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Allein an Bord. Verlier nicht die Kontrolle! Unerwartet erwacht Softwaretechniker Scott Ferguson aus dem Kälteschlaf. Anstatt im Orbit von Ceres angekommen zu sein, scheint die gewaltige Raumfähre Tycho weit vom eigentlichen Kurs abgekommen. Scott stellt fest, dass außer ihm keiner der über 3.000 Passagiere aufgeweckt worden ist. Außerdem treibt das größte und modernste Raumschiff des Sonnensystems manövrierunfähig vor einem unbekannten Planeten. Als Scott den seltsamen Umständen seines Aufwachens nachgeht, stößt er auf Hinweise, die ihn an der offiziellen Mission der Tycho zweifeln lassen. Kann die holografische Sicherheitsassistentin Kate helfen, das Rätsel zu lösen? Aber nicht nur die dunkle Wahrheit hinter der Tycho und das Geheimnis um den fremden Planeten bringen Scott in große Schwierigkeiten, sondern auch er selbst. Denn Scott dürfte gar nicht an Bord sein. Mit »Kryo – das verschollene Schiff« liefert Ryan Rockwell einen Science-Fiction-Thriller, der die Isolation und die Paranoia im All greifbar macht, mit gnadenloser Spannung bis zur letzten Seite. Dabei stellt er sich der Frage: Was wäre, wenn unser Traum vom Beherrschen der Technologie durch den Griff nach den Sternen an seine Grenzen stößt? »Kryo – das verschollene Schiff« ist ein abgeschlossener Einzelroman, wie Fans von Joshua Tree, Blake Crouch, Dominik A. Meier oder David Reimer ihn lieben: mysteriös, hoch spannend und voller unerwarteter Wendungen. „Passengers“ meets „Solaris“ Die DELUXE-EDITION beinhaltet den In-World-Bonus "Theta-Array", ein streng geheimes Dokument der Graves Corporation, sowie eine Leseprobe.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
DELUXE EDITION
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Wie Voyager 1 und 2
1. Erwachen
2. Das verschollene Schiff
3. Mare Nubium
4. Das Sicherheitsprotokoll
5. Crew Area
6. Graves Corporation
7. Kontrolle
8. Risse
9. Irritationen
10. Im Wahn
11. Minett
12. Konfrontation
13. Der Fehler
14. Risiko
15. Habitat 1
16. Rapid Reanimation
17. Security Area
18. Die Andere
19. Verrat
20. Die Karte
21. Die Trasse
22. Ein Geheimnis
23. Shuttle Port
24. Der Planet
25. Überleben
26. Gestrandet
27. Die Wahrheit
28. Deformation
29. Glitch
30. Macht
31. BONUS: Theta-Array-ConfSec.dxf
Theta-Array als Download
32. LESEPROBE: Existenz - Das Mars-Paradox
Existenz - Das Mars-Paradox
Nachwort
Über den Autor
Impressum
Mit einem Klatschen landeten meine vor Kälte tauben Hände auf dem Boden. Wie auch immer ich mich aus dem Kryotank hatte befreien können, es musste mir in einem Zustand der Bewusstlosigkeit gelungen sein. Und ohne Hilfe. Noch wagte ich nicht, meine schmerzenden Augen zu öffnen. Zu groß war die Angst, ich könnte durch den Auftauprozess mein Augenlicht verloren haben. Das Blutrauschen in meinen Ohren war alles, was ich hörte, während ich mich blind auf den Knien vortastete. Langsam, verflucht langsam, kehrten die Erinnerungen zurück.
Was zur Hölle ist passiert, Scott?
Wie erbärmlich frostig es war, bemerkte ich zuerst nicht. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Raum, in dem ich aufgewacht war, und dieser wirkte auf mich wie ein dunkles Nichts aus stählernem Widerhall und menschenverachtender Kälte. Ich hielt es nicht mehr aus. Vorsichtig öffnete ich die Augen, und ich blickte auf bleiche dürre Finger.
Die Reste der Kühlflüssigkeit tropften schwer von meiner nackten Haut. Unter mir auf dem granitgrauen Stahlboden hatte sich eine giftig-gelbe Lache gebildet. Kaum zu glauben, dass dieses Zeug mich über viele Monate hinweg am Leben gehalten hatte. Meine nassklebrigen Wimpern verfingen sich immer wieder ineinander, als ich mich blinzelnd umsah, und eine helfende Hand zu finden hoffte. Die Hoffnung war vergebens.
»Warnung! Kryostase abgebrochen«, verkündete eine seelenlose Frauenstimme in der Dunkelheit über mir.
Kryostase …, hallte es in meinem Kopf nach.
Ein grässlicher Schmerz traf meine Magengegend wie ein kräftiger Fausthieb. Mir blieb die Luft zum Atmen weg und ich krümmte mich noch mehr als ohnehin schon. Vor der Abreise hatten die Ärzte gewarnt, dass so etwas geschehen könnte. Nach der langen Zeit im Kälteschlaf mussten sich meine Organe erst wieder an ihre eigentliche Funktion gewöhnen.
Einige Augenblicke lang presste ich die Luft konzentriert durch meine zitternden Lippen. Langsam schwoll der Schmerz ab, und ich sah, wie Schwaden kondensierten Atems vor meinem Gesicht tanzten. Das Licht aus dem Inneren meiner Kältekammer ließ ihn wie geisterhaften Nebel aufleuchten. Mit klappernden Zähnen rief ich: »Computer, ich brauche einen Arzt!«
Der virtuelle Aufwachassistent hatte offenbar beschlossen, mir keine Antwort geben zu wollen. Mit einem lauten Ächzen richtete ich mich auf. Ein erneutes Ziehen im Bauch wollte mich zurück auf meine Knie bringen.
Jetzt bau ja keinen Mist, Scott!, sagte ich zu mir.
Ich atmete gegen den Schmerz an und fand in einen unsicheren Stand. Immerhin kollabierte mein Kreislauf nicht, als ich mich die wenigen Schritte zur Kapsel hinüber schleppte. Am Rahmen des Ausstiegs suchte ich nach Halt. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass dieses klaustrophobisch enge Ding der Ort war, in dem ich die letzten zwölf Monate verbracht hatte.
Der Kryostasetank war ein aufrecht stehender Zylinder. Seine komplette Front bestand aus einer geschwungenen Glastür, die jetzt weit offen stand. Das Wasser mitsamt dem Frostschutzmittel war längst abgepumpt worden, und die Halterungen mit den selbststraffenden Gurten, die mich während des Schlafs in aufrechter Position gehalten hatten, waren gelöst.
»Warnung! Kryostase abgebrochen«, wiederholte die unterkühlte Computerstimme erneut.
»Was heißt abgebrochen?«, fragte ich. »Ich wurde geweckt, verdammt!«
Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, wurde es mir schlagartig bewusst. Ich hatte es geschafft! Die Tycho war monatelang durch das schwarze Nichts geflogen und würde bald Ceres erreichen. Da gab es allerdings eine Sache, die mich erheblich irritierte.
Verwundert blies ich die Luft zwischen meinen Zähnen aus, als ich sah, dass die anderen Kryostasebehälter noch geschlossen waren. Ich befand mich im Kryomodul unseres Habitats, wo sich Hunderte von Schlaftanks dicht nebeneinander und über drei Ebenen verteilt befanden. Der Plan sah vor, dass die zukünftigen Kolonisten von Ceres bei der Ankunft in dessen Orbit aufwachten und sich auf die Landung vorbereiteten. Doch nicht ein einziger anderer Tank war geöffnet.
»Scheiße«, knurrte ich.
Ich fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht, rieb die letzten Tropfen aus den Augen. An der Decke einen Meter über mir erkannte ich Rohrleitungen, Kabelkanäle und Lichter. Bis auf die klägliche Notbeleuchtung und das kaltweiße Licht in meinem Tank war dieses Modul so finster wie die Arktis im Winter. Mein Atem zog bei diesem mehr als beunruhigenden Anblick an.
Nur mit einer grässlichen weißen Unterhose bekleidet, die man mir als Schlafkleidung verkauft hatte, stand ich im Schein meines Kryostasebehälters. Ich fühlte mich wie ein Schauspieler auf der Bühne.
»Hallo!«, rief ich gegen meine Angst. »Ist hier jemand?«
Nur das Echo antwortete, begleitet von einem frostigen Luftzug, der mir eine furchtbare Gänsehaut bescherte. Irgendwo in der Ferne vernahm ich das dumpfe Schrillen eines Alarms, und ich fragte mich, was um alles in der Welt geschehen sein mochte, dass nur ich aufgeweckt worden war.
Ich linste auf das Display an der Seite meines Tanks. Dort blinkte die Meldung: »Reanimation Complete. Stasis aborted.«
Als Passagier hatte ich von allem, was die Kryostase betraf, nicht die geringste Ahnung. Deshalb konnte ich mir aus dieser Nachricht keinen Reim machen. Wie konnte ich ordnungsgemäß aufgetaut sein, wenn der Vorgang abgebrochen worden war? Was ich allerdings sehr wohl wahrnahm, waren die Daten in der Statusleiste am unteren Rand des kleinen Vollfarb-Displays. Ich spürte, wie meine Augenbrauen vor Entsetzen dem Haaransatz entgegenfuhren.
»Das ist ein Witz, oder?«, hörte ich mich sagen.
Die Datumsanzeige musste einen Defekt haben! Ich wusste, die Tycho hatte den Orbit des Erdmonds am 10. April 2092 verlassen und sollte am 28. März des kommenden Jahres Ceres erreichen. Offensichtlich hatte die Systemsteuerung meiner Kapsel während des Überflugs einen Schaden erlitten. Laut ihr hatten wir heute den 9. September 2288.
Über diese Ungeheuerlichkeit konnte ich nur den Kopf schütteln. Mit einem Blick auf das Display der Nachbarkapsel wollte ich der aufkeimenden Unruhe den Wind aus den Segeln nehmen. Doch auch dort wurde das dasselbe Datum angezeigt. Und bei der Kapsel neben ihr und auch daneben.
»Nein, nein, nein!«, zischte ich. »Das muss ein gottverdammter Fehler sein!«
Alles nur ein Traum!, redete ich mir ein.
Ich hastete zurück zu meinem Kryostasetank und klickte mich mit zitternden Fingern durch die Statusanzeigen. Auf den ersten Blick schien es keinerlei Fehler zu geben. Neben dem Status, dass das Wasser ordnungsgemäß abgepumpt worden war, sah ich auch meine Personendaten.
Name: Scott Ferguson
Alter: 48 Jahre
BMI: 24,2
Schlafdauer: 196 Jahre, 4 Monate, 4 Wochen, 2 Tage
Auftauzeit: 37 Minuten, 15 Sekunden
Kryostatus: Abgebrochen
»Fuck, nein!«, rief ich ungehalten. »Das kann nicht sein!«
Ich nahm Abstand von meiner Kapsel und versuchte, mich an das zu erinnern, was die Ärztin beim Vorbereitungsgespräch erklärt hatte. Laut ihr dauerte der Auftauprozess normalerweise elf Tage. Die menschlichen Zellen und das Gewebe mussten langsam und mit größtmöglicher Genauigkeit reanimiert werden, da es sonst zu irreparablen Schäden der Nerven führen konnte. Bei einem schnellen Auftauprozess, wie ich ihn schockierenderweise durchlebt zu haben schien, bestand zudem eine katastrophal hohe Wahrscheinlichkeit, dass große Areale des Gehirns zerstört wurden.
Ein Arzt!, sagte ich mir. Ich muss einen Arzt finden!
Meine nackten Füße patschen auf den eisigen Stahlboden, als ich den Gang entlang irrte, in dem ich geschlafen hatte. Die anderen Kryostasebehälter waren allesamt unbeleuchtet, ein todsicheres Indiz dafür, dass ihre Bewohner noch tiefgefroren waren.
An einem Kreuzungspunkt blieb ich stehen. Über mir erstreckte sich ein Lichthof, der bei eingeschalteter Beleuchtung einen Blick zu den beiden darüberliegenden Schlafdecks gestattet hätte. Doch davon war in diesem Augenblick nicht das Geringste zu sehen. Stattdessen dehnte sich dort ein gähnender Schlund aus, der sich scheinbar ewig in die Finsternis zog und in dem jede noch so abartige Kreatur meines von Angst geplagten Verstands lauern konnte.
An einer Ecke fand ich ein Schild des Leitsystems. Die Notbeleuchtung ließ mich zumindest die viel zu kleine Schrift entziffern.
Med-Bay 25 Meter
Ich folgte dem Pfeil nach links ins Dunkel. Es war ein eigenartiges Gefühl, so vollkommen allein in einem so gewaltigen Schiff zu sein. Alle Geräusche, die ich normalerweise mit Leben in Verbindung brachte, fehlten: menschliche Stimmen, das Auftreten von Schuhen, ja sogar das Drücken von Tastern. Nur das konstante Brummen irgendwelcher Maschinen im Bauch der Tycho drang zu mir, sonst war alles tot.
Die Med-Bay lag am Ende des Schlafkorridors. Sie war ein eckiger Glaskasten, in dem es noch dunkler war als hier auf den Gängen. Mit einem leisen Zischen fuhr die Schiebetür auf. Das Erste, was ich bemerkte, war das ausbleibende Licht, als ich einen Fuß in die medizinische Station setzte.
»Licht!«, forderte ich.
Nichts geschah. Die Empfangstheke fand ich schnell, immerhin war ich unmittelbar vor meinem Schlaf noch einmal zu einem letzten Check-up hier gewesen. An der glatten Oberfläche tastete mich um den Tisch herum, erfühlte unter meinen Fingern allerhand Tasten. Ohne zu wissen, welche Funktion sie hatten, drückte ich sie. Mit einem Mal flammte an der niedrigen Decke stechend weißes Licht auf.
Instinktiv kniff ich meine Augen zusammen. Erst nach einigen Sekunden öffnete ich sie langsam wieder und blickte auf das klinisch saubere Interieur der Med-Bay. Die schwache Notbeleuchtung jenseits der Glasscheiben hatte sich zu einem tiefen Schwarz gewandelt.
»Eins muss man denen lassen, sie haben aufgeräumt.«
Ich wusste, dass genau wie alle anderen auch das medizinische Personal schlief. Ich kam hinter dem Empfang hervor. Linker Hand lag der Eingang zur Med-Bay, rechts die drei Untersuchungsräume. Meiner Ansicht nach beschrieb der Begriff »Raum« sie nicht treffend, denn in Wirklichkeit waren es gläserne Käfige. Die Einrichtung war komplett identisch. Außer einer Liege, einem kleinen Tisch mit Hocker und dem Untersuchungsroboter, dessen Scan- und Messwerkzeuge wie die Fangarme eines mechanischen Tintenfischs von der Decke hingen, gab es darin nichts. Keine Pflanze, kein Bild, keine persönlichen Dinge, die diese Trostlosigkeit einigermaßen erträglich gemacht hätten.
Mit leisen Schritten trat ich in den Raum, der mir am nächsten lag. Hier drinnen war es eigenartig still, denn man hörte nichts von den Maschinen und den arbeitenden Anlagen.
»Ärztliches Erste-Hilfe-Protokoll aufrufen«, verlangte ich.
Als auch diesmal nichts geschah, überrollte mich eine Welle der Angst. Dabei hatte mir die Ärztin einen Infozettel in die Hand gedrückt und versprochen, der holografische Assistent würde sich um mich kümmern, sollte sie selbst nicht rechtzeitig aus der Kryostase aufwachen. Es war der reinste Albtraum!
»Hilfe!«, rief ich nun lauter, in der Hoffnung, irgendetwas damit auszulösen.
Doch auch mein verzweifelter Aufschrei blieb unbeantwortet. Offenbar war ich der einzige wache Mensch auf dem gesamten verdammten Schiff! Die in mir tobende Furcht spülte ein plötzliches Gefühl der Ohnmacht in mein Bewusstsein. Wenn mich niemand hörte und die holografischen Assistenten nicht zur Verfügung standen, war ich hier gefangen!
Mein Atem ging schnell und flach. Rückwärts taumelte ich aus dem Untersuchungsraum, fühlte mich verloren in dieser grellweißen Sterilität. Ein letzter Funken Verstand sagte mir, ich müsse herausfinden, wo sich die Tycho befand. Wären wir vor Ceres, könnte ich möglicherweise die Kolonie kontaktieren. Ich musste ein Terminal finden!
Im Empfangsbereich entdeckte ich keinen der typischen grün-weiß lackierten Kästen. Ich verließ die Med-Bay, stolperte durch das Halbdunkel zur nächstbesten Kreuzung. Ich hatte den Rand des Kryomoduls erreicht und hier fand ich vier nebeneinanderstehende Info-Terminals.
Wie ein durstiger Stammgast an den Tresen seiner Lieblingskneipe stürmt, warf ich mich an eines der Geräte, hämmerte mit meinen Fingern drauf herum, nur um festzustellen, dass meine Mühe vergebens war. Die verfluchten Dinger waren tot.
Wie kann das sein?, fragte ich mich.
Die Tycho war das modernste interplanetare Raumschiff des Sonnensystems. Wir befanden uns auf dem Jungfernflug und jedes verdammte technische Gerät an Bord sollte eigentlich einwandfrei funktionieren. Da fiel mir wieder ein, wie lange ich angeblich geschlafen hatte. Ich brauchte ein Fenster. Durch irgendeinen Umstand war ich geweckt worden und ich musste herausfinden, ob die Tycho ihrem Reiseziel nahe war.
Ich löste mich vom Terminal, irrte entlang der massiven, leicht nach außen geneigten Wand in die Richtung, von der ich annahm, sie würde zum Bug des Kryomoduls führen. Für mich fühlte es sich an, als würde ich am Grund einer engen Schlucht wandern. Der Weg zwischen der zehn Meter hohen Wand rechts und den drei Kryo-Ebenen links endete nach etwa 30 Metern. Vor mir in der Wand erstreckte sich eine gewaltige rechteckige Vertiefung.
Ein Fenster!
Es wunderte mich nicht, dass die stählernen Lamellen verschlossen waren. Auf einem monatelangen Raumflug ging jede Reederei auf Nummer sicher und schützte den wohl sensibelsten Teil ihrer Schiffe. Es waren die wohlhabenden Passagiere, die das Geld ins Unternehmen spülten. Niemand wollte es verantworten, wenn durch so etwas lächerlich Kleines wie ein Mikrometeorit auf einen Schlag Hunderte Millionäre starben.
Das Fenster verfügte über ein kleines Bedientableau. Wie ein aus der Wand gewachsener Arm streckte sich mir die längliche Bedieneinheit entgegen. Auf ihrer Oberfläche befanden sich exakt drei Tasten. Ich zögerte nicht lange und tippte auf die, die mit dem Wort »Open« gelabelt war.
Schwer und scheppernd fuhren die eisernen Lamellen jenseits der dicken Scheibensegmente nach oben. Ich hielt den Atem an in der Hoffnung, endlich eine Antwort auf all meine Fragen zu erhalten. Zentimeter für Zentimeter gab die Jalousie den Blick nach draußen frei. Ich stutzte.
»Das darf nicht wahr sein!«
Noch während sich die Lamellen in ihre Halterungen oberhalb des Fensters schoben, zerbröckelte meine Hoffnung wie ein Gebilde aus Sand. Draußen im All war nichts, wie es sein sollte.
Aufgrund der schwachen Beleuchtung im Kryomodul sah ich das beispiellose Glitzern zahlloser Sterne. In ihrer Mitte lag ein schwarzes kreisförmiges Nichts. Dass es sich dabei um einen Himmelskörper handelte, war nicht zu übersehen. Doch so sehr ich es mir auch einredete, das war nicht Ceres.
Vor meiner Abreise hatte ich mir unendlich viele Bilder von diesem gewaltigen Gesteinsbrocken im Asteroidengürtel angesehen. Ich kannte Ceres‘ verkraterte Oberfläche mit dem charakteristischen Eisfleck. Die Lichter der Hauptkolonie, die sogar vom All aus zu sehen war. Das Gestirn draußen vor dem Schiff zeigte seine Nachtseite. An seiner oberen rechten Seite glomm fahles Sonnenlicht, das sich langsam über die graue Ellipse schob. Statt einer verkraterten Oberfläche schien das Objekt von einer gleichförmigen farblosen Schicht umhüllt zu sein ähnlich der Oberfläche von Gasplaneten.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich aus dem Fenster, unfähig etwas anderes zu tun. In diesem Augenblick vibrierte der Boden. Nur kurz, aber lange genug, um mich davon zu überzeugen, dass auf diesem Schiff etwas ganz gewaltig nicht stimmte.
»Sag, was du willst, Scott«, purzelte es mir aus dem Mund. »Aber du steckst knietief in der Scheiße.«
196. Diese Zahl ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Es musste sich um einen Fehler in der Systemsteuerung der Kryokapsel handeln, alles andere wäre eine Wirklichkeit, die ich kaum ertragen würde.
Ich stand unweit der vier Infoterminals am Ausgangsschott des Kryomoduls, und überlegte, ob ich diesen Schritt wirklich gehen wollte. Was würde mich jenseits des doppelflügeligen, mit gelben Streifen und einer großen weißen Eins gekennzeichneten Portals erwarten? Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit auf diesen unbekannten Planeten gestarrt hatte, war ich über die drei Decks geirrt, nur um die Gewissheit zu haben, dass außer mir niemand sonst wach war.
Das unheilvolle Vibrieren im Bauch der Tycho war in dieser Zeit noch drei weitere Male aufgetreten. Ich konnte mir beim besten Willen keinen Reim daraus machen, was diese Bewegungen in der Schiffsstruktur erzeugte. War es vielleicht der Reaktor, der Probleme machte? Himmel, ich hoffte, er war es nicht!
Noch einmal hatte ich an den Terminals vergeblich versucht, Hilfe zu bekommen, aber offenbar waren sie ausgeschaltet. Mir blieb also nichts anderes übrig, als auf die Suche nach einem Crewmitglied, einem der Hilfsroboter oder einem funktionierenden Terminal zu gehen.
Im Normalbetrieb reagierte das Schott auf Bewegungen, nun aber musste ich es manuell öffnen. Dazu legte ich meine Hand auf das Touch-Pad. Eiseskälte drang an meine Handinnenfläche und ließ mich kurz aufstöhnen. Die Temperatur im Kryomodul musste um den Gefrierpunkt liegen, zumindest fühlte es sich für mich so an.
Immerhin, dachte ich.
Die Graves Corporation, die das Schiff gebaut hatte und unter deren Flagge es flog, hätte sicherlich eine Menge Energie eingespart, wenn sie die Temperatur bei minus einhundert Grad gehalten hätten. Andererseits verfügte die Tycho über einen absurd großen thermonuklearen Reaktor. »Für den schnellsten Aufbruch in die Ewigkeit«, lautete der fragwürdige Marketing-Claim.
Dem Bedientableau des Schotts entwich ein leises Piepen. Daraufhin geschah einige Sekunden lang nichts, doch dann klackten hinter der dunklen Barriere allerhand mechanische Komponenten, und mit einem Mal setzte ein bedrohliches Grollen ein. Schwerfällig schoben sich die Türhälften auseinander. So brutal laut, dass ich ehrfürchtig einen Schritt zurücktrat.
Auf der anderen Seite schaltete sich flackernd die automatische Deckenbeleuchtung ein. Eiskaltes blaues Licht legte sich über die zahllosen Spinde der Umkleide. Erst als das Schott komplett aufgefahren war, traute ich mich hinein. Alle drei Decks des Kryomoduls verfügten über ihren eigenen Bereich, in dem die zukünftigen Ceres-Kolonisten sich vor dem Schlaf ihrer Kleidung entledigten und sich die sogenannte Schlaf-Kleidung anzogen.
Auf der Suche nach meinem Spind irrte ich zwischen den schmalen Gängen umher. Dabei dachte ich an die abgrundtief hässliche Unterhose, die ich trug. Sie glich einem konventionellen weißen Herrenslip, hatte allerdings keine Nähte und war in einem Wickelverfahren hergestellt, was sie gleichzeitig wie eine Windel aussehen ließ. Sie war aus widerstandsfähigem Polyamid, das sich während des langen Kälteschlafs nicht abnutzte und nicht mit der menschlichen Haut verklebte. Dennoch: Hässlich bleibt hässlich.
Ich fand meinen Spind. Glücklicherweise erinnerte ich mich an meine Nummer, denn die silbergrauen Schränke sahen alle gleich aus. Nicht auf einem einzigen prangte ein Aufkleber oder ein Edding-Spruch. Das war einer der Nachteile, wenn man mit einem brandneuen Raumschiff der Luxusklasse reiste.
Am ganzen Leib zitternd, trat ich an die schmale Tür mit der Nummer 01-215. Ich legte meine Hand auf den mit einer streng geometrischen Form markierten Bereich, und es dauerte keine Sekunde, bis der Schließriegel hörbar zurückfuhr und die immer gleiche weibliche Computerstimme verkündete: »Willkommen, Mister Ferguson. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Schlaf.«
»Du mich auch«, knurrte ich.
Die Lady im Schrank würde mir auf meinen ätzenden Kommentar sowieso keine Antwort geben. Ich hatte lange genug mit solchen Systemen gearbeitet, um zu wissen, dass es außer ein paar vorgefertigten Sätzen, fünf verschiedenen Meldetypen und einer Handvoll Maintenance-Kommandos nichts anderes gab, um auf unvorhergesehene Ereignisse und unfreundliche Bediener zu reagieren. Ziemlich primitiv, wenn man bedachte, dass seit Jahrzehnten jedes noch so popelige Elektrogerät mit einer halbwegs schlauen KI ausgestattet war.
Üblicherweise war der Spind von innen beleuchtet, jetzt aber blieb er dunkel. Und so langte ich in den Schatten und angelte nach der einzigen Sache darin: dem Kleiderbügel mit meinem Anzug. Kurz überlegte ich, ob ich in einer der Umkleidekabinen verschwinden sollte. Über diesen Gedanken lachte ich verzweifelt auf, entledigte mich der klammen Unterhose und sprang in meine trockene und warme Kolonistenkluft.
Neben anständiger Unterwäsche bestand sie aus einer langen Thermohose und einem Thermoshirt. Um während des Flugs leicht als Passagier erkennbar zu sein, trugen wir alle einen dunkelblauen Jumpsuit aus einem festen Stoff. Auf der linken Brust saß das Logo der Graves Corporation, ein goldgelbes hexagonales Emblem, welches in abstraktem Design die Initialen G und C widerspiegelte.
Kaum hatte ich den Reißverschluss bis zum Hals hochgezogen, umgab mich eine wohltuende Wärme. Gott, war ich froh, nicht mehr zu frieren. Ich merkte, wie mich diese Tatsache beruhigte. Nun konnte ich mich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.
Ich zog mir die weißen Sneaker an, schloss den Spind und verließ den Umkleideraum. Über ein kurzes Korridorsegment trat ich aus dem Kryostase-Modul. Vor mir erstreckte sich ein breiter Gang, an dessen Ende ich das ausgedehnte Promenadendeck erahnen konnte. Ich befand mich nahe dem Bug des Habitats.
Das Kryomodul war ein geschlossenes System innerhalb der Tycho, ein Element, das notfalls vollkommen autark arbeiten und funktionierte, wenn es Schwierigkeiten mit der Energieversorgung durch das Schiff geben sollte. Das Kryomodul hatte eine Kapazität von an die tausend Passagieren, und es lag ganz vorne im Schiff. Sollte es nötig sein, konnte es sogar abgetrennt werden.
Mit leisen Schritten näherte ich mich dem Ausgang zur Promenade, dem Mittelpunkt des Habitats. Insgesamt verfügte die Tycho über drei Habitate. Drei identische, 480 Meter lange Bauten, die an mächtigen einhundertzwanzig Meter langen Streben um das Kernschiff kreisten.
Statt eines Gravitationsrings hatte die Graves Corporation sich zu einer modularen Bauweise entschlossen. Vom Aufbau her konnte man die Habitate mit einem Kreuzfahrtschiff vergleichen. Die Promenade erstreckte sich über die zwei Hauptdecks. Im Grunde war es eine Shopping Mall im Weltraum, ein knapp zweihundert Meter langer Raum über zwei Decks, zu deren Seiten sich breite Galerien erhoben.
Vor meinem Schlaf hatte ich die Promenade als einen bunten, lauten Ort erlebt. Voller Menschen, die in den Restaurants, Shops und Spielhallen ihre Zeit verbracht hatten, um sich mit einem Gefühl von etwas Irdischem von der endlosen Trostlosigkeit des weiten Alls abzulenken.
Jetzt lag das Deck in Dunkelheit vor mir. Die Umrisse einiger kleiner Bäume schälten sich aus dem Schatten, daneben Sitzbänke, die einem das Gefühl eines pittoresken Stadtparks vermitteln sollten. Allerdings wirkte diese Szenerie in dem Kontext auf mich eher wie ein Friedhof an Halloween.
Fehlt bloß noch der Nebel, dachte ich.
Erneut schüttelte sich der Boden. Ich versuchte, den Charakter der Bewegung und den Rhythmus zu ermitteln. So hoffte ich, Rückschlüsse auf die Art und den Ort ziehen zu können. Doch das Schrillen eines Warntons vereitelte dies.
»Warnung!«, hallte die monotone Computerstimme über das Promenadendeck. »Kollisionserkennung. Das Brückenpersonal wird umgehend auf seine Stationen gebeten.«
Kollisionserkennung, jagte es durch meinen Kopf. Was das System meldete, war keine Warnung, sondern ein Zusammenstoß, der bereits stattgefunden hatte! Was um alles in der Welt war geschehen? Hatte die Tycho auf ihrem Flug einen Unfall gehabt? War dies möglicherweise die Erklärung für mein Erwachen? Unzählige Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Antworten, ich brauchte Antworten!
Über den Hauptdecks lagen die Kabinen der Passagiere. Dorthin würde ich zuerst gehen. Unterhalb der Mall befanden sich sie Wirtschafts- und Technikräume, im Heck lag der Crew-Bereich. Als Passagier war es einem untersagt, aber als Besatzungsmitglied konnte man auch zu den anderen Habitaten reisen. Dazu gab es eine Art Aufzugsanlage.
Vom Habitat aus fuhr man nach oben, doch eigentlich bewegte man sich zum Kernschiff hin. Dort gab es keine künstliche Schwerkraft, weil dieser Teil nicht rotierte. Vom Kernschiff konnte man über weitere Aufzüge die beiden anderen Habitate erreichen.
Ich ignorierte die in Schatten daliegende Konsumwelt, und betrat einen schmalen Seitengang, der mich zu einem Treppenhaus führte. Hastig stieg ich Absatz für Absatz hinauf und fand mich auf einem lang geraden Flur wieder. Meine Spindnummer entsprach meiner Zimmernummer, und die Aufteilung der Kabinen auf den Wohndecks war gleich der im Kryomodul. Da ich auf Deck 1 geschlafen hatte, lag mein Zimmer auf dem ersten Deck über der Promenade.
Der dunkle Teppichboden schluckte den Schall in ausgesprochen beunruhigender Weise, und während ich an den unzähligen Türen vorbeiging, war mein angestrengter Atem alles, was ich hörte. Zwei Abbiegungen später stand ich vor meiner Kabine. Wie schon beim Spind musste ich meine Hand auf einen gekennzeichneten Bereich legen. Das Zutrittssystem funktionierte ohne Schwierigkeiten, denn die Tür fuhr unverzüglich auf, nachdem mein Handflächenmuster meine Zugangsberechtigung verifiziert hatte.
Die Schlafkabine bestand aus einem einzigen Raum, und in ihr befanden sich ein Bett, ein kleiner Schrank und eine Waschnische. Jedoch kein Fenster, wie man sich vielleicht bei einem Raumflug gewünscht hätte. Allerdings galten bei einem Raumflug dieselben Regeln wie bei einer Kreuzfahrt. Wer eine Außenkabine wollte, musste ordentlich Geld auf den Tisch legen. Und Geld … nun ja, sprechen wir nicht darüber.
Ohne Umschweife trat ich ein, zog das Tablet aus der Halterung über dem Bett und schaltete es ein.
Systemshutdown las ich auf dem Display.
»Verdammt, was ist denn hier los?«, fluchte ich. »Warum funktionieren die Türen aber das Bordsystem nicht?«
Entkräftet ließ ich mich auf das Bett fallen. Das alles ergab für mich einfach keinen Sinn. Ich war offenbar der Einzige, der geweckt worden war, nach 196 Jahren Flug! Die Tycho schwebte vor einem unbekannten Planeten und das Bordsystem schien irgendeinen schwerwiegenden Fehler zu haben. Eine dunkle Vermutung entstieg meinem Verstand.
Was, wenn die Tycho auf ihrem Weg nach Ceres mit einem Asteroiden kollidiert und vom Kurs abgekommen ist? Was, wenn es stimmt, und ich wirklich 196 Jahre geschlafen habe? Wenn dieses Schiff verschollen ist, an einem Ort, den niemand kennt?
Ich weigerte mich, diesen finsteren Gedanken anzunehmen. Doch je länger ich auf der unbequemen Matratze saß und den schwarzen Bildschirm des Tablets anstarrte, desto mehr festigte er sich ich meinem Kopf. Am liebsten wäre ich zurück in die Kryokapsel gekrochen und hätte mich wieder eingefroren. Allerdings hatte ich absolut keine Ahnung, wie das ging. Außerdem schien die Tycho in großen Schwierigkeiten zu stecken. Und da ich zurzeit der einzige aufgetaute Mensch an Bord war, hatte ich die Pflicht, etwas zu unternehmen.
Ausgerechnet ich!
Die Umstände, die mich auf dieses Schiff geführt hatten, waren alles andere als ehrenvoll. Mehr noch, sie waren die größte persönliche Katastrophe meines Lebens, die mich um ein Haar ich hinter Gitter gebracht hätte. Und jetzt sollte ich hier den Helden spielen, um Tausenden Menschen zu helfen? Beschissener konnte mein neues Leben wahrlich nicht anfangen!
»Kontrolle«, sagte ich mir. »Ich muss jemanden finden, der dieses Schiff kontrolliert. Wenn das Zutrittssystem funktioniert, sollten auch andere Systeme intakt sein.«
Ich atmete einmal tief durch, verließ meine Kabine und ging zurück auf das Promenadendeck. Es wunderte mich nicht, dass auch dort alle Infoterminals ausgeschaltet waren. Ich musste also etwas anderes finden und mir fiel ein, dass ich vor meinem Schlaf irgendwo einen Erste-Hilfe-Punkt gesehen hatte. Mit etwas Glück arbeiteten diese Computer mit anderen Systemen.
Am Anfang des Hauptdecks, kurz vor dem Eingang zum Kryomodul, fand ich einen Wegweiser, der zu einem »Emergency-Point« wies. Ich folgte der Beschilderung in einen abgelegenen Bereich. In der Mitte eines T-förmigen Kreuzungspunkts standen drei im Kreis zueinander angeordnete Terminals mit einer rot-weißen Markierung.
Bei eingeschalteter Beleuchtung würde diese Gegend des Schiffs vermutlich weit weniger unheimlich erscheinen, doch in diesem Moment wirkten die schwach angestrahlten Terminals in der Mitte der Kreuzung wie ein abstraktes Götzenbild im Tempel des Todes. Kurz hielt ich inne, doch dann verdrängte ich den absurden Gedanken, der Weg zu den Computern könnte mit einer tödlichen Falle gespickt sein.
Mit wenigen Schritten war ich am Terminal. Ich staunte nicht schlecht, als sich der Monitor einschaltete, nachdem ich mit der Hand darüber gewischt hatte. Sofort erschien eine Warnmeldung.
»Einige Programme des Bordsystems sind aktuell aufgrund schwerwiegender Fehler außer Betrieb.«
So »schwerwiegend« die Fehler auch sein mochten, ich als einfacher Nutzer konnte nicht mehr unternehmen, als diese Meldung mit einem Klick auf den Button »Okay« zu quittieren. Dahinter erschien ein Kachel-Menü, in dem ich schnell den Punkt »Sicherheitsprotokoll« entdeckte. Der Boden vibrierte bedrohlich und erneut hallte die Kollisionsmeldung durch den verwaisten Korridor.
Kurz bevor mein Zeigefinger die Klickfläche erreichte, fror die Bewegung ein. Ich erinnerte mich plötzlich wieder daran, was ich riskierte. Das Sicherheitsprotokoll des Schiffs hatte Zugriff auf alle relevanten Daten. Auch die der Passagiere. Da ich als Einziger wach war, würde das Programm im Zweifelsfall tief graben und möglicherweise etwas finden, was niemand sehen sollte. Denn eigentlich durfte ich gar nicht an Bord sein.
Ich schloss die Augen, überlegte, was schlimmstenfalls geschehen konnte, wenn ich untätig blieb. Vermutlich würde ich Tage, vielleicht Wochen oder gar Jahre auf diesem Schiff festsitzen, ohne dass irgendetwas geschah. Aber vielleicht stimmt es, und es gab ernste Probleme. In diesem Fall wäre es besser, das Sicherheitsprotokoll zu aktivieren.
Meine aktuelle Situation wog ich mit dem dunklen Geheimnis ab, das ich in mir trug. Ich musste akzeptieren, dass sie herausfanden, was ich wirklich war: ein blinder Passagier. In dem Moment, in dem ich an Bord gegangen war, hatte ich mit meinem alten Leben abgeschlossen. Auf Ceres würde ich neu anfangen, alles hinter mir lassen. Jetzt dafür zu sorgen, dass ich mein Ziel erreichte, wäre also kein Verrat an mir, sondern ein Akt der Vergangenheitsbewältigung.
Entschlossen landete mein Finger auf dem Button. Sofort änderte sich die Ansicht auf dem Bildschirm und ein blinkender Schriftzug verkündete: »Sicherheitsprotokoll wird aktiviert. Dieser Prozess kann einige Augenblicke dauern.«
Ich starrte auf den Bildschirm, doch außer der blinkenden Schrift passierte dort rein gar nichts. Ein helles Licht begann, zwei Meter neben mir aufzuleuchten. Ich nahm Abstand vom Terminal, sah mich verwundert um. Das Gerät, dem der Schein entwich, wirkte auf den ersten Blick wie ein Punktstrahler, doch schnell erkannte ich, dass es etwas anderes war. Vor mir bildete sich eine Erscheinung im Raum ab.
»Ein Hologramm!«, entfuhr es mir.
Bei dem Scheinwerfer handelte es sich offenbar um einen Holo-Projektor und beim Sicherheitsprotokoll um eine holografische Darstellung.
Natürlich, fiel es mir ein. Immerhin gibt es auch einen holografischen ärztlichen Dienst. Warum nicht auch einen solchen Sicherheitsassistenten?
Je weiter sich das Hologramm aufbaute, desto mehr staunte ich. Nicht, dass ich noch nie etwas Derartiges gesehen hatte, aber beim Begriff »Sicherheitsprotokoll« hatte ich eher an ein monitorbasiertes System gedacht. In der Dunkelheit formte sich eine menschliche Silhouette, die schnell an Konturen gewann. Weibliche Konturen.
Schnell erkannte ich, dass es sich bei dem Sicherheitsprotokoll um das Abbild einer Frau handelte. Ihre Körperform, sofern man bei einer virtuellen Erscheinung davon sprechen konnte, war sportlich mit zwei schlanken Beinen und einer definierten Taille, die trotz des dunklen Einteilers gut zu erkennen war. Sie hatte blonde, zum Zopf gebundene Haare mit strengem Mittelscheitel und ein mehr als gefälliges Gesicht.
Dennoch löste dieser Anblick keine Freude in mir aus. Ich wusste, ab jetzt musste ich auf der Hut sein, denn sonst geriet ich in gewaltige Schwierigkeiten.
»Guten Tag«, sagte das Hologramm mit einer wohlklingenden Stimme. »Ich bin Kate, das Sicherheitsprotokoll. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich zückte meine ID-Karte und zog sie durch den Schlitz des Kartenlesers. Die schmale Tür zu dem mikroskopisch kleinen Apartment, in dem ich die Nacht verbracht hatte, fuhr daraufhin zu. Als ich mich umdrehte, traf ich auf Vics unmissverständlichen Blick. Mit angewinkeltem Unterarm lehnte sie lässig gegen den wulstigen Türrahmen und scannte meinen Körper unvernünftig lang.
»Sag bloß, du hast immer noch nicht genug«, gab ich leise von mir.
Ein herausforderndes Lächeln erschien inmitten ihres nussbraunen Gesichts. Vic gab sich Mühe, den Blickkontakt zu halten, doch immer wieder landeten ihre dunklen Knopfaugen auf meinem Mund, meiner Brust und noch tiefer liegenden Regionen.
»Du weißt doch, Scotty, von dir kann ich nie genug bekommen«, erwiderte Vic mit ihrer typisch heiseren Stimme.
Verlegen sah ich mich um. Auf keinen Fall wollte ich, dass andere von unserem privaten Gespräch etwas mitbekamen. Das war leichter gesagt als getan, denn dicht hinter uns schoben sich zahllose Fluggäste durch die beengte Röhre des Schlafblocks.
»Gott, ich hoffe, niemand riecht, was wir dort drinnen getrieben haben«, sagte ich.
»Kann dir egal sein, Scotty. Heute Abend schon schlafen die nächsten Reisegäste hier und in einer Woche interessiert es keine Sau mehr, wer hier mit wem was hatte.«
Vic löste sich von der Tür, legte den Arm in ihrer unnachahmlichen Weise um meinen Hals. Ihre vollen Lippen kamen dicht an mein Ohr und ich hörte ihr verführerisches Flüstern: »In einer Woche kann uns alles egal sein.«
Ich schluckte, denn instinktiv dachte ich an das, was Victoria und mich erwarten würde.
»Bis es so weit ist, wird mein Stresslevel noch in astronomische Höhen schnellen«, antwortete ich.
»Und wenn schon«, wiegelte Vic ab.
Ihre Hand strich über meine Brust. Es kam einem Wunder gleich, dass die anderen Reisenden nichts von Vics Anmache mitbekamen. Möglicherweise hatten sie schon genug verliebte Pärchen in ihrem Leben gesehen. Vielleicht waren sie auch einfach nur höflich. Ich packte Vics geschmeidige Hand und nahm sie behutsam von mir. Vic kniff ihre Augen launisch zusammen und trat einen Schritt zurück.
Ich sagte: »Hör zu. Ich fand es auch ganz reizend heute Nacht und wir können das liebend gern wiederholen …«
»Aber?«, fragte Vic schnippisch.
»Da gibt es einen Job zu erledigen. Wir haben einen Job zu erledigen. Wenn alles glatt läuft, können wir von mir aus …«
Weiter sprach ich nicht, denn ich bemerkte, wie Vic mich entgeistert anstarrte. Ihre Lust auf mich schien mit einem Mal verflogen zu sein.
»Wie du meinst, Scott Ferguson«, antwortete sie mit einer Eiseskälte in der Stimme, die mir eine Gänsehaut bescherte.
Dann nahm sie ihren Rucksack vom Boden, schob sich an mir vorbei und warf sich in den Strom der vorbeiziehenden Menschen. Obwohl wir alle auf dasselbe Ziel zu hielten, hatte ich meine Mühe, an Vic dranzubleiben. Erhobenen Hauptes überholte sie einen nach dem anderen. In großen Menschenmengen bewegte sie sich mit außerordentlichem Geschick. Überhaupt war Vic jemand, der immer und überall den Überblick behielt.
Der Korridor unseres Schlafquartiers mündete in die ausgedehnte Abflughalle. Hier bekam das wuselige Treiben eine völlig neue Dimension, denn ein ganzes Dutzend Korridore spülte weitere Fluggäste herein. Auch sie hatten auf der Exeter Orbitalstation übernachtet und waren nun im Begriff den letzten Abschnitt ihrer langen Reise anzutreten.
Vic hielt auf die große Anzeigetafel zu, wo über den Köpfen der Leute die verschiedenen lunaren Reiseziele in weißer Schrift auf blauem Grund angezeigt wurden. In der zweiten Zeile entdeckte ich unseren Flug.
»Anleger 7«, rief ich Vic zu.
Doch statt mir eine Antwort zu geben, warf mir meine Freundin – wie so oft - einen bedeutungsschwangeren Blick über die Schulter zu. Vic behielt eben gern das Heft in der Hand. Immer. Umso mehr erstaunte es mich, dass sie unterhalb der Anzeigetafel plötzlich stehen blieb.
»Nett, dass du auf mich wartest«, sagte ich.
»Du musst pünktlich sein, nicht ich«, erwiderte Vic.
»Was ist, bekommst du kalte Füße, oder warum bleibst du stehen?«
Vics Blicke huschten zur Seite, so als versicherte sie sich, dass wir nicht beobachtet wurden. Dann senkte sie den Kopf leicht, wobei ihr eine ihrer dunklen Locken vors Gesicht fiel, und ich ahnte, was folgen würde.
»Job hin oder her, Scotty. Ich finde, wir könnten trotz dieser ganzen Sache, etwas entspannter sein.«
»Du meinst, dass wir Händchen haltend herumschlendern sollten?«, fragte ich.
Über uns erklang ein Glockenton und eine Computerstimme verkündete, dass das Boarding für Anleger 7 begann.
»Verdammt, nein!«, wehrte Vic ab. »Aber manchmal wünsche ich mir, dass du etwas … Ach, ich weiß gar nicht, wie ich das ausdrücken soll.«
»Du hältst mich für zu zurückhaltend.«
»Ja, genau! Du könntest manchmal einfach etwas sozialverträglicher sein.«
Ich legte meine Hand an Vics Wange, strich über ihr kleines Ohr und grub meine Finger in ihr dichtes Haar.
»Wenn es sein muss …«, sagte ich leise.
Dann schenkte ich der Frau, die ich liebte, einen tiefen Blick und küsste sie. Mir entging nicht, dass Vic genüsslich ihre Augen schloss. Seltsamerweise blitzte in mir die unwirkliche Vorstellung auf, dies könnte ein Abschied sein.
Aber kaum hatte ich meine Lippen von Vics genommen, glitten ihre Augenbrauen zusammen. Sie schüttelte ihren Kopf und sah mich ernst an.
»Zwing dich nicht, umgänglich zu sein, Scotty.«
»Ich zwinge mich nicht«, schwor ich.
Eine Faust drückte sich unerwartet in meinen Bauch. In Vics hübschen Augen loderte ein mir wohlvertrauter Zorn.
»Ich warne dich! Verarsch mich nicht!«, drohte sie. »Und jetzt komm. Bevor wir den Flug verpassen!«
Es ging los. Anleger 7 lag an der linken Seite der Abflughalle. An deren Ende gewährte ein abnorm großes multisegmentiertes Fenster eine grandiose Aussicht auf den Mond. Mächtig und farblos schien sich die von der Sonne beschienene Oberfläche des Erdtrabanten immerzu im Kreis drehen. Dabei waren wir es, die sich drehten.
Die lunare Orbitalstation Exeter war ein wichtiges Drehkreuz für den Personenverkehr zum Mond. Der Atlanta International Airport im All, wie Vic die Station einmal genannt hatte. Unser Quartier und die Abflughalle befanden sich in einem der acht gewaltigen Segmente auf dem Gravitationsring der Station. Dieser Ring besaß einen Durchmesser von knapp achthundert Metern und rotierte etwa einmal in der Minute um sich selbst. Dadurch wurden alle Objekte im Ring mit annähernder Erdgravitation an den Boden gedrückt.
Vic und ich folgten den anderen Reisenden entlang der großen Fenster bis zu einer gläsernen Zugangsschleuse, neben der eine große Sieben angebracht war. Wir wählten den äußersten linken Zugang neben einem Cola-Automaten.
Letzte Cola vor dem Mond, so lautete das nur mäßig lustige Produktversprechen auf der gewölbten Scheibe.
Insgesamt gab es sechs nebeneinanderliegende Kontrollstellen, durch die man zum Shuttle gelangte. Zuerst hielt Vic ihr Gesicht vor den Scanner. Nach einigen Sekunden leuchtete die längliche Signalleuchte daneben grün auf. Dann war ich an der Reihe.
Auch wenn ich dieses Prozedere schon mindestens zwanzig Mal hinter mir hatte, schnellte mir jedes Mal der Puls in die Höhe. Warum zur Hölle hatte ich in solchen Momenten immer die Angst, mir könnte der Zugang verwehrt werden, die Alarmsirene könnte losheulen und man würde mich mit vorgehaltener Waffe in Gewahrsam nehmen?
Ich wusste, es war pure Paranoia. Schließlich hatte ich nichts Illegales getan. Noch nicht. Möglicherweise hatte ich auch nur eine gesunde Abneigung gegen solche Sicherheitseinrichtungen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, steckte meine ID-Karte in den Leser und hielt mein Gesicht vor die ovale, erleuchtete Milchglasscheibe. Auf ihr blitzen jetzt Tausende winziger Lichtpunkte auf. Es waren die Messimpulse, die die Struktur meines Gesichts mit den Daten im Ausweis abglichen.
Erleichtert atmete ich auf, als das grüne Licht erstrahlte und die schmale gläserne Pforte vor mir aufschwang. Unser Gepäck, zwei leichte Rucksäcke, musste nicht extra gescannt werden. Dies geschah einmalig beim Abflug von der Erde. Ein Flug zum Mond über die Orbitalstationen war ein geschlossenes System. Einmal eingecheckt wurde man über fixe Zwischenstopps geschleust, bis man seine Füße in den Mondstaub stellte.
Für Vic und mich bedeutete das, dass wir vom äquatornahen Internationalen Raumhafen Omboué in Gabun zur Leo-Station Awassa geflogen waren, und von dort aus mit einem Langstreckenschiff nach Exeter. Die vier Orbitalstationen des Mondes waren so konstruiert, dass die Langstreckenschiffe an der mondabgewandten Seite andockten und die Mondshuttles auf der anderen Seite. So sparten sich die Betreibergesellschaften riskante, zeitintensive und vor allem teure Flugmanöver.
Da die Shuttles sämtliche Kolonien auf dem Mond anflogen, variierten die Abflugzeiten teils stark, was ein Übernachten auf den Orbitalstationen erforderte. Als ich durch die enge Tunnelröhre zum Shuttle ging, musste ich unweigerlich schmunzeln.
In meinem Leben waren mir etliche Frauen über den Weg gelaufen, aber keine von ihnen war so abgebrüht wie Victoria. Diese Frau wollte es mit mir unbedingt in den mäßig sauberen und obendrein nicht besonders schallisolierten Schlafkabinen treiben. Ob unser nächtliches Liebesspiel unsere Beziehung gestärkt hatte, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Klar war nur, sie hatte nicht genug bekommen. Vic stieg durch die Luke ins Shuttle. Ich musste mich ducken, damit ich mich nicht am stählernen Einstieg stieß.
Die Luft im Shuttle roch annähernd so verbraucht wie in unserer Schlafkabine. Zu den menschlichen Ausdünstungen gesellten sich Nuancen von Reinigungsmittel und billigem Parfum. Die meisten der einhundertzwölf Plätze waren bereits besetzt, nur hinten rechts fanden wir noch zwei nebeneinanderliegende Sitze. Vic und ich verstauten das Gepäck im Fach darüber und ließen uns in die abgewetzten Sitze fallen.
Ich saß am Fenster, das die Größe meiner Hand hatte. Viel mehr als die technischen Elemente der Mulde, in der das Shuttle festgemacht hatte, sah ich durch die winzige Scheibe nicht. Nur einige Kabelgänge, Hydraulikzylinder, die die Gangway beim Start aus dem Weg nehmen würden und die Führungsschienen für den Start.
Während um uns herum die aufgeregten Gespräche der nervösen Mondtouristen sich schnell zu einem quälend lauten Lärmbrei vereinigten, schwiegen Vic und ich. Was sollten wir auch sagen, für uns war dieser Flug nichts Besonderes. Und vermutlich auch für die drei Männer in der Reihe vor uns nicht, bei denen es sich unübersehbar um Mechaniker eines Industriebetriebs handelte. Ob sie wollten oder nicht, ihre Firma legte offenbar großen Wert darauf, dass sie in ihrer Dienstkleidung reisten.
Nach wenigen Minuten verkündete der Flugkapitän, dass er nun die Startsequenz einleitete. Wir schnallten uns brav an, hörten, was das KI-gesteuerte Flugbegleitersystem über das Verhalten im Notfall erzählte. Ich kicherte in mich hinein, als die Touristen erschrocken nach Luft rangen, als ihnen offenbar schlagartig bewusst wurde, dass es keinen Notausstieg gab. Dann klackte es in unserem Rücken und ich wusste, der Startvorgang vollzog sich.
Von Exeter starteten die Mondshuttles mittels einer mechanischen Vorrichtung. Entlang der Führungsschienen des sogenannten Linearbeschleunigers wurde das eingespannte Schiff von der Flugkontrolle freigegeben und dem Mond entgegengeschossen. Treibstoff wurde lediglich zur Navigation auf dem Flug und zum Bremsen aufgewendet. So ließen sich laut dem Betreiber der Shuttle-Routen jährlich mehrere Hundert Millionen Dollar einsparen.
Der Druck, der beim Start auf uns wirkte, presste mich und Vic in die Sitze. Den Touristen raubte er den Atem, denn sie waren mit einem Mal erstaunlich still. Und das, obwohl sich die G-Kräfte völlig im normalen Rahmen hielten, zumindest wenn man gern Achterbahn fuhr. Hinter dem Fenster erschien für einen kurzen Augenblick der Rand der Orbitalstation und nur einen Moment später das tiefschwarze All. Durch die Innenbeleuchtung war mir der Luxus verwehrt, Sterne zu sehen. Und so blickte ich zu Vic, die mich mit verschwörerischer Miene anschaute.
Der Flug dauerte knapp zweieinhalb Stunden. Die Kolonie im Mare Nubium war eine der größten auf dem Mond und der Landeanflug jedes Mal ein Spektakel. Schon aus einigen Kilometern Höhe sah man die beeindruckenden Kuppelbauten, selbst durch diese popelig kleinen Fenster. Sobald man das ausgedehnte Areal mit der sechshundert Meter durchmessenden Glaskuppel des Hauptbaus erblickte, eingerahmt von den umliegenden Bauten, den dazwischenliegenden Verbindungstunneln und den oberirdisch verlaufenden Transittrassen, so konnte man nicht anders, als seinem Staunen lautstark Ausdruck zu verleihen.
Das Shuttle landete an der südlichen Spitze der Kolonie. Dort lag der Raumhafen, dessen Gebäude die Form eines halben Donuts hatte. Wenige Minuten nach der Landeprozedur verkündete der Kapitän die erfolgreiche Ankunft in Nubium Prime und wünschte uns Passagieren einen angenehmen Aufenthalt. Zum Abschied brachte er noch den altbackenen Witz von der Außentemperatur.
»Denken Sie an die Sonnencreme«, sagte er. »Die aktuelle Temperatur in Nubium City beträgt einhundertachtzehn Grad Celsius.«
Im Shuttle erklang heiteres Gelächter, außer in unserer Ecke. Durch eine Gangway, die mir so eng erschien wie ein Geburtskanal, erreichten wir den Ankunftsbereich, ließen die Sicherheitskontrollen über uns ergehen und betraten um 10:15 Uhr die Abflughalle.
Vor uns erstreckte sich das Einkaufszentrum von Nubium City. Hier gab es alles, was man auch auf der Erde fand. Die Leute reisten extra die 384.400 Kilometer zum Mond, um bei McDonald‘s einen Cheeseburger zu essen und sich ein T-Shirt mit der Aufschrift »Hard Rock Café Mare Nubium« zu kaufen.
Vic und ich gingen schnurstracks zur Transitstation, wobei »schnurstracks« unter der schwachen Mondgravitation relativ war. Mit großen Schritten hüpften wir entlang der Einkaufsmeile, und wichen den Scharen von Touristen aus, die jeden noch so kleinen Winkel der Halle mit ihren Handys fotografierten.
Ich konnte es gut nachvollziehen. Auch ich hatte bei meinem ersten Besuch in Nubium City alles in mich aufgesogen wie jemand, der nach Jahrzehnten auf einer einsamen Insel endlich wieder in der Zivilisation war. Hier gab es grellbunt dekorierte Touristen-Shops, exotisch designte Restaurants, großflächige Werbetafeln, die für Mond-Aktivitäten warben, etwa Ausflüge im Rover durch die Regolithwüste, die Erkundung von Mondhöhlen oder die Besichtigung historischer Landeplätze.
Dazu war die ganze Einkaufsmeile mit hübschen Beeten angelegt und mit beeindruckenden, teils fünf Meter hohen Palmen bepflanzt. Zu allem Überfluss fuhren in all dem Treiben, Lärmen und Blinken die kleinen Elektrokabinen herum, die bei den Nubianern als Speedys kannten. Futuristische Fahrzeuge mit kleinen Reifen und großen Scheiben, einem Golf-Buggy nicht unähnlich. Mit ihnen konnten Touristen quer durch die Kolonie heizen, wenn ihnen das Hüpfen in der Mondgravitation zu mühsam war.
An der Transitstation stiegen Vic und ich in die Linie 3. Die Transitbahn glich einer Stadtbahn in einer irdischen Metropole, wenngleich sie etwas kleiner und deutlich kürzer war. Im hinteren der drei Wagen fanden wir einen freien Vierersitz. Die Trasse der Magnetbahn verlief einige Meter über der grauen Mondoberfläche, und mit gut fünfzig Stundenkilometern brachte uns der Zug Richtung Westen. Die Wagen waren nur halb besetzt, was mich verwunderte. Immerhin war das Ziel der Graves Corporation Lunar Shipyard, die größte Raumschiffwerft des Monds und einer der beliebtesten Touristenmagneten. Vielleicht würden sich die Leute erst später dorthin aufraffen.
Schon von Weitem war der dreißig Kilometer vor Nubium City liegende Industriekomplex zu sehen, und das, was der multinationale Konzern Graves dort erschuf. Zentral über den Hunderten Blasen und Containern, festgehalten von einem stählernen Gerüst, das in seinen Ausmaßen jeder bekannten Mega-Konstruktion spottete, schwebte ein Schiff: die A.G.S.S. Tycho.
Die Tycho war eines der größten und modernsten Deep-Space-Raumschiffe des Sonnensystems. Der Stapellauf stand kurz bevor und in wenigen Wochen, am 10. April, sollte der Mega-Liner auf seinen Jungfernflug nach Ceres im Asteroidengürtel aufbrechen. Mit einem Mal spürte ich Vics Hand auf meinem Oberschenkel.
»Das bekommst du hin, Scotty«, sagte sie. »Nicht ohne Grund giltst du als einer der Besten.«
»Ich habe trotzdem Schiss, Vic«, sagte ich. »Wir haben uns monatelang darauf vorbereitet. Und ich weiß immer noch nicht, was genau ich besorgen soll.«
»Ist auch nicht so wichtig«, sagte Vic in geschäftsmäßigem Ton. »Wichtig ist nur, dass du weißt, wo diese Daten liegen, und dass du sie mir überspielst. Alles Weitere liegt nicht in deinem Aufgabenbereich.«
In mir zogen plötzlich Zweifel auf. Im Nachhinein hätte ich in diesem Augenblick die Notbremse ziehen sollen. Doch den Ausgang dieser Aktion konnte ich zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise absehen.
In den letzten Jahren waren Vic und ich zu einem eingespielten Team zusammengewachsen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als kriminelles Duo waren wir der Garant für die diskrete Beschaffung sensibler Unternehmensdaten. Konzerne zahlten gute Preise, um an die schmutzigen Geheimnisse ihrer Mitbewerber heranzukommen. Die letzten vier Jahre waren wundervolle Jahre gewesen, was die Frau neben mir betraf, aber auch den üppigen Geldeingang auf meinem Konto.
»Es läuft wie immer«, sagte Vic. »Ich habe diesen Auftrag an Land gezogen und werde die Aktion koordinieren. Und du kümmerst dich um die technischen Dinge. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, verstanden?«
Durch das Fenster der Bahn sah ich zur Tycho hinauf. Wie ein übergroßer Wal hing das fast sechshundert Meter lange Schiff über der Mondoberfläche. Die Sache gefiel mir nicht.
»Du weißt selbst nicht, worauf Chronos scharf ist, oder?«
Vic lächelte geheimnisvoll, nahm die Hand von meinem Bein und legte sie an meinen Hinterkopf.
»Chronos zahlt mehr als jeder unserer Kunden bisher«, sagte sie. »Wenn wir das packen, können wir uns eine Zeit lang absetzen.«
Ich sah Vic an. Sie glaubte so fest an diesen Auftrag, wie sie es immer tat. Ich dagegen zweifelte wie selten zuvor. Irgendetwas stimmte nicht. Ich wusste nur noch nicht, was. Allerdings wollte ich nicht kneifen, denn es war, wie Vic sagte. Chronos Industries zahlte eine verdammt große Summe, damit wir ihnen Daten besorgten, die selbst für uns geheim waren.
