Experimentum Crucis - Collin Coel - E-Book

Experimentum Crucis E-Book

Collin Coel

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Beschreibung

Den Himmel auf Erden verspricht die österreichische Bundesregierung jenen Bindungswilligen, die sich mit der deutschen Agentur Apis ins Benehmen setzen und ins Examen steigen. Wer im Auswahlverfahren seinen Mann stellt und die Hürde nimmt, hat immerhin Anspruch auf die staatliche Partnerversicherung und zugleich die unumstößliche Gewissheit, dass seine Beziehung Bestand hat. Und dies, wiewohl es nachweislich kein Leichtes ist, sämtlichen Auflagen von Mr und Mrs Right zu genügen. Sich in die Umstände, ins Unabänderliche zu fügen ist indes nicht drin. Eh klar, dass dadurch und namentlich durch die Unmöglichkeit, vermittelnd in die Auseinandersetzung um die Homoehe einzugreifen und den Königsweg zwischen Konvention und Nonchalance, Tradition und Fortschritt zu finden, der Manipulation in Apis Tür und Tor geöffnet wird. Dabei pfeifen’s doch die Spatzen von den Dächern, dass allen Beteuerungen und gesetzlichen Anpassungen zum Trotz die Zeit für die Homoehe noch nicht reif ist, der kleine Moritz mit den Klischees des Schwulen- und Lesbenvereins, den gesundheitlichen Gefahren zumal, schwerlich zu Potte kommt. – Niemanden wundert drum, dass Hinz und Kunz Ränke schmiedet. Und so dauert es denn auch nicht ewig und drei Tage, bis in Königswiesen das Gerücht von der aidskranken Pole-Tänzerin, der hiesigen Paula Untucht, in Umlauf ist und sich an ihrer lesbischen Lebensgefährtin, der zugereisten Blumenbinderin Flora Untraut, der Unmut der oberösterreichischen Gemeinde entzündet. Es heißt schlicht, dass die grassierende Angst im Ort allein auf das Konto der Stuttgarterin gehe.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2014

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www.tredition.de

Collin Coel

Experimentum Crucis

Roman

1. Auflage

© 2014 Gerold Kölle alias Collin Coel

Umschlaggestaltung: Collin Coel

Bildnachweis: Couple of hot ladies © Andytu66 | Dreamstime.com | ID 10986678,

Cross © Ivan Mikhaylov | Dreamstime.com | ID 4545417

Lektorat: Collin Coel

Korrektorat: Collin Coel

Satz: Collin Coel

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-9055-0

Die Schreibweise in diesem Buch entspricht der neuen Rechtschreibung (amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. August 1998, Stand 2006).

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Verfassers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Namen, Personen, Firmen, Organisationen, Orte und Geschehnisse sind entweder der Fantasie des Autors entsprungen oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit bestimmten Ereignissen oder Orten ist rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zum Andenken an Monsignore Dr. Adolf Karlinger, der sich als engagierter Theologe und Pädagoge wie kein Zweiter das Wohl der Jugend angelegen sein ließ.

Kapitel 1: DIE ANFRAGE

Große Zuversicht erfüllte sie. Immerhin stand die Agentur bei Hinz und Kunz von jeher in hohen Gnaden. Ja, sie vermochte den ein oder anderen Promi gar als Referenz anzugeben. Zudem hatte sie ihren Sitz quasi ums Eck: Königstraße 2. Was läge drum näher, als sie zurate zu ziehen, im Verein mit ihr den Heiratsmarkt auf passende Objekte abzuklopfen?

Flora Untraut war Blumenbinderin, eine Deutsche, Stuttgarterin, um genau zu sein, gerade mal 28 Jahre alt und lesbisch. Noch hatte sie einen vollen Arbeitstag vor sich, ehe sie sich ihres Problems annehmen und besagte Agentur kontaktieren würde.

Es war Donnerstag, der 23. September 2010, 8 Uhr morgens. Ihr Chef, eine Tunte, wie sie leibt und lebt, unmöglich und doch die Liebenswürdigkeit in Person, begrüßte sie wie üblich freudig, als sie im Laden aufkreuzte.

»Guten Morgen, Darling!«, rief er und tauschte mit ihr Küsse. Wohl ein untrügliches Indiz dafür, welch herzliches Einvernehmen zwischen den beiden bestand.

Er musterte sie von Kopf bis Fuß. Machte ihr verliebte Augen. Meinte schließlich: »Immer wieder eine Wonne, dich zu sehen. Lässt mich im Nu auch schon das fürchterliche Wetter vergessen.« Er warf einen flüchtigen Blick nach draußen. »Gott, es gießt ja wie mit Kübeln! Nimmt denn das überhaupt kein Ende mehr?« »Offenbar nicht«, sagte die Floristin und schmunzelte. »Schwierigkeiten gehabt, eine Lücke zu finden, Darling?«

»Mehr mit dem Einparken«, erklärte sie.

»Och ja, sicher, ein ewiges Gfrett damit. Ein Segen, dass mir diese Plackerei erspart bleibt und ich auf Schusters Rappen zur Arbeit kommen kann. Kaffee gefällig?«

»Danke, später vielleicht.«

Aus dem Radio, das in diesem schrägen Blumenladen faktisch den ganzen Tag dudelte, tönte nach wie vor Spoons »Inside Out«. Und wie der Chef so versonnen ein Loch in die Luft guckte, schrie er plötzlich Ach und Weh. »Schon gehört, Darling?«, fragte er ungeniert.

»Was denn?«, fragte sie ihn ihrerseits. Augenblicklich lieh sie ihm ihr Ohr. Aus Erfahrung wusste sie, dass einer sensiblen Mimose wie ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit wichtiger war als die unausgesetzte Schufterei. In dem Laden gehörte es geradezu zum guten Ton, von Zeit zu Zeit bei der Arbeit zu bummeln.

»Gestern hat sich in den USA ein 18-jähriger Violinist nach dem Cyberbullying des Zimmergenossen und einer Mitbewohnerin des Studentenheims von der Brücke in den Tod gestürzt«, seufzte der Chef. »Die Meldung kam vorhin im Rundfunk.«

»Auweh!«

»Mhm. So ein junger Spund und bereits den Löffel abgegeben. Nicht zu fassen! Es ist, als ob er gar nicht gelebt hätte«, befand der Chef. »Dabei soll er ungemein begabt gewesen sein.«

»Ach ja?«

»Hat dem Vernehmen nach im Uniorchester gespielt. Diese Studentenbande kann von Glück sagen, dass sie fern vom Schuss ist. Andernfalls hätte ich keine Skrupel, herzugehen und mir den Übeltäter und seine vermaledeite Schergin persönlich vorzuknöpfen, den beiden Hundsföttern stante pede die Hose auszuklopfen.«

»Man wird wohl über sie Gericht halten, oder nicht?«

»Na klar! Heißt, ich nehme es stark an. Einen Freibrief fürs Verbrechen haben schließlich lediglich die mordsschäbigen Nachrichtendienstler. Ich hab’ aber auch nur am Rande von der Geschichte Notiz genommen. Was sich in der Sache tut, bleibt mithin abzuwarten. Dass sich unsere amerikanischen Freunde jedenfalls bestürzt zeigen und die Angehörigen Rotz und Wasser heulen, ist menschlich verständlich. Immerhin geht es nicht an, das Geknutsche des Kommilitonen und seines Haberers heimlich zu filmen und ins Web zu stellen, ja sich regelrecht einen Sport aus dem unerwünschten Outing zu machen. So stand den zwei Knilchen nicht nur der Sinn nach einer Wiederholungstat, sondern sie fühlten sich obendrein bemüßigt, regelrecht die ganze Internetgemeinde zum Spechteln aufzurufen.«

»Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr«, urteilte die Floristin.

»Wem sagst du das!« Der Chef öffnete den nächstbesten Blumenkarton. »Welch duftiges Pink!«, rief er entzückt. Er schnupperte an den Rosen und murmelte vor sich hin: »Riechen nach absolut nichts – ts!« Enttäuscht, um nicht zu sagen angewidert tat er den Bund in die Vase neben sich. »Darling«, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf, »was ich dich fragen wollte ähm …«

»Frag ruhig!«, wandte sich Flora Untraut schnurstracks an ihren Chef. Gleich ihm hatte sie sich daran gemacht, die Blumen der Kartons sonder Zahl zu arrangieren.

»Es bleibt bei deiner Entscheidung?«

»Ich verstehe nicht.«

»Du willst dir allen Ernstes von der Agentur auf den Damm helfen lassen?«

»Ja.«

»Dich dem Diktat beugen?«

»Ja.«

»Hm.«

»Höre ich da Skepsis?«

»Nun – ich will ja nichts verschreien. Und, Gott bewahre, schon gar nicht den Teufel an die Wand malen. Allein beim Gedanken aber, buchstäblich meine ganze Lebensgeschichte vor Wildfremden ausbreiten zu müssen, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken.«

»Es geht die Fama, dass die Agentur großen Fleiß auf ihre Vermittlung verwendet«, gab die Floristin zu bedenken.

»Ei ja?«

»Und dann, schau, ist es an einem selbst, klare Fronten zu schaffen. Damit sollte endlich nichts mehr schieflaufen, einer gegen die Gefahr gefeit sein, in eine delikate Lage zu geraten«, schloss Flora Untraut.

»Dein Wort in Gottes Ohr!«

»Du willst auch fürderhin den Dienstweg gehen?«

»Mich jedenfalls nicht zur Eile antreiben lassen. Nicht von ungefähr beschleicht mich neuerdings immer öfter das Gefühl, dass meine Gattung bereits ausgestorben, eine Lösung für mich in weite Ferne gerückt ist«, mutmaßte der Chef.

»Noch ist nicht aller Tage Abend«, beruhigte ihn Flora Untraut.

»Da ist was dran.«

»Zurzeit herrscht eine allgemeine Flaute«, fuhr sie fort. »Womöglich greifst du aber auch schlicht und einfach nach den Sternen. Nie daran gedacht, ein paar Pflöcke zurückzustecken?«

»Nicht den Bruchteil einer Sekunde, Darling«, behauptete der Chef. »Eher friste ich kümmerlich mein Leben in Einsamkeit und Abgeschiedenheit, als mir tagaus, tagein mit einer halben Portion die Krätze an den Hals zu ärgern«, betonte er.

Ein Glück, dass er nicht auf den österreichischen Bundespräsidenten angewiesen war, denn mit dem Schurken konnte niemand Staat machen. Nicht einmal oder namentlich nicht eine Tunte. Im Unterschied zu ihr brüllte nämlich der Mann in Amt und Würden vor Dummheit, hatte er, wie’s hieß, den Verstand schon zur Schulzeit in der Muckibude abgegeben, was ihn freilich nicht daran hinderte, die Nase ungeniert hoch zu tragen.

Seit die Roten und Grünen der Xenophobie der Schwarzen und Blauen, nun ja, nicht unbedingt den Garaus gemacht, aber allemal die Stirn geboten hatten, saßen in der Alpenrepublik die Ausländer am Drücker. So auch in der Hofburg, wo mit besagtem Herrn Bundespräsidenten erst unlängst ein Bulgare die Treppe hinaufgefallen war und dank seines durch und durch ergebenen Sekretärs, eines Vifzacks ohnegleichen, das Feld wider Erwarten zu behaupten vermochte. Noch jedenfalls.

Gerade eben hatte der Staatschef Vokabeln gebüffelt, um fortan wie eh und je bei seinen Fans in hohen Gnaden zu stehen und wenigstens einigermaßen in der ersten Amtsperiode über die Runden zu kommen.

Nur allzu gern hätte er ja jetzt, nach dieser schweißtreibenden Arbeit, den Kopf an die Schulter seines treuherzigen Sekretärs gebettet, doch selbstredend gebot die Situation, seinen Gefühlen ein Korsett anzulegen. Dabei: So ausgeschlossen wäre es beileibe nicht gewesen, dass sein Lakai, der Arschkriecher vom Dienst, ergo faktisch zu jeder Schandtat bereit, die Empfindungen seines Chefs artig erwidert und seine Schulter für angedeutete Zwecke zur Verfügung gestellt hätte. Das war aber a) bloß graue Theorie und brächte b) Hinz und Kunz obendrein aus dem Text. Um drum flugs wieder auf besagten Hammel zu kommen: Nach der obligatorischen Dosis Wiener Mundart begab es sich, dass der Herr Bundespräsident in der Tat nach seinem Sekretär verlangte.

Der Gute stand bereits in den Startlöchern. Hatte bloß auf den Anpfiff gewartet. Und war demzufolge in null Komma nichts zur Stelle.

»Sie wünschen, Sir?«, hieß es erwartungsgemäß.

»Sagen Sie ähm … ich hab’ da so was läuten hören, dass sich unser Krauter, der Minister, einen Coach in Lohn und Brot genommen hat. Ist da was dran?«, forschte der Staatschef. Nervös trommelte er erst mit den Fingern auf den Tisch, schoss schließlich in die Höhe und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Sie sprechen mir jetzt von unserem Schatzmeister, Sir?«

»Von wem auch sonst?«, pflaumte den Sekretär der Präsident an. Was kein so unberechtigter Anwurf war, hatte sich doch der gute Staatschef zwar bis zur Stunde kaum mit dem Rest der Regierungsmannschaft vertraut gemacht, den Finanzheini aber scheint’s in sein Herz geschlossen wie keinen Zweiten. Zumindest war ihm ebenjener namentlich bekannt. Und dies unbestätigten Berichten zufolge allein ob der gemeinsamen Abkunft, wiewohl … nun ja, Pakistan und Bulgarien bei Tage besehen unstreitig zweierlei Stiefel waren und sich der Staatschef von daher genauso gut einen österreichischen Namen einprägen hätte können. So etepetete war der Herr Bundespräsident in Dingen wie diesen freilich seit alters nicht, weshalb ein Pakistaner als Bulgare allemal durchging.

Sei’s drum, Probleme dieser Art stellten sich ohnehin für beide Seiten, den Präsidenten wie den Sekretär, nicht. Namentlich, weil Letzterer im Nu bei der Sache war. Den Burschen brauchte einer wahrlich nicht zweimal zu ducken. So plauderte er munter aus dem Nähkästchen: »Dem ist so.«

»Mehr Neuigkeiten haben Sie mir nicht aufgeschnappt?«, hakte das Staatsoberhaupt ungeduldig nach.

»Es heißt, der Herr Minister buhle um die Gunst des Publikums, Sir.«

»Und?«

»Und was?«

»Zeitigen seine Bemühungen denn bereits erste Erfolge? Erfährt er den ersehnten stürmischen Aufschwung?«

»Lässt sich schwer beurteilen, Sir. Sein Coach ist Tiroler.«

»Tiroler?«

»Mhm. Aus Hintertux.«

»Ah – Hintertux«, nickte der Bulgare, sprich der Herr Bundespräsident, wissend, hatte jedoch nicht den leisesten Schimmer, in welchem Winkel des Landes er nach dem Kaff zu suchen hätte. Ergo fragte er: »Das ist wo noch gleich?«

»Im Tuxer Tal, Sir.«

»Ah – Tuxer Tal«, hieß es daraufhin erneut. Und wieder hatte der Präsident selbstredend null Ahnung, wovon augenblicklich die Rede war. Drum musste gezwungenermaßen als nächste Frage folgen: »Wo zum Geier ist das Tuxer Tal?«

»Ist ein Seitental des Zillertals, Sir, das hinwiederum ein Seitental des Inntals ist«, klärte der Wiener, der Sekretär, seinen Chef auf.

»Ach, daher pfeift der Wind also.« Nun lächelte der Bulgare. Er war sichtlich zufrieden. – Mit sich, versteht sich.

»Genau, Sir. Der Gute soll gern in den Bergen rumkraxeln.«

»Unser Minister?«

»Der auch, Sir. Namentlich aber besagter Coach. Ist, schenkt man den Berichten Glauben, ein echter Bergfex. Und war letzthin beim Staatsfunk tätig.«

»So was findet den ungeteilten Beifall aller?«, wunderte sich der Herr Bundespräsident über die Maßen, als gebürtiger Bulgare naturgemäß nicht mit den Usancen seiner Wahlheimat vertraut.

»Tja«, wieherte der Sekretär, »nicht ein jeder verzichtet aus freien Stücken auf die Anmeldung von Ansprüchen.« Aus nicht ganz unerfindlichen Gründen trafen sich dabei die Blicke der beiden.

»In Anbetracht der vermaledeiten Partnerversicherung kann’s sicher nicht schaden, was fürs Image zu tun«, überlegte der Herr Bundespräsident. »Viele nehmen’s dem Minister krumm, die Stuttgarter Agentur mit der Aufgabe betraut zu haben.«

»Da hat sich, mit Verlaub, der Gute in der Tat was Schönes aufgehalst«, bemerkte der Sekretär. »Allerdings sehe ich für mein Teil das Problem der Partnerversicherung weniger im Umstand der Piefkes als vielmehr in jenem der Homos.«

»Homos?«

»Genau. Berichten zufolge rennen sie dem Herrn Minister zur Stunde das Haus ein, rühren sie die Trommel für amerikanische Verhältnisse.«

»Ich dachte, es gehe ihnen nun erträglich«, konnte der Herr Bundespräsident nicht umhin, zu erwähnen.

»Nun – Verhältnisse wie in Uganda haben wir wahrlich nicht, Sir.«

»Die wären?«

»In Uganda ist die Homosexualität nicht nur verboten, sondern wird mit rigorosen Haftstrafen geahndet. Ja, selbst Lehrern, die den Verdacht auf Homosexualität nicht kund und zu wissen tun, droht Gewahrsam wie überhaupt die Homophobie in Afrika geradezu schon epidemische Züge annimmt. So werden Lesben vergewaltigt und im Anschluss nicht selten ermordet.«

»Wozu?«

»Die Vergewaltigung?«

»Ebendie.«

»Um den Frauen die Kehrseite der Medaille, das Berückende der Heterosexualität quasi, plastisch vor Augen zu führen. Dass dabei freilich die Täter nicht belangt werden, versteht sich von selbst.«

»Und im Lichte dessen empören sich unsere Freunde vom anderen Ufer noch über die Ungerechtigkeit im Staate?«

»Nun – fairerweise ist zu sagen, dass die eingetragene Partnerschaft Punkt a erst seit Anfang des Jahres in Kraft ist und Punkt b als eheähnliche Lebensgemeinschaft mit der Homoehe der Amis mitnichten vergleichbar ist. Jedenfalls nicht mit jener in Connecticut, Massachusetts, Iowa, Maine und Vermont. Erstaunlich ist gleichwohl, dass 30 der 50 Bundesstaaten mit der Homoehe nichts am Hut haben, verfassungsrechtlich die Ehe sohin als Institution zwischen Mann und Frau begreifen«, dozierte der Sekretär.

»Wieso dann die Hysterie um die amerikanischen Verhältnisse?«

»Weil die durch die jüngste Entscheidung des Bundesgerichts in San Francisco, die Aufhebung der ›Proposition 8‹ kurzum, neue Nahrung bekommen haben«, erklärte der Sekretär.

»Proposition 8?«

»Das umstrittene Verbot der Homoehe, Sir.«

»Ach so! Dann dürften Sie allerdings Recht haben«, folgerte der Staatschef haarscharf.

»Womit?«

»Na, mit Ihrer Vermutung halt.«

»Sie teilen meine Sorge um den Herrn Minister ob der Homos?«

»Ja«, nickte der Präsident. »Immerhin leben unsere Kadis hinter dem Mond. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass einer dieser Wichser die ausgetretenen Pfade verlässt und bei den liberalen Amis Anleihen macht.«

»Meine Rede!«, frohlockte der Sekretär. Lichte Momente wie diese waren im Leben des Herrn Bundespräsidenten rar. Die galt es zu nutzen. Ergo beeilte sich der Sekretär hinzuzufügen: »Würden sich die Homos auf die Unwägbarkeit unserer Kadis einlassen, würden sie das Problem völlig verkehrt anpacken. Es erheischt schlicht und ergreifend die parlamentarische Gesetzesänderung. Und in diesem Betreff kommt ihnen die Geschichte des Herrn Ministers, will sagen die Idee der staatlichen Partnerversicherung, ungemein zupass. Die Ökonomie war von jeher das beste Druckmittel, namentlich für einen Schatzmeister. Die Crux ist nur, dass mit dem Koalitionspartner, diesem prüden, erzkonservativen Verein, nicht gut Kirschen essen ist. In Sonderheit, wo der die Katholen im Schlepp hat.«

»Das wird dem Pakistaner gehörig stinken, sich vor so Hinterwäldlern vom Land bücken zu müssen«, lachte sich der Präsident scheckig, der im Unterschied zum Sozi im Ministerium keiner Fraktion zugehörte.

»Anzunehmen«, pflichtete der Sekretär dem Staatschef bei. »Jedenfalls steht das Unterfangen seiner staatlichen Partnerversicherung scheint’s unter einem Unstern, wenn ihr volkswirtschaftlicher Nutzen von der Fähigkeit der Lebenspartner abhängt, die Klippen zu umschiffen und sich für Zeit und Ewigkeit zu binden.«

Wie wahr! Bei Tage besehen war die Situation freilich weit vertrackter, als sie sich auf den ersten Blick Staatschef wie Sekretär darbot.

Die Agentur Apis, jene Institution, die nicht nur in der Pflicht stand, die Ösis verstärkt unter die Haube zu bringen, sondern sich zudem nun auch noch mit Flora Untraut aus mittlerweile begreiflichen Gründen einen Klotz ans Bein band, war über die österreichische Problematik der Lebensgemeinschaft durchaus im Bilde. Des ungeachtet war die Chefin, Lotte Lang, frohen Mutes, die Kurve zu kriegen, anders formuliert die in sie gesetzten Erwartungen voll und ganz zu erfüllen.

Diese Behauptung sollte sich mit jenem unseligen Donnerstag, an dem es zu fortgeschrittener Stunde die Blumenbinderin in besagte Agentur verschlug, bewahrheiten.

Der rüstigen Mittsechzigerin Lotte Lang klebten beileibe nicht noch die Eierschalen an. Die Frau hatte es vielmehr faustdick hinter den Ohren, beherrschte ihr Geschäft ohne Wenn und Aber aus dem Effeff. Nichtsdestotrotz war gerade vor solchen Damen Obacht geboten. Weit gefehlt, wer da glaubt, einer gerissenen Geschäftsfrau blindlings vertrauen zu können.

Flora Untraut tat es dennoch. Allen Unkenrufen zum Trotz. Selbst ihr fürsorglicher Chef war spätnachmittags beim wiederholten Versuch gescheitert, seine Herzallerliebste vom Gang in die Königstraße abzuhalten.

Der Himmel hatte inzwischen längst aufgeklart. Mit etwas über 20 Grad herrschte eine angenehme Temperatur.

Der Wind pfiff um die Häuser, wirbelte das Laub auf. Und Flora Untraut strahlte über beide Backen, konnte es kaum erwarten, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen.

Mochten andere auch gut und gern im Frühjahr, im Wonnemonat Mai zumal, aufblühen, so hatte die Floristin von jeher ein Faible für den Herbst. Namentlich dann, wenn – wie zur Stunde – die Witterung zum Bummeln durch die Stadt einlud, ein untrügliches Wohlbehagen vermittelte, einen in ihren Bann schlug. So ungern die Blumenbinderin drum dem augenblicklichen Idyll Stuttgarts den Rücken kehrte, endlich konnte sie dem Lockruf der Agentur in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht widerstehen und tauchte zack, zack ins geschäftige Treiben von Apis ein.

In der Tat wurde die Agentur ihrem Ruf gerecht, waren da Hunderte von Agentinnen damit beschäftigt, Daten aufzunehmen und Partnerschaften anzubahnen.

Eben kreuzte die Chefin auf. »Flora Untraut?«, fragte Lotte Lang die Blumenbinderin im Vorübergehen.

»Ja«, lautete die lapidare Antwort.

»Bloß einen Moment Geduld bitte! Gleich drehen wir eine Biege, okay?«

Die Blumenbinderin nickte. Und weg war Lotte Lang.

Herrje, die Frau hatte vielleicht einen Affenzahn drauf! Kaum glaublich! Sollte die nicht ehestens in die Eisen steigen, stand wohl zu befürchten, dass sie eines schönen Tages mitten in der Arbeit aus den Pantinen kippte und das Zeitliche segnete. Doch für solche Gedanken war hier weder die Zeit noch der Ort.

Wie es der Zufall wollte, hatte sich die Chefin in höchsteigener Person ihrer Sache angenommen. Und das sei ein gutes Omen, dachte Flora Untraut.

Nur wenig später war es denn so weit. Lotte Lang lud zum Gespräch. In ihr feudales Büro.

»Fleißig wie die Bienen«, meinte die Floristin in Anspielung auf die Fülle von Agentinnen.

»Immerzu«, kam es wie aus der Pistole geschossen. Ein Lächeln ging über Lotte Langs Gesicht. »Sie suchen also nach einer Lebenspartnerin, Frau Untraut, richtig?«

»Richtig.«

Die Agenturchefin durchflog die Daten am Schirm. »Flexibel?«, fragte sie.

»Bin prinzipiell für alles offen«, antwortete die Floristin prompt.

»Freut mich zu hören«, sagte Lotte Lang versonnen. Umso bestimmter dafür: »Ich hab’ da jemanden für Sie. Passt wie die Faust aufs Auge.«

»So?« Flora Untraut wirkte etwas verdattert.

»Ist positiv gemeint«, beruhigte die Agenturchefin die blutjunge Frau umgehend.

»Ah!«

»Bei der fraglichen Person handelt es sich um Paula Untucht. 24 Jahre alt, Pole-Tänzerin und in Königswiesen zuhause«, erklärte Lotte Lang.

»Königs-was?«

»Königswiesen, Frau Untraut. Malerischer Ort in Oberösterreich. Die ›Blumeninsel des Mühlviertels‹, wie’s heißt. Ausgezeichnet mit 8 Landespreisen bei Blumenschmuckbewerben. Wird Ihnen gefallen. Drauf geb’ ich Ihnen Brief und Siegel. Und Paula Untucht ist eine Wucht. So berückend wie Sie. Zudem ein überragendes Bewegungstalent.« Lotte Lang hielt kurz inne, gab der Floristin die nötige Zeit, um die Info zu verdauen. Eine Reaktion der unbedarften Deutschen blieb aus. Sie schien die Kröte geschluckt zu haben. Nichtsdestotrotz vergewisserte sich die Agenturchefin: »Der Umzug etwa ein Problem?«

»Nicht die Bohne!«, beteuerte Flora Untraut. Eine Klimaveränderung war genau nach ihrem Geschmack, so sehr sie auch an ihrem Chef und dem Stuttgarter Laden hing.

»Schön, dann steht ja einer Zukunft zu zweit nichts mehr im Wege«, behauptete Lotte Lang kühn.

»Tatsächlich?«

»Aber hören Sie mal! Mit der Partnerversicherung, die den Ösis vorschwebt, haben Sie oder namentlich Sie das Paradies auf Erden.«

»Inwiefern?«, fragte die Floristin unverzüglich. Die Worte der Agenturchefin ließen aufhorchen.

»Insofern, als sich die Alpenrepublik für Sie ins Mittel legt, sie Ihnen die Bahn ebnet, um etwa eine Paula Untucht zum Altar führen zu können.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Absolut! Schauen Sie, noch steckt der ganze Firlefanz der Partnerversicherung zugegebenermaßen in den Kinderschuhen, doch schon bald wird die Gleichstellung von Homos und Heteros Realität sein«, verkündete Lotte Lang im Brustton der Überzeugung.

»Was macht Sie da so sicher?«

»Schlicht und ergreifend der Umstand, dass man nach Lage der Dinge in Österreich im Unterschied zu Kalifornien nicht erst den Gerichtsweg beschreiten muss, was ja, mal entre nous, kein Honiglecken ist. Mit dem Pfundskerl von einem Finanzminister, einem waschechten Pakistaner, ist das kühne Unterfangen der österreichischen Regierung nämlich quasi bereits beschlossene Sache.

Glauben Sie mir: Der Wichser hegt warmes Interesse für Ihre Fraktion. Will mit der Partnerversicherung auf Teufel komm raus in die Annalen eingehen, gewissermaßen in die Fußstapfen seiner früheren Regierungskollegin treten, die mit der Rechtschreibreform ähm …« – das größte Chaos aller Zeiten heraufbeschworen hat, wollte Lotte Lang sagen, stattdessen besann sie sich im Handumdrehen eines Besseren und meinte nur – »die Fesseln gesprengt und einer vormals undenkbaren Freiheit Raum gegeben hat.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich mich hier als treue Anhängerin der Dudenredaktion oute. Ohne deren Vorschläge wäre ich komplett aufgeschmissen. Immerhin stehen uns ja neuerdings fürs Gros der Wörter Wahlmöglichkeiten zu Gebote. Hinzu kommt, dass mit jeder Neuauflage der Rechtschreibung kein Stein auf dem anderen bleibt, mit den unentwegten Abänderungen die deutsche Sprache buchstäblich alle paar Jahre neu erfunden wird. Eine einzigartige Situation auf Gottes Erde.«

»Das allemal«, stimmte ihr die Floristin zu, die von Glück sagen konnte, sich mit Blumen und nicht mit Buchstaben ihre Brötchen verdienen zu dürfen.

»Wenn sich also der Mann in Amt und Würden die sorgenfreie Partnerschaft einbildet, soll er sie haben«, legte die Agenturchefin ein Schäuferl nach. »Sie werden ihm zeigen, was eine Harke ist.«

»Ich?«

»Sie. – Hören Sie zu: Nachdem die klassische Allianz nicht bloß bei uns, sondern namentlich auch bei den Ösis längst ausgedient hat, müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn das Unterfangen der staatlichen Partnerversicherung nicht ein Erfolg auf der ganzen Linie sein sollte. So werden Homos und Heteros in einer Reihe stehen und die Partner einander die Treue halten.«

»Die Tradition ist Schnee von gestern?«

»Hundertpro, Frau Untraut. Genügt, wenn Sie sich die einschlägigen Scheidungsstatistiken angucken. Längst kokettieren Krethi und Plethi mit alternativen Lebensgemeinschaften und haben mit dem althergebrachten Scheiß, zur Fortpflanzung unter die Haube zu kommen, nichts mehr am Hut.

Ist doch ein offenes Geheimnis, dass neuerdings vornehmlich Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften von Belang sind, von Gschrappen oder sonstigem Zeugs, das Beruf und Karriere Abtrag tut, keine Sau mehr was wissen will. Fazit: Der österreichische Staatsfunktionär macht bloß das, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Höchste Eisenbahn drum, den Augiasstall auszumisten und zu neuen Ufern aufzubrechen, den Katholen und ihrem Wahnwitz der Heteros mit einem wilden Rudel lärmender Kinder Valet zu sagen«, redete sich Lotte Lang in Feuer.

»Hat er denn schon einen Anpfiff bekommen?«, wagte die Floristin, zu fragen.

»Wer von wem denn?«

»Der Minister von den Katholen.«

»Nicht dass ich wüsste. Bis dato ist er jedenfalls nicht mit der Büchse herumgegangen«, bemerkte die Frau sarkastisch. Räumte aber ein: »Gewiss, einen bösen Plan brüten diese vermaledeiten Frömmler, meinetwegen auch falschen Fuffziger, praktisch ohne Unterlass aus. Darum würde ich mir an Ihrer Stelle allerdings keinen Kopf machen. Der wamperte Staatshiasl kann, wie man mir versichert hat, durchaus einen Puff vertragen. Und entre nous: Bei Tage besehen wäre es ja noch schöner, wenn sich so ein Lackaffe nicht mal mehr im Stande sähe, blinden Eiferern Zügel anzulegen, ein paar Schweinepriester, anders formuliert, mit einem biederen Zetergeschrei einen Minister zu Fall brächten.«

Nun mochte besagter Minister, der Pakistaner, durchaus das Maul auf dem rechten Fleck haben und dickfellig sein, im Endeffekt änderte das an Paula Untuchts Schicksal herzlich wenig. Die hatte nämlich zur Stunde nicht gerade einen leichten Stand in ihrer Gemeinde, in Königswiesen. Betrieb zwar ihr Tanzstudio, ward jedoch mehr geduldet als wirklich geliebt. Und das trotz ihrer unstreitig liebenswürdigen Art.

Der Tag ging zur Neige. Eben hatte die Pole-Tänzerin ihr letztes Trampel für heute zur Tür hinausbefördert, als ihr bester Freund, der Ingenieur, zu ihr stieß.

Sie kroch auf dem Zahnfleisch, er indes wirkte putzmunter. Die erschöpfte Tänzerin amüsierte ihn.

»Fix und fertig?«, fragte er scheinheilig und griente schäbig. Er reichte ihr das Handtuch.

»Ich pfeife aus dem letzten Loch«, gestand die Stangentänzerin. »Immer öfter frage ich mich, ob ich wirklich für diese Landpomeranzen hier geschaffen bin. Ich mein’, Poledance ist nun mal nicht jedermanns Sache.

Optisch mag die ein oder andere meines Vereins ja durchgehen, allein an der Auffassungsgabe hapert’s.«

»Und ich dachte, die Akademikerquote der Gemeinde könne sich sehen lassen«, erkühnte sich der Ingenieur, zu sagen.

»Kann sie auch«, versetzte Paula Untucht. »Im Grunde genommen sollte freilich der Pflichtschulabschluss hinreichen, um zu schnallen, dass es für eine Anastasia Skukhtorova mehr als den guten Willen braucht. Ich biete zwar naturgemäß meinen ganzen Charme auf und versuche, den Schusseln, wenn irgend möglich, in die Seite zu treten, aber ein Knee Hold schafft gezwungenermaßen böses Blut. So sind mir die Weiber reihenweise runtergeplumpst.«

»Sie haben eine Schlägerei angefangen?«, witzelte der Ingenieur. Er lachte.

»Es kann mir durchaus blühen, dass sich meine Befürchtung bewahrheitet und ich eines schönen Tages eins aufs Dach bekomme«, erwiderte Paula Untucht gereizt. »Immerhin folgen die Königswiesener dem Ruf des Herzens und machen bei Bedarf schnurstracks Nägel mit Köpfen«, ergänzte sie.

»Mhm«, nickte der Ingenieur wissend. »Sie sind die Güte in Person.« Aufs Neue kuderte er. Und wie er sich wieder eingekriegt hatte, fragte er plötzlich: »Hast du bereits Nachricht aus Wien erhalten?«

»Die Verhandlungen sind noch im Fluss. Bei diesen Wiener Brüdern weiß einer gleichwohl nie, woran er ist. Sagen mal hü, mal hott. Insofern bin ich heilfroh, dass mir wenigstens die Leute hier nicht die Flügel stutzen. Von irgendetwas muss der Schornstein schließlich rauchen. Wo wir aber gerade davon sprechen: Du wirst nicht glauben, wer sich heute bei mir gemeldet hat.«

»Du wirst es mir bestimmt sofort verraten«, gab der Ingenieur zurück.

»Ich hab’ eine neue Verehrerin.«

»Ach wirklich?«

»Eine Deutsche. Ist tierisch schön«, bemerkte die Stangentänzerin mit sichtlicher Freude.

»Dann ist der Sache ja Genüge getan«, meinte der Ingenieur.

»Was willst du damit andeuten?«, fuhr Paula Untucht auf.

»Nichts weiter. Bloß, dass in Beziehungsfragen regelmäßig unterm Strich alles auf die Schönheit hinausläuft. Da hat die Vernunft höchstens was zu melden, wenn frau Sicherheit will und sich einen Gstopften anlacht. Mit Talenten allein ist indes unter Garantie kein Leiberl zu reißen, sofern Alternativen zu Gebote stehen.«

»Sagt wer?«

»Jeder, der Augen und Ohren aufhält«, erwiderte der Freund. Und beeilte sich hinzuzufügen: »Daran finde ich allerdings kein Arg. Ich würde nicht anders handeln.«

Kapitel 2: DIE VISION

Nun mochte ja das Aussehen gut und gern ausschlaggebend für den Einstieg in eine Beziehung sein, die Verhandlungen gewissermaßen in Gang bringen, endlich war es aber längst nicht damit getan, dass der Funke übersprang. Das war der Königswiesener Pole-Tänzerin ebenso bewusst wie ihrer neuen Verehrerin, der Stuttgarter Floristin.

Namentlich ihr war tags zuvor in Apis ein Licht aufgesteckt, das A und O der Partnerversicherung und also des Gebarens der Agentur auseinanderklamüsert worden. Ihrem Chef davon zu berichten war heute noch nicht drin gewesen. Wie üblich vor einem anstehenden Wochenende herrschte in dem Laden Hochbetrieb, waren alle Hände gefragt, um den Wünschen der Kundschaft, der Schwulen und Lesben zumal, angemessen zu willfahren. Nicht von ungefähr war der schmucke Laden für seine Professionalität in aller Munde. So ließ sich denn auch der Chef nicht anders als seine Subalterne keine Mühe verdrießen, auf jedes verquere Ansinnen nach besten Kräften einzugehen. Selbst auf die Gefahr hin, die Gebinde x-mal zerpflücken und neu arrangieren zu müssen.

Jetzt freilich, wo sich der Sturm gelegt hatte und für einen Moment Ruhe in die Bude gekehrt war, konnte der Mann nicht länger an sich halten, brannte er geradezu darauf, zu erfahren, wie es um die Zukunft seiner Herzallerliebsten bestellt war.

»Darling«, fragte er rundheraus, »wie stehen die Aktien?«

»Bestens!«, entgegnete Flora Untraut.

»Nun spann mich nicht auf die Folter! Sag schon, wann kriege ich dein Schätzchen zu sehen?«

Sie kramte in ihrer Tasche. Holte ein Foto hervor. Reichte es ihm.

»Ach, du dickes Ei!«, rief er. »Wie entzückend!«

»Beeindruckt?«

»Aber hallo!« Er stützte das Kinn in die Hand. Runzelte die Stirn. Fragte sich: »Ob Apis wohl auch einen strammen Kerl für mich im Angebot hätte?«

Flora Untraut kicherte. »Das glaube ich weniger.«

»Ach wirklich?«

»Die Agentur vertreibt bloß Frauen«, teilte sie ihm unverblümt mit. Sie fühlte Mitleid mit ihm.

»So ein Pech!«, fluchte der Chef.

Die Unterhaltung stockte.

»Ungelogen, das stimmt«, beteuerte die Blumenbinderin.

»Schon gut, Darling. Ich werde es überleben.« Er hielt kurz inne. »Ähm – eine Hiesige?«, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf.

»Eine Oberösterreicherin.«

»Eine …?« Dem armen Kerl verschlug es augenblicklich die Sprache. Er rang nach Atem. Drohte, aus den Latschen zu kippen.

Der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Noch einmal versuchte er sich zu vergewissern, doch abermals scheiterte er kläglich.

Eine würgende Angst stieg in ihm auf. Ihm schwante nichts Gutes. Und seine Vermutung bestätigte sich im Handumdrehen.

»Tut mir echt leid. Ich werde aber nächstens die Zelte abbrechen«, erklärte ihm Flora Untraut ohne Umschweife, wie sie ihm ein Wasser darbot.

Er nippte am Glas. »Danke, Darling! Das hatte ich jetzt bitter nötig«, wandte er sich an seine Floristin. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Nach und nach kam er wieder herunter von der Palme. Betrachtete den Schlamassel, in dem er nun steckte, mit der gebotenen Gelassenheit. Forschte: »Ich vermag meine Enttäuschung schwer zu verhehlen, was?«

Flora Untraut nickte.

»Warum ausgerechnet sie? Mich kommt es hart an, zu glauben, dass dir nicht Krethi und Plethi zu Füßen liegen. Muss es denn unbedingt ein Exemplar aus Buxtehude sein?«, fragte er sie eindringlich.

»Punkt a: In Königswiesen sagen sich Fuchs und Hase nicht Gute Nacht, bin ich, anders formuliert, nicht aus der Welt. Punkt b: Es ist nicht das Aussehen, das den Ausschlag gab, sondern das Temperament. Ihm allein ist die Anfangskompatibilität geschuldet, die im Verein mit den zehn Beziehungsvariablen schließlich in die Endkompatibilität mündet.«

»Hach Gott, du folgst arglos dem Fremden«, seufzte der Chef und probierte seine Subalterne mit Blicken zu berücken, aber die verfingen bei ihr ausnahmsweise nicht.

»Alles andere als das«, widersprach sie ihm entschieden.

»Nun ja«, lenkte er ein, »ich will bei Gott nicht behaupten, dass mir an deiner Stelle die grundgute Tante nicht in die Reuse käme, doch noch einmal zum Mitschreiben: Ein flotter Feger wie du hätte die Qual der Wahl.«

»Ich kann durchaus verstehen, dass dir das Organ für meine Entscheidung fehlt«, wirkte denn auch die Floristin Knall auf Fall wieder versöhnlicher. »Des ungeachtet wäre ich dir sehr verbunden, wenn du die Sache aus meiner Warte sähest.«

»Ich höre«, erwiderte er. Er setzte sich zum Zeichen seiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Und in der Tat spitzte er die Löffel, staunte im selben Atemzug aber nicht schlecht, wie lobend sich Flora Untraut über die Arbeit von Apis äußerte. Ja, die Frau wusste sich vor Begeisterung regelrecht nicht zu lassen.

So verstieg sie sich gleich zu Beginn zur Behauptung: »Selbst wenn ich damit bei dir auf wenig Gegenliebe stoße, entblöde ich mich nicht, hier und jetzt von Lotte Lang, der Agenturchefin, in den höchsten Tönen zu sprechen. Und das nicht bloß, weil sie sich persönlich für mich ins Mittel legt, sondern namentlich, weil sie als maßgebende Verantwortliche für das Ösi-Projekt der Partnerversicherung geradezu ihr Leben in die Schanze schlägt.

Die Frau regiert mit eisernem Zepter. Kennt keinen Pardon. Hat ihre Mitarbeiterinnen sonder Zahl fest im Griff. Und hat unstreitig den Bogen heraus, wie man mit in Wünschen und Vorstellungen stromernden Politikern umspringt. Nein ehrlich! Die Gute hättest du erleben sollen. Die hatte keine Skrupel, dem Wiener Minister, den sie zufälligerweise an der Strippe hatte, tüchtig den Marsch zu blasen. Ich hab’ ja meinen Ohren nicht getraut, als es da Grobheiten ohne Ende hagelte, die Frau diesen Hiasl in der Alpenrepublik wie einen dummen Jungen behandelte. Nun ja«, überlegte sie, »womöglich ist da auch was dran.«

»Unter Garantie!«, frohlockte die Trine. Allmählich behagte dem Mann glatt die Frau in der Königstraße. Wie gerne hätte doch er selbst dem ein oder anderen Ungustl in Amt und Würden die Hammelbeine lang gezogen. Es mangelte bis dato bloß an passenden Gelegenheiten.

»Wie sich der Staatsfunktionär jedenfalls«, fuhr Flora Untraut nonchalant fort, »in die Hosen gemacht und am Ende nur noch zu allem artig Ja und Amen gesagt hat, waren begreiflicherweise schlagartig meine letzten Zweifel ausgeräumt, war ich restlos überzeugt, mit der Frau in der Königstraße, Lotte Lang, einen glücklichen Griff getan zu haben.«

»Gewiss, das leuchtet ein«, kam die Tunte schwerlich umhin, einzuräumen, Meinungsverschiedenheit hin, Meinungsverschiedenheit her.

Die Floristin lächelte zufrieden und plauderte auch schon munter weiter: »Mögen drum meinetwegen die herkömmlichen Versicherungsmakler nichts weiter als Dummschwätzer sein und von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, so wüsste ich mir keinen Grund, Apis als Zentralorgan der österreichischen Partnerversicherung in eine Reihe mit ihnen zu stellen, zu sagen, die Agentinnen der Königstraße hätten dito nicht für fünf Pfennig Talent. Nicht von ungefähr wird in Apis Trophalaxis als Losung fürs allgemeine Gebaren von Innen- und Außendienst, Stock- und Sammelbienen ausgegeben. Während sohin bei traditionellen Versicherern Innen-und Außendienst regelmäßig miteinander über Kreuz stehen, weil sich der leichtfertige Vertrieb naturgemäß in der harschen Kritik am Innendienst rächt, ziehen in Apis Innen- wie Außendienstlerinnen am gleichen Strang, ist es beiden um den Bestand, die Dauerhaftigkeit der Kundenbeziehung zu tun. Allein schon von daher sind krumme Touren meines Erachtens auszuschließen.«

»Trophalaxis?«, wunderte sich die Tunte. Der Ausdruck hatte offenbar seine Wirkung nicht verfehlt.

»Meint nichts anderes als den unentwegten Futteraustausch, der zwischen den Stock- und den Sammelbienen, aber auch zwischen den Stockbienen untereinander stattfindet. Dies freilich weniger, um sich den Wanst vollzuschlagen, sondern, um Infos aufzulesen. Wird demnach vermehrt das Nass statt des Nektars abgenommen, ist dies das Indiz für die Parole, mehr Wasser einzuholen, um die Stocktemperatur zu drücken und damit das Überleben der Viecher zu sichern.«

»Oh!« Der Chef wirkte positiv überrascht.

»Daran kannst du ermessen, dass die Vermittlung von Apis Methode hat. Da wird absolut nichts Freund Zufall überlassen«, stellte die Floristin freudig fest, mittlerweile offenbar schon zur Expertin in Sachen Partnerschaft gereift. »Kleinliche Besserwisser nehmen ja, wie mir Lotte Lang im Vertrauen verriet, ungeachtet aller Vorzüge der staatlichen Partnerversicherung ungeniert daran Anstand, haben die Stirn, zu sagen, der Ösi-Kram habe keinen sittlichen Nährwert. Dass dem freilich nicht so ist, bestätigt einem im Nu der Blick hinter die Kulissen.«

»Ei ja?«

»Mhm. Schließlich folgt alles einer leicht nachvollziehbaren Logik. Hätte ich in der gestrigen Unterhaltung mit der Agenturchefin den Eindruck gewonnen, dass hier ein paar Neunmalkluge in Wolkenkuckucksheim leben und meine Erwartungen mutwillig zu Schanden machen, hätte ich dem Verein schnurstracks die Kehrseite zugedreht. So jedoch gebietet es einem der gesunde Hausverstand, vom Temperament als Richtwert auszugehen, mithin das allen weiteren Überlegungen zu Grunde zu legen, was unabänderlich ist.«

»Ich dachte, es sei vorhin von Anfangs- und Endkompatibilität die Rede gewesen«, warf der Chef ein.

»Ganz recht. Verwechsle aber bitte schön Temperament nicht mit Kompatibilität. Das Temperament ist einem in die Wiege gelegt worden. Mögen manche in diesem Betreff auch hartnäckig an die Wandelbarkeit des Menschen glauben, so werden letzten Endes selbst sie einsehen müssen, dass mit einem Choleriker beispielsweise jetzt wie fürderhin kein Auskommen ist. Nicht einmal dann, wenn ihm einer die Giftzähne ausbricht. Heißt – na ja, dann womöglich schon. Zu so drastischen Maßnahmen braucht einer allerdings ohnehin in den seltensten Fällen zu greifen, sind schließlich erwiesenermaßen 96 Prozent der Erdenbürger Misch- und nicht Reinkulturen. Mithin gesellt sich zum cholerischen Grundcharakter etwa ein Schuss Melancholie, womit unser Knilch zwar immer noch den Teufel im Leib hat, von der Missgunst alter Tage aber nicht mehr viel übrig ist.«

»Verstehe. Und weiter?«

»Um als Mannsbild einen langen Hals zu machen, erheischt’s ja erfahrungsgemäß nicht viel. Nichtsdestotrotz ist Schönheit zum einen vergänglich, zum anderen bis zu einem gewissen Grad schlicht und ergreifend eine Frage des Geldes – siehe Traumfabrik. Anders formuliert ist es wichtig, zu unterscheiden, was veränderbar ist und was nicht. Ergo ist das Aussehen im Apis-Modell nebst der Bildung, der Herkunft, dem Beruf, den Interessen, der Kommunikation, den Werten, der Flexibilität, den Grenzen und den Visionen lediglich eine von zehn Modellvariablen, die nun, da sich das Temperament klar und deutlich für die Pole-Tänzerin Paula Untucht, besagte Oberösterreicherin, ausgesprochen hat, zur Diskussion stehen. Ob aus uns beiden auf Dauer was wird, wird sich weisen.«

»Am Äußeren sollte es jedenfalls nicht scheitern«, meinte der Chef, wie er sich noch einmal das Foto besah.

»Zweifelsohne«, bestätigte die Floristin. »Ehe die Frau unters Messer müsste, bräuchte es eine neue Definition von Schönheit. Meine Sorge gilt aber auch mehr den Außendienstlerinnen, denen die Kontrolle von Flexibilität, Grenzen und Visionen vor Ort obliegt.«

»Wieso?«

»Sollen eine scharfe Klinge führen und rücksichtslos durchgreifen«, zitierte die Floristin die Agenturchefin.

Damit standen sie freilich beileibe nicht allein auf weiter Flur. Es musste sich einer wahrlich nicht erst ins Versicherungsbusiness verirren, um in die Abgründe der Seele zu blicken.

Siehe Bertha Baumgartner, die unstreitig nicht zu den erwähnten 96 % Mischkultur gehörte. Die Bäuerin, die gut im Futter war, war vielmehr die Bissgurn in Reinkultur, um nicht zu sagen der Satan in Person. Zumindest für ihre deutsche Nachbarin, mit der sie seit alters in Fehde lag. Immerzu geiferte die dicke Bertha gegen die Zugereiste, dass es nur so eine Art hatte. Fand des ungeachtet oder gerade darob vor den Hiesigen Gnade. In Sonderheit Pfarrer Gottfried Schuster hielt große Stücke auf die Bäuerin.

Zugegeben, es mutete schon leidlich seltsam an, dass der Leibhaftige und der Herrgott unter einen Hut zu bringen waren, doch der allgemeinen Popularität der Bäuerin tat dieser nicht ganz unerhebliche Widerspruch keinen Abbruch. Zumindest erachtete es niemand für angezeigt, hinter die Kulissen zu blicken und die ambivalente Natur Bertha Baumgartners zu hinterfragen.

Sei’s drum, an diesem Freitag gab es in der Königswiesener Fleischerei, wo sich Bäuerin und Pfarrer alle naselang begegneten, ohnehin Wichtigeres als Wesen und Wirken des Herrgotts zu erörtern.

Zwar war die gestandene Frau mit den Tücken der hässlichen Töle ihres Herrn Pfarrers durchaus vertraut, bei dem Mordsgekläff des Köters zuckte sie aber jedes Mal aufs Neue fürchterlich zusammen. Nur gut, dass das Sauvieh an der Leine hing und vor der Metzgerei auf sein Herrchen warten musste, wäre es andernfalls die Bäuerin doch um ein Erkleckliches härter angekommen, sich regelmäßig mit Gottfried Schuster des Langen und Breiten zu unterhalten.

Mit einer aufgesetzten Freundlichkeit betrat sie das Geschäft und wandte sich in ihrer maßlosen Verlogenheit stante pede an den Herrn Pfarrer mit der Frage: »Na, kaufen wir wieder was Leckeres für den Wauwau?«

Der Angesprochene drehte sich um. Sagte: »Ah, grüß Sie, Frau Baumgartner! Sie wissen ja, dass dem Vierbeiner unausgesetzt der Magen bis in die Kniekehlen hängt.«

»Oh ja, er fordert geradezu mit Nachdruck sein Recht ein«, antwortete der falsche Fuffziger von Bäuerin. Der Schrecken lag ihr noch in den Gliedern. An Begebenheiten wie dem Überfall eben entzündete sich regelmäßig die Fantasie der Frau. So rechnete sie stets aufs Neue mit dem Schlimmsten, ja war es für sie bei Lichte besehen nur eine Frage der Zeit, ehe eine wohl proportionierte Bäuerin auf dem Speiseplan des Sauköters stand. Über Gedanken dieser Art verlor sie freilich kein Wort. Nicht zuletzt deshalb, weil der Pfarrer gleich vom Thema ablenkte, auf ihre Belange einging.

»Und was führt Sie hierher? Geht es dem nächsten Huhn an den Kragen?«, fragte er sie rundheraus.

»Nach berühmtem Muster dürfte es bereits Fracksausen haben«, lachte die dicke Bertha auch schon. »Angesichts meines Arbeitseifers wäre ich nicht weiter verwundert, wenn das Federvieh ein Komplott gegen mich schmieden würde. Doch Scherz beiseite, Herr Pfarrer! Mit irgendwas muss unsereins schließlich die Lager aufstocken. Und endlich will selbst Ihr Wauwau von was satt werden. Insofern ist es nur recht und billig, von Zeit zu Zeit den Hennen zu bedeuten, wer den Ton angibt.«

»Sicher!«, nickte Gottfried Schuster, gleichwohl er wusste, dass seine Bäuerin nicht selten rein aus Daffke zur Tat schritt, krankhaft nach einem Vorwand für den Plausch mit dem Fleischer und also mit ihm suchte. Immerhin war die Metzgerei ob der Unersättlichkeit seiner Töle bekanntermaßen schon sein zweites Zuhause. Natürlich verkniff sich aber ebenso er Andeutungen dieser Art, war er nicht minder Inbegriff der Scheinheiligkeit.

Wie dem auch sei, mit dem Minister und seiner bescheuerten Idee der Partnerversicherung war ohnedies im Nu Schluss mit falschen Geheimniskrämereien, hatten beide, Pfarrer wie Bäuerin, das Bedürfnis, Tacheles zu reden.

Gerade hörte der Mann die Frau sagen: »In Anbetracht der Unvollkommenheit der Landsleute gleicht es wohl einer schieren Illusion, zu glauben, mit dem jüngsten Wurf unserer Regierung Staat machen zu können, oder wie seh’ ich das?«

»Sie spielen auf die Partnerversicherung an?«

»Auf ebendie.«

»Nun ja«, druckste Gottfried Schuster herum, »der Herr Finanzminister gefällt sich halt in der Rolle des Wichtigtuers.«

»Da ist was dran, Herr Pfarrer. Ich mein’, jetzt mal ehrlich: Welches Mannsbild steckt denn aus freien Stücken ein Loch zurück, wenn ihm die exotischen Schönheiten rein theoretisch zu Gebote stehen, hä? Ich bin ja über die blutjungen Dinger nicht am Laufenden, aber diese Gagas sind doch mit ihrer obszönen Freizügigkeit gesellschaftlich untragbar.«

»Sodom und Gomorrha?«, witzelte Pfarrer Gottfried Schuster.

»Ja wie?«, brauste die Bäuerin auf. »Hätten Sie die nackerten Luder etwa gern vor Ihrer Haustür?«

»Nein«, räumte Gottfried Schuster ein.

»Na also!«, triumphierte Bertha Baumgartner. »Für den depperten Pakistaner finde ich einfach keine Worte. Alles an ihm ist dazu angetan, sich die Krätze an den Hals zu ärgern und ihn zu allen Teufeln zu wünschen. Kann denn diesen vermaledeiten Schweinepriester niemand in den Kot treten und ruck, zuck aus dem Amt entfernen?«

»Sie würden ihm gern eins vor den Latz knallen?«, mokierte sich der Pfarrer erneut.

»Das ist gar kein Ausdruck! Ich hab’ eine solche Stinkwut im Bauch, dass ich ihn regelrecht ungespitzt in den Boden hauen würde.

Was braucht’s da bitte schön die Brut aus Stuttgart, wo jedem Hanswurst die Ökonomie der Anbahnung geläufig ist? Blickkontakt, Lächeln, Annäherung, Gespräch: Mehr ist nicht vonnöten. Wahrlich keine Hexerei, mit jemandem anzubändeln. Aber nein, der Scheißkerl in Wien muss ja unsere Steuergelder verschwenden, hergehen und diesen Idiotenverein von Apis mit Spompanadeln betrauen. Kaum glaublich!«, zeterte die Bäuerin.

»Die Gründe für das Engagement der Piefkes sind andere, Frau Baumgartner«, widersprach ihr der Pfarrer.

»So? Welche denn?«

»Schauen Sie, in der Politik verhält es sich nicht anders als in der Wirtschaft: Im Endeffekt läuft alles auf die Optik hinaus.

Bei Tage besehen schlägt der Herr Finanzminister damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Geht sein Plan auf, hat er die Möglichkeit, sich mit fremden Federn zu schmücken. Falls nicht, tja dann muss eben die Agentur als Sündenbock herhalten. Und namentlich dafür wird sie bezahlt.«

»Holla! Das sind ja schöne Methoden«, entrüstete sich die Bäuerin.

»Wem sagen Sie das!«

»Alles nichts weiter als ein großer Witz mithin?«, vergewisserte sich Bertha Baumgartner.

»So würde ich es nicht formulieren.«

»Wie dann?«

»Hören Sie zu: Auch mir stößt das Tamtam um Ökonomie und Logistik, der Zwang zur Vollkommenheit, sauer auf, doch wir werden schwerlich daran was ändern können. Unsere oder meinetwegen nicht wenige Landsleute hegen nun einmal Gefühle der Sympathie für diesen durch und durch fragwürdigen Verein in der Königstraße. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass sie den Boden unter den Füßen verlieren und einer schieren Illusion nachjagen, wenn sie glauben, alles auf einem Silbertablett serviert zu kriegen. Ginge es allein nach mir, wäre es mit den fünf Sprachen der Liebe getan.«

»Die wären?«

»Lob und Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft sowie Zärtlichkeit«, erklärte der Pfarrer.

Damit redete Gottfried Schuster dem Herrn Finanzminister de facto nur das Wort, denn ihm lag ebenso viel an einer Vereinfachung des Systems, an der idiotensicheren Handhabung seines jüngsten Kindes, der Partnerversicherung. Aus diesem schlichten Grund hatten sich er und die Agenturchefin tags zuvor auch an die Köppe gekriegt, waren während des kurzen Telefonats im Beisein Flora Untrauts die Fetzen zwischen den beiden geflogen. Wenigstens in einem Punkt hatte Lotte Lang eingelenkt. Sie hatte sich vom Herrn Finanzminister breitschlagen lassen, persönlich in Wien zu erscheinen. Und nun war sie da.

Kurz nach 17 Uhr war’s, als sie das Büro des österreichischen Schatzmeisters betrat. Zwar sanken sich Pakistaner und Deutsche nicht in die Arme, von den Unstimmigkeiten des Vortags war aber bei Weitem nichts mehr zu gewahren. Weder er noch sie wirkte irgendwie verschnupft. Im Gegenteil. Mit ein paar Nettigkeiten zum Auftakt brach der Politiker umgehend das Eis, gab er Lotte Lang unstreitig das Gefühl, nach wie vor als Projektleiterin erwünscht zu sein. Nichtsdestotrotz nahm sich der Mann freilich heute dito kein Blatt vor den Mund und kam wie eh und je rasch auf den Punkt.

»Sie bleiben also bei der Unabdingbarkeit einer zweijährigen Vorlaufzeit für die Garantie treuer Partner und mithin den Anspruch auf die Versicherungsleistung?«, fragte er sie unvermittelt.

»Absolut!«, erwiderte Lotte Lang bestimmt. »Alles andere wäre nichts Halbes und nichts Ganzes.«

»Es geht die Fama, dass sich die Stabilität der Beziehung auch mit einem 15-Minuten-Gespräch einwandfrei feststellen lässt«, wandte der Minister ein.

»Pah! Quatsch mit Soße!«, blaffte ihn Lotte Lang an. »Ich verstehe ja, dass Sie Warren Buffetts Reduktion der Investitionsphilosophie gern für Ihre Partnerversicherung sähen, doch Person und Sache sind allemal zwei Paar Stiefel.«

»Sie wissen, auf wen oder was ich konkret anspreche?«

»Klar!«, nickte die Agenturchefin. »Ich hab’ mich des Langen und Breiten mit dem amerikanischen Schmonzes beschäftigt. Und Sie können sich gern darauf einlassen, aber ohne mich. Wenn Sie wollen, dass ich in der Verantwortung stehe, werden Sie mir Jahre statt Minuten für die Begutachtung zubilligen müssen.

Auf dem Fleischmarkt mögen von mir aus gut und gern ein paar Minuten genügen, um Aufschluss über den Partner zu erlangen und die Spreu vom Weizen scheiden zu können. In der Falle haben Sie entweder die Lusche oder den Kapazunder. Punkt. Die Liebe hingegen stellt unstreitig um ein Haus höhere Ansprüche, als einem das Gottman & Co. mit dem besagten 15-Minuten-Plausch weismachen wollen. Dabei steht außer Frage, dass die funktionierende Beziehung maßgeblich der Kommunikation geschuldet ist. Auch thematisieren diese Gespräche der Partner die vorgeblichen Hauptprobleme des gemeinsamen Haushalts. Doch aus dem Wenigen der 15 Minuten sichere Prognosen abzuleiten mutet nicht von ungefähr, gelinde gesagt, vermessen an, klingt ein bisschen nach Hokuspokus. Ja, da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Denn wer sich je ernsthaft mit der Fülle jener schieren Banalitäten, die das Zusammenleben zweier Menschen zu Fall bringen können, beschäftigt hat, wird mir in diesem Betreff beipflichten. Hinzu kommt, dass sich das Gebaren der Partner nach und nach verändert oder wenn nicht das, so allemal, ja gar Knall auf Fall komplett verändern kann, in Sonderheit dann, wenn unvorhergesehene Umstände auf den Plan treten. Dabei ist es ohne Belang, ob ebendiese ungemein erbauliche oder höchst unerfreuliche sind. Nichtsdestotrotz stehen Gottman & Co. bei mir in hohen Gnaden. Allein schon ob der über und über verständlichen Mathematik. In der Welt der selbstverliebten Wissenschaft ist es ja wahrlich nicht üblich, dass einem ein Modell von A bis Z erklärt wird, kein Detail außen vor bleibt und nach besten Kräften versucht wird, den unterschiedlichen Vorkenntnissen Rechnung zu tragen.«

»Fazit: Sie werden nicht müde, Ihre Klientel tüchtig auszuholen«, überlegte der Minister.

»Billigerweise auch noch, wenn wir dadurch nicht nur über die näheren Umstände der Kundinnen ins Bild gesetzt werden, sondern obendrein ein Gefühl für die Voraussetzungen einer stabilen Partnerschaft kriegen.

Nicht von ungefähr haben wir ausschließlich Frauen in Lohn und Brot. Mit ihnen ruhen unsere Modellüberlegungen auf einem festen Fundament«, betonte Lotte Lang.

»Erklären Sie sich deutlicher!«

»Dazu gibt es nicht viel zu sagen, Herr Minister. Frauen haben einfach ein besseres Gespür für die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Frauen sind demzufolge die verlässlicheren Indikatoren, die zuverlässigeren Größen in der Modellrechnung.