Flammenwüste - Akram El-Bahay - E-Book

Flammenwüste E-Book

Akram El-Bahay

4,5
8,99 €

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Beschreibung

GEWINNER DES SERAPH 2015: BESTES FANTASY-DEBÜT DES JAHRES! Die Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer durch das Wüstenreich Nabija: Ein Drache soll Karawansereien und Dörfer niederbrennen! Dabei glaubt kaum noch jemand an die Existenz dieser Wesen. Dem Märchenerzähler Anûr bescheren die Gerüchte ein großes Publikum. Aber auch er hält die alten Geschichten über feuerspeiende Ungeheuer nur für Märchen. Bis er auf Drachenjagd geschickt wird - und in der Tiefen Wüste auf ein uraltes Wesen trifft, so schwarz wie die Nacht selbst ...

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Seitenzahl: 721

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

1. Eine folgenschwere Entscheidung

2. Eine erkannte Geschichte

3. Ein Stab wird übergeben

4. Die Jagd beginnt

5. Das Mädchen in der Falle

6. In der Höhle der Ghoulas

7. Kein Mensch

8. Die Stimme des Drachen

9. Im Herzen der Wüste

10. Gerettet

11. Der Ifrit in der Maske

12. Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

13. Die richtige Richtung

14. Durch die Weiße Wüste

15. Die Stadt im Fels

16. Im Drachenhort

17. Schlechte Nachrichten

18. Im Bauch des Riesen

19. Wohin?

20. Nach Nabija

21. Das Heer der Schatten

22. Verborgen vor allen Augen

23. Drachentöter

24. Aus der Wand gelesen

25. Ende und Anfang

Über den Autor

Akram El-Bahay hat seine Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht: Er arbeitet als Journalist und Autor. Als Kind eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter ist er mit Einflüssen aus zwei Kulturkreisen aufgewachsen. Dies spiegelt sich auch in seinen Romanen wider: klassische Fantasy-Geschichten um Drachen und Magie, die ebenso sehr an den HERRN DER RINGE an orientalische Märchen erinnern.

Aus der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

AKRAM EL-BAHAY

Flammenwüste

ROMAN

~~~

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Illustration »Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher«: Katrin Stempel

Titelillustration: © Natalia Ponce Gutiérrez

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-5408-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Julia, Max, Henry und Anton

1. Eine folgenschwere Entscheidung

Die Flammen loderten auf, als der Kaffeemeister das langstielige Mokkakännchen von der Feuerstelle nahm. Rasch füllte er die tiefschwarze Flüssigkeit in eine kleine Tasse und bahnte sich mit ihr seinen Weg durch die dichte Menschenmenge, die sich im hinteren Teil des Kaffeehauses versammelt hatte.

Rauch aus einem Dutzend Wasserpfeifen bildete einen dichten Vorhang. Es war beinahe Mittag, doch das Licht von außen drang schläfrig durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden in den Raum, der in ein schummriges Halbdunkel getaucht war.

Gespannte Stille herrschte unter den Gästen. Sie alle warteten darauf, dass der berühmte Erzähler Nûr ed-Din endlich mit der nächsten Geschichte begann. Seit dem ersten Angriff war das Interesse der Menschen an den alten, fast vergessenen Erzählungen über Drachen wieder erwacht und viele, die heute gekommen waren, hofften, dass die Worte des Erzählers diese Feuer speienden Wesen wieder in das Reich der Märchen und Legenden verbannen würde, wo sie ihrer Meinung nach auch hingehörten.

Vor einem halben Jahr hatten Händler von einer ausgebrannten Karawanserei berichtet, die an der alten Gewürzstraße lag. Es war bekannt, dass alle Kaufleute, die dort Rast machten, wertvolle Ware mit sich brachten. Daher suchte man die Schuld für den Überfall zunächst bei den Haschirim, jenen unbarmherzigen und grausamen Wüstenkriegern, die seit Jahr und Tag das Land unsicher machten. Der Sultan schickte Soldaten, um die Schuldigen aufzuspüren, aber seine Männer kehrten mit leeren Händen zurück. Nicht eine Spur der Angreifer war zu finden gewesen. Es schien, als wären Feuer und Zerstörung vom Wüstenwind herangetragen worden.

Der Vorfall geriet in Nabija bereits in Vergessenheit, als zwei Monate darauf andere Händler von einer zweiten niedergebrannten Karawanserei berichteten. Erneut schickte der Sultan seine Soldaten und abermals kehrten die Männer erfolglos zurück. Nur kurze Zeit später fiel ein dritter Karawanenhof den Flammen zum Opfer. Doch diesmal fanden die Händler unter den Toten einen Mann, der sich noch für ein paar Atemzüge ans Leben klammerte. Nur ein Wort brachte er vor seinem Ende hervor: Drache!

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über das Land, begleitet von Entsetzen, Unglauben … und Neugier.

Anûr, der Enkel des Erzählers, schielte neidisch auf die Mokkatasse, die der dicke Kaffeemeister seinem Großvater reichte. Während Nûr an dem Gebräu nippte, betrachtete Anûr die Menge. Er erkannte einige der Zuhörer von gestern wieder, andere waren schon seit dem Morgen hier. Sie alle wollten hören, was sein Großvater über Drachen zu erzählen wusste.

»Drachen«, hörte er seinen Großvater schließlich die Geschichte beginnen, »sind so alt wie die Welt selbst. In ihnen brennt dasselbe Feuer, das noch heute tief im Inneren der Erde lodert und das am Anfang aller Tage das Land zum Schmelzen und die Ozeane zum Kochen gebracht hat. Es ist das Feuer, aus dem die Welt geschaffen wurde. Lange haben die Drachen friedlich Seite an Seite mit den Menschen gelebt … bis der große Krieg über die Welt kam. Ein weit entferntes Reich, heute von den Menschen längst vergessen, erhob sich damals. Von dort kamen fremde Soldaten, auf der Suche nach einem mächtigen Zauber. Ein Zauber, der seinem Beherrscher mehr Stärke verleihen würde als das tödlichste Schwert und das größte Heer. Die Armee des fremden Königs war gewaltig und brachte Tod und Zerstörung über die Völker der Wüste. Die Menschen Nabijas indes waren nicht schutzlos, denn sie kämpften gemeinsam mit den stolzen und tapferen Menschen aus Hambar, der schwimmenden Stadt auf dem Roten See, und den Seefahrern von Nubiéd, die ihnen zur Hilfe geeilt waren. Doch während der Krieg tobte, geschah etwas im Lager der Feinde, das alles verändern sollte. Der König …« An dieser Stelle brach Nûr ab und hustete gekünstelt.

Anûr musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Sein Großvater hatte heute schon drei Geschichten erzählt, und Anûr ahnte, was jetzt kam.

Der alte Erzähler hustete noch einmal und klopfte sich nun auch auf die Brust. Das war das verabredete Zeichen für Anûr, zu ihm zu kommen und ihm aufzuhelfen. »Es geht nicht mehr«, keuchte er so übertrieben, dass sich Anûr sicher war, die Zuhörer würden das Schauspiel durchschauen. Doch die Blicke der Leute waren ebenso bestürzt wie sorgenvoll, während sich Nûr hochrappelte und zum Beweis seiner Schwäche auf seinen Enkel stützte. »Ich muss mich etwas ausruhen.«

Aufgeregtes Gemurmel entsprang unter den Leuten. »Aber Ihr müsst weitererzählen. Was passierte mit den Drachen?«, rief ein Mann, so mager wie die streunenden Katzen der Stadt, der von seinem Sitzkissen aufgesprungen war.

»Vielleicht könnte mein Enkel weitererzählen.« Nûr klopfte seinem Enkel schwach auf die Schulter. »Er weiß fast ebenso viel über die alten Geschichten wie ich.«

Anûr seufzte leise. Es war das übliche Schauspiel, das sein Großvater aufführte, wenn er eine Pause wollte. Dann tat er so, als hätte er einen Schwächeanfall, und ließ ihn die Geschichte beenden, wenn es die Zuhörer wollten. Aus Mitleid mit dem armen Alten, der meist im Hinterzimmer schnarchte, zeigten sich die Leute später beim Bezahlen für die Erzählung häufig sogar besonders spendabel.

Anûr sah seinem Großvater nach, der wankend in einem Hinterzimmer des Kaffeehauses verschwand, dann drehte er sich zu den Gästen des Kaffeehauses um und hob fragend die Augenbrauen. Er konnte zwar viele der Geschichten besser als sein Großvater erzählen, der hier und da schon mal eine Wendung vergaß. Doch nicht immer wollten die Leute, dass der Lehrling die Geschichte fortführte, und wenn sie ihm hier nicht zuhören wollten, sollte ihm das recht sein. Er könnte genauso gut die Stadt erkunden.

»Der Junge soll erzählen«, rief jedoch ein Mann, der an der Wand lehnte, und zustimmendes Gemurmel erhob sich um ihn herum.

Also keine Gelegenheit, Nabija endlich kennenzulernen. Anûr zuckte enttäuscht mit den Achseln und ließ sich auf dem großen Holzstuhl nieder, auf dem zuvor sein Großvater gesessen hatte. Die Menge wurde schnell wieder still, und er führte die Erzählung fort. »Doch im Lager der Feinde geschah etwas, das alles verändern sollte. Der König der Feinde starb und Nyan, sein Magier, nahm seinen Platz ein. An dem Tag, an dem Nyan die Macht übernahm, wurde das fremde Heer stärker und die Menschen Nabijas verloren an Kraft, denn Nyan verfügte über eine machtvolle Waffe. Verrat.«

Anûr berichtete, wie sich die Menschen zuvor mit vielen der Drachen zu einem Bündnis zusammengeschlossen hatten. Doch er erzählte seinen Zuhörern auch, wie Nyan Zwietracht in den Reihen der Menschen und ihrer Feuer speienden Verbündeten säte, während sich seine eigenen mit treulosen Menschen und Drachen füllten. Letztere waren es schließlich, die Nabija das meiste Leid brachten. Anûrs Beschreibung davon, wie das Drachenfeuer den Menschen das Fleisch von den Knochen fraß, ließ die Zuhörer frösteln, obwohl es warm war in dem überfüllten Kaffeehaus, und sich die Wangen vieler Zuhörer nicht nur vor Aufregung röteten.

»Es dauerte nicht lange und Nyans Heer hatte weite Teile der Wüste erobert. Selbst die Dschinnen und Ifriten und all die anderen Wesen der Wüste fürchteten seine Macht und zogen sich weit zurück, hinein in Gegenden, die kein Mensch zu betreten wagte. Die letzten Soldaten des Sultans konnten die vollkommene Zerstörung ihres Landes nicht mehr viel länger aufhalten. Doch mit einem Mal endete der Krieg. Von einem Tag auf den anderen zog Nyans Armee ab und kehrte in die Tiefe Wüste zurück. Die Menschen von Nabija konnten kaum glauben, dass der Krieg vorüber war. Erleichterung breitete sich unter ihnen aus. Nur einer mahnte zur Vorsicht. Es war Schakschuka, der Magier des Sultans von Nabija. Er fürchtete, dass Nyan den Zauber gefunden hatte, den er und sein König vor ihm so unerbittlich gesucht hatten und den er in Nabija versteckt geglaubt hatte. Schakschuka warnte den Sultan, dass Nyan damit unbesiegbar werden würde. Auf sein Drängen hin schloss sich das kriegsmüde Heer von Nabija mit seinen Verbündeten zu einer letzten Schlacht zusammen und stellte sich Nyan. Drei Tage soll die Schlacht gedauert haben. Menschen kämpften gegen Menschen und Drachen gegen Drachen.« Anûr machte eine kunstvolle Pause und nippte an der Mokkatasse, die sein Großvater stehen gelassen hatte. Wenigstens noch lauwarm, dachte er und sah sich um. Alle Augen im Raum waren auf ihn gerichtet. Er spürte, wie seine Worte Fäden sponnen. Ein Netz, in dem sich seine Zuhörer verfingen. Seine Worte malten ihnen Bilder in die Köpfe. Ein guter Erzähler lässt seine Zuhörer mit den Ohren sehen, sagte sein Großvater immer. Oh ja, ein Blick in die Gesichter der Leute zeigte Anûr, dass sie längst nicht mehr die Kaffeestube vor sich sahen.

»Zum Schluss führte ein einzelner Mann die Entscheidung herbei«, fuhr Anûr mit dunkler Stimme fort. »Tausende hatten bereits ihr Leben gelassen. Doch Schakschuka gelang es in einem letzten verzweifelten Versuch, Nyan zu stellen und zu besiegen. Der geheimnisvolle Zauber, um dessen Willen dieser Krieg geführt worden war, ging verloren. Und auch die Drachen verschwanden, gleich, auf welcher Seite sie zuvor gekämpft hatten. So gingen sie in das Reich der Geschichten ein. Ihre Geschichten wurden zu Legenden. Aus den Legenden entstanden Mythen. Und aus den Mythen wurden schließlich Märchen.« Anûr blickte sich um. »Das war die Geschichte von den Drachen und dem Krieg gegen Nabija. Danke für eure Aufmerksamkeit. Bitte vergesst nicht, uns etwas in den Beutel zu werfen.«

Es dauerte einen Moment, bis auch die letzten Zuhörer begriffen hatten, dass die Erzählung vorbei war. Murrend erhoben sie sich von ihren Kissen und sprachen mit gedämpften Stimmen über die Geschichte. Viele von ihnen warfen Münzen in Anûrs Beutel.

Bislang läuft es ganz gut, dachte er bei sich, als er die Einnahmen grob überschlug. Sein Großvater und er waren erst gestern in Nabija, der Hauptstadt des nach ihr benannten Reiches, eingetroffen. Sie hatten, nachdem die ersten Gerüchte von dem Drachen aufgekommen waren, nicht lange gezögert und sich auf die weite und beschwerliche Reise von der kleinen Küstenstadt im Norden, in der sie lebten, zum Zentrum des Wüstenreichs gemacht. Nabija. Noch nie war Anûr hier gewesen. Hier hofften sie nun, alles hören zu können, was über den Drachen und die Angriffe berichtet wurde … und dabei mit ihren Geschichten ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Schließlich galt Nûr ed-Din, bei dem Anûr seit dem Tod seiner Eltern lebte, als einer der besten Erzähler des Reiches und sein Wissen über Drachen war unerreicht.

Auch Anûr liebte Geschichten, er dachte sich sogar eigene aus. Erzählt hatte er jedoch noch nie eine von seinen eigenen, nicht einmal seine Lieblingsgeschichte. Unter den Erzählern war das Erfinden neuer Geschichten nur den Meistern vorbehalten, die mehr als ein halbes Jahrhundert damit zugebracht hatten, die Kunst des Erzählens zu verfeinern.

Nach und nach leerte sich das Kaffeehaus, obwohl sich der Kaffeemeister nach Kräften bemühte, die Leute zum Bleiben zu bewegen. Als er einsah, dass er seine Gäste nicht aufhalten konnte, gab er resigniert auf. Er zog einen Lappen hervor, ebenso schmutzig wie die Schürze, die er umgebunden hatte, und begann, die Tische abzuwischen.

Anûr schob die Münzen zurück in den Beutel, als ihn plötzlich schwere Schritte aufhorchen ließen. Er sah überrascht auf und entdeckte zwei Soldaten, die ihn mit fragendem Blick musterten. Einer von ihnen hielt das Schild in der Hand, das Anûr am Vortag draußen an der Eingangstür angebracht hatte.

»Wir suchen den Geschichtenerzähler Nûr ed-Din«, sagte der größere der beiden Soldaten. »Wir sind im Auftrag des Sultans hier.«

»Nun, ich …«, fing Anûr an, doch dann hielt er inne. Eine Idee nahm Gestalt in seinem Kopf an. Es war eine von der Art, die einen nicht mehr losließ, obwohl man genau wusste, dass sie einen in Schwierigkeiten bringen würde.

Es war nicht das erste Mal, dass sein Großvater an einem der Orte, die sie besuchten, zu den Stadtoberen gerufen wurde, um sie zu unterhalten. Häufig genug beschwerte er sich, dass er keine Lust hatte, einem selbstverliebten Kalifen oder, schlimmer noch, seinen kriecherischen Beamten und Wesiren Privatvorstellungen zu geben, vor allem da Anûr ihn meistens nicht einmal begleiten durfte. Und wenn doch, dann musste er bei den Torwachen oder im Küchentrakt warten. Dabei hätte er einen Palast gerne mal von innen gesehen, besonders den berühmten Sultanspalast.

Er horchte auf das leise Schnarchen aus dem Hinterzimmer. Nûr, das wusste er, hielt für gewöhnlich einen ausgedehnten Mittagsschlaf. Er würde erst in ein oder zwei Stunden wieder aufwachen. Bis dahin konnte Anûr ihn vertreten und in seinem Interesse die Einladung des Sultans annehmen. Schließlich brauchte der alte Mann seinen Schlaf. Und einen Sultan konnte man nicht warten lassen. Einen Lidschlag später hatte Anûr seine Entscheidung getroffen

»Ihr habt ihn gefunden«, sagte Anûr. »Ich bin Nûr ed-Din.«

Der Soldat warf ihm einen misstrauischen Blick zu und fragte dann den Wirt, ob dies wirklich der Erzähler sei.

Anûrs Herz begann so laut zu klopfen, dass er glaubte, die Soldaten könnten es hören.

Der dickbäuchige Besitzer des Kaffeehauses, der sich an der Theke herumdrückte, ließ den schmutzigen Lappen sinken und zuckte mit den Schultern. »Ein Erzähler? Der Junge? Ja, ja. Er erzählt wirklich gut. Wollt ihr nicht vielleicht einen Kaffee? Oder etwas anderes?«, fragte er hoffnungsvoll, doch der Soldat wandte sich ab. Er musterte Anûr erneut, und Anûr konnte den Zweifel aus seinem Blick lesen. »Du bist jünger als ich angenommen hätte«, sagte er. »Viel jünger.« Er hielt seinen Blick noch einen Moment auf ihn gerichtet, doch dann nickte er und deutete auf die Tür. »Na gut. Komm mit.«

Anûr atmete erleichtert aus. Für einen Augenblick hatte er geglaubt, seine Lüge würde auffliegen. Er steckte den Beutel mit dem Geld ein und folgte den beiden Soldaten aus dem Kaffeehaus. An der Vorderseite des Gebäudes spendete ein Bogengang angenehm kühlen Schatten. Die Arkaden zogen sich die gesamte Länge der Straße entlang und sie folgten dem Gang, bis er auf eine andere Straße mündete. Sie hielten sich in Richtung der Sultanstraße, der Hauptstraße der Stadt, und erreichten sie schon nach kurzer Zeit.

Unzählige Menschen drängten sich dort aneinander vorbei. Obwohl die Straße breit war, gab es kaum genug Platz für alle. Händler in prächtigen Kleidern ritten auf Kamelen durch die Menge und sahen dabei aus, als würden sie auf einem Meer aus Leibern schwimmen. Dahinter folgten ihnen ihre Diener auf Eselskarren, mit denen Ware transportiert wurde. Die Straße wurde von Verkaufsständen und Handwerksbuden gesäumt. So ein Gedränge war Anûr nicht gewohnt und er versuchte, so nah wie möglich bei den Soldaten zu bleiben, vor denen sich die Menge wie von Geisterhand teilte, nur um sich direkt hinter ihnen wieder zu schließen. Anûr wurde ständig angerempelt und schaffte es nur mit Mühe, nicht den Anschluss zu verlieren.

Es herrschte ein solcher Lärm, dass man kaum die eigenen Gedanken verstehen konnte. Anûr hörte zwei alte Eselstreiber über die schlechten Straßen schimpfen und das bisher viel zu kalte Wetter für diese Jahreszeit. Immerhin sei es schon Juli, aber so kühl wie im Februar. Erst jetzt scheine es wärmer zu werden. Sie kamen an dem Geschäft eines Fußbüglers vorbei, der das heiße Eisen mit seinem linken Fuß auf ein Hemd presste und geschickt über den Stoff gleiten ließ. Man solle es nicht für möglich halten, schimpfte der alte Bügler. Da hätte eine Frau gesagt, dass sie für den Preis lieber selbst bügeln würde. Selbst bügeln! Und dann auch noch eine Frau! Er wüsste schon, wohin das führen würde.

Was immer der Fußbügler noch zu sagen hatte, ging im lautstarken Streit zweier Frauen unter, die über den Preis für ein Huhn feilschten. Das Tier schlug wild mit den Flügeln in seinem Käfig und gackerte.

Sie kamen in einen Teil der Straße, in dem vor allem Gewürz- und Obsthändler ihre Stände hatten. In den betörenden Duft von Kardamom und Zimt mischte sich das Aroma von reifen Bananen, saftigen Mangos und goldgelben Honigmelonen. Allerdings stieg Anûr auch der faulige Gestank einiger Früchte in die Nase, denen die lange Zeit in der Sonne nicht gut bekommen war.

Als sich Anûr mit seinen beiden Führern dem Fluss näherte, den die Menschen in Nabija den Musachir, den Reisenden nannten, nahm das Gedränge endlich ab. Er wusste, dass der Fluss die Stadt in zwei Hälften teilte und auf der anderen Seite das königliche Viertel lag. Die meisten Bürger, sofern sie nicht wegen kleinerer Streitigkeiten zu einem der rechtsprechenden Qadi mussten oder gar im Palast zu tun hatten, überquerten den Fluss nur selten.

Eine breite Brücke führte über den Musachir, der so träge durch die Stadt floss, als habe er alle Zeit der Welt für seinen Weg zum Meer. Auf der anderen Seite führte die Straße noch ein Stück weiter, bis sie an einer steinernen Mauer aus weißem, glatt poliertem Sandstein endete. Dahinter ragte der majestätische Kuppelbau des Sultanspalastes auf, der ebenfalls mit weißem Stein verkleidet war. Die Kuppel allerdings glänzte golden und fast schien es, als würde dort eine zweite Sonne die erste überstrahlen wollen.

Die Soldaten führten Anûr über die breite Brücke hinüber zum königlichen Viertel. Die Menschen, die mit ihnen den Fluss überquerten, steuerten fast alle die kleineren Gebäude vor der Mauer an. Die drei jedoch folgten der Straße weiter, bis sie das Tor in der Mauer erreichten, und wurden augenblicklich hindurchgewunken. Die Soldaten führten Anûr in einen großen Garten, den die Stimmen unzähliger Vögel erfüllten. Jasmin säumte die Pfade. Sein schwerer, süßlicher Duft lag über allem und die weißen Blüten funkelten in der Sonne wie kleine Perlen.

Als sie schließlich das Tor des Palastes erreichten, schlug Anûrs Herz so schnell, als wäre er den ganzen Weg gerannt. Er rief sich all die Geschichten ins Gedächtnis, die er in langen Stunden auswendig gelernt hatte. Geschichten, die in diesem Palast spielten. Oft hatte er sich ausgemalt, wie es wohl im Inneren aussehen mochte. Gespannt, ob die Wirklichkeit mit der Pracht seiner Fantasie mithalten konnte, trat er über die Schwelle in die Vorhalle, die nach dem gleißenden Mittagslicht zunächst dunkel wirkte. Anûr blinzelte … und ihm stockte der Atem.

Die Vorhalle war vollständig mit glänzendem Marmor ausgelegt. Während der Boden weiß war, hatten die Wände eine gelb-rötliche Farbe. Ganz so, als ob die Abendsonne den Wüstensand zum Leuchten bringen würde. Es wirkte beinahe, als stünde man während eines Sonnenuntergangs mitten in der Wüste. Es war viel schöner, als er es sich je hätte ausmalen können.

Die Soldaten führten Anûr vorbei an breiten Treppen, die in die oberen Stockwerke führten und hin zu einem kleinen zweiflügeligen Tor. Ihre Schritte hallten laut von den Wänden wider. »Dahinter warten die Gäste des Sultans«, sagte der Größere der beiden. »Bleib hier, bis du geholt wirst.« Mit diesen Worten öffnete der Soldat einen der Torflügel.

Plötzlich überkamen Anûr Zweifel, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, sich als sein eigener Großvater auszugeben. Er wandte sich um und sah zum Ausgang. Für einen Moment dachte er an Nûr, und daran, was er wohl sagen würde, wenn er hiervon erfuhr. Dann jedoch schob er den Gedanken beiseite. Irgendwie erschien es ihm richtig, vor den Sultan zu treten. Als wäre das etwas, das er tun musste. Anûr nickte dem Soldaten zu, atmete tief ein und ging durch das Tor.

2. Eine erkannte Geschichte

Eine Wasserpfeife stand genau in der Mitte des großen Zimmers und hinter ihr saß ein alter Mann auf einem Kissen, der mit offensichtlichem Genuss rauchte. Als das Tor hinter Anûr zufiel, blickte er auf.

»Hallo, junger Mann«, sagte er fröhlich. »Wollt Ihr Euch zu mir setzen und eine Pfeife mit mir trinken? Es dauert wohl noch etwas, bis wir zum Sultan vorgelassen werden. Er besitzt den besten Tabak, den es in der Wüste gibt.« Ohne eine Antwort abzuwarten, läutete der Alte eine silberne Glocke, die auf einem kleinen Tisch stand. Einen Moment später öffnete sich eine Tür, die unscheinbar in der Wand zu Anûrs Rechten versteckt lag, und ein Diener erschien. Der Mann wisperte ihm etwas zu, und nur wenige Augenblicke später kehrte der Diener mit einer großen, blauen Wasserpfeife zurück.

Anûr ging ein wenig unsicher auf den alten Mann zu und setzte sich neben ihn auf ein freies Kissen. Während der Palastdiener die Pfeife vor ihm abstellte, sie mit Tabak stopfte und anrauchte, sah Anûr sich in dem Raum um. In der Mitte lagen Kissen in jeder Farbe, die sich Anûr vorstellen konnte, aber ansonsten war der Raum recht leer. Vermutlich um dem Blick auf die aufwendig bemalten Wände nicht zu verdecken. Durch mehrere kunstvoll geschnitzte Ebenholzläden links und rechts in den Wänden wehte eine sanfte Brise aus dem Garten herein und der Duft der Blumen vermischte sich mit dem süßen Aroma des Tabaks. Gegenüber dem Tor, durch das Anûr den Raum betreten hatte, befand sich ein zweites, ungleich größeres. Es schien aus purem Gold zu bestehen und Anûr bestaunte für einen Moment das feine Muster, das sich über die Flügel zog.

Nachdem der Diener Anûr den Schlauch mit einem neuen Mundstück gereicht hatte und verschwunden war, breitete sich eine unbehagliche Stille aus. Anûr überlegte fieberhaft, was er sagen sollte, während ihn der Alte mit wachen, blauen Augen musterte.

»Wie es scheint, seid Ihr der andere Ratgeber«, beendete dieser schließlich das Schweigen.

»Der andere Ratgeber?«, wiederholte Anûr fragend. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Der Zweifel daran, ob es richtig gewesen war, sich als sein Großvater auszugeben, meldete sich lautstark zurück.

»Ich meine, mit was kennt Ihr Euch gut aus?«, hakte der Alte nach. »So weit ich gehört habe, können die Berater des Sultans ihm bei einem Problem nicht weiterhelfen.« Wieder ließ er seinen wachen Blick über Anûr schweifen. »Deshalb hat er nach Experten geschickt. Was also ist Euer Fachgebiet?«

»Geschichten …«, stammelte Anûr, dem es gar nicht behagte, dass der Sultan nach einem Ratgeber suchte. Wollte der Herrscher von Nabija etwa nicht bloß einige Geschichten über Drachen hören? Zu seiner eigenen Beruhigung nahm er einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife, und der milde Geschmack von Äpfeln breitete sich in seinem Mund aus.

»Ah, sehr klug von ihm«, sagte der alte Mann. Dann tat er es Anûr gleich und zog an seiner Pfeife. »Die alten Erzählungen bergen viele Wahrheiten in sich. Solches Wissen kann immer nützlich sein.«

»Wisst Ihr, um was für ein Problem es geht?«

Der Alte zog eine Augenbraue hoch. »Nun, ich denke, es dürfte mit ziemlicher Sicherheit um den Drachen gehen, der Feuer speiend durch das Land zieht. Ich frage mich schon eine ganze Zeit, woher er wohl kommen mag. Wo wir gerade beim Woher sind: Ihr seid nicht von hier, oder? Ich erkenne es an Eurer Kleidung. Ich denke, Ihr stammt von der Nordküste. Aus der Wasserstadt, vermute ich.«

Anûr sah auf sein tiefblaues Gewand und nickte. Seine Heimatstadt lag direkt am Meer, nahe einer mächtigen Flussmündung. Die vielen Arme des Flusses machten das Land um die Wasserstadt zum fruchtbarsten des ganzen Wüstenreichs.

»Dann habt Ihr einen weiten Weg zurückgelegt, um zum Sultan zu gelangen«, sagte der Alte.

»Wir waren bereits in der Stadt, als die Soldaten mich gebeten haben, mit ihnen zu kommen.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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