Fabula - Das Portal der dreizehn Reiche - Akram El-Bahay - E-Book

Fabula - Das Portal der dreizehn Reiche E-Book

Akram El-Bahay

0,0
9,99 €

Beschreibung

"Der Baum, unter dessen Blättern Will und Charlotte verschwunden waren, wuchs noch ein Stück weiter.

Und unter ihm, eingewoben in seine Wurzeln, öffnete etwas ein Auge. Schläfrig. Träumend.

Es hatte eine Stimme gehört.

Eine, auf die es gewartet hatte.

Eine, die es geweckt hatte."


Bei einem Schulausflug in den Central Park machen die Zwillinge Will und Charlotte eine unglaubliche Entdeckung: Um einen Baum mit silbernen Blättern schwirrt ein kleines Wesen mit fast durchsichtigen Flügeln - eine Elfe, wie sich bald herausstellt. Als dann auch noch eine Furie bei ihnen zu Hause auftaucht und sich der Baum als Portal entpuppt, folgen die Geschwister der Elfe in die fantastische Welt von Fabula. Doch die Heimat der Fabelwesen ist in Gefahr. Und Charlotte und Will sind die Einzigen, die sie retten können. Denn auch in ihnen schlummern ungeahnte magische Kräfte ...

Eine mitreißende Fantasy-Geschichte über die Macht des Geschichtenerzählens von Akram El-Bahay

Dieser Titel ist bei Antolin gelistet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 419

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumAus der Bibliothek der ungeschriebenen BücherVerbrannte FingerSeltsame StimmenEine unbekannte BekannteOrionFabulaEin guter SchussAuf der JagdVergessene SterneDie FeenIm SchlundFluchtSchwesterEin PlanMächtigRettende WorteCharlottes StärkeEin neuer ErzählerDas dreizehnte ZeichenGefangenNokDer AnfangAktivteil – Welcher Charakter aus Fabula bist du?Aktivteil – AuflösungDie dreizehn Feenkreiszeichen Fabulas

Über dieses Buch

»Der Baum, unter dessen Blättern Will und Charlotte verschwunden waren, wuchs noch ein Stück weiter.

Und unter ihm, eingewoben in seine Wurzeln, öffnete etwas ein Auge. Schläfrig. Träumend.

Es hatte eine Stimme gehört.

Eine, auf die es gewartet hatte.

Eine, die es geweckt hatte.«

Bei einem Schulausflug in den Central Park machen die Zwillinge Will und Charlotte eine unglaubliche Entdeckung: Um einen Baum mit silbernen Blättern schwirrt ein kleines Wesen mit fast durchsichtigen Flügeln – eine Elfe, wie sich bald herausstellt. Als dann auch noch eine Furie bei ihnen zu Hause auftaucht und sich der Baum als Portal entpuppt, folgen die Geschwister der Elfe in die fantastische Welt von Fabula. Doch die Heimat der Fabelwesen ist in Gefahr. Und Charlotte und Will sind die Einzigen, die sie retten können. Denn auch in ihnen schlummern ungeahnte magische Kräfte …

Über den Autor

Akram El-Bahay liebt es, märchenhafte und fantastische Geschichten zu erzählen. Als Kind eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter ist er mit Einflüssen aus zwei Kulturkreisen aufgewachsen. Dies spiegelt sich auch in seinen Büchern wider. Er lebt mit Frau und Kindern in der Nähe von Düsseldorf.

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch dieMichael Meller Literary Agency GmbH, München

Copyright © 2022 by Akram El-Bahay

Copyright Deutsche Originalausgabe © 2022 Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Katja Hildebrandt, Blankenfelde-Mahlow

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter der Verwendung einer Illustration von Max Meinzold

Umschlagmotiv: Max Meinzold, München

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-2694-8

luebbe.de

lesejury.de

Aus der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

Die Nacht war von Stimmen erfüllt. Von Tausenden und Abertausenden. Sie waren so laut, als wollten sie die Dunkelheit vertreiben, die sich urplötzlich in New York ausbreitete. Eine Dunkelheit, die wie schwarzes Wasser zwischen die Wolkenkratzer floss und alle Lichter löschte. Solch eine Nacht hatte es noch nie gegeben. Der erste Lebensschrei eines neugeborenen Kindes, das zusammen mit seinem Zwilling den Weg in diese Welt gefunden hatte, schien sie herbeigerufen zu haben.

Während die Menschen lautstark nach Licht verlangten, als würden sie in der Finsternis verloren gehen, mischte sich ein leises Wispern in ihre aufgeregten Stimmen. Ein Wispern wie aus einer fernen Welt.

Die Zwillinge waren im Mount Sinai Hospital geboren worden. Das Gebäude sah ein wenig aus wie der Turm einer Hexe. Es streckte sich den Sternen entgegen, die normalerweise nur blass am Himmel der sonst so hell erleuchteten Stadt standen. Heute aber strahlten sie hell. Wie silberne Blüten auf dunklem Gras sprossen sie auf dem Nachthimmel und überzogen die Häuser und den Central Park mit Silber. Im Park, der sich vor dem Krankenhaus in der sonst lärmenden Wüste aus Beton, Glas und Metall wie eine Oase ausbreitete, war es ganz ruhig.

Atemlos ruhig.

Die Vögel, die in den Bäumen nisteten, lauschten ebenso aufgeregt wie die Grillen, die normalerweise mit ihrer Musik die Nächte begleiteten und heute ganz still waren. Die Mäuse in ihren kleinen Löchern und die Katzen, die auf die Jagd nach ihnen gingen, teilten sich die Anspannung. Die Tiere waren klüger als die Menschen. Sie spürten, dass etwas geschah. Etwas, das sie noch nie erlebt hatten. Nur sie sahen den Riss, der sich untermalt vom Wispern, das wie eine Zauberformel klang, über einer weiten Grasfläche mitten in der Luft auftat.

Der Riss wurde von feurigen Blitzen begleitet, als hätte jemand die Nacht mit einer brennenden Klinge durchtrennt. Rauch mischte sich in die Luft. Ein Fuß drückte sich durch den Riss. Es folgte das kurze Bein, an dem er saß, und dann die ganze Gestalt.

»Verdammt«, jammerte sie vor Schmerzen.

»Verdammt, verdammt.« Sie pustete sich auf die Finger.

»Verdammt, verdammt, verdammt!«

Das Wesen, das durch den Spalt getreten war, hüpfte kreuz und quer über das Gras, als liefe es auf Nägeln. In seinen Händen, die in dicken pechschwarzen Handschuhen steckten, hielt es ein feuriges Ei.

»Verdammt!«

Qualm stieg von den Handschuhen auf, während das Wesen scheinbar unschlüssig, wo es eigentlich hinsollte, über den Rasen eilte. Es war kaum größer als ein zehnjähriger Junge, doch stämmig wie ein erwachsener Mann. In dem breiten Gesicht steckten zwei Augen, die wie die eines Katers im kalten Licht der Sterne schimmerten. Ein mächtiger grauer, zu einem langen Zopf gedrehter Bart spross von seinem Kinn. Das Wesen entsprach so sehr dem Bild eines Zwerges, als wäre es nicht durch einen Spalt in der Luft, sondern direkt aus einem Märchenbuch gekommen.

Der Zwerg stolperte über den Rasen auf einen See zu, an dessen Ufer sich einige Bäume in die Nacht reckten. Der Turm des Krankenhauses ragte hinter ihnen empor. Ja, dachte er bei sich. Dies war der richtige Platz. Er erkannte ihn wieder. Seine Herrin hatte ihm diesen Ort in ihrem sehenden Glas gezeigt. Wie ärgerlich, dass sich der Riss nicht näher daran geöffnet hatte. Doch Magie war immer unberechenbar.

Der Zwerg pustete auf seine Hände, während das feurige Ei in seinen Fingern weiter die Handschuhe verbrannte.

»Verdammt!«

Zwergen-Handschuhe waren aus der undurchdringlichen Haut von Steinkauern gemacht. Nichts war härter. Doch das Feuer des Eis fraß die Handschuhe, als wären sie aus Papier. Ein Stein im Gras ließ den Zwerg stolpern, und das Ei rutschte ihm aus den Händen, als er strauchelte. Er konnte es gerade noch auffangen, ehe es den Boden berührte.

Bei allen Tiefen! Es durfte erst dort den Kontakt mit der Erde dieser Welt aufnehmen, wo es Wurzeln schlagen sollte. Und dieser Ort musste der richtige sein. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte der Zwerg weiter. Er hätte sich nie freiwillig für diesen Auftrag melden sollen. Aber er war der Anführer der Eisen-Brigade. Der beste Zwergen-Wächter. Wer sonst hätte diesen Auftrag übernehmen sollen? Voller Furcht sah er auf seine Handschuhe. Sie waren fast vollständig geschmolzen. Und auch wenn die Haut eines Zwerges sicher viel mehr vertrug als die der schneckenweichen Menschen, würde das Ei gleich dafür sorgen, dass sie ihm in Sekunden von den Knochen brannte.

Er rannte schneller. So schnell, als wäre der legendäre Feuerschatten hinter ihm her, der in den Erzählungen seines Volkes über die Dunkelheit im Herzen der Erde wachte und alles fraß, was ihm unter die glühenden Augen kam.

Die Bäume waren schon nahe, als sich der letzte Rest der Handschuhe in einer Qualmwolke auflöste. Der Zwerg sprang nun am Seeufer entlang auf den Ort zu, an dem er das Ei in den Boden versenken sollte. Er fühlte, wie ihm die Flammen des Eis in die Haut bissen, und war kurz davor, es fortzuwerfen.

»Hoin!«, rief er seinen eigenen Namen gequält, um sich noch einmal anzutreiben. Ein weiterer Schritt. Seine Hände waren fast nicht mehr zu spüren. Dann machte er einen gewaltigen Satz und war unter den Blättern der Bäume.

Die Luft über dem Ei. Das Wasser vor ihm. Das Feuer in ihm. Und die Erde um es herum. Alle vier Elemente waren hier vereint. Mit der ganzen Kraft seiner Zwergen-Arme, mit denen er spielend leicht Eisen verbiegen konnte, rammte er das Ei im Sprung in den Boden und drückte es so tief hinein, dass er bis zu den Schultern in ihm versank. Dann zog er die Arme heraus, und wie von Zauberhand schloss sich der Boden.

Die Magie der Feen begann zu wirken.

Schwer atmend lief Hoin zum See und hielt seine verbrannten Finger in das kühle Wasser. Einen Moment kniete der Zwerg am Ufer und starrte in den für ihn fremden Sternenhimmel, während er die Kühle an seinen Fingern genoss. Das also war die Welt der Menschen. Wie ähnlich sie der seinen war. Und doch so ganz anders. Er blickte zu den dunklen Häusern, die sich wie der Turm der Worte in den Nachthimmel reckten. Die Feen hatten einen überaus passenden Ort ausgewählt. Die Feen. Hoin sah auf seine Finger. Die Feen waren schuld an seinen Schmerzen.

»Verflucht sollen sie sein«, entfuhr es ihm. Sofort blickte sich der Zwerg erschrocken über die eigenen Worte um, als fürchtete er, dass eine der Feen ihn gehört hatte. Doch da war nur ein verblüfftes Eichhörnchen, das ihn von den Baumwipfeln über ihm interessiert musterte.

»Pst«, machte der Zwerg und legte einen seiner verbrannten Finger an die Lippen. Dann drückte er sich auf die Beine. Er musste zurück. Der Riss würde sich schnell wieder schließen. Und dann wäre er in dieser fremden Welt gestrandet, bis es losging. Bei allen Schatten der Tiefe, das durfte nicht passieren. Wer konnte schon sagen, wie lange er warten müsste? Inmitten womöglich feindlicher Geschöpfe. Misstrauisch sah er zu dem Eichhörnchen. Er ging so schnell er konnte zu dem Riss zurück. Mit einem Satz sprang er hindurch. Und als hätte es sie nie gegeben, schloss sich die Öffnung, und alles war so wie zuvor.

Fast alles.

Im nahen Mount Sinai Hospital lag das Neugeborene, dessen erster Schrei die seltsamen Ereignisse dieser Nacht ausgelöst hatte, nun zufrieden schlafend neben seinem Zwilling im Bett der Mutter. Durch das Fenster des Zimmers leuchteten die Sterne. Doch kaum hatte sich der Spalt in der Luft geschlossen, wurden sie wieder vom Licht der Stadt überstrahlt, das unvermittelt zurückkehrte. Das Fenster wies zum Park hinaus, und hätten die Frau, die eben zwei Kindern das Leben geschenkt hatte, oder ihr Mann, der glücklich neben ihr saß, hinausgeblickt, so hätte einer von ihnen vielleicht das ungewöhnliche Leuchten im Boden bemerkt. Nur einen Augenblick lang war es zu sehen, als würde dort ein feuriges Herz schlagen. Ein winziger Spross drückte sich im nächsten Moment aus der Erde. Er wuchs schnell, verborgen von den Kronen der großen Bäume, die ihre Äste über ihn hielten. Und tief unter ihm schlangen sich feine Wurzeln schützend um etwas, das schlief und wartete.

Auf den richtigen Tag.

Auf die richtige Stimme.

Auf seine Rückkehr.

»Schläfst du etwa, Will?«

Die Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Mühsam und unwillig fand er den Weg aus seinem Traum zurück in die Wirklichkeit.

»Nein«, log Will und unterdrückte ein Gähnen. »Mir … mir ist nur etwas ins Auge gekommen.« Er strich sich das rabenschwarze Haar aus der Stirn und rieb sich demonstrativ über das Gesicht. Dabei schenkte er Mrs Fishermen, der Biologielehrerin, sein charmantestes Lächeln. Heimlich stieß er Jacob, der neben ihm am Ufer des Sees lag, mit dem Ellenbogen gegen die Schulter. Typisch, dass Mrs Fishermen nur ihn ansprach, während sein bester Freund unbehelligt weiterschnarchen konnte.

»Dann kannst du mir«, sie deutete auf den schlafenden Jacob, »doch sicher erklären, was ihr hier macht. Oder?« Mrs Fishermen klang nicht nur streng, sie sah mit ihrem grauen Hut und den grauen Haaren darunter auch so aus.

Deutlich las Will ihr den Tadel vom Gesicht ab. Er stieß Jacob noch einmal an, und endlich regte sich sein Freund. Währenddessen lächelte Will Mrs Fishermen weiter an und nahm sein Heft und das Botanikbuch in die Hand. Beides hatte er neben sich ins Gras gelegt, ehe er die Augen geschlossen hatte.

»Wir waren gerade dabei, die Pflanzen hier am Ufer zu bestimmen«, behauptete er. Wie immer, wenn er sich aus einer Sache herausreden musste, im Grunde also täglich, vertraute er ganz auf sein größtes Talent: Worte wie aus dem Nichts zu überzeugenden Geschichten zusammenzuknüpfen. Zu Lügen.

»Und dabei haben die Herren die Augen geschlossen?« Mrs Fishermen erschien Will in diesem Moment wie eine Katze, die einen wehrlosen Vogel zum Spielen entdeckt hatte.

»Natürlich nicht.« Will blickte auf den See, als könnte er dort die nächsten Worte finden. Diejenigen, die ihn vor dem Zorn seiner Biologielehrerin retten würden. Er liebte es, wenn es ernst wurde. Wenn er die Gefahr spürte, nachsitzen zu müssen. Entwischte er der drohenden Strafe, fühlte er sich anschließend wie der Sieger in einem Spiel. Dann hatte der Vogel die Katze ausgetrickst. Schon allzu oft hatte er sich damit in Schwierigkeiten gebracht. Aber er brauchte einfach den Nervenkitzel. »Es war meine Schuld«, sagte er gespielt kleinlaut.

»Aha.« Mrs Fishermen funkelte ihn triumphierend an.

Will senkte den Kopf. »Ich war so verzaubert von den Stimmen, dass ich Jacob überredet habe, die Augen zu schließen und einmal still zu sein. Dabei sind wir eingeschlafen. Es ist mir so peinlich.«

»Stimmen?« Mrs Fishermen runzelte die Stirn, wodurch so viele Falten entstanden, dass man glauben konnte, ihr würde eine vertrocknete Rosine auf dem Hals wachsen.

»Die …« Will stockte. Verdammt, welche Tiere lebten denn auf einem See? »Die Enten«, sagte er, als gerade ein paar der Wasservögel an ihnen vorbeischwammen. Ihr Gequake hatte ihn die ganze Zeit genervt, doch seine Lehrerin schien es tatsächlich schön zu finden.

Ein verblüffter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. »Ich wusste nicht, dass du ein Ohr dafür hast.«

Will zwang sich ein Lächeln auf die Lippen und schwieg. Jede Lüge brauchte nicht nur Worte, sondern auch Pausen. Sonst redete man sich um Kopf und Kragen. Er sah zu Jacob, der sich zwar schuldbewusst erhoben hatte, doch die ganze Zeit über den Mund hielt. Kein Problem, dachte Will. Er konnte notfalls auch für zwei lügen.

Mrs Fishermen räusperte sich. »Nun, wenn das so ist.« Sie schien ein wenig unentschlossen. Ganz so leicht wollte sie die beiden offenbar nicht davonkommen lassen. »Dann wird es euch sicher nichts ausmachen, wenn ihr endlich mit den Bestimmungsübungen beginnt.« Sie deutete auf das Botanikbuch.

Will, der es nicht ein einziges Mal aufgeschlagen hatte, seit Mrs Fishermen es vor einer Woche an die Klasse verteilt hatte, nickte eifrig. Wie um alles in der Welt war sie auf die Idee gekommen, eine Exkursion in den Central Park zu veranstalten?, dachte er jedoch insgeheim. An einem so warmen Tag konnte man sich unmöglich darauf konzentrieren, Bäume und Sträucher zu bestimmen. Will war gerade dreizehn Jahre alt geworden. Und es gab ungefähr eine Million Dinge, die ihn mehr interessierten.

»Vielleicht siehst du dir da drüben die Büsche an, Jacob. Und du, Will, gehst zu den Bäumen dahinten«, schlug Mrs Fishermen vor. »Einer ist sehr ungewöhnlich. Übrigens, ich glaube, Charlotte ist schon fast fertig.«

Charlotte, natürlich. Will hatte Mühe, das Lächeln weiter auf sein Gesicht zu zwingen. Seine neunmalkluge Zwillingsschwester. Sie brach nie die Regeln. Sorgte sich eigentlich immer um Will, da er das Talent hatte, ständig in Schwierigkeiten zu geraten, und war der Liebling der Lehrer und aller anderen.

Will erspähte sie am gegenüberliegenden Ende des Sees. Sie war umringt von ihren Freundinnen. Charlotte war immer von irgendjemandem umringt und stach mit ihren hellblonden Haaren überall hervor. Es war nicht fair, dass sie gut in der Schule und schrecklich beliebt war. Wenigstens hatten die Lehrer gelegentlich Mitleid mit ihm. Vielleicht ahnten sie insgeheim, dass man als Zwillingsbruder der perfekten Charlotte immer im Abseits stand. Dieses Mitleid hatte ihn schon einige Male vor schlechten Noten bewahrt. Oder vor Strafen, wenn man seine Lügen durchschaut hatte.

Will sah kurz zu Jacob und nickte ihm verschwörerisch zu, während sich Mrs Fishermen bereits einer anderen Gruppe von Schülern zugewandt hatte, die sie antreiben wollte. Er stand auf und trottete in Richtung der Bäume. Dabei sah er auf sein Handy. Noch eine Viertelstunde, bis die Exkursion vorüber war. Er würde schnell nachsehen, wie die Bäume hießen, und dann wieder zu Jacob gehen. Vielleicht konnten sie sich hier etwas zu essen holen. Im Park gab es einen Eiswagen. Will sah sich um in der Hoffnung, ihn irgendwo zu erspähen. Dabei fiel sein Blick auf das Krankenhaus, das sich in der Nähe in die Höhe streckte. Das Mount Sinai Hospital. Jedes Mal, wenn sie mit ihrer Mutter daran vorbeikamen, musste er sich die Geschichte seiner und Charlottes Geburt anhören. Der mysteriöse Stromausfall. Den Worten seiner Mutter zufolge war alles angeblich furchtbar aufregend gewesen. Will hatte nie verstanden, was daran aufregend sein sollte, wenn das Licht ausging.

Unter den Bäumen war es schattig und kühl. Will starrte sie freudlos an, als wären sie daran schuld, dass er ihre Namen herausfinden musste. Lustlos blätterte er in seinem Buch. Meine Güte, dachte er. Die Bäume auf den Bildern darin sahen doch alle gleich aus. Was für einen Unterschied machte es, ob man wusste, wie sie hießen?

Die Bäume standen hier dicht an dicht. Der in der Mitte war etwas kleiner als die anderen und sah irgendwie seltsam aus. Will war kein Experte, wenn es um Bäume ging. Doch so einen hatte er noch nie gesehen. Der Stamm war verdreht, als hätte sich der Baum umgewandt. Die Blätter waren silbergrau und allesamt verschieden geformt. Manche spitz wie die Enden eines Pfeils, andere kugelrund.

Laute Stimmen rissen ihn aus seinen Gedanken. Zwei Männer kamen in seine Richtung. Der eine trug einen so runden Bauch vor sich her, dass er sicher nicht bis zu seinen Füßen blicken konnte. Der andere hielt eine Motorsäge in den Händen. Unter seinem Helm und dem durchsichtigen Visier rann ihm der Schweiß die Stirn herunter.

»Welcher ist es?«, fragte der Mann mit der Säge.

Sein Kollege kratzte sich am Kopf, sah auf einen Zettel und richtete dann einen suchenden Blick auf die Bäume. »Der da«, sagte er schließlich und deutete auf den seltsamen Baum.

»So einen habe ich noch nie gesehen«, brummte der Gärtner mit der Säge.

»Kommt bestimmt aus Asien oder so«, behauptete sein Kollege. »Wir sollen ihn fällen, ehe er sich hier ausbreitet und alle anderen verdrängt.«

Will blätterte in seinem Buch, während sich die Männer bereit machten.

»Junge«, sagte der Mann mit dem runden Bauch und wedelte mit seinem Zettel. »Hier wird es gleich laut und gefährlich. Ich fürchte, du musst dir einen anderen Platz zum Spielen suchen.«

Spielen? Will lag eine Erwiderung bereits auf der Zunge, dann aber schluckte er sie herunter. Ihm konnte eigentlich nichts Besseres passieren. War doch nicht seine Schuld, dass der Baum gefällt wurde, ehe er ihn oder einen der anderen bestimmen konnte.

Will wollte sich gerade abwenden, als er das Insekt bemerkte, das direkt auf die beiden Männer zuhielt. Es war ungewöhnlich groß. Vermutlich eine Libelle, dachte er sofort. Sie schwirrten zu Dutzenden um das Schilfgras am Seeufer herum. Doch dann sah er noch einmal genauer hin. Nein, es war keine Libelle. Verblüfft starrte er das … Ding an. So etwas hatte er noch nie gesehen. Unter den Zweigen des seltsamen Baums war etwas hervorgekommen, das nicht nur Flügel besaß, sondern auch den winzigen Körper eines Menschen. Lange silbergraue Haare wuchsen ihm auf dem Kopf und fielen über seine spitzen Ohren. Die Augen in dem kleinen, mädchenhaften Gesicht leuchteten golden.

Will fielen vor Verblüffung das Buch und das Heft aus den Händen. Er konnte nur dastehen und auf das geflügelte Geschöpf blicken. Es … es kam ihm aus einem Grund, den er nicht begriff, bekannt vor. Die beiden Männer bemerkten es nicht einmal. Der eine wollte gerade damit beginnen, einen Bereich um den Baum abzusperren, während der andere sich an der Motorsäge zu schaffen machte. Das Geschöpf verlangsamte seinen Flug, schlüpfte unter das Visier und klammerte sich an das Ohr des Mannes. Jetzt bemerkte er es doch und wollte es mit der Hand verscheuchen. Mitten in der Bewegung aber hielt er inne. Die Stimme, die aus dem Mund des Wesens drang, klang wunderschön. Noch nie hatte Will eine so schöne Stimme gehört. Es war, als würde es singen, während es sprach.

»Ihr seid fertig«, sagte es. Will konnte die Stimme deutlich hören, obwohl das Geschöpf unter dem Visier war. »Geht und kommt nie wieder zurück.«

Der Gärtner runzelte fragend die Stirn.

Und das Wesen redete weiter. »Ihr seid fertig«, wiederholte es. »Geht und kommt nie wieder zurück.«

Ein zweites Wesen kam unter den Ästen des seltsamen Baums hervorgeflogen. Es war wie das erste ein winziges Mädchen mit Flügeln. Seine Haare aber waren so blau wie der Himmel. Es hielt auf den anderen Mann zu, der gerade dabei war, den Zettel zusammenzufalten.

Will war zu verwirrt, um ihn zu warnen.

Als das Wesen den zweiten Gärtner erreicht hatte, sagte es dieselben Worte. Wie verzaubert sahen die beiden Männer einander an, während das erste Geschöpf unter dem Visier herausflog.

»Wir sind fertig«, wiederholten die Arbeiter wie im Chor. »Wir gehen und kommen nie wieder zurück.«

Die beiden Wesen machten daraufhin kehrt und flogen unter die Äste des Baums. Erst jetzt bemerkte Will, dass dort eine so tiefe Dunkelheit herrschte, dass seine Augen sie nicht durchdringen konnten und die Äste nur schemenhaft zu erkennen waren. Die Wesen wurden von ihr verschluckt und … verschwanden.

Will machte ein paar Schritte auf den Baum zu, während die Männer damit begannen, ihre Sachen wieder einzupacken. »Entschuldigen Sie«, sagte er.

Der Mann mit dem runden Bauch blickte ihn an, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. »Ja?«, meinte er kurz angebunden.

»Haben Sie das auch gerade gesehen?«

»Was denn?«

Will kam sich furchtbar dumm vor, als er den Satz in Gedanken formulierte. Die beiden geflügelten Wesen mit den schönen Stimmen?

»Junge«, sagte der Gärtner zu ihm. »Wir müssen los. Halt uns bitte nicht auf.«

»Aber«, Will deutete auf den Baum, »Sie wollten ihn doch fällen.«

Der Mann starrte auf den Baum und dann auf Will. »Haben wir doch«, erwiderte er und schenkte Will dabei einen nachdenklichen Blick. »Zu viel Sonne abbekommen, hm?«

»Aber …« Will schloss den Mund, ohne den Satz zu beenden, während sich der Mann kopfschüttelnd von ihm abwandte und seinem Kollegen das Zeichen zum Aufbruch gab.

»Wir sind fertig und kommen nie wieder zurück.«

Sprachlos blickte Will ihnen nach. Dann sah er zu dem Baum.

Und auf einmal hörte er eine Stimme. Sie war anders als die der beiden Wesen. Nicht jung und schön. Sondern alt und tief. Er konnte nicht einmal sagen, ob er sie mit den Ohren hörte oder ob sie einfach direkt in seinem Kopf erklang.

Komm. Komm nach Hause.

Mit einem Mal wurde Will kalt. Es war, als hätte die Sonne aufgehört zu scheinen. Er sah nur noch den Baum. Nichts anderes mehr gab es auf der Welt für ihn.

Komm. Komm nach Hause.

Er bemerkte, dass er unbewusst auf den Baum zugegangen war. Die Finsternis unter den Blättern malte eine Grenze auf das Gras. Er musste nur einen Schritt machen, um sie zu übertreten. Will schüttelte den Kopf, als wollte er Nein sagen.

Komm. Komm nach Hause.

Er stolperte zurück und fiel. Schnell rappelte er sich hoch und lief. Er lief so schnell wie noch nie in seinem Leben. Und als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, war er auf der anderen Seite des Sees.

Vor ihm stand Mrs Fishermen.

»Will!«

Sein Name hörte sich wie eine Anklage an. Doch nach dem, was er gerade erlebt hatte, war Will viel zu froh, sie zu sehen, um sich daran zu stören.

»Mrs Fishermen, wie wunderbar Sie aussehen.« Er bemerkte die Blicke seiner Klassenkameraden. Sie standen hinter seiner Lehrerin. Offenbar hatte sie gerade alle zusammengerufen.

»Wo ist dein Buch?« Wenn es etwas gab, das Mrs Fishermen noch weniger leiden konnte als unaufmerksame Schüler, dann waren es unaufmerksame Schüler, die schlecht mit ihren Schulbüchern umgingen.

»Es … ich habe es verloren.« Er sah kurz zu dem Baum und schüttelte unwillkürlich den Kopf. Nein, da würde er nicht noch einmal hingehen. Aus dem Augenwinkel sah er, dass einige seiner Freunde nur mühsam ihr Lachen unterdrücken konnten. Vermutlich glaubten sie, dass sich Will über ihre Lehrerin lustig machen wollte.

Dummerweise schien sie das ebenfalls zu glauben. »Verloren?«

»Die … die Feen.« Ja, es mussten Feen gewesen sein. Oder irgendetwas in der Art, so unglaublich sich das auch anhören mochte. Leider klang das nicht nur unglaublich, sondern auch nach einer wirklich dummen Lüge. »Hatte ich schon gesagt, wie sehr ich mich darüber freue, Sie zu sehen?«, versuchte er es. Sein Satz wurde mit jedem Wort leiser, bis ihm das letzte auf den Lippen erstarb.

»Feen? Hattest du ihre Stimmen am See gehört?« Mrs Fishermen war wieder die Katze. Und diesmal würde sie den Vogel nicht entwischen lassen. »Nun, es wird dich sicher freuen, wenn du mich noch ein wenig länger ansehen kannst. Nachsitzen. Du kannst die Schulbibliothek sortieren. Da gibt es Bücher über Feen. Märchenbücher.«

Es dämmerte bereits, und Will war noch unterwegs. Die Straßen waren am Abend so voller Menschen, dass sein Weg von der Schule in Manhattan bis zu ihrer Wohnung in East Harlem deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen hatte als üblich. Immerhin konnte er die U-Bahn nehmen, und selbst auf dem letzten Stück zu Fuß war er schneller gewesen als die Autofahrer, die im für New York üblichen Stau standen.

Wütendes Hupen erfüllte die Luft. Der Duft zahlloser Imbissbuden stieg Will in die Nase und ließ seinen Magen knurren. Er seufzte, als er endlich vor der Haustür stand. An normalen Tagen war er deutlich früher zu Hause. Schon die Exkursion hatte lange gedauert. Und dann hatte er zwei Stunden in der Bibliothek unter dem strengen Blick von Mrs Fishermen damit zubringen müssen, zurückgegebene Bücher wieder in die Regale einzusortieren. An sich war es nicht sonderlich schlimm für ihn, Zeit dort zu verbringen. Er fühlte sich wohl zwischen all den Büchern. Er konnte nicht sagen, ob es der Duft des Papiers war, der ihm so gefiel. Oder die Erinnerung daran, dass er als kleines Kind oft bei seinem Vater gesessen hatte, der umringt von Büchern gewesen war. Eine Erinnerung, die längst so blass wie ein altes Foto war. Sein Vater, der Geschichtenerzähler.

Will schloss die Haustür auf. Die kleine Wohnung, die er mit seiner Mutter und Charlotte bewohnte, war im Grunde viel zu teuer für sie. Die Mieten in New York waren so hoch, als wären die Wohnungen mit Gold getäfelt, und ihre Mutter arbeitete hart, um sich ihr Zuhause leisten zu können. Will war dankbar, dass sie nicht fortziehen mussten. Es gab keinen anderen Ort auf der Welt, an dem er leben wollte. Vielleicht lag es daran, dass er nur hier das Gefühl hatte, seinem Vater wenigstens etwas nahe zu sein. Ein Gefühl, das ihm die zahllosen Bücher schenkten, mit denen sich Charlotte, ihre Mutter und er die Wohnung teilen mussten.

Viele waren von Wills Vater. Sie waren überall. Selbst in der Küche fanden sich einige von ihnen. Sein Vater hatte laut Wills Mutter oft in ihnen gelesen, und den meisten war das auch anzusehen, so mitgenommen sahen sie aus. Doch mit noch größerer Leidenschaft hatte er geschrieben. Diese Bände nahm Will nur heimlich zur Hand. Seine Mutter ermahnte ihn stets, vorsichtig zu sein, wenn er es vor ihren Augen tat. Die Bücher waren die lebendigste Erinnerung an seinen Vater. Wie viele Jahre war es her, dass er aus ihrem Leben verloren gegangen war?, dachte Will, während er die Treppen zur Wohnung hinaufstieg. Zu viele. Will und Charlotte waren noch nicht mal in der Schule gewesen. Von dem Unfall sprach ihre Mutter schon seit Jahren nicht mehr.

»Will«, begrüßte sie ihn, als er jetzt zur Wohnungstür hereinkam. Sie klang beinahe ebenso wie seine Lehrerin. Doch im nächsten Moment seufzte sie und strich ihm über die Haare. Wenn seine Mutter eines nicht sein konnte, dann streng. Sie war die vermutlich liebevollste Person auf der Welt.

Und Will fühlte sich jedes Mal schrecklich, wenn er sie enttäuschte.

»Es gibt gleich Abendessen. Und dann erzähl, weshalb dich der alte Drache so lange in der Schule behalten hat.«

Der Abend war noch warm. Die Fenster in der Küche standen offen, und von draußen drang der allgegenwärtige Lärm der Stadt zu ihnen herein. An der Wand hing noch die bunte Girlande, die ihre Mutter jedes Jahr an ihrem Geburtstag aufhängte. Ihre einstmals bunten Farben waren mit der Zeit allesamt verblasst, und Will fand, dass sie nicht mehr recht zu ihnen passte. Immerhin waren Charlotte und er gerade dreizehn Jahre alt geworden.

Er kippelte auf seinem Stuhl, während ihre Mutter den Brotkorb auf den Tisch stellte. Charlotte saß ihm wie immer gegenüber und musterte ihn aufmerksam wie eine Katze. Sie hatte dieselben hellblonden Haare wie ihre Mutter, doch das Gesicht hatten Will und sie von ihrem Vater.

»Will muss etwas Furchtbares erlebt haben«, meinte Charlotte unschuldig, als sich ihre Mutter zu ihnen gesetzt hatte.

Wunderbar, dachte er. So viel dazu, seiner Mutter die Geschichte zu erzählen, die er sich auf dem Weg nach Hause bereits zurechtgelegt hatte. Er warf Charlotte einen vorwurfsvollen Blick zu und las ihr von der Stirn ab, dass ihr Kommentar alles andere als beiläufig gewesen war. Sonst war er es, der sie ärgerte. Seine furchtbar perfekte Schwester aber hatte in den vergangenen Monaten bedauerlicherweise einiges dazugelernt.

»Er sah ganz erschrocken aus«, fuhr Charlotte ungerührt fort.

Will versuchte, sie heimlich zu treten, doch er erwischte nur ein Tischbein.

»Also, was ist passiert?«, wollte seine Mutter wissen. »Und keine Geschichten, Will!« Selbst wenn sie sich bemühte zu schimpfen, klang sie, als wollte sie Will trösten. Sie seufzte. Wie immer machte sie sich Sorgen um Will. Sie wusste, dass er zu oft log. Dass er sich einen Spaß daraus machte, sich aus scheinbar ausweglosen Situationen herauszureden. »Nur die Wahrheit.« Seine Mutter hob mahnend eine Augenbraue.

Will nickte. Dabei konnte er manchmal nicht anders, als etwas zu erzählen, das gerade in seinem Kopf Gestalt annahm. Es war, als würden sich die Worte von selbst für Will zusammenfinden. Und meist klangen sie gut.

»Na schön«, meinte er schulterzuckend. »Dann eben die Wahrheit.«

»Erzählst du ihr von den Feen?«

Will erwartete, dass seine Mutter amüsiert sein würde. Doch sie sah ihn mit einem Ausdruck auf dem Gesicht an, der ihm fremd war. Er konnte nicht sagen, ob sie nur verwirrt oder gar ein wenig schockiert war.

»Natürlich waren es keine Feen.« Er warf Charlotte einen genervten Blick zu. Die Sache war ihm ziemlich peinlich. Er hatte so ängstlich gewirkt wie ein kleines Kind, das sich vor seinem eigenen Schatten erschrocken hatte. Und die ganze Klasse hatte es mitbekommen. Dieser Vorfall würde ihm sicher noch ein volles Jahr nachhängen. Mindestens.

»Du hast von Geschöpfen erzählt, die halb Mensch und halb Vogel waren«, beharrte Charlotte.

Verdammt, dachte Will. Er hätte sich ihr auf dem Rückweg zur Schule nicht anvertrauen sollen. Er trat noch einmal nach ihr. Und nun traf er.

Doch seine Schwester tat ihm nicht den Gefallen, aufzuhören und sich mit ihm zu streiten. Sie lächelte ungerührt und rutschte einfach mit dem Stuhl nach hinten, bis sie außerhalb der Reichweite seiner Beine war. »Und sie sind um diesen Baum herumgeflogen. Haben sie nicht auch noch gesungen?«

»Welcher Baum?«, fragte ihre Mutter. Sie wirkte äußerlich wieder gefasst, doch ihr Ton klang ungewohnt. Beinahe fremd.

»Im Park. Wir waren am See. Dort, wo man auf das Krankenhaus schauen kann.«

Ihre Mutter nickte beiläufig und lächelte sie an. Es war das Lächeln, das sie meistens Will schenkte, wenn sie seinetwegen eigentlich verärgert war, es aber nicht offen zeigen wollte. Doch nun schien sie etwas anderes darunter zu verbergen. Keine Wut. Da war sich Will sicher. Aber er konnte auch nicht sagen, was es stattdessen war.

»Der Baum war echt seltsam«, sagte er, um das Gespräch von der peinlichen Sache mit der Fee fortzuziehen. »So einen habe ich noch nie gesehen.« Er ignorierte Charlottes spöttische Bemerkung, ob er nebenbei als Gärtner jobben würde, und fuhr fort. »Unter seinen Blättern war es ganz dunkel. Und irgendein komisches Insekt ist von dort über das Gras geflogen. Es sah echt … seltsam aus.« Das war fast nicht gelogen. Natürlich war es kein winziges fliegendes Mädchen mit spitzen Ohren gewesen. Vermutlich hatte er tatsächlich nur ein ungewöhnliches Insekt gesehen. Und für alles andere gab es sicher auch eine Erklärung. Hoffentlich.

Seine Mutter sah ihn einen Moment nachdenklich an. »Geht dort bitte nicht mehr hin«, sagte sie entschieden.

»Warum?«, wollte er wissen.

»Weil es Insekten gibt, die Krankheiten übertragen können«, erwiderte sie ein wenig zu schnell für seinen Geschmack. Und dann sagte sie nichts mehr, bis sie aufgegessen hatten.

Später, als es längst dunkel geworden war, lag er wie immer, wenn er über etwas wütend war, auf seinem Bett und las in einem alten Notizbuch. Es hatte einmal seinem Vater gehört, und jedes Mal drohten die Seiten sich vom Einband zu lösen, wenn Will eine von ihnen umblätterte. Seine Mutter wusste nicht, dass er es in seinem Zimmer hatte. Vor zwei Jahren hatte er es heimlich aus der Kiste gezogen, in der sie einige Erinnerungsstücke an seinen Vater aufbewahrte.

Es war arg mitgenommen, und einige Seiten darin fehlten. Die dreizehn Feenkreiszeichen Fabulas. Gesehen und beschrieben von Philipp Grimm. Will hatte sich oft gefragt, was Fabula war. Ein Land, das sich sein Vater ausgedacht hatte? Der Name kam in keinem anderen Buch vor, das es in dieser Wohnung gab. Nicht alle Seiten enthielten nur Worte. Auf einigen hatte sein Vater Geschöpfe gezeichnet. Es waren allesamt Fabelwesen. Zwerge. Dschinnen. Und … Sirenenelfen.

Erst als Will in das Buch gesehen hatte, war ihm bewusst geworden, weshalb ihm das Wesen vom Baum so bekannt vorgekommen war. Sicher hatte er es sich nur eingebildet, weil er schläfrig gewesen war und sich an die Zeichnung hier aus dem Buch erinnert hatte. Oder? Natürlich. Er hatte ein Insekt gesehen. Und keine Sirenenelfe. Ein seltsamer Name war das, der in der feinen, fast kunstvollen Schrift seines Vaters unter dem Bild stand.

Da klopfte es an Wills Tür, und er schob hastig das Buch unter sein Kopfkissen. »Ja?«, brummte er.

»Himmel«, sagte seine Mutter, als sie die Tür öffnete und einen Blick in sein unaufgeräumtes Zimmer warf, »du musst dringend für Ordnung sorgen.«

»Ja, ja«, erwiderte Will.

»Sei nicht wütend auf Charlotte. Sie wollte dich nur … ärgern.«

»Ja, ja«, erwiderte Will noch einmal. Verdammt, seine Mutter konnte in ihm lesen wie in einem Buch. Das war manchmal nicht ungefährlich. Er warf ihr einen verstohlenen Blick zu und bemerkte, dass sie eine Jacke in der Hand hatte.

»Gehst du noch mal weg?«, fragte er beiläufig, während er demonstrativ sein Handy aus der Hosentasche zog, um ihr zu zeigen, dass er beschäftigt war. Er wollte insgeheim weiter im Buch seines Vaters blättern. Was um alles in der Welt war eine Sirenenelfe? Er wusste natürlich, dass es solche Wesen nicht gab. Und doch wollte er mehr über sie wissen.

»Ich habe heute Nachtdienst«, meinte sie, während sie zurück in den Flur trat und nach ihrer Handtasche griff, die neben der Garderobe auf dem Boden stand.

Will runzelte die Stirn. Ihre Mutter arbeitete in dem Krankenhaus, in dem sie zur Welt gekommen waren, als Pflegerin. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie gelegentlich nachts Dienst hatte. Die späten Stunden wurden besonders gut bezahlt. Doch normalerweise musste sie nur eine Woche im Monat die Spätschicht übernehmen. Und wenn sich Will nicht irrte, hatte sie diese Woche gerade hinter sich gebracht.

»Ich habe für heute getauscht«, sagte sie, als hätte sie Will die Gedanken vom Gesicht abgelesen. »Macht euch morgen bitte selbst Frühstück. Vermutlich komme ich erst mittags wieder. Ich kann mich doch auf euch verlassen?«

»Natürlich«, erwiderte Will. Er war sich sicher, dass ihre Mutter diese Frage nicht der vernünftigen Charlotte gestellt hatte.

»Wunderbar«, meinte seine Mutter, kam in sein Zimmer und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Will hasste das. Normalerweise war er schnell genug, um auszuweichen. Aber er lag auf seinem Bett und hatte keine Chance zu entkommen. »Übrigens, ich glaube natürlich nicht an Feen«, sagte er, ehe seine Mutter sein Zimmer wieder verließ. »Das … das hat sich Charlotte nur ausgedacht.« Und ich glaube auch nicht an Sirenenelfen, schob er in Gedanken hinterher.

»Natürlich.« Seine Mutter lachte künstlich. »Niemand glaubt an Feen«, sagte sie ein wenig schrill und schloss die Tür hinter sich.

Will wartete noch, bis er die Wohnungstür zufallen hörte. Dann zog er das Notizbuch seines Vaters hervor und schlug die Seite mit den Sirenenelfen auf. Er holte sich ein Blatt und einen Bleistift von seinem Schreibtisch und legte sich wieder aufs Bett. Wenn er sich anstrengte, konnte er fast genauso gut zeichnen wie sein Vater.

»Niemand glaubt an Feen«, wiederholte er den Satz seiner Mutter. Irgendwie, fand er, klang das absolut falsch.

Der nächste Schultag endete für Will und Charlotte früher als üblich. Gleich die letzten zwei Stunden fielen aus, da ihr Mathelehrer ebenso erkrankt war wie Mrs Fishermen. Will war das mehr als recht. Mathe mochte er noch weniger als die Stunden bei seiner Biologielehrerin.

Die Sonne schien so fröhlich vom Himmel, als wollte sie alle Erinnerungen an dunkle Schatten unter Bäumen, körperlose Stimmen und erst recht geflügelte Mädchen aus Wills Kopf vertreiben. Abgesehen von ein paar blöden Bemerkungen seiner Freunde hatte sich die ganze Sache viel schneller wieder erledigt, als er gedacht hatte. Die meisten glaubten, er habe mit seiner Geschichte über Feen lediglich Mrs Fishermen hinters Licht führen wollen. Und die Strafe, die er dafür erhalten hatte, bewies in den Augen der anderen nur, wie sehr sich ihre Biologielehrerin auf den Arm genommen vorgekommen war. So ertrug er selbst Charlottes klägliche Versuche, ihn noch weiter mit der Sache aufzuziehen.

»Guck mal«, sagte sie und deutete auf die andere Straßenseite.

Dort lag der Park, und Will konnte sogar die Baumgruppe erkennen, bei der er das seltsame Wesen gesehen hatte.

»Meinst du, heute ist Feenwetter?«, fragte Charlotte und sah prüfend in den Himmel. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite, um ihm ein Lachen zu entlocken.

Es war ein lahmer Scherz, und Will würdigte ihn lediglich mit einem schmalen Lächeln. Und dennoch … Die Erinnerung an das, was er bei dem Baum erlebt hatte, war nicht ganz aus seinem Kopf verschwunden. Was, wenn er einmal nachsah? Nur zur Sicherheit? Er kam sich verrückt vor. Und entschied sich dennoch dafür, ein weiteres Mal zu dem Baum zu gehen. Vielleicht musste er einfach sehen, dass dort nichts Seltsames vor sich ging, um ganz und gar überzeugt zu sein.

»Was ist?« Charlottes Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie deutete auf die grüne Ampel. »Wir müssen noch für Mum die Sachen aus der Reinigung abholen.«

»Mach du das ruhig allein. Ich … ich habe mein Mathebuch in der Schule vergessen.« Etwas Besseres fiel Will auf die Schnelle nicht ein.

»Was vergisst du eigentlich nicht?« Charlotte klang wie seine Mutter. Sie schienen sich beide immer um ihn zu sorgen, als wäre er fünf Jahre alt.

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Wir sehen uns gleich.« Will machte kehrt und wartete, bis Charlotte kopfschüttelnd außer Sichtweite war. Dann lief er zum Eingang in den Park. Es war nicht viel los, und Will ging gedankenverloren bis zu der Baumgruppe.

Verwundert blieb er am Ufer des nahen Sees stehen. Da war der seltsame Baum. Er schien größer geworden zu sein und die anderen ein wenig zu überragen. Aber gestern war er doch kleiner als sie gewesen. Oder? Will starrte ihn an. Und erkannte nichts Ungewöhnliches. Natürlich nicht. Er kam sich sofort unsagbar dumm vor. Hatte er ernsthaft geglaubt, eine Elfe würde ihm entgegenflattern und sich auf seine Schulter setzen?

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als er ein paar Jugendliche bemerkte, die auf der Wiese neben den Bäumen Fußball spielten. Einer schoss den Ball versehentlich zu weit, und er rollte unter den Baum in der Mitte. Die Schatten waren dort so tief, dass er regelrecht von ihnen verschluckt wurde. Als der Junge, der geschossen hatte, angelaufen kam, erschien zu Wills Überraschung in der Tat ein Geschöpf, das es nicht geben durfte. Eines, das er schon einmal gesehen hatte. Und das sein Vater in sein Notizbuch gezeichnet hatte.

»Eine Sirenenelfe«, wisperte er.

Hastig drückte Will sich hinter das Schilfgras, das am Ufer des Sees wuchs. Erst als er sich gut verborgen fühlte, bemerkte er, dass er mit einem Fuß im Wasser stand. Aber er war viel zu aufgeregt, um sich daran zu stören. Er hatte sich die Elfen nicht eingebildet! Er war sich sicher, dass es eine von denen war, die er schon einmal gesehen hatte.

Der Baum war zu weit entfernt, um etwas zu hören. Doch Will sah ganz deutlich das Wesen, das auf den Jungen zuflog. Auch der bemerkte es nun. Ehe er aber reagieren konnte, war die Sirenenelfe bei ihm und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Der Junge nickte und machte kehrt. Schulterzuckend ging er zu seinen Freunden zurück, wechselte ein paar Worte mit ihnen, und dann verließ die Gruppe die Wiese.

Zurück blieb Will, der ihnen hinterherguckte und nicht glauben konnte, was er gerade erlebt hatte. Es gab sie doch. Sirenenelfen. Was aber waren diese Elfen eigentlich? Und warum versuchten sie, Menschen von dem Baum fernzuhalten? Woher kamen sie überhaupt? Und wie hatte sein Vater von ihnen wissen können? Und …

Will atmete einmal tief ein und wieder aus, um nicht durchzudrehen. Die Sirenenelfe hatte nicht gefährlich ausgesehen. Will wandte den Blick wieder zurück zum Baum. Die Elfe war verschwunden. Er konnte nirgends eine Spur von ihr entdecken. Vermutlich hatte sie sich wieder unter die Schatten zurückgezogen. Will überlegte. Er konnte einfach nach Hause gehen und mit Charlotte über das hier sprechen. Gut, normalerweise würde er ihr so etwas nicht anvertrauen, sonst würde sie sich nur wieder über ihn lustig machen. Aber das hier war keine normale Situation. Er dachte an das Buch ihres Vaters. Irgendwie betraf es sie ja auch.

Will wollte gerade sein Versteck im Schilf verlassen, als er innehielt. Verdammt, er konnte doch nicht einfach gehen, ohne wenigstens einen Blick in den Schatten unter dem Baum zu werfen. Vielleicht hatte sein Vater die Sirenenelfen vor vielen Jahren hier am See entdeckt. Hatte sie beobachtet und gezeichnet. Und wenn er sich zu dem Baum getraut hatte, musste Will das doch auch tun. So leise er konnte, schlich er über das Gras. Sein nasser Schuh verursachte dabei jedoch Geräusche, als säße ein quakender Frosch darin.

Der Schatten war für seine Augen nicht zu durchdringen. Er war so schwarz, als würde sich die Nacht unter der Krone dieses seltsamen Baums zusammenballen. Was, wenn dort nicht nur Sirenenelfen lebten? Mit einem Mal dachte Will auch an die anderen Geschöpfe und Figuren aus dem Buch seines Vaters. Da war ein Mann mit einem Bogen. Ein Zwerg. Ein Zentaur, der einen Menschenkopf und einen Pferdekörper besaß. Und eine furchterregende Frau, deren Haare wie Schlangen aussahen. Je länger er nachdachte, desto mehr Wesen fielen ihm ein. Den meisten der Geschöpfe wollte er nicht begegnen. Weder hier noch an einem anderen Ort. Andererseits war kaum zu erwarten, dass er unter dem Baum eine Märchenwelt finden würde.

Der Schatten breitete sich bis auf den Rasen aus. Genau an seinem Saum blieb Will stehen und lauschte. Diese Elfen mussten doch ein Geräusch machen. Ein Summen. Oder ein Flüstern. Oder …

Komm. Komm nach Hause.

Will stolperte zurück und fiel über seine Füße. Fassungslos und mit klopfendem Herzen lag er im Gras und starrte auf den Baum. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sich im Stamm ein Mund aufgetan hätte. Die Stimme hatte er schon einmal hier gehört. Sie war alt und tief, und wieder war sich Will nicht sicher, ob er sie mit den Ohren hörte oder ob sie direkt in seinem Kopf erklang.

Komm. Komm nach Hause.

Wills Mund klappte auf, doch kein Wort kam über seine Lippen. Er rappelte sich hoch und glaubte, eine winzige Gestalt in dem Schatten zu erkennen, die ihn überrascht anblickte.

Ein Mädchen mit Flügeln.

Vielleicht bin ich doch nicht so mutig wie mein Vater, dachte er bei sich. Aber das hier war auch total verrückt. Er drehte sich um. Und dann rannte er – gerade so schnell, dass es nicht aussah, als hätte er Angst – nach Hause.

»Ist alles in Ordnung bei dir?« Charlotte schleppte eine Tasche mit den Sachen aus der Reinigung mit sich.

»Klar«, behauptete er schwer atmend. Er war noch immer außer Puste, obwohl er bereits seit fünf Minuten vor der Tür in ihr Haus stand und versuchte, sein wild schlagendes Herz zu beruhigen.

Er hatte wie fast immer vergessen, seinen Schlüssel mitzunehmen.

Er hatte auf seine Schwester warten müssen.

Und gar nichts war klar.

Eine Sirenenelfe. Und eine körperlose Stimme. Er wollte es Charlotte sagen. Aber er konnte nicht. Es klang selbst in seinen Ohren zu verrückt. Wie sollte es sich da erst für sie anhören?

»Hast du dein Buch geholt?«, fragte Charlotte.

»Was?« Will sah sie verwirrt an.

»Und was ist mit deinem Schuh passiert?«

Will folgte ihrem Blick. Seinen nassen Fuß hatte er völlig vergessen. »Keine Ahnung«, murmelte er.

»Man muss eigentlich immer auf dich aufpassen«, meinte seine Schwester kopfschüttelnd, drückte ihm die Tasche in die Hand und schloss die Tür auf. Im Hausflur trafen sie auf Mrs Moor. Sie war in Wills Erinnerung schon immer alt gewesen und steckte ihm stets Bonbons zu, wenn sie sich begegneten. Sie blieb auch jetzt bei Wills und Charlottes Anblick stehen und kramte umständlich in der Tasche ihres dunkelblauen Mantels, den sie zu jeder Jahreszeit trug.

»Hier, nehmt«, krächzte sie heiser wie ein Papagei. »Aber erzählt es nicht dieser komischen Frau.«

Verwundert sahen sich Will und Charlotte an, während sie die Bonbons heimlich in ihren Hosentaschen verschwinden ließen.

»Welche komische Frau?«, fragte Wills Schwester.

»Na die, die eure Mutter zu euch geholt hat. Eine selten unhöfliche Person.« Mrs Moore schnaubte verärgert, dann kniff sie Will in die Wange, wie sie es jedes Mal tat. Er ließ es wie immer über sich ergehen.

Als sich die Zwillinge schließlich von ihr verabschiedet hatten, stiegen sie die Treppe bis zu ihrer Wohnungstür in der zweiten Etage hinauf.

»Hast du eine Ahnung, wen sie meint?«, fragte Will.

»Überhaupt nicht«, erwiderte Charlotte. »Vielleicht eine Fee?« Sie stieß ihm wieder den Ellenbogen in die Seite, doch diesmal war Will noch weniger zum Lachen zumute als das Mal zuvor.

Die Tür war nicht abgeschlossen. Entweder hatte sich Mrs Moore geirrt und ihre Mutter war schon wieder da, oder …

Will hörte das Klappern von Tellern in der Küche, als sie in den Flur traten. Die Tür des Küchenschranks, die immer so furchtbar quietschte, wurde geöffnet. Wieder das Klappern. Ein leiser Fluch. Das war nicht ihre Mutter.

Will sah sich im Flur um. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter stand offen. Kleider lagen auf dem Bett. Er legte einen Finger an die Lippen und bedeutete Charlotte mitzukommen.

Sie schüttelte den Kopf, doch er stellte die Tasche neben sich ab und ging, so leise er konnte, auf die Küchentür zu. Widerwillig folgte Charlotte ihm. Die Frau, die sie durch den Türspalt sahen, wandte ihnen den Rücken zu. Sie kramte gerade in einer der Schubladen des Schranks und schien etwas zu suchen. Es war eine Fremde. Mrs Moore hatte also keinen Unsinn erzählt. Die Frau bemerkte sie nicht, so sehr schien sie mit ihrer Suche beschäftigt.

Will war sicher, dass er kein Geräusch gemacht hatte. Die Frau aber hielt mit einem Mal inne und … schnüffelte. Dann fuhr sie so abrupt herum, dass Will erschrocken einen Schritt nach hinten stolperte und dabei gegen seine Schwester stieß. Sie fielen beide zu Boden.

Die Tür wurde ganz aufgerissen, und die Frau stand im Türrahmen. Ihre Haare waren so schwarz, als hätte die Nacht sie gefärbt. In ihrem scharf geschnittenen Gesicht, das so alterslos war, dass Will nicht sagen konnte, ob sie dreißig oder dreihundert Jahre alt war, steckte eine kurze schmale Nase. Mit kieselgrauen Augen musterte die Frau sie.

»Ihr müsst Will und Charlotte sein.« Das Lächeln, das sie aufsetzte, sah aus, als hätte sie ihre Lippen noch nie auf diese Weise verzogen.

Ein seltsamer Duft umgab sie, der Will an einen Wald erinnerte. Und zwar an einen ziemlich muffigen.

Die Frau half ihnen beim Aufstehen. »Bitte entschuldigt«, sagte sie freundlich, »ich wollte euch nicht erschrecken. Ich bin Alecto. Eure Mutter hat mir schon so viel von euch erzählt. Aber sie hat nicht gesagt, dass du fast schon ein Mann bist. Und du«, sie musterte Charlotte, »bist ebenso schön wie Lyana.«

Lyana. Will hatte den echten Namen ihrer Mutter seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört. Sie selbst benutzte einen anderen, wenn sie sich vorstellte. Theresa. Will und Charlotte gegenüber sagte sie stets, dass er einen hübscheren Klang besäße und sie immer schon so hatte heißen wollen.

»Sicher fragt ihr euch, was die fremde Frau in eurem Heim macht.« Alecto hatte während des Sprechens nicht aufgehört zu lächeln, was Will ziemlich gruselig fand. Er warf Charlotte einen verstohlenen Blick zu. Sie beide mochten sich oft streiten. Doch sie verstanden einander ohne Worte, wenn sie es wollten. Er konnte ihr problemlos die Gefühle vom Gesicht ablesen. Sie war ebenfalls misstrauisch. Und … geschmeichelt. Ebenso schön wie Lyana. Ihre Mutter war wirklich schön. Kein Wunder, dass Alectos Worte ihr gefielen.

»Wo ist unsere Mutter?«, fragte Charlotte, während die Frau beiläufig die Schublade des Schranks schloss.

»Sie musste verreisen«, sagte sie. Das Lächeln verschwand nicht, als wären ihre Gesichtszüge eingefroren. »Beruflich.« Das Wort klang aus ihrem Mund, als hätte sie es auswendig gelernt und würde dessen Sinn nicht ganz verstehen. »Ich bin eine Bekannte eurer Mutter. Wir arbeiten zusammen.«

»Im Krankenhaus?«, fragte Will.

Alecto nickte. »Im Krankenhaus.« Auch dieses Wort betonte sie seltsam. Als hätte sie es zuvor noch nie ausgesprochen. »Sie hat mich gebeten, auf euch aufzupassen, während sie fort ist.« Ihr Blick fiel auf die offene Tür des Küchenschranks. »Ich muss mich zurechtfinden.« Sie griff in eine Tasche ihres pechschwarzen Kleides und zog einen Brief hervor. »Hier.«

Charlotte wollte nach dem Brief greifen, doch Will war schneller. Der Brief war von ihrer Mutter, Will erkannte die Schrift wieder. Viel stand nicht darin. Nur dass sie dringend wegmusste und dass sich ihre Kollegin Alecto um sie kümmern würde. Stirnrunzelnd reichte er Charlotte das Papier.

»Das ist … überraschend«, meinte er, während Charlotte las.

»Wir werden uns sehr gut verstehen. Ihr müsst mir zeigen, wo ich alles finde. Alles, hört ihr?«

Will hob eine Augenbraue und sah dabei zu Charlotte. Er versuchte, ihr mit seinem Blick zu sagen, dass hier etwas nicht stimmte.

»Ihr helft mir doch, oder?«, wollte Alecto wissen.

Meine Güte, dachte Will. Nahm sie das Lächeln eigentlich gar nicht mehr aus dem Gesicht?

»Natürlich«, sagte Charlotte sofort. Diesmal war sie es, die ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. Alles klar, dachte er, sie wollte Alecto nur etwas vormachen.

Will war sicher, dass Alecto log. Er wusste selbst nicht, warum. Vielleicht hatte er sich schon so oft in seinem Leben Lügengeschichten ausgedacht, dass er hier eine vermutete.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes, Alecto?«, fragte Charlotte betont hilfsbereit.

»Bitte duzt mich, ja? Nun, gibt es hier ein kleines, unscheinbares Ding?«, erwiderte sie. »Eine Art Stock. Silbern. So groß wie ein Menschena… äh, wie ein Arm.«