Ewigkeit - Maggie Shayne - E-Book

Ewigkeit E-Book

Maggie Shayne

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

GEWINNER: RT Book Reviews: Reviewers Choice Award GEWINNER: Reviewer's Listserv: Preis für den besten paranormalen Liebesroman GEWINNER: New Jersey Romance Writers: Golden Leaf Award Einer der „Top 12 Reads of the Year“ von BN.com Vor 300 Jahren wurde Raven St. James wegen Hexerei gehängt. Doch als sie von den Toten aufersteht, findet sie sich unter den Lebenden wieder. Sie ist eine unsterbliche Hochhexe, eine des Lichts. Eine Nachricht ihrer Mutter warnt sie davor, dass es andere gibt, die der Dunkelheit, die ihr eigenes Leben erhalten, indem sie die Herzen von Menschen wie ihr nehmen. Duncan Wallaces verbotene Liebe zu dem geheimnisvollen Mädchen kostet ihn sein Leben. 300 Jahre später liebt er sie erneut, gequält von verschwommenen Erinnerungen an eine Vergangenheit, die nicht real sein kann. Sie erzählt ihm von einem anderen Leben und behauptet, unsterblich zu sein. Obwohl er weiß, dass sie verrückt sein muss, kann er nicht wegbleiben. Und die dunkle Hexe, die es auf ihr Herz abgesehen hat, ist viel näher, als sie beide ahnen. Wenn du OUTLANDER oder HIGHLANDER mochtest, wirst du diese Reihe LIEBEN. Verpasse auf keinen Fall Buch 2, UNENDLICHKEIT oder Buch 3, SCHICKSAL. „Eine ergreifend schöne Geschichte über eine Liebe, die die Zeit überdauert“. ~New York Times Bestseller Autorin Kay Hooper „Diese fesselnde Geschichte über eine Liebe, die die Jahrhunderte überdauert und so unsterblich wird wie die Liebenden selbst, ist geprägt von zeitloser Leidenschaft, mächtiger Magie und quälendem Herzschmerz.“ ~BN.com's offizielle Rezension

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



EWIGKEIT

EIN PARANORMALER, ROMANTISCHER LIEBESROMAN

DIE UNSTERBLICHEN HEXEN

BUCH EINS

MAGGIE SHAYNE

Übersetzt vonARNELA KADIRIC

IMPRESSUM

Ewigkeit: Ein paranormaler, romantischer Liebesroman

Autor : Maggie Shayne

Verlag : 2 Herzen Verlag (ein Teil von Zweihänder Publishing)

Alle Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel “Eternity”

Autor : Maggie Shayne

Verlag : 2 Herzen Verlag (ein Teil von Zweihänder Publishing)

[email protected]

Hedwig-Poschütz Str. 28

10557, Berlin

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachng.

NEWSLETTER

Abonnieren Sie den Newsletter, um über neue Veröffentlichungen von Liebesromanen des 2 Herzen Verlag informiert zu werden:

https://landing.mailerlite.com/webforms/landing/g3v1l4

EINFÜHRUNG

Die Hexe auf dem Hügel

Ihre Augen sind schwarz wie das Mitternachtsmeer.

Ihr Haar, eine rußige Wolke.

Ihre Stimme, der Wind der Fantasie.

Ihr Herz ist wie Feuer und voller Stolz

Ich konnte nicht anders, als sie zu beobachten,

wie sie unter dem Mond tanzte,

Sie wirbelte, sie warf, sie zauberte.

Sie sang einen mystischen Gesang.

In dieser Nacht schwebte sie in meine Seele.

Der Sternenhimmel, ihr Schwingen.

Sie flüsterte Geheimnisse in meine Träume,

und sprach von heiligen Dingen.

In meinem Geist verzauberte sie mich.

Ihr Kuss war von Magie durchdrungen.

Ihre Berührung ließ mich erbeben,

 und ließ mich nach ihrer Umarmung sehnen.

Der Himmel gehorcht ihrem Wunsch,

die Elemente ihren Befehlen.

Sie übt eine Macht über mich aus.

Mein Herz liegt in ihren Händen.

Für sie würde ich das Universum durchqueren.

Für sie würde ich das Meer durchschwimmen.

Aber was könnte eine Zauberin wollen

von einem einfachen Mann wie mir?

Sie kam und sagte: „Ich liebe dich

und werde es wahrscheinlich immer tun."

Mein Herz, das verspreche ich, für immer

an die Hexe auf dem Hügel

-DUNCAN WALLACE

TEILI

KAPITEL1

Ich wusste schon immer, dass ich eine Hexe bin.

Die Definition des Wortes hat sich seitdem etwas erweitert und das zu Recht, wie ich finde. Heute kann sich jeder, der entschlossen ist, das Handwerk der Weisen zu erlernen und zu praktizieren, als Hexe bezeichnen – und das zu Recht. Aber zu meiner Zeit gab es keine Bücher, die den Suchenden den Weg wiesen, außer den Büchern der Hexen selbst, aber die Grimoires wurden geheim gehalten. Damals war man nur dann eine Hexe, wenn man als Tochter einer Hexe geboren oder von einer anderen Hexe adoptiert wurde. Und selbst dann wurden den jungen Menschen nicht alle Geheimnisse verraten. Einige von ihnen erfuhr ich erst viel später.

Meine Mutter war eine weise Frau, eine Hexe und von klein auf wurde mir beigebracht, wie ich die Kraft der Sonne, des Mondes, der Sterne und der Natur selbst nutzen kann. Vor allem wurde mir beigebracht, wie wichtig es ist, alles, was ich gelernt habe, geheim zu halten. Denn die Strafe, die damals auf die Praktizierenden des Handwerks zukam, war hart. Mutter hat mir nie gesagt, wie hart sie war. Ich lernte das, als ich einundzwanzig Jahre alt war, in einer Lektion, die so grausam war, dass sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, obwohl seither drei volle Jahrhunderte vergangen sind. Und doch war es genau diese Grausamkeit, die mich zum ersten Mal auf Duncan Wallace treffen ließ.

Der Schlüssel zum Ruin meiner Mutter war ihre Freundlichkeit. Mein Vater war nur zwei Wochen zuvor an einer Seuche gestorben, die ihre einfache Volksmagie nicht bekämpfen konnte. In jenem brutalen Winter 1689 kamen in unserem kleinen, englischen Dorf viele Menschen ums Leben und vielleicht konnte meine Mutter es einfach nicht ertragen, nach so viel Leid noch einen weiteren Toten zu sehen.

Auf jeden Fall war es Matilda, die Schwester meines toten Vaters, die in dieser dunklen Winternacht an unsere Tür klopfte. Tante Matilda sah erschrocken aus, - wildes Haar, wilde Augen und nicht einmal ein Mantel um die Schultern - Mutter zog sie herein und bat sie, sich im Schaukelstuhl neben dem Kamin aufzuwärmen. Ich bot ihr Tee an, um sie zu beruhigen. Aber Tante Matilda schien durchgedreht zu sein und weigerte sich, sich zu setzen. Stattdessen schritt sie aufgeregt umher, ihre Röcke flatterten um ihre Beine und ihre dünnen Pantoffeln hinterließen feuchte Fußabdrücke auf unserem Holzboden.

„Keine Zeit zum Sitzen und Teetrinken", sagte sie zu uns. „Nicht jetzt. Das ist mein Jüngster, mein kleiner Johnny, benannt nach meinem lieben Bruder. Mein Johnny ist krank geworden!" Sie wirbelte herum und packte meine Mutter, die mit geballten Fäusten das Vorderteil ihres Kleides festhielt. „Ich weiß, dass du ihm helfen kannst. Ich weiß es, ich sage es dir! Und wenn du dich mir jetzt verweigerst, Lily St. James, schwöre ich ..."

„Matilda, beruhige dich!" Die feste Stimme meiner Mutter brachte die Frau zum Schweigen, aber nur für einen Moment, fürchtete ich. „Ich würde mich nie weigern, Johnny zu helfen, wo ich nur kann. Das weißt du doch."

„Das weiß ich nicht!", kreischte meine Tante. „Nicht, wenn du deinen eigenen Mann an der gleichen Krankheit sterben lässt! Bitte, Lily, warum hast du ihn nicht gerettet? Warum hast du meinen Bruder nicht gerettet?''

Der Kopf meiner Mutter senkte sich und ich sah, wie der Schmerz in ihren Augen wieder aufflammte - ein Schmerz, der manchmal nachließ, aber nie verging.

„Ich habe alles versucht, was ich konnte, um Jonathon zu helfen. Aber ich konnte ihn nicht retten", flüsterte sie.

„Vielleicht, weil du die Krankheit von Anfang an auf ihn übertragen hast."

„Tante Matilda!" Ich trat zwischen die beiden, vergaß den Respekt vor den Älteren und zerrte meine Tante am Arm, bis sie mir gegenüberstand und nicht mehr meiner Mutter. „Du weißt es besser. Meine Eltern teilten eine Liebe, wie sie nur wenige Menschen kennen und ich werde nicht zusehen, wie du ihr Andenken besudelst."

„Raven, nicht", begann Mutter.

Aber ich war noch nicht fertig. „Niemand kann eine solche Plage heraufbeschwören und das weißt du genau!"

„Niemand außer einer Hexe, meinst du, nicht wahr, Raven? Raven. Sie hat dich sogar nach einem dunklen Aasvogel benannt. Praktizierst du auch die schwarzen Künste, Mädchen?" Tante Matilda packte mich an den Schultern und schüttelte mich. „Tust du es? Bist du eine Hexe?"

Ich konnte nur schockiert blinzeln und taumelte nach hinten, um mich aus ihren kalten Händen zu befreien. Meine Tante wusste es. Aber woher? Wie konnte sie das Geheimnis kennen, das nur zwischen meiner Mutter und mir bestand? Selbst mein Vater war ahnungslos gewesen ....

„Wie kommst du dazu, so etwas zu sagen?", fragte meine Mutter sanft. „Wie kannst du deine eigene Schwester beschuldigen?"

„Schwägerin und nicht blutsverwandt", erinnerte Matilda meine Mutter. „Und ich weiß. Ich war schon immer misstrauisch gegenüber dir und deinen heidnischen Bräuchen, Lily. Schon als du mir bei der Geburt meines Erstgeborenen geholfen und mir irgendwie den Schmerz genommen hast. Und später, als du mich durch die Grippe pflegtest, die mich eigentlich hätte töten sollen. Du mit deinen Kräutern und Gebräuen." Sie winkte mit der Hand zu den trocknenden Kräutern, die kopfüber in Büscheln an unseren Wänden hingen und zu den mit Tränken und Pulvern gefüllten Krügen, die die grob behauenen Holzregale säumten. „Kein Arzt konnte mein Leiden so lindern wie du." Sie sagte es unfreundlich, machte es zu einer Anschuldigung.

Langsam nickte meine Mutter, ihr heiterer Gesichtsausdruck änderte sich nicht. „Kräuter und Pflanzen sind von Gott gegeben, Matilda. Zu wissen, wie man seine Gaben nutzt, kann doch keine Sünde sein."

„Ich habe dich beim letzten Vollmond gesehen."

Die Worte fielen wie Schläge, als wir uns gegenseitig anstarrten, und uns beide an unser Vollmondritual erinnerten, bei dem wir um Mitternacht heilige Worte am Lagerfeuer sangen.

„Ich weiß, dass du ... Kräfte hast. Und es ist mir egal, ob sie sündhaft sind oder nicht. Ich brauche dich, um Johnny zu helfen. Wenn du diese Seuche nicht heraufbeschworen hast, dann beweise es. Heile ihn, Lily. Wenn du dich weigerst ...." Ihre Augen verengten sich, aber sie sprach nicht weiter.

„Wenn ich mich weigere, wirst du was tun, liebe Schwester? Vor dem Magistrat gegen mich aussagen? Mich wegen Hexerei vor Gericht stellen?"

Matilda antwortete nicht. Das brauchte sie auch nicht. Ich sah die Antwort in ihren Augen und meine Mutter sah sie auch.

„Du brauchst solche Drohungen nicht", sagte Mutter zu ihr. „Du hättest mich nur um Hilfe bitten müssen. Ich werde mein Bestes für deinen Sohn tun, so wie ich es für Jonathan getan habe. Aber Hexerei hin oder her, ich bin vielleicht nicht stark genug, um ihm zu helfen."

„Wenn er stirbt, schwöre ich, dass ich dich hängen sehen werde!" Tante Matilda stürzte auf die Brettertür zu und riss sie an den Scharnieren aus Rohleder auf. „Nimm mit, was du brauchst und komm sofort. Ich muss mich beeilen, um zu seinem Bett zu kommen."

Sie verließ uns in einem Schneewirbel, ohne sich die Mühe zu machen, die Tür zu schließen. Ich ging hin, um die Tür zu schließen und stand dann einen langen Moment lang mit der Hand an der Türklinke. Ich hatte eine schreckliche Vorahnung, dass die Ereignisse der letzten paar Augenblicke unser Leben für immer verändern würden. Ich wusste nicht, wie oder warum, aber ich spürte es bis in die Knochen. Ich holte tief Luft und drehte mich zu meiner Mutter um. Ich kniete vor ihr nieder, nahm ihre Hände in meine und blickte in Augen, die so schwarz waren wie meine eigenen. „Geh nicht zu ihm", flehte ich sie an. „Du kannst ihm genauso wenig helfen, wie du Vater helfen konntest. Und wenn er stirbt, wird sie dir die Schuld geben."

„Er ist mein Neffe", flüsterte sie. Sie riss ihre Hände weg und begann sich vorzubereiten. Sie nahm Kräuterzweige von den getrockneten Sträußen, die an der Wand hingen und schüttete ein wenig von diesem und jenem Pulver in ihren speziellen Kessel. Der Kessel mit der handgemalten roten Rose, die ihren gedrungenen Bauch ziert. Sie fügte dem Gebräu heißes Wasser aus dem größeren gusseisernen Topf hinzu, der in der Feuerstelle hing.

„Wir sollten dieses Dorf verlassen", bat ich, während ich an ihrer Seite arbeitete, abmaß, umrührte und meine Hände über jedes Gebräu hielt, um ihm magische Energie und heilendes Licht zu verleihen. „Wir sollten heute Nacht gehen, Mutter. Unser Geheimnis ist bekannt und du hast mir gesagt, wie gefährlich das sein kann."

„Ich kann mein Gelübde nicht brechen", sagte sie. „Das weißt du doch. Wenn jemand Hilfe braucht und mich um Hilfe bittet, bin ich durch meinen Eid und mein Blut verpflichtet, es zu versuchen. Und ich werde es versuchen." Sie sah mir in die Augen. „Du solltest eine Tasche packen und nach London gehen. Nimm das Pferd. Geh heute Abend. Ich werde nach dir suchen, wenn ..."

„Ich werde dich nicht allein lassen", flüsterte ich und warf mich in ihre Arme. Ich streichelte ihr rabenschwarzes Haar, das meinem eigenen so ähnlich war, auch wenn ihres im Nacken verknotet war, während meines locker bis zur Taille hing. „Bitte mich nicht darum, Mutter."

Ihr Mund verzog sich zu dem ersten Lächeln, das ich seit dem Tod meines Vaters über ihre Lippen kommen sah. „So stark", sagte sie leise. „Und immer so hartnäckig. Also gut. Komm, lass uns zu Johnny eilen."

Schnell packten wir unsere Tränke und einige Kristalle und Kerzen in eine Tasche, zogen unsere abgetragenen, selbstgesponnenen Mäntel über Kopf und Schultern und traten hinaus in die dunkle Winternacht.

Aber mein Cousin war tot, noch bevor wir im Haus meiner Tante ankamen. Und wir wurden von einer Frau mit wilden Augen begrüßt, die uns einst als Verwandte bezeichnet hatte und von einer Gruppe von Bürgern, die sie aus dem Schlaf geweckt hatte, die alle Fackeln trugen und riefen: „Verhaftet sie! Nehmt die Hexen fest!"

Grausame Hände packten mich an den Armen, als ich mich umdrehte, um zu fliehen. Anschuldigungen ertönten in der Nacht und die Leute sahen zu, wie meine Mutter und ich umzingelt und dann über den gefrorenen Schlamm der zerfurchten Straßen geschleift wurden. Ich rief meine Nachbarn um Hilfe an, aber niemand kam. Und mein Herz wurde kalt vor Angst. So kalt wie der vom Wind getriebene Schnee, der mein Gesicht benetzte.

Es war ein langer Weg, der längste Weg meines Lebens. Die ärmlichen Hütten des Dorfes fielen hinter uns zurück, während wir gezogen und geschoben wurden. Wir kamen auf die gepflasterten Straßen, die zwischen den feinen Häusern der Wohlhabenden in der Nachbarstadt verliefen. Schließlich standen wir vor dem Haus des Richters und zitterten vor dem eisigen Wind, während unsere Ankläger an seine Tür hämmerten.

Der Mann kam nach einiger Zeit in seinem Nachthemd heraus und sah zerknittert und irritiert aus. „Was soll das alles?", fragte er mit zuckenden weißen Schnurrhaaren.

„Zwei Hexen!", rief der Mann, der die Arme meiner Mutter fest umklammerte. Diejenigen, die diese Plage über uns alle gebracht haben, Honor."

Die Augen des alten Mannes weiteten sich, dann verengten sie sich wieder, als er uns musterte. Hinter ihm konnte ich den Schein des Feuers in einer großen Feuerstelle sehen und seine Wärme auf meinem Gesicht spüren. Ich sehnte mich danach, meine Hände an diesem Feuer zu wärmen. Meine Finger waren bereits taub von der Kälte.

„Welche Beweise hast du gegen sie?", fragte der Richter.

„Das Wort ihrer eigenen Schwester", sagte ein anderer und deutete auf meine Mutter.

„Matilda ist nicht meine Schwester", sagte meine Mutter, deren Stimme trotz des Wahnsinns um sie herum immer ruhig blieb. Ich werde ihr Gesicht nie vergessen, so schön und gelassen. Ihre Augen, so mutig, ohne einen Hauch von Angst darin. „Sie ist die Schwester meines Mannes."

„Dein Mann, der an der Pest gestorben ist!", rief der Mann. „Und jetzt ist auch noch dein Neffe verschwunden."

„Viele sind der Pest zum Opfer gefallen, Herr. Ihr wollt doch sicher nicht jede trauernde Familie der Hexerei beschuldigen?"

Der Mann starrte meine Mutter an. „Matilda St. James kann das bezeugen, Honor. Sie hat mit eigenen Augen gesehen, wie sie ihre dunklen Riten praktizieren."

„Das ist eine Lüge!" rief ich. „Meine Tante ist wahnsinnig vor Kummer! Sie weiß nicht, was sie sagt!"

„Schweig!" Der Befehl des Richters jagte mir einen Schauer über den Rücken. Er trat vor und schaute auf den geflochtenen Sack hinunter, den meine Mutter noch immer in den Händen hielt. „Was hast du da, Frau?"

Mutter hob ihr Kinn und begegnete seinem Blick. Ich konnte die Gedanken hinter seinen Augen sehen, die Art, wie er uns ansah, wie er uns beurteilte, obwohl wir ihm fremd waren.

„Es sind nur ein paar Kräuter", sagte sie leise, „gebraut zu einem Tee."

„Sie lügt", sagte der Mann. „Matilda St. James sagte, dass diese Frau einen Trank bringen würde, um ihren kleinen Sohn zu heilen. Aber sie fürchtete, die Hexe würde absichtlich warten, bis es zu spät war, um dem Jungen zu helfen und ihre Befürchtung hat sich bewahrheitet. In diesem Sack befindet sich ein Hexengebräu, Honor. Nichts Geringeres, das schwöre ich."

„Das ist kein Trank und kein Gebräu", sagte meine Mutter. „Es ist nur ein medizinischer Tee, sage ich dir."

„Bist du eine Ärztin im Frauenzimmer?", fragte der Magistrat.

„Du weißt, dass ich das nicht bin."

„Gib mir den Sack."

Die Hände, die die Arme meiner Mutter festhielten, lockerten ihren Griff und sie gab ihren Sack her. Der Richter öffnete ihn und betrachtete seinen Inhalt und mir schauderte bei der Erinnerung an die Steine, die wir hineingelegt hatten. Glitzernde Amethyste und tiefblaue Lapis, die heilen sollen. Und die Kerzen, die wir selbst hergestellt und mit magischen Symbolen beschriftet hatten, um Johnnys Genesung zu unterstützen. Wir hätten sie um sein Bett gestellt, wo sie die ganze Nacht gebrannt hätten, um ihn vor den Folgen der Pest zu schützen.

Der Magistrat sah all das und als er wieder aufblickte, waren seine Augen kalt geworden. So kalt, dass ich trotz der Wärme des Feuers in seinem Rücken noch mehr fröstelte. „Steckt sie an den Pranger. Wir stellen sie morgen vor Gericht. Vielleicht bringt eine Nacht auf dem Platz sie dazu, zu gestehen und erspart uns die Zeit." Er zog sich zurück, ließ die Tür einen Spalt breit offen und kam einen Moment später mit einem großen Schlüssel zurück, den er einem der Männer überreichte. „Kümmere dich darum."

„Nein!" rief ich. „Das dürft ihr nicht tun! Wir haben nichts Falsches getan. Magistrat, bitte, ich flehe Sie an ..."

Die Tür schloss sich auf mein Flehen hin und wieder wurde ich gezogen und geschleift, während ich mich gegen meine Entführer wehrte. Aber mein Kampf war vergeblich. Schon bald wurde ich gezwungen, mich nach vorne zu beugen, wobei meine Handgelenke und mein Nacken unangenehm in die böse Umarmung des Stocks gedrückt wurden. Das schwere hölzerne Oberteil wurde heruntergelassen, während meine eigenen Nachbarn mich festhielten und ich hörte, wie die Kette und das Schloss zuschnappten.

Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte meine Mutter nicht sehen, aber ich wusste, dass sie in der Nähe war, denn ich hörte ihre Stimme, die jetzt angestrengt, aber fest war. „Sag dem Richter, er soll mein Geständnis bekommen", sagte sie. „Aber nur, wenn er meine Tochter freilässt. Sie weiß nichts von dieser Sache. Überhaupt nichts. Du musst es ihm sagen."

Der Mann, mit dem sie sprach, grunzte nur als Antwort. Und dann verließen uns die Dorfbewohner. Auf dem Dorfplatz warteten wir schweigend und gebückt auf den Sonnenaufgang. Der eisige Wind schnitt wie ein Rasiermesser und der nasse Schnee schlug weiter auf uns ein. Ich zitterte und begann zu weinen, mein Gesicht brannte vor Kälte, meine Hände waren taub, meine Füße pochten und schwollen an.

Und dann hörte ich die sanfte Stimme meiner Mutter, die leise sang: „Heiliger Nordwind, tu uns nichts Böses. Alter Südwind, komm, halte uns warm." Immer wieder wiederholte sie die Worte und ich zwang mich, nicht mit den Zähnen zu klappern, schloss die Augen und rief die Winde um Hilfe an. Die Volksmagie meiner Mutter konnte keine Eisenketten zum Schmelzen bringen. Aber sie konnte die Elemente herbeirufen, damit sie unsere Wünsche erfüllten.

Innerhalb weniger Minuten legte sich der raue Wind und der Schnee hörte auf zu fallen. Die bittere Kälte wurde durch eine wärmere Brise ersetzt und mein Frösteln ließ nach. Ich war immer noch weit davon entfernt, mich wohl zu fühlen, so gebeugt und unfähig, die Schmerzen in meinem Rücken zu lindern. Aber ich wusste, dass meine Mutter viel mehr leiden musste als ich, denn ihr Körper war älter als meiner. Doch sie beklagte sich nicht. Daraus schöpfte ich Kraft und schwor mir, mein Unbehagen für mich zu behalten.

„Harte Zeiten stehen uns bevor, meine Tochter", sagte sie mir. „Aber was auch immer morgen passiert, Raven, du musst daran denken, was ich dir jetzt sage. Versprich mir, dass du das tust."

„Ich verspreche es", flüsterte ich. „Aber, Mutter, du darfst ihnen nichts gestehen. Nicht einmal, um mich zu retten. Ich könnte nicht überleben, wenn du sterben würdest." Der Gedanke erschreckte mich und ich zerrte meine Hände gegen das raue Holz, das sie gefangen hielt, obwohl ich nicht hoffen konnte, sie loszuwerden. Sie war alles, was ich in dieser Welt hatte. Sie war alles für mich.

„Vielleicht ist das mein Schicksal", sagte sie leise. „Aber es ist nicht deins."

„Wie kannst du das wissen?"

„Ich weiß es", flüsterte sie. „Ich weiß es seit dem Tag, an dem du geboren wurdest, mein Kind. An dem Muttermal, das du auf deiner rechten Hüfte trägst. Die Mondsichel." Tränen brannten in meinen Augen. Aber meine Mutter fuhr fort. „Du bist eine viel mächtigere Hexe, als ich es je war, Raven."

„Nein. Das ist nicht wahr. Ich kann kaum einen anständigen Zirkel ziehen."

Dann lachte sie leise und der Klang berührte mein Herz. Dass sie in einem solchen Moment lachen konnte, ließ mich sie noch mehr lieben und respektieren, als ich es ohnehin schon tat, obwohl ich es nie für möglich gehalten hätte.

„Ich spreche nicht von der Form des Rituals, sondern von der Kraft, Raven. Die Macht ist stark in dir. Und du wirst diese Kraft brauchen. Wenn das hier vorbei ist, Kind, musst du von hier fortgehen. Geh in die Neue Welt. Meine Schwester Eleanor ist dort, in einer Gemeinde namens Sanctuary, in der Kolonie Massachusetts. Sie ist keine Hexe und weiß nichts über unsere Lebensweise. Sie wurde durch die Treulosigkeit meines Vaters geboren und von ihrer eigenen Mutter aufgezogen, nicht in unserem Haushalt. Aber sie ist gütig. Sie wird dich nicht abweisen."

„Vielleicht nicht", sagte ich. „Aber ich werde dich nicht zurücklassen."

„Ich fürchte, ich bin es, die dich zurücklassen wird, mein Schatz. Es ist die Nacht des dunklen Mondes, in der unsere Kräfte schwinden. Aber selbst wenn unsere Monddame ihr volles Licht auf uns herabstrahlen würde, könnte ich mich nicht retten. Weine nicht um mich, Raven. Das Sterben ist ein Teil des Lebens, eine Geburt in ein neues Leben. Das weißt du doch."

„Oh, Mutter, hör auf, solche Dinge zu sagen!" Ich weinte laut, schluchzte und verschluckte mich an meinen Tränen.

Als Mutter wieder sprach, konnte ich auch in ihrer Stimme Tränen hören. „Raven, hör mir zu. Du musst wirklich zuhören."

Ich versuchte, mich zu beruhigen und zu tun, was sie wünschte, aber ich schwor mir, dass sie morgen nicht sterben würde. Irgendwie würde ich sie retten.

„Wenn es vorbei ist", sagte sie mir, „Musst du zu unserer Hütte im Dorf zurückkehren. Aber mach das bei Nacht und sei sehr vorsichtig. Du darfst nicht gesehen werden. Warte nicht zu lange, Kind, damit sie das Haus nicht aus Rache niederbrennen oder es Matildas Familie als Gegenleistung für ihre Aussage gegen uns zusprechen. Du musst heimlich zurückgehen. Sammle nur das, was du für deine Reise brauchst. Dann geh zum Herd. Dort liegt ein loser Stein. Nimm mit, was du hinter diesem Stein versteckt findest."

„Aber, Mutter ..."

„Und nimm das Pferd, wenn es noch da ist. Du kannst es in einem anderen Dorf verkaufen. Aber sei vorsichtig. Solltest du jemanden treffen, verrate ihm nicht deinen wahren Namen. Und sobald du kannst, buche eine Schiffspassage in die Neue Welt. Versprich mir, dass du diese Dinge tun wirst."

„Ich werde nicht zulassen, dass sie dich töten, Mutter."

„Du kannst nichts tun, um es zu verhindern, Kind. Aber du musst es mir versprechen, und ich werde in Frieden sterben, weil du es versprochen hast. Versprich es mir, Raven."

Schniefend murmelte ich: „Ich verspreche es."

„Gut." Sie seufzte so tief, dass es schien, als wäre ihr eine große Last von den Schultern genommen worden. „Gut", flüsterte sie noch einmal, dann ruhte sie sich aus. Vielleicht schlief sie auch. Ich konnte nicht sicher sein. Von da an weinte ich still vor mich hin, weil ich meine Mutter nicht mit meinen Tränen belästigen wollte. Aber ich glaube, sie wusste es.

Als die Morgendämmerung einsetzte, kam der Richter und neben ihm eine Frau, die mit rotgeränderten Augen verstört aussah. Hinter ihnen ging ein Mann, der das Gewand eines Priesters trug. Er hatte ein altes Gesicht, dünn und rau, mit einer Hakennase, die mich an einen Falken oder einen anderen hungrigen Raubvogel denken ließ. Er war blass, als ob er krank oder schwach wäre. Dann kamen sie näher und ich konnte nur ihre Füße sehen, denn ich konnte meinen Kopf nicht weit genug nach hinten neigen, um mehr zu sehen.

„Lily St. James", sagte der Magistrat, „Du und deine Tochter seid des Verbrechens der Hexerei angeklagt. Wollt ihr eure Verbrechen gestehen?"

Die Stimme meiner Mutter war jetzt schwächer und ich konnte den Schmerz darin hören. „Ich werde nur gestehen, wenn Sie meine Tochter freilassen. Sie ist an nichts schuldig."

„Nein", sagte die Frau mit schriller Stimme. „Du musst sie jetzt hinrichten, Hiram. Alle beide!"

„Aber das Gesetz ...", begann er.

„Das Gesetz! Was kümmert dich das Gesetz, wenn unser eigenes Kind über Nacht krank geworden ist? Was brauchst du noch für Beweise?"

Bei ihren Worten brach mir das Herz. Sie gab uns die Schuld an der Krankheit ihres Kindes, genau wie meine Tante es getan hatte. Jetzt konnte uns niemand mehr retten.

Dann hörte ich Schritte und spürte, dass der Richter näher an meine Mutter herangetreten war. Er beugte sich über sie und sagte: „Nimm diesen Fluch auf, Frau. Nimm ihn jetzt auf, ich bitte dich."

„Ich habe weder dich noch deine Familie mit einem Fluch belegt, Herr", sagte meine Mutter. „Wenn es in meiner Macht stünde, deinem Kind zu helfen, würde ich es gerne tun. So wie ich es für meinen eigenen Mann und meinen Neffen getan hätte. Aber ich kann nicht."

„Richtet sie hin!", rief seine Frau. „Michael ging es gut, bis du die beiden verhaftet hast! Sie haben diesen Fluch über ihn gebracht, sie haben ihn aus reiner Rache krank gemacht, sage ich dir und wenn sie lange genug leben, um ihn zu töten, werden sie es tun! Richte sie hin, Ehemann. Das ist der einzige Weg, unseren Sohn zu retten!"

Der Priester trat vor, sein schwarzes Gewand hing schwer an seinen Füßen und schleifte durch den nassen Schnee. Seine Schritte waren langsam, als ob sie ihn große Anstrengung kosteten. Er ging zuerst zu meiner Mutter, ohne etwas zu sagen und ich konnte nicht sehen, was er tat. Aber Sekunden später kam er zu mir und schloss kurz seine Hand um meine.

Ein Schwall von etwas, ein knisterndes, schockierendes Gefühl durchzuckte meine Hand und zischte in meinen Unterarm, so dass ich erschrak und aufschrie.

„Tu meiner Tochter nichts!", rief meine Mutter.

Der Priester nahm seine Hand weg und das seltsame Gefühl verschwand mit seiner Berührung und ließ mich erschüttert und verwirrt zurück. Was war es gewesen?

„Ich fürchte, ihr habt Recht", sagte der Priester zum Richter und seiner Frau. „Sie müssen sterben, oder dein Sohn wird sterben. Und ich fürchte, es ist keine Zeit für einen Prozess. Aber Gott wird euch das verzeihen."

Der Richter schritt davon, mit dem Rücken zu uns, und murmelte: „Dann habe ich keine andere Wahl." Und die drei ließen uns wieder allein. Aber nur für ein paar kurze Augenblicke.

„Mutter", flüsterte ich. „Ich habe solche Angst."

„Du hast nichts von ihnen zu befürchten, Raven."

Aber ich hatte Angst. Ich hatte noch nie so viel Angst verspürt wie in diesem Moment, denn innerhalb weniger Augenblicke kam der Priester zurück und brachte mehrere andere mit. Große, starke Männer. Die Menschen füllten die Straßen, als meine Mutter und ich von den Stangen geholt wurden. Die Leute schrien und nannten uns Mörder und mehr. Sie warfen Dinge nach uns. Müll und verdorbene Lebensmittel, auch als die Männer uns die Hände auf den Rücken fesselten und uns auf einen klapprigen Wagen warfen, der von einem einzigen Pferd gezogen wurde. Ich kroch dicht an meine Mutter heran, die aufrecht und stolz in dem Wagen saß und lehnte mich an sie, meinen Kopf an ihre Schulter, meine Arme zerrten an ihren Fesseln, aber ich konnte sie nicht umarmen.

„Sei stark", sagte sie zu mir. „Sei tapfer, Raven. Lass sie nicht sehen, dass du vor Angst zitterst."

„Ich versuche es ja", flüsterte ich.

Der Wagen hielt an, die Fahrt war viel zu kurz gewesen. Ich blickte auf und sah einen Galgen, der so oft benutzt wurde, dass es aussah, als sei er eine feste Einrichtung hier. Ich wurde aus dem Wagen gezerrt und meine Mutter hinter mir her. Aber sie kämpfte nicht wie ich. Sie stand auf und hielt ihren Kopf hoch und niemand musste sie die Holzstufen zur Plattform hinaufzwingen, während ich trat und biss und mich gegen die Hände meiner Entführer wehrte.

Sie hielt auf den Stufen inne und schaute mich an, fing meinen Blick auf und sandte eine stumme Botschaft. Würde. Sie murmelte das Wort. Und ich hörte auf zu kämpfen. Ich versuchte, ihren Mut und ihre Würde nachzuahmen, als ich die Treppe hinaufgeführt wurde und neben ihr unter einer baumelnden Schlinge stand. Jemand legte mir das grobe Seil um den Hals und zog es fest zu und ich bemühte mich, mutig und stark zu sein, wie sie es mir so oft gesagt hatte. Aber ich wusste, dass ich trotz der Wärme der Morgensonne auf meinem Rücken sichtlich zitterte und ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten.

Der Priester, dessen Berührung mich so erschüttert hatte, stand ebenfalls auf dem Steg, alt und mit strengem Gesicht, seine Augen leuchteten fast, als er mich anschaute ... wie in Erwartung. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der ebenfalls das Gewand eines Geistlichen trug. Er war sehr jung, so alt wie ich, oder vielleicht ein paar Jahre älter. In seinen Augen war kein Eifer, keine Freude zu sehen. Nur reines und unverhülltes Entsetzen. Seine Augen waren braun, trafen meine und hielten sie fest. Ich starrte ihn an und er sah nicht weg, sondern hielt meinen Blick fest, suchte meine Augen, während seine eigenen Überraschung und Verwirrung zeigten. Ich spürte, wie etwas Unbeschreibliches zwischen uns passierte. Etwas, das hier, inmitten von Gewalt und Hass, nichts zu suchen hatte. Es war, als ob wir uns berührten, aber ohne uns zu berühren. Zwischen ihm und mir herrschte ein Gefühl der Wärme, das so echt war, dass es fast greifbar war. Und ich wusste, dass er es auch spürte, denn seine Augen weiteten sich leicht.

Dann löste sich sein Blick und er wandte sich an den älteren Mann und sagte: „Nathanial, so kann man dem Herrn doch nicht dienen."

Der Kuss von Schottland flüsterte durch seine Stimme.

„Du bist jung, Bruder Duncan", sagte der ältere Mann. „Und das kommt dir sicher hart vor."

„Mir kommt es wie Mord vor, Pater Dearborne."

„Du sollst nicht zulassen, dass eine Hexe lebt" zitierte der Priester.

„Du sollst nicht töten“, antwortete der junge Schotte Duncan. Und er sah mich wieder an. „Sie sind nicht verurteilt worden."

„Sie wurden auf dem Platz vom Richter beschuldigt."

„Das kann doch nicht legal sein."

„Das eigene Kind des Richters ist an der Pest erkrankt. Willst du, dass wir warten, bis das Kind stirbt?"

Der Blick des jungen Mannes wanderte über mein Gesicht, obwohl er mit dem alten Mann sprach. Ich spürte die Berührung dieser Augen so sicher, als ob er mich mit seinen sanften Händen streicheln würde, anstatt nur seinen Blick zu richten.

„Ich möchte, dass wir Gnade zeigen", sagte er leise. „Wir haben keinen Beweis, dass diese Frauen die Pest mitgebracht haben."

„Und keinen Beweis, dass sie es nicht getan haben. Warum sollten wir das Risiko eingehen? Sie sind doch nur Hexen."

Der schöne Mann schaute den Älteren scharf an. „Sie sind menschliche Wesen, genau wie wir, Nathanial." Und er schüttelte traurig den Kopf. „Wie heißen sie?"

„Ihre Namen sind für einen Geistlichen unpassend, sie auszusprechen. Wenn du sie so sehr bemitleidest, Duncan, dann erleichtere dein Gewissen, indem du für ihre Seelen betest. Das könnte dir helfen."

„Das ist falsch", erklärte Duncan eindringlich. „Es tut mir leid, Vater, aber ich kann da nicht mitmachen."

„Dann geh, Duncan Wallace!" Der Priester wies mit einem knorrigen Finger auf die Treppe.

Duncan eilte auf sie zu, hielt aber inne, als er an mir vorbeikam. Dann drehte er sich zu mir um, als würde er von einer unsichtbaren Kraft angezogen. Seine Hand hob sich, zögerte, dann berührte er mein Haar und strich es mir aus der Stirn. Sein Daumen strich sanft über meine Wange und saugte die Feuchtigkeit dort auf. „Könnte ich dir helfen, Herrin, glaub mir, ich würde es tun."

„Wenn du es versuchst, würden sie dich auch töten." Meine Stimme zitterte, als ich sprach. „Ich bitte dich ... Duncan ..." Seine Augen schossen zu mir, als ich seinen Namen aussprach und ich glaube, er hielt den Atem an. „Gib dein Leben nicht umsonst auf."

Er sah mich so intensiv an, als würde er meine Seele erforschen und ich glaubte, einen Schimmer von Tränen in seinen Augen zu sehen.

„Ich werde dich nicht vergessen", flüsterte er, dann schüttelte er den Kopf, blinzelte und fuhr fort: „In meinen Gebeten."

„Wenn es eine Erinnerung im Tod gibt, Duncan Wallace", sagte ich und sprach ganz offen, ja sogar kühn, denn was hatte ich jetzt zu verlieren? „Ich werde mich immer an dich erinnern."

Er strich mit den Fingerspitzen über meine Wange, beugte sich plötzlich vor und presste seine Lippen auf meine Stirn. Dann ging er weiter, seine schwarzen Gewänder raschelten, als er die Treppe hinunter eilte.

„Willst du deine Sünden beichten und den Herrn um Vergebung bitten?", fragte der alte Priester meine Mutter.

Ich sah, wie sie ihr Kinn hob. „Du solltest deinen Gott um Vergebung bitten, Herr. Nicht ich."

Der Priester blickte sie an und wandte sich dann an mich. „Und du?"

„Ich habe nichts Falsches getan", sagte ich laut. „Meine Seele ist weit weniger befleckt als die von jemandem, der einen Unschuldigen aufhängt und behauptet, dies im Namen Gottes zu tun. Dann blickte ich auf die Menge unter uns hinunter. „Und weit weniger befleckt als die Seelen derer, die bei einem Mord zuschauen!"

Die Menge der Zuschauer verstummte und ich sah, wie Duncan auf dem Boden unter uns stehen blieb. Er drehte sich langsam um und sah mir direkt in die Augen. „Nein", sagte er mit fester Stimme. „Das ist falsch und ich werde es nicht zulassen!" Plötzlich stürzte er nach vorne, wieder auf die Treppe zu. Aber die Wache am Fuße der Treppe fing ihn mit seinen kräftigen Armen auf und warf ihn zu Boden. Als er versuchte, aufzustehen, wurde er von einer Menschenmenge umringt und mir wurde die Sicht versperrt. Ich betete, dass sie ihm nichts antun würden.

„Dann sei verdammt", sagte der alte Priester und wandte sich ab.

Der Henker kam, um meiner Mutter eine Kapuze über den Kopf zu stülpen, aber sie wich davor zurück. „Sieh mir ins Gesicht, wenn du mich tötest, wenn du den Mut dazu hast."

Knurrend warf der Mann die Kapuze auf den Boden, ohne mir eine anzubieten. Er nahm seinen Platz an dem Hebel ein, der unser Leben beenden würde. Ich blickte wieder nach unten und sah Duncan, der sich wehrte, während drei große Männer ihn festhielten. Ich hatte keine Ahnung, was er glaubte, tun zu können, um unseren Tod zu verhindern, aber es war offensichtlich, dass er es versucht hatte. Er versuchte es immer noch.

„Das ist falsch! Tu das nicht, Nathanial!", rief er immer wieder, aber seine Worte trafen auf taube Ohren.

„Nur Mut", flüsterte meine Mutter. „Du wirst ihn wiedersehen. Und wisse dies, mein Schatz. Ich liebe dich."

Ich drehte mich um, um ihren liebevollen Augen zu begegnen. Und dann fiel mir der Boden unter den Füßen weg und ich stürzte hindurch. Ich hörte Duncans gequälten Schrei. Dann erreichte das Seil sein Ende und ein plötzliches, schmerzhaftes Schnappen in meinem Nacken ließ meinen Kopf explodieren und meine Sicht rot werden. Und dann nichts mehr. Nur noch Dunkelheit.

KAPITEL2

Duncan kannte nicht einmal ihren Namen.

Er kannte nicht mal ihren Namen.

Und doch fühlte er sich, als hätte er einen geschätzten Freund verloren - mehr als das, sogar. Es war, als wäre ein Teil seiner eigenen Seele auf dem Marktplatz brutal ermordet worden.

Ihr Nachname, St. James, so viel hatte er auf der Straße gemurmelt. Mehr als das wusste er nicht. Er würde es vielleicht nie erfahren.

„Ich habe es versucht", flüsterte er. „Gott weiß, dass ich es versucht habe.

Er war jenseits aller Vernunft, aller Logik, bewegt, als er ihre starke, tiefe Stimme hörte und den Mut, der in ihr lag, als sie über die Zuschauer schallte und sie beschämte, wie sie beschämt werden sollten. Und da wusste er, dass er es versuchen musste. Obwohl er jetzt keine Ahnung hatte, was er hätte tun können, selbst wenn sie ihn hätten passieren lassen. Selbst wenn er sie wieder erreicht hätte. Vielleicht war er ein bisschen verrückt gewesen.

Vielleicht war sie wirklich eine Hexe und hatte sein Herz am Galgen mit einem Zauberspruch belegt. Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass etwas von ihm Besitz ergriffen hatte - ein plötzliches, heftiges, verzweifeltes Bedürfnis, sie zu retten.

Und dass er versagt hatte.

Sie hing am Ende des Seils neben ihrer Mutter, ihr Leben war viel zu früh ausgelöscht worden. Und er erkannte an der kalten Nässe, die durch seine Robe sickerte und seine Beine frösteln ließ, dass er jetzt vor dem Galgen kniete. Es schien, als wäre er genau dort gefallen, wo er gestanden hatte, als die Falltür unter dem schönen Mädchen weggerissen worden war. Und er blieb immer noch dort, kniend im Schnee.

Er kam auf die Beine, aber seine Beine fühlten sich schwach an und seine Brust war hohl. Er taumelte vorwärts und schnappte sich eine Klinge vom Gürtel eines Einheimischen, als er an ihm vorbeiging. Den Aufschrei des Mannes ignorierend, bewegte er sich unter den Galgen, um den Körper der jungen Frau in seine Arme zu nehmen. Er drückte sie fest an sich, während er an dem Seil sägte, bis es nachgab. Ihr Gewicht fiel auf ihn, ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter wie der einer Liebhaberin. Seidenweiches Haar, schwarzes und duftend, strich über seine Wange. Er schloss seine Arme um ihren Körper und drehte sein Gesicht ganz in dieses Haar, um es einzuatmen, zu spüren und sich daran zu erinnern - und um die unerklärlichen Tränen zu verbergen, die ihm in die Augen stiegen. So warm, ihr Gesicht auf seiner Haut. So sehr, als ob sie nur schlafen würde.

„Was hättest du für mich sein können?", fragte er sie, seine Stimme war ein ersticktes Flüstern. „Was hätten wir füreinander sein können?"

Aber er sprach mit dem Tod und der Tod antwortete nicht.

„Auch wenn es keinen Sinn ergibt, Mädchen, mein Herz ist gebrochen. Ich habe dich nicht gekannt und doch fühlt es sich so an, als ob ich dich gekannt hätte. Als ob ich dich immer gekannt hätte." Er wiegte sie in seinen Armen und ein Schluchzen unterdrückte ihn. „Kannst du mich hören? Bist du irgendwo da draußen und hörst mir zu, Mädchen? Ich werde dich ordentlich begraben, das schwöre ich. Und deine liebe Mutter auch."

Er drückte sie fest an sich und war von einer unerklärlichen Traurigkeit und einer neuen Gewissheit über den Weg, den er in diesem Leben gehen würde, erfüllt. Und dafür war er ihr zu Dank verpflichtet, das war ihm klar.

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. „Was für ein Spektakel willst du denn aus dir machen, Junge?"

Duncan drehte sich um und sah den Mörder selbst, Nathanial Dearborne, seinen eigenen vertrauten Mentor. „Weißt du, was du heute getan hast?", fragte er den Mann.

Nathanials Augen verengten sich und er gab jemandem ein Zeichen, indem er mit dem Handgelenk zuckte. Sofort stürmten drei Männer nach vorne und rissen die Schönheit aus Duncans Armen, als dieser protestierend aufschrie. Sie trugen sie weg und warfen ihren Körper auf die Ladefläche eines klapprigen Wagens, auf dem bereits ihre Mutter lag. Der Mann auf dem Fahrersitz zerrte an den Zügeln und der Wagen rollte davon.

„Wo bringen sie sie hin?" fragte Duncan und wandte sich an Dearborne, aber sein Blick blieb auf dem Wagen haften - bis er um eine Kurve fuhr und aus dem Blickfeld verschwand.

„In die Grube hinter der Stadt. Es ist das Beste, solche Leute so weit wie möglich von anständigen Leuten fernzuhalten, Junge. Eines Tages wirst du es verstehen. Das war das Beste."

„Es war Mord", spuckte Duncan aus, „Und eine Sünde der übelsten Sorte!" Er starrte den Mann an, als der Wagen nicht mehr zu sehen war. „Ich kann nicht weiter unter der Obhut eines Mannes stehen, der so etwas duldet. Meine Studien enden hier und heute, Nathanial. Ich will nichts mit deiner Priesterschaft zu tun haben, denn du hast gezeigt, dass sie das reinste Übel ist."

Nathanials trübe blaue Augen verengten sich, aber nicht vor Wut und er schrie nicht "Blasphemie", wie Duncan erwartet hatte.

Er sagte nur: „An deiner Stelle würde ich meinen Mund halten, Duncan. Du hast keine Ahnung, mit was für Kräften du es zu tun hast."

„Ich werde meinen Mund nicht halten. Ich kann nicht!"

Nathanial schüttelte langsam den Kopf. „Du kennst die Lehren der Kirche. Die Ausrottung von Hexen ist unsere Pflicht als Christen, Duncan. Wir müssen sie unbedingt auslöschen und die Welt von der Geißel der Hexerei befreien."

Duncan musterte das Gesicht des alten Mannes. Er war ihm einmal sehr nahe gewesen und hatte ihn fast so lieb gewonnen wie seinen eigenen Vater. Jetzt nicht mehr. „Und was wirst du als Nächstes tun, Nathanial, wenn du sie alle ermordet hast? Was wird deine nächste Mission sein? Willst du die Welt von allen befreien, die andere Überzeugungen haben als du selbst?"

Nathanial lächelte. „Die Kreuzzüge haben das versucht und sind gescheitert. Ich will nur meine Pflicht tun, Duncan. Und wenn ich Erfolg habe, ist das ein Dienst für alle Christen."

„Nein", sagte Duncan. „Nicht allen." Er wandte sich von dem Mann ab und empfand nur noch Abscheu für ihn - einen Mann, von dem er einst geglaubt hatte, er sei Gott näher als jeder andere, den er kannte. Aber Duncan erkannte jetzt, dass Nathanial nichts war. Weniger als nichts. Ein Mörder, der seine Arbeit zu genießen schien.

„Wohin gehst du?" verlangte Nathanial. „Dreh mir nicht den Rücken zu, Junge! Beantworte meine Frage!"

Mit einem Blick über die Schulter und in dem Bewusstsein, dass die Leute zuschauen und mithören, antwortete Duncan. „Ich werde meine Sachen zusammensuchen, Nathanial. Und dann werde ich dafür sorgen, dass die beiden Frauen ein ordentliches Begräbnis bekommen. Danach weiß ich nur, dass ich so weit wie möglich von dir und deinesgleichen weggehen werde. Du bist kein Mann Gottes, sondern ein Heuchler und ein Mörder und ich kann es nicht ertragen, mit dir im selben Dorf zu sein."

Dann setzte er seinen Weg ohne ein weiteres Wort fort und hörte das Keuchen und Flüstern der Dorfbewohner, als er vorbeikam.

Er war überrascht, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Denn er kannte diese knorrige alte Hand gut.

„Duncan, warte", sagte Nathanial. „Vielleicht war ich zu grob. Es ist offensichtlich, dass die Arbeit von heute Morgen dich erschüttert hat. Aber es gibt wirklich keinen Grund, so drastische Maßnahmen zu ergreifen. Du willst doch sicher nicht von hier weg ..."

„Doch, Nathanial, das will ich."

„Das kannst du nicht!"

Stirnrunzelnd drehte sich Duncan um. Nathanial beruhigte sich und mäßigte seine Stimme. „Duncan, du bist wie ein Sohn für mich gewesen. Glaub mir, Junge, wäre diese Aktion nicht notwendig gewesen, hätte ich nie ..."

„Aber du hast es getan. Es ist geschehen, Nathanial und du kannst es nicht mehr rückgängig machen."

Nathanial senkte den Kopf und holte tief Luft. „Ich bin krank, Duncan. Das weißt du doch sicher."

„Ja, ich weiß es. Ich habe gesehen, wie du immer schwächer wurdest und ich wünschte mir, ich könnte etwas dagegen tun, Nathanial. Aber ich kann dir nicht helfen. Und krank zu sein, selbst im Angesicht des Todes, gibt dir nicht das Recht, Unschuldige zu erhängen."

„Ich hatte keine Wahl."

„Und ich habe auch jetzt keine Wahl", sagte Duncan. Er wandte sich ab, weil er dem alten Mann, den er einst geliebt hatte, nichts mehr zu sagen hatte. Doch als er weiterging, hörte er, wie Nathanial fortfuhr.

„Es ist wegen des Mädchens, nicht wahr? Das ist ihr Werk."

Duncan ging weiter.

„Verflucht sei sie", rief Nathanial. „Verdammt sei sie, sie wird bezahlen. Ich werde dafür sorgen, dass sie bezahlt!"

„Sie ist nicht mehr in deiner Reichweite, Nathanial."

„Da sei dir mal nicht so sicher, mein Junge", murmelte Nathanial.

Duncan drehte sich um und sah den alten Mann weggehen. Er wusste nicht, was Nathanial mit seinen Worten gemeint haben mochte. Aber das war auch nicht wichtig. Das Mädchen war jetzt weg. Tot und Nathanial war so verantwortlich. Duncan würde dem Mann niemals verzeihen.

Er ging in sein kahles Zimmer im hinteren Teil der Kirche, um seine spärlichen Habseligkeiten in einen Sack zu packen. Er würde nie wieder hierher zurückkehren, er hatte seine Worte ernst gemeint. Dieser Ort war zwei Jahre lang sein Zuhause gewesen, als er bei Nathanial für das Priesteramt studierte. Aber das war jetzt vorbei.

Was er heute gesehen hatte - und was er fühlte - hatte ihn für immer verändert. Er spürte es tief in seinem Inneren, obwohl er keine Ahnung hatte, wie sich diese Veränderung äußern würde. Er wusste nur, dass er gehen musste.

Er wusste nur, dass die seltsame Schönheit ihn berührt hatte, sein Herz, seine Seele und sein Leben verändert hatte und dass er diese Berührung noch lange Zeit spüren würde.

Er warf sich seinen Sack über die Schulter und ging wieder auf die Straße hinaus. Die Leute tuschelten und zeigten auf ihn, als er vorbeiging. Es war ihm egal. Er hätte gerne ein Pferd gehabt. Es war ein langer Weg zu dem Ort, an den sie das Mädchen und ihre Mutter gebracht hatten. Aber er spürte, dass es nur der Anfang einer noch weiter entfernten Reise sein würde. Dass die Schritte, die er jetzt machte, die ersten Schritte auf dem Weg zu seinem Schicksal waren.

* * *

Die Dunkelheit, die über mich hereinbrach, als ich das Ende des Seils erreichte, war nur vorübergehend.

Ich erinnere mich noch genau an das plötzliche, verzweifelte Keuchen, das ich ausstieß, an den blendenden weißen Lichtblitz, der meinen Körper versteifte und mich dazu brachte, meinen Kopf nach hinten zu werfen, während ich so viel Luft einatmete, wie meine Lungen fassen konnten. Der schnell nachlassende Schmerz in meinem Nacken und in meinem Kopf. Und der Schock, den ich spürte, als mir klar wurde, dass ich noch am Leben war.

Ich war am Leben!

Ich öffnete blinzelnd die Augen und schaute mich um, dann krampfte sich mein Magen zusammen. Es war heller Tag, Morgen. Es war noch früh, schätzte ich. Ich lag auf dem Boden, die Leichen der Toten lagen um mich herum verstreut. Die Leichen von gehängten Verbrechern und von denen, die der Krankheit zum Opfer gefallen waren, die in dieser Gegend umherging. Dies war die Grube, die sie für diesen Zweck ausgehoben hatten. Von Zeit zu Zeit kamen Männer mit Schaufeln hierher, um die Toten abzudecken und den Platz für eine weitere Schicht von Pestopfern und Verbrechern vorzubereiten. Aber ich war nicht tot.

Ich war nicht tot.

Ich setzte mich langsam auf, würgte an dem Gestank von verfaulendem Fleisch und sah mich um, wobei ich verzweifelt nach meiner Mutter suchte. Ich hatte keine Ahnung, dass ihre Magie stark genug war, um uns vor dem Galgen zu retten, aber sie muss es gewesen sein, denn ich war am Leben und sie ... sie ... Nein. Oh, nein!

Ich fand sie und mein Herz zerbrach. Sie lag still da, mit gebrochenem Genick, ihre Augen waren offen, aber nicht mehr schön und glänzend. Sie waren bereits durch den filmartigen Glanz des Todes getrübt.

„Mutter! Nein, Mutter, nein!" Ich nahm sie schluchzend in die Arme, fast hysterisch, als ich sie festhielt und sie an mich drückte. „Du kannst nicht weg sein! Du kannst mich nicht einfach so verlassen. Warum, Mutter?" Aber sie antwortete nicht und so schrie ich meine Frage erneut in die Erde, den Himmel und die Leichen um mich herum. „Warum bin ich noch am Leben? Warum lebe ich und nicht meine kostbare Mutter? Warum?" Aber ich wusste, ich würde keine Antwort bekommen.

Nicht von den Toten. Auch nicht von meiner Mutter. Ihr Geist lebte nicht mehr in diesem Körper. Sie war fort. Weg und ich war allein.

Schließlich lehnte ich mich zurück und sah auf ihren armen Körper hinunter, eine leere Hülle, ja, aber trotzdem würde er nicht an diesem abscheulichen Ort bleiben. Nicht, solange mein Herz noch weiterschlug.

Behutsam hob ich sie in meine Arme. Ich war größer und stärker als sie. Aber selbst dann wäre es nicht so einfach gewesen, sie zu tragen. Vielleicht war es mein Kummer, der mich stark machte.

Ich machte mich auf den Weg aus der Grube und trug den Körper meiner Mutter in den nahe gelegenen Wald. Dort schaufelte ich den Schnee weg und schaufelte ein Grab für sie, nur mit meinen beiden Händen und einem flachen Stein als Werkzeug. Meine Nägel waren aufgespalten, meine Finger bluteten und pochten vor Kälte als ich fertig war, aber ich bemerkte den Schmerz nicht. Ich begrub meine geliebte Mutter dort, dann lag ich auf ihrem Grab und weinte.

* * *

Als er endlich den grausigen Ort der Toten erreichte, erschauderte Duncan beim Anblick der dort verstreuten Leichen. Er drückte ein Taschentuch auf sein Gesicht, und schon damals war der Gestank ekelerregend. Und auch die Krankheit hing hier in der Luft. Man konnte sie riechen, fast spüren. Dennoch suchte er nach der dunklen Schönheit unter den Toten.

„Wo bist du?", flüsterte er, während sein Blick das Aas abtastete. Dass sie hier in diesem Dreck auch nur für kurze Zeit sein sollte, ließ eine Wut durch seine Adern strömen, die stärker war als alles, was er bisher gespürt hatte. Was war es, das solche Reaktionen in ihm auslöste? Warum interessierte er sich so sehr für ein Mädchen, das er nicht einmal kannte?

„Duncan!", rief eine Stimme und er drehte sich um. „Komm weg von dort, bevor du krank wirst!"

Am Rande der Grube saß ein junger Mann, den Duncan seit ihrer gemeinsamen Jugend in Schottland als Freund bezeichnet hatte, rittlings auf seinem Pferd. Samuel MacPhearson stützte sich auf den Sattelknauf und blickte auf ihn herab.

„Ich werde nicht gehen, bevor ich sie nicht gefunden habe", sagte er.

„Nun, du wirst sie nicht finden, mein Freund, denn sie sind woanders. Ich habe mich erst vor einer Stunde auf die Suche gemacht. Ich nehme an, dass ich mit dem Pferd schneller hier war, als du zu Fuß."

„Bist du dir sicher?" fragte Duncan.

„Ja. Ich würde dich nicht anlügen, Duncan. Ich kann sehen, dass es dir wichtig ist. Oder sie es ist. Hast du das Mädchen gekannt?"

„Nein", sagte Duncan und machte sich auf den Weg zum Rand. „Aber es fühlte sich so an, als würde ich sie kennen." Als er begann, hinaufzuklettern, stieg Samuel ab und bückte sich, um ihm die Hand zu reichen. Duncan kam oben an und streifte seine schmutzigen Kleider ab. Sie waren selbstgestrickt und passten kaum. Aber das war alles, was er hatte, nachdem er sich der Roben entledigt hatte, die er nicht mehr zu tragen vermochte.

„Warum hast du nach ihnen gesucht, Samuel?" fragte Duncan.

„Aus demselben Grund wie du, würde ich vermuten. Um sie richtig zu begraben. Mir gefiel das, was getan wurde, genauso wenig wie dir, Duncan." Er blickte auf die Toten und zog eine Grimasse. „Aber ich habe sie nicht gefunden."

Duncans Herz krampfte sich zusammen. „Wo können sie nur sein?"

Samuel lächelte, aber es war bitter. „Dein Freund Dearborne würde sicher behaupten, dass sie schwarze Magie benutzt haben, um wieder aufzustehen und zu verschwinden. Aber ich vermute, es gibt eine viel einfachere Lösung. Ein Verwandter hat ihre Leichen heimlich abgeholt. Das kommt vor, Duncan."

Duncan nickte, aber er sah Samuel in die Augen. „Nathanial Dearborne ist kein Freund von mir."

„Er war hier, das weißt du."

Duncan runzelte die Stirn. „Nathanial? Hier?"

„Ja, er hat selbst nach den beiden Frauen gesucht, glaube ich. Und wenn er vor mir hier war, Duncan, dann muss er sein Pferd den ganzen Weg über auf Trab gehalten haben. Ich wollte ihn fragen, warum das so ist, aber als er mich kommen sah, hat er einen schnellen Rückzug angetreten."

Der Gedanke, dass dieser Bastard Hand an das Mädchen legen könnte, ließ Duncan die Zähne zusammenbeißen. „Er hat sie nicht gefunden? Bist du dir da sicher?"

„So sicher wie ich nur sein kann", sagte Samuel. „Er schien noch auf der Suche zu sein, als ich ankam und er hatte keine Leichen im Sattel, als er davon galoppierte.

„Was könnte er von ihnen wollen?"

„Nichts Gutes, das kann ich dir versichern."

„Der Bastard."

Samuels Brauen hoben sich in zwei Bögen. „Ah, dein großer Lehrer ist also ein Bastard, ja?"

Duncan seufzte und schaute auf den Boden. „Du hattest die ganze Zeit Recht, Samuel und ich hätte auf dich hören sollen. Ja, er ist ein Bastard und ein Mörder, das habe ich ihm auch gesagt."

„In der Tat", sagte Samuel und klopfte Duncan auf die Schulter. „Die halbe Stadt weiß es inzwischen." Er neigte den Kopf zur Seite. „Sie sagen, sie hat dich verhext, Duncan. Sie hat dein Herz direkt am Galgen gestohlen."

Duncan hob seinen Kopf, um seinem Freund in die Augen zu sehen. „Vielleicht hat sie das", flüsterte er.

„Ja, ich sehe, dass dich das tief erschüttert hat."

„Und was mich noch mehr erschüttert, ist, dass ich nicht weiß, wo sie ruht. Selbst dieser kleine Trost wurde mir gestohlen. Es war falsch, was man ihr angetan hat, Samuel."

Samuel nickte. „Das ist ein weiterer Grund, warum ich beschlossen habe, weiterzuziehen. Ich nehme Kathleen mit und verlasse diesen Ort. Und Duncan, meine neue Braut und ich wären froh, wenn du mit uns kommen würdest.

Duncan musterte Samuels Gesicht. „Wohin wirst du gehen? Zurück nach Schottland?"

„Über das Meer, mein Freund. In die Neue Welt. Man sagt, dort ist es ganz anders. Chancen für alle Menschen. Die Reichen und die Armen leben dort gleichberechtigt."

Duncan atmete tief durch und überlegte lange, ob er ja sagen sollte. Er hatte von dieser Neuen Welt, diesem Amerika, gehört, wo es angeblich keine religiöse Verfolgung gab. Wild und neu und aufregend. Die Idee war verlockend. Aber er musste sich um andere Dinge kümmern. Pflichten zu erfüllen.

„Ich würde nichts lieber tun, als genau das zu tun, Samuel. Aber nicht jetzt. Ich muss erst nach Schottland zurückkehren und meinem Vater sagen, was ich getan habe."

Samuel schüttelte den Kopf. „Angus wird wütend sein, kein Zweifel. Er hat Dearborne und der Kirche eine ansehnliche Summe gezahlt, um dich ausbilden zu lassen."

„Und ich werde alles zurückzahlen", schwor Duncan.

„Wenn du die Schulden bei deinem Vater zurückgezahlt hast, Duncan, was dann?"

Duncan zuckte mit den Schultern und schaute in die Ferne, auf der Suche nach etwas, das er nicht benennen konnte. „Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, ich weiß es einfach nicht."

Samuel klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn du dich entscheidest, uns in Amerika zu besuchen, mein Freund, komm einfach mit. Wir werden dich gerne willkommen heißen."

„Danke", sagte Duncan. „Das werde ich vielleicht tun."

„Ich hoffe, das wirst du." Dann runzelte Samuel die Stirn. „In der Zwischenzeit, Duncan, hoffe ich, dass du die Geschehnisse des heutigen Tages hinter dir lässt. Deine Augen haben einen gequälten Ausdruck, der mich beunruhigt."

„Gespenstisch", murmelte Duncan. „Ja, so geht es mir auch. Ich glaube, dieses hübsche Mädchen wird mich noch eine ganze Weile verfolgen, Samuel. Und ich bezweifle, dass ich die Erinnerung an sie auf irgendeine Weise hinter mir lassen kann. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das will."

* * *

Stunden vergingen, während ich weinend auf dem Grab meiner Mutter lag. Und dann schwand auch der Tag selbst. Es war schon wieder Nacht, bevor ich überhaupt daran denken konnte, sie zu verlassen, ja sogar darüber nachdachte, was ich jetzt tun sollte. Da erinnerte ich mich an ihre Worte, die sie am Abend zuvor zu mir gesagt hatte. Ich hatte versprochen, dass ich tun würde, was sie verlangte. Ich hatte es ihr versprochen. Ich muss dieses Versprechen halten. Aber zuerst ....

Ich trocknete meine Tränen und versuchte, die nötige Ruhe zu finden, um zu tun, was getan werden muss. Ich suchte nach dem ruhigen Ort in mir. Meine Atmung vertiefte sich. Mein Herzschlag verlangsamte sich. In der Stille zeigte ich mit dem Zeigefinger auf den Boden und zeichnete einen unsichtbaren Kreis um die Ruhestätte meiner Mutter. Und in diesem Kreis saß ich, schloss die Augen und wünschte meiner lieben Mutter Lebewohl.

Einen Moment lang flüsterte der Wind so durch die Bäume über mir, dass es schien, als würde die Stimme meiner Mutter zu mir sprechen. Sei stark, Raven. Ich bin bei dir ... immer.

„Mutter?" Ich erhob mich und schaute um mich herum, aber ich sah nichts. Nur den dünnen Splitter des neugeborenen Mondes, der am Himmel erschien. Wie ein Zeichen, um neu anzufangen. Einen Weg zu finden, um weiterzugehen.

So hätte es meine Mutter gewollt.

Ich wischte mir die frischen Tränen weg und nickte. Die Zeit war gekommen. Aber ich schloss den Kreis nicht, den ich entworfen hatte. Ich ließ ihn dort und wollte, dass er ihr ungekennzeichnetes Grab vor jeglichem Unheil schützt. Nachdem ich das getan hatte, zwang ich mich, sie dort zu lassen, damit ich anfangen konnte, das zu tun, was sie von mir verlangt hatte.

Ich befolgte ihre Anweisungen buchstabengetreu, denn ich ahnte, dass sie es irgendwie wissen könnte und enttäuscht von mir wäre, wenn ich es nicht täte.

Im Schutz der Dunkelheit ging ich zu unserer Hütte und als ich hineinschlüpfte, sah ich ein Chaos. Unser Haus war von allem, was wir besaßen, ausgeräumt worden. Decken und Kleidung, unsere Kupfer- und Eisentöpfe. Einfach alles. Sogar der kostbare Kessel meiner Mutter, den ich mitnehmen wollte, um jedes Mal an sie erinnert zu werden, wenn ich einen Zaubertrank braute oder ihn für ein Ritual benutzte. Sie hatte eine kleine rote Rose auf die Oberfläche gemalt. Es war ihr wertvollster Besitz gewesen.

Aber jetzt war sie weg.

Etwas funkelte mich vom Boden an und ich bückte mich, um ein winziges Stück Amethyst aufzuheben, das die Plünderer irgendwie übersehen hatten. Ich streichelte es, als wäre es ein Diamant und steckte es in meine Tasche.

Unsere getrockneten Kräuter waren von den Wänden gerissen und unter den gestiefelten Füßen zertrampelt worden. Kein einziges Möbelstück und nicht einmal die geflochtenen Teppiche, die den Boden bedeckten, waren übrig geblieben und ich wusste, ohne im Schuppen nachzusehen, dass auch das Pferd mitgenommen worden war. Sie hatten nichts unangetastet gelassen.

Ich ging zur Feuerstelle und zerrte an den glatten, runden Steinen, bis ich den sehr großen fand, der sich bei meiner Berührung löste. Dann legte ich ihn beiseite und griff in das Loch, das er hinterlassen hatte. Dort befand sich ein Stoffbeutel, der vollgestopft war. Stirnrunzelnd zog ich den Beutel heraus, setzte mich auf den Boden, löste den Kordelzug und schaute hinein. In den Falten des Beutels befand sich ein kleinerer Beutel, der schwer mit Münzen gefüllt war. Und ein dunkler Mantel mit Kapuze, der mit Pelz gefüttert war und eng zusammengerollt war, damit er in die Tasche passte. Und dann war da noch ein Buch. Ein wunderschönes, in Leder gebundenes Grimoire, das Seite für Seite mit der feinen Schrift meiner Mutter gefüllt war.

Ich öffnete den Einband und sah eine Halskette, ein goldenes Pentagramm mit einem Mond in der Wiege und dem schönen Bild einer Göttin, die sich in der Umarmung des Mondes ausruht. Ich hob den Anhänger an und sah auf der Seite darunter eine Notiz nur für mich.

Meine liebste Raven,

Wenn du dies liest, bist du jetzt auf dich allein gestellt. Trauere nicht um mich, Kind. Wenn mein Leben zu Ende ging, dann nur, weil es seinen Zweck erfüllt hat und jetzt werde ich zu einem anderen weiterziehen. Aber für dich, mein Kind, ist es erst der Anfang.

Trage das Pentagramm, denn es enthält all die Magie, die ich je besessen habe. Es birgt meine Kraft und meine Weisheit in sich, die du abrufen kannst, solange du es trägst. Aber behalte es in der Nähe deines Herzens und zeige es nicht vor der Welt. Ich habe es nie getragen. Ich habe es nur für dich aufbewahrt. Es zeigt dir, wer und was du bist.

In diesem Buch stehen alle Geheimnisse, die ich gelernt habe. Aber das, das ich dir jetzt verraten werde, ist das wichtigste von allen. Meine Tochter, meine geliebte Raven, du bist nicht wie ich. Und der Weg, der vor dir liegt, wird kein leichter sein.

Raven St. James, du bist eine unsterbliche Hexe, eine starke Hexe, obwohl du nie gewusst hast, dass es solche Wesen gibt.

Wenn du zum ersten Mal leidest und stirbst, wirst du wissen, dass das, was ich sage, wahr ist, denn schon nach kurzer Zeit wird dein Körper wieder auferstehen. Und von diesem Moment an wirst du stärker sein als zuvor und niemals älter werden.

Ich weiß, das muss dich schockieren. Aber du bist nicht die Einzige. Es gibt andere wie dich, auch wenn es nur wenige sind. Und nicht alle von ihnen sind gut und rein im Herzen, so wie du.

Die Geschichten über sie wurden von Generation zu Generation in meiner Familie weitergegeben und ich werde dir alles erzählen, was ich weiß und hoffe, dass du das Wissen nutzen kannst, um dich in Sicherheit zu bringen. Aber ich fürchte, es gibt vieles, was ich nicht weiß, Raven. Dinge, die du selbst lernen musst.

Es gibt zwei Arten von unsterblichen Hexen. Die dunklen und die hellen. Die Bösen und die Guten.