Existenz - Das Mars Paradox - Ryan Rockwell - E-Book

Existenz - Das Mars Paradox E-Book

Ryan Rockwell

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Beschreibung

WELCHE WAHRHEIT BIRGT DER MARS? Im Jahr 2064 ist die Menschheit im Begriff, ins All aufzubrechen. Mit der ersten bemannten Mars-Station scheint der Traum von der Besiedlung fremder Planeten zum Greifen nahe. Und damit auch die Suche nach außerirdischem Leben. Doch eines Tages geschieht das Unvorstellbare. Die Besatzung erwacht ohne Erinnerungen an die vergangenen Tage und im Pflanzenlabor liegt die Leiche des Mikrobiologen Dr. Wolfram Palmer. Alles deutet auf einen Mord hin. Für ESA-Astronaut Nick Adam kann es nur jemand aus dem fünfköpfigen Team gewesen sein. Doch niemand kann sich erinnern. Je weiter Nick nachforscht, desto mehr Ungereimtheiten deckt er auf. Als die Spannungen im Team ihren Höhepunkt erreichen, macht er eine furchtbare Entdeckung. Sie lässt ihn nicht nur an Palmers Todesumständen zweifeln, sondern auch an der gesamten Mars-Mission … Nominiert als »Bester Indie-Roman 2025« für den Literaturpreis Seraph!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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EXISTENZ

DAS MARS-PARADOX

RYAN ROCKWELL

INHALT

Wie Voyager 1 und 2:

1. Erwachen

2. Dr. Palmer

3. August 2062

4. Verdacht

5. Erinnerungen

6. Eine Entdeckung

7. Aufgeflogen

8. November 2062

9. Das Gebirge

10. Der Access-Key

11. Schatten der Vergangenheit

12. April 2063

13. Das Shuttle

14. Koalition

15. Januar 2064

16. Furrina

17. Die Sphäre

18. Nummer 12

19. Existenz

20. Zerbrechendes Glas

21. Auf dem Grund

22. Desaster

23. Der Mars-Rover

24. Minerva

Das Abenteuer geht weiter

Nachwort

Resonanz - Hard Science-Fiction

Kryo - Das verschollene Shiff

Über den Autor

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Impressum

WIE VOYAGER 1 UND 2:

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Die Suche nach außerirdischem Leben ist auch immer die Suche nach einer Enttäuschung.

1

ERWACHEN

Das schrille Aufheulen des CO2-Alarms riss mich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Noch bevor ich die Welt um mich herum vollends wahrnahm, spürte ich, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen war, etwas, das seinen Weg in keines der über 150 Verfahrensprotokolle der Mission gefunden hatte. Mein Körper fühlte sich an, als hätte der Biss einer Giftschlange ihn gelähmt. Ich wand mich auf der Matratze und schlug die Augen auf.

Die Wirklichkeit um mich herum erschien in undurchdringlicher Dunkelheit, und mein von Schlaftaubheit kribbelnder Arm tastete nach dem Jalousieschalter. Menschliche Schreie, panisch und verzweifelt, erhoben sich irgendwo außerhalb meines Zimmers über das Sirenengeheul und ließen mich den Schalter vergessen.

»Licht!«, brachte ich dem Chaos um herum entschieden entgegen.

Die LED-Panels an der Decke flammten auf, kaltes Licht durchflutete den Raum. Meine Augen brannten, als hätte ich tagelang nicht geschlafen, und ich blinzelte gegen das gleißende Weiß an.

Schwer atmend kroch ich aus dem Bett, griff nach meinem orangefarbenen Overall auf dem Stuhl, nur um festzustellen, dass ich ihn bereits trug.

»Ganz ruhig, Nick«, sagte ich zu mir. »Es wird schon einen Grund dafür geben.«

In der Tat glaubte ich nicht an ein schweres Unglück wie etwa ein Leck in der Stationshülle, die Auswirkungen einer solchen Katastrophe hätten mich ungleich heftiger aus meinem Schlaf gerissen. Dennoch stimmte hier etwas ganz gewaltig nicht. Der CO2-Alarm war in ›Red Sands‹ noch nie losgegangen. Ich beugte mich vor und drückte nun doch auf den Taster der Jalousie. Nichts geschah. Vielleicht wütete draußen einer dieser gefürchteten Staubstürme. Wie spät war es überhaupt?

Der Monitor des Kabinenterminals an der Kopfseite meines Bettes blieb schwarz. Ich beschloss, später die Steuerung des Moduls zu überprüfen, denn es schien einen ernsthaften Defekt zu geben, und ich musste sicherstellen, dass nicht auch die lebenserhaltenden Systeme betroffen waren. Wann war das letzte Mal etwas Derartiges vorgefallen?

Verwirrt hielt ich inne. Ich konnte mich nicht erinnern. Ein stechender Schmerz durchzog meinen Kopf, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und meine Erinnerungen gelöscht. Ich schüttelte mich, versuchte mich zu konzentrieren, atmete dazu durch die Nase ein und ruhig mit gespitzten Lippen wieder aus, so wie ich es gelernt hatte. Doch es fühlte sich an, als hätte sich meine äußere Hirnhaut aufgelöst, und als kullerte mein Gehirn wie ein Stein durch meinen Schädel.

Ich stellte mich vor den Spiegel, und mit Entsetzen betrachtete ich die Schrammen in meinem Gesicht. Meine Hand fuhr durch mein kurzgeschorenes Haar, auf der Suche nach weiteren Verletzungen. Nichts. Nur einige frische Kratzer an meinem Hals. Ich versuchte mich zu erinnern, fühlte mich jedoch so benommen wie nach meinem 40. Geburtstag vor einigen Jahren. Ich wusste weder, was gestern passiert war, wie ich in mein Bett gekommen war, noch welcher Tag heute war. Die Schreie von draußen hörten nicht auf.

Mit einem letzten Blick auf das tote Interface und die verschlossenen Rollläden drückte ich den Taster meiner Zimmertür. Leise glitt sie zur Seite, und der ohrenbetäubende Krach aus Sirenengeheul und Rufen schlug mir entgegen. Ich war allein auf dem Gang. Ein Blick nach links zeigte das verschlossene Fenster zwischen den Zugängen von Waschraum und Modultechnik.

»Was um alles in der Welt …«

Ich musste ruhig bleiben, schließlich war ich für die Sicherheit hier verantwortlich. Entschlossen trat ich vor die gegenüberliegende Tür und klopfte an. Mein Gedächtnisverlust schien schlimmer zu sein als vermutet, denn ich konnte mich nicht mehr erinnern, wer mir gegenüber wohnte. Das kleine elektronische Namensschild neben der Tür war genauso tot wie das Interface in meiner Kabine.

»Hallo?«, rief ich.

Als niemand die Tür öffnete, drückte ich den Taster, doch irritierenderweise funktionierte der Handdetektor wie er sollte, und verweigerte mir aufgrund meines Handlinienprofils den Eintritt. Die Schreie kamen von einer einzigen Person, und sie waren kein durchgängiges, hysterisches Gebrüll, sondern ein Mix aus Wehklagen und Fassungslosigkeit. Sie schienen von einer weiblichen Person zu kommen, und zwar aus einer der anderen vier Kabinen.

Erst jetzt bemerkte ich ein unangenehmes Ziehen in meinen Schultern und in meiner Hüfte. Was zur Hölle war geschehen, dass mein sonst so vitaler Körper so geschunden war? Vor der Kabinentür, hinter der ich das Schreien hörte, blieb ich stehen. Kurz zögerte ich, dann hämmerte ich mit geballter Faust gegen die weiße Kunststofffläche.

Das Schreien brach abrupt ab und ließ die Sirene allein vor sich hin heulen. Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück, denn ich hatte in der Raumfahrtakademie gelernt, dass Menschen in Extremsituationen zu allem fähig sein konnten. Und die wenigsten bewahrten die Besonnenheit, die man mir für gewöhnlich zuschrieb. Mit einem Mal fuhr die Tür auf und eine dunkelhaarige Frau stürzte aus dem Durchgang.

»Oh, Gott!«, schrie sie mich an. »Was ist hier los? Was ist passiert?«

Ich kannte sie, doch ihr Name kam mir nicht in den Sinn. Es fiel mir ehrlich gesagt schwer, mich zu konzentrieren, denn die Frau trug nur ihre Unterwäsche. Außerdem rann Blut über ihr Gesicht, welches sich seinen Weg aus zwei Platzwunden an der Stirn über den Hals und das linke Schlüsselbein gesucht und sich in den oberen Rand ihres Bustiers gesogen hatte. Schweißperlen standen auf der nussbraunen Haut, und mit einem Blick, in dem so viel Abscheu wie Panik lag, taumelte sie auf mich zu und warf sich mir mit letzter Kraft in die Arme. Sie schluchzte, während ihre spitzen Finger sich in meinen Anzug krallten. Ich legte meine Arme um sie, hielt sie davon ab, zusammenzubrechen.

»Wir müssen die Blutung stoppen«, sagte ich so ruhig wie möglich.

Ich wuchtete ihren Arm über meine Schulter und schleppte mich mit ihr zu den Türen der anderen Wohnkabinen. Doch auch in den letzten drei der insgesamt sechs Zimmer öffnete niemand.

»Schaffst du es bis runter in den Gemeinschaftsraum?«, fragte ich.

Ein finsterer Blick ihrer dunklen Augen traf mich, und ich war mir plötzlich nicht sicher, was diese Frau umtrieb. Allerdings schien sie zu schwach und zu aufgelöst, um mir gefährlich zu werden. Sie war ein paar Jahre jünger als ich, etwa einen Kopf kleiner, und während ich im Gehen ihre ansprechende Statur scannte, erinnerte ich mich wieder an ihren Namen.

»Maricara.«

Sie sah mich an. »Was ist hier los, Nick? Was ist mit mir passiert? Wo sind die anderen?«

»Die anderen …«, wiederholte ich.

Vergeblich suchte ich nach Erinnerungen, doch mein Kopf war wie ein schwarzes Loch. Es konnte unmöglich wahr sein, dass ich mich plötzlich an nichts mehr erinnerte. Dass auch Maricara von diesem Phänomen ereilt worden war, machte mich zusätzlich stutzig.

Wir betraten das oktogonale Kreuzungsmodul. Der Durchgang zur EVA-Schleuse rechts war geschlossen, ebenso der gegenüberliegende Durchgang, an dem kein Modul andockte. Wir bogen links ab, wo der Korridor bis zu einer 45-Grad-Biegung leicht abfiel. Immer wieder verließ Maricara die Kraft. Ihre nackten Füße verloren den Halt und schliffen über den glatten Boden des Korridors. Nach einigen Metern erreichten wir den Kreuzungspunkt, und ich hörte über dem Tosen des Alarms bereits die Stimmen mehrerer Personen.

Als wir rechts in den Gemeinschaftsraum einbogen, blickten uns drei Frauen mit besorgtem Blick an. Die Rollläden an der rückwärtigen Wand fuhren gerade hoch und tauchten sie in grelles rötliches Marslicht.

Eine zierliche Frau in einem dunklen Technikeranzug lief uns entgegen. Sie hieß Ace - das wusste ich - und unter ihren hochgesteckten Haaren starrte uns ein emotionsloses asiatisches Gesicht an.

»Ach du Scheiße!«, entfuhr es ihr.

Doch anstatt mir Maricara abzunehmen, blickte sie nur angewidert an der verletzten Frau herunter. Alles, was über die Namen meiner Kameradinnen hinausging, lag in mir verschüttet, doch ich bemerkte, dass meine Erinnerung an Ace negativ konnotiert war.

»Los!«, forderte ich. »Helft mir, verdammt!«

Die beiden anderen Besatzungsmitglieder nickten sich unsicher zu, eilten uns zur Hilfe. Es waren Rina und Therese, und zuerst griffen ihre Hände mit einer gewissen Aversion nach der verletzten Maricara. Auch wenn die Schwerkraft des Mars geringer als die der Erde war, so hatte mir das Gewicht der Stationsmechanikerin Maricara unter meiner gegenwärtigen Verfassung ordentlich zugesetzt.

Rina, die einen orangefarbenen Anzug mit dem Abzeichen der Missionskommandantin trug, brachte Maricara zu unserem Esstisch und setzte sie auf einen der Stühle. Therese wischte ihre schulterlangen Haare hinter die Ohren, was jedoch nichts half, bevor sie den Erste-Hilfe-Koffer von der Wand hinter sich abnahm. Nervös öffnete sie ihn und holte Verbandsmaterialien heraus.

»Das sieht nicht so gut aus«, bemerkte sie und drückte mit einem Desinfektionstuch auf Maricaras Stirn.

»Vorsicht!«, zischte diese.

»Sag doch gleich, dass es beschissen aussieht«, kommentierte Ace. »Sie muss sofort einen richtigen Arzt sehen. Wir sollten das auf der Stelle Kourou melden.«

»Augenblick«, unterbrach ich Ace. »Für solche Fälle gibt es ein Protokoll. Wir lassen uns auf gar keinen Fall von diesem Zwischenfall aus dem Konzept bringen. Ace, hast du bereits das System gecheckt?«

Die kleine Frau sah mich an, als hätte ich gefragt, ob sie überhaupt schon einmal gearbeitet hatte. Ihren grünen Augen entwich ein stechend scharfer Blick.

»Tu es«, forderte ich. »Bevor wir eine Meldung machen, müssen wir sicherstellen, dass wir genau wissen, was hier vor sich geht.«

»Die gesamte Station ist im Shutdown, verdammt«, erklärte Ace.

»Aber das kann nicht alles sein«, erwiderte ich. »Der CO2-Alarm …«

»Betrifft nicht die komplette Station, habe ich schon gecheckt. Es besteht keine akute Lebensgefahr. Es muss irgendwo eine kleine undichte Stelle geben.«

»Dann hat das Informationssystem des Wohnmoduls einen Defekt. Der kann unmöglich über Nacht aufgetaucht sein.«

»Keine Ahnung, seit wann dieser Fehler ansteht«, verteidigte sich Ace. »Ich müsste nachdenken, aber auf Anhieb kann ich es nicht sagen.«

»Siehst du, das meine ich«, sagte ich. »Sieh dir das Stations-Log an und auch die Protokolle.«

Die dunkelhaarige Maricara saß zusammengekauert auf dem Stuhl, die Füße auf der Sitzfläche, ihre Knie vor der Brust, während Kommandantin Fossett und Therese sich um sie kümmerten. Die weit aufgerissenen Augen verrieten, dass Maricara unter Schock stand, aber sie versuchte, so professionell wie möglich damit umzugehen.

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ich weiß nicht, was gestern Abend geschehen ist. Ich weiß nur, dass der Alarm mich geweckt hat.«

Ich blickte in die Runde, und die Frauen schienen in ihren Erinnerungen zu tauchen, auch wenn ihre fassungslosen Gesichter kein gutes Zeichen waren.

»Ich auch nicht«, sagte ich. »Es ist alles weg. Irgendetwas muss vorgefallen sein, irgendetwas, das einen kollektiven Gedächtnisverlust verursacht hat.«

Ich merkte, dass sich die anderen trotz des anhaltenden Sirenengeschreis allmählich beruhigten. Maricara schloss nun ihre Augen und atmete konzentriert ein und aus, während Therese das Tuch wechselte und weiter die Wunden abtupfte. Ace stand mit verschränkten Armen in der Ecke neben dem Kaffeeautomaten und blickte finster drein. Ich schätzte, die ablehnenden Gefühle, die mich bei ihrem Anblick umtrieben, beruhten auf Gegenseitigkeit.

Rina Fossett hob ihren Kopf und stellte sich vor die Fensterfront, welche die gesamte Ostseite des Moduls ausfüllte, und blickte hinaus. Ich kam neben sie und bemerkte einen dünnen Schweißfilm auf ihrer kastanienbraunen Haut.

Sie sagte: »Ich bin ja schon heilfroh, dass es keinen Staubsturm gegeben zu haben scheint. Was auch immer hier los ist, wir sollten es schnell herausfinden.«

Draußen sah ich in etwa 200 Metern Entfernung einen der Energiekonverter, der auf halbem Weg zum ›Mars Return Module‹ in der Wüste stand. Der blass rote Sandboden war wie gewöhnlich mit den typischen Rippelmarken übersät, dazwischen lagen kleine Steinbrocken. Einen ausgewachsenen Sturm hatte es hier seit Wochen nicht mehr gegeben.

»Warum kenne ich eure Namen, weiß aber nicht, was gestern oder letzte Woche geschehen ist?«, fragte Rina, den Blick auf die Marswüste gerichtet.

»Woran erinnerst du dich noch?«, fragte ich.

Rina sah mich an. Ihr Mund stand leicht offen, obwohl sie versuchte, ihre vollen Lippen aufeinander zu pressen. Schließlich blinzelte sie ein paar Mal und blickte auf den Boden.

Sie sagte: »Wir haben Missionstag 72.«

2

DR. PALMER

Ich hatte keinen kompletten Gedächtnisverlust erlitten. Die wiederkehrenden Erinnerungen überfluteten die scheinbare Leere in mir, und ich musste diese Dinge nicht einmal artikulieren oder den anderen mitteilen; sie waren einfach wieder da: unsere Mission, die Aufteilung der Station, meine Beziehung zu den anderen. Vieles schwemmte fragmentarisch zurück in mein Bewusstsein, doch ich war mir sicher, mein Körper und mein Geist würden mir schon bald die Gänze meines Erlebten offenbaren.

Während Therese sich weiterhin um Maricara kümmern wollte, hatten Kommandantin Fossett, Ace und ich beschlossen, der Ursache unseres Gedächtnisschwunds und des Alarms auf den Grund zu gehen. Wir verließen den Gemeinschaftsraum durch den einzigen Ausgang, bogen am Kreuzungsmodul jedoch nicht nach links zu den Quartieren ab, sondern nach rechts, in Richtung des Kontrollraums.

Der Korridor zum Labormodul erstreckte sich vor mir und verschwand hinter einer Biegung. Das Wissen um den genauen Standort des Labors gab mir Hoffnung, dass unsere Amnesie nur das kurzfristige Produkt einer technischen Störung war. Ich sollte kein Recht behalten.

Der Korridor zum Kontrollraum vollführte eine 90-Grad-Biegung über insgesamt drei 2,80 Meter lange Segmente, die mit Faltenbälgen verbunden waren. Ich wusste nicht, ob die anderen es auch taten, aber im Vorbeigehen inspizierte ich die Dichtungen auf mögliche Risse.

»Himmel, bin ich froh, wenn wir dieses Geplärre abstellen«, versuchte Rina Fossett die Sirene zu übertönen.

Ace sagte: »Ich wette um einen Hunderter, dass es ein Leck in der CO2-Aufbereitung gibt. Und das hat uns vollkommen ausgeknockt.«

»Die Wette verlierst du«, sagte ich.

»Wer sagt denn, dass ich mit dir gewettet habe?«

Ace, die vor mir ging, drehte sich kurz um und presste ihre ohnehin schon schmalen Augen ein weiteres Mal zu Schießscharten zusammen. Was um alles in der Welt hatte sie für ein Problem mit mir? Ich wusste, da war etwas zwischen uns vorgefallen, doch was genau es war, behielt mein Unterbewusstsein noch für sich.

Ich blieb hartnäckig: »Wette mit wem du willst. Es gibt allerdings keine Studie, wonach bei einer CO2-Vergiftung eine massive Amnesie aufgetreten wäre. Ich gebe dir recht, Ace. Die Marsatmosphäre besteht zu 95 Prozent aus Kohlendioxid, und ein mikroskopisch kleiner Riss in einem der Verbindungselemente könnte ein Grund für eine mögliche Vergiftung sein. Doch das würde nur den Alarm erklären, nicht aber den Rest.«

»Danke für deine Expertise, Sicherheitsingenieur«, sagte die kleine Frau, diesmal ohne sich umzudrehen. »Aber vielleicht erinnerst du dich daran, dass ich diejenige bin, die sich um den ganzen Technikkram kümmert.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und tat so, als hätte ich ihren Angriff überhört. Am Ende des dritten Korridorsegments erreichten wir das Materiallager, ein Modul etwa halb so groß wie der Gemeinschaftsraum. Rina und Ace bogen vor den engen Regalreihen, die vollgestopft mit Ausrüstung waren, links ab, vorbei am Steuerungskasten des Moduls hinüber in das Kontrollmodul, welches mit dem Materiallager durch ein Korridorsegment verbunden war.

Dass die Module nicht direkt aneinanderkoppelten, war ein konstruktionsbedingter Umstand, denn aus Sicherheitsgründen hatten sich NASA, ESA und JAXA - die Bauherren von ›Red Sands‹ - dazu entschieden, dass immer ein Korridorsegment oder ein Kreuzungspunkt zwischen ihnen verbaut sein musste. Im Falle eines Lecks war vorgesehen, sie als Schleusenelemente zu verwenden. Zu diesem Zweck verfügte jedes Segment über eine Tür am jeweiligen Ende und eine Vorrichtung für den Druckausgleich.

»Wer hat denn hier nicht aufgeräumt?«, fragte Rina, als wir den Kontrollraum betraten.

»Scheint jedenfalls ‘ne wilde Party gewesen zu sein«, kommentierte Ace trocken. »Das gefällt mir nicht.«

Die zierliche Frau in dem dunklen Technikeranzug marschierte schnurstracks der gegenüberliegenden Seite entgegen, während Rina und ich uns behutsam dem Chaos aus losen Dingen näherten. Der Kontrollraum sah aus wie nach einem Einbruch, wobei wir sicher sein konnten, dass wir selbst dafür verantwortlich gewesen sein mussten. Auf den ersten Blick sah ich, dass keine wichtigen elektronischen Geräte zerstört worden waren.

Der gebogene 50-Zoll-Monitor auf dem zentralen Pult stand noch so da, wie ich ihn in Erinnerung hatte, auch die beiden Toshiba-Mini-Computer, der 3D-Drucker, der Formenscanner. Die meisten anderen Dinge waren auf dem Boden oder auf den Ablageflächen verteilt. Es war ein heilloses Chaos aus Trinkbechern, Lebensmitteltüten, Erste-Hilfe-Material, zwei der Ersatztastaturen, Kanister mit flüssigem Reinigungsmittel.

»Na schön, dann wollen wir mal«, sagte ich.

Die Kommandantin stand inmitten des Durcheinanders und schien meine Worte nicht gehört zu haben. Mit kritischem Blick und halb geöffnetem Mund sah sie sich um, schien die losen Gegenstände auf dem Boden zu sichten. Ace zog derweil ihr Ding durch, und ich hoffte, sie kam meiner Aufforderung nach. Sie stand an einem der kleinen Fenster am südlichen Ende unserer Station und blickte nach draußen, dorthin, wo sich die Solar-Panels befanden. Nach kurzer Begutachtung prüfte sie die Anzeige auf dem Display des Solar-Steuerungsmoduls.

»Rina«, sagte ich eindringlich.

Die Kommandantin blickte mich an, als hätte ich sie gerade geweckt. Ihr Mund stand weiterhin offen, und ihre dunklen Augen musterten mich von oben bis unten. Dann blies sie die Luft aus und ging ohne ein Wort zu sagen zu ihrem Platz im Zentrum des Raums. Mit ihrem Arm wischte sie die Trinkbecher vom Tisch und aktivierte über die Tastatur den Computer. Noch bevor sie sich setzte, schaltete die Kommandantin den Alarm ab. Eine eigentümliche Stille, gleich einer Taubheit, erfüllte den Raum. Ich stellte mich neben Rina und hörte ihren nervösen Atem, als sie sich niederließ.

»Ich kann das alles noch immer nicht fassen«, murmelte sie. »Sehen wir uns an, was das Ereignisprotokoll sagt.«

Die Kommandantin ließ die Finger knacken und klickte sich durch das Bordsystem. Ich ging näher an den Bildschirm heran, um das, was oben rechts in der Statuszeile des Betriebssystems angezeigt wurde, besser lesen zu können.

»Sol 72, wie du gesagt hast, Rina.«

»Halb acht morgens«, fügte die Kommandantin hinzu. »Auf der Erde haben wir den 24. März 2064.«

Nicht nur die Kratzer in meinem Gesicht brannten unangenehm, auch mein Nacken schmerzte höllisch, als ich ihn dem Monitor entgegenstreckte. Und meine Kehle. Doch es fühlte sich nicht nach Halsschmerzen an, sondern eher nach einer mechanischen Überbeanspruchung. Weiß der Teufel, was ich getan hatte! Ich ließ den Blick über das Chaos schweifen und überlegte, ob es im Verbandsbuch der Medi-Box Hinweise auf das Vorgefallene geben konnte. Ich überließ Rina die Arbeit am Computer und fand das Verbandsbuch zu Aces Füßen neben einem geöffneten Erste-Hilfe-Kasten.

»Was soll das werden, Nick?«, zischte Ace. »Kontrollierst du, ob ich wirklich meine Arbeit mache?«

»Nein, ich suche nach Hinweisen. Ich will verdammt nochmal wissen, was du gegen mich hast.«

Ace behielt eine Hand am Steuerungsmodul und drehte sich um. In ihrem Gesicht formte sich ein nachdenklicher Ausdruck, und ich wollte nicht ausschließen, dass Ace sich selbst nicht im Klaren darüber war, warum sie mich nicht leiden konnte.

»Lass mich einfach in Ruhe«, sagte sie und drehte sich wieder um.

Ich hob das postkartengroße Verbandsbuch auf und aktivierte die Glasplatte mit einem Wisch über ihre Oberkante. Der Begriff ›Buch‹ beschrieb schon seit Jahrzehnten nicht mehr das, was dieses Medium letztlich war. Es handelte sich um ein kleines Tablet, das einzig zum Zweck der dokumentierten Materialentnahme diente. Jede Medi-Box verfügte über ein eigenes Buch, und sie alle waren zusätzlich mit dem Bordsystem gekoppelt, welches die Entnahme und den Materialstand überwachte.

Doch beim Blick auf die Liste zeigten sich keine Auffälligkeiten. Der letzte der nur fünf Einträge war von Sol 53, als Ace sich beim Schweißen eine Brandverletzung zugezogen hatte. Ich beschloss, sie nicht darauf anzusprechen.

»Okay, Leute!«, sagte die Kommandantin auf einmal. »Wir haben nun die Gewissheit. Es gab kein außergewöhnliches Ereignis, das auf unseren Gedächtnisverlust schließen lässt.«

»Na, das beruhigt mich aber«, spottete ich.

Ace drehte sich um und trat einen Schritt auf die Kommandantin zu.

»Bist du dir ganz sicher?«, fragte sie.

»Nein«, gestand Rina. »Ich habe keinen Zugriff auf meinen User-Level, aber über das allgemeine Nutzerprofil kann ich den Fehlerstatus aufrufen und sehen, dass das System keine gravierenden Fehler ausgegeben hat. Wohl aber einen definitiven CO2-Alarm.«

»Wo?«, fragte ich und erschrak über meine strenge Stimme.

»Im Pflanzenlabor.«

»Was sagt das Überwachungssystem?«, wollte ich wissen. »Besteht Vergiftungsgefahr?«

»Negativ.«

Der Reihe nach sahen wir uns an. Die ganze Sache erschien mir mit einem Mal wie ein Rätsel oder eine Art Schatzsuche, nur mit dem Unterschied, dass am Ende keine Kiste voller Gold auf uns wartete, sondern die Erkenntnis darüber, was in ›Red Sands‹ geschehen war. Doch ich war mir nicht sicher, ob ich diese Erkenntnis erlangen wollte.

Rina erhob sich und nickte zustimmend in die Stille. Dann drehte sie sich um und verließ den Kontrollraum. Ace warf einen raschen Blick auf das Solarmodul, dann entfuhr es ihr durch ihre zusammengebissenen Zähne: »Verdammt, ich war mit der Überprüfung noch nicht fertig!«

Die Kommandantin schien entschlossen, dem Auslöser des Alarms auf den Grund gehen zu wollen. Mit einer einzigen Bewegung sprang sie von einer Ecke des Materialmoduls zur anderen und verschwand aus meinem Blickfeld im Korridor. Durch die geringe Gravitation auf dem Mars, beträgt die Fallgeschwindigkeit eines Körpers nur etwa 38 Prozent der irdischen. Bei alltäglichen Handlungen wie Computereingaben, Heben oder Gehen macht sich das kaum bemerkbar, aber bei schneller Fortbewegung wird der Unterschied deutlich.

Trotz des gleichen Massenverhältnisses wie auf der Erde kann man aufgrund der reduzierten Fallgeschwindigkeit auf dem Mars viel weiter springen. Ich erinnerte mich an Videos, die wir für Mission Control unten auf der Erde gedreht hatten. Sogar die eher ruhige Therese hatte sich zu einem beeindruckenden Roundhouse-Kick hinreißen lassen, bei dem sie rekordverdächtige zweieinhalb Sekunden in der Luft geblieben war.

Ich bog in den Korridor und sah, wie die Kommandantin mit drei schnellen Schritten Schwung holte und absprang. Mit ihren Armen korrigierte sie ihre Flugbahn, ehe sie durch das Korridorgelenk in das nächste Segment tauchte und erneut zum Sprung ansetzte. Offensichtlich motiviert von ihr zwängte sich Ace an mir vorbei und folgte Rina in weitaus eleganteren Sprüngen. Ich überwand meine Zurückhaltung und tat es ihnen gleich, obwohl ich längst vermutete, dass das ausströmende Kohlendioxid keine so dramatischen Auswirkungen haben konnte, die eine solche Hektik rechtfertigten.

An der Kreuzung zum Gemeinschaftsraum waren die Frauen stehengeblieben und hatten Therese und Maricara über die Lage informiert, doch kaum hatte ich zu ihnen aufgeschlossen, verschwanden sie nach rechts in Richtung Labor. Maricara saß Esstisch und hatte sich in eine goldene Rettungsdecke gehüllt, während Therese noch immer damit beschäftigt war, ihr das Blut aus dem Gesicht zu wischen.

Der Korridor zum Pflanzenlabor beschrieb, wie der zum Kontrollraum eine 90-Grad-Biegung über drei Segmente nach rechts, wobei der Kreuzungspunkt als erstes Segment diente. Die Tür zum Modul war allerdings verschlossen, und Rina sowie Ace waren vor ihr zum Stehen gekommen. Die Kommandantin drehte sich um, und ich blickte in ein verschwitztes Gesicht mit halboffenem Mund.

»Auf deine Verantwortung, Nick«, keuchte sie.

Ich spürte, wie ich Rina schief ansah.

»Was genau erhoffst du dir davon, wenn du mir die Verantwortung überträgst? Du hast das Kommando.«

Rina warf einen nervösen Blick auf den Boden. Mich irritierte das so sehr, dass ich ebenfalls hinabsah. Aber zwischen unseren Füßen war nichts, wonach sie hätte Ausschau halten können. Möglicherweise war die Kommandantin noch benommen von der Amnesie, doch so, wie sie sich verhielt, machte sie keinen kompetenten Eindruck, obwohl wir vor der Mission zahlreiche Szenarien dieser Größenordnung durchgespielt hatten.

Ich war sicherlich kein Actionheld, doch mir war die Wichtigkeit bewusst, in Extremsituationen auf der Höhe zu sein. Im schlimmsten Fall wurde jeder noch so kleine Fehler, jedes Abweichen von den Protokollen aufgrund der lebensfeindlichen Bedingungen des Mars mit dem Tod bestraft. Durch das kleine Fenster in der Tür konnte ich jedoch sehen, dass alle Gegenstände und Versuchsaufbauten an Ort und Stelle waren und höchstwahrscheinlich keine Lebensgefahr für uns bestand.

»Geht zur Seite«, forderte ich.

Mir entging nicht, dass Rinas Nervosität ihren Höhepunkt erreicht hatte, doch vermied ich es vorerst, sie darauf anzusprechen. Ich zwängte mich zwischen den beiden Frauen an das Terminal. Auch hier war das Informationssystem ausgefallen, aber die leuchtenden Dioden an den Tastern zeigten, dass die Schließfunktion der Tür ordnungsgemäß arbeitete. Vorsichtig legte ich meine Hand auf den Öffnen-Taster, vergewisserte mich mit einem letzten Blick bei den Frauen und öffnete die Tür.

Wie vermutet wurden wir weder durch einen Riss in der Hülle hineingesogen, noch wehte uns ein Atem des Todes entgegen. Stattdessen fegte ein warmer Schwall tropischer Luft über uns hinweg und eine befremdliche, fast schon unheimliche Stille empfing uns. Das Modul, das wir alle nur ›Pflanzenlabor‹ nannten, war in Wirklichkeit ein multifunktionaler Laborkomplex für alle Experimente und Untersuchungen, die während unserer geplanten 278-tägigen Mission anstanden. Das eigentliche Pflanzenlabor erstreckte sich in der hinteren Hälfte des etwa 50 Quadratmeter großen Moduls, während vorne Bereiche für Geologie, Wasserstudien, Mikrobiologie, Histologie und sogar für den vermeintlich unpassenden Bereich der Arbeitssicherheit Platz fanden.

Nicht nur ich zögerte kurz vor dem Betreten des Raums, auch die Kommandantin hielt inne. Ace war die Erste, die sich vorwagte, und ich meinte, mich zu erinnern, dass sie oft und gern Risiken einging. Die Sache mit der Verletzung durch das Schweißgerät riefen mir Bilder ins Gedächtnis, die durchaus real sein konnten. Sie betrat den Raum und inspizierte mit ernster Miene beide Seiten. Vor ihr erstreckte sich eine grüne Wand aus Versuchspflanzen.

»Hört ihr das?«, fragte sie. »Irgendwo strömt etwas aus.«

Hinter uns hörte ich Schritte, und ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass die Neugier auch die anderen gepackt hatte. Ich folgte Ace und hörte ebenfalls ein Zischen.

»Das scheint von hinten zu kommen«, mutmaßte ich. »Klingt nach dem Abzug des Prüflabors oder dem Handschuhkasten. Ace, wir sollten vielleicht Helme aufsetzen …«

»Hast du etwa Schiss? Rina hat doch gesagt, dass keine Vergiftungsgefahr besteht.«

Nun drehte ich mich um. Die Kommandantin war in der Tür stehengeblieben und warf mir einen unsicheren Blick zu. Therese und Maricara, die neben ihr aufgetaucht waren, wirkten keinen Deut souveräner. Entschlossen wandte ich mich wieder um.

»Ace, verdammt! Das Vorgehen in einem solchen Fall ist im Protokoll klar geregelt. Ich dachte, das wäre längst etabliert.«

Die Technikerin sah mich an. Sie war Anfang 30, aber ihre Haut glich der einer Teenagerin, denn nur zwischen ihren Augen zeichneten sich Wutfalten ab, als sie einen Schritt auf mich zu machte und mir mit ihrer Faust kräftig auf den Brustkorb schlug.

»Hol‘ dir deinen verdammten Helm, wenn dir dein Protokoll so wichtig ist! Ich löse in der Zwischenzeit das Problem.«

Ein brennender Schmerz breitete sich am Brustbein aus, wo Ace mich getroffen hatte. Sie tauchte durch eine Barriere aus Palmlilien und verschiedenen Gemüsepflanzen. Ich blieb stehen. Und noch bevor ich den Entschluss fasste, mir doch einen Helm aufzusetzen, hörte ich Ace rufen.

»Kommt alle her! Sofort!«

Sie klang nicht, als würde sie an Kohlendioxid ersticken, also rannte ich los, schlug die tiefgrünen Blätter beiseite und erstarrte plötzlich. Ich hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht mit dem, was sich mir offenbarte.

»Was um alles in der Welt …«

Die anderen waren schneller bei Ace und mir, als ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Obwohl ich ein deutliches Zischen hörte, war das Rauschen meines Bluts dabei, das dominierende Geräusch meiner Wahrnehmung zu werden. Auf der kleinen Freifläche inmitten von Tomaten, Paprika, Roggen und einem Regal mit Kresse und Kräutern lag ein Mensch. Von dem, was ich sah, schien es ein Mann zu sein und sein Gesicht zeigte zum Boden. Eine dunkle Lache hatte sich unter seinem Bauch gebildet. Hinter mir hörte ich ein Würgen.

»Scheiße, wer ist das?«, stammelte Rina.

»Drehen wir ihn um, dann sehen wir es«, forderte Ace.

»Wartet«, sagte ich. »Was ist, wenn er krank war, oder …«

Ohne auf meinen Einwand einzugehen, kniete sich Ace nieder, packte den orangefarbenen Anzug und drehte den Mann auf die Seite. Schrilles Quieken erfüllte das Labor.

»Palmer!«, stellte Therese fest.

Ace drückte angewidert ihren Arm an den Mund und nahm Abstand von der Leiche. Aus meiner Erinnerung heraus grinste mich der dunkelhäutige Mann auf dem Boden schelmisch an und ich meinte sogar, mich an den Klang seiner Stimme zu erinnern. Nun lag der Mikrobiologe inmitten seines Arbeitsplatzes, die Augen weit aufgerissen, als könnten sie jeden Moment aus ihm herausfallen. Eine hässliche Wunde klaffte an seiner hohen Stirn, und der klebrige Blutteppich verteilte sich in Gesicht, Haaren und einem großen Teil des Anzugs. Ich spitzte meine Lippen und versuchte, ruhig zu atmen, verdrängte den Gedanken an den Geruch des Todes, der in meine Lunge gelangen könnte.

»Sein Notebook liegt dort unten«, sagte ich.

Therese mutmaßte: »Möglicherweise war es ein Unfall. Seht ihr den Gerätewagen?«

Sie deutete auf den mobilen Arbeitsplatz am Rand der Getreidepflanzen, eine Blutspur zeichnete sich auf der kleinen Tischplatte ab. Ace durchsuchte die Umgebung, als zweifelte sie an Thereses Aussage. Aber auch für mich stimmte hier etwas nicht.

»Woran sollte er sich verletzt haben?«, fragte ich. »Selbst wenn Palmer einen Schwächeanfall gehabt haben sollte, hätte er kein so großes Loch in seinem Schädel. Nein, das war äußere Gewaltanwendung!«

»Was lässt dich das glauben, Nick?«, fragte Ace.

Ich zuckte plötzlich zusammen, denn wenn es tatsächlich kein Unfall gewesen sein sollte, hatte ich mich mit meiner Aussage schlagartig in eine Sackgasse manövriert. Ace blickte mit heruntergedrückten Mundwinkeln zu mir auf.

»Du sprichst von Mord, Nick. Dessen bist du dir bewusst, oder?«

»Mord?«, keuchte Rina.

»Ganz ruhig«, sagte Therese. »Wir wissen überhaupt nichts. Erst einmal ist Palmer nur tot.«

»Nur tot!«, brüllte die Kommandantin ungehalten. »Wisst ihr, was das für eine Tragweite hat?«

Ich begann, Ace für ihre Worte zu hassen. Sicher, sie hatte nur ausgesprochen, was ich dachte, doch gleichzeitig hatte sie mich damit zum Verdächtigen gemacht. Verstört blickte ich in die Runde. Jeder nahm plötzlich Abstand vom anderen, als wären wir alle Magneten, die sich voneinander abstießen. Ace hatte Misstrauen gesät, mit Absicht oder nicht. Es war egal; der Verdacht des Mordes stand im Raum, und der Grund dafür lag als toter Körper zu unseren Füßen.

»Das glaube ich jetzt nicht«, sagte Maricara.

Sie zog die raschelnde Goldfolie noch fester um ihren Körper. Mein Blick fiel auf ihre klebrig blutigen Hände. Doch nicht nur ich, auch Therese und die Kommandantin starrten die blutverschmierte Wissenschaftlerin entgeistert an.

»Oh nein, Leute!«, beteuerte sie. »Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Ich war es nicht!«

»Das können wir schnell prüfen«, sagte ich. »Das Blutanalysegerät steht gleich da drüben.«

Maricaras Atem überschlug sich und sie brach augenblicklich in Tränen aus. Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, wich von uns zurück. Etliche Strähnen ihrer dunklen Haare fielen ihr ins Gesicht und bedeckten ihre geröteten Augen.

»Lass sie, Nick«, sagte Therese. »Sie braucht etwas Ruhe.«

»Das verstehe ich ja, aber ein Bluttest würde Gewissheit bringen.«

»Gewissheit?«, rief die Kommandantin aufgebracht. »Dass nicht sie die Mörderin ist, sondern einer von uns anderen?«

»Rina, das habe ich nicht gesagt«, wehrte ich ab.

»Aber du hast es gedacht!«

»Wir müssen herausfinden, woran Wolfram gestorben ist. Vorher können wir nicht zur Normalität zurückkehren. Gib mir deine Hand, Maricara.«

»Nein!«, brüllte die Wissenschaftlerin und schlug nach meiner ausgestreckten Hand. »Ich war es nicht!«

»Nick, lass sie in Ruhe, verdammt!«, forderte Therese.

Maricara sah sich wild um, und ich ahnte, dass die Lage kurz davor war, zu eskalieren. Ich dachte an das Sicherheitsprotokoll für Personen unter starkem psychischem Stress.

Betont ruhig sagte sich: »Ace, Rina, helft mir, sie zu fixieren. Wenn wir eine Blutprobe haben, darf sie gehen.«

»Nick, bitte!«, rief nun Therese lauter.

Ich ignorierte sie, machte einen Satz auf Maricara zu. Die Frau in der Goldfolie wollte fortlaufen, doch ich bekam sie zu packen, zerrte sie zu mir. Dabei fiel ihr die Rettungsdecke von den Schultern, und ihr mit dunklen Rinnsalen bedeckter Oberkörper schlug gegen mich. Maricara schrie, als wollten wir ihr einen Dämon austreiben. Mit aller Kraft versuchte sie, sich aus meinem Griff zu befreien. Doch ich hielt ihre Arme fest. Ace war zur Stelle, hatte ein Feuchttuch bei sich.

»Gib mir deine Hand!«, schrie sie.

»Nein!«, keifte Maricara. »Ich war es nicht! Ich habe Palmer nicht getötet!«

3

AUGUST 2062

Berlin, August 2062

Die Erinnerung an einen Spätsommertag im Jahr 2062 schwemmte zurück in mein Bewusstsein. Mit unerwarteter Heftigkeit beförderte sie mich auf die Dachterrasse meines Hauses in Berlin Dahlem. Ich stand in der sengenden Nachmittagshitze und starrte gedankenverloren auf die fernen Hochhaustürme im Stadtzentrum. Unzählige Personenkraftdrohnen schwirrten zwischen ihnen umher und ließen die überfüllten Luftstraßen wie schwebende Hochspannungskabel erscheinen. Die Eiswürfel in meinem Wasserglas hatten längst ihren Aggregatzustand von fest zu flüssig geändert, und die kondensierte Luft an der Außenseite war so warm wie der Schweiß unter meinem Leinenhemd.

Es war der Tag, an dem ich meiner Familie mitgeteilt hatte, dass ich an einer zweieinhalb Jahre dauernden Marsmission teilnehmen würde. Meine Frau Hera war alles andere als begeistert gewesen. Nach einem hitzigen Gespräch hatte sie das Haus verlassen, um bei einem Spaziergang am nahen Schlachtensee meinen Entschluss zu verarbeiten und über unsere gemeinsame Zukunft nachzudenken.

Ich nahm einen Schluck aus dem Glas, schmeckte das verbrauchte Kohlendioxid und spürte, wie ein Tropfen Kondenswasser auf meiner Brust landete. Mein Entschluss stand fest, auch wenn Hera mich lieber in einer Laufbahn gesehen hätte, die mich nicht in die unendlichen Weiten des Alls katapultiert hätte.

»Dir ist schon bewusst, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass du da oben stirbst?«, hatte sie mit Tränen in den Augen hervorgebracht, unmittelbar bevor sie das Haus verlassen hatte.

Ich wusste es, dennoch wollte ich im Namen der Wissenschaft das tun, worauf ich bereits mein ganzes Leben lang hingearbeitet hatte. Meine Sicht auf die Dinge war nüchtern genug, um weder den Verstand zu verlieren noch ständig an einen negativen Ausgang der Marsmission zu denken. Hera sah das anders, vor allem im Hinblick auf unsere Kinder, die erst 7 und 9 Jahre alt waren.

Ich seufzte, stellte das halbvolle Glas auf den Loungetisch und ging hinein. Kaum war ich unten im Wohnzimmer angekommen, schallten mir die hellen Stimmen von Sam und Will entgegen.

»Papa!«, rief Will, den wir nie mit seinem vollen Namen ansprachen. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du so lange in einem Raumschiff wohnen wirst. Was machst du, wenn du mal frische Luft brauchst?«

Von der letzten Treppenstufe setzte ich meine nackten Füße auf die angenehm kühlen Holzdielen, kniete mich vor Will auf den Boden. Seine leuchtenden Augen verrieten den Stolz über meine Entscheidung. Er konnte sich am allerwenigsten vorstellen, was sie bedeutete.

»Ich werde jedenfalls nicht das Fenster aufmachen«, sagte ich.

»Ich finde das blöd!«, rief Sam vom Sofa. »Du wirst meinen zehnten und meinen elften Geburtstag verpassen.«

Obwohl Sam in ein Spiel auf dem Tablet vertieft war, hörte sie genau zu und betonte, dass sie eher Heras Meinung als meine vertrat. Ich sah zu ihr, und ein kurzer wütender Blick unter ihrem blonden Pony traf mitten in mein Herz.

»Ich werde 2065 schon wieder bei euch sein.«

»2065!«, wiederholte Sam abschätzig. »Und was, wenn du auf dem Mars stirbst?«

Will sah mich auf einmal ernst an, und ich fühlte mich, als müsste ich sofort etwas zu meiner Verteidigung sagen. Immerhin war er momentan der Einzige, der zu mir stand.

»Die allermeisten Astronauten sind bisher wieder sicher nach Hause zurückgekehrt.«

---ENDE DER LESEPROBE---