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Gerade mal sechs Monate erträgt der Wirtschaftsingenieur Leopold Levinsky die Schikanen, denen er in der Himmler Maschinennadel AG ausgesetzt ist, ehe er in einer Panikreaktion das Handtuch wirft. Im naiven Glauben, niemand würde Anstand an seinem unrühmlichen Abgang vom Wiener Neustädter Staatsbetrieb nehmen, und im vollen Bewusstsein seiner unstreitigen Fähigkeiten rechnet er fest damit, unverzüglich bei einem anderen Unternehmen in Lohn und Brot zu stehen. Ein mächtiger Arbeitgeber kennt jedoch keinen Pardon. Im Verein mit der Staatspolizei übt er blanken Terror aus. Er beschneidet dem Wirtschaftsingenieur die Flügel, gräbt ihm das Wasser ab, beraubt ihn kurzum seines Lebens. Den Unbilden dieses politischen Wahnsinns zu trotzen und den Kopf oben zu behalten ist zwar eine Herausforderung ohnegleichen, eine Unmöglichkeit aber beileibe nicht. Wiewohl ihn alle Welt auf Kandare reitet, ist Leopold Levinsky frohen Mutes und tritt die Flucht nach vorn an. Statt weiterhin Versäumnissen nachzutrauern, versucht er sich in der Schriftstellerei.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Collin Coel
Isolation
Novelle
1. Auflage
© 2016 Gerold Kölle alias Collin Coel
Umschlaggestaltung: Collin Coel
Bildnachweis: Shiny heels of blue shoes © Kirill Kurashov | Dreamstime.com | ID 5624878, Unhappy young man © Nebojsa Babic | Dreamstime.com | ID 19609651
Lektorat: Collin Coel
Korrektorat: Collin Coel
Satz: Collin Coel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7345-0237-8
Die Schreibweise in diesem Buch entspricht der neuen Rechtschreibung (amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. August 1998, Stand 2006).
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Zum Andenken an Philippine Lambert.
Hübsch, begabt, in den ersten Häusern verkehrend
zerbrach die Schweizer Kunststudentin an den Folgen
des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs als Kind.
Unfähig, sich der Familie mitzuteilen und
sich den Schmerz von der Seele zu reden,
legte sie 1997 im Alter von 20 Jahren Hand an sich.
Kapitel 1: UNGLEICHGEWICHT
»Stört es Sie, wenn ich mir eine Pfeife anstecke?«, fragte der Personalchef Paul Vogel den völlig unbedarften Universitätsabgänger Leopold Levinsky. Ohne die Antwort abzuwarten, schickte sich der Knilch der Himmler Maschinennadel AG an, seinem Laster zu frönen, was der Frage freilich einen überaus merkwürdigen Anstrich gab oder wenigstens von denkbar schlechter Kinderstube zeugte.
»Nicht im Mindesten«, erwiderte Levinsky prompt.
Am unziemlichen Gebaren dieses gesetzten, beleibten Herrn mit Brille, dessen schütteres, fettiges Haar ebenso abstoßend wirkte wie dessen schadhaftes Gebiss, nahm der Wirtschaftsingenieur keinen Anstand. Und obgleich es überhaupt nicht zu seinem Wesen passte, seine Zunge im Zaum zu halten und jemandem das Goderl zu kratzen, dachte Levinsky keine Sekunde daran, dass er als überzeugter Nichtraucher mit seiner großmütigen Haltung den Mann des Wiener Neustädter Staatsbetriebs in die Irre führte.
Alles weiter kein Malheur, hörte der Personalchef doch bestenfalls mit halbem Ohr hin und war selbstredend nicht wirklich an einer Antwort interessiert. Und wie um dieses sein Desinteresse zu unterstreichen, drehte er sich zur Seite und starrte ins Leere.
Er war in Gedanken, zog genüsslich an seiner Pfeife. Plötzlich erkundigte er sich wie beiläufig: »Wissen Sie denn, Herr Levinsky, warum Sie untauglich sind?« Ein süffisantes, ja boshaftes Lächeln huschte über sein Gesicht.
»Nein«, beteuerte Levinsky. »Die Gründe entziehen sich … «
»… meiner Kenntnis«, wollte Levinsky sagen, doch Paul Vogel fiel ihm ins Wort. Von oben herab meinte er, indem er unvermittelt wieder den Blickkontakt suchte: »Schauen Sie, ich habe beim Barras meine ersten Sporen verdient. Es mag ja Leute geben, denen der Barras am Arsch vorbeigeht, das ficht mich aber nicht an. Für notorische Querulanten, ausgemachte Hohlköpfe, wenn Sie so wollen, die glauben, partout wider den Stachel löcken und das Oberste zuunterst kehren zu müssen, hatte ich zeitlebens nichts übrig. Ich für mein Teil möchte jedenfalls die Erfahrungen nicht missen, die ich mit den Präsenzdienern gesammelt habe. Wer beim Barras in die Schule gegangen ist, ist schließlich über die menschlichen Unzulänglichkeiten bestens im Bilde.«
Ein Schweigen trat ein. Leopold Levinsky wusste nicht, wie ihm geschah. Immerhin war ja die Entscheidung, ihn vom Wehrdienst freizustellen, nicht ihm geschuldet. Und auch wenn er selbst zugegebenermaßen heilfroh gewesen war, sich das Studium besagter menschlicher Unzulänglichkeiten zu ersparen, und nie auch nur im Entferntesten daran gedacht hatte, der Stellungskommission die Stirn zu bieten und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um doch noch seinen Dienst am Vaterland leisten zu können, vermochte er sich keinen Reim auf die Äußerung des Personalchefs zu machen.
Im Lichte dessen erstaunte es ihn über die Maßen, mit einem Mal zu hören: »Wir werden uns Ihre Karriere sehr angelegen sein lassen. In der Himmler Maschinennadel AG laufen Sie unter Garantie nicht Gefahr, auf ein falsches Gleis zu geraten. Gehen Sie mithin davon aus, dass wir uns in den kommenden Tagen bei Ihnen melden. Einem Assistenten des Generaldirektors liegt naturgemäß die Welt zu Füßen, in einer solchen Funktion haben Sie veritable Chancen, Triumphe zu feiern.«
Aus Leopold Levinskys Augen leuchtete das Glück. Ihm hüpfte das Herz im Leibe.
Gewiss, insgeheim hatte er durchaus damit gerechnet, dass er ob seiner unstreitigen Fähigkeiten bei künftigen Arbeitgebern in hohen Gnaden stehen würde. Dass ihn allerdings regelrecht Hinz und Kunz mit offenen Armen empfangen und ihm Beifall klatschen würde, übertraf seine kühnsten Erwartungen, hätte er sich nie träumen lassen. Dabei hatte Paul Vogel längst nicht seine Pfeile verschossen. Vielmehr schien es, als hätte der Mann bloß auf den rechten Moment gewartet, Leopold Levinskys Bedenken restlos zu zerstreuen und den Sack zuzubinden, kurzum andere Brötchengeber aus dem Feld zu schlagen.
Wie Paul Vogel denn ein Schäuferl nachlegte und von der Möglichkeit einer internationalen Laufbahn, von der Möglichkeit einer Dissertation und von der Möglichkeit, kostengünstig ums Eck Quartier zu nehmen, sprach, war’s um Leopold Levinsky endgültig geschehen, vermochte sich der Grünschnabel von jetzt auf gleich keinen anderen Arbeitsplatz auf Erden mehr vorzustellen. Er strahlte über beide Backen.
In der Tat bereute Leopold Levinsky keine Sekunde seine Zusage. Er war felsenfest davon überzeugt, mit der Himmler Maschinennadel AG einen guten Griff getan zu haben. Nicht einmal die Tatsache, dass ihn der niederösterreichische Staatsbetrieb aus unerfindlichen Gründen drei Monate zappeln ließ und seine Geduld damit über die Maßen strapazierte, weckte Argwohn bei ihm und brachte ihn zur Räson.
So kam es, dass einesteils seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren, als er am 3. September 1990 Schlag 8 Uhr seinen Dienst antrat, in Anbetracht der verheißungsvollen Zukunft sein Ärger andernteils aber im Nu verflog und er nur allzu bereitwillig die Zelte in Wiener Neustadt aufschlug.
Oder dies liebend gern getan hätte. Bei Tage besehen musste der Ingenieur nämlich mit einer Unterkunft 15 Kilometer südlich von Wiener Neustadt in Klingfurth vorliebnehmen.
In dem Kaff der Buckligen Welt am Fuß des Rosaliengebirges war Leopold Levinsky zwar fern vom Schuss, der Ort, um groß auf den Putz zu hauen und die Sau rauszulassen, war die 250-Seelen-Gemeinde freilich bei Gott nicht. Und auch wenn sich Levinsky daran mitnichten stieß, zumal ein kontemplativer Mensch wie er naturgemäß seit alters mit Partys nichts am Hut hatte und von daher nie um die Häuser zog, machte ihm die schlechte Verkehrsanbindung umso mehr zu schaffen. Nicht von ungefähr, nachdem er gegebenenfalls noch vor Tau und Tag auf den Beinen sein müsste, um mit dem Bus aus dem Ort rauszukommen, und sich bis spätabends zu gedulden hätte, ehe es mit der einzigen Rückfahrgelegenheit wieder nach Klingfurth ginge. Dass in Anbetracht dessen ein Auto unverzichtbar war, verstand sich von selbst.
Nichtsdestotrotz ließ sich der Tag gut an, hatte Levinsky nicht den geringsten Anlass, Zeter und Mordio zu schreien. Seine Bleibe, die Pension Adelheid, war tipptopp und die Inhaberin überaus zuvorkommend.
Die Sonne brach durch die Wolken, als er am Frühstückstisch Platz nahm. Die Frau, klein, zierlich von Statur, flink wie ein Wiesel und stets um ein aufrechtes, freundliches Wort bemüht, eilte herbei und meinte: »Die Prognosen scheinen zu stimmen.«
»Mhm«, nickte Levinsky, »ausnahmsweise haben die Meteorologen mal ins Schwarze getroffen.« Kurz hielt er inne. »Guten Morgen«, sagte er schließlich. Dabei blickte er auf. Ein flüchtiges Lächeln spielte um seinen Mund.
Verlegen erwiderte die Frau den Gruß. Und nachdem sie Leopold Levinsky von Kopf bis Fuß gemustert hatte, fragte sie ungeniert: »Herr Ingenieur, wollen Sie vielleicht ein weiches Ei?«
Wie sich rasch herausstellen sollte, würde der Frau diese Frage zur festen Gewohnheit werden. Mitnichten fiel sie Levinsky damit aber lästig. Im Gegenteil. Es freute ihn tierisch, dass sie ihn mit Aufmerksamkeit umgab und es nicht mit einer einmaligen Begebenheit sein Bewenden hatte.
Ehe er sich nun auf den Weg machte, schenkte er sich noch eine Tasse Kaffee ein und las den Artikel zu Ende. Mochten auch andere mit der Zeitungslektüre nichts am Hut haben, für Levinsky gehörte sie zum unverrückbaren Bestandteil seines Lebens. Ja, es war geradezu undenkbar für ihn, nicht unentwegt auf dem Laufenden zu sein. Unsinn zu verzapfen und sich eine Blöße zu geben war seine Sache nicht.
Draußen war bereits der blanke Tag, als Levinsky in seinen weinroten Golf stieg. Dass er sich für den Wagen in Unkosten hatte stürzen müssen, schlug ihm zwar auf den Magen, dafür war es tröstlich zu wissen, dass der Deutsche wenigstens gut auf der Straße lag und ungemein angenehm zu fahren war. Das hatte, so vermutete der Ingenieur, wohl was mit seinem vergleichsweise hohen Gewicht zu tun. Jedenfalls hatte Levinsky, der durchaus mal auf die Tube drückte, keinen Bock darauf, aus der nächstbesten Kurve getragen zu werden. Insofern kam ihm der Deutsche sehr zupass, hätte er für den Einstieg in die Autowelt wohl kaum eine bessere Wahl treffen können.
Natürlich war der Firmenparkplatz komplett belegt, als Levinsky aufkreuzte. Insgeheim hatte er wohl damit gerechnet, dass ihm, dem Neuzugang, niemand einen Platz frei halten würde. So begab es sich, dass Levinsky in die nächste Seitengasse einbog und kurzerhand mit der Tradition brach. Bedenkenlos missachtete er die geltenden Vorschriften, legte ruckzuck den Retourgang ein und setzte den Wagen 20 Meter in der Einbahnstraße zurück. Dabei tönte mit Stayin’ Alive ein Gassenhauer der Bee Gees aus den Boxen, in einer Lautstärke wohlgemerkt, dass den paar Passanten unstreitig vom Lärm die Ohren dröhnten.
Dem Ingenieur war’s wurscht. Ans Gerede der Leute hatte er sich noch nie gekehrt.
Wie es der Zufall wollte, lief ihm keine Minute später Paul Vogel in die Arme. Nicht ohne Schadenfreude bemerkte dieser: »Ah, Sie haben sich also ein Auto zugelegt.«
»Das ließ sich in Anbetracht der Umstände schwerlich vermeiden«, versetzte Levinsky barsch.
Der Personalchef schwieg. Mit einem nachdenklichen Seitenblick murmelte er schließlich: »Mit VW ist man nicht so schlecht bedient.«
Levinsky nickte.
Alles, was es von Paul Vogel daraufhin noch zu hören gab, war die Wegbeschreibung. Lapidar hieß es, dass sich Levinsky bloß in der ersten Quergasse rechts halten müsse, um im unübersehbaren himmelblauen Gebäude auf seinen Chef zu treffen.
Levinsky dachte sich dabei nichts, nickte vielmehr ein weiteres Mal und folgte aufs Wort.
Wenigstens in dem einen Punkt versprach Paul Vogel nicht zu viel: Die technische Forschung und Entwicklung der Himmler Maschinennadel AG war wirklich schwer zu verfehlen. Während nämlich die restlichen Gebäude des Unternehmens aus der Jahrhundertwende stammten und durch die Bank mehr oder weniger dem Verfall preisgegeben waren, stach besagter himmelblauer Neubau naturgemäß ins Auge. Ein schwacher Trost freilich im Lichte der Tatsache, dass der Ingenieur mit der Technik in einer Abteilung gelandet war, in der ein jeder mit jedem über Kreuz stand, quasi unentwegt aus allen Rohren gefeuert ward.
Während sonach die Inhaberin der Pension Adelheid Balsam für Levinskys Seele war, schien allen Beteuerungen zum Trotz der Personalchef des Staatsbetriebs nicht das geringste Interesse daran zu haben, dem Universitätsabgänger den Steigbügel zu halten.
Bewusst wurde Leopold Levinsky seine verquere Lage freilich erst, als ihn kein gestandener Mann von einem Generaldirektor als Assistenten begrüßte, sondern ihm ein kecker junger Hupfer einen denkbar kühlen Empfang bereitete.
Levinsky und seinen neuen Chef trennte ein Altersunterschied von vielleicht drei, vier oder allenfalls fünf Jahren, des ungeachtet war ebendieser der festen Überzeugung, dass in einem Vorgesetzten zwangsläufig jeder Subalterne seinen Meister finden würde.
Nicht von ungefähr. Immerhin würde ein Chef unter Garantie in einem günstigen Licht erscheinen, wenn der Untergebene keine Gelegenheit hätte, mit seinem Pfunde zu wuchern und sich vor anderen hervorzutun.
Was Wunder drum, dass es gleich zum Auftakt ihrer unterkühlten Unterredung hieß: »Von einer Dissertation weiß ich nichts.« Und wie Levinsky dezent auf den erwünschten Abstecher ins Ausland hinwies, es des Weiteren hieß: »Also internationale Ambitionen schminken Sie sich mal gleich ab, Herr Ingenieur. Ihr Arbeitsplatz ist Wiener Neustadt und ausschließlich hier haben Sie sich zu bewähren.«
Das hatte gesessen. Levinsky verschlug es augenblicklich die Sprache. Unweigerlich drängte sich ihm der Gedanke auf, dass es wohl jetzt wie fürderhin nichts frommen würde, sich großer Höflichkeit zu befleißigen. Insofern war es geradezu eine Wohltat, an einem Ort im Quartier zu liegen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Zumindest zu fortgeschrittener Stunde vermochte der Ingenieur damit Abstand zu gewinnen. Noch aber ging der Tag selbstredend nicht zur Neige, hatte mithin der Abteilungsleiter alle Zeit der Welt, eine endlose Litanei herzubeten und mit seinem Neuzugang Schlitten zu fahren.
Und das tat er denn auch. Mit Wonne. So dachte er keine Sekunde daran, bei einem falschen Fuffziger wie Paul Vogel Anleihen zu machen und Levinskys Fähigkeiten aus unlauteren Motiven in den höchsten Tönen zu loben. Auch lag es ihm fern, die Himmler Maschinennadel AG als Arbeitgeber in den schillerndsten Farben zu malen. Somit sprach alles in allem zu seinen Gunsten lediglich der Umstand, dass ihm der Ingenieur nicht erst die Larve vom Gesicht reißen musste. Dass der Kerl nämlich Leopold Levinsky nicht grün war, war schwer in Abrede zu stellen. Ja, regelrecht kein gutes Haar ließ der Abteilungsleiter an seinem Neuzugang und hätte, nach den Äußerungen zu urteilen, wohl nicht übel Lust gehabt, den Ingenieur stante pede zum Tempel hinauszujagen.
Allein schon rein äußerlich ließ der Abteilungsleiter Levinsky seine abgrundtiefe Abneigung, die er gegen ihn empfand, spüren, indem er sich lässig in seinen Schreibtischsessel fläzte, während er Levinsky dazu verdammte, eingepfercht hinter dem kleinen Arbeitstisch am anderen Ende des Büros die Ohren zu spitzen.
Wie der Abteilungsleiter nun Levinskys Bewerbungsunterlagen überflog, rang sich plötzlich ein Seufzer aus seiner Brust. Er raufte sich die Haare, schüttelte den Kopf und erklärte rundheraus: »Ich fürchte, das führt zu nichts, Herr Ingenieur. Sie mögen zwar eine ehrliche Haut sein, ein netter Mensch auch, doch meines Erachtens passen Sie nicht zu uns.«
Daraufhin herrschte erst mal Funkstille. Ein Widerwille stieg in Levinsky auf und schnürte ihm die Kehle zu. Ja, die Abneigung beruhte jetzt unwiderruflich auf Gegenseitigkeit, nur saß Levinsky nicht am längeren Hebel. Ihm war es, anders formuliert, nicht vergönnt, seinem Unmut Luft zu machen.
Die Sekunden des Schweigens dehnten sich schier zu Ewigkeiten. Kaum hatte der Abteilungsleiter freilich die Akten eingesehen, ergoss sich regelrecht ein Schwall von Gehässigkeiten über Leopold Levinsky. Mit trügerischer Freundlichkeit hob der Mann an: »Wie ich hörte, sprechen Sie ein wenig Englisch, Herr Ingenieur.«
»Zumindest bescheinigen mir die Zensuren, dass ich der Sprache einigermaßen mächtig bin«, erkühnte sich Leopold Levinsky zu sagen.
»Und Sie glauben, dass Sie mit Ihrem beschissenen Schulenglisch hier bei uns ein Leiberl reißen?«, brauste der Kerl unvermittelt auf. Die Bosheit schaute ihm aus den Augen. »Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn ich mit Ihren dürftigen Kenntnissen hausieren gehen müsste. Schauen Sie, unsereins handelt weitsichtig, kapert sich eine Moskauerin und spricht in null Komma nichts perfekt Russisch. Und verbindet selbstredend das Angenehme mit dem Nützlichen. Diese Weiber aus dem Ostblock haben zwar nichts zu beißen und zu brechen, sind dafür aber eins a in der Falle.« Er bog sich vor Lachen, beruhigte sich allerdings umgehend wieder und fuhr erbarmungslos fort: »Mit Russischkenntnissen hängt Ihnen bei uns der Himmel voller Geigen, Herr Ingenieur. Na ja, Mandarin wäre auch eine Überlegung wert, nachdem die Chinesen neuerdings bei uns lieb Kind sind. Aber ohne Mehrsprachigkeit ist bei uns kein Staat zu machen, haben Sie bei uns rasch ausgeschissen.«
»Was wollen Sie damit andeuten? Dass ich mich etwa nächstens um eine Asiatin umtun muss, vorzugsweise eine Chinesin an Land zu ziehen habe, um vor Ihnen Gnade zu finden?«, blaffte Levinsky diesen vermaledeiten Scheißkerl an. Er hatte die Nase gestrichen voll, war nicht willens und bereit, sich noch länger von so einem dahergelaufenen Nichtsnutz den Marsch blasen zu lassen.
»Das soll meinen Arsch nicht kratzen, wofür Sie sich entscheiden«, blieb der Abteilungsleiter die Ruhe in Person. »Zugegeben, eine Chinesin ist nicht nach jedermanns Geschmack, während der Anblick einer Inderin unstreitig allen das Herz erwärmt. Es ist aber nicht an Ihnen, in Vorurteilen befangen zu sein. So gibt es stets die Ausnahme von der Regel. In China nicht anders als in Thailand, Japan oder Korea.« Und damit blies er zum Aufbruch.
Höchste Eisenbahn aber auch, den Rest der Truppe kennenzulernen. Ginge schließlich nicht an, Levinsky mit Übeltätern zu verschonen.
Im Karacho eilte das ungleiche Gespann durch die Abteilung. Der Chef schritt voran, Levinsky folgte ihm. Fazit: Innerhalb von nur zwei Minuten hatte Levinsky über den Daumen gepeilt wohl mit 20 Unbekannten ein paar Allgemeinplätze gewechselt und bedeutungsvolle Blicke ausgetauscht.
Es war ihm nicht erinnerlich, sich je mit so vielen Leuten aufs Mal in so kurzer Zeit ins Benehmen gesetzt zu haben. Was Wunder drum, dass ein durch und durch ratloser Levinsky zurückblieb, er nach diesem Rundgang faktisch niemanden hätte beim Namen nennen können.
»Alles paletti?«, spöttelte der Abteilungsleiter am Ende der Führung und grinste höhnisch. Eine rhetorische Frage, eh klar, weshalb der Hundsfott denn auch unverzüglich fortsetzte: »Übrigens: Der Rotschopf, der Ihnen eben Honig um den Bart geschmiert hat, empfängt Sie gerne. Zwar gilt die Frau Specht gemeinhin als Expertin des zweistufigen Beschichtungsverfahrens, ist sie in den Werkstoffen zu Hause wie keine Zweite, Berichten zufolge soll sie aber obendrein über andere Talente verfügen.« Und dabei zwinkerte der Abteilungsleiter dem Ingenieur verschwörerisch zu.
Auf die letzten Worte seines Chefs vermochte sich der Grünschnabel Levinsky freilich keinen Reim zu machen. Dafür freute es ihn umso mehr, dass er wenigstens bei besagter Werkstoffexpertin scheint’s einen Stein im Brett hatte, wenn ihm schon durch seinen über und über gehässigen Chef der Wind scharf ins Gesicht blies.
Dass es absolut nicht ratsam wäre, eine dargebotene Hand auszuschlagen und es sich leichtfertig mit Leuten zu verscherzen, die einem Schützenhilfe gaben, sollte sich nur Minuten später bewahrheiten. Im Ton der größten Selbstverständlichkeit erklärte der Abteilungsleiter seinem unbedarften Neuzugang nämlich: »Tja, da wären wir. Das ist Ihr Arbeitsplatz.«
Levinsky besah sich ebendiesen näher. Außer einem biederen Tisch, einem wackligen Stuhl und einer billigen Lampe hatte sein Platz im Großraumbüro nichts zu bieten. Fehlte mithin bloß noch, dass von ihm verlangt würde, den Chef in die Arme zu schließen und vor Begeisterung zu brüllen.
So weit kam es denn doch nicht. Dafür hielt es der Abteilungsleiter für angemessen, Levinsky mit den Worten zu entlassen: »Wie Sie sehen, tun wir unser Bestes, eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen.
Das Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein, ja in unserer Mitte willkommen zu sein, beflügelt jeden hier stets aufs Neue. Und wenn mich nicht alles trügt, fliegen Ihnen die Herzen in der Tat auch zu. Also enttäuschen Sie die in Sie gesetzten Erwartungen nicht und werfen Sie sich schnurstracks ins Geschirr. Nicht jedem wird die Möglichkeit zuteil, die Stabilität der Schlingenbildung bei multidirektionalem Nähen zu studieren.«
Es dürfte den Kerl einige Überwindung gekostet haben, einzuräumen, dass es Levinsky leicht ankam, Anschluss zu finden. Die Zunge lösen müsste dem Ingenieur jedenfalls unter Garantie niemand. Gewiss, ab und an geriet er im Beisein einer berückenden Dame gehörig ins Schlingern. Allerdings hatte er lediglich dann Mühe, zwei gerade Sätze zu sagen, wenn die Frau seine uneingeschränkte Sympathie genoss, sie mehr zu bieten hatte als eine hübsche Fassade, er sich, anders formuliert, ihrem Charme nicht entziehen konnte.
Da mochte eine Frau von noch so ebenmäßiger Schönheit sein, in dem Moment, wo ihren Worten die Wärme fehlte, sie sich als distanziertes, berechnendes Miststück entpuppte, hatte sie beim Ingenieur für Zeit und Ewigkeit verspielt.
Es bliebe dahingestellt, ob sein Arbeitskollege ins gleiche Horn stieß. Eher anzunehmen, dass der Gute, ein ausgebildeter Schilehrer, hinter jedem Rock herlief, nichts anbrennen ließ, zumindest über mangelndes weibliches Interesse nicht zu klagen hatte.
In diesem Betreff vermochte Levinsky ja nichts zu seinen Gunsten ins Treffen zu führen, fehlte ihm doch jede Erfahrung. Seltsam mutete ihn die Unterhaltung mit dem Arbeitskollegen dennoch an. So kam er nicht umhin, sich zu vergewissern: »Verstehe ich Sie richtig? Ich soll also hergehen und alles vögeln, was nicht bei drei auf den Bäumen ist?«
»Ja«, nickte der Arbeitskollege. »Das wird von Ihnen erwartet.«
Levinskys Reaktion war abzusehen. Er guckte dumm aus der Wäsche.
»Etwa nicht?«
Levinsky zuckte mit den Achseln. Er verstand nach wie vor Bahnhof.
»Aber ich bitte Sie! Sie sind intelligent, ansehnlich, in der Blüte Ihrer Jahre. Wenn Sie nicht alle naselang was in Ihren Lenden verspüren, fresse ich einen Besen«, sagte der Arbeitskollege im Brustton der Überzeugung.
Dem hatte Levinsky nicht viel entgegenzusetzen. Drum ließ er es dabei bewenden.
Es war bereits 12 Uhr vorbei. Alles hatte sich gestärkt und saß wie üblich gemütlich bei einem Kaffee zusammen. Und just da brachte der Mann aus der Formgebung, besagter Schilehrer, seine Bettgeschichten ungeniert aufs Tapet.
Ezzes war Levinsky zwar naturgemäß nicht abgeneigt, auch lieh er gern jedem sein Ohr, von sich selbst gab er hingegen, wenn irgend möglich, nichts preis. Schon gar nicht wollte er sich zu seinem Privatleben groß äußern.
Schwer von Kapee war der Mann aus der Formgebung ja nun nicht. Mit dem ostentativen Desinteresse an flüchtigen Bekanntschaften hatte Levinsky im Nu dessen Gunst verwirkt und den Mann an ein dankbareres Publikum verloren.
Schmerzlich berührt fühlte sich der Ingenieur durch den plötzlichen Gesinnungswandel des Casanovas freilich nicht. Im Gegenteil. Sich in diese Umstände zu fügen fiel ihm denkbar leicht. Dafür hatte er wie in den vergangenen Tagen zur Stunde nicht übel Lust, den ganzen Kram hinzuschmeißen und sich um eine neue Aufgabe umzutun. Sich als technischer Forscher zu verdingen war nämlich seine Sache nicht, geschweige denn, dass eine Stabilitätsanalyse der geforderten Art für gewöhnlich in der Ausbildung eines Wirtschaftsingenieurs drin wäre. Seine Pappenheimer kannte Levinsky nämlich nur zu gut, um zu wissen, dass kein Bedarf bestand, der Stabilität auf den Grund zu gehen. Mit dem Wunsch, als Manager an die Futterkrippe zu kommen, war der Ingenieur demnach beileibe nicht allein auf weiter Flur.
Hätte Levinsky auch nur im Entferntesten geahnt, dass ihm seine unterschwellige Kritik am Gebaren der Frauenhelden zum Verhängnis würde, hätte er die Worte mit Bedacht gewählt, ja sich regelrecht in Feuer geredet, um verwandte Saiten in seinem Zuhörer aufklingen zu lassen. So aber war ihm der Mann der Formgebung selbst eine Woche später noch gram, wollte der notorische Schwerenöter mit einem prüden Hinterwäldler wie Levinsky nichts zu schaffen haben. Als er sich drum Hilfe suchend an den Kollegen wandte, setzte ihm dieser den Fuß in den Nacken und meinte schlicht: »Sie haben den Nerv, mich um Rat zu fragen?«
Levinsky sah den Kollegen betreten an und nickte.
»Dann passen Sie jetzt genau auf: Es ist eine Illusion, wenn Sie glauben, dass sich hier jemand Ihrer Probleme annimmt. Gleich den anderen im Raum kann ich mich vor Arbeit nicht retten. Und im Lichte dessen werde ich unter Garantie nicht hergehen und mir Ihren Scheiß auf den Hals laden. Ein Akademiker sollte schließlich gelernt haben, eigenständig zu handeln und nicht bei jedem Schmarren auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Also sehen Sie zu, dass Sie in die Gänge kommen und die Sache deichseln«, betonte der Mann der Formgebung und beendete damit kurzerhand das Gespräch. Er kehrte Levinsky den Rücken.
Leicht auszumalen im Lichte dessen, wie warm Levinsky ums Herz wurde, als sein Chef anderntags in aller Herrgottsfrühe aufkreuzte und ihn überschwänglich, um nicht zu sagen mit großem Hallo begrüßte, als gälte es, seinen tapfersten Krieger, der eben siegreich aus einer Schlacht zurückgekehrt war, mit allen Ehren zu bedenken.
Freilich war dem nicht so. Dafür schickte sein Chef dem herzlichen »Guten Morgen!« sofort das obligatorische »Wie stehen die Aktien?« hinterdrein.
Für einen Moment fühlte sich Levinsky wie im siebten Himmel. Dem Anschein nach war bei ihm längst nicht Hopfen und Malz verloren, zeichnete sich ein Silberstreifen am Horizont ab.
Levinsky war geradezu derart überrascht, dass ihn die Antwort überforderte. Wie also jene nicht auf dem Fuße folgte, kam der Abteilungsleiter nicht umhin, nachzuhaken: »Alles im grünen Bereich?«
»Das bleibt abzuwarten«, brachte Levinsky mühsam hervor und bewies damit, dass er seine Gefühle durchaus im Zaum zu halten wusste und mitnichten im Überschwang der Freude vorschnelle Schlüsse zog.
Enttäuscht schien der Abteilungsleiter ohnehin nicht zu sein. Und falls der Schein trog, stand er Levinsky in nichts nach und hatte ebenso beizeiten gelernt, sich nichts anmerken zu lassen, wenn es angezeigt war. Dafür war er in Gedanken und rieb sich nachdenklich das Kinn.
»Sie sind ein Organisationstalent, Herr Ingenieur, richtig?«, fragte er plötzlich scheinheilig.
»Zweifelsohne!«, erwiderte Levinsky bestimmt.
»Schön, dann kommen Sie flugs mit mir«, regte der Abteilungsleiter taktvoll an. »Ich habe da eine Aufgabe für Sie, die Ihnen gefallen dürfte.« Er grinste übers ganze Gesicht.
Was erst wie eine zufällige Einladung wirkte, entpuppte sich umgehend als geplante Aktion. In der Besenkammer, in die ihn sein Chef entführte, hatte nämlich unstreitig alles seinen Platz, deutete nichts darauf hin, dass erst noch weiß Gott welche Vorkehrungen für den Einsatz des Ingenieurs getroffen werden müssten.
Kaum war das Licht angeknipst, war Levinsky denn auch augenblicklich bewusst, dass einmal mehr ein Mitarbeiter der Himmler Maschinennadel AG mit ihm krumme Touren ritt, Paul Vogel, der Personalchef, mithin beileibe nicht der Einzige war, der ihn gründlich anführte.
Wer von beiden Jungspunden das Heft in der Hand hatte, war spätestens damit geklärt. Kommentare und Zwischenrufe waren dabei naturgemäß unerwünscht. Ohne Levinsky um seine Meinung zu fragen, legte der Abteilungsleiter drum los.
»Wenn es um die Aus- und Weiterbildung unseres Nachwuchses geht, scheuen wir keine Kosten und Mühen«, erkühnte sich der Knilch zu behaupten. »Nu schauen Sie nur her, was wir da alles für Sie haben: eine Fülle von Werkstoffen zu Ihrer Linken und Spezialnadeln sonder Zahl, gezählte 30 Spitzenformen, um genau zu sein, zu Ihrer Rechten. Tja, und Sie, Herr Ingenieur, haben bitte schön die Güte, sich die angemessene Verwendung unserer Produkte zu überlegen. Damit bietet sich Ihnen die Chance, das Wesen der Himmler Maschinennadel AG zu ergründen, kurzum ein Gefühl für Qualität zu bekommen.« Und noch während die letzten Worte fielen, machte der Scheißkerl einen Abgang und überließ Levinsky seiner Verzweiflung.
Nicht von ungefähr vermutete Levinsky, dass sich die ganze Gemeinde gerade köstlich amüsierte, er also mitnichten der Erste war, mit dem der Abteilungsleiter sein Spiel trieb. Hinter die Kulissen zu blicken und zu sagen, ob sich diese seine Annahme als trügerisch erwies, war Levinsky nicht möglich. Punkt a, weil ihn sein Chef ja bekanntlich vorsorglich in die Besenkammer verfrachtet hatte, Punkt b, weil er den Fehdehandschuh aufhob, ins Examen stieg und es allen Unkenrufen zum Trotz bestehen wollte.
Natürlich verlohnte es nicht die Mühe, sich über den Scheiß den Kopf zu zermartern. Es würde regelrecht an ein Wunder grenzen, wenn sich je jemand diesem Eignungstest unterziehen und ohne Vorkenntnisse ins Schwarze treffen würde. Darüber war sich der Ingenieur wohl im Klaren. War er denn erst noch vom brennenden Ehrgeiz besessen, seinem Chef eins auszuwischen und ihn eines anderen zu belehren, musste er nolens volens rasch einsehen, dass er in dieser Sache nichts ausrichten konnte.
Damit aber nicht genug. Als der Hundsfott nur Minuten später wieder zur Stelle war, fragte er Levinsky doch allen Ernstes: »Hatten Sie Erfolg, Herr Ingenieur?«
»Wonach sieht’s denn aus?«, grantelte Levinsky. »Ich sitze mit diesem Problem fest.«
»Was Sie nicht sagen!«, platzte der Abteilungsleiter heraus. »Sie nehmen Ihren Job wohl auf die leichte Schulter, wie?«
»Keineswegs!«, protestierte Levinsky. »So was kann ich mir doch nicht aus den Rippen schneiden.«
»Wer redet denn davon?«, schrie der Abteilungsleiter plötzlich. »Machen Sie jetzt bloß keine Faxen, Herr Ingenieur! Niemand verlangt Unmögliches von Ihnen. Wer mit unserem Unternehmen als Arbeitgeber kokettiert, sollte allerdings schon ein gewisses Basiswissen im Gepäck haben. Was schwatzen wir aber hier noch lange herum? Schauen Sie her: Nadel – Leder … Nadel – Maschenware … Nadel – … So einfach geht das. Ist ja das reinste Kinderspiel!« Seine Worte stockten. Ärgerlich runzelte er die Stirn. Schließlich warnte er: »Sie geben mir Rätsel auf, Herr Ingenieur. Wenn Sie glauben, mit einer solchen Arbeitseinstellung bei uns die Treppe hinaufzufallen, befinden Sie sich auf dem Holzweg. Für Leute, die sich zu schade sind, sich ins Unabänderliche zu fügen und sich uns vorbehaltlos anzupassen, haben wir keine Verwendung. Sie wären nicht der Erste, der die schmerzlichen Konsequenzen zu spüren bekäme. Also lassen Sie sich das eine Lehre sein und werden Sie erwachsen. Sie dürfen getrost davon ausgehen, dass wir Ihnen den Trotz austreiben, wenn Sie nicht von sich aus Vernunft annehmen.«
Natürlich juckte es Levinsky, dem Bastard eine zu knallen. Und verdient hätte es sein Chef allemal, eine Ohrfeige zu kriegen, die sich gewaschen hat. Das verhielt sich an diesem Tag nicht anders als an den folgenden. Dem Schweinepriester eine Lektion zu erteilen fiel Levinsky freilich ebenso schwer, wie sich in seine Rolle zu finden und mit asymmetrisch geformtem Fadengleitbereich im Nadelöhr, der besonderen Schaftgeometrie und vergleichbarem Firlefanz warmzuwerden.
Obzwar er es gewohnt war, wie ein Kuli zu arbeiten, zählte er als technischer Forscher in der Himmler Maschinennadel AG unentwegt die Stunden bis zum Aufbruch. Und wenn es auch so ganz und gar nicht seinem Wesen entsprach, sich in Selbstvorwürfen zu zerfleischen, machte er sich insgeheim ernsthaft ein Gewissen aus dem Umstand, sich ohne entsprechende Gegenleistung die Taschen zu füllen.
Dass der Ingenieur tagaus, tagein nicht mehr als den Kopf in die Hände stützte und Löcher in die Wand stierte, fiel denn alsbald allen im Wiener Neustädter Staatsbetrieb unangenehm auf und war schwer in Abrede zu stellen. So kam es, dass kein Geringerer als Hermann Stumpf, der Technikvorstand, Leopold Levinsky zu sich beschied, um ihm ein paar Takte zu erzählen.
Der schlanke Hüne war, wie die Rede ging, kein großes Kirchenlicht, das hinderte ihn jedoch nicht daran, die Nase hoch zu tragen und am Drücker zu sitzen. Ja, bei Tage besehen war jeder denkbar schlecht beraten, diesem Mann in die Quere zu kommen. Mochte der Gute nämlich auch als Vorstandsdirektor lediglich die zweite Geige spielen, so war es de facto unstreitig er, der das Zepter schwang und nach Belieben Leute zur Ordnung rufen wie Verschwörungen anstiften konnte. Wie kaum ein anderer war der Mann politisch vernetzt und hatte von daher mehr oder weniger alle Freiheiten der Welt.
Mit der Unterredung hatte es offenbar Eile. Immerhin zitierte der Vorstandsdirektor Levinsky bereits um 8 Uhr morgens zu sich.
Draußen pfiff der Wind ums Haus und schüttete es, dass es nur so eine Art hatte, während drinnen eine Luft zum Schneiden war und es Vorwürfe regnete.
Eine Schönheit war Hermann Stumpfs Sekretärin nicht gerade. Dafür hatte die Frau im Vorzimmer scheint’s ein Faible für Rot wie überhaupt im Umfeld des Vorstandsdirektors Rot den Ton angab. Selbst die Ampel stand auf Rot, als Levinsky aufkreuzte, was ihm ein unmissverständliches Indiz dafür war, dass er sich noch einen Moment zu gedulden hätte, ehe er ins Büro Hermann Stumpfs vorgelassen würde.
Als es denn nach geschlagenen 20 Minuten so weit war und die Ampel endlich auf Grün wechselte, war Levinsky erst mal bass erstaunt. Aus den vier Wänden Hermann Stumpfs schlug ihm die gähnende Leere entgegen. Da gab es wirklich nichts, was der Erwähnung wert war. Nicht einmal auf den monströsen Schreibtisch hatte sich ein Blatt Papier oder ein Schreibgerät verirrt. Alles, womit der Raum dienen konnte, war ein Telefon. Und von Zeit zu Zeit selbstredend Hermann Stumpf.
Ebender eilte Levinsky entgegen, sowie er seiner ansichtig ward, und hieß ihn mit einem warmen Händedruck willkommen.
»Setzen Sie sich, Herr Ingenieur!«, rief er und wies Levinsky einen Platz am Arbeitstisch zu, der ungleich kleiner war als der Schreibtisch am anderen Ende dieses 100, vielleicht auch 200 Quadratmeter großen Büros.
Nur zu gern hätte Levinsky gewusst, womit sich denn der Vorstandsdirektor den Schlaf vertrieb und ob es ihn gleich ihm in Anbetracht der tristen Umstände nach Abwechslung dürstete. Das Weibsen im Vorzimmer war schließlich nicht gerade dazu angetan, in Jubel auszubrechen, das Gespräch zu suchen und daraus Trost zu schöpfen.
Natürlich war hier nicht der Ort, um sich seinen Gedanken zu überlassen. Und in der Tat plauderte der Vorstandsdirektor auch schon munter drauflos. Den Grund des Treffens brachte er sofort auf den Punkt, indem er unschuldig fragte: »Gedenken Sie, den Bettel nächstens hinzuschmeißen, Herr Ingenieur?«
Mehr brauchte der Mann nicht zu sagen, um im Nu Levinskys volle Aufmerksamkeit zu haben. Einigermaßen überrascht fragte Levinsky seinerseits: »Wie kommen Sie denn darauf?«
»Es heißt, Ihre Kollegen hätten mit Ihnen ihre liebe Not«, erging sich der Vorstandsdirektor in Andeutungen.
»Dass mich der Abteilungsleiter bei Hinz und Kunz anschwärzen würde, stand zu erwarten«, behauptete Levinsky.
»Ei ja?«
»Hören Sie, es ist nicht an mir, mich in Personalangelegenheiten groß einzumischen, doch mit einem Fertigungstechniker oder Bekleidungstechniker wären Sie unter Garantie besser bedient. Der könnte Ihnen aus dem Effeff über den Stichbildungsprozess und die an ihm beteiligten Parameter mehr erzählen, als Ihnen vermutlich lieb ist«, betonte Leopold Levinsky mit einem Seitenhieb auf Paul Vogel, der ihm nicht weniger auf den Keks ging als sein Chef.
»Echauffieren Sie sich nicht, Herr Ingenieur!«
»Hä?«, entfuhr es Levinsky. Jene Gelassenheit, die Hermann Stumpf eigen war, war ihm fremd. »Sie haben auch leicht reden. Mit vollen Hosen lässt es sich bekanntlich gut stinken«, empörte er sich und hielt kurz inne. »Den Romantiker hebe ich mir für den Abend auf«, ergänzte er schließlich.
»Haha!«, prustete der Vorstandsdirektor los. »Und untertags sind Sie die Aggression in Person?«
»Zeige ich allen die Krallen, ganz recht«, erwiderte Levinsky. »Und selbst zu nachtschlafender Stunde ist es ratsam, mit der Gefühlsduselei zu haushalten. An der Seite erfolgreicher Weiber ist nämlich für den Schmuser kein Platz. Die Karrierefrau wünscht sich den hemdsärmeligen Naturburschen, der seinen Mann steht, weiß, wo’s langgeht, Entscheidungen trifft und Probleme löst, mit dem sie kurzum der Hektik des Alltags entfliehen kann.«
»Sie schlagen eine gute Klinge«, musste Hermann Stumpf einräumen.
Leopold Levinsky schmunzelte zufrieden.
»Dafür kann ich mir gleichwohl nichts kaufen«, dämpfte der Hüne umgehend Levinskys Überschwang der Freude. »Also lassen Sie uns Klartext reden, Herr Ingenieur. Darf ich davon ausgehen, dass sich die Wogen glätten, wenn Sie fortan die Produktionsabläufe unter die Lupe nehmen, Sie von der Technik mithin in die Wirtschaft wechseln?«
»Ja«, antwortete Levinsky wie aus der Pistole geschossen.
Nun war es Hermann Stumpf, der zufrieden schmunzelte.
Mit seiner neuen Aufgabe änderte sich für Levinsky schlagartig alles. Im Wirtschaftsressort wehte nicht länger ein scharfer Wind, hielt kein Abteilungsleiter seine Mitarbeiter an der Leine, ja hatte sich Levinsky nicht einmal den Steiß zu verrenken, um respektiert und anerkannt zu sein.
Endlich lächelte ihm das Glück. Er hatte ein ansehnliches Büro, keine Sau guckte ihm auf die Finger, er war quasi sein eigener Herr. Fazit: Levinsky war konzentriert, motiviert, bereit, sein Letztes zu geben.
Überhaupt schien die Jovialität seines neuen Chefs, des Produktionsleiters, auf die Mitarbeiter abzufärben, war in der Wirtschaft im Unterschied zur Technik offenbar die Kollegialität großgeschrieben. Sehr zur Freude Levinskys. Nicht von ungefähr arbeitete er drum ohne Unterlass bei offenen Türen.
»Störe ich?«, hörte er einen Kollegen eben sagen. Der Mann blieb auf der Schwelle stehen.
»Überhaupt nicht«, kam prompt die Antwort. Levinsky schaute zu dem Mann auf, begegnete seinem Blick.
Sie kannten sich vom Sehen. Dass ihm dieser Kollege kein Bein stellen würde, hatte Levinsky rasch spitzgekriegt. Bei aller Sympathie füreinander hätte die beiden dennoch nicht mehr unterscheiden können. Während der junge Levinsky ein durch und durch fahriges Wesen hatte, strahlte der Mann in gesetztem Alter Ruhe aus.
»Alle Achtung!«, lobte der Kollege und sah sich in Levinskys Büro kurz um, in dem sich Bücher und Pläne stapelten. »Es hat ganz den Anschein, als würde sich in der Sache endlich was tun. Versucht hätte sich daran ja bereits gar manch einer, die Ergebnisse ließen allerdings zu wünschen übrig. Ihre Bestimmung zum Produktionsassistenten heißen wir hier alle gut.«
»Danke!«, freute sich Levinsky. Sie starrten einander an. Plötzlich witzelte Levinsky: »Sagen Sie, fühlen Sie mir im Augenblick gerade auf den Zahn, um zu wissen, ob ich Ihrer Freundschaft würdig bin?«
»Davon dürfen Sie ausgehen«, scherzte der Kollege seinerseits erst, korrigierte freilich seine Aussage sofort. So versicherte er: »Nein, natürlich nicht. Ich bin in keiner exponierten Position wie Hermann Stumpf, wo Sie naturgemäß niemandem über den Weg trauen können.«
»Er hält sich die Leute auf Distanz?«
»Leute nicht anders als Projekte. Hat keine Ahnung und bildet sich doch einen Stiefel ein«, ärgerte sich der Kollege.
»Unschlüssig?«
»Er meidet das Risiko wie die Pest. Rechnen Sie also nicht damit, bei ihm mit hochfliegenden Ideen auf Gegenliebe zu stoßen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass der Knilch mal zu einem Vorschlag seinen Segen gibt, der über seinen Horizont geht«, verriet der Kollege. Wut stieg in ihm auf.
»Der Schein trügt?«, wunderte sich Levinsky.
»Und ob!«, rief der Kollege. »Lassen Sie sich bloß nicht von der aufgesetzten Freundlichkeit dieses Menschen täuschen. Mit offenem Visier hat Hermann Stumpf noch nie gekämpft. Während Sie sich also in Sicherheit wiegen und auf Wolke sieben schweben, hängt der Untergang wie ein Damoklesschwert über Ihnen«, warnte der Kollege Levinsky eindringlich.
Eine peinliche Stille trat ein. Levinsky räusperte sich, sein Kollege war in Gedanken.
»Wie lebt sich’s in Klingfurth?«, fragte der Mann mit einem Mal sehr zur Überraschung Levinskys.
»Ich komme mir vor wie am Arsch der Welt«, gestand Levinsky.
»Isoliert?«
»Ja. Ab und an beschleicht mich regelrecht schon das Gefühl, in diesem Kaff noch verrückt zu werden.«
»Irgendwelche konkreten Anzeichen dafür?«
»Ich höre Stimmen aus dem Nebenzimmer der Pension. Dabei könnte ich schwören, dass zur Stunde außer mir niemand einquartiert ist.«
»Wenn Sie wenigstens eine Freundin hätten …«, überlegte der Kollege.
»Mhm«, nickte Levinsky. »Ich wünschte, ich hätte eine. Mit ihr wären die Umstände gleich um ein Bedeutendes leichter zu ertragen.«
»Verstehe«, murmelte der Kollege, »nicht auszudenken, wenn ich allein wäre oder mich gar einsam fühlen würde.« Plötzlich schoss es ihm durch den Kopf: »Warum packen Sie nicht Ihre sieben Zwetschgen und ziehen ins Heim zwei Querstraßen weiter ein?«
