischen das Begräbnis.
Keine Zeit zum Nachdenken. Zum Verarbeiten der Ereignisse.
Heute, einen Sonntag später, habe ich mich aufgemacht, zu einer Art privater Nachfeier. Mit der S-Bahn nach Norden, nur ein paar Stationen, zum Friedhof meiner Stadt. Wenn auch nicht am korrekten Ort, so doch ein Gedenken in Ruhe. Ein intimer Spaziergang. Der Erinnerung gewidmet. Der Suche nach Bildern, die irgendwo im Kopf existieren, vom Vater, von der eigenen Herkunft. Sich klar werden, was wichtig war. Was meinem Vater wichtig war.
Er hatte einiges erreicht. Der Dorfarzt, allseits geschätzt und beliebt – oder gehört auch das bereits zur Fama? De mortuis nihil nisi bene?
Und weiter, im Hintergrund, sein Vater, mein Großvater. Gestorben bereits vor über vierzig Jahren. Auch er erfolgreich und ob seiner Menschlichkeit verehrt – wobei die Erinnerung an ihn von Patina überzogen ist. Teil der Familiensaga. Die oft wiederholten Erzählungen der Tochter, zusammen mit meinen eigenen Erinnerungen.
Was davon ist wahr, hat sich wirklich so zugetragen? Wo beginnt die Täuschung, das Wegsehen, das nachträgliche Retuschieren? Dem schönen Schein zuliebe.
Der Tod zerschneidet die Bindungen zum Woher, zu den Vorfahren. Woher komme ich? Woher kam der Vater, woher der Großvater?
Ich möchte von den Fakten berichten, soweit sie mir noch zugänglich sind. Fakten aus dem Leben meines Vaters undmeines Großvaters. Fakten eines sozialen Aufstiegs im zwanzigsten Jahrhundert. Und dazu die Geschichten, die mit dem etwas unsicheren Wahrheitsgehalt, auch die sollen erzählt werden. Weil sie so schön sind.
Aber nicht hier! Nicht zwischen all den fremden Gräbern, im einsetzenden Nieselregen, gegen den ein Regenschirm nicht hilft. Das typische Wetter am Ende des Jahres. Wenngleich so ein Wetter in dieser Stadt eher die Regel ist. Ein nettes Statement, aber auch ein Klischee.
„Einen Bordeaux, bitte! Ein Glas. Und so eine Brezel, da.“
Die angenehme Wärme. Des Cafés, am Rande des Parks. Eigentlich ein Friedhof. Und spät ist es geworden, der Vormittag schon nahezu vorüber. Ebenso das Jahr. Der Tod bevorzugt die letzten Wochen.
Ein unermüdlicher Schnitter!
Mein Gott, diese abgedroschenen Bilder! Automatisch setzen sie sich zusammen, im Hirn. Restschäden einer bayrischen Erziehung. Dreizehn lange Jahre. Vertane Zeit. Unproduktive Mühen.
Na gut, richtig fleißig war ich nie. Wusste jedoch immer, wie viel man tun musste, um nicht abzusacken. Wirkliche Probleme, die gab es nicht, weder mit dem Stoff noch mit der Schule. Gerade so viel zu arbeiten, dass sich die Eltern keine Sorgen machten, sich nicht um mich zu kümmern brauchten. Ich hatte meine Ruhe. Und das Zeugnis ging in Ordnung.
Zeugnisse – auch so ein Objekt der Mythen. Meine kleine Schwester hat jetzt, beim Stöbern in den Unterlagen des Vaters, welche von mir entdeckt. Und erstaunt erkannt, dass die doch nicht so exzellent waren. Der Vater hatte das ihr gegenüber anders dargestellt. So weit die Erinnerung, die Erinnerung meiner Schwester an ihre eigene Schulzeit. Mit eigenen Problemen.
Ich machte den Eltern keine Arbeit – schon alleine das war exzellent. Dennoch sind es keine angenehmen Erinnerungen. Wenngleich es mich nicht mehr berührt. Es ist verblasst,verschwunden. Aus dem Blickfeld geraten. Lange passé. Nur nach der Beerdigung, auf der Rückfahrt, da hatte ich für kurze Zeit Sicht. Sicht auf die hässlichen Gebäude. Links, hinter den blattlosen Bäumen am Straßenrand. Das ehemalige Schulzentrum. Lang ist es her, sehr lang. Und sehr weit weg.
Schön, wieder zu Hause zu sein. Zu Hause in der Stadt meiner Wahl. Am Rande unseres Friedhofs. Im Café, direkt neben der S-Bahn.
Wenige Gäste. Ist wohl zu früh am Tag. Nahe der Tür ein älteres Paar, bei Kaffee und Kuchen. In beigen Regenmänteln. Hinten links noch jemand, im Halbdunkel, mit einem fast leeren Glas Bier. An dem Tisch direkt neben dem Durchgang zur Toilette. Nur vor mir, im Bereich des Tresens, ist mehr los. Ein breiter, hölzerner Tresen, der von einer schweren Kaffeemaschine beherrscht wird. Schwarz, mit großen, grell-blau blitzenden Bedienfeldern. Ein manisches Monster, das so gar nicht zum melancholischen Umfeld passt. Daneben ein Aufsteller, der neue Weine anpreist, und ein Korb mit Brezeln. Frische, warme Butterbrezeln. Sie duften verführerisch.
Ich brauche eine Pause. Zeit zum Verschnaufen. Und ein Glas Wein, zum Innehalten und zum Aufwärmen. Damit es die Erinnerungen leichter haben. Ein Rückblick auf endgültige Entscheidungen, letzte Begegnungen.
Der Rilke-Vers! Auf dem Sterbebild des Vaters. Es musste schnell gehen. Etwas Besseres sei ihnen nicht eingefallen. Und es war noch viel zu tun, bis zum Begräbnis. Aber warum gerade Rilke? Der ‚Herbsttag’, mit dem schwermütigen Einschlag? Ich habe nie erlebt, dass der Vater davon geschwärmt hätte. Von der Schwere des Weins einmal abgesehen. Ringelnatz, das leicht Absurde im Leben, der Kuttel Daddeldu – solche Verse hatte er geliebt, auch wenn er selbst meist logisch und korrekt handelte.
Ein weiteres Puzzlestück, das nicht passt. Das Bild verfälscht. Mein Bild? Was weiß ich schon? Ich, der Nachgeborene,der alles nur aus der Ferne betrachtet hat. Aus räumlicher Ferne. Und aus zeitlicher.
Fremd, schlecht greifbar, klamm. Ein unangenehmes Gefühl. Das liegt auch an der nassen Jacke. Die ist nicht bequem, in dieser Jahreszeit aber ganz brauchbar. Zumindest draußen, im Freien. Wo man sich schützen muss. Nur hier, hier drinnen, was soll ich hier mit diesem schweren Ding? Weg damit! Raus aus den dunklen Herbstklamotten! Raus aus der Kälte!
Ich greife zu, mit ganz spitzen Fingern. Und hänge das nasse Teil über den Nachbarhocker. Stelle den Regenschirm daneben, zusammen geklappt. Besser! Ja, wirklich besser. Ich bevorzuge eine trockene Umgebung. Trocken und warm. Auch vom Schirm läuft das Herbstwasser ab. In kleinen Bahnen. Wird zu einer Pfütze. Nur eine winzige Pfütze. Nieselregenpfütze. Aber sie reicht aus, dem angelehnten Schirm den Halt zu nehmen. Er rutscht, gleitet ein Stück nach rechts und erwischt im Fallen die Spitze eines anderen Schirms, der seine eigene Pfütze erstellen wollte.
Peng! Ein heller Knall beim Aufschlag auf die Fliesen. Ungewollte Störung der vormittäglichen Ruhe. Wieso das denn wieder? Musste das sein? Ich drehe mich um, rutsche mit dem linken Bein vom Sitz. Es ist mir peinlich. Dieser lärmende Vorfall. Man soll nicht stören! Nein, nein, nicht stören. Nein!
Diese Hektik! Bleib ruhig! Keine Aufregung! Denk an den Blutdruck! Durchatmen, nachdenken! Es war etwas viel in den letzten Tagen. Komm runter! Und dieser Vorfall, das ist wirklich keine große Sache. Sind nur die Nerven.Aber trotzdem, ich sollte mich entschuldigen. Es war meine Schuld. Also, mich entschuldigen bei dem Mann, zu dessen Füßen unsere beiden Schirme liegen. Drüben, zwei Hocker weiter.
Er ist ein wenig älter, wenn der Anschein nicht trügt. Graue Haare, die in Wellen nach hinten fallen. Wache, lustige Augen. Gerader Sitz. Sicher größer als ich. Helles Jackett, dazu einweißes Hemd mit offenem Kragen. Eine charmante, fast jugendliche Erscheinung.
Ich habe keine Lust auf ein Gespräch. Doch auf den Vorfall, auf den sollte ich schon reagieren. Das gebietet die Höflichkeit.
Also gut, Konzentration! Schau hinüber und mach´ einen Diener!
„Pardon! Ich habe nicht aufgepasst. Tut mir leid. Entschuldigen Sie! War eigentlich vorhersehbar. Das schon. Die verringerte Reibung, durch das Wasser auf dem Boden. Eine minimale Ursache – es sind oft die kleinen Ursachen, die etwas bewirken! Das, das führte zum Start der Bewegung. Beim Gleiten dann noch weniger Widerstand. Und letztendlich unsere Kettenreaktion. Peng! Krawumm! Ja, doch ja! Ein Unfall.“
Ich bücke mich zu den Schirmen, stelle sie wieder hin. Achte dabei auf einen sicheren Stand.
„Oh, danke! Wie aufmerksam. Und welch wunderbare, technische Erklärung. Wirklich schön. So klar und so logisch.“
Der Mann lächelt, ein leicht skeptisches Lächeln: „Sehr vernünftig und streng mathematisch. Sie scheinen mit der Materie vertraut zu sein.“
Ich zögere: „Stimmt! Ein wenig schon.“
„Welch eine Gnade, so eine Veranlagung. Dieses technische Verständnis. Doch leider nichts für mich. Überhaupt nicht. Vollkommen unbegabt bin ich in diesen Fragen. Ich weiß nur, dass ich dazu nichts sagen könnte. Die Welt der Technik, das ist ganz weit weg, weg von meinem Alltag. Ich bin schon heilfroh, wenn alles funktioniert. So, wie diese dummen Computer. Maschinen, die machen, was sie wollen. Gestern erst hat meiner wieder verrückt gespielt. Haben Sie da eigentlich Ahnung von?"
"Geht so."
"Interessant. Aber mich, mich macht das hilflos. All die unverständlichen Meldungen und Anfragen. Was soll das? Ichunterhalte mich nicht mit einer Maschine! Doch lassen wir das!“
Der Mann hebt den Kopf, spielt mit seinem Kaffeelöffel und blickt an mir vorbei in die Ferne.
„Wenngleich, es hat mich früher schon fasziniert. Das Zusammenspiel der Naturphänomene. Die Mathematik dahinter. Dass man das alles beschreiben kann. Dass alles exakt ist. Keine Frage der Auslegung, wie bei uns. Ein schönes Gebiet, aber einfach nicht mein Fach. Darin konnte ich schon in der Schule nicht glänzen. Wollte es wahrscheinlich auch nicht. Es gab schließlich Interessanteres ...“
„Ach, Moment! Stopp! Der Wein, der ist für mich. Hier. Danke sehr! Danke! Aber wo ist die Brezel?“
„Die nehmen Sie sich selbst. Aus dem Korb. Da drüben.“
Knappe Antwort von der Frau hinter dem Tresen. Sie steht direkt vor mir. Jung, hübsch, trainierter Körper. Und sehr blond. Wenngleich ich mehr auf dunkelhaarige Frauen stehe. Sie riecht gut. Und serviert den Wein professionell, mit einer gelassenen Anmut.
Ich lächle. Setze mich betont aufrecht. Versuche, einen längeren Blick zu erhaschen. Von ihr. Leider reagiert sie nicht. Ist bereits mit anderen Dingen beschäftigt. Mit langweiligen, profanen Dingen.
„Hm, eine adrette Person, die uns hier zu Diensten steht“, bemerkt der Mann neben mir. „Und, ihr Ausschnitt, der ist auch nicht zu verachten. Aber holla! Doch an wartenden Männern, an denen scheint sie kein Interesse zu haben. Zumindest nicht sonderlich."
Er schaut der Frau hinterher. Nickt anerkennend und grinst mich an. Möchte wohl eine Bestätigung. Einen Kommentar zu seiner Einschätzung. Die Expertenmeinung eines Geschlechtsgenossen. Oder eines Konkurrenten in der animalischen Herde?
Mein Gott, wie peinlich. So verdammt peinlich. Ich will dies alles gar nicht sehen. Nein, nein! Möchte am liebsten weit weg sein. Weg von so einer anzüglichen Situation.
Ich spüre, dass ich rot werde, und blicke nach unten, auf den Tresen. Meine Hand spielt mit dem Weinglas. Peinlich, dieses Macho-Gebrabbel! Andererseits, mein Nachbar macht es schon sehr charmant. Das muss man ihm lassen. Und bin ich selbst denn besser? Habe nicht auch ich soeben versucht, mit der Dame in Kontakt zu kommen?
Blödes Gockel-Gehabe, außerdem bin ich so viel älter. Viel zu alt für sie.
Mein Nachbar scheint ähnliche Gedanken zu haben: "Vielleicht ein Vorrecht der Jugend, uns links liegen zu lassen. Es sei ihr gegönnt. Und wir, rächen wir uns dadurch, dass wir ein würdevolles Greisendasein ablehnen. Das alte Maul nicht halten, wenn vermeintlich Jüngere reden. Ansonsten gäbe es noch die Möglichkeit, stillvergnügt in der letzten Reihe zu sitzen und sich zu amüsieren. Wobei ich Sie durch diese Charakterisierung hoffentlich nicht kränke.“
Ich schüttele den Kopf. Habe nur halb zugehört. Aber der Wein, der riecht ganz passabel. Und der erste Schluck bestätigt den positiven Eindruck. Ein recht guter Tropfen, was hier oben nicht eben selbstverständlich ist.
Mein Nachbar beugt sich vor: „Na, dann lieber der Reihe nach. Wenn wir hier zusammen auf den schlechten Plätzen sitzen. Dürfte ich mich erst einmal vorstellen: Mein Name ist Brecht, Gunther Brecht. Leider nicht verwandt oder verschwägert mit Bertolt, nicht mal ein außerehelicher Sohn des Meisters. Und als Jurist bin ich weit entfernt von den technischen Problemen fallender Regenschirme. Wir kommen erst ins Spiel, wenn sich daraus ein Schadensfall entwickelt. Aber trotz allem, ich bewundere Menschen, die gute Erklärungen liefern für die Phänomene der Natur.“
Jurist? Und weiter? Wird das jetzt ein Verhör? Name, Beruf? Stadt, Land Fluss? Ach Gott, ich bin heute anscheinend etwas überempfindlich. Der Herr will sicher nur spielen. Machen wir halt mit, auch wenn ich sonst mit Spielen wenig anzufangen weiß. War schon bei meinen Kindern ein Problem. Ich musste mich immer zu so etwas zwingen.
Faites vos jeux! Oder bereits: Rien ne va plus?
Lassen wir das besser und antworten höflich, wie es die Sitte befiehlt: „Recht schmeichelhaft, Herr Brecht. Doch so tiefschür-fend waren meine Ausführungen wirklich nicht. Sollte auch keine Vorlesung werden, für das neugierige Publikum. Nur eine kleine, private Assoziation. Die mir durch den Kopf schoss, als unsere Schirme auf dem Boden aufschlugen. Aber schön, wenn wir beim Bekanntmachen sind: Ich heiße Feldmann, Götz Feldmann. Und von Beruf bin ich Physiker.“
„Juristerei und Technik? Zwei weit auseinanderliegende Fachgebiete. Und - korrigieren Sie mich, wenn ich da falsch liege – ich habe das Gefühl, dass wir nur dann miteinander ins Gespräch kommen, wenn eine gerichtliche Auseinandersetzung droht. Keine Angst, ich will Sie jetzt nicht wegen der Schirme verklagen. Aber es ist wohl so: Im restlichen Teil des Lebens halten wir Abstand. Man geht sich aus dem Weg, will nichts voneinander wissen. Stimmt doch, mein lieber Feldmann, oder?“
„Ok, ok, ganz kurz, zur Klarstellung: Die Physik ist eine der Naturwissenschaften. Die Technik, die gehört zum Reich der Ingenieure. Schon bei den alten Griechen, da hat Prometheus den Menschen zwar die Weisheit und das Feuer zur selben Zeit gebracht, also, wenn man so will, Wissenschaft und Technik als erste Kulturgüter. Trotzdem bleiben dies getrennte Bereiche, mit einer unterschiedlichen Art, an Probleme heranzugehen. Aber, das sehen Sie wohl richtig, auch für uns Physiker gilt, dass wir lieber einen Bogen um die Justiz machen.“
„Interessanter Blickpunkt. Doch woher kommt diese Distanz?“
„Puh, woher? Gute Frage. Darüber habe ich nie nachgedacht. Wenn wir beim Mythos bleiben – da wurden Recht und Politik den Menschen erst später nachgeliefert. Von Hermes, überbracht als die Fähigkeit zur Scham und zum Regieren. Klar, für ein friedliches Zusammenleben ist so etwas wichtig. Doch wenn man es mit den kreativen Gaben des Prometheus vergleicht, dann sind das letzten Endes nur Einschränkungen, um nicht zu sagen, Fesseln des menschlichen Genius. Und so etwas soll man lieben? Wirklich?“
„Oh, oh! Ein hartes Urteil. Noch dazu von einem Nicht-Juristen. Aber was hat denn Scham mit unserer Justiz zu tun? Das passt doch eher in die Psychologie.“
„Wenn man sich schämt, dann hat man erkannt, dass etwas schlecht gewesen ist. Man besitzt die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Hat einen Sinn für Gerechtigkeit. Oder ist das heutzutage gar kein Kriterium mehr für Euch Juristen?“
„Guter Einwurf – Recht und Gerechtigkeit. Wie Sie schon sagten: Die Justiz dient primär dem geregelten Zusammenleben. Wenn Sie wollen, der Staatsraison. Nicht so sehr der Trennung von Gut und Böse. Zumindest im Strafrecht. Und im Zivilrecht – da liegt es oft in der Hand der Götter, wie ein Urteil ausfällt. Bei uns geht es weniger um richtig oder falsch, nicht um die ‚Wahrheit‘, sondern darum, ob etwas ‚juristisch vertretbar‘ ist. Dieser Umgang mit dem Nichtwissen, das ist das, was uns Juristen auszeichnet. Und im Gegensatz zu Ingenieuren haben wir auch keine Probleme mit fragwürdigen Lösungen, wenn man dadurch einen Konflikt beenden kann.“
„Jetzt wird es aber schwierig. Und etwas schwammig. Zumindest für einen Naturwissenschaftler. Doch zurück zum Thema. Und ernsthaft: Der Grund, warum wir so selten aufei-nandertreffen, liegt möglicherweise auch daran, dass sie unsunterschiedlich konditionieren. Bereits in der Ausbildung. Wie man Probleme anpackt, wie man Situationen einschätzt. Da gibt es zwischen Natur- und Rechtswissenschaften große Unterschiede. Das prägt. Und bei der Wahl des Studienfachs spielen sicher auch Veranlagung und Charakter eine wichtige Rolle.“
„Charakter? Guter oder schlechter? Wie verstehen Sie das? Sauber getrennt, als vernünftige Arbeitsteilung in der Gesellschaft?“
Ich muss lachen: „Ja, ja, könnte man sagen.“
„Apropos gute Arbeit – wohin ist denn die freundliche Dame verschwunden, die Ihnen den Wein brachte. Weg, verschwunden? Hat im Nebenzimmer interessantere Menschen getroffen, mit einem besseren Charakter. Überlässt uns hier dem Schicksal und erlaubt anderen, auf ihren Busen zu starren.“
Brecht richtet sich auf: „Hallo, Frau Wirtin! Wir möchten gerne noch etwas bestellen?“
Nichts rührt sich. Nur das ältere Paar neben der Tür mustert uns, nicht gerade freundlich. Dieser respektlose Lärm! Ist schließlich eine Friedhofs-Gaststätte!
„Ach, lassen Sie der Bedienung doch etwas Zeit. Wahrscheinlich war unser Palaver zu abstrakt. Wen interessieren die Unterschiede zwischen Juristerei und Technik? Mal abgesehen von der Charakterfrage. Schweinkram zieht natürlich immer!“
„Lieber Herr Feldmann, Sie sollten auch den attraktiven Damen Flexibilität zutrauen. Die interessiert doch sonst alles. Von Schuhen, über Handtaschen, bis zu den Affären in Königshäusern. Warum nicht wir?“
„Gut, akzeptiert. Wenngleich Ihre Bemerkungen wirklich ein wenig bösartig sind. Also rufen wir jetzt die Dame. Frauen sind nun mal ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wenn auch nicht immer der einfachste Teil.“
„So isses. Und bei Ihnen, diese Duldsamkeit, die zeugt von Ihrem guten Charakter. Doch zurück zum Anfangsgedanken, zur Technik – nicht die Technik der Liebe, sondern die einfache, mechanische, deren Grundzüge man sicher in zwei, drei Semestern lernen und begreifen kann. Sie scheinen sich damit auseinandergesetzt zu haben. Obwohl sie Naturwissenschaftler sind. Was ein Unterschied ist, wie ich gerade gelernt habe. Aber warum beschäftigen Sie sich mit geschichtlichen Themen? Zum Beispiel mit den Mythen der alten Griechen. Und dann auch noch mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technik. Und so weiter ...“
„Sie meinen wohl den Weg: ‚Vom Mythos zum Logos‘? Der Weg zum logischen Denken, als Grundlage von Philosophie und Naturwissenschaften, zwei damals noch vereinte Fächer. Deren Grenzbereiche mich reizen. Und dazu mein Interesse an der Geschichte, auch an der Technikgeschichte? Warum das alles?“
„Richtig, denn dies sind doch sehr disjunkte Gebiete, so wie ich das sehe? Die liegen weit auseinander.“
„Na, das ist unsere Herkunft. Speziell meine Herkunft, die Herkunft meiner Familie. Vom Großvater, über den Vater, zu mir. Und weiter zu meinen Kindern.“
„Das hatte, neben Naturwissenschaft und Philosophie, auch etwas mit Technik zu tun?“
„Ja doch, sehr viel. In meinem Kopf sind lauter Geschichten, die von Technik erzählen. Von der Entwicklung der Technik im Laufe der letzten Jahrzehnte. Und natürlich auch Geschichten von interessanten Frauen. Diesmal sind es dann aber meine eigenen Jahre. Und meine eigene Entwicklung. Nur habe ich das Problem, die Geschichten zu ordnen, sie in eine vernünftige Reihe zu bringen. Es ist etwas viel. Und ich bin zurzeit ein wenig außer Tritt. All die Gedanken und Eindrücke der letzten Tage. Der Tod meines Vaters, er ist vor einer Woche gestorben.“
„Oh, mein Beileid!“
„Danke. Danke. Aber auf den Tod, darauf war ich vorbereitet. Er kam nicht überraschend. Nur hat das viele Erinnerungen wachgerufen. Verschüttete Schätze, vergrabene Juwelen. Im Alltag vergessen, durch die nichtigen Probleme verdrängt. Mein Gott, so viel Ballast und Müll überall!“
Brecht lächelt, ein melancholisches Lächeln: „Gefangen im wirren Leben, mit seinen primären Bedürfnissen? Kenne ich, leider. Und man scheut sich, den ersten Schritt zu tun. Zu fragen, solange man es noch kann. Sich damit auseinanderzuset-zen. Diese elende Verdrängung. Zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge. Mir erging es ähnlich, mit meinem Vater. Spät erst ist mir klar geworden, was ich verpasst habe. Und spät, im Angesicht des Todes, da klappt die Verdrängung nicht mehr. Aber ich habe Sie unterbrochen. Erzählen Sie doch bitte weiter!“
„Ok, die eigentliche Geschichte, die beginnt im Jahr 1900, mit der Geburt meines Großvaters. Und es ist auch die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, des Jahrhunderts, in dem die Technik einen immer größeren öffentlichen Raum einnahm, vieles sich messen lassen musste an den Erfolgen der Technik. Es war das Jahrhundert der Ingenieure. Zumindest gehörten sie zu den kreativsten Berufsgruppen. Sie haben das Bild der Welt verändert, beherrschten lange die öffentliche Meinung, mit ihrem Fortschrittsglauben.“
„Wohl richtig, dass Ingenieure an vielem beteiligt waren. Und auch an vielem schuld. Aber am Ende sind es wir, die Juristen und die Wirtschaftswissenschaftler, die das Sagen haben. In Industrie und Politik.“
„Ist eigentlich seltsam, dieses Zurückweichen der Ingenieure.“
„Oder auch wieder nicht, lieber Herr Feldmann. Der typische Ingenieur, der scheint ja, zumindest nach meinem Eindruck, ein eher sachlicher Mensch zu sein. Einer, der rechtschaffen seiner Arbeit nachgeht, der sich nur auf Tatsachen stützt. Und der Distanz wahrt zu eloquenten Blendern, dielautstark ‚eleganten Unsinn’ von sich geben. Für den Ingenieur gilt wohl: Erst lange nachdenken, dann vielleicht reden.“
„Also doch eine Charakterfrage – Ihr, die schmierigen Juristen, gegen die sauberen, redlichen Ingenieure? Die nicht mogeln wollen.“
„Vielleicht können sie das auch gar nicht, das Mogeln? Oder, um es neutraler auszudrücken – vielleicht scheuen sie sich, etwas zu sagen, eine Meinung zu vertreten, wenn nicht zuvor alle Fakten klar und sauber auf dem Tisch liegen? Daher die geringe öffentliche Präsenz. Und dazu oft auch der Wunsch, nicht zu stark im Rampenlicht zu stehen. Oder fällt Ihnen auf Anhieb ein Film ein, in dem ein Ingenieur die Hauptrolle spielt?“
„Hm, warten Sie. Im Film nicht, aber im Roman, da gibt es doch zuweilen welche: Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, oder Hans Castorp im Zauberberg.“
„Alles dicke Bücher. Nicht viele Menschen haben die bis zum Schluss gelesen. Auch Ihre Ingenieure nicht. Außerdem spielt die Handlung bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als der Beruf des Ingenieurs neu war. Und noch etwas ist charakteristisch für diese Romane: Die Hauptpersonen üben ihren Beruf gar nicht aus, sind letztlich gescheitert. Diese Passivität scheint mir aber eher untypisch für Ingenieure, die aktiv an der Umgestaltung der Welt teilnehmen. Doch, vielleicht öffnet gerade dieses Scheitern das Tor zu einer umfassenderen Wahrnehmung.“
„Sie meinen, man muss erst krank werden, sich in ein Sanatorium einweisen lassen, um Themen interessant zu finden, die jenseits des eigentlichen Ingenieur-Kanons liegen?“
„Nein, nein, jetzt übertreiben Sie. So weit will ich nicht gehen! Wobei eine Ruhepause schon zu neuen Ideen verhelfen kann.“
„War auch nicht ernst gemeint, von mir. Aber ich glaube, das hat mehr mit den vorgegebenen Strukturen zu tun. Und mit den Einflussmöglichkeiten. Betrachten Sie beispielsweise dieunterschiedliche Entwicklung in Ost- und West-Deutschland. In der ehemaligen DDR waren viel mehr Ingenieure in hohen politischen Ämtern. Der Ingenieur war wichtig. Betriebswirtschaftliche Aspekte spielten eine geringere Rolle. Eine andere Frontstellung gab es übrigens in Musils Roman. Dort steht irgendwo, dass die Gotteswissenschaften durch die Nationalökonomie und die Physik verdrängt werden. Dass also die praktisch angewandten Ideen die Oberhand gewinnen. Aber das wird eine längere Geschichte.“
„Oh, schon nach zwölf Uhr. Ich muss leider los. Wo bleibt die Zeit? Zeit für Ideen oder Anwendungen. Aber es war ein fesselndes Gespräch. Wollen wir es nicht fortsetzen, ein anderes Mal? Dann, lieber Herr Feldmann, dann erzählen Sie mir mehr über Ihren Vater. Unsere Herkunft, das bleibt immer ein spannendes Thema. Wo kommen wir her? Durch was wurden wir geprägt? Und heute, welche Bedeutung hat das alles noch? Was wirkt nach? Wir sollten uns Zeit nehmen für diese Fragen.“
Die beiden Ochsen, sie gaben sich alle Mühe, den Wagen zu ziehen. Voll beladen mit Heu von der Mainwiese, für die Viecher zu Hause. Und mit Holz zum Feuermachen aus dem kleinen Waldstück, ein Erbteil der Frau. Jetzt noch über die Bahnschienen, dann hatten sie es geschafft.
Vor ein paar Jahren waren die Gleise gelegt worden. Zum Abbau der Braunkohle. Im Tagebau, durch den inzwischen immer mehr Burschen im Dorf Arbeit hatten. Keine leichte Sache, auch nicht ungefährlich. Doch solange man arbeiten konnte, und die Zeche nicht ab-soff. Hier unten war der Main schon recht breit, drückte mit seinem Wasser. Und der sandige Grund hielt dem nicht immer stand.
Es war kein einfaches Leben. Dazu kam die Schwindsucht. Die Ärzte in der Stadt, die nannten es TBC. Schon seit zwanzig Jahren hatten sie diese Krankheit im Dorf. Hinten, an der Bergwerksgasse, bei den Armenhäusern und den Baracken für die Arbeiter, da hatte es angefangen. Dort hörte man zum ersten Mal das rotzige Husten. Und fast jedes Jahr waren ein paar gestorben. Es erwischte Arme und Alte. Manchmal auch Kinder. Die armen Kleinen, die hatten noch zu wenig Kraft. Aber zum Glück, die eigene Familie war verschont geblieben. Die Mutter, die passte schon auf: Keiner von euch Kindern geht mir hin zu den Kranken! Weg von denen! Sonst setzt es Schläge!
Es müsste mehr Häuser geben, für die Kranken. Am besten in Lungenheilstätten, weit weg vom Dorf. Niemand sollte sich hier noch anstecken!
„Peter, Peter! Mach schnell!“ Eine junge Frau lief auf das Fuhr-werk zu, wild gestikulierend und vollkommen außer Atem. Der Mann bei den Tieren blieb stehen.
„Ein Bub! Es ist ein Bub! Die Josephine hat einen Buben bekommen!“
Peter lächelte. Noch ein Kind. Nummer fünf. Sie würden auch dieses satt bekommen. Der Boden alleine ernährte seine Leute zwar nicht mehr. Viele Männer arbeiteten darum in der Zeche, zusätzlich. Und die Frauen gingen in Stellung, wie zum Beispiel das Gretele, das in Hanau beim Juden eine Arbeit gefunden hatte. Gute Arbeit, obwohl die Herrschaften manchmal streng waren. Und gutes Geld. Ein Teil davon wurde für die Aussteuer zurückgelegt.
Die letzten Tage aber war sie zu Hause geblieben, bei seiner Frau Josephine. Wenn ein Kind kommt, dann halten die Weiber im Dorf zusammen. Er, der Peter, der Mann, der konnte bei dieser Sache sowieso nicht helfen. Am Morgen war er deshalb rausgefahren, aufs Feld. Das machte er jetzt nur noch neben der richtigen Arbeit. Früher hatte er Grumbirn angepflanzt. Es später mit Linsen versucht. Auch Welschkorn und Kappes. Aber der Sandboden brachte nicht genug Ertrag. Sein Vater, der Franz, der hatte ebenfalls nicht allein von der Landwirtschaft gelebt. Hatte nebenher Lumpen gesammelt. Und Knochen, von den alten Schlachtfeldern. Bis nach Bad Orb war er gelaufen. Hat aus den Knochen Knöpfe gemacht. Wurde ein richtiger kleiner Fabrikant mit ein paar Angestellten. Seinen ‚Bolandi‘, wie er es nannte. Und die Familie konnte gut davon leben.
Aber für ihn, seinen Sohn, war das nichts. Das Sammeln von Lumpen und Knochen? Knochen aus all den Kriegen, die hier ihre Opfer gefordert hatten. Nein, das nicht! Als die Bahn Arbeiter suchte, im Ausbesserungswerk Frankfurt, hatte er sich gemeldet, wurde Schlosser und Schmied. Es war zwar eine lange Fahrt, jeden Tag. Doch eine gute und sichere Arbeit, die regelmäßig Geld brachte.
Und jetzt noch einen weiteren Buben? Geboren im Jahr 1900. Er soll Wilhelm heißen, wie der Kaiser, der Deutschland regiert. Auch wenn das ein Preuße ist, weit weg in Berlin. Kaiser Wilhelm derZweite, Herrscher über das Deutsche Reich. Sie waren jetzt ein mächtiges, vereintes Reich. Und seit dem Krieg gegen die Franzosen, 70/71, bestimmten die Preußen die große Politik. Auch hier, im äußersten Nordwesten des Königreichs Bayern.
Ach Gott, diese Gegend hatte schon so viele Herrschaften gesehen. Angefangen mit den Römern, für die der Main die Grenze ihres Reiches bildete. Der Limes. In der Völkerwanderungszeit die Alemannen, von denen der Vater auf dem Feld die Scherben gefunden hatte, die man jetzt im Museum anschauen kann. Danach wurden sie Teil der fränkischen Ostprovinz, verwaltet von Einhard, dem Biografen Karls des Großen. Drüben in Seligenstadt, auf der anderen Seite des Mains, hatte er die Basilika gebaut. Und später regierten die Mainzer Kurfürsten und Erzbischöfe. Für einige Zeit, bis Napoleon kam.
Das alles hatte ihnen der Herr Lehrer erzählt, dessen Großvater sich noch gut an die Franzosenzeit erinnern konnte.
Napoleon zerriss das Mainzer Gebiet und schenkte die Gegend hier den Bayern. Die durften das Land behalten, auch nach den Befrei-ungskriegen. Noch rechtzeitig hatten sie die Fronten gewechselt und gehörten zu den Siegern. Sieger, die belohnt werden mussten.
Bayern, das waren sie jetzt. Auf Anordnung von oben. Aber alles kein Grund, sich selbst als Bayer zu fühlen. Bayern, das war weit, weit weg. Irgendwo im Südosten. Das waren andere Menschen. Alleine schon die Sprache!
Was sollten sie denn mit Bayern? Die wichtigen Städte, die lagen im Westen, wie Frankfurt. Wo er selbst eine Arbeit gefunden hatte. Frankfurt, früher mal freie Reichsstadt, seit dem 66er-Krieg Teil von Hessen-Nassau. Dort war alles im Aufbruch, dort gab es Arbeit, dort entstand eine neue Zeit. Auch Wilhelm, der Bub, der würde später sicher dort Arbeit finden. Geboren im Jahr 1900, zu Beginn des neuen Jahrhunderts, von dem alle sagten, dass es großartig werden sollte.
Wenn der Bub nur gesund blieb. Die Mutter musste aufpassen.
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„Aber hallo, mein lieber Feldmann! Das ist amüsant und klingt so, als wären Sie selbst dabei gewesen. Eine hübscheGeschichte. Wohl über die Geburt ihres Großvaters, wenn ich das recht einschätze. Ein Bericht aus einer früheren Welt, wo alles angenehm langsam war. Sehr sympathisch. Wäre auch etwas für mich. Keine Hektik, wenig Stress, wenig Lärm. Die Ochsen vor dem Wagen, die sind dafür ein treffliches Symbol. Aber, Hand aufs Herz, eine Frage bleibt, trotz der schönen Erzählung: Hat sich das alles wirklich so zugetragen?“
Draußen schneit es, die Fenster sind beschlagen. Keine klare Sicht. Aber wenigstens hier drinnen ist es warm. Winterzeit, Zeit für Geschichten. Alte Geschichten, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe.
„Ach, wissen Sie, lieber Brecht! Es ist über hundert Jahre her. Sehr viel Zeit liegt dazwischen. Und, das ist auch klar – Familiengeschichten, die werden mündlich überliefert. Jeder schmückt sie ein wenig aus, erfindet etwas dazu oder ändert sie ab, wenn es besser ins Bild passt. Deshalb mag das eine oder andere inkonsistent sein. Auch unwahr, wenn sie es streng juristisch sehen. Das ist jedoch das Schicksal aller Mythen. Nehmen Sie das Neue Testament, mit seinen vier Evangelisten: Die sind sich auch nicht immer einig. Bis auf die Teile, die sie voneinander abgeschrieben haben.“
Brecht muss lachen: „Ein etwas gewagter Vergleich. Aber bleiben wir ruhig dabei: Wer ist denn Ihr Matthäus? Wer war der erste?“
„Gute Frage – sowohl bei der Familie Feldmann als auch im Christentum. Wobei, bei uns, bei uns ist diese Sache etwas weniger nebulös, da wir den Großvater noch persönlich erleben konnten. Und er uns einige der Geschichten selbst erzählt hat. Aber ob er immer bei der Wahrheit geblieben ist? Tscha, er hat gerne erzählt. Und manchmal sicher geflunkert.“
Ich freue mich, Brecht zu sehen. Ein netter Kerl. Seine Anwesenheit inspiriert mich. Er reißt mich heraus aus dem alltäglichen Trott, lenkt den Blick auf Fundamentales, auf das Leben meiner Vorfahren: „Mein Gott, was bedeutet das: objektiveWahrheit? Eine knifflige Frage. Die Geschichten, die kenne ich seit meiner Kindheit. Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, was mir irgendwann einmal original so berichtet wurde oder was sich mein Kopf selbst dazu gedacht hat. Manche Details, besonders die pikanteren, die hat man auch verklausuliert erzählt. Zum schmunzelnden Lächeln der Eingeweihten, deren Zahl im Laufe der Zeit aber immer kleiner wurde.“
„Ja, ja, das kenne ich. Wie bei unseren Familientreffen, früher. Da saßen die Onkel im Nebenzimmer, bei einer Zigarre und einem Glas Cognac, und zogen mit den alten Geschichten vom Leder. Wir Kinder, wir waren unerwünscht, wenn die Erwachsenen Wichtiges zu besprechen hatten. Meine Güte, was hat sich alles verändert!“
„Diese obskuren Treffen, die gab es damals wohl in jeder Familie. Aber dort, dort habe ich sehr wenig über meine Familie erfahren. Ich musste selbst aktiv werden. Ab einem gewissen Alter begann ich, nach meinen Vorfahren zu forschen. Habe in zahlreichen Dokumenten geschnüffelt, zum Beispiel in der Dorfchronik meines Großvaters. Und ich befragte Menschen, die sich an meine Familie erinnern konnten. Doch bereits da gab es größere Unterschiede, je nachdem ob man die Linie des Großvaters oder die der Großmutter anhörte.“
„Die Wahrheitssuche. Tscha, lieber Feldmann, die Menschen wollen immer und überall die Wahrheit finden. Aber für uns Juristen ist diese Frage oft zweitrangig. Doch das haben wir bereits erörtert.“
„Nun ja, vielleicht liegt die Wahrheit zwischen all den Geschichten.“
„Apropos Geschichten – dieser jüdische Salon, den Sie für unser Treffen ausgesucht haben, der passt vorzüglich zu alten Erzählungen. Das ist meine Welt. Eine Welt voller Melancholie und Charme. Fast wie früher. Das Kaffeehaus mit angeschlossener Buchhandlung. Ein würdevoller Ort, gewidmet dem Geist und dem niveauvollen Gespräch.“
„Für gute Gespräche und vieles andere mehr, mein lieber Brecht. Denn die Speisen hier, die sind auch nicht zu verachten. Mit Einflüssen aus vielen Ländern, wo Juden eine Heimat gefunden haben – vom amerikanischen Bagel, über die Mezze aus dem Nahen Osten, bis zum Borschtsch der neuen Zuwanderer aus Russland.“
„Und, schauen Sie mal, noch etwas ist sehr anregend: die Promenade der schönen Frauen. Sie müssen zugeben – es gibt hier verhältnismäßig viele attraktive und stilvolle Damen.“
Ist mir noch nicht aufgefallen. So sehr war ich in die Geschichte des Großvaters vertieft. Doch mein Gegenüber hat recht, wie ein kurzer Rundblick lehrt: „Welche Variante bevorzugen Sie denn, wenn wir schon beim Thema sind: Die feurigen, grazilen Sefarden? Wie da drüben, rechts hinter dem Tresen? Südliche Sonne in unserem kühlen Norden?“
„Ich habe auch nichts gegen slawische Busen, beispielsweise bei der jungen, süßen Dame links von uns. Stolze Haltung, keckes Auftreten und dazu die weichen Formen. Heimelig und trotzdem aufreizend erotisch – die jiddische Mamme und Mütterchen Russland vereint.“
Wieder dieser Macho-Gestus. Eigentlich habe ich eine Abneigung gegen dieses Gehabe. Doch kommt das bei mir aus einem eigenen, inneren Antrieb? Oder aus der Konditionierung? Weil ich erfahren habe, dass man damit in der heutigen Zeit keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, zumindest nicht beim weiblichen Geschlecht.
Trotzdem, mein Kumpan hat recht, rein anatomisch betrachtet: „Ok, ich bin einverstanden mit Ihrer Wahl.“
Brecht lässt den Blick noch einmal schweifen, mustert das Café und speziell die Damenwelt: „Erinnert mich an meine Kindheit. Geboren bin ich nämlich in Breslau, damals Hauptstadt des NS-Gaus Nieder- und Mittelschlesien. Heute buchstabiert man den Namen Wroclaw. Die Stadt war lange Zeitgeistiges Zentrum, für Polen und Deutsche. Auch Lessing lebte dort ein paar Jahre.“
„Um dann, genau wie Sie, zu uns zu kommen. Ach, Lessing und die Toleranz. Ohne sie wäre ein normales Leben nicht möglich gewesen, in dieser Grenzregion. Wo sich über Jahrhunderte Kulturen und Völker vermischt haben. Slawen, Deutsche, Juden, Roma.“
„Und weiter, von meinem Breslau bis nach Czernowitz in der Bukowina, der Geburtsstadt von Paul Celan, Gregor von Rezzori und anderen. Nicht zu vergessen Tevje, den jiddisch singenden Milchmann mit den unverheirateten Töchtern. Aus dem Schtetl. Noch ein gutes Stück nach Osten, jenseits der Grenzen der k. u. k.-Monarchie.“
„Stopp! Kommen wir zurück in den Westen“, unterbreche ich ihn. „Die nette Dame, hier rechts, möchte anscheinend unsere geheimen Wünsche ergründen: Ich nehme eine Portion Hummus und ein Glas Riesling. Wenn es um Weißwein geht, da bleibe ich auch mal in Deutschland.“
„Und für mich bitte ein Kännchen Kaffee und etwas von dem Apfelstrudel, der uns da vorne anlacht.“
Die Frau notiert die Bestellung, mit einem freundlichen Lächeln. Steckt den Zettel in die Brusttasche und schwebt zurück zum Tresen.
„Die Anmut in Person. Stammt augenscheinlich ebenfalls aus meinem Osten“, bemerkt Brecht. „Schöne Frauen und schlaue Köpfe. Diese Gegend hatte wirklich viel zu bieten. Trotz der materiellen Armut und trotz aller Gefahren. Welch ein kreatives Gemenge, für eine lange Zeit.“
„Perdu! Unsere perversen Verbrecher, mit ihrer deutschen Gründlichkeit. Die haben zwar nur wenige Jahre gewütet, drüben im Osten und hier im Inneren ihres größenwahnsinnigen Reichs. Aber sie haben alles vernichtet. Ein für alle Mal.“
„Schrecklich! Und ungeheuer traurig! Eine brutale Zäsur. Der Verlust von Millionen von Menschen und mit ihnen der Verlust der Kultur.“
Endlich mal ein ernsthaftes Thema. Eines, das sich nicht primär um Frauen dreht. Und ein schwieriges Gebiet, besonders für jemanden, der in Deutschland geboren ist. Hat man da überhaupt das Recht, darüber zu diskutieren?
Es läuft so oft auf eine Entschuldigung hinaus: „Die Schoa – eine Wunde, die bleibt. Auch für uns Gojim, die wir christlich getauft sind. Man hat uns amputiert.“
„Wir haben uns selbst amputiert, lieber Feldmann. Das sollte man nicht vergessen!“
„Sie haben recht, Sie haben recht! Hier, bei diesem Stoff, da gibt es zu viele Abgründe. Ist nichts für eine locker-ironische Plauderei. Doch sprechen wir lieber von angenehmeren Zeiten. Da kommt auch unser Essen.“
„Hm, mein Lieber. Das sieht lecker aus.“
Ich rühre das Olivenöl unter die Paste, zerteile etwas Brot: „Möchten Sie mal probieren?“
„Nein, danke. Ich habe an dem Kuchen genug. Außerdem bin ich Vegetarier.“
Köstlich, der Hummus, und nicht zu vergleichen mit dem Zeug, das man manchmal im Supermarkt findet.
„Lieber Herr Brecht, auch wenn die Konsistenz ein wenig an Labskaus erinnert – da ist kein Fisch drin. Nur Kichererbsen, Tahina, Knoblauch, Zitrone und Öl. Und noch etwas Paprika und Kreuzkümmel.“
„Äh, Kreuzkümmel? Nein, ich mag wirklich nicht.“
„Gut, dann eben nicht. Kommen wir zurück zu meinem Großvater. Als der geboren wurde, gab es noch das Wilhelmi-nische Kaiserreich. Die Aufbruchsstimmung nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 70/71. Der Beginn eines neuen Jahrhunderts. Muss eine optimistische Zeit gewesen sein.“
„Wenn ich an Ihre Geschichte denke, lieber Feldmann, war früher vieles einfacher. Und im Umgang mit den Hausmädchen, wie Ihrem Gretele, darin dürften sich die großbürgerlichen, jüdischen Familien nicht sehr von ihren arischen Nachbarn unterschieden haben.“
„Dabei glichen sich die ‚Herrschaften‘ sicher. In den Erzählungen meiner Großeltern tauchten oft Juden auf. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war der Umgang mit ihnen noch selbstverständlich. Man lieh sich Geld beim ‚Juden’, wenn man eine größere Anschaffung plante. Man machte Geschäfte mit ihnen etc.“
„Eine ruhige und friedliche Zeit.“
„Aber das Unheil kündigte sich bereits an. Die Herren Treit-schke und Stöcker, die hatten die Juden längst als ‚unser Unglück’ ausgemacht. Der Antisemitismus wurde populär.“
„Angst vor dem Neuen? Die reaktionäre Wende, ein Gegenentwurf zum Liberalismus und Kapitalismus."
„Heutzutage käme die Globalisierung dazu."
„Na, für gewisse Kreise sind die Juden an all dem schuld. Schon immer gewesen und immer noch. Als Finanziers der Moderne und der damit verbundenen Umwälzungen. Die geborenen Finstermänner mit üblen Plänen. Dazu die Judenhetze aus christlich-sozialreformerischen Motiven. Eine eher linke Kritik. Neben der manifesten aus dem rechten Lager.“
„Leider blieb das nicht die einzige judenfeindliche Äußerung, die die Linke zu verantworten hat. Trotz des Diktums von Bebel, der Antisemitismus sei der ‚Sozialismus des dummen Kerls’. Denn letztlich sind die Juden natürliche Verbündete, wenn es um die Verteidigung der Zivilisation geht. Wirklich eine Schande! Und eine Beleidigung der Gründerväter.“
Brecht muss lachen: „Jetzt sind wir aber weit abgeschweift von Ihrem Thema. Und alles wegen ein paar entzückender, slawischer Busen. Sie sehen – nicht nur Grenzregionen regen zum Denken an.“
„Schön, wie Sie das sehen! Das Thema Juden ist überaus faszinierend. Und ich, um ehrlich zu sein, ich beschäftige mich damit viel lieber im Kontext des Kaiser-Reichs, als mein Opa noch ein Kind war. Später, in der Nazi-Zeit, wird es nur unendlich traurig und trostlos.“
„Apropos, Ihr Nachname ‚Feldmann‘, der klingt jüdisch. Haben Sie selbst semitisches Blut in sich?“
„Wahrscheinlich nicht, zumindest nicht nach dem Arier-nachweis, den mein Großvater im Dritten Reich vorlegen musste. Aber wer weiß? Möglicherweise bedeutet aber ‚Feldmann‘ auch nichts anderes als Bauer. Moment, mein Telefon meldet sich. Entschuldigen Sie bitte.“
Ich drehe mich zur Seite: „Na, mein Großer, was ist denn los? Weshalb rufst du an?“
Wieder einmal wegen der Schule. Mein Sohn erklärt, vollkommen aufgeregt und durcheinander, die Schule sei Scheiße. Seine Mama kapiere das nicht. Und der Klassenlehrer, dieser ‚dreckige Jude‘, der möchte mich ganz dringend sprechen. Ich solle sofort vorbeikommen.
Diese dumme, antisemitische Wortwahl. Aber es hat keinen Sinn, meinen Sohn jetzt damit zu konfrontieren. Er ist sowieso nicht aufnahmefähig. Und mit der Kritik an seinem Lehrer, da mag er zum Teil recht haben. Mit diesem bornierten, blonden Norddeutschen wurde ich nie warm. Zudem erinnert er mich an die arischen, monumentalen Modelle von Arno Breker und Leni Riefenstahl.
Doch, trotz aller verständlichen Wut – es tut weh, das Wort ‚Jude‘ als Schimpfwort zu hören. Vom eigenen Kind. Trotz permanenter Ermahnungen. Oder vielleicht gerade deswegen?
Es läuft so vieles falsch!
Meine Haut juckt. Schon seit der Beerdigung des Vaters. Und es wird schlimmer. Besonders an den Schläfen, im Bereich der Augen. Dabei kann ich mich nicht erinnern, am Sarg geheult zu haben. Nein, damals war ich nicht in Trauer. Eher inTrance. Weit weg, in meinen Erinnerungen. Im Gedenken an all das, was ich mit meinem Papa erlebt hatte. Ein Bedauern – ja. Dass es nicht mehr hatte werden können. Aber keine Trauer. Nichts, was zu Tränen rührt.
Und das mit der Haut, das begann erst auf der Rückfahrt, im Zug. Als ich langsam wieder zu mir kam. Das dauert jetzt schon eine ganze Weile. Seit damals, im Herbst. Und im Winter, bei der trockenen Luft in den geheizten Räumen, im Winter wird das mit der Haut sowieso nicht besser. Ich sollte mehr nach draußen gehen, ins Freie, in die Sonne. Doch wann finde ich dazu Zeit? Der letzte Spaziergang, der war auf dem Friedhof, wo ich Brecht begegnet bin.
Brecht, der sitzt noch immer neben mir. Blickt etwas verwirrt. Hat dem Telefonat interessiert zuhört. Und schaut fragend zu mir herüber.
Wenigstens in groben Zügen sollte ich ihn in Kenntnis setzen: „Mein Guter, ich muss aufbrechen. Krisensitzung, mit der Familie. Weiß Gott, nicht das erste Mal! Manchmal frage ich mich: Wie kommen die Kinder auf die Idee, dass man als Vater immer gleich eine Lösung hat, eine Lösung für alle Probleme? Zack und los gehts! Immer sofort einsatzbereit. Ach, viel lieber würde ich hier bei Ihnen bleiben. In Ruhe ein Glas Wein trinken, ein wenig plaudern. Entspannt von alten Zeiten erzählen. Aber leider, leider geht es nicht. Familie, manchmal kann das sehr nervig sein!“
„Tscha, unendlich schade! Es war gerade so anregend. Aber klar, die Familie und speziell die Kiddies, die gehen vor. Für heute werden wir unser Gespräch wohl beenden müssen. Aber wir sehen uns hoffentlich bald wieder? Ja?“
„Doch, doch, das sollten wir machen. Die Gespräche mit Ihnen tun mir gut, auch als Erinnerung an meinen Vater. Ach so, bevor ich es vergesse – nach unserem letzten Treffen, da hatten Sie Ihren Schirm stehen lassen, im Café. Ich habe mir erlaubt, ihn mitzunehmen. Doch jetzt, jetzt habe ich nicht darangedacht, ihn einzupacken, als ich aus dem Haus gegangen bin. Immer diese Hektik! Dies noch und das noch. Doch die wirklich wichtigen Sachen, die vergisst man.“
„Gar nicht schlimm. Außerdem ist es ein vernünftiger Grund, dass wir uns bald wieder verabreden. Bei diesem Wetter ...“
„Ja, ja, ganz sicher. Das machen wir. Und dann, dann haben wir hoffentlich mehr Ruhe. Diese Probleme mit den Kindern, besonders diese schrecklichen Anrufe aus der Schule, all der ekelhafte Kram – in letzter Zeit nimmt das wirklich überhand.“
„Der Wilhelm, der wars! Der kleine Bankert. Da hinten. Der hat den Spion zerschossen. Ich hab’s genau gesehen, Herr Lehrer.“
Emma stand aufrecht, neben ihrem Pult. Die Schürze glatt gestrichen, die Arme in die Seiten gestemmt. Eine Haltung, die sie den Erwachsenen abgeschaut hatte. Zu Beginn der Schule, gleich nach dem gemeinsamen Gebet, da hatte sie sich gemeldet. Stolz darauf, helfen zu können. Berichten zu können von dem, was sie in Erfahrung gebracht hatte. Berichte über die Untaten im Dorf. Verbrochen von den kleinen, frechen Rotznasen, die in der Klasse ganz vorne sitzen mussten, vorne in der ersten Reihe.
Dort saß sie längst nicht mehr, sie war eine von den Großen. Zwei Jahre älter als der Wilhelm. Schon eine junge Dame. Jemand, die wusste, was Recht und Unrecht ist.
Doch ob groß oder klein, in der Schule waren sie alle zusammen. In einem einzigen Klassenzimmer, Buben rechts und Mädchen links, getrennt durch den Gang in der Mitte. Vorne, vor der Tafel und dem Kreuz mit unserem Herrn, drei Stufen höher auf einem Podest, stand der Katheder, der Platz des Lehrers.
Der Herr Lehrer, in seinem schwarzen, etwas abgewetzten Rock, hatte sich nach dem Gebet bereits gesetzt. Majestätisch und streng blickte er nach unten. Diese unruhige Masse. Was war denn nun schon wieder los?
Der Rohrstock in seiner Hand, er klackte mehrfach auf Holz. Da hinten, das kleine Mädchen, was erzählte sie?
Hörbar schnappte der Mann nach Luft. Mucksmäuschenstill war es. Für einen Moment. Alle Schüler starrten gebannt nach vorne. Sie sahen, wie das Gesicht des Lehrers sich verfärbte, rote Flecken bekam. Erst auf der Stirn, dann an den Backen. Der Rohrstock zuckte schneller. Klack, klack.
Plötzlich Stille. Und dann sprang er auf. Seine Stimme explodierte: „Wilhelm! Du kleiner Freckling! Komm sofort her! Aber ganz schnell! Jetzt wirst du was erleben.“
Hier, am Unterlauf, machte der Main einen großen Bogen. Nach rechts. Umarmte das Dorf, in dessen Mitte sich die wichtigsten Gebäude befanden: Schule, Kirche und die Wirtschaft, der Jäsch. Alle diese Häuser lagen direkt nebeneinander. An der Hauptstraße, die den Fluss in gut hundert Metern Abstand begleitete. Im Dorf gab es noch ein paar weitere, kleinere Gässchen, hinunter zum Wasser, angelegt zum Tränken der Tiere.
Wilhelms Elternhaus befand sich in der Gasse vor der Kirche. Was aber nicht bedeutete, dass ihn der Pfarrer sehr schätzte. Nein, mit seinen neun Jahren zählte Peters Sohn zu den Rabauken, die der Kirche und der Schule den Erziehungsauftrag erschwerten. Und in der Sonntagsschule, beim Fach Christenlehre, da war der kleine Gischbel nie bei der Sache.
Ganz anders Emma, aus der Nachbargasse. Liebling des Pfarrers, der die jungen, aufblühenden Mädchen gerne um sich scharte. Wie auch der Schullehrer, der die älteren, wohlerzogenen Schülerinnen zur Mithilfe angeleitet hatte. Hilfe, die er wirklich brauchte, gegen diese Masse kleiner, wilder Buben.
Der Lehrer hatte einen Spiegel angebracht, außen am Fenster des Schulhauses, in dem er auch wohnte. So konnte er unbemerkt neben der Gardine sitzen und die Straße überwachen. Kontrollieren, was seine Schüler trieben. Auch nach dem Unterricht. Dieser ‚Spion’ hatte die Kinder schon lange geärgert. Bis eines Tages Wilhelm sich der Sache annahm und ihn mit seiner Schleuder abschoss.
Dummerweise hatte Emma dies gesehen.
Der Stock des Lehrers tat weh, sehr weh. Wilhelm biss die Zähne zusammen. Dachte voller Wut an Emma, die ihn verpetzt hatte.
Dieses Oos! Warum nur machte die das? Kennt überhaupt keinen Spaß. Plappert nach, was die Alten ihr vorsetzen. Warum ist die so blöd? Stellt sich so an? Dabei ist sie gerade mal zwei Jahre vor ihm geboren.
Wilhelm verstand das Mädchen nicht. So eine Gans! Wäre sie ein Junge gewesen, gleich nach der Schule hätte er ihn verdroschen.
Es war die Lukasse Käth, die diese Aufgabe übernahm. Genauso alt wie Emma und aus derselben Gasse. Noch am Nachmittag passte sie die Verräterin ab. Auf der Mainwiese, vor der gesamten Klasse, da setzte es Prügel. Und das nicht zu knapp. Eine Lehre sollte das sein, eine Lehre für den Rest ihres Lebens. Etwas, das Emma nie vergessen sollte. Etwas, das ihr auch lange noch präsent blieb. Dieser Aufstand gegen die Ordnung. Die gute, vorgegebene Ordnung, von Emma vehement verteidigt. Eine richtige Ordnung. Etwas, an das sie glaubte.
