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Dem niedersächsischen Geflügelzüchter Nikolaus Neumann schwant nichts Gutes, als die Vogelgrippe in Deutschland ausbricht. Während sich die Angst der Bevölkerung anfangs in Grenzen hält und die Umsatzeinbußen durch Konsumrückgänge zu verkraften sind, bläst dem Vechtaer der Wind im Nu scharf ins Gesicht, als die Virusübertragung von Mensch zu Mensch nach einem bedauerlichen Vorfall in Bangkok nicht länger auszuschließen ist. Pech für den Geflügelzüchter, dass darob nebst allen anderen Thailändern im Land auch sein Nachbar am Pranger steht und dieser sein Mütchen an ihm kühlt, indem er ihn bei den Behörden anschwärzt. Im Verein mit der vorgeblichen Verletzung der Stallpflicht bricht eine auf seinem Anwesen gefundene tote Wildente Nikolaus Neumann das Genick. – Am Beispiel des Geflügelzüchters zeigt die bitterböse Satire auf, wohin die Verteufelung der Leistungselite führt. Ohne sie und ihre kritische Hinterfragung des Tuns und Treibens von Otto Normalverbraucher ist der Verfall einer Volkswirtschaft so sicher wie das Amen in der Kirche.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
Collin Coel
Marionettenbühne
Novelle
1. Auflage
© 2016 Gerold Kölle alias Collin Coel
Umschlaggestaltung: Collin Coel
Bildnachweis: Businessman marionette on ropes controlled by puppeteer against city background © Sergey Nivens | Shutterstock.com (Bildnummer 144733717), Vogelgrippe © Kuzma | Shutterstock.com (Bildnummer 1091175)
Lektorat: Collin Coel
Korrektorat: Collin Coel
Satz: Collin Coel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7345-3290-0
Die Schreibweise in diesem Buch entspricht der neuen Rechtschreibung (amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. August 1998, Stand 2006).
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Unentwegt stellt sich die Frage, was plausibel klingt, sich auf Fakten stützt, nicht aus dem Kontext gerissen ist, kurzum der Wahrheit entspricht.
Wer bei Michael Bloomberg Anleihen macht und dem Qualitätsjournalismus das Wort redet, gerät nicht ins Grübeln und ist gegen die Gefahr gefeit, durch Fehlinformationen Schaden zu erleiden.
Kapitel 1:INTERVENTION
Die Meldung war ein Schlag ins Kontor für den niedersächsischen Geflügelzüchter Nikolaus Neumann. Wie üblich hockte er Punkt 20 Uhr vor der Glotze, um sich mit den Abendnachrichten auf dem Laufenden zu halten. Obzwar es nicht ihre Art war, den Abwasch im Becken stehen zu lassen, hatte sich seine Frau zu ihm gesellt. Es war, als hätte die gebürtige Bayerin geahnt, dass sie einander beistehen und Trost spenden müssten.
Wie der Nachrichtensprecher in der größten Seelenruhe meinte: »Jüngsten Erkenntnissen zufolge hat sich der dienstags dieser Woche kolportierte Verdacht auf Vogelgrippe auf Rügen bestätigt«, schlug sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. »Du heiliger Strohsack!«, rief sie.
Der vernichtende Blick ihres Mannes traf sie umgehend, worauf sie sich jeden weiteren Kommentar verkniff.
Selbstredend brannte auch Nikolaus Neumann darauf, seinem Herzen Luft zu machen, voreilige Schlüsse zu ziehen war seine Sache allerdings von jeher nicht. Im Unterschied zu seiner Frau war es ihm drum ein Leichtes, sich in Geduld zu fassen und das Ende der Berichterstattung abzupassen.
Die in ihn gesetzten Erwartungen enttäuschte der Nachrichtensprecher denn wahrlich nicht. Kein Detail blieb außen vor. Nichts von den aktuellen Begebenheiten vor Ort, auf der mehrere Hundert Kilometer entfernten Insel im Nordosten des Landes, fiel dem Rotstift zum Opfer. Geschätzte zehn Millionen Deutsche hatten an diesem unglückseligen Abend Mitte Februar 2006 das fragwürdige Vergnügen, einem Vogel beim Verrecken zuzugucken.
»In wenigen Augenblicken dürfte es so weit sein und die bedauernswerte Kreatur hier den Löffel abgeben«, erklärte der Rügener Veterinärbeamte vor laufender Kamera im Brustton der Überzeugung. Empfanden andere eine natürliche Abneigung, über den Tod zu sprechen, stand ihm die Schadenfreude im Gesicht geschrieben. Ginge es nach ihm, hätten die Viecher wohl unentwegt krepieren können. Schließlich bot sich nicht alle Tage die Gelegenheit, Ernst und Strenge herauszukehren und den Blick für die dräuenden Gefahren zu schärfen, kurzum von sich reden zu machen und dem kleinen Moritz Respekt abzunötigen.
Mochte auch eine Bürde auf seinen Schultern ruhen, so war die Lage wahrlich nicht dazu angetan, sich aufzuplustern und ein Drama aufzuführen. Doch genau das tat der Mann.
Pathetisch hob er an: »Zugegeben, mit der Hämorrhagie der Viecher am Rande des südchinesischen Marschlandes von Mai Po 1997 kann Rügen nicht dienen. Wer sohin damit kokettiert, das Blut aus allen Ecken und Winkeln stürzen zu sehen, ist hier unstreitig auf der falschen Beerdigung. In Anbetracht der Tatsache aber, dass es weit schlimmer hätte kommen können und bei einem perakuten Verlauf überhaupt nichts geboten würde, entschädigt der konkrete Fall allemal.« Bedeutungsvoll hielt er inne. Kaum dass die Kamera das qualvoll verendende Huhn im Visier hatte, fuhr er gleichwohl ungeniert fort: »Was gemeinhin zum Wesen der hochpathogenen aviären Influenza gehört, ist unschwer zu erkennen. So ist der infizierte Vogel schwach auf den Beinen. Er hat hohes Fieber, ringt um Atem, platzt vor Wasser faktisch schon aus allen Nähten.
Mit dem natürlichen Teint hat H5N1 nichts am Hut. Vielmehr ist es dem Erreger scheint’s ein Bedürfnis, mit der bläulichen Verfärbung der Haut den Sensenmann anzukündigen. Höchste Eisenbahn aber auch, dass dem Vieh ein Ende der Qualen ins Haus steht und mit dem Mordskacken der vergangenen Tage Schluss ist.« Und siehe da, just in diesem Moment willfahrte das Huhn dem Wunsch des Beamten. Es segnete das Zeitliche, erstickte kläglich.
»Mach den Kasten aus, Hildegard!«, rief der Geflügelzüchter genervt. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er bebte vor Wut.
Zwar starb er nicht unter Martern, mit der sensationslüsternen Journaille hatte er jedoch seit alters so wenig am Hut wie mit der Technik. Dafür hatte seine Frau entsprechende Übung im Umgang mit der Fernbedienung. Allein schon deshalb, weil ihr naturgemäß mehr der Sinn nach einem kurzweiligen Plausch stand. Wollte also erst kein richtiges Gespräch aufkommen, stieß die Geschwätzigkeit der Frau nun, da kein Fernseher mehr Ruhe gebot, auf Gegenliebe.
»Schlimme Zeiten im Anzug?«, fragte sie ihren Mann rundheraus. Ihre Blicke trafen sich.
»Mhm. Steht zu befürchten«, nickte er. Er nahm einen tüchtigen Schluck Wein und raufte sich die Haare.
Mit einem Anflug von Verlegenheit kratzte sich seine Frau am Ohr und seufzte: »Wäre dieser Erreger H5N1 bloß in Thailand geblieben!«
Nikolaus Neumann räusperte sich laut und meinte: »Tja, so sind die Vögel eben. Unberechenbar bis dorthinaus, stets für unliebsame Überraschungen gut. Frage also nicht, was uns noch blüht.
Anzunehmen, dass uns die vermaledeiten Medienfritzen durch Hiobsbotschaften ohne Ende das Geschäft verhageln, das heute mithin bloß den Auftakt zu einer höchst unerfreulichen Entwicklung gebildet hat.«
»Du denkst an eine Epidemie?«
»Ich? I wo! Die Hundsfötter der Redaktionsstuben indes haben unter Garantie die Schlagzeilen für die kommenden Monate, wenn nicht gar Jahre bereits im Kopf. Namentlich jetzt, wo der Dämon schon zum dritten Mal auf den Plan tritt und faktisch innert eines Jahres bei uns heimisch geworden ist. Wirst sehen, wie die Aasgeier werden sich die Schmierfinken auf das Thema stürzen und eine Kette von Ereignissen auslösen. Und geht erst einmal das Schreckgespenst Geflügelpest um, braucht niemand noch groß unsere Branche in den schwärzesten Farben zu malen, um uns Otto Normalverbraucher abspenstig zu machen. Im Handumdrehen wird diesem der Verzicht aufs Hendl zur festen Gewohnheit«, belehrte Nikolaus Neumann seine Frau.
Ei ja, der Niedersachse konnte zweifelsohne leidenschaftlich hassen. Liebend gern wäre er in die Glotze gesprungen und hätte dem Nachrichtenheini und dessen Schergen auf Rügen die Fresse poliert. Im Moment quälte ihn freilich ein hässlicher Husten, weshalb er erneut zum Alk griff, quasi in Freund Bacchus sein Heil suchte.
Seine grundgütige Frau fand kein Arg daran, zu fortgeschrittener Stunde ein Glas über den Durst zu trinken. Namentlich wenn damit der Haussegen nicht schief hing und ihrem ab und an doch leidlich temperamentvollen Mann die Pferde nicht durchgingen. Ernstlich in Sorge um ihn war sie gleichwohl ohnehin nicht. Sich in endlosen Klagen zu ergehen war ihr fremd, nachdem es um ihre Ehe zum Besten stand. Was Wunder. Für eine Landwirtin, die zeitlebens schwer gearbeitet hatte, eine Ende vierzig obendrein, sah sie geradezu himmlisch aus. Und er, der Hausherr, Anfang fünfzig, brauchte sich ebenso nicht zu verstecken, obzwar er selbst sich weniger als Schaustück in der Auslage als vielmehr als Ausbund an Tugend betrachtete. In der Tat müsste es auch schon mit dem Teufel zugehen, wenn Nikolaus Neumann eines schönen Tages vom Pfad der Tugend abweichen und sich leichten Herzens für ein Techtelmechtel mit alten Jungfern hergeben sollte.
An ihnen mangelte es in Vechta beileibe nicht. Ein gestandener Geflügelzüchter weckte halt naturgemäß in den Weibern Begehrlichkeiten, weshalb es durchaus vorkommen konnte, dass ihm eine Schickse mit unzweideutigen Absichten beim sonntäglichen Kirchgang zünftig hinterherpfiff.
Eine gute Partie wäre Nikolaus Neumann allemal. Dem war unstreitig so. Nicht wenige seiner Verehrerinnen dürften drum schon Berechnungen angestellt haben, wie viele der 650 000 Hennen beim Geschäft mit der Liebe gegebenenfalls für sie abfallen dürften. Nur: Mochten Frauen in der Organisation ihrer Zukunft auch im Allgemeinen sehr findig sein, waren sie denkbar schlecht beraten, ihre Energie an den Geflügelzüchter zu verschwenden. Leicht einzusehen von daher, dass Hildegard Neumann herrlich und in Freuden lebte, es ihr an nichts gebrach und sie nur voll des Lobes über ihren Gemahl sein konnte.
Der Nachbar, ein gebürtiger Thailänder, sah dies naturgemäß anders. Nicht, dass der Mann und der Geflügelzüchter immerzu Fehden miteinander ausfochten, doch den ein oder anderen Wickel hatten die beiden durchaus gehabt. Drum lag es in der Natur der Sache, dass es ihnen kein Leichtes war, mit der Vergangenheit zu brechen und alle Unstimmigkeiten einfach so, mir nichts, dir nichts, zu begraben. Davon zeugte allein schon der tägliche Umgangston, wenn sich beim Deutschen nicht anders als beim Thailänder immer wieder der rüde Sarkasmus Bahn brach.
So geschehen auch an diesem Samstagmorgen.
Wie es der Zufall wollte, lief der überaus unliebsame Nachbar dem stämmigen Geflügelzüchter übern Weg.
Dieser hatte schon vor Tau und Tag seine vier Wände verlassen und sich mit Krethi und Plethi übers schaurige TV-Spektakel des Vorabends ausgetauscht. Immerhin war Nikolaus Neumann kein Unbekannter in Vechta, mehr der Patron, zu dem jeder aufblickte, dem jeder nacheiferte, den jeder auch, wenn Not am Mann war, um Rat und Hilfe bat. Die Großmütigkeit des Niedersachsen war schließlich legendär. Nikolaus Neumann galt als wahrer Wohltäter, der oft genug Geschäftspartnern zu Zeiten, da ihnen das Wasser bis zum Hals stand und ihnen die skrupellosen Bankiers nicht länger ihr Ohr liehen, Schulden erließ. Mit dem erfreulichen Ergebnis, dass noch ein jeder, für den sich der durch und durch ehrenwerte Geflügelzüchter ins Mittel legte, aus der Krise herauskam, zum gewohnten Leben zurückfand und Triumphe feierte.
Im Lichte dessen wunderte sich nicht nur halb Vechta, warum ausgerechnet der Nachbar unentwegt einen Streit vom Zaun brechen musste. Selbst er konnte schwer in Abrede stellen, dass weder Nikolaus Neumann noch sonst wer im Landkreis mit dem Gedanken kokettierte, ihn auszugrenzen und auf schmähliche Weise um Lohn und Brot zu bringen. Sei’s drum, an besagtem Samstagmorgen begab sich jedenfalls das Folgende: Wie der Thailänder ums Eck schoss, fehlte nicht viel und er wäre mit dem Geflügelzüchter kollidiert.
»Nachbar«, grüßte der Niedersachse den Mann aus Fernost widerwillig und lüpfte den Hut.
»Herr Neumann«, reagierte der Angesprochene um nichts weniger kühl. Auch ihm war das Unbehagen deutlich anzumerken. Um den obligatorischen Smalltalk kamen indes beide nicht herum. »Mensch Meier«, ergänzte der Thailänder deshalb flugs, »gestern ging aber mächtig die Post ab, was?«
»Sie meinen das Fernsehen?«
»Mhm.«
»Zweifelsohne!«
»Wüsste man es nicht besser, wäre man versucht, zu glauben, ihr Piefkes würdet mit Gewalt den Ökozid auf den Plan rufen.«
»Sie sind ja selbst ein halber Piefke … «
»Herr Neumann, ich darf wohl bitten!«, entrüstete sich der falsche Fuffziger aus Fernost.
»Verstehe. Fürs Obdach sind wir gut genug, fürs Übel indes allein verantwortlich«, ärgerte sich der Niedersachse und hatte nicht übel Lust, das Gespräch kurzerhand zu beenden.
»Das Gegenteil lässt sich wohl schwer behaupten«, äußerte sich dazu der Nachbar keck.
»Ach nein?«
»Etwa doch?«
»Also nichts für ungut, Nachbar, aber letzten Endes ist die Misere ja euch Thailändern geschuldet«, erinnerte den Mann aus Bangkok der Geflügelzüchter aus Vechta in aller Form der Höflichkeit.
»Sagen Sie! Schauen Sie, Herr Neumann, ich will ja bei Gott nicht undankbar erscheinen, doch erstens sind nicht wir Thais, sondern allemal unsere chinesischen Freunde für den H5N1-Zirkus verantwortlich, zweitens missfällt mir Ihr Unterton im höchsten Grade. Fehlt nur noch, dass Sie mich einen stinkenden Ausländer heißen.«
»Also das geht jetzt entschieden zu weit, Nachbar«, brauste der Geflügelzüchter auf. »So was käme mir nie in den Sinn.«
Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wenn er etwas auf den Tod nicht leiden konnte, war es die schamlose Unterstellung. Einzuschüchtern vermochte der Ingrimm eines Deutschen einen Thailänder freilich nicht. So erklärte der Mann aus Fernost hinterfotzig: »Zugegeben, wir sind nicht ganz unbeteiligt am Unglück. Immerhin sind in Thailand nicht anders als in Niedersachsen die Hühnerfarmen aus dem Wirtschaftsalltag nicht mehr wegzudenken. Wenn etwa im Agrosektor des Bangkoker Multis Charoen Pokphand 100 000 Menschen in Lohn und Brot stehen, kann sich ein jeder an den fünf Fingern abklavieren, was es heißt, in Thailand mit Hühnern Geschäfte zu machen. Und in der Tat haben wir in unseren Breiten auch gemessen an euren 70 Millionen Viechern mit geschätzten 10 Milliarden ungleich mehr zu bieten. Nebst den Schweinen und Büffeln sind die Hühner eben ein unverzichtbarer Bestandteil der Kultur Südostasiens. Einer Kultur wohlgemerkt, die auf eine nahezu 8000-jährige Geschichte zurückblickt.«
»Alles schön und gut, aber kommen Sie auf den Punkt«, drängte der Niedersachse, der sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
»Im Unterschied zu euch Piefkes wissen wir das Huhn zu schätzen«, stellte der Thai nun kühn fest. Er grinste übers ganze Gesicht.
»Ach wirklich?«, murmelte drauf der Niedersachse bloß. Rein äußerlich stellte er eine selten erlebte Ruhe und Gelassenheit zur Schau, während es in seinem Inneren brodelte. Aufs Neue schwoll ihm der Kamm. Er war nun regelrecht drauf und dran, diesem ausgemachten Ungustl der Nachbarschaft das Fell tüchtig zu gerben.
Während er sich bei diesem Gedanken ertappte, hörte er den taktlosen Mann aus Fernost sagen: »Aber ja doch! Sicher, Lästerer wird’s immer geben, die die CP-Praktiken nicht billigen, sich das Maul zerreißen und etwa an der Intensivierung der Landwirtschaft, von mir aus auch an der horizontalen wie vertikalen Integration Anstoß nehmen. Im Endeffekt ist das Fabrikhuhn als Ergebnis eines hochrationalisierten Produktionsprozesses jedoch nur zu jedermanns Nutz und Frommen.«
Nikolaus Neumann traute seinen Ohren nicht. »Die schamlose Versklavung der Vertragsbauern rund um Bangkok verdient Ihres Erachtens Lob?«, fragte er den Nachbarn rundheraus.
»Absolut!«, kam prompt die Antwort des Thailänders. »Denken Sie bloß an den politischen Einfluss, den der Multi im Land, in China, ja auf der ganzen Welt mittlerweile hat. Selbst der Herr Bush ist seinem Charme erlegen, schwört auf ihn wie kein Zweiter.«
Als ob mit dem Heini Staat zu machen sei, schoss es dem Geflügelzüchter unweigerlich durch den Kopf, äußern wollte er sich dazu allerdings nicht. Stattdessen wetterte er: »Sie mögen ja von CP in den höchsten Tönen reden, den Multi als betriebliches Vorbild hinstellen, doch ändert das rein gar nichts am Umstand, dass in Niedersachsen keine Sau in der Haut eines der 10 000 Vertragsbauern stecken möchte. Glauben Sie mir. Wir leben nicht hinterm Mond. Um unsere internationale Konkurrenz wissen wir durchaus Bescheid. Und wenn CP hergeht und das Produktionsrisiko nonchalant auf die Vertragsbauern abwälzt, ist das, na ja, wie soll ich sagen, wahrlich kein Ruhmesblatt. Ich für mein Teil möchte jedenfalls nicht in einem solchen Abhängigkeitsverhältnis stecken und mich der veritablen Gefahr aussetzen, vor die Hunde zu gehen, weil der Bedarf von CP an Hendln fürs Erste gedeckt ist.«
»Klagen höre ich allerweil nur von Ihnen, Herr Neumann«, konterte der Thai scharf.
»Ei ja? Und was bitte schön ist mit den Schnepfen in den Bangkoker Bordellen?«
»Was soll mit ihnen auch sein? Sind international gefragt. Eins a, wie man munkelt«, mokierte sich der Nachbar und griente einmal mehr.
»Den Lustmolchen werden sie schon gute Dienste tun«, entgegnete der Geflügelzüchter schroff, »doch ist es unter Garantie nicht jenes Los, das ihnen ohne die Verschuldung ihrer Väter, besagter Vertragsbauern, beschieden wäre.«
»Dann ist das aber deren Problem und nicht jenes von CP. Hätten die depperten Hinterwäldler zur rechten Zeit den Umgang mit dem Geld gelernt, wären sie nicht gezwungen, die Fotzen und Ärsche ihrer Töchter zu verticken. Und dann, schauen Sie, wäre mir keine Metze erinnerlich, die an ihrer Arbeit nicht Gefallen gefunden hätte. Doch das ist jetzt wirklich ohne Belang.«
»Sondern?«
»Dass der Piefke lernen muss, erst vor der eigenen Tür zu kehren, ehe er sich erdreistet, wirtschaftliche oder meinetwegen politische Missstände in fremden Ländern zu geißeln.«
»So? Meinen Sie?«
»Mhm. Und um keine falschen Schlussfolgerungen zu ziehen: Jene Landsleute, die es hierher nach Vechta verschlagen hat, tuten ins gleiche Horn«, schloss der Nachbar und ging ohne ein weiteres Wort von dannen.
Es war beileibe nicht das erste Mal, dass sich die Wege der beiden verfeindeten Nachbarn auf diese Weise trennten. So machte sich Nikolaus Neumann auch weiter keinen Kopf um das unziemliche Gebaren des Thailänders, sondern steuerte geradewegs in sein Büro.
Wie üblich herrschte dort um diese Zeit ein geschäftiges Treiben. Seine Frau war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie ihn erst nicht bemerkte. Und als er an ihr vorüberging und sie ihn gewahrte, fragte sie mehr beiläufig: »Jemand Spezielles getroffen?«
»Unsern lieben Nachbarn«, erwiderte er kurz und bündig.
»Den Thai?«
»Ebenden.«
»Ah.« Forschend musterte sie ihn. »Was sagt er?«, entfuhr es ihr unbewusst.
»Das Übliche. Der Kommunist spielt stets die alte Platte.«
»Soso. Ach übrigens – für 11 Uhr hat sich Besuch angekündigt.«
»Besuch?« Nikolaus Neumann blieb stehen.
»Ein paar Kinder der hiesigen Grundschule wollen sich ein Bild von einem Pfundskerl machen«, lachte Hildegard Neumann. »Da musste ich gezwungenermaßen grünes Licht geben. Ist doch okay, oder?«
»Nun ja«, überlegte ihr Mann, »vor die rechte Schmiede gehen sie unstreitig. Insofern können wir ihr Ansinnen schwerlich zurückweisen. Nichtsdestotrotz frage ich mich, ob wir unter den momentanen Umständen nicht vielleicht eine Spur vorsichtiger sein sollten.«
»Das Oberste zuunterst werden die Gschrappen schon nicht kehren. Ihre Gegenwart solltest du mithin ohne vorherige Desinfektion ertragen können«, meinte Hildegard Neumann schmunzelnd in Anspielung auf den lieben Nachbarn.
Ihr Mann nickte und verdrückte sich in seinen Winkel am Ende des Großraumbüros.
Pünktlich wie die Maurer erschien denn die lärmende Meute auf der Bildfläche. Womit ein Geflügelzüchter für gewöhnlich bei einem Aufmarsch quietschfideler Neunjähriger zu rechnen hätte, hätte Nikolaus Neumann beim besten Willen nicht sagen können. Dass ihre Begleitung indes nichts mit der Klischeevorstellung der potthässlichen Bissgurn gemein hatte und in ihm keine schlechten Erinnerungen an längst vergangene Tage wachrief, empfand er als höchst angenehme Überraschung und entschädigte für den peinlichen Misston allemal, den der Nachbar mit hübscher Regelmäßigkeit in die Unterhaltung brachte.
Nicht genug damit. Offenbar war die Frau mehr in Sorge um den Geflügelzüchter als um ihre Rasselbande. So machte sie sich ein Gewissen aus ihrem Auftritt, bat sie doch glatt um Entschuldigung für die Störung, kaum dass sie sich begegneten und einander die Hand reichten.
Es sagte die Grundschullehrerin also: »Verzeihen Sie vielmals, dass wir Ihnen derart kurzfristig ins Haus platzen. Hoffentlich bereiten wir Ihnen keine Verlegenheiten.« Ein Schatten flog über ihr Gesicht.
»Ach woher denn!«, beruhigte der Mann die Frau umgehend. »Lassen Sie sich deswegen bloß keine grauen Haare wachsen. Noch haben wir die jüngsten Ereignisse auf Rügen nicht zu spüren gekriegt, sind wir alles andere als in arger Bedrängnis. Kurzum: Sie sind herzlich willkommen. Wollen wir?«
Ihre Miene klärte sich auf. Stante pede gab sie das Zeichen zum Aufbruch und folgte samt Kindern artig dem Geflügelzüchter, der bereits auf dem Sprung stand, das Büro zu verlassen.
Die Gesellschaft dieses blutjungen Dings mit der knackigen Bräune genoss Nikolaus Neumann sichtlich. Nicht, dass er einem neuen Frühling entgegenging, in Anbetracht der Ungezwungenheit allerdings, mit der sich die beiden während der einstündigen Betriebsführung unterhielten, wäre manch einer durchaus versucht gewesen, die Ehe der Neumanns erstmals ernsthaft infrage zu stellen.
Der Grundschullehrerin erging es scheint’s ähnlich. Auch ihr war es ein Leichtes, über den veritablen Altersunterschied hinwegzublicken und frei von der Leber weg zu reden.
»Wissen Sie«, legte sie auch schon ungeniert los, wie die Hühner in greifbare Nähe rückten, »was ich mich bereits die längste Zeit frage?«
Nikolaus Neumann schüttelte den Kopf.
»Wie konnte sich Mitte Februar H5N1 in unsere Breiten verirren?«
»Berechtigte Frage«, musste der Geflügelzüchter einräumen. »Die meisten Zugvögel sind ja erst zwischen Anfang März und Mitte April auf Achse. Vermutlich hat es dieses Jahr jemand besonders eilig gehabt, ins Brutgebiet zu kommen.«
»Dem könnte so sein«, nickte die Frau. »Die ewigen Zwischenstopps nerven nicht nur die Vögel. Doch einschlägigen Berichten zufolge ist die Infektionsgefahr durch die Vögel aus Afrika mäßig bis gering.«
»Nicht notwendigerweise«, widersprach Nikolaus Neumann entschieden der Grundschullehrerin.
»Ei ja?«
