Experiment Mensch - Salomo Friedlaender - E-Book

Experiment Mensch E-Book

Salomo Friedlaender

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Beschreibung

Salomo Friedlaender/Mynona: der lustige Schnurrenerzähler, der skurrile Polaritätsphilosoph? Reißen Sie diese bequemen Etiketten ab! Das Image muß revidiert werden. Hier ist zum ersten Mal ein Überblick über das gesamte Werk eines erstaunlichen Schriftstellers und Denkers aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kurze Textauszüge, viele aus dem unveröffentlichten Nachlaß, aus Tagebüchern und Briefen: Selbstzeugnisse, philosophische Grundbegriffe, intellektuelle Leitfiguren und wichtige Freunde; Urteile über ältere und neuere literarische und philosophische Autoren; Blicke in die groteske „Lebewelt“; Thesen zu Kunst, Vernunftmagie und exzentrischer Empfindung, zu Pädagogik, Psychologie, Sexualität und Physiologie, zur Politischen Theorie und zu den Religionen. Mit Einleitung und Literaturhinweisen.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Vorweg

Zeittafel

1 Über sich selbst und sein Werk

2 Biographisches

3 Polarität und Indifferenz

4 Zur polaristischen Methode

5 Das Gesetz der Mitte

6 Präsentismus

7 Humor

8 Sprache

9 Goethe

10 Kant

11 Schopenhauer

12 Nietzsche

13 Ernst Marcus

14 Freundschaften und Begegnungen

15 Zur älteren Philosophie

16 Deutsche Klassiker

17 Zur Philosophie des 19. Jahrhunderts

18 Zur Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts

19 Literarisch-kulturelle Streitsachen

20 Literarische Zeitgenossen

21 Zur angelsächsischen Literatur

22 Die verlorene Bibliothek

23 Kunst & Ästhetik

24 Das Problem des Schauspielers

25 Musik

26 Malerei & Graphik

27 Architektur

28 Exzentrische Empfindung und Äthertheorie

29 Vernunftmagie und Organotechnik

30 Zur modernen Physik

31 „Lebewelt“

32 Pädagogik

33 Psychologie und Psychoanalyse

34 Sexualität

35 Physiologie und Medizin

36 Krieg, sagte der Irrsinnige, Krieg ist unmöglich!

37 Harmonisches Menschensystem

38 Ökonomie – Geist und Geld

39 Judentum

40 Christentum und andere Religionen

Die wichtigsten Verwandten und Freunde

Literatur

Namenverzeichnis

Vorweg

„Das verkannte Nichts der Mitte ihrer Pole ist das Original aller Schöpfung; diesen Quell des ,Nil’ gilt es sprudeln zu machen. Man hat ihn verschüttet, mit Differenz verstopft; aber die Wünschelrute Polarität verrät ihn zu deutlich, als daß es länger anständig wäre, die akademisch dürre Wüste schmachten zu lassen – sie lechzt nach unverhüteter Befruchtung.“

Schöpferische Indifferenz (GS 10, 183)

Friedländer, Friedlander, Mignona, Myona, Salomon, Salimo, Salamo, Samuel, Sigmund, Siegfried – solche Schwankungen zeigen, wie verschollen ein deutscher Dichter und Philosoph ist, der zwischen 1902 und 1935 nicht weniger als 34 Bücher veröffentlichte. Hartmut Geerken, Nachlaßverwalter, hat die Schreibweise festgelegt: Salomo Friedlaender/Mynona, mit Schrägstrich zwischen bürgerlichem Namen und Pseudonym, um den Eindruck eines Doppelnamens zu vermeiden, ohne die Doppelnatur des Autors zu unterschlagen. Und mit ae, weil Friedlaender sich auch dann so schrieb, wenn er die Umlaute auf seiner Tippmaschine hatte (Geerken 1980, Nachwort, 277). Abgekürzt: F/M.

Der spinnige Humorist, der lustige Schnurrenerzähler, der skurrile Polaritätsphilosoph (scurra: Spaßmacher) – solche schwachgeistigen Etiketten werden nicht noch einmal wiederholt. Über diesem Autor liegt ein so dichter Filz von Verzerrungen, Verdrehungen, Fälschungen, Irrtümern, Unkenntnissen, daß die wahre Gestalt nur allmählich hervortritt.

Um 1957 versuchte Hermann Kasack, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, F/Ms Nachlaßwerk Das magische Ich zu publizieren; das scheiterte an einem extrem kurzsichtigen Gutachten von Hans-Georg Gadamer (dazu in GS 19). Der Plan, Schöpferische Indifferenz, Grotesken und philosophische Aufsätze jeweils in Auswahl zu bringen, schien sich seit Frühjahr 2003 realisieren zu wollen; doch seltsames Geschäftsgebaren vereitelte alles. Die Herausgeber, Hartmut Geerken und ich, hatten gesagt: Das Buch, Schöpferische Indifferenz, ist ja in einigen Bibliotheken vorhanden, deshalb müsse die Neuausgabe nicht vorgezogen werden. Michael Assmann, Sekretär der Akademie, gab das in merkwürdig mutwilliger Verdrehung weiter: Wir wollten das Buch überhaupt nicht bringen! Akademieverleger Thedel v. Wallmoden legte berufstypische Manieren an den Tag: sechs Briefe in fünfzehn Monaten blieben ohne jede Antwort.

Umso besser! Denn mit einer solchen repräsentativen’ Ausgabe in drei Bänden wären die falschen Legenden zementiert, die Akten geschlossen, F/M endgültig begraben worden. Folglich entschieden wir uns, auf eigene Faust die Edition der Gesammelten Schriften in Angriff zu nehmen, ohne dreinredenden Verlag, bei Books on Demand. Es ist der wohl einmalige Fall, daß ein zeitlebens völlig mittelloser Autor die Gesamtausgabe seiner Schriften, etwa 38 Bände, posthum selbst finanziert: Geerken hat seinen Dritteil des Nachlasses an die Akademie der Künste, Berlin, verkauft.

Mittlerweile ist durch intensive Recherchen und fleißiges Transkribieren soviel unbekanntes Material ans Licht gekommen, daß eine Generalrevision ansteht. Machen wir sofort eine polaristische Übung! Stellen wir alle Bilder von F/M auf den Kopf! Indem wir sie dann wieder auf die Füße bringen, werden wir ihn schon besser als das erkennen, was er wirklich ist – einer der erstaunlichsten Schriftsteller deutscher Sprache; metaphysischer Poet; Radikalkantianer mit dem (noch zu prüfenden) Anspruch, Kants kopernikanische Revolution durch einen spezifischen Polarismus vervollständigt zu haben; unbestechlicher Zensor mit einer klaren kosmopolitischen Vision, unbeirrt durch ideologische Klippen und Prallfelsen, die bis heute aktuell bleiben; unerschrocken hellsichtiger Kritiker all jener, die seitdem als die Klassiker der Moderne hingestellt werden (siehe Sektionen 18-21).

Also irritieren, anregen, neu bewerten! Das ist der Zweck dieser Anthologie. Sie muß daher anders funktionieren als gewöhnliche Best-of-Unternehmen. Es geht nicht um die wievielte Sammlung ausgewählter Grotesken. Boshafterweise gibt es überhaupt keine vollständigen Texte, sondern nur Auszüge. Dafür aber wird ein Überblick über das ganze Werk gegeben, über die wichtigsten Themen, Begriffe und Namen. Das erfordert einen weiteren Kopfstand. F/Ms Œuvre umfaßt rund 17.500 Druckseiten, genauer: 5800 Seiten Korrespondenz (mit Gegenbriefen), 4600 Seiten Alltags- und philosophische Tagebücher (Notizbücher, Adreßbuch usw.), 2300 Seiten philosophische Prosa im Nachlaß, 2200 Seiten zu Lebzeiten veröffentlichte philosophische Prosa (inkl. Rezensionen), 1230 Seiten Romane, Novellen, Parodien, 1000 Seiten Grotesken (einige unpubliziert), 530 Seiten Lyrik.

Ein Drittel des gesamten Materials entfällt also auf die Korrespondenz (von der vermutlich maximal zwei Drittel überliefert sind). Davon waren bislang aber nur rund 500 Seiten bekannt (Briefe aus dem Exil, 1980; Briefwechsel mit Kubin, 1986). Von den Tagebüchern so gut wie nichts. Vom philosophischen Nachlaß nichts. Von der Lyrik kaum die Hälfte. – Wie will man auf solcher Grundlage einen Autor beurteilen?

Folglich wurden hier die Schwerpunkte auf die bisher unbekannten Teile gelegt. Hinzu kommt noch ein Grund. Da F/M spätestens ab 1930 mundtot gemacht war, stehen seine entscheidenden Gedanken zwangsläufig in privaten Texten. Die unpublizierten Bücher und Aufsätze werden inhaltlich verdeutlicht und ergänzt durch die Briefe, diese durch die Tagebücher, in denen F/M fortlaufend, seit September 1938 mit genauem Tagesdatum, seine Gedanken notierte.

Muß es eigens betont werden, daß alle folgenden Texte thematischen Zusammenhängen entnommen sind? Die Vernetzungen laufen mitunter durch Monate und Jahre. Andererseits gibt F/M in seinen persönlichen Briefen immerzu Statusberichte, Meldungen aus der Werkstatt, Selbstkommentare zum jeweiligen Reflexionsstand. So stößt jede Auswahl auf das Problem, daß vieles in Wiederholungen und Varianten verstreut ist. An den unmöglichsten Stellen finden sich oft die klarsten Formulierungen.

Und noch ein Kopfstand ist nötig: Das biographische Bild von F/M ist schief. Die ersten 40 Lebensjahre liegen weitgehend im Dunkel, vor 1910 gibt es kaum Informationen. Dann mehren sich Selbstzeugnisse und Berichte von Zeitgenossen (Anekdoten, gesammelt in GS 18). Die äußerlich isolierteste Zeit nach der Emigration, Oktober 1933, dagegen ist fast lückenlos dokumentiert, bis hin zum täglichen Kassenbestand.

Hier sei F/Ms intellektuale Biographie skizziert, ein Überblick über seinen Denkweg (ausführlicher: Thiel 2012, Kap. I). Der Zwanzigjährige gerät 1891 an Schopenhauers Werke, bleibt jahrelang im Bann des selbsternannten „Thronfolgers“ Kants, studiert freilich auch den allmählich bekannt werdenden Nietzsche. In das Jahr 1896 datiert er ein durch asketische Experimente hervorgerufenes Initiationserlebnis, ein satori, dessen Verarbeitung und Vermittlung ihn seitdem, ja zeitlebens, beschäftigt. Um diese Zeit macht sich bei F/M bereits das Motiv der Polarität bemerkbar. Er kennt Goethes klassische Definition: „Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind.“ (Farbenlehre, § 739)

Tatsächlich spielte die Denkfigur Polarität/Indifferenz in der romantischen Naturphilosophie, ausgehend von Schelling, bis um 1860 eine erstaunliche Rolle; im Positivismus und Empirismus ging sie unter. F/M aber distanziert sich von all dem; er stützt sich auf Goethe und auf Kant, der in seinem Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen (1763) polaristisches Denken vorführt, ohne den Ausdruck zu verwenden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert erlebt jene Denkfigur eine neue, noch kaum erforschte Konjunktur, etwa in Alfred Kubins phantastischem Roman Die andere Seite (1909), bei Max Brod und dem frühen Walter Benjamin. Martin Buber erklärt 1911, das Judentum sei „ein polares Phänomen“ (vgl. Thiel 2012, 132; zu Brod vgl. unten, Sektion 20). Spielt dabei auch die alte Bedeutung von Indifferenz eine Rolle – Gleichgültigkeit, Verzicht auf Stellungnahme, besonders in Religionssachen? –

F/M beendet sein Philosophiestudium Anfang 1902 in Jena mit der Promotion bei Otto Liebmann, einem der ersten Neukantianer. In der Dissertation zeigt er, warum Schopenhauers Kantkritik verfehlt ist. Er zieht nach Berlin, lebt in den Kreisen der alten Boheme: Scheerbart, Mühsam, Lublinski, Waiden, Lasker-Schüler, Buber, J. Schlaf u. a. Fast vier Jahre lang veröffentlicht er Lyrik in der Zeitschrift Charon. Deren Mitherausgeber Rudolf Pannwitz macht ihn mit Georg Simmel bekannt, dieser vermittelt den Auftrag für ein Buch über Nietzsche. Seit Februar 1908 arbeitet F/M daran, nach abenteuerlichen Widerständen des Verlegers, erscheint es Ende 1910 im Göschen Verlag (vgl. GS 9, Einleitung). Dieser Arbeit entspringen seit Ende 1909 Grotesken, unterzeichnet mit ,Mynona’. Das ist kein Anagramm (ein durch Schütteln der Buchstaben eines gegebenen Namens gewonnener Name), sondern schlicht Umkehrung. Bedeutet negative Anonymität nicht Berühmtheit? Tatsächlich machen die Grotesken F/M im deutschen Sprachraum rasch bekannt; bis 1928 erscheinen zehn Sammlungen dieser literarisch raffinierten, oft bissig satirischen Kurzprosa; über 100 wurden gar nicht mehr gedruckt, 2008 kamen alle 263 zusammen heraus (GS 7/8).

Im Sommer 1918, um etwa zwei Jahre verzögert, erscheint das Werk, das mit F/Ms Namen verknüpft bleibt: Schöpferische Indifferenz. Von Nietzsche durchgoren, fallen schwere Vorwürfe gegen Kant: Er sei ein „Sklave“, „Angstprodukt“, „Kammerdiener“ seiner eigenen Göttlichkeit, ja ein „Spießbürger“ (GS 10, 223, 535, 488, 434). Solcher Hybris tritt Ernst Marcus scharf entgegen. Altkantianer, im Nebenberuf Amtsrichter in Essen, zuletzt Geheimer Justizrat, seit 1900 F/Ms wichtigster Gesprächspartner, urteilt er: Was Sie wollen, ist Magie. Sie überschreiten Kants kritische Grenze! (vgl. Autobiographie, Kap. V)

Seitdem unterzieht F/M seine Lehre einer kantisch-kritischen Revision. Das signalisieren zwei Fragelehrbücher: Kant für Kinder (1924) und Katechismus der Magie (1925). Anhand des ersteren sollen Lehrer ihren Schülern eine Orientierung in den Grundfragen der Ethik, der Erkenntnistheorie und der Religion vermitteln – F/Ms Hoffnung, daß das Buch an Schulen eingeführt würde, erfüllte sich freilich nicht im Lande der Dichter, Denker und Pädagogen bzw. Bildungskatastrophenplaner. Das zweite Lehrbuch zielt auf das seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und den USA florierende Feld von Okkultismus, Spiritismus, Esoterik usw. Dessen Kernbegriff soll umbesetzt werden: keine Verstrickung in dunkle Mächte, sondern Vernunftmagie als praktischer Wille des autonomen Ich. Wieder steht Marcus im Hintergrund: In seinem Buch Theorie einer natürlichen Magie (1924) entfaltet er diätetische und allgemein lebenspraktische Impulse des späten Kant: Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein (1798).

Daneben durchleuchtet F/M seine werte Mitwelt nach allen Richtungen: Groteskenbände, die „Phantasie“ Der Schöpfer, der „Unroman“ Die Bank der Spötter, der „Berliner Nachschlüsselroman“ Graue Magie, die „Parodie“ Tarzaniade sowie Aufsätze und Rezensionen. Im Brockhaus wird er seit 1922 gebucht, in Meyers Lexikon seit 1926. Doch im politisch-kulturellen Sumpfklima der späten Weimarer Republik stehen Kulturdiagnostiker und prophetische Warner lautstark an allen Ecken. Mit seinem großen, am Fall Remarque aufgehängten Rundumschlag, einer wahren Dekonstruktion avant la lettre, gelingt es F/M Ende 1929 noch einmal, Staub aufzuwirbeln: Das Buch, von der Nazi-Presse kurioserweise gelobt, wird von Kurt Tucholsky, dem früheren Mynona-Fan, in arrogantester Manier diffamiert. F/Ms geharnischte Antwort an „Ignatius Illoyola“, seine Vivisektion der (zeitlosen) Strategien des Literaturbetriebs, kann nicht sofort erscheinen und verpufft (Der Holzweg zurück). Ebenso die öffentliche Gratulation zum 60. Geburtstag, unterzeichnet von Franz Blei, Theodor Däubler, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Raoul Hausmann, Alfred Kubin, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Edwin Redslob, Arnold Zweig u. v. a. (Frankfurter Zeitung; Berliner Tageblatt, 4.5.1931; GS 3, 836):

„Am 60. Geburtstage S. Friedlaender-Mynonas möchten die Unterzeichneten Zeugnis dafür ablegen, daß sie diesen in der Öffentlichkeit lange nicht nach Gebühr gewürdigten Schriftsteller für einen der sublimsten Geister des zeitgenössischen Deutschland halten, für einen seiner lebendigsten Philosophen und für einen Dichter, der vor allem in der Groteske ganz neue Ausdrucksformen geschaffen hat.“

Die Novelle Biblianthropen, 1932 von der Weimarer Gesellschaft der Bibliophilen preisgekrönt, wird nicht gedruckt, weil F/M sich weigert, Formulierungen zu streichen wie „Rassenethiker u. dgl. allerdings recht opportunen schlimmen Blödsinn“ (vgl. unten, Sektion 29). Der Drucker Tieffenbach, der als strammer Nazi gleichwohl Teile einer hebräischen Bibel gesetzt und für die Soncino-Gesellschaft gearbeitet hatte, droht im Oktober 1933 mit dem KZ Oranienburg – F/M flieht mit Frau und Sohn nach Paris.

Das Exiltrauma verarbeitet er bis Frühjahr 1934 in verschiedenen Texten, vor allem in Der lachende Hiob und Klage des Lorbeerbaums (GS 13 u. 16). Sein Rezept lautet: Erst der unerträgliche Druck von außen bewirkt als Gegenreaktion eine konzentrierte Anspannung bislang ungenutzter innerer Kräfte. F/Ms wohl drastischstes Beispiel: Der Antisemitismus ist das größte Kompliment, das man einem Volk machen kann – weil er die Betreffenden aktiviert, sich selber zu Menschen zu erziehen (vgl. Sektion 39).

Da F/Ms Bibliothek in Berlin blieb, muß er nicht nur im täglichen Leben, sondern auch philosophisch noch einmal neu beginnen. Seit Sommer 1934 arbeitet er an der kantisch-kritischen Revision der Schöpferischen Indifferenz: „Polarität innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft“. Die Kopernikanische Revolution der Denkungsart, in Gestalt des Kant-Marcus-Systems, ist zu vervollständigen durch den „Zusatz“ der Polarität – diese entscheidende Entdeckung vom März 1935 schlägt sich nieder in einer Flut von Tagebuchnotizen und Briefen. Ergebnis im November 1935: Das magische Ich. Der Verlag Alcan will das Buch drucken – woher soll F/M die 20.000 Franc nehmen? Doch läßt er nicht davon ab, sein ureigenes Motiv weiter durchzuarbeiten. Auch damit liegt er quer zur heutigen zap & snippet-Taktik, die den Alles-und-Nichts-Wissern die Langeweile vertreibt oder in regalmeterweise vielwissendem Schnellumpflügen von Diskursen, Textzonen, Diskussionsfeldern versandet. Überhaupt arbeitet F/M in seinen mehr pro fessoralen Texten ganz anders als man heute soll. Da wird weder rekonstruiert’ noch ,fokussiert’, historische Details interessieren nicht, die Intention ist systematisch. F/Ms konstantes Repetieren führt mit der Zeit zu unerhört engmaschiger Verknüpfung sowie zu stetig weitergetriebener Formalisierung. Die Sprache vor allem der spätesten Prosa ist hoch artifiziell, bleibt gleichwohl immer plastisch. Für den reinen geistigen Kern, den Vernunftmenschen, Kants homo noumenon, findet er Ende 1938 die Formel „ICH-Heliozentrum“, im Mai 1944 „ICH-Integral“ (Tgb 166). –

Diese Anthologie ist ein Schrank mit 40 Schubfächern: Nr. 1 und 2 enthalten Selbstzeugnisse, 3-8 philosophische Grundbegriffe, 9-14 intellektuale Leitfiguren und wichtige Freunde, 15-22 Urteile über ältere und neuere literarische und philosophische Autoren, 23-27 Thesen zur Kunst und zu befreundeten Künstlern, 28-30 weitere Grundbegriffe zum Stichwort Vernunftmagie, 31 Blicke in die groteske Welt, 32-35 Gedanken zu Erziehung, Psychologie und Physiologie, 36-38 Politische Theorie, 39-40 Religionen.

Wenn das Spektrum enzyklopädisch breit erscheint, so zeigt es doch, daß der „Indifferentismus polarer Observanz“ keine graue Theorie ist, sondern weltoffene Lebenspraxis, auf schlechthin alles anwendbar. F/Ms unbeirrbares Insistieren auf persönlicher Freiheit, auf „eigener Göttlichkeit“ ist so bewundernswert wie ansteckend. Sein spezifischer Egozentrismus bildet ein wirksames Korrektiv zu französischen ,postmodernen’ Ideen, die meist jüngere Zeitgenossen seit den 1980er Jahren mit Begeisterung vervielfältigt haben: Dezentrierung, De-Subjektivierung, Auflösung des Subjekts in anonymen Machtstrukturen (Derrida, Foucault etc.). F/M hat das lange vorweggenommen: „Das ICH muß sich sprengen lassen, ohne sich einzubüßen und ohne sein Ziel zu verlieren. Wir leben im Interregnum der Sprengungen des ICH.“ (Tgb 30, Mai 1935)

Ähnliches gilt für den Präsentismus (Sektion 6). F/Ms Pochen auf den Wert der Gegenwart könnte etwa von Derridas Dekonstruktion der Präsenzmetaphysik erodiert werden. Andererseits liefert F/M eine alternative Zeittheorie, die quer liegt zu der (seit Augustinus) christlich infizierten Behauptung einer linear, unumkehrbar verfließenden Zeit. Husserl hat diese nie in Frage gestellt, auch Derrida nicht (vgl. Thiel 2013, 331 f.). „Logik der Extreme“ – diese oft, aber fälschlich Walter Benjamin zugeschriebene Formel trifft auf F/M zu. Les extrèmes se touchent, doch der „Satz von der polaren Extremisierung der schöpferischen Indifferenz ist viel bedeutsamer und primärer als der Satz von der Berührung der Extreme.“ (an Kubin, 10.8.1916) Sokrates gilt F/M als Symbol der Selbsterkenntnis; die alteuropäische Selbstsorge und Selbstkultivierung radikalisiert er zu einer Art säkularer Kenosis – Leerwerden, Indifferenzierung bis zum Nichts von Allem, das zugleich als Überfülle, Überschwang (neuplatonischer Mystik oder dem kabbalistischen En-sof ähnlich) sich polar entäußern muß. Zero, Null, Mitte, Äquivalenz, Balance: das erfordert ständige Arbeit, Training.

F/Ms Kriege gegen Lieblingsfeinde und prominente Zeitgenossen verdienen in jedem einzelnen Fall genauere Aufmerksamkeit. Seine Auseinandersetzung mit Thomas Mann z. B. beschränkt sich keineswegs auf den Verriß des Zauberberg, und sie geht über bloß Literarisches weit hinaus. Überhaupt wird erst jetzt deutlich, mit welcher Intensität F/M zur Politik Stellung genommen hat. Das paßt schlecht in das gewohnte Bild des weltfremden Humoristen. In den 1920ern hat er viele humanitäre Aufrufe mitunterzeichnet, manchmal auch kleine Texte für Petitionen usw. geschrieben (dokumentiert in Thiel 2011). In zahllosen Briefen sucht er Marxisten (Ludwig Samuel, Leo Ragolsky, Werner Segal, Kurt Hiller) Kant plausibler zu machen. In dem leider im Entwurfsstadium steckengebliebenen Pädagogischen Roman nimmt F/M die seit den 1980er Jahren lukrative Idee der Philosophischen Praxis vorweg.

Seine Leistung besteht auch darin, daß er zahlreiche Denkfiguren gebrandmarkt hat, die sich fatal auswuchsen: Skeptizismus, Historismus und Evolutionismus, Relativitätstheorie, Biologismus und Vitalismus (Lebensphilosophie) Ach was? Die Wahrheit interessiert niemanden mehr? Alles liegt allein im ,Auge des Betrachters’? Und wenn dieses ein wenig blind wäre? Was F/M von einer seiner Figuren sagt, gilt für ihn selber, für seine Art radikalen Denkens: Werner „konnte nie fassen, wenn es Wahrheit wirklich gab, daß nicht jeder Mensch sich sofort nach ihr richtete“ (Der antibabylonische Turm; GS 13, 328).–

Noch ein paar Stichworte zur Rezeption. Unmittelbare Wirkung hatte F/M auf Freunde und Bekannte; manche Briefe sind bewußt als magische Heilmittel konzipiert. Er legte den philosophischen Grundstein zu Dada – Richard Huelsenbeck und Tristan Tzara übernehmen das Indifferenzmotiv, Raoul Hausmann den Präsentismus; Walter Mehring zollt Tribut, John Heartfield entwirft ein Cover für Graue Magie (vgl. GS 14, 13 f.). F/M schrieb eins der ersten Bücher über seinen Duzfreund George Grosz (GS 13). Hannah Höch an Kurt Schwitters, Juni 1923: „Jetzt gehe ich zu Behnes. Mynona liest aus seinem neuen Buch ,Kant, statt Windeln für den Säugling’.“ (in: Heinz Ohff: Hannah Höch, Berlin: Mann 1968, 22 f.) Fritz Perls, Urheber der Gestalttherapie, nennt F/M seinen Guru. Ramón Gómez de la Serna, Erfinder der Greguerías, Übersetzer und Förderer der Avantgarde, wohnte bei einem seiner Parisaufenthalte neben F/M und diskutierte oft mit ihm (Udo Rukser an Marie Luise, Quillota, Chile, 6.1.1947). Walter Benjamin hat F/M seit 1915 studiert und immer wieder verarbeitet (vgl. Thiel 2012, Kap. IV). Zu den Autoren, die nachweislich F/M kannten, bewunderten, sich anregen ließen, zählen Samuel Lublinski, Walter Hasenclever, Georg Heym, August Stramm, René Schickele, Oscar A. H. Schmitz, Hermann Bahr, Paul van Ostaijen, Hans Richter, Alexander Moritz Frey, Kurt Hiller, Kurt Pinthus, B. Traven, Peter Huchel, Richard Weiner, Kurt Kusenberg, Bernd Jentzsch, Werner Helwig, Hans Jürgen Fröhlich, Wulf Kirsten, Ulrich Holbein, Michael Lentz .... Heinrich Mann und David Baumgardt schrieben ihm Gutachten; sogar Ernst Jüngers Sizilianischer Brief an den Mann im Mond (1930) soll schöpferisch indifferent inspiriert sein (vgl. Sektion 20). –

Dies ist ein erster, verbesserbarer Versuch. Denn im Labyrinth des mit allen – nicht nur literarischen – Wassern gewaschenen F/M werden immer noch viele Stollen und Vorratskammern unentdeckt oder unterbelichtet bleiben.

Zeittafel

1871 4. Mai: Salomon [!] Friedlaender geboren in Gollantsch, Kreis Wongrowitz, Provinz Posen; heute: Golańcz, Wojwodschaft Wagrowiec, Polen

1878 frühestes Manuskript: Brief an den Osterhasen

1891 11. Nov.: Tod der Mutter

1894 Abitur in Freiburg i. Br.; beginnt Studium: Medizin (Univ. München), April 1895 Zahnmedizin (Univ. Berlin), Mai 1896 Philosophie (Univ. Berlin)

1896 Sept.: erste Veröffentlichung: Schopenhauers Pessimismus und seine Metaphysik des Schönen (Aufsatz; GS 2) Initiationserlebnis; Manuskript „Von der lebendigen Indifferenz der Weltpolarität“ (verschollen)

1897 Mai: beginnt Studium der Philosophie, Germanistik etc. (Univ. Jena)

1898 12. Feb.: Tod des Vaters

1899 Mai: F/Ms Schwester Anna heiratet Salomon Samuel, Rabbiner der Gemeinde Essen; seitdem jährlich Besuche F/Ms dort

1900 erste Begegnung mit Ernst Marcus

1902 Dissertation: Versuch einer Kritik der Stellung Schopenhauer’s zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der „Kritik der reinen Vernunft“. Zieht nach Berlin

1903 Okt.: Freier der Wahrheit, erste Groteske, unter Friedlaender

1904-08 Gedichte im Charon (hg. Otto zur Linde & Rudolf Pannwitz)

1905 Robert Julius Mayer, erste Buchveröffentlichung

1907 Logik. Die Lehre vom Denken Psychologie. Die Lehre von der Seele

1909 Dez.: Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün, erste Groteske unter Mynona

1910 Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Biographie

1911 12. Sept.: Heirat mit Marie Luise Schwinghoff (Gardelegen, Altmark 1883-Paris 1968)

1913 12. Juni: Geburt des Sohnes Heinz LudwigRosa die schöne Schutzmannsfrau, erste Groteskensammlung

1918 Hundert Bonbons. Sonette Schöpferische Indifferenz (2. Aufl. 1926)

1919 Jan.-Nov.: mit Anselm Ruest Herausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Redaktion des Beiblattes)

1920 Die Bank der Spötter. Ein Unroman Der Schöpfer. Phantasie (Illustr. A. Kubin)

1921 Jan.: erste Begegnung mit Walter Benjamin

1923 Graue Magie. Berliner Nachschlüsselroman (Illustr. Lothar Homeyer);George Grosz (Bildessay)

1924 Kant für Kinder; Tarzaniade. Parodie Das Eisenbahnglück oder der Anti-Freud (Illustr. Hans Bellmer)

1926 Katechismus der Magie6. Nov.: Rudolf Blümner rezitiert Mynona im Berliner Rundfunk

1928 Mein hundertster Geburtstag und andere Grimassen, auf Empfehlung v. Karl Kraus

1929 Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt?

1930 Der Philosoph Ernst Marcus als Nachfolger Kants

1931 Der Holzweg zurück oder Knackes Umgang mit Flöhen

1932 Kant gegen Einstein

1933 16. Okt.: nach persönlichen Bedrohungen Flucht nach Paris, mit Frau & Sohn

1934 14. April: öffentl. Vortrag über Kant: Der geistige Kompaß, Café Mahieu

1935 Okt.: Der lachende Hiob und andere Grotesken, letzte Buchpublikation

1937 2. Nov.: Brief an Thomas Mann, bittet um Publikation eines Aufsatzes in der Zeitschrift Maß und Wert; keine Antwort

1938 15. Mai: Brief an Haile Selassie (Völkerbund, Genf) 1. Juni: Erika Mann gibt 50 Dollar an F/M

1939 7. Sept.: Sohn Heinz Ludwig wird interniert, verbringt sechs Jahre in neunzehn französischen u. schweizerischen Lagern

1941 philosophische Gedichtzyklen: Kopernikantiade und Magie in Knittelversen (Berlin 2013) Okt.: F/Ms Berliner Bibliothek, in 18 Kisten auf dem Bahnhof Haiensee versandfertig für Paris verpackt, wird bei einem englischen Bombenangriff zerstört Herbst: verläßt bis Aug. 1943 seine Wohnung nicht

1943 11. Feb.: Die französische Polizei will ihn im Auftrag der Gestapo abholen, er ist aber schon über 65 Jahre (Altersgrenze) und nicht transportfähig; seine ,arische’ Frau wird ins Lager Drancy deportiert. Am 14. April kommt sie frei. Aug.: Dialog übers Ich (GS 6) Herbst-Winter: 120 philosophische Sonette (GS 16)

1945 12. Sept.: Heinz Ludwig kehrt zu seinen Eltern zurück nach Aug.: Ideenmagie, letzter Essay

1946 Juni: Jean-Paul Sartres Existenzialismus, letzte Publikation (Deutsche Blätter, Chile) 9. Sept.: F/M stirbt 75jährig. Er wird auf Armenkosten im jüdischen Teil des Pariser Friedhofs Pantin beerdigt. Die Totenrede hält Rudolf Leonhard.

1972 Mai-Juni: Eröffnung des F/M-Archivs der Akademie der Künste, Berlin, mit Ausstellung

1993 April-Juni: Maßnahmen des Verschwindens. Salomo Friedlaender/Mynona, Anselm Ruest, Heinz Ludwig Friedlaender im französischen Exil, Ausstellung u. Hörspiele v. Hartmut Geerken, Kulturzentrum Gasteig, München

2005 Beginn der Gesammelten Schriften

1 Über sich selbst und sein Werk

Gebt mir’s! Gebt mir mein Reiterstandbild! Zögert nicht länger!

Sonst fresse ich euch auf – und ich habe bewiesen, daß ich’s kann.

Ihr kennt meine Taten. Brauchen die andern Kerle Reiterstandbilder? Gestern erst stopfte ich das (zäh sakrale) Fleisch der Kaiserin Tun-Teeh von Topfnachtien in ihr eignes Gedärm und verspeiste es als Mettwurst: warum also länger warten? Soll ich auch noch den Professor Witzlamopski-Torfgemüll (als Vomitiv) schlingen? Ich habe genug gegessen, bin satt. Setzt mir jetzt ein Reiterstandbild! Eiserne Mynonas will ich; und schämen solltet ihr euch, daß ich euch erst mahnen muß.

Ich verlange ein Reiterstandbild (1916; GS 7, 273). Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff (1848-1931), klass. Philologe.

In meiner Jugend wünschte ich mir sehnlichst mein Reiterstandbild. Ich lechzte nach einer Gedenktafel an der Hintertür wenigstens meines Geburtshäuschens. Ich wollte den Pariser Platz in einen Mynonaplatz umgetauft haben. Wie kindisch finde ich heute alle diese Wünsche, die mir jeder Reichspräsident von Herzen gern erfüllen möchte.

Mein hundertster Geburtstag (1928; GS 18)

Mit Magenfreuden, liebste Anna, warte lieber bis zum Mai, wo alle Welt meinen Geburtstag so feierlich begeht; gegen ein Denkmal bei Lebzeiten werde ich protestiren: Wer weiß, wie schön ich noch werde? – an Anna & Salomon Samuel, 12.3.1902

Das Buch? – Ich schwör’s Ihnen: gedruckter Mundgeruch! Die Leser Fliegen im Spinnennetz des Buches

Fermenta Mynonae (GS 16, 511)

Jeder Autor hat sein Lexikon, sein Wortmaterial. Kennt man das, braucht man ihn nicht mehr zu lesen.

Tgb 71, Feb. 1937

Die Türschelle klang, und nach einer kleinen Weile trat ein eigenartiges Pärchen herein: eine junge Dame, der man die künstlich übersteigerte Schöngeistigkeit im Verein mit gewaltsam entbürgerlichter Erotik auf den ersten Blick anmerkte, zur Seite eines älteren Mannes, an dem eine perückenhaft anmutende Frisur aus grauem Haar auffiel. Sein langes, schmales, bartloses Gesicht war von spitz hervorspringender Nase profiliert. Auf seinen eckigen Zügen von ins Korrekte strebender Häßlichkeit lag ein sich selber beständig Lügen strafender Ernst oder eine sich selber wieder ausstreichende Heiterkeit. Da seine Widersprüche sich mehr noch zu nichts aufhoben als gegenseitig befruchteten, wirkte er bizarr und banal. Trotzdem schien er ein Interesse zu erregen, dessen Übertriebenheit er selbst störend empfand. [...] Diese beiden waren der leidlich bekannte Humorist Friedrich Salomon (der sich daneben als Philosophen einschätzte) und seine Schülerin, wenn man so sagen darf, Hetta Dünneke.

Graue Magie,Kap. 4 (GS 14, 159)

Es ist schon eine sehr verhexte, verrenkte, verzurrte Seligkeit, in der wir leben. Und Du weißt ja, liebste Tochter, daß sich dieser allgemeine Fluch bis in die tiefste Liebe eindrängen kann. Glücklicher Weise ist das Glück zwar zu mißhandeln, aber nicht zu beseitigen; und unseres erst recht nicht, meine geliebte Lise! Wir bleiben verbunden und mehr als jemals! – Ich glaube, daß ich das ganze Verhängnis des Lebens als Gedanken in mir habe: so deutlich & unmißverständlich, daß ich in diesem Punkte gar kein „Mensch“ mehr bin; ich bin die Natur selber, wenn ich denke. Das Erlebnis mag Mancher gefühlt oder angeschaut haben: aber noch Niemand hat es vernünftig gedacht! Aber dafür weiß ich auch nichts als dies, und bin in allem Anderen dumm.

an Marie Luise, 1.8.1911, sechs Wochen vor der Heirat

Was ein Kolibri ist, werden so ziemlich alle gebildeten, ungebildeten und halbgebildeten Vernunftbesitzer wissen: ein schönes Vögelchen mit einem sehr langen graziösen Schwanz, der beim Fluge wie ein gefiederter bunter Blitz durch die Luft sirrt. (Hä, wie gemein ist diese gezierte Ausdrucksweise!) Aber wirklich, der Kolibri ist ein so allerliebst niedliches Tierchen, von der Natur so konfitürenmäßig entzückend ausersonnen, daß alle Literatur ihm einfach übel nachhinkt – nein, die Literatur ist kein Kolibri; sie ist weit, weit eher eine Verbalinjurie, an der ganzen lieben Welt begangen.

Der Schutzmannshelm als Mausefalle (1912; GS 7, 175)

Man ließ die Klosetts intensiv auskultieren; es kamen aber daraus nur einige halbverfaulte Embryos, ein Sonnenschirm, ein außerordentlich genauer Festungsplan von Spandau, gutgetippte Majestätsbeleidigungen, ein Porträt der Kaiserin, vier zerbrochene Klemmer, Mynonas gesammelte Werke, eine Büste des Theosophen St. und ein gefälschter Tausendmarkschein zum Vorschein. Man hat nie etwas aufklären können. Der Philosoph Fressoir sprach sich in einem Artikel des Tageblattes ziemlich geistvoll über Massenhalluzinationen aus; er machte stelzbeinige Folgerungen auf „Passantenwahnsinn vor Warenhäusern“. Ist es nicht schade, daß an den alleraufgeklärtesten Sachen immer noch ein unauflösbares Rätsel zurückbleibt?

Sie kennen ja, da Sie gebildet genug sind, um Mynona zu lesen, die Tragödie der Narzisse. Eigentlich ist es die Tragödie der Selbsterkennung. Aber nicht immer, wenn man in den Spiegel blickt, erfreut man sich sehnsüchtig gierig der eigenen Schönheit.

Der umgekehrte Narziß (1918; GS 7, 352)

Ein Autor ist ja im Grunde nichts als der Detektiv seiner selbst.

Graue Magie,Kap. 2 (GS 14, 110)

Was mich und mein Buch anbelangt, so komme ich mir vor wie ein alter Inder oder Mystiker (etwa Eckehart), der (gleich Whitman oder Emerson) im modernsten Amerika aufwacht.

an Ernst Marcus, 11.10.1918. Das Buch: Schöpferische Indifferenz

Prof. Friedlaender hat einen ungeheuren Zulauf; er hat ein Maskenverleihinstitut, welches nicht bloße Kostüme, sondern Haut und Haar, Knochen und Muskeln zur Verkleidung anfertigt.

Der operierte Goj. Ein Gegenstück zu Panizzas operiertem Jud (1922; GS 7, 606)

Was nutzt mir also die Produktivität, wenn ich mit ihr isoliert bleibe? Gewiß wirkt sie vervollkommnend auf mich selber ein. Aber ich will doch auch Andre teilnehmen lassen, und daraus erklärt sich meine Briefschreiberei. Das ist aber doch nicht das Richtige. Das ist nur schwacher Ersatz für ein ordentliches Buch, das von einem ordentlichen Verleger beueut würde. Der ist aber auf Erden für mich nichtzu haben.

an Ida Lublinski, 18.7.1934

Dieses Jahr wird meine Schriftstellerei vierzig Jahre alt. Meine erste Veröffentlichung (über Schopenhauer) las mein Vater noch. Damals war ich Hyperpessimist im Sinne Schopenhauers und lachte, über allen Fortschritt, in Grabestönen. Mein Vater wies mich dem gegenüber auf Kant als den allein echten Philosophen hin. Vier Jahre später lernte ich Marcus kennen.

an Anna Samuel, 12.2.1936

Diese meine eigene philosophische Produktivität ist vierzig Jahre lang mit der Formel Polarität beschäftigt gewesen. Fixiert hatte ich sie schließlich, noch bevor ich Kantmarcusianer geworden war, in meiner „Schöpferischen Indifferenz“. Lese ich diese jetzt wieder, so erlebe ich etwas Erstaunliches: – das ist meine heutige, aber kritiklos extravagant hervorgesprudelte, krankhaft hypertrophierte Wahrheit. [...] Ich bin der größte Affe seit Darwin ...

an Doris Hahn, 29.3.1935

Zwar hatte ich mich schon im ,Frieden’ auf meine „Indifferenz“ besonnen; aber erst unter dem Drucke dieser Not gelang es mir, meine eigene Entdeckung mit der Kantischen in richtige Verbindung zu bringen und sie dadurch erst zu einem ewigen Funde zu machen. Allerdings erfordert es das Abtun aller Eitelkeit, um dieses literarische Begräbnis bei Lebzeiten, das mir die ,Moderne’ zudenkt, frohgemut auszuhalten. Es ist aber nicht zu bezweifeln, daß eine Zeit, die sich solchen Autor entgehen läßt, beklagenswerter ist als dieser selbst [...]

an Ida Lublinski, 18.2.1937

Ich habe eigentlich nichts getan als einen Gedanken verbessert. Aber es ist der zentrale Gedanke des Menschenlebens. [...] Nehmen wir an, es schriebe Jemand mit weißer Tinte die einzige Wahrheit auf ebenso weißes Papier: – und doch kann man nicht anders. Wenn das Allerselbstverständlichste zugleich das Allerwunderbarste ist; so ist es fast unmöglich, das zu wissen. Wie soll man es merken? Dennoch ist seit 1781 das Mittel gefunden, diese Schrift lesbar zu machen; und es ist mir gelungen, das Allerwichtigste, bisher immer noch Unlesbare ebenfalls zu unterscheiden.

an Anna Samuel, 2.2.1936

Es handelt sich drum, die Welt zu bessern, nicht zu „verändern“ – Konfusion von Theorie mit Praxis. – Meine Aufgabe ist Apriori, Form, Metaphysik.

Tgb 30, Mai 1935

ICH bin, durch Schriftstellerei: Lebenssteller.

Tgb 39, Sept. 1935

Meine Lehre ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst, Praxis – Leben, Lebensweisheit.

Tgb 71, Feb. 1937

ICH bin im Grunde alle Bibliotheken los. ICH bin kein ,Gelehrter’, sondern ein von aller Differenz in sich Geleerter –.

Tgb 43, Okt. 1935

Ich habe mich selbst, d. i. das Integral des Menschenlebens, entdeckt: die allerwichtigste Entdeckung, die allereinsamste.

Tgb 167, 21.12.1944

Man könnte sagen: du bist dogmatisch von Deinem ICH durchdrungen. Es ist halt nur das allergeschwollenste Selbstbewußtsein! ICH antworte: ICH bin Indifferenz, und dies ist polare Disziplin.

Tgb 26, April 1935

Die Psychiater werden MEINEN ,Fall’ gern & leicht erklären: das ist, werden sie sagen, ein äußerlich perfekt gehemmter, in sein Innerstes zurückgetriebener Mensch, der sich nun ,geistig’ Luft macht. Ich erwidre ihnen: [Sie] sind innerlich perfekte Esel, die daher außen von sich her machen müssen.

Tgb 41, Sept. 1935

So daß Einer mir sagte: „Was Sie machen, ist Psychohygiene, nicht Philosophie.“ Ganz falsch. Das apriorische Ich ist kein psychologisches; das phänomenal-psychologische ist gar kein Ich, sondern Objekt des noumenalen, Pseudo-Ich, auf das die Narren wie auf ihr eigenes hineinfallen. Aber diese Selbstentfremdung gewinnen sie nicht mehr über sich, daß sie auch die seelischen Differenzen hinaus aus sich ins Objekt werfen. So lernen sie niemals ihr zentrales Ich, ihre reine Menschheit kennen. So bleibt das Leben tödlich unterbrochen, Fragment, Chaos.

an Salomon Samuel, 28.5.1938

Ohne Spielzeug bei mir kein Ernstzeug. Ich wohne immer neben einem Raritätenkabinett: „Mynona“.

Tgb 5, Feb. 1934

Ich habe zeitlebens geradezu absichtlich den Anschein der Frivolität vorgezogen, wodurch ich viele Mißverständnisse hervorrief. Ich liebte immer das polare Leben, weil ich die Ehrlichkeit liebe, und weil das Höchste, wozu der Mensch es objektiv bringen kann, die harmonische Verständigung seines Adels mit seiner Vulgarität ist; sei auch sein Subjekt, sein ICH lauterste Noblesse; aber objektiv polarisiert sich’s halt, solange wir ,nur’ Menschen sind.

an August Soendlin, 19.7.1939. (1883-1966), Kgl. Kammermusiker (Geiger) an der Berliner Oper, seit 1924 im Cincinnati Symphony Orchestra; Duzfreund F/Ms, blieb mit ihm in Korrespondenz.

,Mynona’ ist nur die Oberfläche zu einer philosophischen Tiefe.

an Hermann Bahr, 12.6.1927. (1863-1934), österr. Kritiker, Verfasser zahlloser Theaterstücke, Romane, Essays; vgl. GS 10, 44 ff.

Eine Pariser Sehenswürdigkeit wird meine Bude wohl nicht vor 2050 sein.

an Anna Samuel, 23.12.1936

Selber schriftstellern ist schwieriger als lesen. Analog ist Aktivität überhaupt schwieriger als passive Reproduktion. Das Leben ist bisher mehr ein abgelesenes als ein selber verfaßtes Buch.

Tgb 168,21.3.1945

Ich wünsche mir ein leeres Buch, 100000 Seiten stark. Habe noch Stoff auf 1000 Jahre, bin also noch so jung jung jung, nur eben nicht gerade körperlich.

an Herta Samuel, 4.4.1944

1000 Formeln für das Selbe.

Tgb 169,6.5.1946

Auch ist es unwesentlich, ob beschriebenes Papier zum Weltruhm oder zum Klosettpapier werde. Wesentlich ist ganz was andres: – daß man wirkt, und bliebe man auch noch so obskur. Und es ist ausgeschlossen, daß man nicht wirkt, sollte es auch unbekannt bleiben. Also wollen wir uns Mühe nur darum geben, so zu wirken, daß die Menschheit es wohltuend spürt, mag sie auch die Ursache ignorieren; – also nicht zeitgemäß.

an Anna Samuel, 11.8.1936

Diese brieflichen und mir sonst die Publikation ersetzenden Unterhaltungen mußte ich mir versagen, teils aus energieökonomischen, teils aus technischen Gründen, weil ich im Bett nicht tippen, und weil ich, ohne zu tippen, schwer denken kann; so sehr ist unser Geistiges an gewisse Mechanismen gebunden, aber doch nur wie der Herr an den Diener, oder wie der Virtuos an seine Geige; bekanntlich hängen wir von Kreaturen, die wir machten, ab.

an Lisa Gerbea, 13.10.1936

Ich – Mynona: wie könnte ich mir eitle Illusionen machen! Ich bin nur ein elementarer Kopf: – das ist meine Schwäche zugleich & meine Stärke. Der elementaren Polarität verdanke ich einiges Raffinement, sonst wäre ich ein Simpel. Ich weiß eigentlich nur ums ICH und um seine polare Funktion. Was weiß ich sonst? Weniges ungeordnet schwächlich, zufällig. Aber ich gebe den ganzen akademischen Bibliothekarismus wohlfeil für das von mir entdeckte Element des Lebens, das polarisierende ICH, weg.

Tgb 76, April 1937

Friedlaender objektiv, da haben Sie bestimmt recht, das ist auch noch nicht einmal ein kleiner Denker, auch ist er schon so gut wie tot. Aber das ist ja gar kein Ich, sondern ein noch beträchtlich tierischer Planet des ewig anonymen Ich, der subjektiven Sonne, die sich endlich präzis innewird, so daß ihr objektives System sich automatisieren kann.

an Kurt Hiller, 29.3.1940

Es ist wesentlich, solche Gedanken zu denken; hingegen soll man um die Publikation, wenn sie sich nicht durchsetzen läßt, unbesorgt sein, denn das Gehirn ist der eigentliche Aussender, und über kurz oder lang macht sich das public. Natürlich schließt das die sonstigen Bestrebungen nicht aus, aber sie sind nicht wesentlich. Mir geht es mit meiner Philosophie ähnlich. Meine Manuskripte drohen, Käsepapier zu werden, wo nicht gar ein noch stänkigeres ... Aber das soll uns nicht abhalten etc. Die Leute verlieren dabei mehr als ich selber, der doch im unmittelbaren Besitz der Gedanken bleibt. Auch ist, wenn man sich zur Wahrheit durchgerungen hat, das Wohnen in ihr so einfach und bequem, daß man alle Bibliotheken entbehren kann. Sorgt man fürs Inwendigste, so automatisiert sich alles Auswendige immer spielender, mögen auch die Anfänge dieser doch erst in den Kinderschuhen steckenden Vernunftmagie noch so unbeholfen ausfallen.

an Herta Samuel, 6.5.1943

Trotzalledem ist die Prognose günstig, und aller zerrissene Zusammenhang wird einst wiederhergestellt werden – erst recht; er bestand schon während seiner Dauer noch sehr unzulänglich. Was man falsch, häßlich, böse, krank, ja teuflisch nennt, das ist nur der Rohstoff der formenden Ideen des Wahren, Schönen, Guten, Gesunden, Menschlich-Göttlichen.

an Herta Samuel, 6.2.1944

Dem Optimismus immer ein ob noch so leises Übergewicht geben!

Tgb 170, 18.8.1946 (vorletzter Eintrag)

2 Biographisches

Da! Also damals – 96 war’s, Berlin, explodirte plötzlich die Hölle, ihre Wände barsten: eine rauchende Ruine stand inmitten einer Leere: – jener Leere, von der Mephistopheles dem Faust vornebelt, die da zu den Müttern leitet. Jetzt erschien mir geradezu visionär die Idee der Ideen: Unendlichkeit. – Es war eine Krisis, die mich, den ohnehin Erschöpften, dem Gehirnfieber nahe brachte. Jetzt aber war ich gerettet, eine Raserei des Schmerzes und der Freude, das tragischste Pathos – ich las damals intensiv im Hamlet – bekam Gewalt über mich. Ich geriet in ein messianisches Fühlen. – Und nun wurden die lieben und die liebsten Leute aufmerksam. Das Resultat war ein parfum aus Gerüchen der Verdachte: Neurasthenie, Größenwahn etc. etc. [...] – Ich hatte da Etwas konzipirt. Aber Was? Eine große dynamische Lehre, in einem Bilde vorläufig: eine Farbenleiter der Unendlichkeiten [...].

an Salomon Samuel, Jena, 27.2.1899

Von selber geriet ich darauf, Schopenhauers Willensbejahung und Willensverneinung unter dem Bilde der Polarität analog aufzufassen wie Finsternis und Licht; es waren Pole, der eine gleichberechtigt an den anderen gebunden [...]. Mein Hauptaugenmerk aber richtete ich auf die Indifferenz dieser Pole, auf das innerste Selbst, welches sich dermaßen polar als Welt äußert. Indem ich, durch einen rein geistigen Akt, mich nicht mehr mit meinem Menschen, sondern mit jener Indifferenz identifizierte, gewann ich in der Folge die Freiheit wieder. Dieses Erlebnis, das viele Jahre zu seiner Klärung bedurfte, [...] habe ich in meinem Buche ,Schöpferische Indifferenz’ auch für andere Bedürftige faßlich zu machen gesucht.

Wie ich Schopenhauer lesen lernte (1921; GS 3, 704)

Es mußte doch irgend einen ersten und letzten Sinn des Daseins geben? Schopenhauer fand ihn im Entschluß des Willens zur Bejahung oder zur Verneinung des Lebens. Das waren einander entgegengesetzte Extreme der Richtung des Willens. Aus der Spannung dieses Gegensatzes blitzte mir eine Formel auf, deren Geschichte ich kaum kannte und also ignorierte, daß es eine uralte Formel ist [...] die Formel der Polarität. Sie schien mir den Sinn des Lebens geheimnisvoll zu enthalten. Lebensbejahung als Pol hatte ich nur allzu drastisch ausgekostet. Um meine Entscheidung zu treffen, mußte ich also auch den Gegenpol erleben. Über diesen inwendigen Experimenten vergaß ich, dirigiert obendrein von der asketischen Absicht, Essen und Trinken wochenlang fast gänzlich, und erlebte phantastische Ekstasen. Diese Verzükkungen enthielten Visionen eines polaren Lebens, in denen sich mitten zwischen allen Lebenspolen, zwischen Ja und Nein des Willens, mein in der Mitte schwebendes Ich immer sonnenhafter regte.

Autobiographie, Kap. IV

Oh, aber im Übrigen: im Grunde: zuletzt: unser Leben ist eine Parenthese, man kennt von dem Satz, davon sie es ist, nur einen leisen Widerhall, aber er genügt, um den bloß parenthetischen Charakter des Lebens und zugleich eine hoffende Resignation in uns empfindlich zu machen. Die Sphinx des Philosophen ist der Tod, sei es der vor der Zeugung, sei es der nach dem Sterben. Er ist es, er bleibt es, und ihn zu stürzen, müssen wir unablässig bedenken, so lange, bis wir für das Irrenhaus in erfreulichem Grade reif sind [...] Schluchzend lege ich die Feder auf die Sardinenbüchse. Was bin ich? ein armseliger Mensch. Lieber Sali, Du weißt so genau, daß für alle Wissenden der Mensch erledigt und abgethan ist – gründlich. Na, warum, mein Kind, hängst Du so sehr an Dir? Merkwürdig: zwischen unser niedriges und unser höheres Selbst hat sich der geistig-leibliche Schmerz der Resignation, der Krankheit brennend gezwängt, und nur über feurigen Brücken & Leitern geht es excelsior. [...] Nicht schwatzen, ich bin ein Affe, mir ist es gar nicht ernst. Ich spiegle mir Zeit meines elenden Lebens allerlei Bedeutung vor, die ich meines Wissens nicht habe, ohne den Ekel vor mir loszuwerden. Und auch dieser ist Lüge. Das vergebliche Bestreben, mehr zu sein. Die geschickte Selbstverläumdung. – Es ist ½ 4, ich sollte jetzt schlafen gehen, oh Gott. Ein Tag: mittags gebadet. Wartete schon Dr. Rund. Mit ihr zu ihm, um für lästige Besucher nicht zu Haus zu sein. [...]. In’s Restaurant: soupirt. Mit St. zu ihm: Dessert. Tag weg. Pfui! – Nun, dieses Pfui ist erlogen. - Das ästhetische Leben – ein höheres Stockwerk: man hat das bloß praktische im Erdgeschoß. Dummes Bild. Allenfalls Dach-Garten? Wirr, wirr, wirr. Was muß auf Samuels dieser Brief für einen Eindruck machen? [...] Ich kann zu mir keinen guten Mut mehr fassen. Meine Geburt war ein ganz dummer Zufall? Schluchzend lege ich die Feder auf die jetzt geleerte Sardinenbüchse.

an Salomon Samuel, 7.5.1906

Sehr verehrter Herr Armeyer!

Sie haben mich mit der gütigen Vergönnung des ,Von Zimmer zu Zimmer’ aus einer seriösen Leiche in einen lustigen Standesbeamten verwandelt, der Sie überaus sehr bittet: nun noch das Letzte zu tun und mir auch das vorhergehende Gedicht-Scheerbartianum zu übermachen; ich ließ Sie bereits durch den Einzigen Rüst darum angehen. [...] Und wollen Sie sich nicht dennoch zur Publikation meiner umgedrehten Volkslieder, „Abendgrün! Abendgrün!“ entschließen??? Zuguterletzt wünsche ich Ihnen, Herr Armeyer, in jeder Beziehung aufrechtes Gedeihen und verbleibe gern, mit Finger am Zylinderrand, Ihr, Ihnen zum fröhlichen Wüstenritt stets zur Verfügung stehendes Dromedar

Friedlaender. Mynona

an Alfred Richard Meyer, 26.5.1921. „Munkepunke“ (1882-1956), Autor, Verleger, Gastrosoph, Kabarettist

Meine lieben Beiden!

Es macht mich glücklich, so rasch zu wissen, daß Ihr wohlbehalten dort angelangt seid, und ich danke auch sehr für die Grüße von Anna und ihren Töchterlein. – Inzwischen ist es auch mir gradezu wundervoll ergangen. Alles klappt, auch Hilde Rentner. Die Satte habe ich restlos ausgelöffelt. Auch die Maus gedeiht, ich spritzte ihr Wasser aus dem Revolver, worüber sie hell auflachte. Auch tauchte Ho, um Abschied zu nehmen, noch flüchtig auf. Sonst Einsamkeit. [...] Nun wünsche ich Euch schöne, ruhige Tage der Erholung. Schreibt mir jede Woche mindestens zweimal ein paar Zeilen auf Karte. [...] Mein Lull, gehorche der Mutter unbedingt, sie ist Dein Oberherr, Dein General, Dein Sklavenherr, Dein Sultan. Fridolin und Jugendspiegel schicke ich Dir immer zu. [...] Bitte, grüßt mir alle die lieben Leutchen dort, auch Ellychen, das viel zu süüüüüße! – Auch den Joseph, der mir so verdächtig ähnlich sieht. – Mit Küssen ohne Zahl Deines Sohnes

richtiger Vater,

Dein Gemahl.

an Marie Luise & Heinz Ludwig, 7.7.1926

Meine sehr verehrten Damen!

Wir danken Ihnen bestens für Ihre liebe Einladung, aber da meine Gesundheit wackelt, kann ich nicht bestimmt, so gern ich es auch möchte, zusagen. Bitte entschuldigen Sie also mein Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Mich in zu photomontierende Blumenwogen hüllend, auf der schwanken Lilie der Hoffnung wiegend, Ihr, auch von seiner Frau herzlichst grüßender Mynona

an Hannah Höch &Tilit Brugman, 7.12.1930

Unser Junge bekommt keine Arbeitserlaubnis. [...] Redaktionen reagieren sehr selten und schäbig. Übersetzer und Verleger nirgends. Dabei bin ich ironischerweise gerade jetzt sehr produktiv. Es glückt mir überhaupt gar nichts als die Lösung einiger geistiger Probleme. Diese Lösungen sind aber so orientiert, daß sie heutzutage nicht interessieren. Wie ich Dir bereits in Berlin andeutete, bin ich auf dem Wege, das Problem der Polarität innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft zu lösen. [...] Die Sache fesselt mich Tag und Nacht so sehr, daß ich gegen die furchtbare Lage wie anästhesiert bin. Dabei hungern wir bereits zur Hälfte ... Aber noch übertäubt bei mir der Hunger der Vernunft den des Magens.

an Ludwig Samuel, 13.7.1934

Ich muß nun zugeben, daß ich seit Jahrzehnten so lebe, als ob die letztere Sättigung nur eine Funktion der ersteren wäre. Ein Märchen. [...] Mit dürren Worten: wer monatlich mindestens wie wir tausend Francs braucht und nach dem Gesetz höchstens hundertachtzig erhält (für drei Personen), der mag seine Rechnung mit dem Himmel machen ...

an Anna Samuel, 6.1.1935

Es ist alles für mich so ganz erfolglos verlaufen, daß ich die Gelegenheit benutze, mich auf dem Umweg über Euch mit mir selbst zu unterhalten. Bei meinem Briefeschreiben ist diese Illusion wirksam. Es ist so ein Mittelding zwischen Isoliertheit und Publikation, wie es meiner heutigen Lage angemessen ist. Als letzte Taktik fiel mir ein, die ragenden Häupter der Moderne anzubriefen. So schrieb ich z. B. an Lichtenberger, an Romain Rolland, Albert Schweitzer, Sir Oliver Lodge etc. etc. Wirkung nullnull. Die Herrschaften sind zwar sehr edel, aber offenbar weder hilfreich noch gut? Josef Roth schrieb mir, er wäre als Katholik und Royalist entschiedenster Anti-Kantianer! Resultat: der Mann publiziert in allen liberalen’ Lagern.

an Eva & Ludwig Samuel, 9.1.1935

In der Tat habe ich noch nie von einer Dichtung, einem Mythos überhaupt von Irgendetwas gehört oder gelesen, das derartig alle Gedanken, Gefühle, Gesinnung, den totalen Menschen durch und durch umwühlte wie das, was ich innerlich erlebe! Als ich in meinen jungen Jahren diese selbe Idee ekstatisch-phantastisch ohne Nüchternheit hatte, geriet ich in den Verdacht, nicht ganz regelrecht zu sein. Es ist ein Gedanke, mit und zu dem ich geboren zu sein scheine, und von dem ich weiß, daß die Leute ihn, nur weil sie noch in ihren allerbesonnensten Exemplaren einen letzten Rest von Schlaf nicht loswerden können, nicht einfach selbstverständlich trotz oder wegen seiner unerhörten Wunderbarkeit finden. Er müßte sich also demnach auch einfach mitteilen lassen