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Drei Personen, um die vierzig Jahre alt, deren Leben an einem Wendepunkt angekommen ist. Die Wege dieser Menschen überschneiden sich. Sie bilden Paarungen, trennen sich, fliehen in Projektionen und Wunschwelten und scheitern am Ende, jeder auf seine Art.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Abfahrt
Abreise
Begegnung
Eva
Monolog Willy
Trennung
Monolog Eva
Paris
Klara
Candy
Versailles
Entschluss
Bretagne
Paarung
Wiedersehen
Showdown
Flucht
Abschied
Nach Hause
Er war im Morgengrauen losgefahren, ohne Frühstück und Kaffee, und hatte es geschafft, die Stadt zügig zu durchqueren. Noch war er fast alleine auf der Straße, der deutschen Straße mit ihren wohlerzogenen Fahrbahnrändern und dem glatten Asphalt. Im Radio erzählten heiße Rhythmen vom Karneval in Rio und er fuhr Richtung Süden, um diese Straßen, dieses Land hinter sich zu lassen.
„Nein, nein! Es musste sein!“
Dieser eine Satz, quälend penetrant – wieder und wieder murmelte er diesen einen Satz, während seine Hände das Lenkrad bearbeiteten. Im selben Rhythmus: Nein, nein! Nein, nein!
Gestern Abend, da waren es noch einzelne Gedanken, zusammenhanglose Fetzen. Hier etwas Ekel, dort ein Gefühl der Wut. Doch im Laufe der Nacht hatten sich die flüchtigen Teile zu einem Netz verknüpft.
„Es muss sich etwas ändern! Ich musste es tun! Ich habe eigentlich schon viel zu lange abgewartet.“
Stur blickte er nach vorne. Seine Finger trommelten weiter auf das Lenkrad. Plötzlich trat er das Gaspedal durch, bis ganz nach unten: „Ich hab’s getan! Endlich hab’ ich es getan! Nach all dem Stillstand! Es musste sein!“
Dieser penetrante Satz! Fast das gesamte Gehirn wurde von ihm belagert. Der Satz, er drehte jeden Gedanken in die eine Richtung. Unnachgiebig, dominant bestimmte er Planung und Meinung.
Inzwischen hatte der Wagen seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und preschte mit Gewalt vorwärts.
„Achtung! Keine übereilten, hastigen Schritte! Denk’ lieber noch einmal nach, über alles! Mach’ langsam!“
Was will diese ängstliche, graue Maus jetzt noch? Die piepsende Gegenstimme der Vernunft, sie kommt zu spät mit ihren lähmenden Zweifeln: „War das eine gute Entscheidung? Wirklich unausweichlich? Oder nur ein dummes, törichtes Hirngespinst zur mitternächtlichen Zeit – dieser Entschluss zur ‚Flucht’?“
Er betätigte auf den Knopf links neben seinem Sitz. Leise surrend öffnete sich das Fenster. Einen Spalt nur, doch genug, um den Fahrtwind zu spüren. Tief einatmen! Frische Morgenluft, die die zankenden Geister vertreibt.
Und statt ihrer begann eine Erinnerung aus der Kindheit in seinem Kopf zu spuken: „Die Koffer richtig zu platzieren, das ist eine große Kunst! Schau gut zu, damit du es später auch einmal kannst! Pass auf!“
Furchtbar aufgeregt verfolgte er jede Handbewegung des Vaters, der zum wiederholten Male den gleichen Vortrag hielt: „Schau zu! Bald geht es los!“
Gestern Vormittag noch, am letzten Schultag, war er nervös auf dem zu engen Stuhl herumgerutscht. Hatte auf die Zeugnisse gewartet. Es dauerte lang, unendlich lang. Aber nicht die Noten interessierten ihn. In Gedanken war er der Zeit voraus, weit weg von Schule und Zensuren. Und dann, zu Hause, am Nachmittag, strich er ungeduldig durch die Wohnung. Wo die Mutter in den Schränken wühlte, Sachen hervorholte und meist sofort wieder zurücklegte. Kein Ziel war erkennbar. Ein endloses Hin und Her. Es ging nicht wirklich voran. Am Abend, endlich, erschienen die Koffer und Taschen. All die vielen Dinge, die sein Vater jetzt am Morgen in ihren nicht mehr ganz so neuen VW-Käfer packte. Ziemlich früh, zu schlaftrunkener Zeit. Er selbst saß auf der Rückbank, in eine weite Decke eingewickelt, und klapperte vor Müdigkeit mit den Zähnen.
Urlaub, Urlaub – das Wort schwirrte in seinem Kopf herum wie ein bunter Schmetterling. Dieses geheimnisvolle, märchenhafte Versprechen, aus der langweiligen Umgebung erlöst zu werden. Wenngleich die Reise nicht allzu weit führen sollte, gerade bis in den Bayrischen Wald. Nicht über die Grenzen Deutschlands hinaus und schon gar nicht in Gegenden, wo die Eingeborenen kein Deutsch verstanden.
Zwar hatte bei der Urlaubsplanung über dem großen Schulatlas der Zeigefinger seines Vaters einmal kurz Italien berührt – die Reaktion seiner Frau zeigte ihm aber schnell die Unkeuschheit solcher Gedanken: Nein! Zu solchen Menschen fahren? Ihr werter Gatte sei wohl total übergeschnappt? Mit ihr gäbe es kein Dolce Vita oder wie das dort heißt! Keine zehn Pferde brächten sie da hin, wo jeder wisse, dass in Italien sich der Dreck meterhoch türme – der eigentliche Grund für diese ganzen exotischen Krankheiten! Und was man sich beim Essen alles zuziehen könne, bei diesem ausländischen Fraß. Dann noch die gefährlichen Tiere – Giftschlangen, Skorpione. Und man versteht kein Wort von dem, was die Leute dort hinter unserem Rücken sagen, in ihrem Italienisch oder sonst einer seltsamen Sprache. Nein, sie wolle auch im Urlaub in eine vernünftige, deutsche Unterkunft. Und nicht ein Rattenloch, in diesem Sündenbabel Italien! So hatte sich der Familienrat für den Bayrischen Wald entschieden.
Nun, ob Italien oder nur Bayrischer Wald, für ihn als Kind hatte all dies Unbekannte einen verlockenden Klang. Später, im Berufsleben, da sah er den Urlaub nüchterner – man war bereits in vielen Gegenden der Welt gewesen und ein Urlaub bedeutete meist nicht mehr als eine kurze Pause vom Schreibtisch, garniert mit fremdländischem Essen, gutem Wein und, bei etwas Glück, einem belanglosen Flirt.
Damals jedoch war alles noch anders. Das Herzklopfen, als der Wagen startete und sie endlich losfuhren. Und er dem zurückbleibenden Wohnhaus ein letztes Mal zuwinkte. Das monotone Motorengeklapper, das ihn wieder schläfrig werden ließ. Auf ihrer Fahrt Richtung Osten. Die nur oberflächlich wahrgenommenen, ersten Kilometer auf der Landstraße. Doch dann, am Ende einer schier endlosen Baumallee, war die Sonne aufgegangen. Und sie fuhren direkt in sie hinein. Damals, als in Westdeutschland noch Baumalleen den Verkehr behindern durften – zu Beginn des ersten Urlaubs in seinem Leben, vor mehr als dreißig Jahren.
Heute jedoch steuerte er nach Süden. Längst erwachsen und alleine auf der breiten Straße. Mit sechs Spuren für den Verkehr, aber karg bepflanzt. Und das Verstauen der beiden Koffer vor der Abfahrt? Zwei Handgriffe, und die lagen auf der Ladefläche. Sein alter Kombi bot Platz genug.
„Wie viel Mühe hat sich mein Vater gegeben, mit seinen Weisheiten fürs Leben! Damals, als alles noch kleiner war und anders. Als die Welt und das Leben noch ohne Ende schien.“
Unwillkürlich wurde ihm kühl, und er schaltete die Heizung ein. Vor die aufgehende Sonne hatten sich Wolken geschoben. Es begann leise zu nieseln. Herbstwetter! Eine Fahrt in die aufgehende Sonne wäre heute nicht mehr drin. Auch wenn er es gewollt hätte. Jetzt, bei diesem Urlaub, war ohnehin einiges anders als früher.
Mit Unbehagen dachte er an seine Arbeit, seine Landsleute, sein Leben in Deutschland: „Warum ist mir alles so verleidet?“
Eigentlich gab es keinen handgreiflichen Grund. Die Arbeit war erträglich, manchmal sogar interessant. Und er verdiente relativ gut. An das regelmäßige, frühe Aufstehen hatte er sich nach Abschluss des Studiums schnell gewöhnt. Und wenn er morgens verschlafen und oft etwas verspätet zur S-Bahn ging, geschah dies ohne inneren Groll oder Bedauern.
Nun gut, er erschreckte bisweilen, wenn ihm im morgendlichen Dunkel bewusst wurde, dass alles wie am Schnürchen lief, er geradezu automatisch den Weg zur Arbeit fand. Aber dann ließ er sich von dem kleinen Glücksgefühl vorwärts tragen, dass er die S-Bahn noch rechtzeitig erreicht hatte und eine zurzeit funktionierende Rolltreppe ihm die letzten Stufen zum Bahnsteig abnahm. Ja, Zeit spielte in seinem Tagesablauf eine große Rolle. Alles war vernünftig eingeteilt, in Stunden und Projekte. Die Zeit, ja . . .
Sein Vordermann bremste heftig und riss ihn aus den Gedanken. Ebenfalls neben ihm blieben die Fahrzeuge stehen. Was war das schon wieder? Gereizt schaute er nach vorne, auf die unruhig lauernde Autoschlange. Warum diese Störungen? Er wollte doch nur weiter. Geradeaus, da nach vorne. Weg aus Deutschland, weg vom Alltag. Warum versuchte man, ihn daran zu hindern?
Seufzend lehnte er sich zurück und sein Blick schweifte ab. Rechts von der Straße erstreckten sich weite, flache Felder und Wiesen, über denen der Morgennebel stand. Ein einsamer Trecker drehte seine Runden auf dem ihm abgesteckten Parcours. Alles machte einen ruhigen, friedlichen Eindruck. Und es roch eindeutig nach Gülle.
„Das also ist Deutschland“, dachte er. „Ein zurückhaltendes und zivilisiertes Land. Die Mehrzahl seiner Bewohner geht zum Türken, um zu essen, nicht um zu randalieren. Na ja, auf den Friedhöfen, zumal den jüdischen, da mochte es nicht immer so gesittet zugehen. In diesem Land, in dem man nur ab und zu Jagd auf Ausländer macht. Dafür sorgen schon die Parteien, die solches Tun empört verurteilen – um dann ohne Skrupel die Kultur der Stammtische zu pflegen. Diese unsere Parteien! Ja, was haben die für gefährliche Revolutionäre an der Spitze.“
Unwillkürlich musste er grinsen, als er sich an seine Kindheit erinnerte.
„Die SPD und ihre Wahlkampf-Veranstaltungen in Bayern: Mehrere Wagen tauchten plötzlich im Dorf auf, vollständig mit Plakaten beklebt. Und mit Lautsprechern auf dem Dach. Eindringlinge in die dumpfe Ruhe der bewährten Politik-Landschaft. Dann regnete es Wackelbildchen mit dem Konterfei von Willy Brandt. Willy, der deutsche Kennedy, dieser smarte Verführer der ordentlichen Deutschen. Nicht nur wir Kinder waren scharf auf die Bildchen. Auch die Frauen im Dorf, die betrachteten das Gesicht des Politikers mit begehrlichem Gesichtsausdruck. Aber zum Glück wurden sie gleich darauf aufgeklärt, von ihren Unions-Männern: Die Sozis, das sind alles nur Rattenfänger, Teufel. Auch wenn sie noch so verführerisch auftreten. Man musste dem entsagen. Apage Satanas! Denn wenn Brandt an die Macht käme, dann würde es den Dritten Weltkrieg bedeuten. Und der Herr Pfarrer im Hintergrund nickte leise, gab gnädig seinen Segen, bevor er sich wieder seiner Haxe und dem Bier zuwandte. So war das damals. Alle Lust wurde leicht zur Sünde. Und nur des Nachts, wenn die Zensoren schliefen, da durften sich die Frauen ihren feuchten Träumen hingeben, Träume von der großen, weiten Welt, jenseits der miefigen Unterwäsche der Ehegatten.“
Auch in seinen Erinnerungen lagen Lust und Politik nahe beieinander. Schon zu Beginn seiner Bekanntschaft mit linken Ideen: „Ende der 1960er-Jahre, Urlaub mit der Familie in den Alpen. In die reine, unverdorbene Bergwelt – weg von der Unmoral und Sittenlosigkeit der Stadt. Es war das letzte Mal, dass ich bei solchen Veranstaltungen noch mitmachte. Nahezu jeden Tag hetzten sie mich durch die Berge, auf den Spuren der Idole meiner Alten, von Luis Trenker bis Leni Riefenstahl. Vater vorneweg in seinen alten, abgewetzten Lederhosen, auf dem Kopf stolz den Tirolerhut mit Edelweiß. Dahinter die Mutter im frisch gekauften Dirndl. Ihr Körper, im Laufe der Jahre etwas fülliger geworden, hatte keine Probleme, das Kleid ordentlich auszufüllen. Mein Gott, wie peinlich! Zu Hause, auf dem flachen Lande, da hätten sie sich nie so lächerlich verkleidet. Aber hier im Urlaub war alles erlaubt. In diesen Augenblicken wünschte ich mir, meine Eltern hätten sich noch ein zweites Kind geleistet, einen jüngeren Bruder, einen Ersatz, der bei solchen Gelegenheiten an meiner Stelle mitgeschleppt würde. Aber nein, ich blieb das arme, gequälte Opfer.
Nur an meinem fünfzehnten Geburtstag wurde gnädig eine Ausnahme gemacht: Ich durfte faulenzen und den ganzen Tag alleine im Tal bleiben. Auf der Hotelterrasse, da habe ich mir dann mein Geburtstagsgeschenk selbst ausgesucht – Katja. Zwei Jahre älter als ich, groß, schlank, sonnengebräunt, mit dunklen Augen und wunderschönen langen, braunen Haaren. Auch sie war mit ihren Eltern unterwegs und – genervt. Vom ersten Augenblick an verstanden wir uns prächtig. Zwei Leidensgenossen, kommandiert von ähnlich penetranten Erziehungsberechtigten.
Der Morgen mit Katja verging wie im Flug. Und gegen Mittag zogen wir um, an die Ufer eines kleinen Bergsees gleich hinter dem Hotel. Hier waren wir ungestört, lagen nebeneinander im Gras und redeten unentwegt, stundenlang. Als die Sonne am Abend die Berggipfel berührte, beugte sich Katja über mich, kam näher und näher. Meine Finger krallten sich in die Erde. Und ich bekam den ersten richtigen Kuss meines Lebens. Ganz nebenbei erzählte sie von Che Guevara und von dem Jeans-Laden in ihrer Heimatstadt, wo die Umkleidekabinen für Frauen mit Postern von tollen, langhaarigen Männern tapeziert wären.
Doch dann hielt meine reizende Freundin inne, betrachtete mich lange, mit traurigen Augen, und flüsterte schließlich: „Für weitergehende Aktionen bist du vielleicht noch zu jung.“
So verflüchtigte sich diese erste vielversprechende Romanze, noch bevor sie richtig Realität werden konnte. Ein Interruptus im Geistigen. Am nächsten Morgen, in aller Frühe, ist Katja mit ihren Eltern abgereist. Ende des Urlaubs!“
Er seufzte: „Nach der Rückkehr zum schulischen Alltag besorgte ich mir Guevaras ‚Bolivianisches Tagebuch’ und setzte bei meinen Eltern durch, dass die Haare wachsen durften. Das waren noch Zeiten! Man erwartete die anstehende Weltrevolution, zwar etwas konfus im Bewusstsein, aber unbeirrt im Glauben an den Sieg der ‚gerechten Sache’. Schließlich fiel die Rebellion gegen Schule und Elternhaus zusammen mit dem Freiheitskampf der Vietnamesen gegen die Amerikaner.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke – mein damaliger Optimismus, völlig unverständlich. Dann, Anfang der 1970er-Jahre, die ersten Rückschläge. Der Tod von Janis Joplin und Jimi Hendrix. Die langsam einsetzende politische Restauration. Da glaubte ich noch, schlimmer könne es nicht kommen. Lang ists her, noch vor Allendes Tod, Radikalenerlass und dem breiten Einsatz von Synthesizern in der Musik.
Und inzwischen, nach der Kapitulation der DDR? Weit und breit keine einzige neue Idee innerhalb der Linken. Nur alter Kaffee in ziemlich unsauberen Tassen. Nicht, dass ich ein glühender Anhänger dieses zweiten Staates auf deutschem Boden gewesen wäre. Aber wieso scheint es auch sonst kein lohnendes Ziel mehr zu geben, keine mitreißende Utopie, über die man sich in den Kneipen die Köpfe heißreden kann? Alles ist schon einmal da gewesen. Alles nur ein weiterer Aufguss, der von Mal zu Mal schaler schmeckt.“
Er blickte nach vorne. Der Stau begann sich aufzulösen und kurze Zeit später floss der Verkehr zügig, ohne dass irgendein Grund für den Stopp zu erkennen gewesen wäre. Seine Stimmung besserte sich, jetzt, wo alles wieder vorwärtsging. Die Straße führte über eine weit geschwungene Brücke, unter der sich ein kleiner Fluss durch das Tal schlängelte. Ein ähnlicher Fluss wie der, an dem er mit Anna den ersten gemeinsamen Nachmittag verbracht hatte.
Ach, Anna! Alles schien in Bewegung zu sein, alles schien zu gehen. Sie tasteten sich gegenseitig ab, tauschten amüsante Geschichten aus. Machten auch schon größere Pläne und liebten einander ungestüm. Damals, kurz nachdem er sie in seiner Stammkneipe kennengelernt hatte. Es war einer dieser typischen Kneipenabende gewesen. Abends, bis kurz vor zehn Uhr, hatte er gearbeitet, am Freitag, damit die Woche zu einem logischen Abschluss kam. Vom Büro aus hatte er anschließend seinen Kumpel angerufen und ihm das Stichwort ‚Durst’ durchgegeben. Mehr war nicht nötig. Eine halbe Stunde später trafen sie sich in ihrer Kneipe. Wie jedes Mal setzten sie sich ganz nach hinten, mit dem Rücken an den Tresen, und genossen die Aktivitäten um sich herum – ein prima Logenplatz. Die Stunden verstrichen, und die Striche auf ihren Bierdeckeln häuften sich.
Dann, kurz vor Sonnenaufgang, betrat eine Frau die Kneipe. Eine Frau, die er hier noch nie gesehen hatte. Für einen Augenblick stand sie unschlüssig an der Tür, musterte den Raum. Dann gab sie sich einen Ruck und kam langsam näher, bis an das andere Ende des Tresens. Mehr oder weniger heimlich musterte er den Neuzugang. Gar nicht so übel, eigentlich! Tolle Figur, erotischer Mund, einen vollen Busen. Und neckische kurze, schwarze Haare.
Der Freund bemerkte sein offensichtliches Interesse und meinte grinsend: „Zieh ihn wieder ein und vergiss es! Den Typ von Frau kenne ich. Da hast du keine Chance!“
War dies ein wohlgemeinter Ratschlag? Oder wollte der Freund nur seinen Ehrgeiz testen? Begierig auf eine gute Show? Ganz gleich – sein Jagdinstinkt war geweckt. Er stand auf. Und es wurde der Anfang, der Anfang seiner Beziehung zu Anna.
Zuerst lief alles wunderbar. Anna war witzig und schön. Und im Bett verstanden sie sich ausgezeichnet, was die Zahl der Kneipenabende mit seinem Freund stark reduzierte. Aber der hatte das selbst provoziert, mit seiner warnenden Bemerkung. Jetzt, jetzt war er nicht mehr Single, sondern musste auf die Pläne und Wünsche einer Freundin Rücksicht nehmen.
Doch nach einem halben Jahr kam der Stillstand. Zuerst noch mit Geschäftigkeit übertüncht. Die Beziehung schleppte sich hin, ohne größere Perspektive. Sie wurden sich fremder, stritten wegen banaler Kleinigkeiten. Bis keiner von beiden mehr wusste, was er noch vom anderen wollte. Die Trennung war reine Formsache. Sie tat nicht einmal richtig weh.
Aber dass Anna und er sich bei ihrem ersten Treffen nach dem Aus noch immer verletzen mussten, das ging ihm nicht in den Kopf. Warum konnten sie nicht wie normale Menschen miteinander umgehen? Ja, sie beide hatten einige Emotionen in die Beziehung gesteckt. Und wer gibt etwas freiwillig her, wenn er glaubt, dafür bezahlt zu haben?
Es ist schon schwer, zumindest am Anfang nach dem Ende! Und wie kamen sie die fixe Idee, nach dem Scheitern alles noch mal durchleben zu dürfen. Zurück auf null. Vielleicht würde das helfen. Die Zeit zurückdrehen. Eine zweite Chance zu haben, um diese verdammten Fehler auszubügeln.
Die nächsten Monate vergrub er sich tief in seiner Arbeit. Die Wochenenden hasste er, lag stundenlang im Bett und war zu nichts zu bewegen. Er fühlte sich alt. In den Gliedern steckte eine Müdigkeit, die auf den Geist drückte, aber zum Einschlafen nicht ausreichte.
Am Ende des Sommers hatte er seinen Resturlaub eingereicht.
„Etwas muss sich ändern!“
Gestern, gleich nach den letzten Arbeitsstunden, war er direkt zu Rocco gegangen, seinem Stamm-Italiener, und ließ sich ein opulentes Mahl servieren.
„Etwas muss sich ändern!“
Diese fixe Idee, inzwischen fest verwurzelt in seinem Kopf.
„Nur was?“
Auf diese Frage konnte er keine Antwort finden.
„So geht mein Leben nicht weiter! Ich verplempere die Zeit mit Unfug. Lauter Unfug, von dem ich gar nichts habe. Ich werde älter und habe die Hälfte des Lebens wahrscheinlich hinter mir.
Es muss sich etwas ändern!“
Aber auch einige Chianti später wusste er immer noch nicht weiter.
„Ich muss weg! Einfach weg von hier! Möglicherweise ergibt sich der Rest dann von selbst?“
Noch die halbe Nacht verfolgte ihn dieser Gedanke. Und heute Morgen, nach unruhigem Schlaf, war er spontan losgefahren. Ohne wirklich zu wissen wohin. Und ohne zu wissen, ob er zurückkehren würde. Wenn er genau überlegte, dann gab es wirklich nicht viel, das ihn in Deutschland hielt. Anna war nur das bisher letzte Glied in der Kette seiner missglückten Beziehungen.
Auf einer breiten Brücke überquerte er den Rhein. Endlich an der Grenze Deutschlands! Und niemand zwang den Flüchtenden zum Anhalten. Heines ‚hässlicher Vogel’ hing zwar noch am Mast, sah aber sehr schlaff aus und zuckte bei der Vorbeifahrt nicht einmal mit den Krallen. Man hatte das arme Tier inzwischen auch stark zurechtgestutzt, es ganz ohne Zepter und Krone ins Fahnenmeer eingereiht.
Er dachte an die alten, martialischen Geschichten vom ‚Vater Rhein’, dem deutschen ‚Schicksalsstrom’. ‚Die Wacht am Rhein’ und ‚Lieb Vaterland, magst ruhig sein’ – oh, sollte es endlich ruhig sein! Ja, der Rhein, dieser große Fluss in der Mitte Europas, der hatte im Laufe der Zeit so viele verschiedene Völkerscharen an seinen Ufern gesehen, dass jede nationale Vereinnahmung nur blanker Hohn sein konnte. Kelten, Germanen, Slawen und mit den Römern nahezu alle Völker der Alten Welt, sogar Eliteeinheiten aus Schwarzafrika. Und die Spuren, die diese Besucher hinterlassen hatten, waren des Öfteren nicht-a-risch. Nein, der Rhein war wirklich keine Jungfrau mehr, um die edle Recken buhlen konnten. Und in dieser Beziehung stand ihm Deutschland um nichts nach. Eigentlich . . .
Doch hier war Frankreich. Endlich! Hinter der Grenze, im Elsass, gestattete er sich den ersten Halt auf seiner Reise – vor einer kleinen Bäckerei, wo es nach frischem, weißem Brot duftete. Demonstrativ parkte er den Wagen auf der linken Straßenseite, was in Deutschland sofort die Ordnungshüter auf den Plan gerufen hätte.
Und in einem Überschwang von revolutionärem Elan betrat er den Laden: „Salut! Une baguette et deux croissants, s’il vous plait.“
Die junge Verkäuferin nahm das Gewünschte aus dem Regal und legte es vor ihm auf die Theke.
„Bitte schön, ein Baguette und die zwei Croissants“, antwortete sie lächelnd auf Elsässisch.
Dies war wieder einer der Momente, wo er unsicher wurde. Unsicher ob des Verhaltens seiner Mitmenschen.
„Ist mein Französisch so schlecht, dass die Verkäuferin sich nicht darauf einlassen will? Oder benutzt man in der Bäckerei zufällig eine Sprache, die mit der meinen verwandt ist? Aus Trotz gegenüber dem mächtigen Paris die Rückbesinnung auf die Folklore?“
Ihm fiel eine Situation ein, beim Brotkauf in seiner Heimatstadt: Vor ihm stand ein älterer Herr. Etwas altmodisch, aber korrekt gekleidet. Er wünsche zwei Roggenmischbrote, sagte er und legte die rechte Hand auf die Theke. Die deutsche Verkäuferin strich ihren Kittel glatt und durchforstete mit strengem Blick das reichhaltige Angebot. Nach einiger Zeit drehte sie den Kopf wieder in unsere Richtung und fragte etwas hilflos, ob der Herr denn einen ‚Brunnentaler Kornlaib‘ möchte.
„Nein, zwei Roggenmischbrote,“, erwiderte dieser mit selbstbewusster Stimme. Und der Begriffsstutzigkeit seiner Umwelt überdrüssig zeigte der Alte gnädig auf eine Brotreihe, die zwar auch eine Fantasie-Bezeichnung trug, aber noch am ehesten zu seinem Wunsch passte.
Diese Vaterfiguren! Diese selbstverständliche Autorität! Warum nur wurde er selbst in solchen Situationen eher unruhig?
Ach ja, sein Vater – der lebte schon seit fünf Jahren nicht mehr. Zuletzt hatten sie sich nur selten gesehen. Doch alleine die Tatsache, dass es den Vater gab, bedeutete für ihn einen gewissen Halt. Eine Art personifiziertes Über-Ich. Richtig bewusst wurde ihm dies aber erst, als es zu spät war. Als der Vater nach einem Schlaganfall nur noch stumm und unerreichbar dahindämmerte. Bereits zur Hälfte aus dem Leben verschwunden. Dieses Gefühl, die eigenen Wurzeln zu verlieren. Niemanden mehr zu haben, an dem er sich festhalten konnte. Ins Bodenlose zu fallen. Er, der einzige Nachkomme, der Letzte einer Linie. Eine Linie, die sein eigener Tod beenden würde. Alleine auf der Welt zu sein, ohne den väterlichen Beistand, nur sich selbst verantwortlich.
Andererseits konnte sich auch der Vater nie richtig durchsetzen – kein Wunder, bei solch einer Walküre von Ehefrau. Dieses Verhalten, das wurde ihm vermacht. Das war eindeutig ein Erbe des Vaters. Und dazu kam der Wunsch, etwas darzustellen, eine stolze Haltung einzunehmen. Aber das klappte nie wirklich. Spätestens beim Anblick von Autoritäten, wie Grenzbeamten oder Polizisten, scheiterte er an der Realität. Stand innerlich stramm. Dieser Trotz, zwischen Ödipus und Hamlet – einerseits der Drang, die Autoritäten zu beseitigen, andererseits die Ehrerbietung vor der Majestät der Macht. Unterordnung gepaart mit Feigheit. Und als Ausrede stets das Wissen um die unausweichlichen Folgen. Es waren nur zwei Seiten einer Medaille, wobei des ‚Gedankens Blässe’ die Ausführung von Aktionen verhinderte.
Seine Eltern hatten ihn zur Zurückhaltung erzogen. Ein lautes Auftreten bedeutete Mühe und extreme Überwindung. Im Gegensatz zu den Typen, die sich ohne Skrupel ihren Weg zum Erfolg bahnen. Die mit dem Cabrio auf Behindertenparkplätzen parken und sich drinnen im Supermarkt rücksichtslos an der Schlange vorbeidrängeln. Freundlich lächelnd: „Sie entschuldigen doch, aber ich habe es eilig!“
In solchen Momenten spürte er diese Anspannung, zwischen Wut und Neid – und eilig hatte er es selbst meist auch. Aber das war jetzt Vergangenheit, zurückgelassen im Deutschland der Eltern. Zurückgelassen wie auch alles andere. All die falschen Entscheidungen, die unnützen Umwege, die unpassenden Frauen.
Wenn man die Chance auf ein zweites Leben hätte? Wenn man alles zweimal durchleben könnte? Zum Beispiel einmal als erfolgreicher Spießer mit geregelter Arbeitszeit und Familie. Ein anderes Mal freischwebend ohne Verpflichtung und Verantwortung. Und wenn man die ewigen Entscheidungen nicht mehr treffen müsste, zwischen Hierbleiben und Fliehen. Weil man sich heraussuchen kann, welcher Weg der bessere gewesen ist.
Möglicherweise hatte er jetzt diese Chance. Durch die Entscheidung zur ‚Flucht‘. Endlich mal eine wirkliche Aktion! Raus aus dem Trott, der den Geist vernebelt.
Sein nächster Halt war am Ortsende, beim Milchladen mit dem Käse in seinen vielfältigen Variationen derselben Sorte – von ganz jung und fest bis zur duftenden, unförmigen Masse, die einer deutschen Käsetheke unwürdig wäre. Trotz der großen Versuchung entschied er sich für die nur zu drei Vierteln vollendeten Werke. Im geschlossenen Wagen ist ein Mindestmaß an Vorsicht angebracht!
Mit seiner Beute setzte er sich hinters Steuer und fuhr weiter auf der Straße, die sich seit der Grenze verwandelt hatte. Sie führte von alleine geradeaus, weit und ohne Einschränkungen.
Langsam wurde er ruhiger.
Er war noch vor dem Mittag losgefahren. Nur kein letztes gemeinsames Essen mehr! Wütend hatte er die notwendigsten Utensilien in den Koffer geworfen und war zum Auto gerannt. Die heiße Sonne Südfrankreichs brannte auf das Wagendach und im Inneren kochte die Luft.
„Wieso hatte dieses Scheißgefährt denn kein Schiebedach?“
Missmutig und mit hoher Geschwindigkeit raste er Richtung Norden. So hatte er sich den ersten ‚privaten‘ Urlaub wahrlich nicht vorgestellt. Nach all den Jahren in der Tretmühle. Wofür das anstrengende Abrackern die ganze Zeit? Tagsüber für die Firma und den größten Rest der Zeit für die Familie?
Geheiratet hatte er bereits vor Abschluss des Studiums, mit dreiundzwanzig Jahren, als seine Freundin unerwarteterweise ein Kind erwartete. Zuerst dachten sie an eine Abtreibung. Aber schnell meldete sich sein christlich konditioniertes Gewissen. Und er pochte mit Nachdruck auf eine Fortsetzung der Schwangerschaft.
Ok, es stimmt schon, er hatte seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen. Das letzte Mal beim Begräbnis der Großmutter. Aber jeden Monat bezahlte er brav die Kirchensteuer. Man wusste ja nie, und diese kleine Rückversicherung erzeugte ein beruhigendes Gefühl – vielleicht war an der Sache mit dem Teufel doch etwas dran. Außerdem gab es da noch die Rücksicht auf die Eltern.
Seiner Frau jedoch, der konnte man nicht mit Religion kommen. Sie war schon früh aus der Kirche ausgetreten. Auch das Argument mit den Eltern wollte sie nicht akzeptieren. Es ginge um ihr Leben, um ihre Zukunft!
Das war die Theorie. Aber dann bekam sie eine so große Angst vor dem Eingriff. Sodass er mit seinem Wunsch gar nicht laut zu werden brauchte. Zum Glück erledigen sich manche Dinge von selbst. Ein Zugeständnis hatte er am Ende doch zu machen: Ihr Kind, wenn es in Gottes Namen kommen musste, das Kind sollte nicht getauft werden.
Die Schwangerschaft verlief nicht gerade optimal. Seine Frau wurde extrem unruhig, zermarterte sich den Kopf. Immer dieselben Fragen: Werden wir mit dem Nachwuchs zurechtkommen? Sind wir der Verantwortung gewachsen?
Mein Gott – sie waren nicht die ersten Menschen, die ein Kind erwarteten! Aber warum hatten sie sich nie die Frage gestellt, die ihm später viel wichtiger erschien:
Wie organisiert man es, neben den Kindern noch genug Zeit für sich selbst zu haben?
Stattdessen all’ die vielen Bücher, über Schwangerschaft, die richtige Ernährung, die ersten Monate eines Babys etc. Sie stopften sich das Gehirn voll mit lauter theoretischem Müll.
Und dann, als das Kind da war – trotz der Zweifel seiner Frau korrekt zur berechneten Zeit und körperlich unversehrt – da arrangierte sich das meiste von selbst. Der Sohn bekam pünktlich Drei-Monats-Koliken und schrie ausdauernd im ersten Vierteljahr seines Lebens – am liebsten ab zweiundzwanzig Uhr bis zwei Uhr morgens. Seine Frau trug den Wurm stundenlang durch die Wohnung, um ihn ruhig zu bekommen. Und einmal setzte er sich sogar ins Auto, mitten in der Nacht, um den Wurm um den Block zu fahren.
Da blieb überhaupt keine Zeit für eine koordinierte Gestaltung der Kindererziehung. Alles wurde eine mehr oder minder unstrukturierte und nervige Angelegenheit. Im Nachhinein wunderte er sich, wie sie die ersten Monate physisch durchgestanden hatten – es musste etwas mit den Hormonen gewesen sein.
Als das Kind ein drei Monate alt wurde, besserte sich die Situation von Tag zu Tag. Es gab die ersten Nächte, wo zumindest er wieder korrekt durchschlief – zwar meist nicht länger als bis sechs Uhr morgens, aber immerhin. Monate später fiel ihm eines der Babybewältigungsbücher in die Hände und er stellte befriedigt fest, dass objektiv nicht viel daneben gegangen war. Langsam konnte man das Leben mit dem Kind genießen. Und der Stress der ersten Zeit wurde verdrängt – was unvernünftigerweise dazu führte, dass es nicht bei dem einen Kind blieb. Wie sagte sein kinderloser Studienfreund, als er ihm von dem neuerlichen Malheur berichtete: „Ein Kind ist vernünftig, zwei Kinder sind normal, drei Kinder sind asozial!“
Das Studium, das beendete er im Schnelldurchgang. Und griff zu beim erstbesten Job, der sich ergab. Von jetzt an spielte sich sein Leben hauptsächlich zwischen den Polen Kinder und Arbeit ab – wobei er insgeheim zugeben musste, dass die Stunden im Büro die weniger anstrengenden waren. Ohne Zweifel, im Gegensatz zur Familie bot ihm die Firma täglich neue, interessante Eindrücke. Und ein kleines Glücksgefühl war schon dabei, wenn er nach den Überstunden zu Hause ankam, und die Kinder lagen bereits ruhig und versorgt in ihren Betten.
Klar, dies hätte er seiner Frau nie beichten können. Es war schon so schwer genug, den kleinen Erpressungsversuchen auszuweichen, mit denen man ihn stärker in die Erziehung einbeziehen wollte.
Was wollte sie eigentlich? Er tat genug für die Familie. Und außerdem musste er das Geld verdienen. Während sie sich nachmittags schon mal ein Nickerchen auf der Couch gönnte. Und noch genug Zeit fand, zu überlegen, mit welchen Pflichten sie ihn am Abend belästigen konnte.
Außerdem war wichtig, dass er im Beruf Anschluss hielt. Dass man sich in der Firma auf ihn verlassen konnte. Dass er jederzeit verfügbar war. Die Ausrede, er brauche Zeit für die Kinder, das hätte der Chef als Fahnenflucht gewertet. Sein Chef, dem seine Frau immer den Rücken freigehalten hatte. Der sich nie um die Kindererziehung hatte kümmern müssen, was er gerne mal erwähnte, bei einem launigen Zusammensein nach Feierabend. Er sah sich als Gegenstück zu den heutigen, ‚modernen’ Männern. Das Wort ‚modern’, aus seinem Mund, es hatte eindeutig den Beigeschmack von ‚Schlappschwanz’.
Eine intakte Beziehung, das ist auch Voraussetzung für den beruflichen Erfolg. Zumindest ab einer gewissen Einkommensstufe. Alleine deswegen sollte man bei der Partnersuche wählerisch sein. In einer gut organisierten Ehe hat jeder seine wohl definierte Aufgabe – hier der Job, dort die Kindererziehung. Es ist nun einmal so: Wenn man sich etwas Luxus gönnen möchte, an der Seite des gut verdienenden Ehemannes, dann muss man als Frau ein paar Opfer bringen. Denn wer hart arbeitet, der braucht am Feierabend seine Ruhe. Klar und aus!
Ok, um exakt zu rechnen – eine große Hilfe, in beruflichen Dingen, das war seine Frau nie gewesen. Er konnte sich noch gut an diese eine Sache erinnern: ein Firmenfest und die Frau sollte ihn begleiten. Denn alle waren eingeladen, mit Ehefrau oder Freundin. Aber an diesem Tag hatte Madame ihr Damenkränzchen. Und wollte es auf keinen Fall nicht verpassen. Kein logisches Argument konnte sie zur Vernunft bringen. Leider blieb ihm nicht viel Zeit für lange Diskussionen, denn die ersten Freundinnen der Frau trafen bereits ein und genehmigten sich feixend den Begrüßungssekt. So endete der Ehekrach damit, dass er wütend die Haustüre zuschlug und sich alleine auf den Weg machte. Auf den Weg zu den beruflichen Verpflichtungen, die der gesamten Familie von Nutzen waren.
Korrekt betrachtet, die Zahl der Streitfälle hielt sich letztendlich in Grenzen, und ohne größere Blessuren überlebten sie die nächsten Jahre. Die Kinder kamen zur Schule. Die familiären Probleme wandelten sich. Leider verschwanden sie nie vollständig. Immer musste er als Papa und Ehemann präsent sein. Er wurde dreißig, dann fünfunddreißig Jahre alt und blieb der Familienvater. Heimlich beneidete er die Kollegen, die sich für ein Single-Dasein entschieden hatten. Die lernten in den Diskotheken neue Mädchen kennen und fuhren in ihren Cabrios durch die Welt. Er hatte eine Familienkutsche und davon auch nicht gerade das neueste Modell. Überhaupt, wie sollte er denn physisch einen Disco-Besuch verkraften, wenn am frühen Sonntagmorgen die Kinder auf der Matte standen und lärmten?
