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Mit einem Vorwort von Brandon Q. Morris! Ein unbekanntes Signal. Auf unserem Mond. Als die Artemis-5-Mission einen Tiefen-Scan auf der Mondoberfläche durchführt, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Durch einen unvorhergesehenen Sonnensturm bricht der Kontakt zu den NASA-Astronauten auf der Oberfläche und zum Lunar Gateway ab. Auf der Erde beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Mondgeologe Max Altman soll zusammen mit der renommierten Heliophysikerin Natalie Holmes die Überlebenswahrscheinlichkeit der Astronauten berechnen. Bei der Auswertung der Daten machen sie eine seltsame Entdeckung. Kurz vor Eintreffen des Solar Flares registriert der Mond-Scanner eine lokale Magnetfeldanomalie im Regolith. Zuerst halten Max und Natalie sie für einen Fehler im System. Doch dann häufen sich in kürzester Zeit weitere Sonnenstürme, die auf der Erde zu geomagnetischen Stürmen verheerenden Ausmaßes führen. Die Anomalie im Mondgestein ist mehr als ein Artefakt in den Messdaten. Max findet heraus, dass sie der Auslöser des Solar Flares zu sein scheint. Die Dinge nehmen eine unerwartete Wendung, als alles auf eine Energiequelle intelligenten, nicht menschlichen Ursprungs hindeutet. Kann Max hinter das Geheimnis der immer stärker werdenden Sonnenstürme gelangen, bevor es zu spät ist? Mit »Resonanz« legt Ryan Rockwell einen Raumfahrt-Thriller vor, der harte Science-Fiction und einen möglichen Erstkontakt beeindruckend kombiniert. Dabei geht Rockwell der Frage nach: Was wäre, wenn Hinweise darauf, im Universum nicht allein zu sein, näher liegen würden als wir annehmen? »Resonanz« ist ein abgeschlossener Einzelroman, wie Fans von Andy Weir, Joshua Tree oder Phillip P. Peterson ihn lieben: geheimnisvoll, atemberaubend spannend und wissenschaftlich plausibel. DELUXE-EDITION beinhaltet: - Bonus-Kapitel (Kapitel 17) - Glossar - Fachartikel über Sonnestürme
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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Wie Voyager 1 und 2
Vorwort von Brandon Q. Morris
1. Artemis 5
2. High Voltage
3. Das Unglück
4. Marshall Space Flight Center
5. Heliophysik
6. Rocket City Bar
7. Delta Airlines 2562
8. Baudelaire
9. Eine Störung
10. Greyhound
11. Verstärkung
12. Resonanz
13. Naked and Famous
14. Evidenz
15. Akzeptanz
16. Videokonferenz
17. International Space Station
18. Indian Creek
19. Die Rettungsmission
20. Kosmisches Schachspiel
21. Merritt Island
22. Launch to Orbit
23. Lunar Gateway
24. Der Zentralberg
25. Libration
26. Die Kammer
27. Wasser!
28. Pentaclaeons
29. Das Gravitationsfeld
30. Der Eindringling
31. COM LINK LOST
32. Der Plan
33. Transport
34. Vale, Luna
35. Good Feeling
Nachwort
Glossar
Wissenswertes über Sonnenstürme
Existenz - Das Mars-Paradox
Kryo - Das verschollene Schiff
Leseprobe - Kallistos Erbe
Für Sci-Fi-Fans
Wie Voyager 1 und 2
Über den Autor
Copyrights Musik
Impressum
Der Mond ist seit Anbeginn der Menschheit unser nächtlicher Begleiter. In der Science-Fiction hat er eine ganz besondere Rolle, sicher, weil er so nah und doch so fern ist. Als Kind habe ich die Abenteuer der drei mutigen Herren verfolgt, die Jules Vernes in Von der Erde zum Mond (1865) mit Hilfe einer riesigen Kanone zum Mond geschossen hat. Übrigens abgesehen von der kaum überlebbaren Beschleunigung am Anfang der Reise mit erstaunlichem wissenschaftlichem Sachverstand – so erleben die Passagiere auch die Schwerelosigkeit und kehren auf einer elliptischen Bahn zur Erde zurück.
Das Projektil verfehlt damals sein Ziel. Doch schon 1901 ließ H.G. Wells in Die ersten Menschen im Mond seine Protagonisten auf eine lebende, fremde Zivilisation stoßen. Arthur C. Clarke war es schließlich, der dem Unbekannten, das auf dem Mond auf uns wartet, 1968 mit 2001: Odyssee im Weltraum eine ikonisch gewordene Form gab. Der schwarze Monolith, der still und vollkommen fremdartig unter dem Mondstaub begraben liegt, ist weder Raumschiff noch Ruine, sondern etwas, das unsere Vorstellungskraft übersteigt, hergestellt von einer Intelligenz, die uns unermesslich voraus ist.
Seitdem haben viele Science-Fiction-Romane dieses faszinierende Setting aufgegriffen und variiert. Mysteriöse Funde zwingen uns, unsere eigene Bedeutung im kosmischen Gefüge neu zu bewerten, und konfrontieren uns mit der schwindelerregenden Möglichkeit, dass unsere Geschichte nur ein winziges Kapitel in einer viel größeren, älteren Erzählung ist. Ich habe das Motiv selbst mit viel Vergnügen in meinem Roman Die schwarze Stele (https://hardsf.de/buecher/die-schwarze-stele/) aufgegriffen, und eine bekannte Heftreihe mit inzwischen über 3000 Einzelromanen beginnt mit einem Fund auf dem Mond.
Und nun hält mein geschätzter Kollege Ryan Rockwell mit seinem Roman Resonanz den Staffelstab in der Hand und verleiht diesem ehrwürdigen Motiv eine neue, spannende Dimension. Ich will nicht spoilern, aber was, wenn das Unbekannte nicht stumm ist und seelenruhig auf seine Entdeckung wartet? Wenn wir Zeugen von Vorgängen werden, die wir noch gar nicht verstehen können? Ich denke, ihr könnt euch auf eine spannende Reise freuen.
Wie kam es überhaupt dazu, dass ich hier ein paar einleitende Worte schreiben darf? Leipzig ist schuld! Ich habe Ryan – wie viele andere nette Kolleginnen und Kollegen – als Mitaussteller auf der dortigen Buchmesse kennengelernt. Und dann führt einfach A zu B und alles endet auf dem Mond. Es zeigt auch ein bisschen, wie gut und kollegial wir (und damit meine ich fast alle Science-Fiction-Verfasser in Deutschland) zusammenarbeiten. Leserinnen und Leser sind sowieso immer schneller mit ihrer Lektüre als wir.
Bei dieser Gelegenheit kann ich auch noch eine andere spannende Neuigkeit verraten: Wir grübeln gerade über einem gemeinsamen Roman (Veröffentlichung Anfang 2026). Er wird auf zwei Zeitebenen spielen, in den 1980er-Jahren und in der nahen Zukunft, und wird damit auch ein bisschen ein Spiegelbild seiner beiden Autoren sein; ich finde so etwas immer sehr spannend, zumal sich auch unsere Schreibroutinen durchaus voneinander unterscheiden. Ich habe aber bisher jedes Mal – ob bei Kooperationen mit Joshua Tree, Cliff Allister oder Timo Leibig – auch viel dabei gelernt. Und wenn es die Tatsache ist, dass jeder von uns andere Lieblingswörter hat, die ein bisschen zu oft im Text auftauchen.
Ich hoffe, ihr findet nicht heraus, welche Wörter das sind, denn dann hätte unsere Qualitätskontrolle nicht funktioniert.
Viel Spaß bei der Lektüre!
Brandon Q. Morris
Unten auf der Erde sah man in dieser Nacht nichts von dem Ort, an dem Chris Bradley sich gerade befand. Diese Erkenntnis ließ ihn leise auflachen, während er das Regolith unter seinen Füßen inspizierte. Es war Neumond, aber hier, am Südpol des Erdtrabanten, war es taghell und die Sonne ließ den scharfkantigen Mondstaub in mattem Grau erstrahlen.
»Wilkes an Lunar Surface«, ertönte eine Frauenstimme in Bradleys Helm. »Jungs, ihr seid nervös, das sehe ich doch an der Art, wie ihr euch bewegt.«
Chris Bradley sah auf. Sein Kollege Noah Potts sprang in diesem Augenblick aus dem Lunar Terrain Vehicle, in seiner Hand einen silbern blitzenden Koffer. Über ihm erstreckte sich der sternlose Himmel. Und außer der Sonne in Form eines gleißend hellen Punkts sah Bradley dort nichts als tiefschwarze Finsternis.
»Dann hast du offenbar die Augen eines Adlers, Sandra!«, rief Bradley. »Ich kann euch nicht sehen. Wie weit seid ihr über uns?«
»Ist egal«, hörte Bradley eine raue Männerstimme. »Das Gateway ist überall!«
»Ich sehe schon, Garcia«, sagte Bradley. »›Big Brother is watching you!‹«
Mit trägen, lautlosen Bewegungen stapfte Noah Potts über den Mondboden auf Bradley zu und überreichte ihm den Koffer. Dann machte er mit einer Hand eine wischende Geste vor seinem Visier. Bradley nickte zustimmend. So, wie es aussah, waren ihre Kollegen oben im Lunar Gateway genauso aufgeregt wie er.
»Eigentlich wollen wir nur sichergehen, dass ihr das Gerät ordnungsgemäß in Betrieb nehmt«, ergänzte Sandra Wilkes.
Bradley hüpfte die wenigen Meter zum Testfeld herüber, legte den Koffer auf den Boden und öffnete die Verschlüsse. Dabei fiel sein Blick auf die Drohne, die etwa 20 Meter vor ihm auf ihren Einsatz wartete.
Während er den Deckel aufklappte, sagte er: »Gebt es zu, ihr habt Angst, wir könnten ein paar Milliarden Dollar in den Sand setzen.«
»Regolith!«, korrigierte Sandra. »Du hast beim Mission-Briefing wohl nicht richtig zugehört.«
»Danke, dass du mich daran erinnerst«, sagte Bradley. »Mission Control, wie sieht‘s aus? Hört CNN schon mit?«
Die heisere Stimme einer älteren Frau gesellte sich in den Funk-Cluster.
»In drei Minuten, Mister Bradley.«
Die Stimme gehörte der Missionsleiterin Delilah Butler. In Texas, wo sie gerade saß, oder wahrscheinlich eher stand – Butler saß eigentlich nie während ihrer Arbeitszeit – war sie umgeben von großen Monitoren und ihrer Schar Mission-Control-Experten. Bradley hatte sie als einen Menschen kennengelernt, der ständig mit seinen Daumenspitzen an den Fingernägeln knibbelte und sich dabei leidenschaftlich die nächste Zigarette herbeisehnte.
Texas, schwirrte es Bradley durch den Kopf.
Was würde er dafür geben, jetzt einen Spaziergang am Rio Grande zu unternehmen? Klar, als Astronaut auf dem Mond war einem ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Außerdem ein Artikel bei Wikipedia und eine Menge bunt illustrierter Doppelseiten in Kindersachbüchern.
Aber wenn Bradley genau darüber nachdachte, wie unbequem die ersten beiden Tage in der Landefähre gewesen waren, dann musste er einsehen, dass die NASA ihm eine rosarote Brille aufgesetzt hatte. Ähnlich einem Gebrauchtwagenhändler, der einen Kapitalschaden als Neuwagen zu verkaufen versucht.
»Also gut, Leute«, krächzte Butlers heisere Stimme. »Das Fernsehen ist an Bord, ihr geht gleich Live. Also wehe, ihr macht unanständige Witze!«
»Ihr werdet keinen Furz von uns hören, versprochen«, sagte Noah Potts.
Bradley musste schmunzeln, als er den frechen Ausdruck im dunklen Gesicht seines Kollegen entdeckte. Hinter Potts parkte das Lunar Terrain Vehicle. Mit bisher 38 gefahrenen Meilen und zwei Tagen Laufzeit schlug es sich bisher ausgesprochen gut, fand Bradley. Und auch die eineinviertel Meilen von der Landefähre zum Testfeld, bei denen es einige Senken und Mondbrocken zu umfahren galt, hatte das Fahrzeug mit Bravour gemeistert.
Dann wandte Bradley sich wieder dem Koffer zu. In ihm befand sich ein kleiner Computer. In Wahrheit war es ein bis zur Unkenntlichkeit hochgerüstetes Tablet, das gegen die widrigen Temperaturen und den scharfkantigen Mondstaub geschützt war.
»Also«, sagte Delilah Butler. »Wenn ihr so weit seid, würde ich jetzt CNN dazu schalten.«
Showtime, sagte Bradley zu sich.
Auch wenn er es nicht sehen konnte, die Augen der Nation waren auf ihn und Potts gerichtet. Er blickte auf das Head-up-Display an der Innenseite seines Visiers.
»Wir haben den 19. Juli und in Texas ist es jetzt genau 11 Uhr und 25 Minuten nachts«, las er mit größter Sachlichkeit ab. »Dies ist unser dritter Tag auf der Oberfläche des Monds. Major Potts und ich beginnen heute mit dem MAGMA-Projekt.«
Potts stand am Rand des Testfelds und hielt die Kamera in der Hand. Sofern alles glatt lief, würde er historische Aufnahmen produzieren, wenn er den Start der Drohne filmte. Bradley rief die Steuerungssoftware des MAGMA-Projekts auf. Beinahe blind klickte er sich durch den Inbetriebnahmeprozess. Gefühlte hundert Mal hatte er dies im Training schon getan.
Dabei erklärte er: »MAGMA steht für MAGnetic Mapping Array. Dabei handelt es sich um ein magnetosphärisches Experiment, welches die tieferliegenden Gesteinsschichten des Monds scannen soll, um so mehr über seine geologische Geschichte und Zusammensetzung zu erfahren. Außerdem wollen wir herausfinden, wie das vermutete Restmagnetfeld aussieht.«
Im Augenwinkel sah er, wie Potts das mit kleinen Fähnchen abgesteckte Areal betrat.
»Auf einer Fläche von einem Quadratkilometer wurden in einer vorhergehenden, unbemannten Mission zwölf Messsonden im Mondboden in einer Tiefe von 20 Metern installiert«, erzählte Bradley den Zuschauenden auf der Erde.
Der Rest ging überraschend schnell. Alle Systeme der Drohne gaben eine positive Rückmeldung, womit der Kontakt zu allen Sonden im Boden stand. Bradley hielt einen Moment inne, dann sagte seinen lange überlegten Spruch für die Geschichtsbücher auf: »Zum ersten Mal blickt die Menschheit in das Herz ihres Mondes.«
Mit einem Klick auf die große grüne Taste im finalen Fenster des Start-Prozesses aktivierte Bradley die Monddrohne. Gespannt schaute er auf das unförmige Gerät auf der Anhöhe. Es dauerte einige Augenblicke, ehe etwas geschah. Und trotz moderater Temperatur im Anzug trat Bradley der Schweiß auf die Stirn. Doch dann ging es los.
Den kleinen Düsen an den Seiten der Drohne entwichen sichtbare Energieschübe und mit einem Mal hob das Fluggerät ab. Erst ein paar Zentimeter, dann immer höher. Die Drohne schaukelte der ewigen Nacht entgegen. Bradley hoffte, dass sie die geplanten einhundert Meter erreichte, bevor sie in einen langsamen Sinkflug wechselte. Dabei würde sie vom Flug in den Scan-Modus wechseln.
Aus seinem Kopfhörer drangen Klatschen und Rufen. Durch die Verzögerung bei der Datenübertragung hatte Mission Control erst einige Sekunden später den erfolgreichen Start sehen können.
»Der Sturmvogel ist gestartet«, sagte Bradley. »Dies ist der erste erfolgreiche Flug einer Drohne auf dem Mond.«
Bradley wusste, wie idiotisch seine Formulierung war. Aber die Medien sollten es so hören. Denn wenn die Drohne eines nicht tat, dann fliegen. Sie hüpfte. Angetrieben durch kleine Impulsschübe entfernte sie sich von der Oberfläche und führte auf ihrem Rückweg die Scans durch.
Außerdem war es nicht die erste Drohne auf dem Mond. Schon bei der Artemis-3-Mission war eine mit an Bord gewesen, welche von der Entwickler-Firma »Grace Hopper« getauft wurde, und die am Südpol Wassereis aufspüren sollte. Aufgrund einer Fehlfunktion hatte die Drohne allerdings nicht starten können.
Im Gegensatz zu Grace Hopper hatte die NASA bei der Namenswahl der MAGMA-Drohne deutlich mehr Stilbewusstsein an den Tag gelegt. Man hatte sie »Lunar Petrel« genannt, also Mond-Sturmvogel. Hüpfende Tiere sind nun einmal nicht das, was man mit erhabener Weltraumforschung verbindet.
* * *
Die folgende Stunde verbrachte Chris Bradley damit, dem Reporter von CNN, und damit der Welt, in möglichst einfacher Sprache zu erklären, wie MAGMA funktionierte.
Das MAGnetic Mapping Array war ein Scanner zur Messung von Magnetfeldern, um Hinweise auf früheren Magnetismus des Monds zu erhalten. Dabei war die Drohne nur ein Teil einer viel komplexeren Apparatur. Mit ihren Sprüngen sollte sie einen Teil der Mondoberfläche in Quadraten vermessen. Dafür war sie bestückt mit einer Magnetfeldkamera, die eine zweidimensionale Anordnung von Hall-Sensoren enthielt. Mit mehr als 128.000 Messpunkten in der Magnetfeldkamera war sie somit in der Lage, das vermutete Restmagnetfeld mit hoher Geschwindigkeit genau zu messen und umfangreiche Daten für eine eingehende Magnetfeldanalyse zu sammeln.
Bradley wusste, selbst diese einfache Formulierung würden die meisten Zuschauer nur kopfnickend hinnehmen. Und ob es Reste eines Magnetfelds auf dem Mond gab, war für sie genauso wenig erheblich, wie eine drei Millionen Lichtjahre entfernte Supernova. Im Grunde war für sie der Start des Sturmvogels das Highlight dieser Mondmission.
Er erklärte noch, dass die Daten in Echtzeit an das Tablet übertragen wurden und dort dank leistungsstarker Technologie in eine 3D-Karte der Magnetfeldverteilung übersetzt wurden. Dafür kam Potts zu ihm, und filmte über seine Schulter das Computerdisplay. Bradley sparte sich den Vergleich mit ähnlichen Forschungsprojekten wie der Lunar Vertex-Mission, bei der ein Fluxgate-Magnetometer eingesetzt wurde, um das Magnetfeld über der Reiner-Gamma-Anomalie zu vermessen. Er war sich sicher, es hätte die Zuschauer zum Einschlafen gebracht.
Nach einer halben Stunde klinkte CNN sich aus der Übertragung aus. Delilah Butler sagte Bradley, er und Potts hätten 30 Minuten, in denen sie ruhig alle Körperdämpfe in ihre Anzüge entlassen dürften.
Der Reporter führte in dieser Zeit ein Interview mit Sandra Wilkes, welche vom Leben auf dem Lunar Orbital Plattform Gateway berichtete. Bradley glaubte gern, dass dies für die Zuschauenden wesentlich interessanter war als die Überwachung der Magnetfeldmessung. Er erhob sich und drehte sich zu Potts, der neben ihm stand.
»Weißt du«, begann Bradleys Kollege. »Ich bedauere es wirklich zutiefst, es dieses Jahr nicht zu den Surfmeisterschaften nach Huntington Beach zu schaffen.«
»Sag bloß, du stehst auf diesen Trubel.«
»Besser als hier oben in dieser grauen Einöde.«
Bradley sah sich um. Potts hatte recht, öde und grau war es allemal, aber dafür auch ziemlich ruhig, wenn man das Surren und Rauschen der Apparaturen im Anzug ignorierte.
»Aber ich verstehe, was du meinst«, sagte er. »Ich freue mich schon riesig darauf, Ende August mit Stella und den Kids in die Rockys zu fahren. Kanutouren, Marshmallows am Feuer, Angeln, das ganze Programm.«
Potts sah Bradley angewidert an. »Moskitos, Bären, Dauerregen.«
Bradley lachte auf. »Ich sehe schon, wir verstehen uns.«
Mit einem Mal drang ein grelles Piepen in Bradleys Helm.
»Was war das?«, fragte Potts, der es auch gehört hatte.
Bradley konnte das Geräusch sofort identifizieren. Während des Trainings war es immer wieder aufgetreten, er hoffte nur, dass die Drohne keine Fehlfunktion hatte.
»Komm mit!«, rief er.
Mit wenigen Sprüngen war er wieder bei der MAGMA-Steuerung, und ein Ausruf des Unglaubens entwich ihm, als er in der Live-Visualisierung der Messung eine Entdeckung machte.
»Wow! Sieht aus, als hätte die Drohne irgendwelchen Blödsinn gemessen.«
Potts kniete sich neben Bradley in das Regolith. Sein dick in den Handschuh eingepackter Zeigefinger deutete auf den Anzeigebereich im Display.
»Scheint eine lokale Magnetfeldanomalie zu sein«, stellte Potts fest. »Aber das Muster sieht ziemlich merkwürdig aus. Entweder hat der Sturmvogel soeben einen schlagartigen Anstieg der magnetischen Flussdichte registriert oder eine Fehlfunktion.«
Bradleys Herz schlug aufgeregt gegen seinen Brustkorb.
»Das muss ein Fehler sein, Kumpel!«, sagte er. »Es ist absolut unmöglich, dass die Drohne eine hochfrequente, gerichtete Änderung detektiert!«
Bradley meldete diese Anomalie unverzüglich an Mission Control. Delilah Butler verschob die geplante Übertragung von CNN, und wies die Astronauten an, nach der Ursache für die Fehlfunktion zu suchen.
In der nächsten Dreiviertelstunde durchsuchten Bradley und Potts die bereits vorliegenden Daten, fanden aber keine Hinweise auf eine Ursache. Sowohl vor als auch nach Auftreten der Energiespitze waren die Messdaten vollkommen unauffällig. Zumindest für Bradley.
Eine genaue Auswertung würde erst in den kommenden Wochen erfolgen, wenn sich die Lunargeologen mit ihnen befassten. Bradley würde dann bereits mit nackten Füßen in einem Gebirgsbach stehen und seinen Kindern beim Schnitzen zusehen.
»Mission Control an Lunar Surface!«
Es war Delilah Butler. Bradley war davon ausgegangen, dass sie eine weitere Überprüfung der Messung am Folgetag anwies, doch in ihrer Stimme lag ein schneidender Ton. Fast so, als wäre etwas Unvorhergesehenes geschehen.
»Ich höre«, gab Bradley zurück.
»Messung abbrechen, sofort«, sagte die Missionsleiterin. »Da kommt was auf euch zu. SOHO hat vor wenigen Augenblicken ein Solar Flare in Richtung Erde registriert.«
Bradleys Herz setzte einen Schlag aus, als er das hörte.
»Shit!«, blies er zwischen seinen geschlossenen Zähnen hindurch.
»Das ist ein Befehl!«, rief Butler harsch. »Ihr begebt euch unverzüglich zurück in den Lander.«
Er brauchte keine weitere Aufforderung. Bradley ließ alles stehen und liegen. Die Drohne kam schon irgendwie zurecht. Als er sich in aufrechte Position brachte, traf ihn Potts panischer Blick.
»Das schaffen wir nicht, Bro!«
»Red keinen Quatsch und beweg deinen Arsch, Kumpel!«
Mit großen Sprüngen hielten sie auf das Mondfahrzeug zu. Am liebsten hätte Bradley so abgeklärt reagiert wie beim Training. Aber er wusste, dass gerade etwas eingetreten war, was innerhalb bemannter Weltraummissionen gemeinhin als Super-GAU bezeichnet wurde: Astronauten, die der Strahlung eines Sonnensturms ausgesetzt sein würden.
Potts warf sich auf den Sitz des offenen Fahrzeugs, während Bradley einen Blick zurück auf das Testfeld und das kleine darüber schwebende Licht warf.
»Wie viel Zeit haben wir, Mission Control?«, fragte Bradley, während er den Rover startete.
»Zehneinhalb Minuten«, erreichte Butlers Antwort ihn nach etlichen Sekunden.
»Fuck, das bringt nichts«, gellte Potts‘ Stimme.
Bradley drückte die Beschleunigungstaste am Joystick und in einer engen Kurve wendete er das Fahrzeug. Hinter der nächsten Anhöhe sah er bereits die Landefähre als kleinen Punkt in der Mondwüste stehen.
»Das bekommen wir hin, Potts«, versuchte Bradley seinen Kollegen zu beruhigen. »Sicher, das ist über eine Meile. Aber das Baby hier schafft 12 Stundenkilometer. In zehn Minuten sind wir in Sicherheit.«
»Unter Idealbedingungen!«, gab Potts zu bedenken. »Und hast du mal darüber nachgedacht, dass wir noch in den Lander kommen müssen? Das dauert mindestens zwei Minuten!«
»Bleib ruhig!«
Bradley jagte den Rover über die Mondoberfläche. Er erkannte, dass er nicht die Strecke fahren konnte, die sie hergekommen waren. Da hatten sie eine großzügige Kurve um ein Gesteinsfeld gemacht. Doch nun galt es, schnell zu sein.
Das Fahrzeug rollte über eine Unebenheit am Boden. Es hob ab, landete aber glücklicherweise wenige Sekunden später souverän im Regolith. Eine Staubwolke zog zu beiden Seiten des Fahrzeugs vorüber, als Bradley dicht vor ihnen einen dunklen Mondbrocken von der Größe eines Kleinwagens entdeckte.
Er reagierte schnell, riss das Steuer herum. Der Rover erwiderte seine Reaktion langsamer, als ihm lieb war, doch er entging knapp einer direkten Kollision.
»Acht Minuten!«, meldete Delilah Butler.
Potts hatte bereits zu beten begonnen. Für Bradley dagegen war noch nichts verloren. Wenn sie sich am Riemen rissen, konnte es noch klappen, auch wenn es eine Punktlandung werden würde.
Das Lunar Terrain Vehicle glitt über eine erneute Bodenwelle. Zu Bradleys Entsetzen war der dahinter liegende Bereich tiefer als vermutet. Durch die ungleiche Gewichtsverteilung aufgrund der zurückgelassenen Fracht geriet das Fahrzeug in gefährliche Schräglage. Die Räder auf der linken Seite bekamen zuerst wieder Bodenkontakt. Bradley musste die Geschwindigkeit reduzieren, um nicht umzukippen.
Langsam, zu langsam, sanken die Räder auf der anderen Seite auf den Boden. Kaum hatten sie wieder Kontakt, gab Bradley Vollgas, nur um sich einem erneuten Felsbrocken gegenüber zu sehen. Doch es war nicht nur einer!
Wenige Meter vor ihm versperrte eine ganze Reihe dunkles, schroffes Mondgestein den Weg. Wie der Kapitän eines Segelboots einem verhängnisvollen Riff zu entgehen versuchte, änderte Bradley schlagartig die Richtung.
»Du bist zu schnell!«, kam es vom Sitz neben ihm.
Bradley bemerkte es auch. Die enge Linkskurve nahm er mit zu hoher Geschwindigkeit. Die rechten Räder gruben sich in den Mondstaub, während die linken sich vom Boden lösten. In Panik steuerte er gegen, der Rover geriet wieder in normale Lage. Doch Bradley hatte keine Chance, dem vor ihm liegenden Mondbrocken auszuweichen.
Ungebremst fuhr er auf den flachen Stein auf. Zwar hörte er keinen Laut, dafür aber spürte er, wie der Unterboden aufriss, die Aufhängungen der Fronträder brachen. Die Astronauten schrien. Das Mondfahrzeug rutschte über den scharfkantigen Fels.
An dessen Ende glitt es in eine Senke, wo sich das Fahrzeug überschlug. Bradley wurde vom Sitz geschleudert und landete im Regolith. Dicht neben ihm drückte sich tonlos der Rover in den Boden. Panisch rang Bradley nach Luft.
»Was ist bei Ihnen oben los?«, drang Delilah Butlers Stimme verzerrt in den Helm.
»Das LTV!«, ächzte Bradley. »Wir hatten einen Unfall!«
»O mein Gott!«, kam es nach scheinbar ewiger Zeitverzögerung von der Missionsleiterin. »Seht zu, dass ihr zum Lander kommt. Wie weit habt ihr es noch?«
Bradley richtete sich auf. Sein Arm zuckte unkontrolliert und ein giftiger Schmerz stach vom Ellenbogen bis in seinen Kopf. Potts stand wie gelähmt neben dem umgekippten Rover und starrte in den pechschwarzen Himmel.
»Es ist zu spät!«, sagte er.
»Vier Minuten!«, meldete Butler Sekunden später.
Bradley sprang Potts entgegen. Er entdeckte den Lander, nur wenige hundert Meter vor ihnen am Ende des Geröllfelds. Es musste noch etwa ein halber Kilometer sein.
»Bist du verletzt?«, fragte Bradley.
Potts schüttelte den Kopf, und Bradley sah, dass er längst alle Hoffnung aufgegeben hatte. Ohne Zeit zu verlieren, packte Bradley seinen Kameraden am Arm. Dabei zuckte erneut ein stechender Schmerz durch seinen eigenen.
Er scheint gebrochen zu sein!, überlegte er.
Zu Fuß machten sie sich auf den Weg zum Lander. Butler gab im Halbminutentakt die Zeit durch. Es würde verflucht knapp werden, dachte Bradley. Er rechnete durch, wie lange sie der Strahlung eines Flares ausgesetzt sein könnten, bevor sie eine besorgniserregende Dosis abbekamen. Er kam zu keinem Schluss.
Sie waren noch ein ganzes Stück vom Lander entfernt, da verkündete Delilah Butler mit bedeckter Stimme: »Die Zeit ist um …«
Nur einen Augenblick später, wandelte sich die Verbindung zu Mission Control in ein beängstigendes Rauschen. Unvermittelt ging das Licht in Bradleys Anzug aus und auch das Head-up-Display erstarb.
»Nein!«, schrie Potts. »Nein, verdammt!«
»Komm, weiter!«, forderte Bradley.
Sie kämpften sich voran. Dabei war jeder Schritt begleitet von der grauenvollen Gewissheit, dass in diesem Moment das Solar Flare über sie hinwegfegte. Noch glaubte Bradley fest daran, dass sie es schaffen konnten.
Aber schon nach einer weiteren Minute änderte sich das schlagartig. Ein Gefühl der Benommenheit überkam ihn. Nichtsdestotrotz machte er Potts weiterhin Mut. Bradley schätzte, dass sie noch etwa 300 Meter vom rettenden Lander entfernt waren, als er plötzlich von heftigem Schwindel erfasst wurde. Unerwartet ging Potts neben ihm in die Knie.
Verzweifelt zerrte Bradley an ihm, nur um festzustellen, dass er es nicht konnte. Als saugte eine unsichtbare Kraft das Leben aus dem Körper!
Die heftige Übelkeit ließ Bradley das Brennen seines verletzten Arms vergessen. Er übergab sich in seinen Helm. Ihm wurde schummerig, und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
In einem letzten Akt der Verzweiflung versuchte er, Potts zum Lander zu ziehen. Es gelang ihm nicht mehr. Bradley war schon zu schwach. Er ließ seinen Kameraden los, schleppte sich allein weiter. Doch es war zu spät.
Seine letzten Schritte waren langsam und mühevoll. Er schaffte es nicht mehr, seine Füße vom Boden zu heben. Bradley konnte sich nicht länger auf den Beinen halten, kippte in das Regolith. Erinnerungen an seine Familie zogen vorüber. Dann, mit einem Mal, verlor er das Bewusstsein.
Wie lange mein Telefon schon schrillte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Irgendwann riss es mich jedenfalls aus einem traumlosen Schlaf. Jeder Knochen in meinem Körper schmerzte, als hätte ich die ganze Nacht durchgetanzt. Dabei war genau das Gegenteil der Fall gewesen.
»Verdammt, es ist Sonntag!«, brüllte ich meinem Handy entgegen.
Ich rechnete fest damit, dass es irgendwann aufhören würde. Wer auch immer mich da gerade terrorisierte, er hasste es offensichtlich, auszuschlafen. Draußen schien bereits die Sonne und die Vögel trällerten fröhlich vor sich hin. Ich nahm das Kissen unter meinem Kopf hervor und legte es auf mein Gesicht. Allerdings vermochte die improvisierte Dunkelheit nicht, mich wieder einschlafen zu lassen.
Der Anrufer gab nicht auf, und allmählich stieg in mir die Befürchtung auf, es könnte sich um etwas Wichtiges handeln. Ich schlug das Kissen vom Kopf und angelte nach meinem Telefon, das irgendwo am Boden neben dem Sofa liegen musste.
Ich berührte mehrere leere Bierflaschen, die bei meiner Suche klirrend aneinanderstießen. Schließlich fand ich, wonach ich suchte. Mit einem tonnenschweren Ächzen brachte mich in eine halbwegs aufrechte Position, und blinzelte mir den Schlaf aus meinen brennenden Augen, um den Namen auf dem Display zu entziffern. Ich stutzte.
»Hallo?«, nahm ich den Anruf an. »Haben Sie sich verwählt?«
»Nein, Max«, sagte die ernste Frauenstimme. »Das ist ein Notfall. Ich möchte Sie bitten, umgehend ins Institut zu kommen.«
»Was, wie?« Gott, ich war vollkommen neben der Spur! »Miss Baudelaire, Ma‘am, ich verstehe nicht. Es ist Sonntag! Also … natürlich komme ich, wenn Sie das wollen, Sie sind meine direkte Vorgesetzte und …«
»Es hat ein X-Flare gegeben«, sagte Baudelaire.
Ich richtete mich auf und setzte meine Füße zwischen die Bierflaschen am Boden. Hoffentlich hörte Baudelaire das Klirren nicht!
Ich sagte: »Ein Flare, aha. Und was hat das mit unserem Department zu tun? Wir kümmern uns um den Mond, ein Flare kommt von der Sonne …«
Meine Chefin seufzte: »Glauben Sie mal nicht, dass Sie der Einzige sind, der mich das fragt. Es hat einen Zwischenfall gegeben. Bei Artemis.«
Mehr sagte sie nicht. Und ich auch nicht. Ich spürte, wie ich mit offenem Mund auf meiner Couch saß und mir vergegenwärtigte, was geschehen sein konnte.
»Ein Flare während einer Mondmission«, wiederholte ich.
»Lunar Surface, um genau zu sein«, erklärte Baudelaire.
»Was?«
»Ich habe Anweisung von oberster Stelle, alle Fachkräfte zusammenzuziehen. Kommen Sie bitte schnellstmöglich. Alles weitere werde ich in der Krisensitzung um halb neun erklären.«
»Sicher«, sagte ich fassungslos.
Auf der Uhr an der Wand versuchte ich, die Zeit abzulesen, doch es war mir unmöglich. War Baudelaire noch bei sich zu Hause in Baltimore oder etwa schon im Institut?
»Ach, ja«, fiel meiner Chefin noch ein. »Packen Sie bitte eine Reisetasche für ein paar Tage.«
»Was? Wofür?«, fragte ich irritiert.
Doch anstatt mir eine Antwort zu liefern, legte Baudelaire auf, und ließ mich mit Fragezeichen zurück, die mit gleicher Intensität in meinem vernebelten Kopf herumwirbelten, wie der Kater von gestern Abend. Ich blickte auf das Durcheinander der letzten Tage. Oder waren es Wochen?
Mein Wohnzimmer war gleichzeitig zu meinem Schlafzimmer, Esszimmer und Partyraum geworden. Der Fernseher lief und mir fiel wieder ein, dass ich gestern nach einigen Bieren zu viel »No Man‘s Sky II« gezockt hatte. Irgendwann musste ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Aber so, wie es aussah, hatte ich es noch geschafft, den Spielstand zu speichern, denn auf dem Fernseher flimmerte das Hauptmenü.
Immerhin!, sagte ich mir.
Ich beschloss, Baudelaire nicht unnötig warten zu lassen, und schleppte mich ins Schlafzimmer, wo ich mir kurzerhand ein Karohemd offen über mein weißes Schlaf-Shirt zog. Dazu zog ich eine blaue Jeans an. Ich war mir sicher, mit einem solchen Look konnte man nur an einer Universität oder in einem wissenschaftlichen Institut aufkreuzen.
Im Anschluss kramte ich aus dem obersten Fach meines Kleiderschranks den Rollkoffer hervor, und packte das Nötigste für eine Woche ein.
»Weiß der Teufel, was Baudelaire vorhat!«, sagte ich dabei immer wieder.
Ich glaubte zwar nicht daran, dass mir die Zeit dafür blieb, aber meine Sportkleidung legte ich auch in den Koffer. Immerhin war ich schon viel zu lange nicht mehr Laufen gewesen, und es endlich wieder einmal zu versuchen, stand schon länger auf meiner endlosen To-do-Liste. Beim erneuten Blick auf mein Handy bemerkte ich, dass ich vier ungelesene Nachrichten hatte.
Die erste war von meinem Vater. Er hatte geschrieben, dass er in Düsseldorf losgeflogen war und gegen Abend in Washington landen werde. Ich seufzte, denn ich hatte beinahe vergessen, dass er die nächsten zwei Monate hier sein würde. Ich musste dringend aufräumen!
Die zweite Nachricht war von Hannah, einer kleinen Rothaarigen aus der Entwicklung der DAVINCI-Sonde, dem mittlerweile überbudgetierten Venus-Projekt. Wir waren vor zwei Wochen essen gewesen und sie fragte nun, ob wir das wiederholen sollten.
Sollten wir nicht, fand ich.
Nachricht Nummer drei stammte von einer Assistenzzahnärztin aus Baltimore. Sie hieß Meredith, und wir hatten uns letzte Woche in einer Bar kennengelernt. Es war »Ladies Night«, sie bekam also Gratis-Getränke, und nach ein paar Shots hatten wir uns in eine versteckte Ecke zurückgezogen und rumgeknutscht. Sie wollte mich wiedersehen, aber ich war mir unsicher, ob sie sich auf einen depressiven Chaoten wie mich einlassen sollte.
Die letzte Nachricht war ein Meme von meinem SETI-Kumpel Steven. Seit ich das SETI-Institut vor vier Jahren verlassen hatte, war er der Einzige, mit dem ich noch regelmäßig schrieb und telefonierte. Ihn einen Freund zu nennen, wäre in etwa so, wie bei Crack von einem Genussmittel zu sprechen. Doch im Grunde war Steven ein Freund. Wenn ich genau darüber nachdachte, war er der einzige Freund, der mir nach Helenas Tod geblieben war.
Das Meme zeigte ein Bild von Harry Potter mit der wenig geschmackvollen Unterschrift: »I'd like to get my Basilisk into your Chamber of Secrets.«
»Boah, Steven, du bist pervers!«, entfuhr es mir.
Ich konnte mir förmlich vorstellen, mit welch infantiler Freude er auf den Senden-Button geklickt haben musste. Sollten wir uns jemals wieder persönlich treffen, würde ich ihn so betrunken machen, dass er als Fotomotiv für sein eigenes Meme taugen würde. Da Steven allerdings in Kalifornien lebte, war ein persönliches Treffen in etwa so wahrscheinlich, wie Leben auf dem Saturn zu finden. Von der Ostküste bis zu ihm waren es fünfeinhalb Stunden, wenn man nonstop flog! Und auch wenn ich in den Augen anderer zu viel Freizeit hatte, würde ich es nicht nach Kalifornien schaffen.
Anstandshalber putzte ich mir noch die Zähne, und prüfte mit einem Blick in den Spiegel, ob ich mir den Dreitagebart stutzen sollte. Ich ließ es bleiben, sollten meine Kollegen denken, was sie wollten. Rein optisch war ich noch weit von der hässlichen Gesichtsbehaarung eines Ryan Goslings entfernt. Sicher, Ryan Gosling ist ein echt heißer Typ, aber sein Bart ist es definitiv nicht!
Von der Kommode im Flur schnappte ich mir meinen Mitarbeiterausweis. Kurz besah ich darauf das Foto von mir und musste verzweifelt auflachen. Es war entstanden, bevor ich Helena kennengelernt hatte, aber diesen Ausweis besaß ich erst, seit sie nicht mehr da war.
Maximilian Altmann, las ich.
Niemand bei der NASA nannte mich so, ich war für alle einfach nur Max. Und in meiner E-Mail-Signatur hatte ich gleich nach meiner Einstellung vor vier Jahren das zweite ›n‹ in meinem Nachnamen der Einfachheit halber gestrichen.
Doch ich hatte nicht wegen des Fotos oder meines Namens diesen kläglichen Laut der Verzweiflung von mir gegeben. Nein, es war aufgrund der Tatsache, dass heute möglicherweise der Tag sein würde, der das Ende meiner beruflichen Karriere bei der NASA besiegelte.
Schon lange spielte ich mit diesem Gedanken, aber ich hatte mich bisher nie dazu durchringen können, den Job endlich an den Nagel zu hängen. Die Gründe dafür waren vielfältig, vor allem aber war es wegen Helena.
* * *
Mit dem Koffer in der Hand und einem Seufzer so tief wie der Grand Canyon verließ ich mein kleines Haus in der Wye Mills Street. Ich wohnte in Maryland City, das klingt urbaner, als es in Wirklichkeit ist. Zwar liegt der Ort im gleichnamigen Bundesstaat, aber mit gerade einmal 16.000 Einwohnern war er nicht mehr als eine Satellitenstadt neben der viel befahrenen Pendlerroute zwischen Baltimore und Washington DC.
Es war ruhig an diesem Sonntagmorgen. Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn und ich hörte aus Richtung der nahen Hauptstraße die ersten Autos. Der Himmel über den dichten grünen Laubbäumen erstrahlte in verheißungsvollem Blau, und so recht konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich in dieser Nacht eine furchtbare Raumfahrtkatastrophe ereignet haben sollte.
Den Koffer verstaute ich in meinem kleinen Toyota, dann machte ich mich auf den Weg. Über den großzügigen und landschaftlich reizvollen Baltimore-Washington-Parkway, der zu dieser Tageszeit so leer wie eine Großstadt nach einer Zombieapokalypse war, ging es nach Süden, wo ich an der Abfahrt Greenbelt abfuhr. Vorbei an der Eleanor Roosevelt Highschool folgte ich der 193 eine gute Meile.
In meiner Playlist lief gerade »High Voltage« von AC/DC. Als ich mir noch einmal vergegenwärtigte, warum Baudelaire mich ins Institut gerufen hatte, musste ich schmunzeln, passte dieser energiegeladene Rocksong-Klassiker mit Bon Scotts quäkendem Gesang wie die Faust aufs Auge, schließlich transportiert ein Solar Flare ebenfalls eine Menge hochenergetischer Teilchen.
Das Gitarrensolo setzte ein und vor mir erschien die Einfahrt zum Goddard Space Flight Center. In wenigen Minuten würde ich erfahren, was um alles in der Welt heute Nacht vorgefallen war.
Exakt zehn Minuten vor der Besprechung erreichte ich das Haupttor des Goddard Space Flight Centers. Die Pförtner wirkten deutlich nervöser als sonst. Schenkten sie mir für gewöhnlich ein freundliches Lächeln und prosteten mir mit ihren Kaffeetassen zu, um mir damit zu signalisieren, dass sie schon lange wach waren und ich wieder einmal zu spät dran war, so wirkten sie an diesem Morgen, als wären sie mit dem falschen Bein aufgestanden.
Wortlos und freudlos öffneten sie mir die Schranke, winkten mich hindurch und ich fuhr zu dem Gebäude, in dem ich arbeitete. Es trug den klangvollen Namen »GSFC Building 34«. Ich finde, das klingt nach einem Geheimlabor, in dem wichtige Wissenschaftler bahnbrechende Entdeckungen machen. Die Realität sah leider vollkommen anders aus, auch wenn das darin befindliche Department »Lunar Discovery and Exploration« hieß.
Der Parkplatz vor Gebäude 34 war bereits hoffnungslos überfüllt, daher stellte ich mich ins Halteverbot auf der gegenüberliegenden Seite, wo bereits einige andere Fahrzeugen standen. Beim Einparken entdeckte ich Belinda.
Belinda und ich waren Kollegen. Sie lebte in Laurel, das lag in der Nähe von Maryland City. Rein äußerlich spiegelte Belinda das wider, was man gemeinhin als graue Maus bezeichnete. Inmitten ihres blassen runden Gesichts klebte eine unmodische Brille. Ihre unspektakuläre Frisur wurde nur getoppt von ihrer farblosen Kleidung. Allerdings sagte ihr Äußeres nichts über ihre außerordentlichen Kenntnisse auf dem Gebiet der Mondgeologie aus. Ich arbeitete gern mit ihr zusammen.
Während ich meine Reisetasche aus dem Kofferraum bugsierte, verschloss sie bereits ihren silbernen Buick aus den 90ern.
»Morgen, Max!«
»Ob dieser Morgen so gut ist?«, erwiderte ich.
Belinda sagte nichts, und jetzt fiel mir auf, dass auch sie einen Koffer mitgebracht hatte. Er musste ungleich schwerer sein als meiner, denn sie zerrte ihn mit aller Kraft über den Asphalt.
»Was hast du da drinnen? Steine?«, fragte ich.
»Frag ja nicht!«, keuchte Belinda. »Robin hat mir beim Packen geholfen. Sie sagte, ich solle bloß nicht den Fehler machen, zu wenig mitnehmen.«
»Weil wir NASA-Nerds von Natur aus lebensunfähig sind«, sagte ich.
Belinda schmunzelte und ich bot ihr an, dass wir die Koffer tauschten. Sie schien über diesen Vorschlag nicht traurig zu sein und so taten wir es. Ich behielt recht, Belindas Lebensgefährtin hatte nicht an Gepäck gespart. Sie arbeitete als Professorin für afrikanische Geschichte und Belinda hatte mir mal erzählt, dass Robin oft monatelang für irgendwelche Studien und Stipendien in der Weltgeschichte umherreiste.
»Hat Baudelaire dir erzählt, was sie mit uns vorhat?«, fragte Belinda, als wir Gebäude 34 betraten. »Sie wird wohl nicht planen, dass wir hier übernachten.«
»Wohl kaum«, musste ich zugeben. »Aber Disneyland wäre ein gutes Reiseziel.«
Belindas Hand traf meine Schulter. »Ach komm, hör auf mit deinen Witzen. Baudelaire klang total überreizt. Ich kann mir sogar vorstellen, dass sie uns nirgendwohin schickt und wir die Koffer nur vorsorglich packen sollten.«
Kaum waren wir auf dem Hauptflur im Erdgeschoss, wurde mir schlagartig klar, dass das nächtliche Ereignis größere Wellen schlug, als ich zuerst angenommen hatte. Hier war die Hölle los. Sicher, die Scharen an Forschern und Technikern wahrten ihre Fassung – Profis waren eben Profis - doch auch, wenn niemand rannte oder laut sprach, konnte ich die Nervosität jedem Einzelnen deutlich ansehen.
Die Stimmung glich in etwa der, wie man sie kurz vor einem Raketenstart wahrnehmen kann. In den Gesichtern der vorbeiziehenden Männer und Frauen spiegelte sich eine große Anspannung wider. Mir wurde allmählich flau im Magen. Mir gefiel es nicht, dass ich nicht wusste, was mich hier erwartete.
Für gewöhnlich nahm ich die Treppe, doch mit Belindas tonnenschwerem Koffer verzichtete ich heute darauf. Der Aufzug brachte uns in die zweite Etage, und auch hier herrschte ein ausgesprochenes Durcheinander. An Belindas Blick konnte ich ihre Verblüffung abzulesen, etwas, das nicht oft vorkam. Denn die meiste Zeit hatte sie genau einen Gesichtsausdruck parat. Dieser ließ sich am ehesten mit den Worten »schläfriges Pokerface« beschreiben.
Ich sagte: »Bei diesem Trubel hier wäre es gar nicht so verkehrt, wenn Baudelaire uns irgendwohin schickt. Was denkst du?«
»Tja, aber wohin sollen wir als Selenologen schon reisen?«
»Sag bloß, du warst in all den Jahren noch nie …«
»Nein«, sagte Belinda mit fester Stimme und hielt mit großen Schritten auf den Besprechungsraum unserer Abteilung zu. »Und ja, ich bin ein bisschen neidisch, dass du bei SETI diese ganzen Exkursionen unternommen hast. Das Spannendste, was ich hier je erlebt habe, war ein Ausflug zum Bowling Center.«
»SETI«, sagte ich zu mir selbst und schleppte Belindas Koffer über den Flur, als wäre ich beim Strongman Truck Pulling.
Sie drehte sich zu mir um. »Im Ernst, du hast schon astronomisch mehr erlebt als ich. Ich meine, was habe ich schon erreicht? Studium am MIT, Praktika ohne Ende, und dann – schwupps – ab zur NASA. Dein Lebenslauf gleicht dem eines Rockstars!«
»Jetzt übertreibst du aber«, sagte ich. »Nur weil ich aus Deutschland zu euch rübergekommen bin.«
»Nicht nur deshalb«, schnaufte Belinda. »Du hast beim DLR arbeiten können. Wow! Weißt du, wie gern ich mal in der LUNA-Trainingsanlage gewesen wäre? Oder wenigstens ein Jahr an einem wirklich coolen Projekt geforscht hätte?«
»Echt? Du hättest gern daran geforscht, ob Regolith für die Sauerstoffgewinnung taugt? Oder an Konzepten zum Bau von Habitatstrukturen geforscht?«
»Und ob! Du konntest sogar deine Doktorarbeit beim DLR schreiben. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, dass die NASA aufgrund meiner Doktorarbeit bei mir angeklopft hätte.«
»Die NASA hat erst angefragt, als ich bei SETI längst raus war, Belinda«, erklärte ich. »Und die letzten vier Jahre hier in Goddard waren jetzt nicht so rockstarmäßig, finde ich.«
Kurz vor der Tür zum Besprechungsraum blieb Belinda stehen. Von drinnen hörte ich zahllose durcheinanderredende Stimmen. Es klang wie auf der Weihnachtsfeier, nur ernster. Neben der Tür stand ein weiterer Koffer.
Ich sagte: »Warst du es nicht, die mir gesagt hat, ich solle mich glücklich schätzen, SETI hinter mir zu haben? Ich könnte endlich mit echten Wissenschaftlern zusammenarbeiten?«
»Ich glaube, ich habe die Begriffe ›halbwissenschaftlich‹ und ›kleine grüne Männchen‹ verwendet.«
»Autsch«, entfuhr es mir.
Belindas Augen fuhren zu kleinen Schlitzen zusammen, dann sagte sie: »Nimm‘s nicht so schwer, Max. Ich wette, deine Langeweile wird sich gleich in Luft auflösen.«
Im Grunde war mir das egal. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn Baudelaire uns nach zehn Minuten wieder nach Hause geschickt hätte. Mein Leben war ein riesiger Haufen Scheiße, und auch wenn es nicht Belindas Absicht gewesen war, sie hatte eine Wunde meiner Vergangenheit wieder aufgerissen.
Vermutlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass ich nach vier Jahren noch immer unter dem Grund litt, der mich vom SETI-Institut fortgeführt hatte. Der mich in diese ganze Misere gebracht hatte und mich zu dem Menschen hatte werden lassen, der ich war. Mittlerweile glaubte ich fest daran, dass ich mich hassen würde, sollte ich mich selbst treffen.
Ich presste die Lippen zusammen und die Zähne aufeinander, und simulierte ein freundliches Lächeln. Helenas Tod war einfach eine Nummer zu groß für mich gewesen, aber das konnte ich Belinda nicht vorwerfen. Wir ließen unsere Koffer draußen und betraten den Besprechungsraum, wo mir unvermittelt eine beispiellose Geräuschkulisse entgegenschlug, welche meine aufkeimende Trauer zurück an den Grund meiner Seele trieb.
Die gesamte Abteilung war da. Belinda und ich schienen die Letzten gewesen zu sein. Der kleine fensterlose Raum war so überfüllt, dass viele der über 30 Mondgeologen stehen mussten. Belinda und ich blieben an der Tür, weiter rein kamen wir ohnehin nicht.
Ich verschaffte mir einen Überblick und entdeckte Baudelaire vorn an der Leinwand, auf die der Beamer bereits eine Tabelle projizierte. Ihre Werte und Kurven sagten mir rein gar nichts, doch ich war mir sicher, meine Chefin würde uns in wenigen Augenblicken aufklären.
Marie Baudelaire war die Leiterin des Departments »Lunar Discovery and Exploration«. Dass ich sie zuerst nicht gesehen hatte, lag nicht am voll besetzten Raum, sondern an ihrer Körpergröße. Ich schätzte, sie war etwas kleiner als Tom Cruise. Dennoch war Baudelaire eine Respekt einflößende Erscheinung, um die 60 mit silbern schimmerndem Haar, schmalem Mund und harten Zügen. Nur ein einziges Mal hatte ich den fatalen Fehler begangen, sie auf ihre Körpergröße anzusprechen, was ich schnell bereute, da es mir einige Wochen unangenehme Arbeit eingebrockt hatte. Marie Baudelaire war nicht nur überaus fachkundig, sondern für eine Wissenschaftlerin auch äußerst resolut.
Ihr schneidender Blick traf mich und sofort fing sie mit ihrem Vortrag an. Ich sah auf mein Handy. Wir hätten keine Sekunde später hier aufschlagen dürfen.
»Danke, dass Sie alle da sind«, begann Marie Baudelaire. »Ich komme direkt zur Sache, denn Zeit ist in diesem Fall ein entscheidender Faktor. Und Zeit haben wir nicht. Heute Nacht, um kurz nach 0:30 Ortszeit in Houston, ereignete sich auf der Sonne ein unvorhergesehenes Solar Flare. SOHO und SDO haben ihm eine X-Klassifikation zugewiesen. Wie Sie alle wissen, findet derzeit die Oberflächenmission von Artemis 5 statt. Durch das Flare haben wir den Kontakt zur Surface Exploration und auch zum Gateway verloren.«
Baudelaire machte eine kurze Pause. Das Raunen, das durch den Raum ging, erinnerte mich an das unheilvolle Blätterrauschen kurz vor einem Gewittersturm.
»Wie sicher ist, dass es ein X-Flare war?«, fragte Tippett, einer meiner Kollegen.
»Die Daten sind eindeutig«, sagte Baudelaire. »Und anhand derer lässt sich auch berechnen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Protonensturms außerordentlich hoch war. Das bedeutet, die Astronauten von Lunar Surface sind sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben.«
»O Gott!«, rief jemand aus einer Ecke.
Marie Baudelaire sah ernst in die Runde. Ich spürte, wie mir heiß und kalt wurde, denn mit einem Mal schwante mir, worauf die ganze Sache hinauslaufen würde. Wenn sich die Befürchtung bewahrheitete, dann hätte die NASA die ersten Toten bei einer Mondmission zu beklagen. Es wären sogar die ersten tödlich verunglückten Astronauten im All überhaupt, wenn man die drei russischen Kosmonauten ausklammerte, die 1971 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre erstickt waren. In jedem Fall aber wäre es die schwerste Katastrophe der bemannten Raumfahrt in jüngster Zeit.
Baudelaire fuhr fort: »Nachdem das Flare von NOOA und SWPC detektiert wurde, haben wir Warnungen an Luftfahrt, Raumfahrt, Militär und die Betreiber kritischer Infrastruktur rausgegeben. Wir hatten vereinzelt Radio Blackouts auf einer Skala von R3 bis R5 mit weitreichenden Ausfällen im Kurzwellenfunk über große Bereiche sowie massive Beeinträchtigung der Navigationssysteme. Auf der Mondoberfläche hatten wir zur Zeit des EVAs eine berechnete Strahlenbelastung im Bereich einer S-5 – das ist das Maximum.«
»Was«, sagte jemand. »So heftig?«
»Alles in allem also das typische Szenario eines X-Flares, sofern man bei einem so schwerwiegenden Ereignis das Wort ›typisch‹ benutzen kann. Zusätzlich zum Flare hat sich auf der Sonne ein koronaler Massenauswurf ereignet. Aktuell gehen wir davon aus, dass er die Erde am späten Dienstagnachmittag trifft. Entsprechende Vorsorgemaßnahmen sind in Vorbereitung.«
»Was ist mit Wilkes und Garcia auf dem Gateway?«, fragte Belinda.
Baudelaires stechender Blick glitt über die Köpfe der Sitzenden hinweg. »Wie gesagt, der Kontakt zum Gateway ist abgebrochen. Wir können nur hoffen, dass die Astronauten rechtzeitig den Schutzraum aufsuchen konnten. Aktuell arbeitet Houston intensiv an der Wiederherstellung der Funkverbindung.«
Jemand erhob sich. Es war Bruce, ein älterer Kollege, dessen Gesprächsbeiträge im Team allgemein gefürchtet waren. Auch Baudelaire brachte sich in Stellung, denn sie schien eine unbequeme Frage zu erwarten.
Bruce sagte: »Ma‘am, das Protokoll sieht für einen solchen Fall vor, dass der Gateway evakuiert wird. Werden Wilkes und Garcia zurückkehren, auch wenn Bradley und Potts noch auf der Oberfläche sind?«
»Das können sie unmöglich tun«, rief eine Stimme in Baudelaires Nähe. »Die Crew muss vollständig zur Erde zurückkehren. Auch wenn …«
»Ach ja?«, unterbrach Bruce sofort. »Wie sollen Wilkes und Garcia ohne HLS zur Oberfläche gelangen?«
»Leute, bitte!«, ging Marie Baudelaire dazwischen. »Diese Fragen liegen außerhalb unseres Zuständigkeitsbereichs. Ich verstehe, dass Sie sich alle um die Missionsteilnehmer sorgen, aber bitte sehen Sie davon ab, sich in einer hitzigen Debatte über ihre Rückkehr zu verlieren.«
Bruce senkte seinen Kopf und sah aus, als wollte er noch etwas hinzufügen. Doch Baudelaires Blick haftete mit solcher Entschlossenheit auf ihm, dass er sich unter dieser Last zum Hinsetzen gezwungen sah. Niemand im Raum gab auch nur einen Pieps von sich. In mir brodelte es. Ich hätte Baudelaire mit Hunderten Fragen zu den Vorkommnissen löchern können, doch ich hielt mich zurück.
»Aktuell ist vieles noch im Unklaren«, sagte Baudelaire. »Was aber unumstößlich feststeht, ist, dass Artemis 5 gescheitert ist. Bradley und Potts sind der tödlichen Strahlung ausgesetzt gewesen und höchstwahrscheinlich tot. Ob der Lander irreparabel beschädigt ist, oder gar das Orion-Schiff oder das Gateway, das alles ist aktuell ungewiss.«
Nun hielt ich es nicht mehr aus. Mutiger, als ich mich fühlte, trat ich einen Schritt nach vorn.
»Ma‘am, was haben wir mit dem Thema zu tun?«
»Das würde ich auch gerne wissen«, stimmte Bruce mir zu.
»Immerhin sind wir Mondgeologen. Wir haben weder mit Artemis noch mit Sonnenstürmen etwas zu schaffen.«
Baudelaires Gesicht nahm einen verdrießlichen Ausdruck an. So in etwa hatte sie auch ausgesehen, als ich mir den Kommentar auf ihre Körpergröße erlaubt hatte.
Sie sagte: »Dieser Fall, so traurig er für die Angehörigen auch sein mag, ist für die Wissenschaft von elementarer Wichtigkeit. Denn gerade daraus lassen sich Schlüsse für zukünftige bemannte Missionen und ihre Sicherheitskonzepte ableiten.«
»Ja, aber damit haben wir doch nichts zu tun, oder sehe ich das falsch?«
»Das Sie sehen absolut richtig, Max«, gab mir Baudelaire recht. »Allerdings erwartet man eine schnelle und zufriedenstellende Erklärung, um den Tod der beiden Astronauten ins rechte Licht zu rücken. Da die Existenz des Flares aufgrund der Liveübertragung schwer zu verschleiern ist, fragen sich nun viele Leute zu Recht, was mit den Astronauten auf dem Mond geschehen ist. Und da der Kontakt während des Partikelsturms abgebrochen ist, ruft das unsere Abteilung auf den Plan. Wir analysieren die stationären Messgeräte. Houston hat angedeutet, dass Bradley und Potts das Flare mit MAGMA möglicherweise gemessen haben könnten.«
»Das Weiße Haus hat Sie mit der Aufklärung beauftragt«, entfuhr es mir.
»Wir müssen zusehen, dass wir schnellstmöglich Licht in die Sache bringen«, sagte Baudelaire ernst. »Die Regierung will heute noch eine Erklärung rausgeben. Aktuell verteilen Johansson und ich die Aufgaben im Department neu, einige Mitarbeiter werden gleich nach Huntsville fliegen, um dort gemeinsam mit den Heliophysikern das Unglück zu analysieren.«
Das ist es also!, dachte ich.
Meine Laune verschlechterte sich urplötzlich in dem Maße, wie sich die Luftqualität im Besprechungsraum seit Beginn des Krisenmeetings verschlechtert hatte. Meine Einsatzbereitschaft war in den letzten Monaten gegen null gerutscht, und nun sollte ich plötzlich auf eine spontane Dienstreise geschickt werden!
Baudelaire war noch nicht fertig. »Ich kann Ihren Frust über den vermurksten Sonntag nachvollziehen. Aber ich lasse Sie gerne wissen, dass ich in den kommenden Stunden eine Menge unangenehmer Video-Meetings haben werde. Zudem werden Allard Johansson und ich morgen nach Huntsville nachkommen, um dort die wichtigsten Dinge zu koordinieren.«
Die Dinge kamen schneller ins Rollen, als mir lieb war. Keine zwei Stunden nach der Krisensitzung ging mein Flug vom Baltimore International Airport über Atlanta nach Huntsville. Am späten Mittag trat ich in die schwüle Südstaatenhitze, und verfluchte mich dafür, weder Sonnencreme noch eine Baseball-Cap eingepackt zu haben.
Während ich auf dem Weg nach Huntsville war, erledigten die zurückgebliebenen Kollegen in Goddard die Drecksarbeit für mich. Sie durchforsteten die MAGMA-Datenbank und die Aufzeichnungen sämtlicher anderer Technikspielzeuge auf dem Mond. Zumindest die Daten, die noch vor Eintreffen des Flares und dem damit einhergehenden Abbruch der Funkverbindung zur Erde übermittelt werden konnten.
Ich war einer von drei armen Teufeln, die Baudelaire als ihre Vorhut nach Alabama geschickt hatte. Außer mir war noch Belinda mit von der Partie und Rudra, ein älterer Kollege, der in Sri Lanka geboren war.
Rudra hatte mir einmal gesagt, dass sein Name übersetzt so viel wie »wütend« oder »schrecklich« heißt, was unpassender nicht sein konnte. Rudra war so ziemlich das genaue Gegenteil. Er sprach ruhig und leise, und auch wenn es überaus gehaltvoll war, hatte man seine Schwierigkeiten, bei seiner besonderen Art der Körperbeherrschung aufmerksam zu bleiben. Bruce hatte einmal den treffenden Satz geäußert: »Wenn man bei seinen Vorträgen nicht einschläft, ist man vermutlich tot.«
Vom Flughafen ging es die letzten Meilen mit einem Transfer durch die üppige Sommerlandschaft des ausgedehnten Tennessee River Valleys. Die Klimaanlage in dem weltraumschwarzen Van war defekt, und ich kam mir vor wie bei einer Amazonas-Expedition. Rudra war der Einzige von uns, der nicht vor Schweiß triefte.
