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Kein Stein bleibt auf dem anderen, seit Alik Sokolov als Kredithai in Deutschland das Zepter schwingt. Was Wunder aber auch bei den Wucherzinsen für Start-ups wie Mobit, ein Unternehmen, das drauf und dran ist, mit der klassischen Teleportation in die Annalen einzugehen. Und selbst wenn die Autohersteller demnach wenigstens noch über den Personenverkehr gebieten, haben die so schon durch den chinesischen Vorstoß von Middle Kingdom genug Probleme am Hals. Der Grund jedenfalls für Kleinanleger wie Andrey Zosimoff, die Mittel aus heimischen Traditionsunternehmen abzuziehen und sie stattdessen Zockern wie Alik Sokolov und sohin Mobit anzuvertrauen. Paradoxerweise investiert Mobit allerdings die erhaltenen Gelder in Middle Kingdom. Und erst scheint die Rechnung auch aufzugehen, ist der Börsengang der Chinesen ein Mordserfolg und vermag Mobit mit dem Verkauf einzelner Papiere den Zahlungsaufforderungen Alik Sokolovs spielend nachzukommen. Wie sich freilich der MK Mini als Reinfall entpuppt und sich die institutionellen Investoren nach und nach von ihren Papieren trennen, ist die Kacke am Dampfen, rührt selbst eine Mutti, die Frau Bundeskanzlerin, vergeblich die Trommel ... »Unter der Rose« ist eine Politsatire, kurzweilig, spritzig, pfiffig, phasenweise spannend auch wie ein Thriller. Von Prostitution über Mord bis hin zum schmählichen Vertrauensmissbrauch und Ende einer Freundschaft bietet sie alles, um den Leser auf seiner Reise zur versöhnlichen Lösung bei Laune zu halten.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Collin Coel
Unter der Rose
Roman
2., überarbeitete Auflage
© 2013 Gerold Kölle alias Collin Coel
Umschlaggestaltung: Collin Coel
Bildnachweis: Glas Wein © Collin Coel, Rote Rose © Collin Coel
Lektorat: Collin Coel
Korrektorat: Collin Coel
Satz: Collin Coel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-6998-3
Die Schreibweise in diesem Buch entspricht der neuen Rechtschreibung (amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. August 1998, Stand 2006).
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In dankbarer Erinnerung an die berückende Zeit während eines Ferialpraktikums im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen
Kapitel 1 – Der Reiz
Der Schweiß stand ihm in dicken Tropfen auf der Stirn, brach geradezu aus allen Poren. »Im Vertrauen gesagt fällt uns wahrlich kein Zacken aus der Krone, w-w-wenn wir … ähm …«, stammelte er. Er blickte sich betreten um. »Wenn wir …«, wiederholte er, doch da benahm ihm der Schmerz in der Brust den Atem. Krampfhaft klammerte er sich ans Pult. Die Augen weiteten sich. Ihm drehte sich alles im Kreis, die Umrisse verschwammen. Er verlor das Bewusstsein, klappte zusammen. Mit einem dumpfen Knall schlug sein Kopf am Boden auf.
Die zigtausend Aktionäre der Hauptversammlung in der Frankfurter Veranstaltungshalle starrten geschockt auf die Bühne. Der blanke Schauder fasste sie. Selbst so abgebrühte Zeitgenossen wie sie ließ die Herzattacke des Bankers nicht kalt.
Li Wang war aber auch nicht irgendwer, vielmehr Vorstandssprecher des größten deutschen Kreditinstituts. Und Duzfreund der Mutti, wie die grauperte, weil wamperte Bundeskanzlerin gemeinhin hieß. Dem Spott war der Chinese dennoch preisgegeben. Nicht anders als sein Assi, der sich sogleich in die Sielen legte, alle Hebel in Bewegung setzte, um den Chef wieder auf die Beine zu bringen.
Es sagte also der eine Aktionär zum anderen: »Schon seltsam.«
»Was?«, fragte der Angesprochene. Er wandte sich dem Sitznachbarn zu.
»Dass ein Banker wie Li Wang da aus den Pantinen kippt. Unsereins fällt allenfalls vor Hunger um.«
»Tja, Fortuna lächelt einem halt nicht pausenlos«, bemerkte der Mann von untersetzter Gestalt trocken. Er überlegte. Schlussfolgerte sodann haarscharf: »Mithin hängt Ihnen der Magen in die Kniekehlen?«
»Und ob! Wer konnte aber auch ahnen, dass der Strizzi aus Peking gleich aus allem einen langen Salm machen, vom Hundertsten ins Tausendste kommen würde, hä?«
»Da ist was dran«, pflichtete ihm der Pykniker bei, »wiewohl …«
»Wiewohl was?«
»Für einen Chinesen gibt er eine gute Figur ab.«
»Inwiefern?«
»Sein Deutsch ist passabel«, erwiderte der Pykniker.
»Gemessen am Englisch der Bundeskanzlerin durchaus«, meinte dazu der Hungerhaken bloß.
»Ein Glück von daher, stets aus dem Vollen schöpfen, sich für jeden Schmarren auf einen Subalternen berufen zu können.«
»Wie wahr!«, stimmte dem Mann an seiner Seite der Hungerhaken zu.
Es trat ein Schweigen ein. Schließlich fragte sich der Pykniker: »Der Banker wird wohl die Augen jetzt nicht auf Null stellen, wie?«
»Nicht, wenn es nach seinem Assi geht«, behauptete der Hungerhaken. Er warf dem umtriebigen Mann gut zwanzig Meter vor ihm einen geringschätzigen Blick zu. »Mensch Meier, wie der sich aufplustert!«, ärgerte er sich.
»Mhm. Er füllt seinen Posten aus. Die Ärmel hat er jedenfalls artig aufgerollt. Typisch Rettenbacher eben.«
»Rettenbach am Auerberg?«
»Hm …«
»Dann vielleicht Markt Rettenbach?«, hakte das Zniachtl unverdrossen nach.
»Möglich«, gab ihm der Fettsack indigniert zur Antwort.
»An der Westlichen … äh … nein. Quatsch mit Soße! An der Östlichen Günz, nicht wahr?«
»Tun Sie sich bloß keinen Zwang an!«, versetzte der Pykniker unwirsch. Er war nun doch sichtlich gereizt.
Auch wenn der Assi samt dem Banker damit vorerst mal vom Tisch war, kamen die zwei Aktionäre wohl oder übel auf den besagten Hammel zurück. Nur unwesentlich später. Beim gemeinsamen Essen im Trendhotel 4U.
Wie sich also nun da die zwei Piefkes den Wanst vollschlugen, drängte sich ausgerechnet dem Pykniker Knall auf Fall der Gedanke auf, ein weiteres Kapitel in Sachen Li Wangs Assi aufschlagen zu müssen. Der Hungerhaken fühlte sich nicht im Mindesten bewogen, hier einzugreifen. Ihm war die Flexibilität angeboren. Der Mann wusste unstreitig, wann es sich geziemte, die Klappe zu halten und dem Visavis einfach sein Ohr zu leihen. Unschlüssig war er sich bloß, welches er denn in seiner gewohnt großmütigen Haltung zu Gebote stellen sollte. Mangels Zeit, in einem Anfall von Gnade auch, sperrte er beide Löffel auf.
So hörte er den Fettsack, für den die große Portion offenbar problemlos zu bewältigen war, sagen: »Es heißt, er würde es aus dem Effeff beherrschen.«
»Wer was?«
»Der Assi des Bankers das Mandarin.«
»Soll bei einem radebrechenden Chinesen wie Li Wang, der bloß in aufgesetzten Reden den Ton trifft, nicht von Nachteil sein«, merkte der Hungerhaken sarkastisch mit vollem Mund an. Und beeilte sich hinzuzufügen: »Ob des aparten Aussehens wird ihm der Spitzenbanker unter Garantie nicht in den Bügel geholfen haben.« Er lächelte blasiert und dachte sich insgeheim, dass das bayerische Zniachtl des Chinesen gemessen am Gesellen an seinem Tisch in einem durchwegs günstigen Licht erschiene.
»Gewiss«, nickte der Pykniker und nippte am Glas. »Jedenfalls hielt er es für angezeigt, die Folgen der jüngsten Finanzturbulenzen in Europa nicht länger in Abrede zu stellen, anders ausgedrückt seinen Chef Tacheles reden zu lassen.«
»Dem ist so. Die Chinesen sind allerdings nicht erst seit gestern auf dem Vormarsch. So erobern sie Banken um Banken, nach und nach auch die Autoindustrie, wenn die Zeichen nicht trügen. In Anbetracht dieser dramatischen Umwälzungen vermag selbst ein Li Wang keinem mehr ein X für ein U vorzumachen. Schon gar nicht den eigenen Aktionären«, betonte der Hungerhaken.
Während nun hier in Frankfurt die Ausschweifungen naturgemäß im Rahmen blieben, sich die beiden Aktionäre weiterhin zwanglos wie zwei olle Tratschweiber bei Kaffee und Kuchen über die Krise, das Vaterland und die dräuenden Gefahren austauschten, ging’s in Hamburg, in der feudalen Villa Alik Sokolovs, ordentlich zur Sache. Zumindest was den Unterweltler höchstselbst betraf. Der ließ wahrlich nichts außen vor, genoss vielmehr das Leben in vollen Zügen: mit Wein, Weib und Gesang.
Dieses Bild bot sich Andrey Zosimoff unstreitig, als er dem Freund am frühen Nachmittag ins Haus schneite. Und der schien ihm den unangemeldeten Besuch nicht im Mindesten krummzunehmen. Im Gegenteil.
Es begab sich kurz Folgendes: Wie sich der Freund aus alten Tagen ankündigte, hatte der Loddel, Alik Sokolov, gerade eins seiner Hühner in Arbeit. Sein anderes öffnete die Tür. Im Evaskostüm.
»Hallo!«, sagte Andrey Zosimoff und blickte verlegen zu Boden. »Ist Alik zufällig da?«
»Och, der Daddy ist gerade beim Bumsen«, erklärte die Schnalle nonchalant.
»Schwer zu überhören«, murmelte Zosimoff. »Wäre es dennoch möglich, ein paar Takte mit ihm zu reden?«
»Klar!«, erwiderte die Tussi im Ton größter Selbstverständlichkeit. »Daddy …«, schrie sie auch schon ins Nebenzimmer und blickte Zosimoff fragend in die Augen.
»Andrey«, raunte der ihr zu.
»… dein Freund Andrey will dich sprechen!«
»Ich komme gleich!«, rief Alik Sokolov zurück und meinte das im doppelten Sinne des Wortes.
Die Pflege von Freundschaften ließ sich der Unterweltler von jeher sehr angelegen sein. So verwunderte es nicht weiter, dass er sich nach dem Pflichtprogramm augenblicklich von seinem Betthasen abkehrte und sich zu Andrey Zosimoff ins Wohnzimmer verfügte. Ebender hatte sich inzwischen nonchalant aufs Sofa gefläzt und tat sich an dem Drink, den ihm die splitternackte Metze in einem Akt zufälliger höherer Eingebung eingehändigt hatte, gütlich.
»Andrey, altes Haus! Koks, Schmeck, was zum Pudern vielleicht?«, fragte den Landsmann der Russe rundheraus, wie er im schwarzen Nachtmantel auf den Plan trat und den Sindelfinger Fließbandarbeiter in die Arme schloss. Er grinste über beide Backen.
»Danke, nichts von alledem«, entgegnete Andrey Zosimoff wenig überraschend. »Servus, Alik!«
»Die Marinka hätte Tricks auf Lager, von denen Otto Normalverbraucher bloß zu träumen vermag«, versuchte Alik Sokolov den Freund aufs Neue zu einem Abenteuer in der Kiste zu überreden.
»Schön für sie. Mir steht jedoch im Moment nicht der Sinn nach einer Marinka, vielmehr brauche ich deinen Rat. Könnten wir drum …?«
»Die Varenka nebenan stünde dir dito zu Diensten. Für Zusatzvorstellungen ist die Schnalle allemal zu haben und würde die in sie gesetzten Erwartungen unter Garantie nicht enttäuschen.«
»Gesattelt und zugeritten, wie?«
»Mhm«, lachte sich der Unterweltler scheckig.
Just in diesem Moment kreuzte ebendiese Schnalle auf. Splitternackt, eh klar.
»Vielen Dank auch, zur Stunde hab’ ich aber, wie gesagt, wahrlich andere Sorgen als Matratzenübungen. Hättest du also die Güte, mir …?«
»Nur zu! Ich bin ganz Ohr«, lenkte der zwielichtige Freund endlich ein, während er sich ungeniert weiter seinen Hühnern widmete.
Die gute Varenka zwinkerte Zosimoff keck zu. Da konnte der Mann nicht umhin, den Freund zu fragen: »Irgendein besonderer Grund, weshalb du …?«
Alik Sokolov ließ von seinen beiden kessen Miezen unvermittelt ab, blickte lüstern auf, sagte schlicht: »Die zwei werden sich fortan vor allen Dingen um unsern Minister kümmern.«
»Verstehe.«
»Geprüfte Qualität ist da Voraussetzung.«
»Zweifelsohne!«
»Den geilen Bock gelüstet’s nach was Frischem.«
»Soso.«
»Appetitlich verpackt.«
»Warum auch nicht?«
»Da hielt ich es für angezeigt, was Erlesenes aus der Heimat ranzukarren.«
»Äcker sollen nicht brachliegen …«
»Meine Rede!«
»Und dass einer wie der Minister auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichten müsste, ginge schließlich nicht an.«
»Sicher!«
Beide Herren hielten kurz inne.
»In deinem Berliner Laufhaus ward er nicht fündig?«, fragte sich Andrey Zosimoff endlich.
»Die Hühner hat er bereits alle mehrfach gecheckt«, verriet Alik Sokolov.
»Er fühlt sich von dem Treiben dort angewidert?«
»Nicht im Mindesten. Er liebt halt die Abwechslung, ist bereit für was Neues. Flexibel eben.«
»Das ist die Bundeskanzlerin auch …«
»Und doch kein Ersatz für die Schnallen aus unserer Heimat«, korrigierte der Unterweltler den Landsmann. Er lachte wieder mal schallend.
»Sie bot sich ihm an?«
»Versucht wird’s die Mutti schon haben, Erfolg hat sie offenbar aber keinen gehabt. Und ähm … Anzeichen von Reue hat der Minister diesbezüglich nicht erkennen lassen«, behauptete der Unterweltler. Er hatte Mühe, an sich zu halten und nicht aufs Neue loszulachen.
»Ach nein?«
»Du zweifelst die Glaubwürdigkeit eines Zeugen an?«
»Aber woher denn!«
»Das will ich dir auch geraten haben. Schau, Andrey, die Sache verhält sich schlicht so: Das arme Ding …«
»Die Mutti?«
»Ebendie mag ja nun wirklich nicht die größte Leuchte sein, dafür ist sie aber sprachlich auf Zack. Der Frau braucht niemand erst noch die Zunge zu lösen, die redet wie ein Wasserfall. Sehr zum Leidwesen des Frankfurter Bankers, ihres Spezis, dieses Li Wang. Der hat Berichten zufolge so seine liebe Not, dem Kauderwelsch der Politikerin zu folgen. Ihm zuliebe hat die Bundeskanzlerin drum wohlweislich artig aufgerüstet und sich einen Chinesen als Dolmetscher und Souffleur für schwere Zeiten zur Seite gestellt. Der langen Rede kurzer Sinn: So fesch der Wirtschaftsminister auch sein mag, im Endeffekt kann ein Piefke wie er gegen einen feschen Chinesen nix ausrichten.«
»Fesch?«
»Die Mutti findet ihn, so der O-Ton unseres Krauters, des Ministers, berückend. Soll, so die Mutti unausgesetzt voller Stolz, Model in seiner Heimat gewesen sein, gar ein paar Preise eingeheimst und für die Verhältnisse seiner Landsleute eine recht ansehnliche Größe erreicht haben. So sicher ist sich die Mutti freilich da nicht, ob denn der Mittdreißiger nicht noch einen Wachstumsschub erlebt, haha. Klammheimlich wird sie sich schon einen Kopf um diese weltbewegende, um nicht zu sagen lebenswichtige Frage gemacht haben, denn in Andeutungen diesbezüglich ergeht sie sich mit hübscher Regelmäßigkeit. Um aber nicht aus dem Text zu kommen: Wenn die Mutti von Größe spricht, na ja, dann muss sie es schon wissen, hat sie doch erst vor Tagen ihren Antrittsbesuch in Peking gehabt und sich dort in höchsteigener Person von der allgemeinen Beschaffenheit der Chinesen, ihrer Körpergröße zumal, überzeugen können.« Der Unterweltler, Alik Sokolov, kuderte, dass es nur so eine Art hatte. Und sein Spezi, der Fließbandarbeiter Andrey Zosimoff, amüsierte sich auch nicht schlecht, nein königlich.
Nachdem ausgiebig gelacht worden war, stellte Zosimoff treffend fest: »Wenigstens in diesem Betreff lebt die Mutti nicht hinterm Mond, weiß sie die Zeichen der Zeit zu deuten.«
»Das allemal!«, pflichtete ihm Alik Sokolov bei.
»Hallo!«, mischte sich mit einem Mal die Varenka ins Gespräch und gab Pfötchen.
Andrey Zosimoff wusste im ersten Moment nicht, wie ihm geschah, spielte jedoch das Spiel mit. Und als sich die beiden Nackedeis sodann unverhofft aus dem Staub machten, meinte Sokolov bloß: »Die Hellste ist sie bestimmt nicht, dafür aber, wie gesagt, nicht anders als die Marinka eins a in den Federn. Ungemein gelenkig. Die kriegt selbst ihre anmutigen Flossen hinter die Birne. Und ähm … wieder nach vorn, haha.«
»Genau die Richtige sohin für den Minister«, überlegte Freund Zosimoff.
»Mhm«, nickte Sokolov. »Nicht auszudenken, wenn der Heini ihr die Haxen zurechtrücken müsste. Wobei: Gemessen an der Mutti ist unser Minister ja ein regelrechter Blitzgneißer. Der würde irgendwann schon schnallen, dass einer festen Boden unter den Füßen haben muss, mit Hexereien, anders formuliert, kein Staat zu machen ist. Und was die Varenka selbst angeht, hast du ja eben gesehen, wie lang’s bei der braucht, bis sie Veränderungen mitkriegt. Sagst du der nicht beizeiten, dass die Haxen nicht bloß zu berückenden Verrenkungen nütze sind, bleibt die doch glatt auf ihrem Arsch hocken. Und glaubt, Wunder was getan zu haben. Nun ja, zugegeben, ich krieg’ meine Haxen nicht einmal in Schulterhöhe, geschweige denn hinter die Nuss. Für Geschichten solcher Art hab’ ich mich ehrlich gesagt aber mein Lebtag nicht interessiert.«
So sehr es nun zu einer Annäherung der Standpunkte zwischen den beiden Freunden kam, ohne dass auch nur ansatzweise bis dato der Grund für Andrey Zosimoffs Stippvisite bei Alik Sokolov thematisiert worden wäre, so wenig vermochte sich die Frau Bundeskanzlerin, die Mutti, mit ihrer Tochter auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen.
Als ihr der Wirtschaftsminister ins Büro platzte, schrie sie gerade ins Telefon: »Herrgott noch mal, Liebes! Man muss die Kinder zum Gehorsam anhalten. Das war eine keineswegs angebrachte Bemerkung der Kleinen. Wann kapierst du das endlich? … Was? … Wie? … Nein, Liebes, wir reden später weiter. Ich muss jetzt Schluss machen. Der Wirtschaftsminister ist eben gekommen.« Die Frau Bundeskanzlerin knallte wütend den Hörer auf die Gabel. Sogleich wandte sie sich mit einem verlogenen, breiten Grinsen ihrem Spezi zu, sagte schlicht: »Nimm doch Platz!«
»Probleme?«, fragte der Herr Wirtschaftsminister unschuldig.
»Hach Gott, immer die alte Leier! Die Tochter und ihr Mann haben sich erst unlängst in Hamburg angekauft. Und da hielt ich es für angezeigt, dafür Sorge zu tragen, dass die Zukunft ihrer Racker nicht darunter leidet.«
»Heißt konkret?«
»Dass die Tochter hergeht und den Kindern eine gute Erziehung angedeihen lässt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bin ja kein Unmensch, verlange nichts Ungewöhnliches. Aber für strunzdumme Enkelkinder vermag selbst ich eines schönen Tages nichts auszurichten«, meinte die Mutti.
»Du unterschätzt deinen Einfluss …«
»Mag sein.«
»Und die Politik stünde ihnen allerweil offen«, ergänzte der Wirtschaftsminister in einem Anflug von Sarkasmus.
»Sicher!«, gab die Mutti zurück. »Die hat aber schon meine Tochter dankend ausgeschlagen. Mithin steht zu befürchten, dass sie ängstlich bemüht sein wird, ihren Gschrappen diese realistische Chance auszureden.«
»Man kann es ihr nicht verdenken.«
»Eh! Diese Schmach wird mir immer anhaften. Und glaub mir, mein Lieber, ließe sich das Rad der Zeit zurückdrehen, würde ich den Fehler kein zweites Mal mehr machen. So lustig ist die Rolle einer Regierungschefin nun auch wieder nicht, um dafür die Erziehung der eigenen Tochter zu vernachlässigen. Wenn aber die Ehe in die Brüche geht, der eigene Mann hinter jedem Rock her ist und Knall auf Fall die Familie im Stich lässt, darf sich an meiner Koketterie mit der Politik genau genommen kein Mensch stoßen. Jemand muss sich schließlich darum kümmern, dass Geld ins Haus kommt. Was hätte ich unter den gegebenen Umständen also anderes tun sollen, als die Möglichkeit beim Schopf zu packen und das Amt hier anzutreten, hä? So geschwind kriegt einer diesen Sessel auch wieder nicht angeboten, als dass einem der Verzicht als Option in den Sinn käme. Devise: Der nächste attraktive Brötchengeber wohnt ohnehin gleich um die Ecke.«
»Schon klar«, nickte der Herr Wirtschaftsminister und hielt es für geboten, keine weitere Attacke gegen die Mutti zu reiten. Schlagartig wechselte er das Thema, indem er meinte: »Und du willst … äh … weiterhin den Chinesen treffen?«
»Sofern er wieder halbwegs ansprechbar ist, allemal. Habe ich eine andere Wahl?«, fragte die Frau den Mann zurück.
»Bei 9,1 Prozent Wirtschaftswachstum und steigenden Einkommen der Jungen liegt es in der Natur der Sache, sich mit dem Reich der Mitte auf a Packerl zu hauen, vermehrt, wenn nicht ausschließlich noch mit den Chinesen Geschäfte zu machen«, räumte der Minister nonchalant ein.
»Eben!«, nickte die Frau Bundeskanzlerin zufrieden.
»Gleichwohl …«
»Gleichwohl was?«
»Die Ironie schlechthin, wenn die Kommunisten uns Kapitalisten neuerdings den Arsch retten, uns in die Seite treten und die Karre flottmachen«, gab der Minister zu bedenken.
»Und? Soll ich mich darob in einem Anfall von Schwermut am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen?«
»Das nicht.«
»Sondern?«
»Den nackten Tatsachen ins Auge sehen.«
»Ach! Und die wären?«
»Auch ohne die unerfreuliche Begebenheit heute Morgen in der Frankfurter Veranstaltungshalle geht die Angst unter den Aktionären um. Und nicht bloß unter ihnen, seit die Chinesen das Land bestürmen, sie regelrecht in Scharen hier einfallen. Aus dereinst sparsamen Konsummuffeln sind durch und durch konsumfreudige Gesellen geworden.«
»Und wennschon! Dann lassen sich diese Strizzis halt nicht länger das Hemd ausziehen, sondern leben herrlich und in Freuden mit Prada, Gucci und Co., lechzen nach der einträglichen, fetten Pfründe, statt an den Hungerpfoten zu saugen. Was ist so schlimm daran?« Die Frau Bundeskanzlerin spürte, wie sich ihre Nerven anspannten. Sie warf ihrem Spezi finstere Blicke zu.
Ungerührt antwortete dieser: »Dass sie nahezu ausschließlich in unseren Breiten auf Eroberungen ausgehen.«
»Pah! Die Ösis und Eidgenossen hocken doch im gleichen Boot«, widersprach die Frau Bundeskanzlerin energisch und wähnte sich im Recht.
Auch der harsche Ton hielt den Minister nicht davon ab, seiner Chefin sakrisch Paroli zu bieten. »Schön und gut«, sagte er bestimmt, »ungeachtet dessen frage ich mich aber ernstlich, ob es denn nicht endlich geboten erschiene, dem unaufhaltsamen Zuzug der Chinesen Einhalt zu tun. Zugegeben, gegen eine gepflegte Vogel-Strauß-Politik – Motto: alles auf Schau – ist nix einzuwenden, wenn sich einer damit seine Brötchen verdient, einem als Volksvertreter die Manipulation gezwungenermaßen zur zweiten Natur geworden ist. Und ja, bedingt magst du sogar Recht haben, gilt doch der Gini-Koeffizient …«
»Der was?«, fuhr ihrem Rufer in der Wüste die Frau Bundeskanzlerin dazwischen.
»Der Gini-Koeffizient, das Maß für die gesellschaftliche Einkommensdisparität.«
»Ah!«, nickte die Frau Bundeskanzlerin wissend, wiewohl sie mit der Disparität noch ihre liebe Not hatte. »Weiter im Text!«, forderte sie vorschnell.
»Wie ich also zu sagen geruhte …«
»Disparität ist noch schnell was?«
»Ungleichheit«, belehrte der Herr Wirtschaftsminister seine ungebildete Chefin.
»Klar!«, erwiderte die Gute drauf nur.
Nun war es der Herr Wirtschaftsminister, der den Faden verloren hatte, drum verlegen auch fragte: »Wo waren wir stehen geblieben?«
»Beim Gini-Koeffizienten«, half ihm die Frau Bundeskanzlerin flugs auf die Sprünge. Und je öfter der Begriff fiel, desto leichter ging er ihr von den Lippen. Beim nächsten Mal würde er unter Garantie ungefragt rausrutschen, abgehen wie eine Blähung, die die Frau Bundeskanzlerin nachweislich noch nie im Zaum zu halten vermochte. Dabei wollte einem alle Welt glauben machen, dass aus einem traurigen Arsch kein fröhlicher Furz führe. Tja, weit gefehlt!
Sei’s drum, der Minister knüpfte jedenfalls dort an, wo ihm seine unwissende Zuhörerin in die Quere geraten war. So schulmeisterte er: »Der Gini-Koeffizient Chinas gilt als einer der höchsten und am schnellsten wachsenden der Welt. Die Frage des anhaltenden Wachstums im Reich der Mitte ist drum mehr als berechtigt. Hinzu kommt, dass die Chinesen, selbst wenn sie über ansehnliche Finanzreserven verfügen, ungemein vorsichtig sind, was Investitionen in Risikoregionen wie Europa angeht. Dabei mögen sie durchaus im Besitz von griechischen und portugiesischen Staatsanleihen sein, mit der Veranlagung ihrer Devisen in unserer Währung liebäugeln auch. Ändert aber nichts daran, dass zur Stunde die Investitionen Chinas innerhalb der Landesgrenzen noch ungleich größer sind als jene außerhalb der Landesgrenzen. Nicht genug damit. Die Koketterie mit der Vormacht im Westen ist allein schon deshalb bei Wirtschaftsüberlegungen kein Thema, weil sich das Reich der Mitte damit zu Zugeständnissen gezwungen sähe, um nicht zu sagen die Zügel aus der Hand geben und um ein Haus liberaler werden müsste.«
»Siehst du? Kein Grund, ein großes Gewese um die Chinesen zu machen«, entfuhr es der Frau Bundeskanzlerin. Sie stand kurz davor, sich in ihrer grenzenlosen Naivität lachend auf die Schenkel zu schlagen.
»Irrtum!«, hörte sie ihren Spezi stattdessen sagen. Und: »Wenn nämlich von jeher alles stets und ausschließlich dem Wohlstand, dem Wachstum des Landes untergeordnet war, schielen die Lauser endlich doch nach uns Europäern. In Sonderheit, da ihnen Wachstumseinbußen drohen und Berichten zufolge bei sieben Prozent die Schmerzgrenze für ihr Glück liegt. Eine Idee weniger Wachstum und deine Hosenkacker steigen aber auch schon ruck, zuck auf die Barrikaden und machen Rabatz. Wenn dir dann nicht der Arsch gehörig auf Grundeis geht, will ich einen Besen fressen, meine Liebe.« So und nicht anders wies der Minister seine Freundin zurecht.
Endlich war und blieb es eine Frage der Intelligenz oder einfach des Willens, eine Krise zu gewahren und mit Heuchelei und Verdrängung zu kokettieren oder schnurstracks herzugehen und die Schuldfrage zu klären, seine Angst zum Ausdruck zu bringen, wiewohl vielleicht nicht gleich in Panik zu geraten, kurzum sich mit dem deutschen Wirtschaftsminister in eine Reihe zu stellen und ins selbe Horn zu stoßen. Immerhin käme es eine durch und durch auf Sicherheit bedachte Gesellschaft wie die der Piefkes ungemein hart an, mit einem Mal ihre Felle davonschwimmen zu sehen. Der Verlust wog seit alters, einschlägigen Erkenntnissen der Wissenschaft zufolge gar ums Zehnfache schwerer als der Gewinn. Und dieser traurige Umstand sollte wahrlich nicht bloß einem Minister zu denken geben.
So sehr der Spitzenpolitiker nun auch seiner Duzfreundin und Regierungskollegin, der Frau Bundeskanzlerin, ab und an die Krallen zeigen und obendrein faktisch unausgesetzt coram publico den strammen Max markieren mochte, zuhause bei der Frau Mama hatte der Mann von jeher nichts zu bestellen.
Ja, Deutschlands Wirtschaftsminister lebte noch bei Muttern. Im Berliner Gemeindebau, wohlgemerkt. Denn was Besseres konnte sich die Mindestrentnerin aus begreiflichen Gründen nicht leisten, wie sie ihrem Buben bis zum Überdruss verkasematuckelt hatte. Und, man höre und staune, irgendwann hatte es der Bub in der Tat auch kapiert. Tja, die Frau Mama wusste eben, wo Barthel den Most holt, zeigte dem Sohnemann denn auch noch regelmäßig, was eine Harke ist.
Im Lichte solcher gnadenlosen Unterwürfigkeit drängte sich einem freilich nicht von ungefähr flugs der Verdacht auf, dass der ganze Scheiß auf der politischen Bühne nichts weiter als einem einzigen faulen Zauber glich, nichts, aber wirklich rein gar nichts mit dem in Einklang stand, was Fakt war.
Wollte er sich nun bloß für eine sorgenfreie Kindheit dankbar bezeigen, indem er sich um seine alte Frau liebe- und aufopferungsvoll kümmerte, hatte sie, der Teufel in Person, tagaus, tagein nichts anderes im Sinn, als ihn mit Schmutz zu bewerfen oder wenn schon nicht das, so den Buben einmal mehr auf Zack zu bringen.
Just an diesem Abend allerdings musste sich der Minister doch sehr bezähmen, um seiner Ollen nicht schnurstracks eins auf die Rübe zu geben. Sie lief nämlich zu Hochform auf.
Kaum dass er den Fuß über die Schwelle der Wohnung gesetzt hatte, donnerte sie auch schon furchtbar drauflos. »Bub!«, schrie sie, als ob’s kein Morgen mehr gäbe. Und gleich ein weiteres Mal: »Bub!«
»Ja, Mama, ich hör’ dich klar und deutlich«, gab er der Frau, die in der Küche stand und das Abendessen zubereitete, scharf zurück und steuerte geradewegs auf die Bissgurn zu.
»Bub!«, hörte er sie ein drittes Mal sagen, während sie sich umdrehte. Ihre Augen funkelten vor Zorn.
»Jetzt bin ich ja da, Mama. Also – was gibt’s?«
»Gegen diese Gfraster musst du endlich was unternehmen, Bub«, kam die Frau gleich auf den Punkt.
»Gfraster? Welche Gfraster denn?«
»Na, diese Chinesen halt. Nicht mal mehr die täglichen Besorgungen vermag ich ohne chinesische Begleitmusik zu machen.«
»Und? Du lebst hier in einem Scheißgemeindebau, Mama. Da wimmelt’s naturgemäß von Gfrastern. Deutscher Abkunft, wohlgemerkt. Ich versteh’ also nicht, worüber du dich groß beklagst«, ärgerte sich der Politiker sakrisch und nahm am Küchentisch Platz.
Er wollte schon zur Flasche Bier greifen und sich einen hinter die Binde kippen, als er die Frau Mama schimpfen hörte: »Bub, die zwei Minuten bis zum Essen wirst du noch warten können! Du siehst ja, dass die Suppe bereits kocht. Also tu mir den Gefallen und fass dich ein wenig in Geduld.«
»Schon gut, Mama«, sagte der Herr Minister drauf kleinlaut.
»Manieren hat der Bub – ts! Nicht zu fassen!«, schüttelte die Frau angewidert den Kopf. Einen Moment lang hielt sie inne. Bemerkte sodann im bittersten Sarkasmus: »Gell, Bub, du weißt, dass uns diese Chinesen die Butter vom Brot fressen?«
»Ach, red keinen Unsinn, Mama!«, blaffte er sie an.
»Unsinn? Pah! Nächstens werde ich womöglich bereits um sechs Uhr morgens aus den Federn kriechen müssen, um noch die Suppe für dich im Laden um die Ecke zu kriegen. Ich will doch nix weiter als meine Ruhe haben von den Gfrastern, nicht erst noch Chinesisch lernen müssen, damit ich als deutsche Staatsbürgerin zu meinen Rechten komme.«
»Soso. Nichts für ungut, Mama, aber wie stellst du dir denn das vor, hä? Schätzungsweise hundert Millionen chinesische Touristen werden für 2020 auf Erden erwartet. Und schon jetzt bringen drei wöchentliche Flüge Touris noch und nöcher aus Fernost nach Mailand zum Shoppen und Relaxen, jenen Mittelstand, der im Vollen lebt, ins Volle greift. Willst du ihm die Bissen in den Mund zählen?«
»Was kümmert’s mich?«, sagte die Mindestrentnerin kühl und servierte die dampfende Suppe. Sie gesellte sich zum Sohnemann, schlug artig ein Kreuz und hieb auch schon kräftig ein.
Der Minister folgte ihrem Beispiel und schien heilfroh zu sein, für ein paar Minuten Sendepause zu haben. Und wie er wähnte, das Thema wäre nun abgehakt, polterte sie doch glatt wieder munter weiter. Im herablassenden Ton meinte sie: »Vielleicht klopfst du mal bei deiner Freundin auf den Busch.«
»Bei der Bundeskanzlerin?«
»Bei ebender. Ich bin überzeugt, dass die Frau keinen Genierer hat, diesem Geschmeiß aus dem Osten eine wirksame Buße aufzuerlegen.«
»Irrtum vom Amt, Mama! Ob du’s glaubst oder nicht, wir haben uns just heute darüber unterhalten.«
»Ach wirklich? Unterhalten?«
»Einen Strauß miteinander ausgefochten, um deutlicher zu werden.«
»Och – sag bloß, du hast ihr eine Zigarre verpasst!«
»Dem ist so.«
»Warum in Gottes Namen muss ich mich dann noch länger der Gewalt beugen, hä?«
»Welcher Gewalt denn, zum Teufel noch mal?«, fuhr der Minister auf. Nun war es so weit. Er war unstreitig auf achtzig.
»Also dich glotzen diese Chinesen ja nicht an«, rechtfertigte sich die Frau Mama. Und ergänzte hurtig: »Wenn ich’s recht bedenke, nimmt das nachgerade schon bedrohliche Ausmaße an.«
»Was? Das Anglotzen?«
»Das auch. Vor allen Dingen aber das Angrinsen. Nimm’s mir nicht übel, Bub, aber da fühlt sich eine betagte Dame doch sofort versteckten Angriffen ausgesetzt, erlebt jemand wie ich ein derart unziemliches Gebaren als persönlichen Affront. Und jetzt mal ehrlich, Bub: Bundeskanzlerin hin, Bundeskanzlerin her, du als Minister könntest allemal hergehen und mit einem gewaltigen Aufgebot von Menschen und Material diesem schmählichen Tun und Treiben der chinesischen Hundsfötter Halt gebieten. Stell dich bloß nicht so patschert an!«
»Du scherzt wohl!«
»Keineswegs! Wenn du mit dem Gesocks Tabula rasa machst, die Bande zack, zack ausräucherst, kannst du dir viel auf deine Arbeit zugutetun.«
»Andernfalls nicht?«
»Ich bitte dich, Bub, werd mir nicht kindisch!«, pflaumte die Olle den Sohnemann an.
Huch, mit der Frau war echt nicht gut Kirschen essen. In Anbetracht dessen schon eine Mordsleistung, diese Bissgurn, wenn auch nur für die paar Abend- und Morgenstunden, zu ertragen. Und dabei obendrein ja eine Zumutung ohnegleichen, geradezu krank, als Spitzenpolitiker in einem solch schäbigen Rattenloch zu hausen, bloß um eine spinnerte alte Schachtel mit ihrer notorischen Inflexibilität nicht vorzeitig ins Grab zu bringen.
Darüber verlor der Mann freilich nie ein Wort. Namentlich nicht in Gegenwart des anderen weiblichen Fixsterns in seinem Leben: der Frau Bundeskanzlerin.
Die Gute war aber ohnehin weit davon entfernt, die Konkurrenz aufs Tapet zu bringen. Vielmehr war sie augenblicklich in Sorge um ihren Frankfurter Spezi, den Banker Li Wang.
Noch vor Tau und Tag holte sie sich den Macker an die Strippe. Sie riss den armen Kerl buchstäblich aus Morpheus’ Armen und schätzte sich denn auch glücklich, seine Stimme zu hören. War schließlich alles andere als ein schlechtes Zeichen, wenn der Mann bereits wie sie um sieben Uhr morgens auf den Beinen war, es offenbar nicht anders als sie erwarten konnte, aller Welt von erfreulichen Entwicklungen zu berichten.
»Sie haben Attentat auf mich vor?«, kriegte sie im besten Deutsch des Chinesen zu hören.
»Allerdings, Herr Wang!«, sagte die Mutti. »Werden Sie mir ehestens wieder gesund!«
»Ich das in jedem Fall werde tun, Frau Bundeskanzlerin. Ich nicht mit Bestimmtheit sagen können, wann ich werde Krankenhaus verlassen dürfen, doch es haben sich keine neuen Schwierigkeiten aufgetürmt.«
»Gut zu wissen, Herr Wang, dass sich Ihr Befinden bessert. Immerhin wollen wir beide nicht, dass sich in Ihrem Haus Unruhe breitmacht oder, schlimmer noch, Ihnen die Aktionäre gar reihenweise Valet sagen, Sie damit in unnötige Schwierigkeiten kämen und sich letzten Endes noch gezwungen sähen, den Betrieb aufzulassen.«
»Wie? Betrieb auflassen?«, fuhr der Banker trotz Bettlägerigkeit und Schläuchen an allen Ecken und Enden des Körpers auf.
»Beruhigen Sie sich, Herr Wang! War bloß ein Scherz. Also alles Gute Ihnen und – bis bald!«, lachte die Mutti und legte auf.
Jedes weitere Wort dieses radebrechenden Idioten aus Frankfurt hätte ihr unter Garantie den Morgen, um nicht zu sagen den ganzen Tag vermiest. Der Mann kam wieder auf die Beine und mehr brauchte die Mutti nicht zu wissen. Sie war eben eine Genügsame. Aber ja, das in jedem Fall.
Ihr Assi, bekanntlich der schöne Chinese, hätte das stante pede bezeugen können. Auch er durfte sich, anders als der Herr Wirtschaftsminister, bloß gewählt ausdrücken, hatte seine Äußerungen regelmäßig aufs Allernötigste zu beschränken. Das Problem war bloß, dass sich die Mutti noch für keine definitive Wortzahl entscheiden hatte können, sie bei Lichte besehen seit ihrem Amtsantritt unschlüssig über die adäquate Redezeit ihres Assis war. Hinzu kam, dass ihr depperter Heini seinerseits unterschiedlich schnell daherplapperte, sich mithin Wortzahl und Redezeit nie auf einen gemeinsamen Nenner bringen würden lassen. Bis zu diesem Punkt war die Mutti freilich in ihren Überlegungen noch nicht vorgestoßen.
Auch wurscht. Als ihr nämlich der Mann ganz der Gewohnheit gemäß nur unwesentlich später ins Büro platzte, verriet sie ihm: »Mit unserm Banker geht’s wieder bergauf.«
Darauf sagte er bloß: »Gut.«
Damit war der Assi unter Garantie auf der sicheren Seite. Keine Gefahr sohin, einen Anschiss von der Mutti zu kriegen. Zumindest vorläufig nicht.
Kapitel 2 – Die Allianz
Über ein solch herzliches Einvernehmen zwischen Deutschen und Chinesen vermochte sich Andrey Zosimoff bloß zu wundern. Es war 14 Uhr und Schichtende, als er beim Mechaniker seines Vertrauens vorbeischaute, um seinen Wagen abzuholen. In Anbetracht der Tatsache, dass der russische Einwanderer einen leidlich komfortablen, alten Schlitten fuhr, sollte einer meinen, der Mann hätte keinerlei Grund zur Klage. Zum einen war dies im Ort aber so selbstverständlich wie der Schauspieler in Los Angeles, zum anderen gab’s die Karre zu Sonderkonditionen. Der Vorteil eben, wenn einer bei einem deutschen Autohersteller in Lohn und Brot stand.
Naturgemäß entspann sich zwischen den beiden, dem Russen und dem Hiesigen, sofort ein Gespräch. Vor allen Dingen der Mechaniker verspürte das Bedürfnis, sich alles vom Herzen zu reden, namentlich ob des regen Zustroms bei der chinesischen Konkurrenz auf der anderen Straßenseite seinem Unmut Luft zu machen.
»Die Leute kaufen die Katze im Sack?«, blickte den Hiesigen der Russe über die Maßen erstaunt an.
»Wenn ich’s Ihnen sage! Dabei behaupte ich keineswegs, dass der Autohändler Hinz und Kunz ein X für ein U vormacht, der Karren nicht hält, was er verspricht. Für gewöhnlich fährt aber einer einen Wagen erst Probe, besieht ihn sich genau, kurzum überlegt sich die Sache gründlich, ehe er in den Säckel greift.«
»Wird dann wohl am Preis liegen«, meinte Zosimoff.
»Eine Okkasion? – Ja, das ist der MK Mini gewiss. Wer bitte schön im Ort klappert aber denn mit der Büchse, hä? Mir wäre ehrlich gesagt neu, dass die Sindelfinger in dem Ruf alter Schnäppchenjäger stünden. Anders ausgedrückt: War bisher alles in Ordnung, scheinen mir die Uhren anders zu ticken, seit Middle Kingdom die Zelte hier aufgeschlagen hat.«
»Die Chinesen beschwören ein Chaos herauf?«
»Ausgeschlossen ist gar nichts, Herr Zosimoff. Kleinere Brötchen wird unsereins indes allemal backen müssen, wenn die Nachfrage nach dem Scheißkarren noch lange vorhält und die asiatische Kiste in Bälde den Ton angibt, um nicht zu sagen die heimische Qualität vom Thron stößt. Und ich dachte doch glatt, ich kenne den Landsmann. Spätestens mit dem chinesischen Vorstoß ist mir der Deutsche aber ein Buch mit sieben Siegeln«, polterte der Mechaniker. Er hielt kurz inne. »Nein ehrlich!«, fügte er bestimmt hinzu. Er verspürte plötzlich einen Druck in der Brust.
»Ist Ihnen nicht wohl?«, fragte der Russe den Deutschen unverzüglich.
»Ist bloß die Pumpe, Herr Zosimoff. Unsereins wird eben nicht jünger. Und mit schlaflosen Nächten dank der Chinesen unter Garantie nicht gesünder.« Wut blitzte aus seinen Augen.
»Gewiss. So hart es einen auch ankommt, einen Ausblick auf die weitere Entwicklung zu geben, es kann einer endlich nicht umhin, sich einen Kopf um die Zukunft zu machen.«
»Sie fürchten, zum Tempel hinauszufliegen?«
»Nicht im Geringsten! Ich gehöre, mit Verlaub, ungern zu den Leuten, die den Bogen überspannen und gleich alles durch die schwarze Brille sehen. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn ein Traditionsunternehmen wie unseres mit einem Mal die Pforten schließt und wir fortan nichts zu beißen und zu brechen haben. Andernteils drängt mich die gesunde Portion Skepsis, die Knete in andere Kanäle zu schleusen.«
»Sie trennen sich von den Unternehmensanteilen?«
»Dem ist so. Die langjährigen Bande haben mich ja erst zurückgehalten, doch alles, was gut und recht ist: Jeder muss sehen, wo er bleibt. In meinem Geldbeutel hat viel zu lang Ebbe geherrscht, als dass ich mit den Managern Mitleid fühlen würde und das Risiko einer möglichen Neuauflage der unrühmlichen Vergangenheit billigend in Kauf nähme. Speziell jetzt, da ich aus dem gröbsten Dreck heraus bin, aller Sorgen und Ängste ledig bin«, erklärte der Russe, Andrey Zosimoff, kategorisch.
Tja, plemplem war der Mann unter Garantie nicht. Zwar schrie er nicht Zeter und Mordio, dafür war er aber auf dem Kien. Zu Recht, denn da gibt es kein Vertun: Die Chinesen standen bei den Deutschen unstreitig in hohen Gnaden, worüber sich wahrlich nicht allein die Zosimoffs des Landes einigermaßen überrascht zeigten. Vielmehr verhielt es sich so, dass die Chinesen selbst insgeheim mit erbittertem Widerstand der Piefkes gerechnet hatten. Allen voran der Frankfurter Banker Li Wang. Doch siehe da, Befürchtungen dieser Art bewahrheiteten sich nicht. Und die Mutti, die Frau Bundeskanzlerin, hielt gar große Stücke auf die Chinesen. Zumindest auf den Mann an ihrer Seite, den Assi. Den Banker in Frankfurt ließ sie indes in dem festen Glauben, bei ihr einen Stein im Brett zu haben.
In der Tat dünkte sich der Banker etwas Besseres durch die Aufmerksamkeit, die ihm am frühen Morgen zuteil geworden war. Kurz vor Einbruch der Dämmerung hatte er Besuch von seinem Assi, dem waschechten Bayern.
Eine Brise erhob sich, wie der junge Mann das Frankfurter Krankenhaus betrat. Der Duft der weiten Welt lag in der Luft.
»Sie hat Ihnen also Beifall geklatscht?«, fragte er seinen Chef rundheraus. Er hatte unmittelbar neben dem Krankenbett auf einem schäbigen Plastikstuhl Platz genommen.
»Gewissermaßen«, kam prompt die Antwort Li Wangs.
»Tja, gegen ein dankbares Publikum ist nichts einzuwenden«, bemerkte der Bayer sarkastisch.
Der Chinese grinste dämlich.
»Wobei …«, überlegte der Bayer.
Der Chinese schreckte auf. Fragte sofort: »Wobei was?«
»Nun ja, Sir, wie soll ich sagen … äh … bei der Bundeskanzlerin handelt es sich um eine Frau. Zumindest ist das die gängige Meinung, haha.«
»Und weiter?« Der Chinese konnte das Ende der Geschichte kaum erwarten.
»Und, Sir, die Wissenschaft bescheinigt den Damen eine weit höhere natürliche Skepsis als den Herren der Schöpfung.«
»Ach!«
»So gesehen erstaunt es doch über die Maßen, dass Sie, mit Verlaub, als Chinese der Deutschen nicht erst das Goderl kratzen mussten, um auf Ihre Kosten zu kommen und wie der Mops im Paletot zu lächeln.«
»Goderl kratzen?« Der Banker verstand Bahnhof.
»Ihr schöntun, Sir.«
»Wie der Mops im Paletot?«, ging’s mit der Klärung der Ereignisse nonchalant weiter.
Puh! Nach und nach nahm der zwanglose Schwatz zwischen Vorgesetztem und Untergebenem den Charakter eines peinlichen Verhörs an. Oder auch nicht. Es antwortete der Assi nämlich mit der größten Selbstverständlichkeit: »Vergnügt, Sir.«
Ha! Schau an, nun strahlte der Chinese in der Tat wie ein Honigkuchenpferd. Mission erfüllt.
Heißt nicht ganz, denn der Assi fuhr ungeniert fort: »Bedeutet freilich mitnichten, dass darob die Frauenzimmer gleich um ein Haus vertrauenswürdiger wären als die Mannsbilder, Sir.«
»So?«
»Mhm«, nickte der Assi.
Den Spitzbuben aus Bayern amüsierte die Unterhaltung köstlich, was unbeteiligten Dritten unschwer aufgefallen wäre. Doch der Chinese, der arme Tor, war so sehr damit beschäftigt, jedes Wort in die richtige Kehle zu kriegen, dass ihn die Interpretation der Mimik und Gestik seines Visavis unnötig abgelenkt, um nicht zu sagen vollends verwirrt hätte. Leichtes Spiel mithin für den Mann aus Süddeutschland. Sei’s drum, es hob nun der Assi zu einem längeren Monolog an, was einem radebrechenden Chinesen naturgemäß so unangenehm wahrlich nicht war.
»Es überrascht wenig«, hörte der Chinese den Bayern sagen, »dass potenzielle Vertrauensgeber mit einer hohen generalisierten Vertrauenseinstellung das soziale Risiko in einer Situation asymmetrischer Informationsverteilung geringer erachten als jene, deren generalisierte Vertrauenseinstellung sich in Grenzen hält. Dabei ist das soziale Risiko schlicht und ergreifend die Wahrscheinlichkeit für die Annahme, dass sich der Vertrauensnehmer nicht als vertrauenswürdig erweist. Je höher das soziale Risiko, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit demnach, dass sich der Vertrauensnehmer vertrauenswürdig gebärdet. Und ja, klar, die generalisierte Vertrauenseinstellung ist umso höher, je mehr positive Erfahrungen der Mensch in früher Kindheit und im Laufe des Sozialisationsprozesses gemacht hat.«
»Dann muss Frau Bundeskanzlerin glückliche Kindheit gehabt haben«, schloss der Banker, Li Wang, haarscharf.
Der Assi nickte zustimmend, dachte sich insgeheim freilich, dass die Kuh in Berlin doch allemal noch in den Kinderschuhen steckte. In der Übersetzung für seinen Chinesen, den Chef, hörte sich das dann so an: »Bei einem integren Mann wie Ihnen, Sir, würde es einen aber auch wundernehmen, wenn Ihnen ausgerechnet die Frau Bundeskanzlerin nicht ihr Vertrauen ausspräche.«
Eh klar, dass diese Worte den Chinesen erneut in Hochstimmung versetzten, ihm die helle Freude darüber im Gesicht geschrieben stand. Dabei wollte der Mann schon seine Fähigkeiten ins Feld führen. Motto: Ein Chinese ist unfehlbar, ist in allen Sätteln gerecht, ist jeder Herausforderung, jeder Aufgabe gewachsen. Pah! Großer Irrtum! Gerade die Talente sind, man ist fast geneigt zu sagen, komplett ohne Belang, jedenfalls unmaßgebend in der Einschätzung des Vertrauensnehmers durch den Vertrauensgeber.
Mochte nun auch der Banker allen Indizien zum Trotz ebenso wenig auf den Kopf gefallen sein wie Andrey Zosimoff, so war die Mutti unter Garantie die allerschlechteste Referenz dafür, nicht gerade jenes Atout, das einer bei Bedarf zücken würde. Die gute Frau hatte schließlich mehr mit der böswilligen Unterstellung des Assis gemein, als der kleine Moritz nicht zuletzt dank wohlwollender Presseberichte für möglich halten würde. Speziell das sollte sich aber schlagartig ändern.
Die Nacht zog herauf, ein langer Arbeitstag lag hinter ihr, doch von Müdigkeit war keine Spur zu bemerken. Begeisterung durchglühte die Mutti, wie ihr die beiden chinesischen Topmanager von Middle Kingdom auf den Plan traten. Herzlicher hätte der Empfang der zwei imposanten Erscheinungen aus Peking nicht sein können. Für einen Moment vergaß die Frau Bundeskanzlerin gar auf den Beau, ihren Assi, der kreuzbrav dastand, sich nicht vom Fleck rührte, sich geflissentlich bedeckt im Hintergrund hielt und seiner Chefin nichts vom verdienten Glanz der Stunde stahl.
»Ich darf den MK Mini Probe sitzen?«, fragte die Bundeskanzlerin ungläubig und strahlte sprichwörtlich wie’s Kind vorm Weihnachtsbaum.
»Mehr noch, Frau Bundeskanzlerin«, erwiderte der eine der beiden Topmanager. »Middle Kingdom lädt Sie ein, den MK Mini Probe zu fahren.«
Bei diesen Worten blühte die Mutti nun endgültig auf. Vergewisserte sich sogleich: »Probe fahren?«
»Gratis und franko die nächsten sechs Monate«, bestätigte der andere der beiden Topmanager.
Die Mutti konnte ihr Glück kaum fassen, sich vor Freude nicht halten. »Gleich sechs Monate?«, platzte sie heraus. »Zu DDR-Zeiten hätte es mir nicht besser gehen können!«, ließ die zu Tränen gerührte Politikerin einer plötzlichen Anwandlung von Nostalgie folgend ihre beiden chinesischen Freunde wissen. Und nachdem sie sich wieder eingekriegt hatte, meinte sie bloß: »Dann wollen wir mal, meine Herren!«
Mit diesen Worten dirigierte sie die chinesische Delegation – Assi inbegriffen – vors Haus. Nun ja, nachdem der Karren schwerlich in ihr Büro gebracht werden hatte können, musste sie sich notgedrungen vors Haus begeben. Tat die Mutti freilich gern.
Die Frau hatte einen guten Schritt am Leibe, sodass sich der eine der beiden Topmanager bemüßigt fühlte, dem artig hinterdreintrottenden Assi zuzuraunen: »Mensch Meier, die Frau hat’s vielleicht eilig!«
»Immer, wenn’s was zum Abstauben gibt!«, lachte der Assi.
»Aber sie darf wohl …?«
»Was?«
»Das Geschenk annehmen.«
»Selbstverständlich! Erst unlängst hat sie die Schenkungsklausel durchgedrückt, wonach von jetzt auf gleich die Bestechung von Politikern nach wie vor ein Tabu ist, Geschenke indes von Staats Gnaden nonchalant angenommen werden dürfen, ja geradezu willkommen sind«, erklärte der Assi der Bundeskanzlerin dem Landsmann rundheraus.
Dem schien die Antwort zu behagen, denn sogleich legte er einen Zahn zu, um die Mutti noch ein Alzerl geschwinder vors Haus und die wartende Pressemeute zu kriegen.
Dass das überschäumende Glück der Frau Bundeskanzlerin ein gefundenes Fressen für die Journaille war, verstand sich von selbst. Die Schmierfinken waren denn auch alle geschlossen angetreten. Keiner ließ sich eine Mutti beim Probesitzen und -fahren, ein derart bedeutendes Staatsereignis, aus freien Stücken entgehen. Schon allein deshalb, weil mit einer Wamperten in einem Mini die Probleme quasi vorprogrammiert waren.
Und in der Tat hatte die Spitzenpolitikerin ihre liebe Not, ohne die tatkräftige Hilfe Dritter am Volant Platz zu nehmen. Sehr zur Erheiterung der anwesenden Journalisten. So sagte der eine zum anderen, schallend lachend: »Der Karren macht seinem Namen alle Ehre.«
»Mhm«, erwiderte drauf der andere, nicht minder herzhaft lachend. »Middle Kingdom hat offenbar nicht geschnallt, dass Piefkes und Schlitzaugen zweierlei Stiefel sind. Aber was soll’s? Wird sich eben der Landsmann den Gegebenheiten anpassen, fortan auf die Größe verzichten müssen, haha.«
Allen Unkenrufen zum Trotz hatte es die Mutti mit vereinten Kräften, unter anderem ihrem Assi, endlich aber doch geschafft, ihren Arsch hinters Steuer zu klemmen. So folgte dem Blitzlichtgewitter der ersten Tuchfühlung des breiten, man fühlt sich versucht zu sagen, klassischen deutschen Hinterns mit chinesischer Präzisionsarbeit die Fragenlawine.
Ganz gierig warteten die Medienfritzen auf Rückmeldungen der Mutti, die Schilderung ihrer ersten Eindrücke vom Reich der Mitte. Und siehe da, aufs Maul gefallen war die Mutti nicht. Bei Tage besehen war sie gar geschickt wie keine Zweite, den Ungustln vom Dienst den Schneid abzukaufen, ihnen reihum zack, zack die Giftzähne auszubrechen. Gut, zugegeben, ihr Assi gab ihr Rückendeckung, hätte sich bei Bedarf sofort zu Wort gemeldet und ihr in die Arme gegriffen. Doch den Heini brauchte sie zur Stunde echt nicht, der war augenblicklich so unnötig wie ein Kropf. Tja, China verlieh eben Flügel. Auch oder selbst einer Frau Bundeskanzlerin.
Wie sie sich also mit Inbrunst den brennenden Fragen der ungeduldigen Journaille widmete, setzte sie ein Lächeln auf, das die Welt noch nicht gesehen hatte. Devise: Alles bestens, könnte gar nicht besser sein.
Diese schamlose Verlogenheit bewog einen der beiden vorhin erwähnten Journalisten sofort dazu, ungeniert zu fragen: »Fürchten Sie um Ihre Birne, Frau Bundeskanzlerin?«
»Wieso denn?«, fragte sie scheinheilig zurück.
»Also nichts für ungut, gnädige Frau, sofern aber die Anzeichen nicht trügen, dürfte Ihnen die Beule nicht erspart bleiben. So wie Sie sich am MK Mini gestoßen haben, drängt sich einem glatt der Verdacht auf, dass bei dem Vehikel nahezu alles im Argen liegt.«
Die Mienen der beiden chinesischen Topmanager verfinsterten sich im Nu. Nicht gerade die Reaktion, die sie sich erhofft hatten. Gerechnet hatten sie wohl aber auch nicht damit, dass die patscher- te Schachtel von einer Bundeskanzlerin offenbar erst eine Betriebsanleitung fürs Platznehmen in einem Auto nötig hatte. Widrigenfalls hätten sie unter Garantie den Einstieg mit ihrer Neowerbeträgerin bis zur Bewusstlosigkeit geübt. Für Überlegungen dieser Art war es jetzt freilich reichlich zu spät.
Abgebrüht wie die Mutti aber nun mal war, nahm sie den Anwurf gelassen hin, sagte bloß: »Och, mein Lieber, lassen Sie uns doch die Kirche im Dorf! Es steht sich nicht dafür, ein kleines Missgeschick zu dramatisieren. Ob Sie mit Ihrer Vermutung Recht haben, kann ich nicht beurteilen.«
»Mit Beulen betreten wir ein noch unerforschtes Gebiet?«, mischte sich der andere der beiden notorischen Zyniker aus der Medienlandschaft ins Gespräch.
»Falls nicht«, so die Frau Bundeskanzlerin scharf, »dann wissen Sie mehr als ich.«
»Noch nie gestürzt?«
»Das bleibt anderen überlassen«, blaffte die Mutti den lästigen Sack an. »Was mich betrifft, ist die wissenschaftliche Ausbeute ungemein bescheiden. Mit ein paar Schrammen und blauen Flecken hin und wieder vermag ich durchaus zu leben. Ich kann ein paar Püffe vertragen, wie Figura zeigt.«
Unverzüglich hellten sich die Mienen der MK-Repräsentanten wieder auf. Dass die Mutti sakrisch Kontra geben konnte, war ihnen bekannt und kam ihnen selbstredend nun sehr zupass. Hoffentlich aber nicht so sehr, dass fortan der Politik die Werbearena vorbehalten blieb. Gott bewahre! Nicht auszudenken, was damit der Welt bevorstünde.
