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ANMERKUNG: NEUVERÖFFENTLICHUNG. DAS BUCH WURDE IM SEPTEMBER 2020 KOMPLETT NEU ÜBERSETZT. FÄHRTENSUCHE IM SAND (Ein Cozy-Krimi mit Lacey Doyle – Buch 2) ist das zweite Buch aus einer bezaubernden neuen Reihe romantischer Krimis der Autorin Fiona Grace. Lacey Doyle, 39 Jahre alt und frisch geschieden, hat vor Kurzem ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt, denn sie hat ihr schnelles Leben in New York City aufgegeben und sich in dem malerischen englischen Küstenstädtchen Wilfordshire niedergelassen. Es ist Frühling. Nachdem sie erst vor wenigen Wochen einen Mordfall gelöst hat, beginnt Lacey – nicht zuletzt wegen ihres neuen besten Freundes in Gestalt eines Englischen Schäferhundes sowie ihrer aufkeimenden Beziehung zu dem netten Koch und Konditor aus dem Laden gegenüber – sich so richtig wohl in ihrer neuen Heimatstadt zu fühlen. Und dass sie nun ihre erste richtige Auktion veranstalten kann und dabei auch ein besonders wertvolles, wenn auch mysteriöses Stück unter den Hammer bekommen soll, erfüllt sie erst recht mit freudiger Aufregung. Zunächst scheint alles problemlos über die Bühne zu gehen, allerdings nur so lange bis zwei mysteriöse Bieter auftauchen, die beide aus Wilfordshire kommen – und von denen einer bei seinem Auftauchen tot ist. Natürlich stürzen diese Ereignisse das Städtchen in ein schlimmes Chaos und bringen Laceys endlich wieder florierendes Geschäft einmal mehr an den Rand seiner Existenz. Nun stellt sich die Frage, ob es Lacey und ihrem Partner mit der kalten Schnauze gelingen wird, auch dieses Verbrechen aufzuklären und damit ihren guten Ruf zu retten.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2020
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FÄHRTENSUCHE IM SAND
Fiona Grace
Die Debutautorin Fiona Grace ist die Verfasserin der LACEY DOYLE COZY-KRIMI Buchreihe, die bisher aus den Romanen DER TOD KAM VOR DEM FRÜHSTÜCK (Buch Eins), FÄHRTENSUCHE IM SAND (Buch Zwei), VERBRECHEN IM CAFÉ (Buch Drei), EIN VERHÄNGNISVOLLER BESUCH (Buch Vier) und EIN TÖDLICHER KUSS (Buch Fünf) besteht. Fiona ist außerdem Autorin der EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN COZY-KRIMI Buchreihe.
Fiona würde sich sehr freuen, von Ihnen zu hören, deshalb besuchen Sie bitte ihre Webseitewww.fionagraceauthor.com, über die Sie kostenlose E-Books erhalten, wissenswerte Neuigkeiten rund um die Autorin erfahren und mit ihr in Kontakt treten können.
Copyright © 2019 by Fiona Grace. All rights reserved. Except as permitted under the U.S. Copyright Act of 1976, no part of this publication may be reproduced, distributed or transmitted in any form or by any means, or stored in a database or retrieval system, without the prior permission of the author. This ebook is licensed for your personal enjoyment only. This ebook may not be re-sold or given away to other people. If you would like to share this book with another person, please purchase an additional copy for each recipient. If you’re reading this book and did not purchase it, or it was not purchased for your use only, then please return it and purchase your own copy. Thank you for respecting the hard work of this author. This is a work of fiction. Names, characters, businesses, organizations, places, events, and incidents either are the product of the author’s imagination or are used fictionally. Any resemblance to actual persons, living or dead, is entirely coincidental. Jacket image CopyrightHelen Hotson, used under license from Shutterstock.com.
BÜCHER VON FIONA GRACE
EIN COZY-KRIMI MIT LACEY DOYLE
DER TOD KAM VOR DEM FRÜHSTÜCK (Buch #1)
FÄHRTENSUCHE IM SAND (Buch #2)
VERBRECHEN IM CAFÉ (Buch #3)
EIN VERHÄNGNISVOLLER BESUCH (Buch #4)
EIN TÖDLICHER KUSS (Buch #5)
EIN MALERISCHER MORD (Buch #6)
VERSTUMMT DURCH EINEN ZAUBER (Buch #7)
VERDAMMT DURCH EINE FÄLSCHUNG (Buch #8)
KATASTROPHE IM KLOSTER (Buch #9)
EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN COZY-KRIMI
EIN ERLESENER MORD (Buch #1)
EIN ERLESENER TODESFALL (Buch #2)
INHALT
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
Die Glöckchen über der Tür klingelten. Lacey blickte auf und sah, dass ein älterer Herr ihren Antiquitätenladen betreten hatte, der im Stil des britischen Landadels gekleidet war. In Laceys altem Zuhause, New York City, hätte er damit seltsam gewirkt, doch in dem Küstenort Wilfordshire in England war er nur ein typischer Bewohner. Lacey glaubte, ihn noch nie gesehen zu haben, obwohl sie die meisten Bewohner der kleinen Stadt mittlerweile kannte. Seinem verwirrten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, dachte Lacey, dass er sich vielleicht verlaufen hatte.
Als sie seinen hilfesuchenden Blick bemerkte, hielt sie die Sprechmuschel des Telefons zu – mitten in einer Unterhaltung mit der Tierschutzorganisation RSPCA – und rief ihm über die Ladentheke zu: „Ich bin gleich bei Ihnen, ich muss nur noch einen Anruf beenden.“
Der Mann schien sie nicht zu hören. Seine Aufmerksamkeit war jetzt auf ein Regal gerichtet, in dem sich Kristallglasfiguren befanden.
Lacey wusste, dass sie sich bei ihrer Konversation mit der RSPCA beeilen musste, um den verwirrt wirkenden Kunden zu bedienen, also nahm sie ihre Hand wieder von der Sprechmuschel. „Bitte entschuldigen Sie. Könnten Sie das nochmal wiederholen?“
Die Männerstimme am anderen Ende klang ermüdet und seufzte. „Was ich gerade gesagt habe, Frau Doyle, ist, dass ich Ihnen keine Daten von Mitarbeitern geben kann. Es geht hier um Datenschutz. Das verstehen Sie doch sicherlich, oder?“
Lacey hatte das alles bereits gehört. Sie hatte die RSPCA zu allererst angerufen, um Chester offiziell zu adoptieren. Er war der englische Hirtenhund, den sie mehr oder weniger mit dem Antiquitätenladen erhalten hatte, den sie mietete (der Besitzer, der das Geschäft vor ihr betrieben hatte, war in einem tragischen Unfall ums Leben gekommen und Chester war bis zu seinem Zuhause zurückgelaufen). Doch dann hatte sie den Schreck ihres Lebens bekommen, als sie die Frau am anderen Ende gefragt hatte, ob sie mit Frank Doyle verwandt war – dem Vater, der sie als Siebenjährige verlassen hatte. Danach war die Verbindung abgebrochen und seither rief sie jeden Tag dort an, um die Frau aufzuspüren, mit der sie gesprochen hatte. Nun schienen jedoch alle Anrufe in ein zentrales Callcenter in der nahegelegenen Stadt Exeter umgeleitet zu werden und Lacey konnte die Frau nicht ausfindig machen, die den Namen ihres Vaters kannte.
Lacey umklammerte den Hörer und kämpfte damit, ihre Stimme zu beruhigen. „Ja, ich verstehe, dass Sie mir ihren Namen nicht sagen können. Aber warum können Sie mich nicht mit ihr verbinden?“
„Nein, Frau Doyle“, antwortete der junge Mann. „Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wer diese Frau ist, haben wir ein System im Callcenter. Die Anrufe werden zufällig zugeteilt. Alles, was ich tun kann – und das habe ich bereits getan – ist, eine Notiz mit Ihren Daten in unserem System zu hinterlassen.“ Er klang inzwischen etwas gereizt.
„Aber was, wenn sie die Notiz nicht sieht?“
„Die Möglichkeit besteht natürlich. Wir haben eine Vielzahl an Mitarbeitern, die nur bei Bedarf auf freiwilliger Basis aushelfen. Die Person, mit der Sie gesprochen haben, war vielleicht seit Ihrem Anruf gar nicht mehr in unserem Büro.“
Lacey hatte auch diese Worte bereits gehört. Sie hatte schon unzählige Male angerufen und jedes Mal auf ein anderes Ergebnis gehofft. Die Mitarbeiter im Callcenter schienen von ihr bereits ziemlich genervt zu sein.
„Aber wenn sie eine freiwillige Mitarbeiterin war, bedeutet das nicht, dass sie womöglich nie wieder zu einer weiteren Schicht kommen wird?“, fragte Lacey.
„Klar. Das kann sein. Dagegen kann ich aber nichts tun.“
Lacey hatte keine Lust mehr, sich weiter einzuschmeicheln. Sie seufzte und gab sich geschlagen. „Okay, trotzdem danke.“
Sie legte auf und sank in sich zusammen. Aber sie würde nicht zu lange darüber grübeln. Ihre Versuche, Informationen zu ihrem Vater zu finden, waren immer schon schwierig gewesen. Machte sie zwei Schritte vorwärts, folgten eineinhalb rückwärts. Sie hatte sich bereits an Sackgassen und Enttäuschung gewöhnt. Abgesehen davon musste sie ihre Kunden betreuen und ihr geliebter Laden stand in Laceys Kopf immer an erster Stelle.
Seitdem die zwei Polizeidetektive Karl Turner und Beth Lewis in einem offiziellen Bescheid anerkannt hatten, dass sie nichts mit dem Mord von Iris Archer zu tun gehabt hatte – und dass sie sogar an der Lösung des Falls beteiligt gewesen war – lief ihr Laden wieder so gut wie früher. Er blühte förmlich auf und täglich strömten zahlreiche Kunden herein, die entweder aus der Gegend kamen oder auf Urlaub hier waren. Lacey machte genug Umsatz, um das Crag Cottage kaufen zu können (etwas, das sie gerade mit Ivan Parry, ihrem derzeitigen Vermieter, aushandelte), und sie hatte sogar genug Einkommen, um Gina, ihre direkte Nachbarin und gute Freundin, zeitweilig einzustellen. Es war nicht so, dass sich Lacey während Ginas Schicht freinahm - stattdessen versuchte sie, alles über Auktionen zu lernen. Es hatte ihr so gefallen, Iris Archers Besitztümer zu versteigern, dass sie ab jetzt jeden Monat eine abhalten wollte. Morgen würde Laceys nächste Auktion stattfinden und sie war bereits voller Tatendrang.
Sie kam hinter dem Tresen hervor – Chester hob seinen Kopf, um wie üblich zu winseln – und ging auf den älteren Herrn zu. Er war ein Fremder, keiner ihrer Stammkunden, und blickte immer noch gebannt auf das Fach mit den Kristallballerinas.
Lacey strich ihre dunklen Locken aus dem Gesicht und kam dem alten Mann entgegen.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte sie, als sie sich neben ihn stellte.
Der Mann zuckte zusammen. „Um Himmels Willen, Sie haben mich erschreckt!“
„Das tut mir leid“, sagte Lacey, als sie sein Hörgerät entdeckte und sich ermahnte, ältere Menschen zukünftig nicht mehr von hinten zu überraschen. „Ich wollte mich nur erkundigen, ob Sie nach etwas Speziellem suchen oder sich nur umsehen wollen.“
Der Mann blickte wieder auf die Figuren und ein kleines Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit. „Das ist eine lustige Geschichte“, sagte er. „Es ist der Geburtstag meiner verstorbenen Gattin. Ich bin für Tee und Kuchen in die Stadt gekommen, um ihr Andenken in Ehren zu halten, wissen Sie. Aber als ich an Ihrem Geschäft vorbeigekommen bin, musste ich unbedingt hereinkommen.“ Er zeigte auf die Figuren. „Sofort habe ich die hier entdeckt.“ Er schenkte Lacey ein wissendes Lächeln. „Meine Frau war Tänzerin.“
Lacey schmunzelte zurück, gerührt von seiner Geschichte. „Wie wundervoll!“
„Das war in den Siebzigerjahren“, führte der ältere Herr fort und nahm eine der Figuren mit zittriger Hand aus dem Regal. „Sie war ein Teil der Royal Ballet Society. Sie war sogar ihre erste Ballerina mit –“
In diesem Moment unterbrach das Geräusch eines großen Bullis, der direkt vor dem Laden zu schnell über eine Bodenschwelle fuhr, den Satz des Mannes. Der nachfolgende Knall, den der Wagen machte, als er wieder auf der anderen Seite herunterratterte, ließ den Herrn fast in die Höhe springen, und die Figur in seiner Hand flog in die Luft. Sie fiel direkt auf die hölzernen Bodendielen. Der Arm der Ballerina brach ab und wurde unter das Regal geschleudert.
„Ach du meine Güte!“, schrie der Mann auf. „Das tut mir so leid!“
„Keine Sorge“, versicherte ihm Lacey, während sie den weißen Bulli inspizierte, den sie durch das Fester beobachten konnte. Das Fahrzeug war an den Straßenrand gefahren und abgestellt worden, der Motor brummte laut auf und der Auspuff qualmte. „Es war nicht Ihre Schuld. Ich denke nicht, dass der Fahrer die Bodenschwelle gesehen hat. Wahrscheinlich hat er seinen Bulli beschädigt!“
Sie kniete sich nieder und versuchte mit ihrem Arm unter das Regal zu gelangen, bis ihre Fingerspitzen die kleine, scharfe Kante des Kristalls erfühlen konnten. Sie zog ihren Arm hervor – der nun von einer dünnen Staubschicht bedeckt war – und richtete sich wieder auf. Genau in diesem Moment sah sie, wie der Fahrer des Bullis aus der Kabine auf das Kopfsteinpflaster hinabsprang.
„Das kann doch nur ein Witz sein...“, murmelte Lacey, als sich ihr Blick auf den Übeltäter richtete, den sie nun erkennen konnte. „Taryn.“
Taryn gehörte die Boutique nebenan. Sie war eine versnobte, kleinkarierte Frau, der Lacey den Titel der Unbeliebtesten Person in Wilfordshire verliehen hatte. Sie versuchte Lacey ständig in die Quere zu kommen und sie aus der Stadt zu jagen. Taryn hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, um Laceys Versuch zu sabotieren, ein eigenes Geschäft in Wilfordshire aufzubauen. Sie war sogar so weit gegangen, Löcher in die Wand ihres eigenen Ladens zu bohren, nur um sie zu ärgern! Und obwohl die Frau sie um einen Waffenstillstand gebeten hatte, nachdem es ihr Handlanger etwas zu weit treiben wollte – er war nachts dabei erwischt worden, wie er vor ihrem Haus herumgeschnüffelt hatte – vertraute ihr Lacey immer noch nicht. Taryn spielte nicht mit fairen Mitteln. Sicherlich war das nur ein weiterer Trick von ihr. Es war gar nicht möglich, dass sie die Bodenschwelle nicht kannte – sie war sogar aus ihrem eigenen Ladenfenster sichtbar, zum Teufel nochmal! Als wäre sie absichtlich zu schnell darübergefahren. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, parkte sie jetzt direkt vor Laceys Laden statt vor ihrem eigenen und versuchte entweder die Sicht auf ihr Schaufenster zu blockieren oder die ganzen Abgase in ihre Richtung zu blasen.
„Das tut mir so leid“, wiederholte der Mann und konnte Laceys Aufmerksamkeit wiedererlangen. Er hielt immer noch die Figur hoch, die nun nur noch einen Arm besaß. „Bitte. Lassen Sie mich für den Schaden aufkommen.“
„Auf keinen Fall“, antwortete Lacey nachdrücklich. „Sie haben nichts falsch gemacht.“ Ihr strenger Blick richtete sich wieder über seine Schulter auf das Fenster. Sie fixierte Taryn und beobachtete, wie die Frau behutsam zum Heck des Fahrzeugs tänzelte, als hätte sie keine Sorge in der Welt. Laceys Ärger über die Besitzerin der Boutique wuchs weiter. „Wenn jemand Schuld daran hat, dann ist es die Fahrerin.“ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. „Es kommt mir fast so vor, als hätte sie das mit Absicht getan. Autsch!“
Lacey spürte etwas Scharfes in ihrer Handfläche. Sie umklammerte den abgebrochenen Arm der Ballerina so fest, dass er sich in ihre Haut bohrte.
„Huch!“, erschrak der Mann, als er den großen Blutstropfen sah, der sich in ihrer Handfläche bildete. Er zog den Arm, der die Verletzung verursacht hatte, vorsichtig aus ihrer Hand, als würde das die Wunde wieder verschließen können. „Ist alles in Ordnung?“
„Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment“, sagte Lacey.
Sie ging auf die Tür zu, ließ den erstaunten Mann im Laden zurück, der in einer Hand die beschädigte Ballerina hielt, in der anderen den abgebrochenen Arm, und marschierte auf die Straße. Sie schritt direkt auf ihre Nachbarschaftsfeindin zu.
„Lacey!“, rief ihr Taryn strahlend entgegen, während sie die Hintertür des Vans wieder verschloss. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich hier parke? Ich muss den Lagerbestand für die neue Saison ausladen. Ist Sommer nicht auch deine Lieblingsjahreszeit für Mode?“
„Dass du hier parkst, stört mich überhaupt nicht“, sagte Lacey. „Aber mich stört, wenn du zu schnell über die Bodenschwelle ratterst. Du weißt doch, dass die Schwelle direkt vor meinem Laden ist. Der Lärm hat meinem Kunden fast einen Herzinfarkt verpasst.“
Dann fiel ihr auf, dass Taryn ihren riesigen Bulli so geparkt hatte, dass er ihren Blick auf Toms Patisserie auf der anderen Straßenseite blockierte. Das war definitiv mit Absicht!
„Verstanden“, sagte Taryn mit gekünstelter Heiterkeit. „Ich werde nächstes Mal langsamer fahren, wenn die Herbstmode ankommt. Hey, du solltest einmal vorbeikommen, wenn alles eingeräumt ist. Deine Garderobe auffrischen. Dir etwas gönnen. Du verdienst es.“ Ihre Augen wanderten über Laceys Outfit. „Und es wird langsam Zeit.“
„Ich werde darüber nachdenken“, sagte Lacey trocken und erwiderte Taryns falsches Lächeln.
Sobald sie der Frau den Rücken gekehrt hatte, verwandelte sich das Lächeln in eine Grimasse. Taryn war wirklich die Königin der zweideutigen Komplimente.
Als sie wieder in den Laden kam, wartete ihr älterer Kunde bereits an der Kasse und eine zweite Person – ein Mann in einem dunklen Anzug – hatte das Geschäft betreten. Er sah sich gerade das Regal mit den nautischen Stücken an, die sie morgen bei der Auktion versteigern wollte. Ihr Hund Chester beobachtete ihn dabei mit wachsamen Augen. Sie konnte sein Aftershave bereits aus der Ferne riechen.
„Ich bin gleich bei Ihnen“, rief Lacey dem neuen Kunden zu, während sie in den hinteren Teil des Ladens eilte, wo der ältere Herr wartete.
„Ist Ihre Hand in Ordnung?“, fragte er.
„Alles okay.“ Sie blickte auf den kleinen Kratzer in ihrer Handfläche, der bereits aufgehört hatte zu bluten. „Tut mir leid, dass ich es so eilig hatte. Ich musste –“ sie wählte ihre Worte mit Bedacht, „– etwas erledigen.“
Lacey würde sich nicht von Taryn herunterziehen lassen. Wenn sie zuließ, dass ihr die Besitzerin der Boutique unter die Haut ging, würde sie sich nur ein Eigentor schießen.
Als Lacey hinter den Verkaufstresen schlüpfte, fiel ihr auf, dass der ältere Herr die gebrochene Figur darauf platziert hatte.
„Ich würde sie gerne kaufen“, erklärte er.
„Aber sie ist kaputt“, erwiderte Lacey. Er versuchte offensichtlich einfach nur nett zu sein, obwohl er keinen Grund hatte, sich wegen des Missgeschicks schlecht zu fühlen. Es war wirklich nicht seine Schuld gewesen.
„Ich will sie trotzdem haben.“
Lacey lief rot an. Er war sehr hartnäckig.
„Darf ich wenigstens versuchen, sie zu reparieren?“, fragte sie. „Ich habe Heißkleber und –“
„Das ist nicht nötig!“, unterbrach sie der Herr. „Ich will sie genauso, wie sie ist. Sehen Sie, die Figur erinnert mich jetzt nur noch mehr an meine Frau. Das wollte ich eigentlich gerade sagen, als das Auto über die Schwelle gerumpelt ist. Sie war die erste Ballerina mit einer Behinderung in der Royal Ballet Society.“ Er hielt die Figur hoch und drehte sie im Lichtschein. Das Licht spiegelte sich im rechten Arm, der immer noch elegant ausgestreckt war, am Ellenbogen jedoch in einem gezackten Stumpf endete. „Sie hatte nur einen Arm.“
Lacey zog die Augenbrauen hoch. Ihr Mund stand offen. „Das kann doch nicht wahr sein!“
Der Mann nickte eifrig. „Ja, wirklich! Sehen Sie das nicht? Das war ein Zeichen von ihr.“
Lacey konnte ihm nur zustimmen. Sie war schließlich selbst gerade auf der Suche nach einem Geist in der Form ihres Vaters und daher besonders empfänglich für jegliche Zeichen, die das Universum ihr schicken mochte.
„Dann haben Sie recht, Sie müssen sie haben“, sagte Lacey. „Aber ich werde Sie nicht dafür bezahlen lassen.“
„Sind Sie sicher?“, fragte der Mann überrascht.
Lacey strahlte. „Absolut sicher! Ihre Frau hat Ihnen ein Zeichen geschickt. Die Figur gehört rechtmäßig Ihnen.“
Der Herr wirkte gerührt. „Dankeschön.“
Lacey begann die Figur in Seidenpapier einzuwickeln. „Lassen Sie uns sicherstellen, dass ihr keine weiteren Gliedmaßen abbrechen, ja?“
„Sie halten eine Auktion ab, wie ich sehe“, sagte der Mann und deutete über ihre Schulter auf ein Plakat an der Wand.
Anders als das plumpe, handgezeichnete Poster, das sie bei der letzten Auktion verwendet hatte, war dieses professionell angefertigt worden. Es war mit nautischen Motiven dekoriert; mit Booten und Möwen und einem Rahmen, der so aussah, als bestünde er aus blau-weiß-karierten Wimpeln zu Ehren von Wilfordshires eigener Obsession mit Wimpeln.
„Das ist richtig“, sagte Lacey mit stolzgeschwellter Brust. „Es ist erst meine zweite Auktion. Sie dreht sich ausschließlich um antike Seefahrtobjekte. Sextanten. Anker. Teleskope. Ich werde eine ganze Reihe von Schätzen verkaufen. Vielleicht wollen Sie ja vorbeikommen?“
„Ja, vielleicht“, antwortete der Mann mit einem Lächeln.
„Ich lege Ihnen einen Flyer in die Einkaufstüte.“
Genau das tat Lacey auch und reichte dem Mann die zarte Figur über den Tresen. Er dankte ihr und machte sich auf den Weg hinaus.
Lacey beobachtete, wie der alte Herr den Laden verließ, gerührt von seiner Geschichte, bis ihr der andere Kunde wieder ins Gedächtnis kam.
Sie blickte nach rechts, um ihre Aufmerksamkeit auf den anderen Mann zu richten. Doch er war bereits verschwunden. Er hatte den Laden leise und unbemerkt verlassen, bevor sie überhaupt die Chance gehabt hatte, ihm ihre Hilfe anzubieten.
Sie ging zu den Regalen, die er gerade noch begutachtet hatte. Auf der unteren Ablage hatte sie die Boxen abgestellt, in der sich alle Objekte für die Auktion befanden. Auf einem Schild in Ginas Handschrift stand geschrieben: Keines dieser Stücke steht zum Verkauf. Alles wird versteigert! Daneben hatte sie ein selbstgemaltes Bild gelegt – einen Totenschädel mit zwei gekreuzten Knochen. Dabei musste sie das Seefahrtthema mit Piraten verwechselt haben. Hoffentlich hatte der Kunde das Schild gesehen und würde morgen wiederkommen, um auf den Gegenstand zu bieten, der ihn so brennend interessiert hatte.
Lacey nahm eine der Boxen mit zur Theke, in der sich noch nicht geschätzte Artikel befanden. Als sie ein Objekt nach dem anderen herauszog und sie auf dem Tresen aufreihte, konnte sie ihre freudige Aufregung nicht mehr verbergen. Ihre letzte Auktion war wunderbar gewesen, doch die Suche nach einem Mörder hatte ihre Freude getrübt. Dieses Mal würde sie sie in vollen Zügen genießen können. Endlich würde sie die Chance erhalten, ihre Auktionskünste zu verbessern, und sie konnte es wirklich kaum erwarten!
Sie war vor lauter Schätzen und Katalogisieren ihrer Artikel in Gedanken verloren, als sie von dem schrillen Läuten ihres Handys unterbrochen wurde. Mit leichter Frustration über die Störung, die sicherlich von ihrer melodramatischen, jüngeren Schwester Naomi und ihrer Alleinerzieherkrise ausging, blickte Lacey auf ihr Handy, das mit dem Display nach oben auf dem Tisch lag. Sie war überrascht zu sehen, dass der Name ihres Ex-Mannes David aufleuchtete.
Lacey starrte einen Moment lang auf den blinkenden Bildschirm, zu benommen, um zu reagieren. Ein wahrer Sturm an Gefühlen brach über ihr zusammen. David und sie hatten seit der Scheidung kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt – obwohl er immer noch mit Laceys Mutter zu sprechen schien – und alles über ihre Anwälte geregelt. Aber dass er sie anrief? Lacey wusste gar nicht, wo sie mit ihren Theorien über sein plötzliches Verhalten anfangen sollte.
Obwohl sie es eigentlich besser wissen sollte, hob Lacey ab.
„David? Ist alles in Ordnung?“
„Nein, ist es nicht“, ertönte seine gereizte Stimme, bei der eine Million verdrängte Erinnerungen hochkamen, als würde jemand Staub aufwirbeln.
Sie verkrampfte sich, bereit für schreckliche Nachrichten. „Was ist los? Ist etwas passiert?“
„Deine Unterhaltszahlung ist nicht bei mir angekommen.“
Lacey verdrehte ihre Augen so stark, dass sie schmerzten. Geld. Natürlich. Es gab nichts, was David wichtiger war als Geld. Einer der lächerlichsten Aspekte ihrer Scheidung war die Tatsache, dass sie ihm Unterhalt zahlen musste, da sie mehr verdient hatte als er. Natürlich war dies der einzige Grund, mit ihr in Kontakt zu treten.
„Ich habe die Zahlung bereits bei der Bank eingerichtet“, sagte ihm Lacey. „Sie sollte automatisch laufen.“
„Nun, scheinbar haben die Briten eine andere Definition von automatisch und falls du es nicht mitbekommen hast, ist heute der Stichtag! Also schlage ich vor, dass du schleunigst bei der Bank anrufst und die Situation klärst.“
Er klang genauso wie ein Schulrektor. Lacey erwartete schon fast, dass er seinen Monolog mit den Worten „du dummes, kleines Mädchen“ abschloss.
Sie krallte ihr Handy fest und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Nicht heute, am Tag vor der Auktion, auf die sie sich schon so gefreut hatte!
„Was für ein toller Vorschlag, David“, antwortete sie und klemmte ihr Handy zwischen ihrem Ohr und ihrer Schulter ein, damit sie die Hände freihatte, um sich in ihrem Online-Account der Bank einzuloggen. „Auf die Idee wäre ich nie gekommen.“
Auf ihre Worte folgte Stille. David hatte wahrscheinlich noch nie eine sarkastische Bemerkung von ihr erhalten und es brachte ihn aus dem Konzept. Der englische Humor ihres neuen Freundes schien sehr schnell abzufärben.
„Du nimmst das nicht sonderlich ernst“, erwiderte David, als er sich wieder gefasst hatte.
„Sollte ich?“, antwortete Lacey. „Es ist nur ein Missverständnis bei der Bank. Ich kann das wahrscheinlich bis zum Ende des Tages aus der Welt schaffen. Tatsächlich, ja, hier ist eine Nachricht auf meinem Account.“ Sie klickte auf das kleine, rote Symbol und eine Informationsbox poppte auf. Sie las laut vor. „Auf Grund der Feiertage werden alle planmäßigen Zahlungen, die auf Sonntag oder Montag fallen, erst am Dienstag bei den Empfängerkonten ankommen. Aha. Hier haben wir die Lösung. Ich wusste, dass es etwas Simples sein würde. Ein Feiertag.“ Sie pausierte und blickte aus dem Fenster auf eine Gruppe von Passanten. „Ich dachte mir schon, dass die Straßen heute besonders belebt wirken.“
Sie konnte beinahe hören, wie David auf der anderen Seite mit seinen Zähnen knirschte.
„Das ist wirklich sehr unpraktisch für mich“, fauchte er. „Ich muss meine Rechnungen bezahlen, weißt du.“
Lacey sah zu Chester herab, als brauchte sie einen Kameraden in dieser besonders frustrierenden Unterhaltung. Er hob seinen Kopf von seinen Pfoten und zog eine Braue hoch.
„Kann dir Frida nicht ein paar Millionen borgen, wenn es knapp wird?“
„Eda“, verbesserte David sie.
Lacey kannte den Namen von Davids neuer Verlobten ganz genau. Aber Naomi und sie hatten begonnen, sie Zwei-Wochen-Frida zu nennen, um sich darüber lustig zu machen, wie schnell die beiden sich verlobt hatten, und jetzt konnte sie an nichts anderes mehr denken.
„Und nein“, sprach er weiter. „Sie sollte das nicht müssen. Wer hat dir überhaupt von Eda erzählt?“
„Meine Mutter hat es möglicherweise bei ein oder zwei Dutzend Gelegenheiten erwähnt. Warum redest du eigentlich noch mit meiner Mutter?“
„Sie war 14 Jahre ein Teil meiner Familie. Ich bin ja nicht von ihr geschieden.“
Lacey seufzte. „Nein. Ich schätze nicht. Also, was ist der Plan? Dass ihr drei euch auf eine Maniküre trefft und beste Freunde werdet?“
Jetzt wollte sie ihn aufziehen und sie konnte sich einfach nicht zurückhalten. Es machte richtig Spaß.
„Du bist lächerlich“, sagte David.
„Ist sie nicht die Erbin eines Emporiums für falsche Nägel?“, fragte sie mit gespielter Unschuld.
„Ja, aber du musst es nicht so sagen“, erwiderte David mit einer Stimme, bei der Lacey sofort seinen beleidigten Gesichtsausdruck vor ihrem innerem Augen sah.
„Ich habe nur spekuliert, wie ihr drei wohl am ehesten eure gemeinsame Zeit verbringen würdet.“
„Mit kritischem Unterton.“
„Mom hat mir erzählt, dass sie ziemlich jung ist“, sagte Lacey und versuchte das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „20. Ich denke, 20 ist doch vielleicht ein bisschen zu jung für einen Mann deines Alters. Aber zumindest hat sie noch ganze 19 Jahre Zeit, um herauszufinden, ob sie Kinder will oder nicht. 39 ist bei dir schließlich die Grenze, nicht wahr?“
Sobald sie es ausgesprochen hatte, wurde ihr bewusst, wie sehr sie wie Taryn klang. Sie zuckte zusammen. Sie hatte kein Problem damit, dass Toms Eigenarten auf sie abfärbten, aber bei Taryn ging es wirklich zu weit!
„Entschuldige“, murmelte sie und ruderte zurück. „Das war unpassend.“
David wartete einen Moment. „Sorg einfach dafür, dass ich das Geld bekomme, Lace.“
Mit einem Klicken in der Leitung war er weg.
Lacey war gerade dabei, die Objekte zu schätzen, als Taryn vor ihrem Fenster endlich den großen Bulli wegfuhr und den Blick auf Toms Geschäft auf der anderen Seite der gepflasterten Straße wieder freigab. Die karierten Wimpel mit Ostermotto waren durch sommerliche Wimpel ersetzt worden und Tom hatte die Auslage mit Makronen aufgepeppt, sodass sie jetzt wie eine Szene auf einer tropischen Insel aussah. Der Sand bestand aus Zitronen-Makronen, umgeben von einem Ozean in unterschiedlichen Blautönen – türkisblau (Zuckerwattegeschmack), hellblau (Kaugummigeschmack), dunkelblau (Blaubeergeschmack) und marineblau (blaue Himbeeren). Hohe Stapel von Schokoladen-, Kaffee- und Erdnuss-Makronen bildeten die Palmen, während die Blätter aus Marzipan geformt waren; ein weiteres Lebensmittel, mit dem Tom sehr geübt war. Das Schaufenster war atemberaubend und es lief einem schon beim Anblick das Wasser im Mund zusammen. Ständig versammelten sich davor große Gruppen von aufgeregten Touristen, um es zu bewundern.
Wenn sie durch das Fester neben dem Tresen blickte, konnte Lacey Tom dahinter sehen. Er war damit beschäftigt, seine Kunden mit seinen theatralischen Auslagen zu begeistern.
Sie legte den Kopf auf ihre Hände und seufzte verträumt. Bisher waren die Dinge mit Tom wunderbar gelaufen. Sie waren jetzt offiziell dabei zu „daten“, wie es Tom genannt hatte. Sie würde es niemals so ausdrücken. Während ihrer Diskussion über „die Art ihrer Beziehung“ hatte Lacey darauf bestanden, dass dies ein unpassender und kindischer Ausdruck für zwei Erwachsene sei, die eine romantische Verbindung eingingen. Tom hatte erwidert, dass es nicht ihre Aufgabe war, die Terminologie anzufechten, sofern sie nicht gerade für das Merriam-Webster-Wörterbuch arbeitete. Sie hatte nachgegeben, zog jedoch den Schlussstrich bei den Worten „Freund“ und „Freundin“. Außerdem mussten sie sich noch auf passende Kosenamen einigen. In der Zwischenzeit wichen sie normalerweise auf „Schatz“ aus.
Auf einmal sah Tom zu ihr herüber und winkte. Lacey zuckte zusammen und richtete sich auf. Ihre Wangen wurden ganz rot, als ihr bewusst wurde, dass er sie gerade dabei erwischt hatte, ihn wie ein verliebtes Schulmädchen anzuhimmeln.
Toms Winken wurde zu einer Aufforderung und Lacey bemerkte erst jetzt, wie spät es bereits war. Zehn nach elf, Teezeit! Und sie war bereits zehn Minuten zu spät für ihr tägliches zweites Frühstück!
„Komm schon, Chester“, sagte sie aufgeregt. „Es ist Zeit, Tom zu besuchen.“
Sie rannte förmlich aus dem Laden und erinnerte sich gerade noch, das „Geöffnet“-Schild umzudrehen, damit es „In 10 Minuten zurück“ anzeigte, und die Tür abzuschließen. Dann hüpfte sie über die gepflasterte Straße in Richtung der Patisserie und ihr Herz klopfte im Rhythmus mit ihren federnden Schritten, während die Vorfreude auf Tom immer größer wurde.
Gerade als Lacey die Tür der Patisserie erreichte, strömte eine Gruppe von chinesischen Urlaubern heraus, die Tom vor einigen Augenblicken noch bedient hatte. Jeder von ihnen klammerte sich an eine große, braune Papiertüte voller duftender Leckereien, während sie miteinander plauderten und kicherten. Lacey hielt die Tür geduldig auf und wartete, bis sie alle herausgekommen waren. Sie nickten ihr als Dankeschön höflich zu.
Als der Weg endlich frei war, spazierte Lacey herein.
„Hallo, mein Schatz“, sagte Tom mit einem breiten Grinsen auf seinem gutaussehenden, braun gebrannten Gesicht, sodass sich Lachfalten neben seinen strahlend grünen Augen bildeten.
„Deine Groupies sind also schon gegangen“, witzelte Lacey, als sie zum Tresen kam. „Und sie haben eine Menge Fanartikel mitgenommen.“
„Du kennst mich“, antwortete Tom und zog seine Augenbrauen hoch. „Ich bin der erste Konditor der Welt mit einem Fanclub.“
Er schien heute besonders gut gelaunt zu sein, dachte Lacey. Nicht, dass er jemals schlecht gelaunt war. Tom war einer dieser Menschen, die einfach so durch das Leben schwebten, ohne sich von dem üblichen Stress herunterziehen zu lassen. Das war eine der Sachen, die Lacey besonders an ihm mochte. Er war so anders als David, der sich schon von dem kleinsten Ärgernis aus dem Konzept bringen ließ.
Sie lehnte sich über den Tresen und Tom stützte sich auf seinen Armen ab, um sie zu küssen. Lacey vergaß alles um sich herum und genoss den Moment, bis Chester aufheulte, unglücklich darüber, ignoriert zu werden.
„Sorry, Kumpel“, sagte Tom. Er kam hinter dem Tresen hervor und bot Chester einen schokoladenfreien Snack aus Johannisbrotkernmehl an. „Hier hast du etwas. Deinen Lieblingssnack.“
Chester schleckte das Leckerli direkt aus Toms Hand, stieß einen großen, zufriedenen Seufzer aus und sackte auf dem Boden zusammen, bereit für ein Nickerchen.
„Also, welcher Tee steht heute auf dem Menü?“, fragte Lacey und nahm auf ihrem üblichen Sessel am Tresen Platz.
„Wegwarte“, sagte Tom.
Er ging in die Küche im hinteren Teil des Geschäfts.
„Den hatte ich noch nie“, rief ihm Lacey nach.
„Er ist koffeinfrei“, rief Tom zurück, untermalt von dem Plätschern eines Wasserstrahls und dem Scheppern von Schranktüren. „Und hat einen leicht abführenden Effekt, wenn man zu viel davon trinkt.“
Lacey lachte. „Danke für die Warnung“, erwiderte sie.
Ihre Worte wurden von dem Klirren und Klappern des Porzellans und dem Blubbern des Teekessels beantwortet.
Dann kam Tom wieder hervor und trug ein Tablett in den Händen. Teller, Tassen, Untertassen, eine Zuckerdose und ein Teekessel aus Porzellan befanden sich darauf.
Er stellte das Tablett zwischen ihnen ab. Immer wenn Tom etwas kochte, waren die Tassen und Teller nicht aus einem Set, sondern komplett durcheinander gewürfelt. Das einzige, was sie gemeinsam hatten, war ihr urenglischer Ursprung, als hätte er jedes Einzelstück auf einem anderen Flohmarkt von einer netten, alten Dame gekauft. Auf Laceys Tasse befand sich ein Bild von Prinzessin Diana in ihren letzten Jahren. Ihr Teller war mit einem Zitat von Beatrix Potter in einer zarten Schreibschrift verziert, daneben befand sich ein Aquarellbild der ikonischen Kinderbuchente Jemima Pratschel-Watschel mit Haube und Schal. Die Teekanne war wie ein bunt dekorierter, indischer Elefant geformt, auf dessen rot- und goldfarbenem Sattel die Worte Piccadilly Circus standen. Sein Rüssel war natürlich der Ausguss.
Während der Tee noch im Kessel zog, verwendete Tom eine silberne Zange, um ein paar Croissants aus der Vitrine in der Auslage zu holen, die er auf einem hübschen, blumigen Teller auflegte. Er schob eines zu Lacey, gefolgt von einem Glas ihrer Lieblingskonfitüre aus Aprikosen. Dann schenkte er beiden eine Tasse des gebrühten Tees ein, setzte sich auf seinen Stuhl, hielt die Tasse hoch und sagte: „Zum Wohl.“
Als sie gleichzeitig einen Schluck nahmen, hatte Lacey ein plötzliches Déjà-vu. Kein echtes, bei dem man sich sicher ist, dass man diesen exakten Moment bereits erlebt hat, sondern ein Déjà-vu, das mit der Wiederholung und Routine kommt, wenn man etwas jeden Tag macht. Es fühlte sich so an, als hätten sie diesen Moment bereits erlebt, weil es tatsächlich so war; gestern und am Tag davor und am Tag davor. Als sehr beschäftigte Ladenbesitzer mussten Tom und Lacey oft Überstunden machen und arbeiteten sieben Tage die Woche. Die Routine und der Rhythmus waren ganz wie von selbst gekommen. Aber es war mehr als das. Tom hatte ihr ganz automatisch ein getoastetes Mandelcroissant mit Aprikosenkonfitüre gegeben. Er musste nicht einmal fragen, was sie wollte.
Es hätte Lacey glücklich machen sollen, aber stattdessen fand sie es beunruhigend. Denn genauso waren die Dinge anfangs mit David gewesen. Sie hatten die Vorlieben des anderen gelernt. Kleine Gefallen füreinander getan. Kleine Momente von Routine und Rhythmus, die ihr das Gefühl gegeben hatten, zwei Teile eines Puzzles zu sein, die perfekt ineinanderpassten. Sie war jung und dumm gewesen und hatte den Fehler gemacht zu glauben, dass es sich immer so anfühlen würde. Aber das war nur die Anfangsverliebtheit gewesen. Diese ging nach ein oder zwei Jahren verloren und zu diesem Zeitpunkt steckte sie bereits in einer Ehe fest.
Würde es mit Tom genauso werden? Würde die Verliebtheit mit der Zeit nachlassen?
„Woran denkst du?“, fragte Tom und unterbrach ihr nervöses Grübeln.
Lacey spuckte ihren Tee beinahe aus. „Nichts.“
Tom zog eine Augenbraue hoch. „Nichts? Hat der Tee so wenig Eindruck bei dir hinterlassen, dass du keine Meinung zu ihm hast?“
„Oh, über den Tee!“, erwiderte sie und wurde rot.
Tom sah nun noch amüsierter aus. „Ja. Was denn sonst?“
Lacey stellte die Diana-Tasse klappernd auf dem Teller ab. „Er ist ganz gut. Erinnert mich an Lakritze. Acht von zehn Punkten.“
Tom pfiff. „Wow. Ein hohes Lob. Aber nicht ganz ausreichend, um den Assam von seinem Thron zu stürzen.“
„Es braucht schon einen herausragenden Tee, um den Assam zu entthronen.“
Ihre kurzweilige Sorge, Tom könnte ihre Gedanken lesen, verschwand wieder und Lacey wandte ihre Aufmerksamkeit dem Frühstück zu. Sie genoss jeden Bissen des buttrigen Gebäcks, gemeinsam mit den gerösteten Mandeln und der selbstgemachten Aprikosenkonfitüre. Aber selbst das schmackhafte Essen konnte ihre Gedanken nicht davon abhalten, zu ihrer Unterhaltung mit David zu wandern. Sie hatte seine Stimme nicht mehr gehört, seit er aus ihrem alten Appartement auf der Upper East Side mit den Worten gestürmt war: „Du wirst von meinem Anwalt hören!“ Der Klang seiner Stimme hatte sie daran erinnert, dass sie vor weniger als einem Monat noch eine relativ glücklich verheiratete Frau gewesen war, mit einem stabilen Job, einem Einkommen und ihrer Familie in der Nähe, in einer Stadt, in der sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Ohne es zu bemerken, hatte sie ihre gesamte Vergangenheit in New York City hinter dicke Mauern in ihrem Verstand geschoben. Es war eine Bewältigungsstrategie, die sie bereits als Kind gelernt hatte, um mit der Trauer über das plötzliche Verschwinden ihres Vaters umzugehen. Es schien, als hätte Davids Stimme das Fundament dieser Mauer zum Wackeln gebracht.
„Wir sollten Urlaub machen“, sagte Tom plötzlich.
Und schon wieder spuckte Lacey beinahe ihr Essen aus, aber es war Tom offensichtlich nicht aufgefallen, denn er sprach weiter.
„Wenn ich von dem Focaccia-Kurs zurück bin, sollten wir Urlaub irgendwo in der Nähe machen. Wir haben beide so hart gearbeitet in letzter Zeit. Das haben wir uns verdient. Wir können in meine Heimatstadt in Devon fahren und ich zeige dir all die Orte, die ich als Kind geliebt habe.“
Hätte Tom diesen Vorschlag gestern, vor Davids Anruf, gemacht, hätte Lacey wahrscheinlich direkt zugestimmt. Aber auf einmal schien es ihr völlig voreilig zu sein, Pläne für die Zukunft mit ihrem neuen Freund zu machen – selbst, wenn diese Zukunft nur eine Woche entfernt war. Es gab keinen Grund, weshalb sich Tom Sorgen machen müsste. Aber Lacey war noch nicht lange geschieden. Sie hatte seine relativ stabile Welt betreten, als sich in ihrem Leben jedes kleinste Detail verändert hatte – angefangen von ihrem Job, ihrem Zuhause, ihrem Heimatland und sogar ihrem Beziehungsstatus! Sie hatte ein Leben, in dem sie ihren Neffen Frankie babysitten musste, wenn ihre Schwester Naomi auf einem weiteren desaströsen Date war, gegen eines eingetauscht, in dem sie regelmäßig Schafe aus ihrem Vorgarten vertreiben musste; von ihrer mürrischen Chefin Saskia in einem New Yorker Innenarchitekturbüro zur Antiquitätensuche in den Londoner Einkaufsstraßen mit ihrer eigensinnigen Nachbarin, die immer Strickjacken trug, und zwei Schäferhunden im Schlepptau. Es waren viele große Veränderungen auf einmal und sie war sich nicht ganz sicher, wie es gerade in ihr aussah.
„Das kommt darauf an, wie hektisch es im Laden wird“, antwortete sie unverbindlich. „Die Auktion ist aufwendiger, als ich gedacht habe.“
„Klar“, sagte Tom und schien keineswegs zwischen den Zeilen zu lesen. Nuancen und Untertöne zu deuten war keine von Toms Stärken, was sie ebenfalls an ihm mochte. Er nahm alles genauso hin, wie es gesagt wurde. Anders als bei ihrer Mutter und Schwester, die sie aufzogen, wo es nur ging, und ihr jedes Wort im Mund umdrehten, versuchte Tom gar nicht erst, etwas zu hinterfragen. Er legte alle Karten auf den Tisch.
Genau in diesem Moment klingelte die Glocke über der Eingangstür der Patisserie und Toms Blick schweifte über Laceys Schulter. Sie sah, wie sich seine Gesichtszüge zu einer Grimasse verzerrten, bevor er seinen Blick wieder auf sie richtete.
„Großartig“, murmelte er leise. „Ich habe mich schon gefragt, wann Dick und Doof endlich vorbeikommen würden. Bitte entschuldige mich.“
Er stand auf und kam hinter dem Tresen hervor.
Gespannt darauf, wer eine solche Reaktion bei Tom auslösen konnte – einem Mann, der dafür bekannt war, immer entspannt und freundlich zu sein – drehte sich Lacey auf ihrem Hocker um.
Die Kunden, die das Geschäft betreten hatten, waren ein Mann und eine Frau, die so aussahen, als kämen sie gerade direkt von dem Set der Serie Dallas. Der Mann trug einen taubenblauen Anzug mit Cowboyhut. Die Frau, die viel jünger war – dies schien die Präferenz der meisten Männer mittleren Alters zu sein, dachte Lacey ironisch – war in einem knallpinken Zweiteiler gekleidet, der hell genug war, um Lacey Kopfschmerzen zu bereiten, und ganz und gar nicht zu ihrer gelben Dolly-Parton-Frisur passte.
„Wir hätten gerne ein paar Kostproben“, keifte der Mann. Er war Amerikaner und seine Schroffheit passte überhaupt nicht in Toms idyllische, kleine Patisserie.
Oh Gott, ich hoffe, ich klinge für Tom nicht auch so, dachte Lacey verlegen.
„Natürlich“, antwortete Tom höflich und sein englischer Akzent schien sich als Reaktion darauf noch verstärkt zu haben. „Was würden Sie gerne kosten? Wie haben Backwaren und...“
„Igitt, Buck, nein“, sagte die Frau zu ihrem Ehemann und zerrte an seinem Arm, in den sie sich eingehängt hatte. „Du weißt doch, dass mich Weizen aufbläht. Frag ihn nach etwas anderem.“
Lacey zog bei dem Anblick des seltsamen Paares eine Augenbraue hoch. War die Frau nicht in der Lage, eigene Fragen zu stellen?
„Haben Sie Schokolade?“, fragte der Mann, den sie Buck genannt hatte. Eigentlich klangen die Worte mit seinem rüpelhaften Ton viel mehr nach einer Forderung.
„Natürlich“, sagte Tom, der es irgendwie schaffte, vor dem Großmaul und seiner Klette ruhig zu bleiben.
Er brachte sie zur Auslage mit der Schokolade und deutete auf seine verschiedenen Kreationen. Buck nahm ein Stück in seine fleischige Faust und stopfte es sich direkt in den Mund.
Augenblicklich spuckte er es wieder aus. Der kleine, weiche, halb zerkaute Brocken klatschte auf dem Boden auf.
Chester, der die ganze Zeit still an Laceys Füßen gesessen hatte, sprang auf und stürzte darauf zu.
„Chester, nein“, warnte sie ihn mit der strengen, autoritären Stimme, bei der er genau wusste, dass er folgen musste. „Giftig.“
Der englische Hirtenhund sah sie an, blickte sehnsüchtig zurück auf die Schokolade und ließ sich mit dem Ausdruck eines beleidigten Kindes wieder an dem Platz zu ihren Füßen nieder.
„Igitt, Buck, da ist ein Hund im Laden!“, klagte die blonde Frau. „Das ist so unhygienisch.“
