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Angst, das ist das Problem des KI-Entwicklers Erik, der sein Leben vollkommen kontrollieren möchte, wie seine Computer im Büro - was ihm jedoch im Laufe eines Urlaubs an der Ostsee immer weniger gelingt.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Angst, das ist das Problem des KI-Entwicklers Erik, der sein Leben vollkommen kontrollieren möchte, wie seine Computer im Büro - was ihm jedoch im Laufe eines Urlaubs an der Ostsee immer weniger gelingt.
Ulrich Stein, geboren 1954, ist Physiker und lebt seit 2019 in Lübeck. ‚Künstliche Angst‘ ist sein dritter Roman, entstanden in den Jahren 2023-2024 und 2025 letztmalig redigiert. Zusatzinformationen, auch zu weiteren Buchprojekten, finden Sie im Internet unter www.stein-ulrich.de/belletristrik/.
INHALT
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Oh Mann, mein Kopf! Ich muss verrückt gewesen sein. Und blöde. Ziemlich blöde. Wieso habe ich gestern so viel gesoffen?
Draußen ist es schon hell. Und recht laut. Viel zu laut für meinen jetzigen Zustand. Es fällt mir schwer, die Augen zu öffnen. Alles drückt auf den Schädel. Der Hals ist ausgetrocknet. Er kratzt. Ein unangenehmes Gefühl. Neben dem Bett sollte eine Flasche mit Mineralwasser stehen.
Wo ist die nur? Rechts oder links?
Ach, da ist sie. Vorsicht, nicht nach unten bücken! Mein armer Kopf! Immer schön langsam. Keine schnellen Bewegungen!
Das tut gut! Noch einen Schluck!
Was sagt denn der Wecker? Wie viel Uhr ist es? Mein Gott, schon Nachmittag. Nein, nein, so war das nicht gedacht. Wir wollten heute einiges erledigen. Das war der Plan. Es ist einer unserer letzten Tage. Den wollten wir nutzen.
Doch jetzt das hier, diese Katastrophe! Was ist gestern überhaupt passiert?
Ruhig! Halte den Kopf ruhig und versuche, dich zu erinnern! Denke nach! Was war eigentlich los?
Gute Frage. Dumme Frage. Mir fehlt da etwas. Langsam!
Fangen wir der Reihe nach an. Was weißt du noch? Ok, ich war genervt, ziemlich genervt. Genervt von meiner Mutter. Ich bin kein kleines Kind mehr!
Also, es war am frühen Abend. Es begann alles am frühen Abend. Das weiß ich genau. So weit funktioniert mein Gedächtnis.
Und dann?
Dann bin ich abgehauen. Bin mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Kreuz und quer. Auf der Suche nach einer ordentlichen Kneipe. Nicht so ein liebloser Touristen-Imbiss, wie er hier an jeder Ecke am Strand steht. Nein, ich wollte etwas Vernünftiges. Und irgendwann habe ich in einem der Nachbardörfer gestoppt. Ja, genau so war es. Alles korrekt abgespeichert im Kopf. Dazu noch keinerlei Verluste, hier oben.
Ich habe mein Auto im Zentrum geparkt, weil ich Hunger verspürte. Denn dort gab es etwas, das mich interessierte: ein Fischrestaurant, in einem schiefen, alten Fachwerkhaus. An all das entsinne ich mich gut. Auch an das Essen, das vorzüglich schmeckte. Ein Teller mit paniertem Fisch, mehrere Sorten. Und dazu ein Glas Weißwein. Nur ein einziges Glas, mehr nicht. ‚White wine with the fish‘, wenn wir schon beim ‚Dinner For One‘ sind.
Nach dem Essen bin ich weiter gezogen. Strandete schließlich in einer Bar, in einer Art Seeräuberhöhle. Mit Rettungsringen an der Wand und Totenkopfflaggen. Und sonstigem maritimem Schnickschnack, samt dem obligatorischen Leuchtturm aus Gips. Oben blinkte ein kleines, rotes Lämpchen.
Komisch, daran kann ich mich erinnern. Nicht an den Namen dieser Kneipe, aber an das rote Licht an der Spitze des Leuchtturms. Ein schrecklich kitschiges Ding.
Aber wieso auch nicht? Wir befinden uns schließlich auf einer Insel. Auf einer richtigen Ostseeinsel. Da passt das schon. Irgendwie.
In der Bar gab es dann die härteren Sachen. Rum, Korn und Sonstiges. Direkt vor mir, denn ich saß an der Theke, an der Alkoholquelle. Und der Stoff, der floss reichlich. Aber den brauchte ich. Ja, doch! Das war nötig!
Ich musste zur Ruhe kommen. Nach all dem Stress der letzten Tage. Ich hatte mich die gesamte Zeit extrem zurückgehalten. Wollte auf jeden Fall die Kontrolle behalten. Ein Leben ohne Kontrolle, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Deshalb habe ich meiner Mutter nicht widersprochen. Ich bin vorsichtig gewesen. Wenn ich eine andere Meinung hatte, schluckte ich die Antwort hinunter, des lieben Friedens willen. Es kam mir vor wie in der Kindheit. Wo ich nie den Mut besaß, mit lauter Stimme eine Sache zu fordern. Ich war ein sehr ruhiges Kind, damals.
Ok, das ist lange her. Inzwischen bin ich über fünfzig. In der Mitte des Lebens, wie man so sagt. Möglicherweise ein Stück darüber hinaus.
Nein, ich bin kein Kind mehr, sondern ein gestandener Mann! Niemand, der noch Erziehung braucht.
Die Mutter, die sieht das natürlich anders. Vollkommen anders. Ist halt eine typische Mutter. Auch mit ihren knapp achtzig Jahren. Die ändert sich nicht mehr. Die bleibt so. Aber ich war genervt. Deshalb habe ich gesoffen. Viel gesoffen.
So weit, so klar. Doch wie bin ich in der Nacht nach Hause gekommen? Hoffentlich nicht mit dem Auto.
Keine Ahnung. Mir fehlen einige Zusammenhänge. Ich kann mich nicht erinnern. Was ist denn passiert?
Vielleicht hat Muddern mehr mitbekommen?
Richtig, meine Mutter. Die schläft nebenan. Wir haben uns diese Ferienwohnung gemietet. Ein Apartment für ´ne Woche, hier auf der Insel. Mit Wohnzimmer, Kochecke und Bad. Und mit zwei Schlafzimmern. Damit man seine Ruhe haben kann, ohne den anderen. Ohne gestört zu werden. Und auch das Mitbringen von Hunden ist nicht gestattet. Dies war meiner Mutter wichtig. Die Köter, gegen die ist sie allergisch. Es hat also alles gepasst. Im Großen und Ganzen sehr schön, auch die Umgebung. Von unserer Terrasse aus blickt man auf einen kleinen Hafen. Direkt dahinter liegt die Ostsee. Recht idyllisch, dieser Ferienort, auf den wir im Internet gestoßen sind.
Die Mutter hat sofort das Größere der Schlafzimmer für sich reserviert. Den Raum rechts neben meiner Butze. Ohne größere Debatte. Ok, sie ist die Ältere. Und ich bin weiterhin das Kind. Daran habe ich mich gewöhnt. Gewöhnen müssen, wohl oder übel. Mit zusammengebissenen Zähnen. Schon seit vielen Jahren.
Doch jetzt muss ich in unser Bad. Eine dringende Angelegenheit.
Vorsichtig setze ich mich auf. Oh je, dieser Kopf!
Wie viel Uhr war es? Der Wecker sagt fünfzehn Uhr. Und mein Handy liegt zum Glück daneben, auf dem Nachttisch. Es zeigt dieselbe Zeit.
Mein Gott, wie lange war ich denn weg? So viele Stunden im Schlaf, ohne richtiges Bewusstsein! Immerhin scheine ich bei meinem Ausflug nichts verloren zu haben. Die Brille ist da und mein Portemonnaie. Und die Autoschlüssel. Die wichtigsten Reflexe, die scheinen auch im Suff zu funktionieren. Sogar im Alter von fünfzig Jahren.
So sollte es sein! Alles auf seinem Platz. Nur keine unliebsamen Überraschungen. Das Erscheinen des Gewohnten, auf das man sich verlassen kann. Auch nach einer durchzechten Nacht. Obwohl so eine Aktion bei mir nicht mehr vorkommen sollte. Dafür bin ich definitiv zu alt.
Jetzt aber raus! Auf die Toilette, gleich gegenüber. Und dann sofort die Zähne putzen. Gegen diesen schrecklichen Geschmack im Mund. Früher konnte ich definitiv mehr ab. So spät bin ich doch nie aufgewacht nach einer Sauftour. Auch nicht mit zwanzig Jahren.
Los, zuerst das Dringendste erledigen!
Und dann als Nächstes zu Muddern! Ihre Schlafzimmertür steht offen. Ok, ok, es ist bereits Nachmittag. Wieso sollte sie noch im Bett liegen? Mit einem duhnen Kopp kann ich nicht gut denken.
Im Wohnzimmer ist die Mutter auch nicht. Und dort scheint direkt die Sonne rein. Das ist eindeutig zu hell für mich. Viel zu hell. Ich kneife die Augen zusammen, setze mich an den runden Tisch, der an der Terrassentür steht. Mit dem Rücken zur Sonne und zum Hafen, der nur ein einziges Becken besitzt. Nicht sehr breit. Jedoch liegen da zahlreiche Segelschiffe vor Anker und ein paar Motorjachten. Aber das interessiert mich jetzt weniger.
Die Wohnungsverwaltung hat uns schon ein nettes Sitz-Arrangement spendiert, so direkt am Fenster. Und für zwei Personen vollkommen ausreichend. Wenn nicht überall diese Zeitschriften herumfliegen würden. Jede Menge typisches Frauenzeug. Hat sich die Mutter zum Lesen besorgt, gestern am frühen Nachmittag. Und jetzt belagert dieser Papierkram die Stühle, versperrt alles.
Also rauf damit auf den Tisch, da ist mehr Platz. Den Stuhl, den brauche ich für meine Füße. Ja, das ist eindeutig bequemer.
Ordnung, Ordnung, Ordnung! Das ist wichtig. Damit man sich zurechtfindet im Leben. Vollkommen klar, ich brauche Ordnung. Im Kopf und auch außerhalb. Ich möchte, dass alles an seinem Platz liegt, dass man nicht endlos suchen muss. Dass du dich auf die Ordnung verlassen kannst. Darin unterscheide ich mich fundamental von meiner Mutter. Die war schon immer flippig. Bereits von Jugend an. Und das hat sich im Alter nicht gelegt. Eine Unordnung wie hier, das ist ihr egal. Darüber schaut Madame gnädig hinweg. Und überlässt mir die niedere Aufgabe, klar Schiff zu machen. Einen Butler, wie ihren Sohn, den könnte sie permanent brauchen.
Und was ist mit mir? Wer nimmt auf den Nachwuchs Rücksicht? Mich, mich macht so ein Chaos krank.
Meine Mutter, die sollte das wissen.
Wo mag die Alte denn sein?
Am Meer? Oder vielleicht beim Shoppen? Wobei man in diesem kleinen Kaff nicht viel kaufen kann. Außer Andenken natürlich. Leuchttürme und so ein Zeug. Doch darauf steht meine Mutter nicht.
Sie ist eine Alt-68erin. Sozialisiert in der Zeit der Studentenbewegung. Und inspiriert von Adornos großbürgerlichem Einrichtungs-Diktum: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Nein, Konsumrausch kommt für sie nicht infrage, das ganz sicher nicht. Stattdessen werde ich zum Gedenkstein für Jimi Hendrix geschleppt. Denn Musik, die war ihr immer wichtig. Und so haben sie mich nach einem Musiker benannt, nach Eric Clapton. Daraus wurde am Ende zwar Erik Hoffmann. Ok, das ‚c‘, das hatten die Eltern als Kompromiss in ein norddeutsches ‚k‘ umgewandelt. Opfer müssen eben gebracht werden, sogar von meiner verrückten Mutter. Doch der gute Wille, das war es, was zählte. Auch bei der Götzenverehrung. Und der Standesbeamte, der fand diese einheimische Variante des Vornamens ebenfalls besser, damals zu Beginn der 1970er-Jahre.
Mein Vadder, der hat sich nicht dagegen gewehrt. Der folgte den Ideen seiner Frau. Fast immer, soweit ich mich erinnern kann. Ob aus Liebe zu der Alten oder aus Bequemlichkeit? Keine Ahnung. So recht habe ich deren Arrangements nie durchschaut. Mein Vater, der wollte stets den geraden, den einfachen Weg. Sein ganzes Leben lang. Genau wie ich. Da waren wir beide uns ähnlich, Sohn und Vater. Zielbewusst, vernünftig, verlässlich – so weit das Ehegespons es zuließ. Und jetzt ist der liebe Alte schon seit einiger Zeit tot. Gestorben kurz nach der Verrentung. Vor fast fünfzehn Jahren. Mein Gott, wie lange ist das her? Schade um ihn! Wirklich sehr schade!
Und seit dieser Zeit lebt meine Mutter alleine. Nehme ich an. Genau weiß ich es aber nicht. Denn wir treffen uns nicht oft. Eher selten. Und über intime Sachen, darüber haben wir nie gesprochen. Ich habe ihr auch nichts von meinen Eheproblemen erzählt. Das hat sie erst mitbekommen, als ich geschieden wurde. Über wichtige Dinge, darüber haben wir früher nicht geredet. Zumindest fast nie. Meine Mutter und ich.
Deshalb unser kurzer Urlaub, jetzt. Um sich wieder näher zu kommen.
Tscha, wir haben es zumindest versucht. Wenngleich es nicht einfach war. Doch es ging sogar leidlich gut, zumindest in den ersten Tagen. Bis gestern. Da bin ich ausgerastet. Das musste sein. Man kann nicht ruhig bleiben und sich zurückhalten, wenn das Gehirn davor steht zu explodieren. Irgendwann muss Schluss sein! Lieber ein Ende mit Schrecken!
Deshalb ist dieses schreckliche Chaos eingetreten. Mit Krawumm! Und mir bleibt davon nur ein riesiger Kater.
Aber jetzt ist Pause. Die Ruhe nach dem Sturm. Meine Mutter ist verschwunden. Sie macht wahrscheinlich einen Spaziergang. Ohne mich. Wieso sollte man auch warten, bis ich wieder einsatzfähig bin?
Ich Idiot! Das ist krankhaft. Sich spontan gehen zu lassen wie ein Teenie. Zu saufen, ohne Sinn und Verstand. Ich habe dieses Chaos verursacht. Und das in meinem Alter. So etwas sollte nicht passieren. Normalerweise bin ich nicht impulsiv. War es noch nie. Ich konnte mich immer beherrschen, hatte Kontrolle über mein Leben. Zumindest bis gestern.
Hinter mir klötert es. Der Wind, der weht auf dieser Insel permanent. Und etwas schlägt gegen die Terrassentür.
Ach ja, die Tüte mit den Brötchen. Wir hatten uns Brötchen bestellt. Die Rezeption bietet diesen Service für ihre Gäste. Hier im Ort gibt es keine Bäckerei.
Ein Kaffee, das könnte jetzt schon gehen. Und in der Tüte sollte auch ein Croissant sein, für mich. Nicht so gut wie die in Frankreich, nicht so weich und butterzart. Aber für eine deutsche Insel ganz ok.
Also los, holen wir die Tüte rein!
Draußen auf der Straße ist schon reger Betrieb. Für meinen derzeitigen Zustand zu viel. Schnell zurück in die friedliche Wohnung! In unsere eigene Höhle, die wir für ein paar Tage gemietet haben. Der Kühlschrank, das Spülbecken und der Herd, die sind gleich da vorne. Daneben die Kaffeemaschine. Alles ist dort, wo es sein soll. Keine unvorhergesehenen Überraschungen.
Besonders nicht heute, nach meiner idiotischen Untat. Ich kann nichts essen. Noch nicht. Und auch keinen Kaffee trinken. Dazu ist es eindeutig zu früh. Ich lege mich lieber wieder ins Bett. Vorher sollte ich aber ein anderes T-Shirt anziehen. Auf diesem sind eine Menge Flecken. Keine Ahnung, wie die drauf gekommen sind. Ist nicht so wichtig. Jetzt geht es erst mal um meinen Kopf. Alles andere kann warten. Muss warten.
Und das Handy? Ja, ich könnte die Mutter auf dem Handy anrufen. Es ist schon seltsam, dass sie mir nicht wenigstens eine kurze, schriftliche Notiz dagelassen hat. Andererseits, bei ihrem spontanen Wesen ...
Vielleicht gibt es etwas auf meinem Handy. Mal schauen.
Nein, weder ein Anruf noch eine Nachricht von ihr. Nur ein paar Idioten haben sich gemeldet. Nichts wirklich Wichtiges. Nichts, worauf ich dringend antworten müsste. Ich bin im Urlaub. Der Job hat Pause.
Muddern anrufen, genau!
Der Anruf klappt nicht. Leider kein Empfang. Das Handy der Mutter, das ist nicht erreichbar. Warum schaltet die das Ding immer wieder ab? Wieso will diese Frau nie gestört werden?
Ok, das ist ihre Sache. Die kann machen, was sie will. Alt genug ist sie ja. Aber jetzt wäre es wichtig.
Ich hasse diese Unordnung, diese elende, flippige Wurstigkeit. Und das soll cool sein? Das kann mir niemand erzählen.
Ach, mein dummer Schädel! Ich bekomme keinen geraden Gedanken hin. Was soll ich in diesem Zustand denn machen?
–
Ich könnte ein Buch lesen? Nein, das lässt mein Kopf nicht zu. Das klappt heute gar nicht. Nicht selbst etwas tun. Nicht auch noch nachdenken. Mein Kopf braucht Ruhe. Benötigt eine Beschäftigung, an der ich geistig nicht beteiligt sein muss. Ok, die Glotze, das sollte gehen. Ich werde den Nachmittag vor dem Fernseher verbringen. Wohl oder übel. Zum Glück hängt im Schlafzimmer so ein Apparat, an der Wand am Fußende des Bettes. Die dazu gehörende Fernbedienung liegt direkt daneben. Eine wunderbare Ordnung!
Ja, die Verwaltung der Ferienwohnung, die kümmert sich rührend um den Komfort und die Trägheit ihrer Gäste. Alles in Griffnähe, um nicht aufstehen zu müssen.
Zu Hause habe ich das alles nicht. Dort ist mein Schlafzimmer frei von diesem Zeug. Kein Fernseher, kein Computer. Das führt nur in Versuchung. Im Bett, da schlafe ich. Und vorher möchte ich Ruhe haben. Möchte nicht von außen gesteuert werden, schon gar nicht durch inszenierten Aktionismus, schnelle Schnitte oder schreiende Menschen. All diese gespielten Emotionen. Und die prallen Leidenschaften, die das Leben aus der Bahn werfen.
Nein, so ein Chaos, das kommt mir nicht ins Haus.
Bücher dagegen, ja, von denen liegen meist mehrere bei mir auf dem Nachttisch. Doch da ist es meine Entscheidung, von welcher Geschichte ich mich fesseln lasse. Je nachdem, wie ich gerade drauf bin. Beim Lesen, da habe ich die Kontrolle. Da bestimme alleine ich, ob ich mich innerlich beteilige.
Diese Kontrolle, die ist mir wichtig. So etwas brauche ich. Meine Tage müssen geordnet sein. Durchsichtig und klar. Ein Filmriss, wie gestern, der sollte in meinem Leben nicht vorkommen. Das passt nicht zu mir und auch nicht zu meinem Beruf. Ich bin Informatiker, im Gebiet „Künstliche Intelligenz“. Ich kontrolliere die Computer – wenn man das so sagen will. Das Gleiche gilt außerhalb der Firma, in meinem privaten Bereich. Da möchte ich ebenfalls die Kontrolle behalten. Über alle Dinge und jedes Detail. Logisch denken und genau erkennen, was Sache ist – der Wahlspruch meines Lebens. Denn ich habe gerne den Überblick. Durchgehend, ohne Fehlstellen. Ohne Riss.
Vernünftige Gedanken, eigentlich. Und ein schöner Wahlspruch. Aber nichts für heute. Nein, heute will ich mich nur noch berieseln lassen, heute kann ich nichts mehr denken. Und nichts mehr kontrollieren.
Apropos berieseln? Wollen wir mal schauen, was dieser Apparat an der Wand uns bietet.
Mein Gott, diese vielen Programme! Die meisten kenne ich nicht einmal dem Namen nach. Zu Hause in der Stadt, da haben wir seit einigen Jahren digitales Antennenfernsehen. Das bringt die öffentlich-rechtlichen Programme: ARD, ZDF, Arte, die Dritten Programme und einige Ableger. Sonst nichts. Man könnte sich eine Zusatzkarte kaufen, für weitere Sender. Doch die würde jeden Monat eine Gebühr bedeuten. Mir reicht das Angebot, das umsonst geliefert wird. Ich bezahle schon alle drei Monate den Rundfunkbeitrag. Das ist genug.
Hier in der Ferienwohnung empfängt man über Satellit sogar ausländische Sender. Reisen bildet, würde meine alte Mutter jetzt sagen.
Die Mutter, die bleibt aber lange weg. Ist wohl auf Einkaufstour. Als Mann könnte ich dabei sowieso nicht mithalten. Und heute schon gar nicht. Heute bleibe ich in der Ferienwohnung. Ausgestreckt vor dem riesigen TV-Apparat, für den ich in meinen eigenen vier Wänden gar keinen Platz hätte. So ein riesiges Monster! Aber das wünschen sich die Gäste hier wohl.
Sogar eine Fernsehzeitung wurde uns spendiert. Na ja, eher ein Werbeblättchen. Jedem Tag sind vier Seiten gewidmet, eng bedruckt. Dazwischen Anzeigen für Rollatoren, Stützstrümpfe und Seniorenkreuzfahrten. Und am Ende noch eine Kurzgeschichte, in der jemand brutal entführt und gefoltert wird. So etwas will ich erst recht nicht lesen. Wieso muss man uns mit diesem realitätsfremden Mist ärgern? Gibt es denn keine vernünftigen Geschichten, die aus dem Alltag der Menschen stammen?
Ok, kommen wir zurück zur Hauptsache: Welche Filme sind im Angebot, jetzt am späten Nachmittag?
Spielshows, Kochmagazine, Verkaufssendungen und jede Menge Serien: Comedy-Serien, Gerichtserien, Telenovelas, Arztfilme und gleich mehrere Dokumentationen über Panzer und sonstiges Kriegsgerät.
Nein, solches Zeug auf gar keinen Fall!
Doch hier, bei den Öffentlich-Rechtlichen, da finde ich eine interessante Ankündigung:
‚Der größte Kriminalfilm aller Zeiten: „Tote schlafen fest“, ein Film noir aus dem Jahr 1946, mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall, Regie Howard Hawks, nach einem Roman von Raymond Chandler.‘
Ich bin noch zur Schule gegangen, als ich mir diesen Film das erste Mal angeschaut habe. Lange her, es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein. Die Eltern, die hatten zu Hause ein Fernsehzimmer eingerichtet. Na ja, es war in Wirklichkeit die kleine Kammer mit dem Gästebett und zusätzlich einem schmalen Sofa. Nicht sehr gemütlich. Und mit Absicht spartanisch gehalten. Das Kind sollte dort nicht zu lange sitzen, denn TV, dies war keine ‚hohe Kultur‘, nach einheitlicher Meinung meiner Eltern. Nur bunte Bilder, unkontrollierte Emotionen und schlechte Musik. Und damit der Apparat die abendlichen Gespräche nicht stören konnte, lag die Kammer möglichst weit weg vom Zentrum unseres Zuhauses. Ganz am Ende des langen Flurs, noch hinter der Eingangstür. Im Wohnzimmer dagegen, dort stand das weiße Radio mit dem Plattenspieler, ein sogenannter ‚Schneewittchensarg‘. Und gleich rechts daneben der große, dunkle Bücherschrank, ein Erbstück der Großeltern. Davor, auf dem Boden, schöne, schwere Perserteppiche. Ein gediegen eingerichteter Raum für die ‚gehobene Unterhaltung‘.
Früher war vieles anders, manches sogar sinnvoller. Wenngleich dieser Film, heute Nachmittag, der wäre auch etwas für meine Mutter. Doch die hat anscheinend Besseres zu tun. Und so wird sie eine spannende Geschichte verpassen.
Wenn ich mich recht entsinne, dann geht es in dem Film um die Suche nach einem Kerl, der spurlos verschwunden ist. Wie jetzt meine Mutter. Privatdetektiv Philip Marlowe, gespielt von Humphrey Bogart, übernimmt diesen Job. Lauren Bacall spielt Vivian, die ältere Tochter des Auftraggebers General Sternwood. Am Schluss stellt sich jedoch heraus, dass der Gesuchte schon vor längerer Zeit umgebracht wurde. Bogart löst den Fall, wie immer, mit Bravour. Und bekommt am Ende zur Belohnung das junge, attraktive Biest, das im richtigen Leben schon längst seine Ehefrau ist.
Schöne Kinowelt! In meinem Zustand gerade das, was ich brauche. Gerne würde ich mir dazu ein Glas Wein gönnen, aber heute mache ich lieber eine Pause. Bleibe ruhig im Bett liegen, warm zugedeckt. So lässt sich mein Kopf aushalten. Und der Film geht auch gleich los.
Moment! Was ist das für ein Krach an unserer Wohnungstür? Kommt die Mutter nun endlich nach Hause?
Ich stehe noch mal auf und gehe in den Flur.
Nein, falscher Alarm. Es kam aus der Wohnung nebenan. Dort scheinen neue Gäste eingezogen zu sein. Hoffentlich sind die nicht zu laut. Ich brauche heute meine Ruhe! Keine lästigen Störungen mehr, bitte! Außer natürlich durch Muddern. Aber das wäre dann auch nicht lästig. Meistens jedenfalls nicht.
Wann taucht die endlich auf? Langsam mache ich mir ein wenig Sorgen. Sonst ist die nie so lange weg. Ob ihr etwas zugestoßen ist? Sie könnte gestürzt sein. So fit ist sie in ihrem Alter nicht mehr. Wieso meldet sie sich nicht bei mir?
Aber jetzt Ruhe! Der Film fängt an. Zu Beginn ganz groß der Name der Produktionsfirma. Und bevor der eigentliche Titel erscheint, gibt ein Mann einer Frau Feuer. Beide rauchen sie ihre Zigaretten, während der Vorspann läuft. Auch eine Form der Annäherung, obwohl das heute sicher nicht mehr richtig zieht.
Dann die erste Szene – Bogart klingelt an der Tür von General Sternwood. Nacheinander treten alle wichtigen Personen auf. Und Bogart bekommt den ersten Brandy eingeschenkt. Nach nicht einmal zwei Minuten Spielzeit. So schnell bin ich normalerweise nicht.
Der Film ist wirklich gut. Es wird ein interessanter Plot entwickelt. Und was mir besonders gefällt: Es geht um die Aufklärung eines Verbrechens und nicht um die seelischen Störungen des Kommissars. Ein Thema, das leider in aktuellen Kriminalfilmen wichtiger zu sein scheint als die eigentliche Geschichte. Nein, ich möchte nicht deren Psychokrams durcharbeiten. Ich bin an dem Fall interessiert. Der sollte im Mittelpunkt stehen. Tut es heute jedoch nicht mehr. Soll wohl von der Ideenlosigkeit und einer zu simplen Erzählung ablenken? Der Zweck heiligt die Mittel. Aber warum auf meine Kosten? Probleme habe ich selbst genug. Besonders wenn ich an die Beziehung zu meiner Mutter denke. Da brauche ich das nicht auch noch auf der Leinwand. Ich möchte angenehm und spannend unterhalten werden! Punktum, aus!
Zugegeben, der Film ‚Tote schlafen fest‘, der hat schon eine recht verzwickte Handlung. Als ich den Film zum ersten Mal sah, stieg ich nur bei einem Teil davon durch. Na ja, mein Interesse galt auch mehr dem Clinch zwischen Bogart und der Bacall. Der schnippische Auftritt der Frau beim ersten Zusammentreffen – hier die Tochter aus reichem Elternhaus, dort der nicht sonderlich gut verdienende Detektiv. Der seine Prinzipien hat, sich nicht bestechen oder korrumpieren lässt. Auch nicht von schönen Frauen.
Wie kann das enden? Im Hollywood-Film anders als im zugrunde liegenden Kriminalroman von Raymond Chandler. Aber das Buch, das habe ich erst später gelesen, Jahre später. Das sollte ich hier, der Ordnung halber, hinzufügen.
Diese Art von Filmen, in denen es primär um zwei Personen geht – ein Mann und eine Frau – die liebe ich. Eine zentrale Aufgabe, klar geordnete Verhältnisse. Der Rest, der ist Staffage. Die Reibung zwischen dem Paar, allein das ist wichtig. Und das ist gut so. Im Film ‚Der Malteser Falke‘, der ein paar Jahre vorher gedreht wurde, gehörte Mary Astor, die Gegenspielerin von Bogart, zu den Bösen, was sich erst zum Schluss herausstellt. Und auch in ‚Tote schlafen fest‘ zeigt sich erst am Ende, auf welcher Seite die Bacall steht.
Mary Astor oder Lauren Bacall? Für mich eigentlich klar: Die Bacall, die gefiel mir von Anfang an besser. Dieser Meinung war Bogart ebenfalls, denn der hatte Lauren Bacall kurz vor den Dreharbeiten geheiratet.
Gut, damals, als ich mich für das Spiel zwischen Bogart und der Bacall begeisterte, da war ich um einiges jünger. Lange vor meiner eigenen Hochzeit. Und ich befand mich fast permanent auf der Suche nach der richtigen Frau. Mit wenig Erfolg.
Suche? Irgendwie ist man immer auf der Suche. Früher nach einer Frau und heute nach der Mutter. Na ja, jetzt ist es eher ein Warten. Was die Sache nicht wirklich besser macht.
Suchen oder Warten? Und nie richtig zur Ruhe kommen.
Hört das denn nie auf?
Die Alte, wo die sich wieder rumtreibt? Ich habe gerne den Überblick. Aber darauf nimmt die meine Mutter keine Rücksicht. Hat sie auch nie gemacht. Ich hasse diese spontanen Aktionen! Das ist überhaupt nicht lustig! Zumindest nicht für jemanden wie mich, der die Ordnung liebt. Dieses Chaos, das ist unter meiner Würde. Das ist wider die Vernunft.
Ok, in dem Film mit Humphrey Bogart, da dient die Suche nach dem Mann nur als Nebenhandlung. Der verschwundene Typ ist bereits tot, lange bevor der Detektiv überhaupt auftritt. Es geht in Wirklichkeit um die von Lauren Bacall gespielte Vivian. Und um deren jüngere Schwester. Die alte Geschichte von Eifersucht und der Rache der Frauen. Das steht im Mittelpunkt. Die meisten Menschen werden in diesem Film mehr von ihren Emotionen als vom Verstand gesteuert. Ich selbst, ich hätte in solchen Situationen vernünftiger reagiert. Logischer, überlegter. Und das gilt nicht nur für mich.
Philip Marlowes Meinung zu diesem Thema:
‚So viele Schießeisen in der Stadt und so wenig Hirn.‘
Bei jeder Wiederbegegnung entdeckt man neue Aspekte.
Nach knapp zwei Stunden ist der Film zu Ende und beim Aufstehen bemerke ich, dass mir die linke Seite weh tut. Ein dicker blauer Fleck oberhalb des Beckens. Und am rechten Fuß habe ich mir außerdem den großen Zeh angestoßen. Aufpassen! Nicht dran kommen. Und vorsichtig mit der Socke!
Das sind Erinnerungen an die letzte Nacht. Man sollte nicht so viel trinken! Das ist auch wider die Vernunft.
Und Muddern ist immer noch nicht aufgetaucht. Jetzt wird es langsam Zeit. In einem Krimi, da wäre sie längst ermordet worden. Oder wenigstens entführt und in einem dunklen Kellerloch eingesperrt. Wo niemand ihr klagendes Rufen hört. Wo sie langsam verzweifelt. Bei Wasser und Brot. Und irgendwann erhalte ich einen Erpresserbrief, in dem ein horrendes Lösegeld gefordert wird. Mehrere Millionen Euro. Für die Freigabe des Opfers.
Wer könnte all das Geld aufbringen?
Ich wäre am Verzweifeln und hätte furchtbare Angst. Weil es keine Lösung gibt, weil uns niemand in unserer Lage helfen will. Doch schließlich käme Philip Marlowe, cool, im Trenchcoat, mit einer Kippe im Mund. Und er würde meine Mutter finden und sie nach Hause bringen.
Ende gut, alles gut!
Blödsinn, was soll das jetzt? Wir sind hier nicht in einem schlechten Film. Genug mit den Fantastereien! Im realen Leben kommen solche Sachen nahezu nie vor. Nein, bei uns ‚normalen Menschen‘, da ist es zum Glück nie so spannend.
Aber seltsam ist es schon, dass Muddern nichts von sich hat hören lassen. Wo die wieder abhängt? Viel zu sehen, gibt es auf dieser Insel weiß Gott nicht.
Ja, meine Mutter, die wird ebenfalls mehr von ihren Emotionen und weniger von der Vernunft gesteuert. Das ist leider so.
Um die Alte sollte ich mich kümmern. Aber erst nach einem kleinen Schläfchen. Später werde ich mich dann auf die Suche machen. Wohl oder übel, falls sie bis dorthin nicht von alleine aufgetaucht ist.
Eine Suche am Hafen, am Meer, im Ort. Ich könnte auch bei der Verwaltung nachfragen.
Weiter schaffe ich es heute leider nicht. Ich muss mich auf das nähere Umfeld beschränken. Wegen des Kopfes und außerdem ist mein Auto nicht da. Keine Ahnung, wo sich die Karre befindet. Ich muss sie gestern irgendwo abgestellt haben. Als ich zu besoffen wurde. In welcher Gegend könnte das gewesen sein?
Ok, auch das ist ein Problem, das ich später erledigen werde. Durch logisches Denken, durch Vernunft.
Doch jetzt wieder schnell ins Bett! Dies ist eindeutig angenehmer für den Organismus.
Ich konnte lange nicht einschlafen. Lag zwar im Bett, aber mit einem Ohr habe ich gehorcht, ob die Mutter nicht endlich nach Hause kommt. Bei jedem noch so leisen Geräusch schreckte ich auf. Erst kurz nach vier Uhr bin ich weggesackt. Da wurde es bereits hell, jetzt im Frühsommer.
Inzwischen zeigt der Wecker acht Uhr und das zweite Schlafzimmer ist immer noch leer.
Es wäre besser, wenn ich zur Polizei ginge. Möglichst bald. Vielleicht ist der Alten doch etwas zugestoßen. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste. Obwohl sie sich in den letzten Tagen gut gehalten hat. Das muss ich voller Bewunderung zugeben. Sie ist wirklich flott gelaufen, auf unseren Spaziergängen am Strand. Lange Spaziergänge, die sogar meine Kondition ein wenig überforderten. Und die meiste Zeit marschierte die Mutter stramm vorneweg. Nur einmal passierte es, dass sie nicht mehr weiter wollte. Sich ins Gras setzte. Sie japste stark. Musste sich einige Minuten lang ausruhen.
In diesem Moment hat mich das nicht weiter beunruhigt. Ich fragte sie nicht nach ihrem Befinden. Für mich war die Situation klar. Vollkommen klar. Denn am Nachmittag wurde es heiß und wir hatten dummerweise vergessen, uns eine Flasche Wasser einzupacken.
Jetzt, wo ich mich an diesen Vorfall erinnere, da kommt mir der Verdacht, dass dieser Aussetzer ernster gewesen sein könnte. Warum haben wir nicht über die Sache gesprochen? Meine Mutter winkte ab. Wollte sie vor ihrem Sohn nicht schwach erscheinen? Und hat deshalb tapfer die Zähne zusammen gebissen?
Wir müssen öfter miteinander reden. Und ich sollte möglichst bald nach meiner Mutter suchen lassen. Ok, nicht durch einen Privatdetektiv wie im Kriminalfilm, sondern ganz normal durch die Polizei. Dafür ist die da. Gleich nachher werde ich denen einen Besuch abstatten.
Doch vorher noch einen Kaffee. Und ein Croissant aus der Brötchentüte, die zuverlässig an unserer Terrassentür hängt. Wenigstens ein paar Sachen scheinen in meinem Leben weiterhin zu funktionieren.
Was war das für ein verstörender Traum, den ich kurz vor dem Aufwachen hatte:
Meine Mutter läuft. Sie läuft quer über eine weite, leere Fläche. Hier gibt es nichts, außer uns beiden. Kein Haus, keine Straße, keine Tiere, keine Menschen. Und ich laufe hinter meiner Mutter her. Rufe sie, mehrmals, immer lauter. Doch sie reagiert nicht.
An die Einzelheiten kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Oder war das bereits in meinem Traum so diffus, so ungenau? Alles liegt hinter einer Nebelwand. Alles ist grau, gleichförmig, ohne Konturen.
Wie ging es weiter?
Wir biegen nach rechts ab, dann nach links. Ich kenne mich langsam nicht mehr aus. Weiß nicht, wo wir sind. Ein fürchterliches Chaos. Und meine Mutter reagiert nicht. Sie hört nicht auf mein Rufen. Obwohl ich laut bin. Und wild und heftig gestikuliere.
Ich muss schneller laufen. Noch ein Stück schneller. Dann schaffe ich es. Los, schneller! Schneller! Meine letzten Kräfte mobilisiere ich, gebe mir Mühe. Und habe die Mutter fast erreicht. Mein Arm, ich strecke im Laufen den Arm aus. Greife nach ihr.
Da stolpert sie und fällt. Sie fällt nach unten. Und dort ist auf einmal kein Boden mehr. Nichts, das ihr Halt gibt. Nur ein graues Nichts.
Meine Mutter fällt und fällt. Ich kann sie nicht fassen, kann sie nicht retten. Von oben her schaue ich zu. Hilflos, vor Schrecken wie gelähmt. Sehe, wie sie fällt. Tiefer und tiefer, endlos. Und stehe am Rand. In wahnsinniger Angst.
Das war der Moment, an dem ich aufwachte. Total durcheinander und desorientiert.
So weit dieser Traum. Doch wenn ich jetzt, im Nachhinein, darüber nachdenke, werde ich unsicher: Ist meine Mutter wirklich gestolpert? Von ganz alleine? Oder war ich an diesem Sturz schuld? Habe möglicherweise ich die Mutter geschubst? Gewollt oder aus Versehen?
Ich, habe ich etwas Schlimmes getan? Auch in der Realität, im wachen Zustand. Und mein Traum verrät die Wahrheit? Die ganze Wahrheit? Die ich am Tag vergessen will?
Bedeutet das, dass wir uns heftiger gestritten haben, vorgestern? Und meine Mutter wurde verwundet, von mir? Sie ist hingefallen und liegt jetzt irgendwo? Alleine, vollkommen hilflos?
Will mir der Traum dies sagen?
Warum kann ich mich an gar nichts erinnern? Verdränge ich da eine Sache? Nur welche Sache? Was könnte passiert sein, mit mir und meiner Mutter? Was habe ich getan? Und bin ich im Suff überhaupt zurechnungsfähig?
Ich sollte die Polizei kontaktieren. Damit sie der Sache auf den Grund geht. Damit sie Ordnung schafft. Aber hier im Ort gibt es sicher keine Dienststelle. Die nächstliegende Station, wo liegt die? Mein Handy, das Internet, die sollten es wissen.
Bingo: ‚Polizei-Zentralstation‘, mit Adresse und lokaler Telefonnummer. Und mit einem Anfahrtsplan.
Auf dieser Insel haben sie anscheinend nur eine einzige Polizeistelle. Die Karte markiert sie mit einem roten Punkt. Am Rand des Städtchens, ein wenig östlich von hier. Die folgenden Stationen auf der Liste, die liegen alle schon auf dem Festland.
Von unserem Apartment bis zu dieser kleinen Stadt, das sind ungefähr zehn Kilometer. Richtig, ich erinnere mich. Dort haben wir uns eine Kiste Wein besorgt, letzte Woche. In einem netten, kleinen Laden. Das war kein schlechter Tropfen, ein Saint Laurent. Natürlich nicht von der Insel, sondern angebaut in der Pfalz.
Wenn ich nur wüsste, wo mein Auto steht.
Ok, ich werde mir ein Taxi gönnen. Denn Busse, die verkehren in dieser Gegend wohl nicht oft. Also ein Taxi. Auf dem Esstisch, ich erinnere mich, da lagen Anzeigen lokaler Firmen. Moment, hier ist sie ja, die Telefonnummer vom ‚Insel-Taxi‘, mit dem Hinweis: ‚Wir fahren mit Virus-Schutz!‘
Ob das aktuell ist?
Mein Gott, Corona! Meine Mutter und ich, wir hatten unseren Urlaub für einen früheren Termin geplant. Wegen Corona wurde das damals aber nichts. Zum Glück scheint sich die Situation inzwischen normalisiert zu haben. Doch ein klein wenig Vorsicht kann nicht schaden.
Rufen wir diesen Laden an! Schön, dass es Handys gibt. Wie hat man sich denn früher zurechtgefunden?
Es dauert keine zehn Minuten und ein Wagen hält vor dem Haus. Man muss anscheinend nicht weit fahren, um alle Stellen der Insel zu erreichen.
Der Fahrer ist ziemlich redselig. Auch am frühen Morgen, wo Computerleute, wie ich, gerade mal die Augen aufgekommen:
„Moin, moin, der Herr. Ihr Shuttle ist da. Pünktlich, wie bestellt. Die Firma ‚Insel-Taxi‘ lässt bitten. Und mein werter Name ist Müller. Sie können mich aber ruhig Hannes nennen. Das machen alle. Wohin soll es heute gehen?“
„Also dann, Herr Hannes, zur Polizeistation, bitte.“
„Jo, das machen wir mit links.“
Na ja, wenn der sich auf der Insel auskennt.
„Schön, ich vertraue mich Ihnen an. Doch nur, wenn Sie die rechte Hand ebenfalls zum Chauffieren verwenden. Mit links ist mir das zu wenig.“
Herr Müller lacht und gibt Gas.
„Geht klar, geht klar! Keine Angst, der Herr!“
„Dann ist es gut. Sie haben übrigens einen großen Wagen. Um einiges größer als die Taxis bei uns in der Stadt. Wozu braucht man das? Ist es, weil hier die Busse so selten fahren?“
„Schon, ja. Aber ich mache oft auch Krankenfahrten. Dafür ist viel Platz nötig. Zum Beispiel, um einen Rollstuhl einzuladen, oder für Leute mit einem Gipsbein. Solche Fahrten, die bezahlt dann die Krankenkasse. Anders kommen die Patienten gar nicht nach Hause. Das ist schon eine vernünftige Regelung. Auch für uns Fahrer. Im Winter, wenn wenig Gäste auf der Insel sind, verdiene ich dadurch schön was dazu.“
So hat jeder seine Nische gefunden. Und ich bin für ihn wohl eher die Ausnahme. Touristen fahren üblicherweise mit dem eigenen Auto.
Apropos eigenes Auto:
„Herr Müller, ich hab mal eine Frage: Bin ich vorgestern Nacht ebenfalls mit Ihnen gefahren?“
