Flammenwüste - Der feuerlose Drache - Akram El-Bahay - E-Book

Flammenwüste - Der feuerlose Drache E-Book

Akram El-Bahay

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Beschreibung

DIE VÖLKER DER WÜSTE SAMMELN SICH FÜR EINE LETZTE SCHLACHT Der dunkle Magier Nyan hat es geschafft: Er hat das erste aller Worte an sich gebracht, den Ursprung aller Magie. Doch noch ist er geschwächt, noch gibt es eine letzte Chance, ihn zu besiegen, bevor er die Macht des Wortes zur Gänze nutzen kann. Und so ziehen die freien Völker der Wüste in einem verzweifelten Aufbäumen gegen die Festungsstadt Mât. Eine schreckliche Schlacht entbrennt. Drache kämpft gegen Drache, Bruder gegen Bruder. Und nur ein undenkbares Opfer kann den Sieg bringen ... DAS GRANDIOSE FINALE DER PREISGEBRÖNTEN FLAMMENWÜSTE-TRILOGIE

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Seitenzahl: 760

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

1. Die Stimme des Anderen

2. Ein Köder

3. Ein feuriger Weg

4. Die Muwallad

5. Der richtige Moment

6. Die verschlossene Tür

7. Sturmreiter

8. Zuhause

9. Die letzte Seite

10. Exil

11. Vier Fische

12. In den Höhlen der Dschinnen

13. Der brennende Ifrit

14. Verlorener Ort

15. Ein neuer Krieg

16. Das Gesicht des Vaters

17. Totes Meer

18. Die Dunkle Halle

19. Durch die Hintertür

20. Ein Held wird geboren

21. Das einsame Grab

22. Die Tänzerin

23. Der Anfang vom Ende

24. Tag und Nacht

25. Der Schrecken aus der Tiefe

26. König der Schatten

27. Der Moment, in dem die Welt stehen blieb

28. Ein alter Diener

29. Das letzte Feuer

30. Die Seele eines Ifriten

31. Am Ende aller Wege

Epilog

Glossar

Über den Autor

Akram El-Bahay hat seine Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht: Er arbeitet als Journalist und Autor. Als Kind eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter ist er mit Einflüssen aus zwei Kulturkreisen aufgewachsen. Dies spiegelt sich auch in seiner Flammenwüste-Trilogie wider: klassische Fantasy-Geschichten um Drachen und Magie, die ebenso sehr an den »Herrn der Ringe« wie an orientalische Märchen erinnern. Seine Romane waren für mehrere Preise nominiert, er gewann u.a. den Seraph-Literaturpreis für das beste Fantasy-Debüt des Jahres. Der Autor schreibt zurzeit an einer neuen Trilogie.

AKRAM EL-BAHAY

Flammenwüste

DER FEUERLOSE DRACHE

ROMAN

Aus der Bibliothekder ungeschriebenen Bücher

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Jan Wielpütz, Bergisch GladbachTitelillustration: © Byzwa DherUmschlaggestaltung: Guter Punkt, MünchenE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2331-3

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Für Lilly

1. Die Stimme des Anderen

Es war, als blickte Shalia* durch milchiges Glas. Das Bild vor ihren Augen war seltsam verschwommen. Sie gehorchten ihr ebenso wenig wie der Rest ihres Körpers. Shalia schien gefesselt, obwohl es keinen Strick gab, der sie band. Wie lang hatte sie geschlafen? Sie wusste es nicht. Manchmal war es, als träumte sie. Doch wenn ihr Geist wieder erwachte, fühlte sie den Anderen. Den, der von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte und mit ihr darum stritt.

Shalia saß auf einem steinernen Thron in einem Raum, groß wie der Audienzsaal eines Palastes. Die Decke war nach oben hin gewölbt, und in ihrer Spitze musste ein Loch klaffen, durch das die Sonne hereinschien. Es musste bereits Abend sein, denn das fahle Licht vermochte die Schatten, die um Shalia herum nisteten, kaum zu vertreiben.

Der Andere blickte sich um, und Shalia sah, was er sah. Kupferne Wände, an denen sich Vorsprünge vom Boden bis hinauf an die Decke zogen. Jeder beherbergte zahlreiche Kammern, und in ihnen standen und lagen mehr Drachen, als sie zählen konnte. Shalia hätte sie selbst dann wahrgenommen, wenn der Andere die Augen geschlossen hätte. Sie kannte Drachen, seit sie ein Kind war, und der Flammengeruch, der ihnen stets am Leib haftete, lag schwer in der Luft. Einige der feuerspeienden Wesen rührten sich nicht, als schliefen sie. Andere aber zuckten ungeduldig in ihren Kammern, scheinbar bereit, sich jeden Moment in die Luft zu schwingen.

Shalia glaubte, die Wut der Drachen wie ein Prickeln auf der Haut zu spüren. Sie wusste, an welchem Ort sie war, ohne dass jemand ihn beim Namen nennen musste. Sie hatte von ihm gehört, auch wenn die Drachen in dieser Erzählung aus Stein gewesen waren. Der Thronsaal von Mât.

»Du bist wach«, hörte sie den Anderen mit ihrer eigenen Stimme sagen. Wie fremd sie klang. So kalt und rau. Als gehörte sie einem Menschen ohne Herz – Nyan, dem dunklen Magier. Der Mann, der die Jahrhunderte als Rachegeist überdauert hatte. Der Mann, der als Ifrit einen tückischen Wunsch hatte erfüllen müssen und so zuletzt wieder einen menschlichen Körper angenommen hatte. Ihren Körper.

Es waren nur wenige Wochen vergangen, seit sie in dieses Abenteuer gezogen worden war. Anûr, der als Chronist mit dem Sultan von Nabija auf Drachenjagd gegangen war, hatte sie in der Wüste vor einer leichenfressenden Ghoula gerettet. Und Shalia hatte ihn im Gegenzug befreit, nachdem die Soldaten des Sultans Anûr zu Unrecht als Verräter festgenommen hatten. Vielleicht hatten sie sich schon in diesem Moment ineinander verliebt, sie wusste es nicht. Ihre Gefühle füreinander hatten sie erst später entdeckt. Sie waren gemeinsam mit dem Magier Fis bis in die sagenhafte Bibliothek der ungeschriebenen Bücher gereist, die im Herzen der Wüste von den Sammlern gehütet wurde, den kleingewachsenen Angehörigen eines seltsamen Wüstenvolks, dessen hauptsächliche Beschäftigungen Horten und Tauschen waren. An diesem Ort hatte Anûr einen Brief aus der Vergangenheit erhalten. Der Magier Schakschuka hatte ihm darin die Aufgabe übertragen, das erste aller Worte, hinter dem der seit Jahrhunderten totgeglaubte Magier Nyan her war, zu schützen. Shalia hatte Anûr daraufhin nach Nabatea, die Stadt der Drachenwächter, gebracht. Sie war als Mensch bei den Drachenwächtern aufgewachsen und hatte das Risiko auf sich genommen, gegen eines der wichtigsten Gesetze der Nori, wie sich die Drachenwächter nannten, zu verstoßen, indem sie Fremde in die geheime Stadt brachte. Dort war Anûr auf Meno, den schwarzen Drachen getroffen. Und zur Überraschung aller hatte sich ausgerechnet der so wenig heldenhafte Geschichtenerzähler als Gefährte des Drachen und derjenige herausgestellt, der Menos stille Stimme verstand. Meno und Anûr hatten einige Zeit gebraucht, um zueinander zu finden. Aber zuletzt hatten sie mit der Hilfe von Shalia, Fis und dem Sammler Hadukaba den Diener Nyans, den verräterischen Drachenwächter Sarraka, aufgehalten, der das erste aller Worte fast in Händen gehalten hätte. Der Ifrit, der an Sarrakas Seite gewesen war, hatte es beinahe ausgesprochen. Danach war es verschwunden, und Anûr hatte sich mit Meno auf die Suche danach gemacht. Sie hatten sich über Umwege in Hambar wiedergetroffen, wo sie das erste aller Worte gefunden hatten, kurz vor Sarrakas Angriff auf die Stadt. Shalia hatte an jenem Tag versuchen wollen, Anûr zu helfen. Doch als sie ihn gefunden hatte, hatte etwas von ihr Besitz ergriffen. Sarrakas Ifrit, das hatte Shalia später erfahren, war niemand anders als der totgeglaubte Magier Nyan gewesen, dessen Geist sich einst so sehr mit dem Wunsch nach Rache verwoben hatte, dass nicht einmal der Tod dieses Band hatte durchtrennen können. Anûr war zum Herrn des Ifriten geworden und hatte dem Geist befohlen, einen menschlichen Körper anzunehmen. Nur so hätte Nyan getötet werden können. Es war ein unglückbringender Wunsch gewesen, denn der Körper, den er gewählt hatte, war der von Shalia gewesen. In einem dramatischen Kampf hatte Nyan das erste aller Worte, das in einer der sagenhaften Schwarzen Perlen steckte, an sich genommen und war auf dem Rücken des mächtigen Drachen Mînthal geflohen. Er war zurückgekehrt in seine Festungsstadt Mât. Und nun bereitete er sich auf den Kampf vor, denn Shalias Verbündete, die Drachen und ihre Wächter, waren offenbar auf dem Weg, Nyan anzugreifen.

Shalia würde ebenfalls kämpfen und den Anderen aus ihrem Körper vertreiben. Zwei Seelen in einem Körper war eine zuviel.

Shalia versuchte, ihre Zunge unter Kontrolle zu bringen, doch der Andere war stärker. Wieder einmal.

»Siehst du die Drachen?«, hörte sie Nyan fragen. »Sie sind erwacht. Endlich. Jeder Drache, dessen steinerner Körper unversehrt ist, vermag aufgeweckt zu werden. Doch es bedarf einer großen Anstrengung. Und des richtigen Feuers. Du weißt, wie deine Nori-Freunde sie nennen?«

Woher wusste er, dass sie zu den Drachenwächtern gehörte? Shalia fühlte, wie der Andere den Mund zu einem Lächeln verzog, ihren Mund, während zwei der Drachen aus dem untersten Vorsprung auf den steinernen Boden des Thronsaals traten und einander anfauchten.

»Deine Erinnerungen sind leicht zu lesen, wenn du schläfst«, hörte sie den Anderen sagen, als hätte der ihr auch die Frage aus dem Kopf gelesen. »Menschen-Kind und Nori-Tochter. In welche Welt gehörst du? In beide oder keine? Wie nennen die Nori also meine Drachen?«

»Die Gefallenen«, antwortete Shalia, als Nyan ihr gestattete, die eigene Zunge wieder zu nutzen.

»Die Gefallenen«, wiederholte Nyan. »Kein passender Name, wie ich finde. Und wie heißen die Drachenwächter, die auf meiner Seite stehen?«

Wieder gab Nyan ihre Zunge frei. »Die Verlorenen«, sagte sie.Sie wollte ihm nicht antworten, doch sie musste das Gefühl für ihren Körper zurückerlangen, und wollte jede Gelegenheit dazu nutzen, die Nyan ihr bot. Den Namen hatten die Nori aus Nabatea ihren Brüdern und Schwestern gegeben, die sich vor vielen Jahrhunderten Nyan angeschlossen hatten. Für Shalia hatten die Verlorenen immer nur in Geschichten existiert. Doch die Nori wurden alt. Sehr alt. Und viele von ihnen erinnerten sich noch an jeden, den sie an den dunklen Magier verloren hatten.

Sie hörte ihr eigenes, fremdes Lachen. »Gefallen und verloren. So also sehen deine Nori-Freunde die Dinge. Du weißt, dass sie alle einmal auf meiner Seite standen. Damals, vor vielen Jahrhunderten. Heute gehen diejenigen fehl, die gegen mich stehen. Denn wir sind es, die die neue Ordnung schaffen, und sie sind die eigentlich Verlorenen.«

Auf seinen Wink hin wichen die beiden Drachen voneinander zurück. Sie waren verhältnismäßig klein, kaum doppelt so groß wie ein Mensch. Doch weniger tödlich als die großen Exemplare waren sie deswegen nicht. Ein Stoß des Feuers, das in ihnen loderte, konnte leicht dutzenden Männern das Leben aus dem Körper brennen.

»Die Nori, die meinem Ruf gefolgt sind, glauben, dass die Drachen herrschen sollten«, fuhr Nyan fort. »Sie wissen jedoch, dass dies nur in einer Welt möglich ist, die meinem Willen gehorcht.« Der Andere senkte seine Stimme, als wollte er nicht, dass die Drachen ihn hörten. »Sie sind nützlich. Mächtige Waffen in einem Krieg. Ihr Feuer wird die Welt reinigen. Doch herrschen werde nur ich.«

Es gelang Shalia für einen kurzen Moment den Mund angewidert zu verziehen. Nyan nutzte die Drachen ebenso wie ihre Wächter nur aus. Wenn sie doch nur sprechen könnte. Vielleicht könnte sie seine unwissenden Diener so gegen ihn aufbringen. Doch dazu reichte ihre Kraft nicht. Wenigstens noch nicht.

Am anderen Ende des Thronsaals öffnete sich ein Tor, und der Andere wandte den Kopf. Das Wesen, das hindurchschlüpfte, war gestaltgewordene Dunkelheit. Sein Körper floss an den Drachen entlang, und die Woge aus Kälte, die es vor sich her trieb, durchdrang Shalia wie der Wind in einer eisigen Wüstennacht. Selbst die Drachen, die bislang so unruhig gewesen waren, hielten mit einem Mal inne und blickten dem Wesen angespannt nach.

Die Schattenkönigin war zweigestalt. Frau und Geist. Albtraum und Wirklichkeit. Ihr Gesicht war das einer Alten, in dem zu viele Jahre ihre Spuren hinterlassen hatten. Doch ihr Leib war nichts anderes als Furcht. Wie alle Schatten war sie ein Wesen, das aus der Angst der Menschen selbst heraus geboren war. Eine Armlänge vor Nyan blieb sie stehen und beugte ihr Haupt.

»Sprich«, hörte Shalia den Anderen befehlen.

»Sie sind bereit«, zischte das Wesen mit einer Stimme, die Shalia so schrecklich bekannt war. Sie war der Schattenkönigin bereits zuvor begegnet. Mehr als einmal.

»Die Schatten warten, Herr. Und die Nori haben Schwierigkeiten, die Jäger in den Kammern in der Erde ruhig zu halten.«

Nyan nickte. »Es ist erstaunlich, wie ähnlich sie den echten Drachen sind. Meine Züchtungen spüren, dass der Feind kommt. Was ist mit meiner neuen Schöpfung?« Seine Stimme war mit einem Mal beinahe zärtlich geworden.

Die Schattenkönigin zögerte für einen kurzen Augenblick. »Es muss noch geboren werden, Herr«, antwortete sie dann. »Die Nori haben die erste Muwallad zu früh aus der Haut gezogen, in der sie gewachsen ist. Ihre eigene war noch nicht hart genug.« Die Schattenkönigin hatte ihren Blick wieder erhoben, und Shalia sah in Augen, in denen sich Angst und Wahnsinn mischten.

Wovon sprach sie? Shalia hatte noch nie von einer Muwallad gehört. Ein neuer Drache? Nyan hatte es den Geschichten nach, die sie kannte, bereits vor Jahrhunderten während des ersten großen Drachenkriegs geschafft, Wesen zu züchten, die den echten Drachen glichen. Jäger und Späher. Shalia selbst hatte gegen einige von ihnen gekämpft. Im Gegensatz zu den wahren Drachen mussten diese Wesen eine Klinge oder einen Pfeil fürchten. Das war aber auch das einzig Gute an ihnen.

Nyan lachte. »Drachenzucht ist eine blutige Angelegenheit. Es braucht viel Magie, um Fleisch und Feuer aneinander zu binden. Noch einen Rückschlag toleriere ich nicht. Ich brauche eine Muwallad, wenn der Feind kommt.«

»Wann erwartet Ihr den Angriff, Herr?« Die Augen der Schattenkönigin suchten in Nyans Gesicht, in Shalias Gesicht, nach der Antwort.

Shalia hätte sich am liebsten abgewandt. Sie glaubte, mit jeder Sekunde einen Teil ihres Verstandes in den tiefschwarzen Augen zu verlieren. Doch der Andere hielt dem entsetzlichen Blick mühelos stand.

»Zu früh.« Nyan erhob sich, und der Schmerz in ihrer Brust traf Shalia unvorbereitet. Seit der Flucht aus Hambar hatte sie meist geschlafen, und die wenigen wachen Momente waren ihr wie ein böser Traum vorgekommen. Doch sie erinnerte sich noch gut an die letzten Augenblicke, ehe sie zum ersten Mal eingeschlafen war, nachdem der Andere ihren Körper in Besitz genommen hatte. Und an den Moment, in dem das Schwert eines der Nori Nyan und damit auch sie beinahe getötet hätte. Erst später hatte sie von dem dunklen Magier erfahren, dass Anûr seinen tückischen Wunsch nicht nur ausgesprochen hatte, um seinen Gegner töten zu können. Er hatte ihn auch aus Eifersucht ausgesprochen, um den Sultan von Hambar loszuwerden, der versucht hatte, Shalia zu verführen. Denn es war der Sultan gewesen, in dessen Körper Anûr seinen Feind hatte sperren wollen. Dabei hätte Anûr niemals fürchten müssen, sie zu verlieren. Die Liebe, die sie aneinanderband, war zu stark. Sie sah ihn noch immer vor sich. Wie verloren er dagestanden hatte. Fast glaubte sie noch einmal auf der Spitze des Turms von Hambar zu stehen. Das Auge des Wassergeists, das sie ihm zugeworfen, und der Hieb, der beinahe ihr Herz zerschnitten hatte.

Für einen Moment hatte sie ein wenig Kontrolle über den gemeinsamen Körper. Vielleicht war Nyan abgelenkt und dachte an die Schlacht, die kommen würde. Shalia senkte den Blick. Die Wunde, die ihr den Schmerz bereitete, wurde von dem Gewand verdeckt, das sie schon in Hambar getragen hatte. Ihr eigenes Blut hatte ein Muster darauf hinterlassen. Shalia strich über den Stoff und tastete über die Schwarze Perle auf ihrer Haut, die an einer Kette um ihren Hals hing. Das Auge eines Marids. Nach dem Tod eines Wassergeistes wurden sie hart wie Stein. Das Gegenstück dieses bestimmten Auges besaß Anûr. Sie selbst hatte es ihm im letzten Moment ihres Zusammenseins gegeben, damit er sie finden konnte. Die Schwarzen Perlen umgab ein einzigartiger Zauber. Zwei Augen desselben Marids waren miteinander verbunden. Derjenige, der in eines von ihnen sah, erkannte, was das andere erblickte. Wenigstens einmal. Es hieß, die Schwarzen Perlen würden ihre Magie verlieren, sobald jemand den Zauber nutzte und in das Marid-Auge hineinsah. Doch an dem dunklen Stein, den sie um den Hals trug, war noch weit mehr als nur der Zauber eines Marids. In ihm befand sich das erste aller Worte. Der Ursprung aller Magie. Das Wort, das die Welt selbst erschaffen hatte und dessen Echo allen Magiern die Fähigkeit verlieh, Zauber wirken zu lassen. Schon seit Jahrhunderten suchte Nyan nach diesem Wort, um es auszusprechen und der mächtigste Magier zu werden. In Hambar hatte Nyan das Marid-Auge, in dem es steckte, in seinen Besitz gebracht und eingesteckt. Doch zurück in Mât hatte er es sich um den Hals gehängt, als wollte er das erste aller Worte ständig auf der Haut fühlen.

Dass er noch nicht versucht hatte, es auszusprechen, lag vermutlich allein daran, dass er noch zu geschwächt war, seit er Shalias Körper in Besitz genommen hatte.

Shalia griff die Kette um ihren Hals. Die Schwarze Perle durfte nicht unter dem Kleid verborgen bleiben, wenn Anûr sehen sollte, wo sie war. Denn er würde hineinsehen. Das wusste sie. Wenn er nicht sogar längst ahnte, wo sie war. Shalia nahm alle Kraft, über die ihr Geist verfügte, zusammen und zwang ihre Finger an der Kette um ihren Hals zu ziehen. Mit einem Ruck holte sie das Auge des Marids hervor. Der Stein schabte über verkrustetes Blut und berührte den Schnitt, der noch nicht wieder verheilt war. Der Schmerz ließ sie beide zusammenzucken. Sie und Nyan.

»Du bist stark«, hörte sie ihn sagen, während er die Hand fort von der Schwarzen Perle zwang. Plötzlich trübte sich ihr Blick, als wäre Nebel aufgezogen, und sie wurde müde. So entsetzlich müde.

»Das erste aller Worte sollte dich nicht interessieren. Es ist zu mächtig für einfache Menschen.«

Das Wort. Als ob es ihr darum ging, einen Blick in die Schwarze Perle zu werfen, um das Wort darin zu sehen. Sie wollte doch nur, dass Anûr sie fand. Dass das Schmuckstück um ihren Hals zwei Geheimnisse barg, schien Nyan nicht zu begreifen. Vielleicht wusste er nichts vom Geheimnis der sehenden Augen. Oder er dachte in diesem Moment nicht daran, da all seine Gedanken sich nur um Krieg und Tod drehten.

Nyan übernahm wieder die Kontrolle. Er hob den Kopf, und Shalia sah ein Loch in der Decke, während sie versuchte, den Schlaf von sich fernzuhalten. Aus den Erzählungen von Sultan Masul wusste Shalia, dass der Thronsaal im Herzen eines ausgehöhlten Berges lag. Der Abendhimmel, der hindurchlugte, war grau von der Nacht, die sich bereits in ihn hineinmischte. Nyan schien zu lauschen, während Shalia gegen die Müdigkeit ankämpfte.

»Sie sind auf dem Weg«, hörte sie den Anderen sagen. »Macht alles bereit.« Und an Shalia gewandt flüsterte er: »Schlaf. Ich habe viel zu tun, Nori-Tochter.«

* Glossar am Ende des Buchs

2. Ein Köder

Du sollst schlafen.

Schlafen. Anûr wusste nicht, wie oft Meno ihm das schon geraten hatte, seit sie aufgebrochen waren. Doch wie sollte er schlafen? Er hatte alles verloren. Und nun war er auf dem Weg, um sich alles zurückzuholen. Später haben wir genug Zeit, um uns auszuruhen, erwiderte er in der stillen Stimme, die nur Drachen und die verstanden, die mit ihnen verbunden waren.

Der Drachenrücken war nicht der angenehmste Platz für eine Reise, doch Anûr war schon so oft mit Meno geflogen, dass sich sein Körper längst daran gewöhnt hatte, über Stunden zwischen den Stacheln zu verharren. Anders als Fis. Für den Magier war es der erste Flug auf einem der feuerspeienden Wesen. Anûr hörte seinen Freund einmal mehr stöhnen, als er sich hinter ihm aufrichtete.

»Wie lange dauert es denn noch?«, fragte Fis müde, ohne die Augen zu öffnen. »Wir fliegen schon seit einer Ewigkeit. Wenn wir nicht aufpassen, verpassen wir unser Ziel und überqueren noch die Schneeberge.«

»Wir sind gerade einmal einen Tag unterwegs, und wenn ich mich nicht täusche, ist das dort erst Aleesch«, erwiderte Anûr. »Von den Schneebergen sind wir also noch weit entfernt.«

»Was? Wir sind zuhause?« Fis riss die Augen auf und beugte sich an Menos Seite hinunter.

Unter ihnen lag Fis’ Heimat. Im Licht der untergehenden Sonne schimmerte der Palmenwald, der die Stadt der Sa’alin umgab, inmitten der Wüste grün wie Jade, eingefasst in Sandstein. Die Menschen, die dort lebten, wurden die Wüstengärtner genannt. Es hieß, dass es kaum einen Flecken Wüste gab, den sie nicht begrünen konnten, wenn sie es wünschten.

Anûr erinnerte sich gerne daran, wie er das erste Mal ihre Stadt betreten hatte. Es waren lediglich wenige Wochen seither vergangen, doch es schien das Leben eines Anderen gewesen zu sein. Seines hatte sich längst in eine Geschichte verwandelt, in der er, der Erzähler, nun steckte. Er war zum Hüter eines uralten Zaubers geworden. Des ersten aller Worte. Obendrein war er nun der Gefährte eines Drachen und Besitzer eines Zauberstabs. Wie immer, wenn ihm seine eigene Geschichte wie eines der Märchen vorkam, die er und sein Großvater Nûr üblicherweise erzählten, strich er über die warme Drachenhaut. Es war einfacher, an alles zu glauben, wenn seine Finger es fühlten.

»Wir könnten dich kurz absetzen«, meinte Anûr leichthin und gähnte. Müde war er wirklich.

»Eine gute Idee«, meinte Fis. »Holt mich einfach ab, wenn ihr fertig mit Nyan seid. Ich hätte nichts dagegen. Obwohl ihr es ohne mich vermutlich nicht einmal in seine Nähe schaffen würdet.«

Anûr lächelte, trotz der Gefahr, in die sie sich begaben. Trotz der Niederlage, die sie erst kurze Zeit zuvor erlitten hatten. Das würden sie wohl tatsächlich nicht. Sie waren im Begriff, sich in die Höhle des Löwen zu wagen.

Anûr sah sich um. Hinter ihm flogen einige der anderen Drachen aus Nabatea, der Stadt der Drachenwächter, die gemeinsam mit ihnen aufgebrochen waren. FünfFlügelpaare zerschnitten die Luft. Wenn sie sich mit denen zusammenschließen würden, die nicht weit von hier auf sie warteten, waren es fast vierzig. Kein Heer der Menschen könnte gegen sie bestehen. Doch ihr Feind war von anderer Art, gemacht aus Angst und Feuer.

Das Ziel ihres Fluges lag im Norden. Mât, die alte Festungsstadt, die sich um den Berg Kaf zog. Dort würden sie den dunklen Magier Nyan finden. Inmitten des ausgehöhlten Berges. Anûr hätte beinahe in die Schwarze Perle geblickt, um zu erkennen, wo sich Shalia befand.

Doch Meno hatte ihm abgeraten. Wohin sonst, außer nach Mât, sollte er gehen?, hatte der Drache gesagt. Nyan kennt keinen anderen Ort, an dem er gegen uns bestehen kann. Und tatsächlich hatte ein Drache, der ausgeschickt worden war, die alte Festungsstadt auszukundschaften, dort das Feuer des Drachen gerochen, auf dem Nyan in Shalias Körper entkommen war – das Feuer von Mînthal, Menos Bruder.

Nun also kam alles zu einem Ende, dachte Anûr. In Mât würden Drachen auf Drachen und Nori auf Nori treffen. Und drei Menschen würden versuchen Shalia zu retten. Anûr, Fis und der Sultan von Nabija. Anûr sah zu ihm hinüber. Masul ritt auf der Drachin Esna. Sie glitzerte wie ein Saphir in der aufziehenden Nacht. Masul war der Einzige unter ihnen, der je in Mât gewesen war. Er hatte darauf bestanden mitzukommen, obwohl er noch vor wenigen Tagen zu schwach gewesen war, um Hambar, die Stadt auf dem Roten See, eigenständig zu verlassen. Doch wenn sie heute versagten, würde es für sie alle kein Morgen geben. Dann war es gleich, ob sie kraftlos in die Schlacht gezogen waren oder nicht.

Neben Masul erkannte Anûr den Nori der Drachin. Es war der, der Nyan während der Schlacht über Hambar sein Schwert in den Leib geworfen hatte. In Shalias Leib. Sein Gewand war so schwarz wie Menos Haut. Hondo hieß er, soweit Anûr wusste. Der Name bedeutete bei den Nori Krieg. Wie passend. Der Drachenwächter gehörte ihrem Rat an. Noch jetzt war Anûr verblüfft darüber, wie selbstverständlich er in Hambar versucht hatte, Shalia zu töten. Er hatte nicht einmal gezögert, obwohl sie eine von ihnen war. Die Adoptivtochter des Nori-Oberhaupts Nonda. Doch Hondo hat nur den Feind in ihr gesehen, sagte sich Anûr. Nicht die, die gerettet werden muss. Der Nori würde Shalia töten, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Wenn Anûr sie retten wollte, musste er sie finden, ehe Esnas Nori oder einer der anderen die Gelegenheit bekam, Nyan vorzeitig ein Ende zu bereiten.

»Dort kann man die Häuser erkennen.« Fis riss Anûr aus seinen Gedanken.

Anûr folgte seinem Blick. Unter ihnen erstreckten sich die Zelthäuser der Wüstengärtner wie Blüten in einem Jasminstrauch. Es gab keinen friedlicheren Ort auf der Welt. Anûr versuchte diesen Moment in seinen Gedanken zu bewahren, doch nur einen Augenblick später hatten sie die Stadt Aleesch schon passiert, und die Wüste breitete sich unter ihnen aufs Neue aus. Anûr sah zu seinem Freund hinüber, der seiner Heimat wehmütig hinterherblickte und in seinem magischen goldenen Gewand wie der oberste Würdenträger eines fernen Landes aussah. Der Junge, der wie Anûr kaum neunzehn Jahre alt war, galt als der einzige Magier der Wüste. Nein, verbesserte sich Anûr. Es gab zwei. Fis und Nyan.

Die Sonne sank bald hinab, und in ihrem Licht schimmerte die Wüste so rot, als wären Rubinsplitter in den Sand gemischt. Oder als ob dort unten Feuer im Boden steckte.

Der schwarze Drache, wie Meno auch genannt wurde, schlug einige Male mit den Flügeln, und sie stiegen höher. Hoch genug, damit die Augen und Ohren ihrer Feinde sie nicht zu früh bemerkten. Es wurde schnell kalt, und Anûr zog sich sein braunes Gewand eng um den Körper. Hinter ihm begann Fis zu zittern.

Der Mond zeigte sich blass am Himmel und mischte den Drachen, die ihnen folgten, Silber auf die Körper. Jeder Drache und jeder Nori aus Nabatea war hier. Anûr erkannte mehr als nur einen Drachenwächter auf den Rücken der feuerspeienden Wesen. Doch immer nur einer von ihnen war der Gefährte des jeweiligen Drachen. Diese besondere Verbindung, die die Gefährten mit ihren Drachen eingehen konnten, galt als ein Geschenk in ihrem Volk. Keiner vermochte zu sagen, woher einige Nori diese Fähigkeit besaßen, ihre Gedanken mit denen der Drachen zu verknüpfen. Die Verbindung. Sie existiert mit der Geburt von beiden und endet mit dem Tod von einem. Esna, die Drachin, hatte Anûr einmal in diesen Worten erklärt, was es mit dem Band auf sich hatte, das zwischen Drachen und Gefährten bestand. Anûr war nach dem Magier Schakschuka, Menos erstem Gefährten, der zweite Mensch, der neben den Nori diese besondere Verbindung erfahren hatte.

Das Drachenheer erschien Anûr wie ein Schwarm riesiger Fische in einem nachtschwarzen Meer. Anûr hatte die anderen Drachen alle schon einmal gesehen. Doch nur wenige kannte er beim Namen. Gazira, der aufgeschlossen hatte und nun direkt neben ihnen flog, war einer von ihnen. Bis vor Kurzem hatte der rote Wüstendrache den Nori Usul getragen, ehe dieser auf einer Mission gegen Nyan gestorben war. Ein anderer Drachenwächter saß nun auf Gaziras Rücken. War der Drache dadurch geschwächt?

Er ist auch ohne seinen Gefährten ein guter Kämpfer, meinte Meno. Wie schon so oft schien er Anûrs Gedanken erraten zu haben. Das Band zwischen ihnen war offenbar noch enger als es sonst zwischen Drache und Gefährte der Fall war. Aber am stärksten ist ein Drache nur mit seinem Gefährten. Die Verbindung zwischen beiden geht über das hinaus, was wir beide bisher erfahren haben.Nach vielen gemeinsamen Jahren vermögen Drache und Gefährte diese Verbindung im Kampf zu vertiefen, bis der eine sieht, was der andere sieht. Der eine weiß, was der andere denkt. Der Wächter wird das Feuer des Drachen in sich fühlen, heiß genug ihn zu verbrennen. Und der Drache erfährt den Mut und die Besonnenheit seines Wächters, der damit das Feuer des Drachen zähmt, ehe es sie beide verschlingt. Kein Drache ist alleine so stark wie mit dem Nori, der mit ihm verbunden ist.

Anûr blickte den Schwarm der Drachen nachdenklich an, der ihnen folgte. »Wird es bei uns auch so sein, wenn wir gegen Nyans Drachen kämpfen?«, fragte er Meno.

Vielleicht. Mit Schakschuka, dem Magier, mit dem ich vor eintausend Jahren verbunden war, habe ich diesen Moment nie erlebt. Doch unsere Verbindung ist anders.

Ja, das war sie. Anûr wusste, wovon Meno sprach. Seit eine Ghoula, eine Leichenfresserin, einen verhängnisvollen Zauber gesprochen hatte, teilten sich beide Anûrs Leben. Wenn er starb, würde auch das Feuer des Drachen, dessen Jahre einst endlos waren, erlöschen. Es mochte sein, dass dieser Zauber das Band, das ohnehin zwischen ihnen bestand, noch einmal enger gezogen hatte.

»So oder so. Wir werden Nyans Drachen besiegen«, sagte Anûr entschieden, obwohl er keine Ahnung hatte, wie viele Gegner auf sie warteten. Nyan verfügte sicherlich über zahlreiche Jäger. Gezüchtete Drachen, die er schnell und in großer Zahl heranzog, um ihre vermeintliche Schwäche durch die Fülle wieder auszugleichen. Echten Drachen hatten Meno und Anûr bislang kaum gegenübergestanden. In Mât aber hatten viele der Drachen, die sich einst auf Nyans Seite geschlagen hatte, die Jahrhunderte versteinert überdauert. Und Anûr fürchtete, dass sie wieder erweckt worden waren.

*

Die Nacht war längst angebrochen, als weit entfernt der Schein vieler Feuer die Dunkelheit färbte.

Mât.

Der Name sprang in der stillen Stimme von einem zum anderen. Anûr spürte die Anspannung, die sich plötzlich über die Drachen und ihre Reiter legte, als wäre es seine eigene. »Sind wir da?«, fragte er Meno.

Ja, kam die knappe Antwort. Es geht los. Bist du bereit?

Was sollte Anûr antworten? Er würde sich gleich mitten in einem Drachenkampf wiederfinden und versuchen, das Mädchen, das er liebte, von dem Geist eines dunklen Magiers zu befreien. Und nebenbei musste er den Ursprung aller Magie an sich bringen, um die Welt zu retten. »Klar«, meinte er und sah Fis an.

Der Magier war, nachdem sie Aleesch hinter sich gelassen hatten, in angespanntes Schweigen verfallen. Nun rutschte er ein wenig nach vorne auf Anûr zu. »Was geschieht jetzt?«

»Wir fliegen voraus und sehen uns einmal um«, antwortete Meno. »Ein schwarzer Drache ist schwer in der Nacht zu erkennen. Selbst für die Augen eines anderen.« Meno wandte seinen Kopf nach hinten und musterte Fis nachdenklich aus den Augenwinkeln. »Aber du solltest nun besser dein Gewand verdecken. Gold ist allzu verräterisch.«

»Verstehe«, sagte Fis so eilfertig, als habe er nur darauf gewartet. Der magische Stoff, der ihn wenigstens so gut zu schützen vermochte wie ein Hemd aus Ketten, war selbst im fahlen Mondlicht gut auszumachen.

Anûr sah, wie er über das Gewand strich und es sich dunkel färbte.

»Ich habe geübt«, meinte Fis auf Anûrs anerkennenden Blick hin.

Für einen Moment schob sich eine dünne Wolke vor den Mond, und Meno verschmolz so vollständig mit der Dunkelheit, dass Anûr glaubte, er würde auf dem Rücken der Nacht reiten. Er horchte angestrengt in die Finsternis, doch mehr als das gleichmäßige Rauschen des Windes vermochte er nicht zu hören. Sie sanken eine kurze Weile tiefer, und kaum waren sie der Wüste wieder näher, umfing Anûr die Wärme des Tages, die noch im Sand steckte. Über ihnen befreite sich der Mond von der Wolke, und in seinem silbernen Licht erkannte Anûr die Drachen wie einen Schwarm Vögel. Unter ihnen aber wuchs der Schein der Feuer mit jedem Augenblick, den sie sich ihm näherten. Flammende Linien zogen sich durch den Boden, als würden dort Flüsse aus Feuer auf einen Punkt zusammenlaufen.

Anûrs Herz schlug mit einem Mal schnell in seiner Brust. Seine Finger schlossen sich um den Stab, den er neben sich auf den Rücken des Drachen gelegt hatte. Er hatte einmal dem Magier Schakschuka gehört. Einen Zauber vermochte Anûr mit ihm natürlich nicht zu bewirken, doch mit seiner Hilfe konnte er besser kämpfen als der erfahrenste Soldat. Mehrmals hatte die Waffe sein Leben gerettet. Heute musste sie ein weiteres bewahren. Shalias.

Es war trügerisch ruhig um sie, und Anûr hätte glauben können, sie flogen bloß auf eines jener Dörfer in der Nacht zu, die man zuweilen in der Wüste fand und deren Bewohner Lampen und Fackeln entzündet hatten, um die Dunkelheit und deren Geister aus ihren Häusern auszusperren. Dort unter ihnen zogen sich die Dünen entlang, und der Schein der Feuer strich sanft über sie hinweg. Der Umriss des Berges Kaf, in dessen Herz Nyans Drachenhort lag, zeichnete sich vor ihnen in den Nachthimmel. Die Festungsstadt selbst zog sich wie eine Kette um den Berg herum.

Der Drache Gazira hatte vor nicht allzu langer Zeit versucht, sich der Stadt zu nähern. Damals war sie von einem Sandsturm umgeben gewesen, der Gaziras Gefährten Usul vom Rücken des Drachen gerissen hatte. Heute aber lagen Stadt und Berg so friedlich und ungeschützt vor ihnen, als rechnete niemand mit einem Angriff. Vielleicht war Nyan nach der Schlacht über Hambar noch so geschwächt, dass er einen Sturm nicht heraufbeschwören konnte. Anûr hoffte es. Es war eine Sache, gegen einen Gegner zu kämpfen, der eine echte Waffe führte. Aber eine völlig andere, wenn diese Waffe magische Worte waren. Doch dafür hatten sie Fis an ihrer Seite. Seine Fähigkeiten waren im Lauf ihrer Abenteuer immer weiter gewachsen, und er hatte sich gegen Nyan bereits beachtlich geschlagen.

»Was sind das für Flammenspuren im Boden?«, fragte Fis. Auf dem Gesicht des Magiers mischten sich Mondlicht und Feuerschein und ließen es seltsam unwirklich erscheinen.

»Beim letzten Mal, da ich diesen verfluchten Ort sah, brannten in der Erde die Feuer, mit denen Nyan seine Züchtungen nährt«, antwortete Meno so, dass es auch Fis hören konnte. »Die Kreaturen, die er uns nachempfunden hat, müssen sich mit den Flammen vollsaugen, um existieren zu können. Sicher brennt die Erde seit der Schlacht um Nabija wie nie zuvor. Nyan braucht viele Geschöpfe, die er uns entgegenstellen kann. Doch nun sollten wir keine Worte mehr in die Nacht mischen. Sie sind ebenso verräterisch wie eine zu helle Haut.«

»Es sieht nicht so aus, als sei irgendjemand hier, dem das auffallen könnte«, bemerkte Fis.

Anûr blickte sich um, doch niemand zeigte sich. Weder Drachen noch Schatten. Nur die Feuer unter der Erde gaben einen Hinweis darauf, dass dieser Ort bewohnt war.

Meno glitt lautlos durch die Nacht und umflog die Festungsstadt in sicherer Entfernung, ohne dass sie auch nur eine feindliche Drachenschwinge sahen. Mât lag so verführerisch unbewacht da, dass Anûr den Köder beinahe schmecken konnte. Er klopfte Meno auf den Hals, und sein Gefährte verstand. Nyans Heer würde sich offenbar erst zeigen, wenn der Angriff begann. Es war Zeit, die anderen zu holen.

Meno drehte ab. Der Nachtwind wehte ihnen sanft entgegen, und die ersten Sandkörner bemerkte Anûr kaum, doch es wurden rasch mehr; sie stachen Anûr in die Haut wie ein Schwarm Insekten. Auch Fis schien sie zu spüren. Er wandte neben Anûr den Kopf hin und her, vermutlich auf der Suche nach einem Grund für den unerwarteten Sandregen. Anûr wischte sich übers Gesicht und versuchte sein wild schlagendes Herz zu beruhigen. In wenigen Augenblicken würde der Kampf beginnen. Doch es war nicht nur die eigene Anspannung, die er fühlte. Da war noch etwas Anderes. Menos Misstrauen. Anûr spürte es, als würde es in ihm selbst wachsen. So nah hatte er sich dem schwarzen Drachen noch nie gefühlt. War das die besondere Verbindung zwischen Drache und Gefährte, von der Meno gesprochen hatte? Unwillkürlich schloss er seine Hände fester um seinen Stab.

Meno gab alle Vorsicht auf und schlug kräftig mit den Flügeln. Als würde die Wüste merken, was er tat, frischte der Wind plötzlich auf. Ein Sandsturm stob ihnen wütend entgegen, und Anûr musste die Augen schließen. Er fühlte, wie sich Menos Misstrauen in Wut wandelte. Der Drache schlug schneller mit den Flügeln, doch es gelang ihm kaum, sich weiter durch die Luft zu kämpfen. Um sie herum wirbelte der Wind noch mehr Sand auf, und der Sturm griff mit unsichtbaren Fingern nach ihnen. Die Festungsstadt lag noch immer trügerisch ruhig unter ihnen. Wie ein Köder in der Falle. Es machte keinen Sinn mehr zu schweigen. »Wir müssen die anderen warnen.« Anûr musste schreien, um das Tosen des Windes zu übertönen.

Wir müssen überleben, entgegnete Meno. Der schwarze Drache stemmte sich mit aller Kraft gegen den Sturm, doch es schien, dass der Wind jedes Mal stärker wurde, wenn Meno mehr Kraft einsetzte, um ihm zu entkommen.

Anûr glaubte, Hände zu spüren, die ihn umschlossen und von Menos Rücken zerren wollten. Das Ende von Gaziras Gefährte Usul kam Anûr in den Sinn. Doch anders als dieser hatten Meno und Anûr sich auf einen möglichen Sandsturm vorbereitet. Fis würde sich um Nyans Zauber kümmern. Anûr wollte ihm ein Zeichen geben, doch er kam nicht mehr dazu. Er wurde so plötzlich in die Luft gezogen, als hätte ihn ein anderer Drache gepackt. Verdammt, dachte er, während er sich hilflos an seinen Stab klammerte. So stark hatte er den Sturm nicht eingeschätzt. Er zwang sich die Augen zu öffnen, blinzelte den Sand fort und sah Fis schemenhaft neben sich. Der Magier wirbelte ebenfalls hilflos durch die Luft wie ein Blatt, und seine Schreie mischten sich in das Fauchen des Windes.

Halte durch, hörte Anûr Meno in der stillen Stimme rufen, während der schwarze Drache mit der Nacht verschmolz. Der Feuerschein aus Mât drang nur schwach durch die Sandmassen, die die Nacht erfüllten.

Das Atmen fiel Anûr immer schwerer. Mit Mühe zog er sich sein Gewand über Mund und Nase. Etwas streifte ihn. Anûr glaubte, eine Gestalt zu erkennen, und streckte die Hand nach ihr aus. Für einen Moment fanden seine Finger die einer anderen Hand. Fis! Doch dann riss der Sturm sie wieder auseinander, als wollte er mit ihnen spielen.

Wir werden sterben, dachte Anûr. Offenbar kam nicht einmal Meno gegen den Sturm an. Anûr wusste nicht, wo oben und unten war, und in seinem Kopf begann sich alles zu drehen. Er klammerte sich an seinen Stab, als könnte der ihm Halt geben, wo es keinen Halt gab. Es gab kaum einen Gegner, den er mit ihm nicht hatte besiegen können. Doch hier gab es keine Klinge, die er abwehren konnte. Keinen Körper, auf den er zielen konnte. Nur einen magischen Sturm, der sie nach Belieben durch die Luft tanzen ließ. Dies war eine Aufgabe für einen Magier. Doch der wirbelte ebenso hilflos wie er selbst durch die Luft. Anûr sah ihn aus den Augenwinkeln, kaum zu erkennen in seinem durch Magie dunkel gefärbten Gewand.

Mehr und mehr Sand umfing sie, und es wurde so finster, dass Anûr kaum noch etwas erkennen konnte. Er hielt seinen Blick starr auf Fis’ Umrisse geheftet. Sie waren nicht weit voneinander entfernt. Nur wenige Armlängen trennten sie. »Hier«, schrie Anûr durch den Stoff seines Gewands, doch er wusste nicht, ob sein Freund ihn hören konnte.

Fis ruderte mit den Armen, und Anûr versuchte sich in seine Richtung zu strecken. Der Sturm trug sie für einen Moment wieder näher zueinander. Nur ein kleines Stück noch, dachte Anûr, obwohl er nicht wusste, was es ihnen bringen sollte, wenn es ihnen gelang, sich inmitten dieses Chaos zu umschlingen. Vielleicht war es einfacher, gemeinsam zu sterben. Ihre Finger fanden sich noch einmal für die Länge eines Lidschlags, dann wurden sie wieder voneinander getrennt.

»Fis«, schrie Anûr und reckte ihm den Stab entgegen. Der Sturm riss ihm die Waffe fast aus den Händen. Er konnte nicht erkennen, ob Fis nach dem Holz griff. Doch dann fühlte er den Zug an der Waffe. Für einen Moment waren sie durch sie verbunden. Der Stab flammte auf, als wollte er den Magier begrüßen. Anûr versuchte, sich zu seinem Freund zu ziehen. Doch der Sturm zerrte an Fis, und der Stab entglitt zuletzt Anûrs Griff. Er sah Fis vage vor sich in der Luft, einen dunklen Körper auf schwarzem Papier gemalt, erleuchtet im Licht des Stabs. Anûr ruderte mit den Armen in der Luft. Wie seltsam nackt er sich ohne seine Waffe fühlte, obwohl nicht einmal sie ihn vor Nyans Zauber hatte schützen können.

Fis schien mit dem Stab in die Luft zu schlagen, als könnte er einen Gegner ausmachen, den er bekämpfen konnte. Der Stab flammte noch heller auf. Und zu Anûrs Überraschung wich der Sturm plötzlich zurück. Fis schaffte es, Nyans Zauber zu bezwingen. Der Sturm wurde immer schwächer, und Anûr sackte ab. Über ihm schlug der Magier mit dem Stab weiter um sich.

Der Sand zog sich zurück, und der Schein aus Mât mischte sich wieder in die Nacht. Das Brüllen des Windes ebbte ab, bis es schließlich ganz verklang. Die unsichtbaren Finger verloren den Halt an Anûrs Leib. Er fiel und schrie Menos Namen in die Nacht. Panisch sah er sich um. Auch im Schein der Feuer von Mât konnte er seinen Gefährten nicht erkennen, während er dem Boden entgegenstürzte. Fis schimmerte noch immer in der Dunkelheit, doch auch er fiel. Dann aber setzte sich ein gewaltiger Körper unter ihn, so schwarz, als hätte die Nacht ihn geboren. Er nahm Fis mit sich und hielt auf Anûr zu. Nur einen Augenblick später schälte sich auch unter ihm der Leib aus der Nacht. Ein Drachenleib.

3. Ein feuriger Weg

Kaum hatte Meno sie auf dem Wüstenboden abgesetzt, spürte Anûr die Anwesenheit ihrer Feinde. Schatten. Die gestaltgewordene Angst. Schreckliche Gegner, deren stärkste Waffe die Fähigkeit war, Menschen in ihrer eigenen Furcht ertrinken zu lassen und sie zu ihresgleichen zu machen. Doch Anûrs Herz vermochte sich mittlerweile gegen sie zu wehren. Ein Keim des Königs aller Schatten hatte einmal darin genistet. Anûr wäre ihm beinahe zum Opfer gefallen, doch zuletzt hatte er gegen den König der Schatten und seine eigene Angst kämpfen müssen. Und er hatte sie beide besiegt.

Die dunklen Wesen traten aus der Nacht, als gehörten sie zu ihr. Zehn Gestalten. Nur zehn. Mât selbst war noch weit entfernt, jenseits der Festungsmauer, die sie umgab. Vermutlich waren sie nur ein paar Späher. In der Stadt würden weitaus mehr Schatten auf sie warten und noch einige Menschen dazu: ein paar Wüstenkrieger, die letzten Haschirim und einige Kämpfer aus dem Süden. Gazira hatte berichtet, dass er und Usul sie zusammen mit abtrünnigen Nori nach Mât hatten marschieren sehen. In Erzählungen hieß es, dass in den unbewohnten Landstrichen zwischen Nabija und Hambar viele zu finden waren, die sich keinem Gesetz unterwerfen wollten. Doch der Großteil des Heeres, das Nyan zur Verfügung stand, bestand aus Schatten wie diesen hier.

Hinter Anûr erhob sich Meno. Anûr fühlte die Wut seines Gefährten im Angesicht von Nyans Dienern.

Stumm musterten die Schatten Anûr. Anders als ihr König besaßen sie ein Gesicht. Anûr blickte in schmerzverzerrte Fratzen, erstarrt in Panik. Der Moment ihres Todes schien auf ihnen verewigt zu sein, wie in Stein gemeißelt.

Gazira hatte berichtet, dass es die Schatten gewesen waren, die ihn und den Nori Usul entdeckt hatten. Ihrem Alarm war der Sturm gefolgt, der den Drachenwächter von Gaziras Rücken gerissen hatte. Vielleicht waren es sogar diese Schatten hier gewesen.

»Halt«, zischte Anûr. Fis trat neben ihn und drückte ihm wortlos den Stab in die Hand. Die Waffe leuchtete noch immer, und Anûr hob sie drohend. Seine eigene Stimme klang seltsam hart. Menos Wut erfüllte ihn und entfachte ein Feuer in seinem Inneren, das er bislang nicht gekannt hatte. Es war anders als sonst. Ihr Band schien immer enger zu werden. Enger als noch vor wenigen Tagen über der Stadt Hambar, da sie gegen Nyan und dessen Diener gekämpft hatten. Das Feuer fühlte sich gut an. Stark. Es ließ Anûrs Herz schneller schlagen. Er wollte sich nicht aufhalten lassen. Von niemandem. Er musste Shalia retten und würde jeden besiegen, der zwischen ihr und ihm stand. Anûr machte drohend einen Schritt auf die Schatten zu.

Meno sagte etwas in der Stimme der Drachen, doch es schien nicht an ihn gerichtet zu sein. Anûr achtete nicht auf die Worte. Das Schlagen des eigenen Herzens war lauter.

Die Schatten musterten Anûr weiter stumm, und einer von ihnen machte einen Schritt auf ihn zu.

»Halt«, sagte Anûr noch einmal deutlicher.

Der Schatten gehorchte und erstarrte in der Bewegung, als wäre die Zeit für ihn stehen geblieben. Anûr sah die Schatten verwundert an. Sie schienen ihn erwartungsvoll zu mustern.

Töte sie, hörte er Menos Stimme in seinen Gedanken. Ehe sie noch mehr von ihrer Art herbeirufen können.

Ja. Anûr streifte die Verwirrung ab. Er machte ein, zwei schnelle Schritte auf die Wesen zu und holte mit dem Stab aus. Die Schatten rührten sich nicht einmal, als er sie einen nach dem anderen traf. Doch im Moment ihres endgültigen Todes schrien sie auf. Schrill und anklagend klangen ihre Stimmen in die Nacht. Dann verhallten sie, und von ihnen blieb nicht mehr als eine dunkle Erinnerung.

Anûr starrte in die Dunkelheit. Sein Herz beruhigte sich, und er spürte eine Hand auf der Schulter. Er fuhr herum und sah in die weit aufgerissenen Augen von Fis.

»Bei allen Gärten der Wüste«, wisperte der Magier. »Die haben dir aufs Wort gehorcht. Ich meine, sie haben sich einfach von dir töten lassen. Es schien fast, als wärst du ihr König.«

Anûr runzelte die Stirn. »Das bin ich ganz gewiss nicht«, meinte er und schüttelte sich, als er an das Wesen dachte, das in ihm gewachsen war. Es war ein neuer Schattenkönig gewesen, den er gerade noch rechtzeitig vernichtet hatte.

Anûr starrte noch einen Moment in die Nacht, doch sie gebar keine weiteren Schatten, und das plötzlich aufkeimende Feuer, das Anûr eben noch in sich brennen gefühlt hatte, erlosch wieder. Sie waren entdeckt worden. Zurückhaltung war kaum mehr angebracht. »Die anderen sollen kommen«, entschied Anûr und wandte sich dem schwarzen Drachen zu.

»Ich habe sie längst gerufen«, sagte Meno laut. »Sie sind auf dem Weg zu uns. Steigt wieder auf. Wir ziehen in den Kampf. Jetzt wird sich zeigen, welches Feuer heißer brennt. Das aus Nabatea. Oder das aus Mât.«

Bald schon mischte sich das Schlagen zahlloser Flügel in die Luft, und dann fielen sie wie dunkle Sterne vom Nachthimmel herab. Der Anblick des gewaltigen Drachenheeres ließ den Mut in Anûr steigen. Er und seine Freunde hatten Nyans Falle überstanden und seine Schatten besiegt. Dies war ihre Nacht. Ihre Schlacht. Fis und er würden mit Drachen kämpfen, und obwohl alles für ihn auf dem Spiel stand, hatte Anûr das Gefühl, dass sie nicht verlieren konnten.

»Wenn du eben nicht gewesen wärst, hätte Nyan bereits gesiegt«, meinte Anûr zu Fis, als sie auf Menos Rücken stiegen.

»Na ja«, der Magier lächelte schief, »es war seltsam. Und irgendwie berauschend. Dieser Stab ist wirklich etwas Besonderes. Meinst du, wenn das alles hier vorbei ist …?«

»Du kannst ihn haben.«

Für einen Moment war Fis sprachlos. Sein Mund klappte wie von selbst auf, ohne dass auch nur ein Wort über seine Lippen drang.

»Was soll ich noch mit einem Zauberstab, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe?«, meinte Anûr und sah seine Waffe nachdenklich an. »Ich bin ein Geschichtenerzähler, der in ein Abenteuer gestolpert ist. Ein Zauberstab gehört am besten in die Hände eines Magiers.«

»Eines Magiers«, wiederholte Fis leise, der seine Sprache wiedergefunden hatte. »Genau!« Während er zu Anûr auf Menos Rücken stieg, ließ er den Stab nicht aus den Augen. »Ich habe mein Leben lang davon geträumt, ein Magier zu sein.«

»Du bist einer«, meinte Anûr und legte seine Hand auf Menos Hals. Bildete er es sich nur ein, oder fühlte er das Feuer unter der Haut deutlicher als sonst? Heißer.

»Ein Magier?« Fis klang nicht überzeugt. »Glaub mir, ich habe bisher wirklich geglaubt, einer zu sein. Besonders, weil ich in den vergangenen Wochen besser geworden bin. Aber mit diesem Stab hier war es anders. Ich hatte das Gefühl, in Magie zu schwimmen. Sie hat mich getragen. Normalerweise hätte mich der Kampf gegen diesen Sturm all meine Kraft gekostet. Die Magie, die ihn hat entstehen lassen, war stark. Sehr stark. Aber mit deinem Stab war alles so einfach. Jetzt kommen mir die Dinge, die ich bislang gemacht habe, wie einfache Tricks vor, die man auf Marktplätzen sieht.« Fis lächelte Anûr selig an. »Pass also gut auf meinen Stab auf. Ich brauche ihn noch.«

»Sicher«, meinte Anûr und grinste. »Ich werde mich doch nicht mit einem waschechten Magier anlegen.«

»Ich dachte, genau das wollten wir tun«, brachte sich Meno für alle hörbar in die Unterhaltung ein. »Haltet euch fest. Es geht los.«

Meno stieg so rasch empor, dass Fis neben Anûr aufstöhnte. Zwei, drei Schläge mit den mächtigen Schwingen später flogen sie so hoch, dass sie über den Berg vor sich, in dessen Innerem Nyan hauste, hätten hinwegfliegen können. Anûrs Herz schlug vor Aufregung wieder schneller, als er daran dachte, dass Shalia nicht weit entfernt von ihm war. Er würde sie finden und retten. Nyans vergiftete Seele aus ihrem Leib zwingen. Er wusste nicht genau, wie er das anstellen sollte, doch es würde ihm gelingen. Es musste.

Die anderen Drachen schlossen schnell zu ihnen auf. Ihr gemeinsamer Flügelschlag erfüllte die Luft wie Kriegstrommeln. Eine Warnung an ihre Feinde. Anûr fühlte die Drachen, während sie auf Mât zuhielten. Spürte ihr Feuer, als wäre er einer von ihnen. Der Schein der in Flammen getränkten Erde schien zu ihnen empor und färbte die Haut der Drachen.

Die leuchtenden Adern nahmen ihren Anfang am Fuß des Berges und endeten an der Mauer, die sich um die Stadt zog. In Masuls Berichten war sie noch rissig und verfallen gewesen, doch Nyans Diener hatten sie offenbar wieder aufgebaut und ausgebessert. Ein Schutzwall, hoch wie zehn Männer. Unüberwindbar, zumindest, wenn sich das angreifende Heer vom Boden her näherte. Angreifer, die auf Schwingen kamen, vermochte kein Stein aufzuhalten. Sie würden ohne Hindernis direkt auf ihre Gegner treffen.

Noch ehe Anûr den Gedanken beendet hatte, stiegen die Jäger aus Mât in den Himmel. Sie kamen aus der Erde wie Ameisen. Die mit Flammen gefüllten Gänge mussten Auslassöffnungen besitzen. Die gezüchteten Kreaturen strömten so zahlreich in die Nacht, als wollten sie ihre Gegner durch die schiere Größe ihres Heeres vertreiben. Sie rasten auf die Drachen aus Nabatea zu. Schreie erfüllten Anûrs Gedanken, und er fasste sich unwillkürlich an den Kopf.

Die Jäger waren keine Drachen wie Meno, sondern schlangenartige Wesen mit langen Flügeln, die Nyans Magie erschaffen hatte. Die entstellten Fratzen endeten in schnabelartigen Mündern. Sie waren kaum doppelt so groß wie Anûr, und einen echten Drachen vermochten sie nicht zu vernichten. Doch verletzen konnten sie ihn nach Menos Worten schon. Und das Feuer, das sie spien, war heiß genug, Menschen und Nori die Haut vom Leib zu fressen.

Die Wand aus Jägern, die aus der Nacht auf sie zuhielt, schien unüberwindlich.

Die Augen in den silbrigen Körpern leuchteten hell. Worte mischten sich in die wütenden Schreie der Jäger: Verbrennt sie. Holt die falschen Götter vom Himmel und fresst ihre Diener.

»Falsche Götter?« Anûr umklammerte seinen Stab fester.

Nyans Kreaturen werden mit dem Glauben geboren, dass Drachen Götter sind, antwortete Meno. Nur stehen wir ihrer Ansicht nach auf der falschen Seite. Götter sind wir natürlich ebenso wenig wie das dort Drachen sind.

Mit einem Schrei, der die Nacht erfüllte, warf sich Meno den Jägern entgegen. Anûr fühlte die Wut seines Gefährten tief in sich. Das Gefühl war so stark, dass er aufkeuchte. Er glaubte, Menos Herz im Einklang mit seinem schlagen zu hören und sein Feuer in den eigenen Adern zu spüren. Der Schrei des Drachen sprang ihm auf die Lippen.

»Duck dich«, rief Fis hinter ihm, doch Anûr schüttelte den Kopf. Nein, er würde sich nicht vor den Jägern beugen. Er konnte ihre vernarbten Gesichter in der Nacht erkennen. Seine Augen hatten noch nie so gut in der Dunkelheit gesehen. Seine Ohren noch nie so klar gehört. Drachensinne.

Er sah die Jäger Feuer speien. Die Nacht färbte sich rot, und der Himmel brannte. Die Wellen aus Flammen brachen an Menos Kopf und Hals und strichen an ihnen vorbei. Fis schrie, während Anûr mit dem Stab ausholte und nach einem der Jäger schlug, der ihnen so nahe war, als wollte er sie vom Rücken des Drachen reißen. Holz traf auf Fleisch. Der Leib riss entzwei und wurde von dem Feuer verschlungen, das in ihm nistete. Anûr fühlte, wie Fis seinen Kopf gewaltsam gegen Menos Hals drückte. Sie brachen einen scheinbar endlosen Moment durch die Verteidigungslinie der Jäger. Dann hatten sie ihre Feinde hinter sich gelassen und trugen den Tod nach Mât.

»Wir leben noch«, schrie Fis ungläubig in die Nacht, während hinter ihnen der Kampf weiter ging.

Anûr wandte sich um. Die Jäger waren den Angreifern zahlenmäßig weit überlegen. Und doch war es ein ungleicher Kampf. Die Drachen aus Nabatea pflügten durch die Reihe der Verteidiger wie Löwen durch ein Rudel Hyänen. Gazira biss einem der Jäger den Kopf vom Hals, und noch ehe dessen Körper vom eigenen Feuer verschlungen wurde, setzte sich Gazira hinter einen weiteren Jäger. Dieser Diener Nyans übergoss die Reiter auf Esnas Rücken mit Flammen. Masul und Hondo konnten ausweichen. Gaziras Feuer aber brannte dem angreifenden Jäger schließlich die Haut vom gezüchteten Leib.

Die Jäger versuchten sich zu sammeln. Drei, vier auf einmal griffen jeweils einen einzelnen Drachen an. Anûr hörte Schreie. Der Nachthimmel war erfüllt vom Schein zahlloser Feuer, während die Jäger starben. Doch auch die Angreifer aus Nabatea erlitten Verluste. Einer der Drachen, auf dessen smaragdgrüne Haut die Feuer der Nacht ein helles Rot mischten, sackte ab, als die Haut an seinen Flügeln Risse bekam. Der Nori auf seinem Rücken hatte einen Bogen gespannt und schoss verzweifelt einen Pfeil in die Nacht. Einer der Jäger wurde vom Himmel gepflückt wie eine reife Frucht. Doch die anderen Kreaturen spuckten weiter ihr Feuer, und der Nori ging in Flammen auf. Anûr hörte den Schrei in seinem Kopf. Er musste von dem Drachen stammen, dessen verletzte Flügel kraftlos in die Nacht schlugen und der nun ohne seinen Gefährten kämpfen musste. Der Schrei war getränkt in Wut, Fassungslosigkeit und Trauer. Er schnürte Anûr für einen Moment die Kehle zu. Ein weiterer Drache, ebenso smaragdgrün wie der verletzte, schoss plötzlich aus der Luft herab. Der Nori auf seinem Rücken holte zwei der Jäger mit Pfeilen vom Himmel, und die Flammen des Drachen vernichteten den letzten Angreifer. Unter ihnen sah Anûr weitere Jäger in die Nacht aufsteigen. Sollten sie nur kommen. Nyans Kreaturen würden sie nur verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Meno flog noch immer ein ganzes Stück vor den anderen her. Sein onyxfarbener Leib verschmolz mit der Nacht. Nicht weit entfernt ragte der Berg Kaf auf. Anûr erkannte die ausgefranste Spitze. Die Kuppe, die dort einmal gesessen hatte, war der Legende nach von einem Riesen abgerissen worden. Nun klaffte dort ein Loch, das hinab in das ausgehöhlte Herz des Berges führte. Zu Nyan. Zu Shalia …

Die Gefallenen. Menos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Anûr sah auf und spürte die Anwesenheit der fremden Drachen. Echte Drachen. Keine Züchtungen. Der Berg spuckte sie aus, als hätte er sich an ihnen verschluckt. Sie schienen wie ein dunkles Spiegelbild der Drachen aus Nabatea. Anûr konnte sie nicht zählen, während sie in den Nachthimmel stiegen. Doch es waren wohl kaum weniger als die Angreifer.

Einige der Drachen waren beinahe so groß wie Meno und Esna. Der letzte aber, der dem Berg entstieg, übertraf sie alle. Anûr hatte ihn zuletzt in Hambar gesehen, als Nyan auf seinem Rücken davongeflogen war. Mînthal. Menos Bruder. Die andere Nachthaut. Tödlich und unbarmherzig.

Anûrs Herz raste im Angesicht von Mînthal – es füllte sich mit Menos Wut, und das Feuer seines Gefährten brannte auf einmal heißer als je zuvor in seinen Adern. Sicher hatte Mînthal seinen Bruder bereits gespürt. Doch er griff nicht an. Hinter ihnen schlossen die ersten Drachen aus Nabatea auf, die die Linie der Jäger durchbrochen hatten. Einer der Drachen setzte sich neben sie. Es war Esna. Hondo, ihr Nori, und Sultan Masul saßen unversehrt auf ihrem Rücken.

Du musst dich ihm nicht alleine stellen, hörte Anûr Esna zu Meno sagen.

Wenn wir zu Nyan wollen, müssen wir an ihm vorbei. Es gibt keinen anderen Weg, erwiderte der schwarze Drache. Und er gehört alleine mir. Die anderen sollen die Nacht von den Gefallenen befreien. Wir holen das Wort.

Du wirst sie töten müssen. Die Worte stammten von Hondo, und sie waren an Anûr gerichtet.

Er wandte sich um und sah dem Nori in das schmale Gesicht. Wie bei allen Drachenwächtern wuchs ihm ein dünner Fortsatz aus dem Hinterkopf, der wie ein Zopf auf seinen Rücken fiel.

Ich werde sie retten, erwiderte Anûr scharf und blickte wieder nach vorne. Die Drachen aus Mât hatten sich zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen und hielten auf die Angreifer zu, die dem Berg am nächsten waren.

Meno schlug mit den Schwingen und beschleunigte seinen Flug, als er auf den Berg zuhielt.

Die ersten Drachen waren nicht mehr fern. Drei von ihnen drehten ab und flogen Meno in den Weg.

Anûrs Gefährte legte sich ein wenig auf die Seite, als er den geflügelten Gegner anvisierte, der ihm am nächsten war. Die Haut des Feindes schimmerte blassgolden in der vom Feuerschein erhellten Nacht. »Festhalten.« Meno hatte die Worte laut ausgesprochen, so dass auch Fis sie verstehen konnte.

Der Magier klammerte sich mit beiden Händen an das Gewand seines Freundes. Anûr selbst hielt mit einer Hand seinen Stab umklammert und griff mit der anderen eine von Menos Rückenstacheln. Kaum hatte er die Finger um die Drachenhaut geschlossen, stieg Meno so abrupt in die Höhe, dass Anûr vor Überraschung aufkeuchte.

Die Drachen aus Mât hoben verblüfft die Köpfe, als Meno plötzlich über ihnen war. Er zwang seinen Körper direkt wieder nach unten, und sein Maul schnappte todbringend zu. Der Kopf des blassgoldenen Drachen wurde von der Nacht verschluckt, doch der Körper flog noch einige Augenblicke weiter, als hätten die Flügel vergessen, mit dem Schlagen aufzuhören. Flammen stießen aus dem abgetrennten Hals und malten ein Muster in die Nacht. Dann erst stürzte der geköpfte Leib dem Kopf hinterher in die Tiefe.

Der Nori, der auf dem abstürzenden Körper saß, schrie um Hilfe. Doch weder die beiden anderen Drachen aus Mât noch ihre Wächter schienen Notiz von ihm zu nehmen. Stattdessen drehten sie in der Luft und hielten auf Meno zu.

Der Berg schob sich in Anûrs Blickfeld, als er den Kopf wandte. Drachen kamen keine mehr aus ihm heraus, aber einer saß auf der ausgefransten Bergspitze, als hielte er Wache und beobachtete mit leuchtenden Augen die Schlacht. Mînthal. Dass er dort hockte, anstatt in den Kampf einzugreifen, war ein Zeichen dafür, dass sich im Inneren des Berges Nyan befand.

Ein Feuerstoß riss Anûr aus seinen Gedanken. Einer der Verfolger, rot wie die Morgensonne, hatte ihn ausgestoßen. Die Flammen tasteten durch die Nacht und strichen über Menos Haut. Der Rote war ihnen ein wenig näher als der andere, dessen Haut so dunkelbraun war, dass er fast ebenso mit der Nacht verschmolz wie Meno.

Esna schoss plötzlich heran und spie ihr Feuer auf ihn. Der Braune drehte ab und verschwand aus Anûrs Sicht. Meno aber stieg weiter empor.

Du kannst mir nicht entkommen, Nachthaut. Die Stimme ihres Verfolgers klang hochmütig.

Meno hatte Anûr erzählt, dass viele der Drachen, die sich auf Nyans Seite geschlagen hatten, ihren Rang im Drachenhort von Mât vor allem über die Farbe ihrer Haut bestimmten. Onyx war die ihres Anführer Mînthal. Die Drachen, deren Leiber mit Feuer gefärbt schienen, hatten sich jedoch insgeheim stets als die edelsten betrachtet. Rot für die Flammen, die in ihnen loderten. Blau, für den Himmel, und Grün, das Symbol für alles Lebendige in der Wüste – beide Farben galten im Vergleich zu der des Feuers als weniger wertvoll. In einem Menschenheer wären sie die Hauptleute gewesen, während die übrigen Farben das Fußvolk bildeten, zu dem diejenigen gehörten, deren Tod am ehesten hingenommen wurde.

Der Rote hinter ihnen spie erneut sein Feuer in die Nacht. Anûr fühlte es näher kommen. Der Verfolger holte auf. Oder fiel Meno zurück?

»Was ist los?«, schrie Anûr seinem Gefährten laut zu. »Er hat uns gleich.«

Ich fliege so schnell ich kann, hörte Anûr die Antwort in seinen Gedanken.

Du bist zu langsam, Nachthaut.

»Er hat uns gleich«, zeterte Fis.

Plötzlich legte Meno die Flügel an. Die Erde griff nach ihm, und er fiel hinab.

In Fis’ Schrei mischte sich ein Zischen, das auch von einem Schwerthieb hätte stammen können. Anûr sah auf und sah Menos Schwanz durch die Nacht peitschen. Die Drachenhaut zerschnitt die Luft ebenso wie den Leib des Gegners. Anûr hörte dessen verblüfften Laut, als der Rote für einen Moment in der Luft verharrte.

Der Drache wandte den langen Hals und sah an sich entlang. Der Riss leuchtete in seinem Fleisch, als wäre er mit frischer Farbe aufgetragen worden. Doch es war sein eigenes Feuer, das durch den Spalt in die Nacht stieg. Der Rote hob den Kopf und sah Meno einen stummen Moment lang an, dann verlor er alle Kraft und stürzte in die Tiefe.

Du hast ihn absichtlich näher kommen lassen, meinte Anûr. Er fühlte Menos Genugtuung, als der Drache wieder mit den Flügeln schlug. Und dich dann fallen lassen, damit er über dich kommt und du ihm mit deinem Schwanz den Körper aufreißen kannst.

Die Feuerhäute auf Nyans Seite waren schon immer überheblich. Je stärker sich dein Gegner fühlt, desto einfacher kannst du seine Schwäche nutzen.

Ein Feuerstoß, der sie streifte, unterbrach Meno.

»Da ist noch einer«, rief Fis.